Indiana Tribüne, Volume 29, Number 147, Indianapolis, Marion County, 14 February 1906 — Page 7

Jndiana Tribüne M. Februar 1906

iimiAHiiiiimillllll i Im Herrenhaus von

Luckmühlrn Vornan von Marie Dicrs Marie flters TTTTVTftVTVTfll ItttVflfM (Fortsetzung.) Ach, wie zu Hause ! Es waren wunderliche Träume Aber es mußten doch wohl Träume bleiben! Nur sich einmal darin festträumen dürfen, das war schon so wunderschön! Wie sich so ein Bild doch in das Herz drücken kann. Turch alles hindurch bjLxdi alles hindurch bleibt es. War das nicht die Gottessprache? Aber nein, nicht freveln. Es war nur sein eigenes tollkühnes Wünschen. Dies junge Königskind dachte ja nicht einmal an ihn. Königskind! Ja, dies Wort war für sie erfunden. Ein Königskind war sie in Haus und Welt, mit ihrem rothbraunen Haar, mit ihren Zauberaugen. ihrer Stimme, die einem das H:rz umdrehte! Und alle vergötterten sie! Der rauhe Vater, den alle Welt fürchtete, die Eeschwister. die Tienstleute. die Fremden! Sie war nicht immer gut und freundlich, sie war launisch, voller Trotz und Eigenwillen. Rücksichtslos konnte sie dreinfahren, wo ihre Wünsche es heischten. Nein, gewiß: ihr Mann bekam einmal einen schweren Stand! Und der junge Theologe sah träumerisch in's Weite und begann zu spinnen, wie er selbst d:r geplagte Glückliche wäre Aber nicht einmal mit den Augen wagte er sich seinem Königskind zu nahen. Wenn ihm das Herz zu heiß wurde in ihrer Nähe, saß er zitternd da und verfiel in Schweigen. Dock) niemand sah etwas anders darin als Zerstreutheit eines jungen Gelehrten, der stark von seinem Geistesleben absoröirt ist. Anna-Veate bedeutete ihm immer eine Zuflucht. Sie war so sanft und teilnehmend, einigemal war er nah: daran, sich' ihr anzuvertrauen. Doch sein Muth war dazu nicht groß genug. Sie hatte auch noch einen Reiz, der sie mit Glanz umgab: sie war ja Ruths Schwester! Als der Frühlinz kam, hörten die Eibrten und Konzerte auf. und Herr von Pontow konnte von Neuem darauf sinnen. Ruth zu beschäftigen und zu vergnügen. Er ging mit ihr auf Reisen und machte sich einen Spaß daraus, ihr Städte und Gegenden so wahllos zu zeigen, daß sie oft am Morgen nicht wußten, wo sie sich Abends niederlegen würden. Dies rvax Ruth sckon reckt, es entsprach der Unruhe, die sie noch immer mit sich herumtrug. Jener wunderlichen Unruhe, die beständig aus etwas wartete, das von außen hereinkommen sollte. Aber es war nichts Bestimmtes, das sie erwartete. . vctxm Jyr ganzer Sinn bäumte siq dagegen auf. Nur leben, leben wollte sie! Alles dies, was sie sah, was sie erlebte, war ja nichts! Das Leben mußte etwas ganz andres sem. Das Kourmachen der Rambiner Tänzer war es doch auch nicht. Nein, bei Gott, so sah es nicht aus. Das kam ihr vor, wie abgespritzte Funken, die aus dem Ofenloch springen, im Ver gleich zu der aufflammenden Feuer säule, die von der Erde bis zum Him mel lodert und alles Vergängliche ver schlingt. Auch die Natur in ihrer Gewalt, auch die Kunst, die der Vater ihr vorführte, gaben ihr das Leben nicht. Nur das Bild des Lebens, das fern an ihr voruberglüt und stumm für sie war. Da packte sie den Schemen, der noch durch ihre Seele ging, und fah ihn an und rief ihm zu: warst nicht Du ein andrer ? Aber er entglitt ihr unter den Händen, und die graue Woge verschlang ihn und seine Ennneruna . . . Herr von Pontow kehrte hin und wieder einige Tage oder Wochen nach Luckmuhlen zurück. Er mußte an standshalber doch nach seinem Hause sehen, hatte auch selbst Verlangen danach. Uno