Indiana Tribüne, Volume 30, Number 146, Indianapolis, Marion County, 12 February 1907 — Page 4

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ndiana Tribüne. Hnllg,gtbn von fett Vtbkt GO. Indianapolis, Ind. LarrZ O.