dann mußte er immer wie der Gelder von Marius loseisen. Und der alte Bursche bekam seine Mucken und stellte sich jedesmal bockbeiniger an. Als es Herbst wurde und Herr von Pontow endgiltig nach Hause cekom men war, standen zwei Dinge sonnenklar und steinern fest vor seinen Augen: erstens, daß er die Reiserei bis an den Hals herauf fatt hatte. Noch einmal wieder seine Tage in Hotels und Eisenbahnkoupes zuzubringen, dünkte ihm das Entsetzlichste, das ihm die Zukunft in ihrem Schooß tragen konnte. Der blone Anblick einer rother Stationsdorstehermütze oder eines Rundreisebillctts fiel ihm auf die Nerven. Zweitens kam er zu der unwiderleglichen Erkenntniß, daß er in diesem Sommer Gelder verausgabt hatte, deren Höhe ihm die Haut schaudern machte. Er hätte fllr's Leben gern MariuS eisen Lügner und Verrückten genannt, aber die Zahlen und seine eigenen Angaben standen leider allzu klar aus dem Papier. Wahrlich, Ut Summen waren eines Verschwenders würdig. Und das hatte

alles dieser eine harmlose Sommer' auf dem Gewissen! Außerdem war ihm das Reisen körperlich nicht bekommen. Er setzte sich fest in den Kopf, sich durch rasche Temperaturwechsel. feuchte Hotelbetten. Anstrengung und schlechte Küche in Grund und Boden ruinirt zu haben. Sein Rheumatismus sollte chronisch gewor den, sein sonst so taktfester Magen für immer aus dem Gleichmaß gebracht sein. Der Doktor, der sich sonst nicht viel um Luckmühlen zu kümmern, brauchte, wurde jetzt beständig um Rath gefragt. Er gab die allgemeinen Auskünfte und

Verordnungen, die mehr einen Be-ruhigungs-als einen Eingriffscharakter trugen. Als Anna-Beate ihn einmal heimlicherweise nach semer Mei nnng fragte, sagte er lächelnd: Der Herr Papa wird alt. mein anädiaes Fräulein, das ist die ganze geheimnißvolle Krankheit. Ein bischen thatsächlicheö Zwicken hier und da, wie es die Jahre mit sich bringen, und auch die so innig verwünschten Reisen tragen ihr kleines Scherflein bei. Dann ein Stückchen Hypochondrie dazu, und das gezenw'ärtige Bild ist fertig. Der Herr Papa ist Nie ein Lammlem gewesen, da wird ihm auch jetzt nicht geradedie Geduld anwachsen. Lassen Sie 'ihn sich nur tüchtig ausschimpfen, das thut ihm bener als alle Medizin." Anna-Beate sah dem Arzt noch lange in tiefen Gedanken nach, als er davonfuhr. Ter Papa wurde alt! Welch wunderliches Ereigniß! So nutzt das Leben sich ab. Sie fürchtete sich plötzlich Nicht für sich, aber für Ruth. Denn wenn es sich nun abnutzt, ehe man es in feinem Werth erkannt hat ? Rntb hatte nicht viel Geduld mit des Vaters jetziger Verfassung. Seine querköpfigen Launen liebevoll zu erfragen, fiel ihr gar Nicht ein. Semer Ungeduld begegnete sie mit gleicher Ungeduld, seiner Verstimmung und Hefiigkeit mit Trotz. Als die nassen Tage kamen und sein Rheumatismus ihn an's Zimmer band, unternahm sie ihre Ritte und Ausgänge ohne ihn. Das gab ihm die stärksten Stoße, das konnte er am wenigsten vertragen. Ganz erbärmliche Stunden und Tage machte er durch. Er war allerdings keiner von denen. die ihren Kummer in sich hineinfressen. Die Gabe des Herauspolterns hatte er in reichem Maß erhalten. Aber sie erleichterte sein Herz auch nicht immer, und einen Wandel schuf sie nun schon gar Nicht. Anna-Beate fiel meist die schlimme Aufgabe zu, ihm Ruths Verschwinden mitzutheilen und dafür das erste UnWetter auszuhalten. Er wurde dann langsam roth und immer rötber bis unter die Haarwurzeln. Trotz des rheumatischen Beines sprang er auf i,nd dnnm ds n?ndi an: Zum Kuckuck nochmal, wozu habe ia) oenn Kinder, wenn sie mich im Stich lassen. sobald ich mal nicht so kann, wie ich möchte? Wer ist denn schuld daran. daß ich hier sitze wie ein lahmer Hund? L)as Summe Balg selber, das nun tyu:, als m der Vater das unnothigste Mo bel im ganzen Haus! Habe ich sie darum groß gezogen, heilloses Geld für sie weggeworfen? Aber wartet nur, Ihr alle. Ich werde Euch den Herrn zeigen, ehe Jhr's denkt. Das verwünschte Pferd, ihren Braunen, fchieß' ich ihr unterm Leibe weg. Dann kann sie sich umsehen, das herzlose Ding!" Anna-Beatens Zureden hierbei ver sagte, und sie stellte es auch bald wie der ein. Was sollte sie reden, um den tref Gekränkten zu beruhigen? Es gab ja nicyts, waS ihm erreichbar, ihm ver stündlich gewesen wäre. Ach, Worte bleiben nur Worte, wc ihnen nicht im andern das gleiche Empfinden entgegenkommt. Und sie blieben auch Worte Ruth gegenüber. In ihr war alles zu wild und blind. Zu ungeschllchiet und un geklärt. Für die einfache Pflicht der Dankbarkeit, für Mitgefühl und Versiändniß war in ihrer Seele weder Raum noch Bodenkraft. Nur die In stinkte lebten in ihr. Und die sagten ihr, daß sie dem Vater gar keine Dankbarkeit schuldig sei. In den einsamen, tollen Ritten keimte em dunkles Gefühl von Abwehr, von Gnmm und Zorn aeqen ihn auf. . So ging der böse Geist durch, das Herrenhaus von Luckmühlen. Von oben bis unten schlich die tiefe Versiörung, und jeder Tag hing schwarz über dem. Haus. Selbst die alten ein gewöhnten Dienstboten litten darunter In dieier Noth kam Olga Beer. Allerdings Anna-Beate konnte dem Gefühl nicht gebieten, als sei die Hilfe die aus dieser Hand kam, ein Pandora geschenk. Aber es war doch ein Wech sel in dieser bösen Eintönigkeit. Besser konnten für Olga die Dinge gar nicht liegen. Es war ein Kommen zur rechten Zeit! Nun war sie es. die das erste Unweiter erhielt. Aber das machte ihr wenig Schmerzen. So wie Götz von ry i i i t Ponron? Zlyl war: yalvlrank. unge berdig und doch dabei hilflos und unbe halfen, war er zur Entfaltung all ihrer Kräfte und Künste der beste Gegen stand. Sie ließ einen Schachtisch in fein Zimmer pellen und gewährte ihm den Triumph, sie matt zu fchen. Sie spielte mit ihm Sechsundsechzig, las ihm die Zeltungen vor und horte Mi UebenSwürdigstem Interesse sürafle

Jagdgeschichten an.

allmalia ließ sie sich vom Dok-

tor aenau instruiren,' übernahm die Pflege feines kranken Fußgelenks, behandelte die Essensfrage für feinen empflndlichen Magen mit einer unenolichen Wichtigkeit und qab ihm durch die unerschütterliche Lebhaftigkeit ihres Interesses ein gutes Stück seines gekränkten Selbstgefühls zurück. Ruth ward von den beiden, 'wie :n stillschweigender Uebereinkunft, ' ge radezu boykottirt. Herr von Pontow rollte mit ihr, und Fräulein Beer machte diesen Groll auch zu dem ihren. Aber im Lauf der Wochen stach es Olga doch, daß dieser Groll auf Pontows Seite sich nicht abschwächen, nicht von einer aufwachsenden Gleichgungkeit verdrängen lassen wollte. Ja, aus der versobnhcheren Stim mung, in die ibnFräulein Beers Sorgfält versetzte, brach immer wieder blitzqleich sein ausschließliches Empfinden für fein jüngstes Kind, seinen kleinen Kameraden hervor, ein plötzlicher Ausbrück feines Verlangens nach ihr nach ibrem alten, schönen Verhältniß. Und dieser Ausbruch war nur w ein einzelner Strahl, der das helle Feuer verrieth, das ihm im Herren brannte. Diese Erkenntniß machte Olga Beer bis rn's Innerste hinein ungeduldig. War dieser Mann denn überhaupt noch eines andern Gefühls fähig, als dessen für sein vergöttertes Kind? Lief er nicht wie blind und taub durch das Leben? Lieber Gott, und er war doch immerhin noch kein alter Mann, wenn er auch manchmal recht isegrimmig und unausstehlich war. Wie es so kommt in dieser Welt der Reflexion und Gefühlsgewöhnung. war auch Olgas Herz von der starken Arbeit ihres Willens und ihrer Vernunst nicht unberührt geblieben. Was ste sich an warmer und wahrer Empfindung aus dem Drang feindlicher Lebensströmungen bewabrt hatte. schenkte sie dem Mann, für den sie arbettete und sorgte, auf den ihre Hoffnungen sich bauten. Gewiß, er mußte die Wohlthat ihrer geschickten, sanften Hände spüren! Und sie war nicht nur dienend wie AnnaBeate, sie war anregend, beherrschend, selbst launenhaft. Da trat etwas ent, das sie schon in der Ferne leise gefürchtet und doch geringschätzig von sich geschoben hatte. 11. Kapitel. ürgen hatte sein Jahr abgedient. kehrte wieder nach Hause zurück und zeigte sich von erster Stunde an als Fräulein Beers allergetreuester Verehrer, als der er geschieden war. Er hatte sich vortheilhaft entwickelt. Seine ungeschlachte 5altuna batte Straffbeit bekommen, der blonde sttaum aus der Oberlippe war lrasiig gewachsen. Dazu blickten seine Augen, die sonst erntn beinahe bloo-treuyer-zigen Ausdruck getragen hatten, kecker und unternehmender in die Welt. Aus dem täppischen Lümmel, den jeder aus dem Weg schubste, hatten das Garnison!eben und die Redoutenbälle einen gan passaolen Junker gemacht, ver m Erscheinung uno Wesen zwar milde gesagt: quadratisch war, dem aber ein klingende? Name und ein ungewisser Nimbus von Unbekümmertheit anhing, und der für manches kleine Mädchen' eine Viertrlswnde Herzklopfen bedeutete, ehe seine Entscheiduna für eine Kotillontänzerin fiel. Das hatte Olga vorausgesehen, daß dies aber an scinem Herzen spurlos vorübergehen würde, hatte sie nicht erwartet. Denn sie ahnte dieses Burschen Natur nur. sie kannte sie nicht. Eigensinn der Zuneigung und Abneigung hing ihm von feiner Kindheit aus so fest an, wie die Muskeln in seinem Fleisch. Sie war es, die sein erstes Gefühl geweckt hatte. Und sie war es, die es behielt. Besänftigt und gemächlich war seine Neigung gewesen, so lange er, fern von ihr war. Schwer und langsam, wie das Blut, das in seinen Adern floß. . Aber nun war er da. Er sah sie täglich, stündlich und der schwere Puls fing an, rascher zu klopfen und das Erbe der Pontows: die Hitze im Blut, setzte ein. Nur Olga sah das kommen. Sie sah es mit der gleichen Empfindung, mit der der Mensch die Blutgier im Auge des Raubthieres wachen sieht. Mit Furcht und Entsetzen. Denn jetzt verstand sie. was in dieser trägen Natur die Leidenschaft bedeutete und daß hier kein Entrinnen mehr für sie war. Haß und Widerwille erfüllte sie bis zum Ersticken. Wie durfte dieser halbfertige Mensch, dieser dreiste Knabe sich anmaßen, einem losgelassenen Tiger gleich in ihr Leben einzubrechen alle Pläne, die sie sich gebaut, alle ihre durchdachten und gereiften Einrichtungen mit der tölpischen Gewalt seiner ungezügelten Triebe umzureißen? .' Und dies alles würde geschehen, wenn man ihn gewähren ließ! Dies HauS zu fliehen, hatte jetzt keinen Sinn. mehr. Er war ja immer hier. Und schloß sie sich selbst aus. so ward sie hier bald eine Fremde. Darüber war sie sich klar genug. Außerdem würde er ihr auch nachkommen. So weit war er jetzt schon. Fräulein Olga, was stellen Sie i ;i .l' . rut eigeniiicy mii meinem Zungen an fragte einmal Herr von Pontow beim Schachspiel. ' Er ist ja zunichks mehr zu gebrauchen r.nd .wird blutröth, sowie X?j O.v. . I a!4ma9 V21C.WI UUUtll .WW CUUU

hätte ich dem Vengel gar Nicht zugetraut." .Ach. Kinderei!" lächelte die schöne Olga. .So fangen ja alle jungen Leute an. Ich werde ihm befehlen, mich Tante zu nennen, vielleicht bringt ihn das etwas zu Verstand. Es ist nur das Ausschlagen eines wilden Füllens. Das ist ja kaum der Erwähnung werth." Es klopfte. Der Inspektor kam zu einer Besprechung. ..Nun, dann lassen wir die Figuren stehen." sagte Herr von Pontow gut gelaunt. .Ich bin der festen Hoffnung, den Sieg zu erringen. Uebrigens habe ich Sie wohl ganz um Ihren Kaffee gebracht. Gehen Sie hinüber,, hoffentlich hat die Bande Ihnen auch noch etwas übrig gelassen." Der trübe Herbsttag dämmerte schon. Neblig hing die schwere Luft vor den Fenstern. Trüben waren bereits alle fort, nur Jürgen saß 'noch am Kaffee tisch. Sie hatte das beinahe erwartet. Im geduldigen Harren auf ihr Kommen suchte er seinesgleichen. Aber sie fühlte sich heute versöhnlicher gegen ihn. Auch sah sie, daß mit der grausamsten Härte nichts auszurichten war. So wollte sie denn das Ding von andrere Seite fassen. .Nun. Jürgen?" sagte sie mit kühler Herablassung, in der eine tüchtige Mischung Spott steckte. .So viel Zeit, mein Junge? Ein Mann sollte doch eigentlich beschäftigter sein." Er war aufgesprungen und stand mit dunkelrothem Kopf vor ihr. .Ich habe auch wohl zu thun " stotterte er. .Aber ich dachte " .Na, was dachten Sie?" fragte sie mit demselben malitiösen Lächeln. Sie ging und setzte sich an ihre Tasse. Ich dachte daß Sie kommen würden " sagte er. Er stand noch immer: der ' baumstarke Bengel bebte unter der Gewalt seines ersten Liebesgeständnisses. Olga verbarg ihr Erschrecken unter dem leichtesten Ton. .Nun? Und was weiter?" fragte sie obenhin. .Hatten Sie ein -Anliegen an mich? Kann ich Ihnen mit etwas dienen? Einen Aufsatz nachsehen, wie?" In der sekundenlangen Pause hörte sie, wie seine Zäne knirschten. ' Das unheimliche Geräusch ging ihr durch Mark und Bein, und sie wurde blaß. .Sie mir dienen?" wiederholte er heiser. .Ich will Ihnen dienen, Fräulein Olga! Mit meinem Blut! Mit allem, was ich habe! Sägen Sie nur etwas! Seien Sie so gnädig, etwas

zu verlangen! In seinem Wesen war ein wunderliches Gemisch von Kind und Bestie. Olga schüttelte das Grauen von sich ab. Diese Stunde mußte durchgekämpft werden, um jeden Preis! Sie rang nach Athem, ehe sie sprach. Dann klang ihre Stimm: in gefaßter Sanftmuth und Mütterlichkeit. .Sie sind ein gutes Kind. Jürgen. Wirklich, ich habe Sie manchmal für recht unartig und unerzogen gehalten und darum so streng behandelt. Aber S.ie sind nur ungeschickt und meinen es out. Wollen wir einen Vertrag machen? Sie nennen mich von heute "ab Tante, und ich will Sie ansehen, uls ob Sie mein lieber Netfe wären, den ich zu erziehen habe." .Tante?" wiederholte er. Dann lachte er kurz auf. .Tanten sind wohl ! k!?k Sa " fnnl r rrrtf tinprrt Clll UUVH, lb v Anflua von Qumor. .Die sind alt und häßlich. Und Sie " er holte tief Atbem fmb iuna und sehr schön" .Unsinn," lachte Olga. .Sie sind Nicht klug, wem Kind. Uebrigens, ixt ber üraen. möchte ich 5!bnen klar ma chen, daß Sie sich soeben recht unschicklick aeaen mich benehmen. Ihnen steht es durchaus nicht zu, Urtheile über mein Aeußeres abzugeben. Was erlaube ich nur Männern, die ich achte! Kindern aber 'nickt!" .Ich bin aber kein Kind!"' rief Jürgen laut. .Ich bin auch ern Mann, und Sie können mich achten!" Olga lachte angestrengt. .Für mich sind Sie noch ein Kind, guter Jürgen. Geben Sie sich keine Mühe, mir zu imponiren. Seien Sie. wie der liebe Gott Sie aemackt hat: natürlich und brav. Und heben Sie die Augen nicht höher, als Ihnen zukommt." Ein kurzes Schweigen trat ein, ihre ernsten Worte hallten nach. Dann kam er langsam, um den Tisch herum auf sie zu und sagte: Ich will ja auch alles töun. was Sie wollen! Sie können mich schlagen, wie ein Kind, wenn ich Ihnen ungehorsam bin. Und treten! Mit !ttren München! Und alles will ich thun. Vom Kirchthurm springen, wenn Sie es wollen Olga machte eine so heftige Vewe gung, daß ihre Tasse klirrte. Also wieder auf dem alten Standvunkt! Er stand vor ihr und bettelte weiter. .Wenn Sie es nicht glauben, dann sagen Sie mir, ich soll die Hand da in's Ofenfeuer stecken. Ich thu's gleich! Sckmer-.en sind fck'ön, wenn Sie sie wollen! Aber dafür will ich auch bei Ihnen sein! Immer uno immer: Ich i r r r. c.!s IX A. frll mau nicgi jcgiajcii ivm un denke. Und Sie sollen mich ansehen und Sie sollen .Still!" rief Olaa außer sich. .Kein Wort mebr. Narr' Baseler!". Mit jedem Wort war sein Ton stürmische? geworden. Olga sprang empor. Sie wußte ganz genau: auch der letzte Jugel, um ihn rn maszvoue Gren zen urück,u,ieben. war ibr rissen. Ich werde es Ihrem Vater sagen! Er soll Sie zuchtigen! (Fortsetzung folgt.)

Europaische Nachrichten.

KesseN'Zarmstdt. D a r m st d t. Vor kurzem hat sich die 33 Jahre alte Frau des Spenglers chönbem aus einem Fenster ihrer im dritien Stocke des Haufes Blumenthalstraße 32 belegenen Wohnung auf die .Straße gestürzt. Sie wurde sofort von ihren Angehörigen wieder in ihre Wohnung verbracht, woselbst sie alsbald ihren schweren Verletzungen erlegen ist. Krankheit brachte die Frau' zu der unseligen That. ' Mainz. Eine blutige Schlägerei entstand auf der Löhrstraße, wobei der 19jährige Franz Döbler von dem 33jährigen Schiffer Johann Leininger einen wuchtigen Messerstich in die Brust erhielt. Der Bruder des Dobler drang nun mit dern Messer auf den Leininaer ein und verletzte diesen schwer. Beide wurden bewußtlos ins Hospital verbracht. Döbler erhielt lebensgefährllche Verletzungen. Der Streit war wegen zweier Madchen entstanden. Gestorben ist hier nach kurzem Leiden der pensiornrte Oberlehrer Frie drich Kübel, der älteste Lehrer im Grohherzogthum, in einem Alter von 87 Jahren. Ober - Flörsbeim. Das EYrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurden verliehen oen Mitgliedern der hiesigen freiwilligen Feuerwehr Johannes Germann, Philipp Först, Heinrich Eich IV. und Georg Staust 11. . Schwan he im. Im Alter von 82 Jahren ist Altbürgermeister Hofmever aestorben. Der Heimgegangene war ein biederer Charakter. Das Amt eines Bürgermeisters bekleidete er meh rere Jahrzehnte hindurch zum Segen unserer Gemeinde. Viernhelm. Letztens wurde von dem Kreisausschuß eine Beschwerde des Bürgers Kalt von hier wegen verweigerten Rezeßholzes verhandelt. Wäbrend der Verhandlung wurde der Beschwerdeführer vom Schlage getroffen. Er starb alsbald im städtischen Spitäle. Wayern. München. Vor Kurzem verschied hier un Alter von 68 Jahren der namhafte Genremaler Adolf Lüden. Er war 1837-zu Petersburg geboren, studirte ik Berlin und Antwerpen und lebte seit 1876 in unserer Stadt. Der Student der Pharmazie, welcher sich in seiner Wohnung an der Fürstenfelderstraße zu vergiften suchte, ist in der Chirurgischen Klinik verschieden; sein Name ist Karl Frank, Stuttgart. Vor einiger Zeit wurde der frühere Zugführer und jetzige Weinagent Fritz Fischer in seiner Wohnung an der Kaiserstraße erschossen aufgefunden. Es liegt Selbstmord infolge Geistesstörung vor. G r ä f e l f i n g. Vor Kurzem hat sich der 82 Jahre alte Hofgärtner a.D. D. G. Bauer, der seit Jahren hier ansässig ist, erschossen. Das Motiv der That ist in einem unheilbaren Leiden zu suchen. Hannvöhr. Letztens schlief die 80 Jahre alte Taglöhnerswittwe Freudhofer auf einem Stuhle neben dem geheizten Ofen ein. Ihre Kleider fingen Feuer, welches die Unglückliche so zurichtete, daß sie nach kurzer Zeit starb. . ' " - K e m p t e n. Der Fabrikarlbeiter Anton Englisch aus Wels, der, an der 15jährigenSchmiedstochter Rosa Refle einen Lustmord beging, scheint überführt, daß er im letzten Frühjahr auf der nahen Burghalde auch die 8jährige Bertha Salqer abschlachtete. Seiner Geliebten hat er die That eingestanden. vor dem Untersuchungsrichter leugnete er noch. Den letzten Mord, bei dem er ergriffen wurde, hat Englisch übnges auch erst unlängst eingestanden. Nürnberg. .Die bei ihrem verwittweten Bruder wohnende 24 Jahre alte Oekonomen - Tochter Martha Müller von Weißmain wurde todt in ihrem Bett aufgefunden. Es durste Vergiftung infolgeGenusses von Mandelöl oder Mandeln vorliegen. Oberndorf. Infolge Infektion durch Leichengift bei Vornahme einer Sektion ist der 27jährige Dr. med. Hermann Miller nach kurzem Leiden am Starrkrampf gestorben. Regens bürg. Vor einiger Zeit ist hier der Thurn und Taxis'sche Archivrath a. D. Dr. Will gestorben. Der Verewigte war 'ein hervorragen-' des Mitglied des hiesigen historischen Vereins und eines der tüchtigsten Mit glieder des Verschönerungsvereins un serer Stadt. Würzbu.rg. Dieser Tage beging die hiesige Karrners - Zunft ihr 400jähriges Jubiläum als Zunft. Das Gewerbe selbst wird schon feit dem 12. Jahrhundert hier ausgeübt. WUrtiernöerg. Stuttgart. Letztens stürzte der 67 Jahre alte Handlungsdiener Bader in seinem Wohnhause, Marktstraße. 10, die Treppe hinab und brach das Genick. Vor Kurzem ist der Maler Professor Adolph Treidler, Lehrer der Aquarellmalerei an der hiesigen technr schen Hochschule, im 60.' Lebensjahre gestorben. Er war geboren in Berlin und hat auch dort als- Schüler des Historienmalers Julius Schrader stu dirt. Hall. In die Reihen des Gemeinderaihes hat in den letzten zwei Iahren. der Tod schwere Lücken gerissen, indem n vier verdiente'Mitglieder die-

ser Korperschaft (Krumrey, Firnhabzr, Schaffert und Jäkle) nacheinander hingerafft; diesen ist nun' noch Privatier Karl Frech, der in mehrerenWahlPerioden der Stadt auf dem Rathhaus sehr erfolgreiche Dienste geleistet hat, nach langem, schmerzvollem Krankenlager nachgefolgt. K i r ch h e i m. ' Vor einiger Zeit konnte Medizinalrath Dr. Krauß auf eine 40jährige Thätigkeit hier zurückblicken. Deshalb' versammelten sich im Saale der Paulinenpfle'ge die Comitemitglieder der verschiedenen der Wohlfahrt dienenden Institute, um ihm den, gebührenden Dank zu zollen. Bei der Feier wurde dem Jubilar von Oberamtmann Gauger im Namen des Königs das Ritterkreuz des Kronenordens überreicht. M e tz i n g e n. Der frühere Landtagsabgeornete Auer hier feierte mit seiner Ehefrau das Fest der goldenen Hochzeit. Vom König empfing das Jubelpaar einen goldenen Pokal mit einem Glückwünsche enthaltenden Begleitschreiben. P f e f f i n g e n. 'In der Scheuer des Gasthofs zur Linde brach Feue'r rniL Vxm in tuntr Qtf hnR nnniß

0 j t 0 - WmhjHastsanwejen und ein annoßendes Oekonomiegebäude zum Opfer fielen. Röttingen. Eine schöne Doppelfeier beging dieser Tage unsere Gemeinde: sie galt der Eröffnung einer Schwesternstation in Verbindung mit dem 40jähriaen Jubiläum unseres Seelsorgers Dekan Blank, dem die Gründung des sogen. Klösterle", ein prächtiger Neubau, durch eine reiche Stiftung in erster Linie zu danken ist. Ulm. Infolge Verfügung der Staatsanwaltschaft wurde die Leiche des verstorbenen Metzgerlehrlings Ch. Schuster von Pfuhl ausgegraben, da Gerüchte umliefen, als sei dem Verstorbenen der Stich in's Herz, der seinen sofortigen Tod herbeigeführt hatte, durch dritte Hand beigebracht worden. Die Leichenöffnung hat ergeben, daß diefe Gerüchte nicht begründet sind, daß der Verstorbene die tödtliche Wunde in der That sich selbst zugefügt hat. Mit diesem Befunde stimmen auch die anderweitigen Erhebungen überein. W a l d s e e. Vor längerer Zeit ertrank in dem auf hiesiger Gemarkung gelegenen Haidloch" ein Sohn des Schriftsetzers Kühnle. Der Vater hat nunmehr gegen die hiesige Gemeinde, die übrigens gegen Ansprüche aus Haftpflicht versichert ist, zine Schadenforiderungsklage in Höhe von 18,500 Mark anhängig gemacht. Wcrden. Karlsruhe. Erschossen hat sich der ledige 24jährige Philipp Eckert von hier. Da der junge Mann die That in der Nähe seiner Geliebten in Hohenwettersbach ausführte, wird als Grund zum Selbstmord Eifersucht anaenommen. B r et t e n. Kürzlich ereign außerhalb der hiesigen Station am Sprantaler Uebergang ein Unglückssall. Dem 50 Jahre alten Bahnwärter Zaiß wurden von einem von Mühlacker kommenden Zuge beideBeine vollständig abgefahren. - Ettlingen. Hier fand man die in den 40er Jahren siehende Theresia Springer in ihrem Zimmer als Leiche auf. Die Kleider waren am Lilde verbrannt und der an die Wand gelehnte Körper über ein ausgebranntes Erdölkännchen zusammengesunken. Es ist Selbstmord anzunehmen, da an der Decke sich auch Vorbereitungen zum Aufhängen befanden. Jmmenstaad. Letztens brannten die Wohnhäuser derSchuhmacherswittwe Schild, des Landwirths Joseph Hund und des Maurermeisters August Langenstein, sowie ein Schuppen der Wittwe Bögle bis auf den Grund nieder. L a h r. Der verheiratete Schornsteinbauer Hirdes stürzte, während er im Innern des Kaminbaues des Elektrizitätswerks . beschäftigt war, aus einer Höhe von 33 Meter in die Tiefe und war sofort todt. . Mannheim. Todt aufgefunden wurde in dem Hofe einer Wirthschaft in der Meerfeldstraße der verheirathete 50 Jahre alteAgent Max Gilly, wohnhaft Meerfeldstraße 39.' Derselbe ist einem Schlaganfall erlegen. S'chriesheim. Bei einer Reparatur im hiesigen Porphyrwerk riß das Seil eines Flaschenzugs und traf den 40 Jahre alten Steinbrucharbeiter Bachert so unglücklich an den Kopf, daß er herabstürzte und todt am Platze blieb. Der Bedauernswerthe hinterläßt eine Wittwe mit 6 zum größten Theil unmündigen Kindern. Weiler. Hier wurde. die ledige taubstumme Christine Kern, eine in den 40er Jahren stehende Frau, im Mühlbach oberhalb des Dorfes todt aufgefunden. W e r t h e 1 rn. Vor einiger , Zeit feierte im Kettensäale hier der Gesangverein Frohsinn" sein 2Sjähriges'Bcstehen durch ein Festconcert mit Ball. Stadtrath W. Schneider sieht seit 25 Jahren an der Spitze des Vereins. Wveinpfarz. Speyer. Vor Kurzem erfolgte hier eine Gasexplosion bei dem Friseur Breßler, wobei dessen Frau lebensgefährlich verletzt wurde. Es liegt eine große Fahrlässigkeit des Installateurs vor, der eine Aenderung dr Leitung vornahm. ' ,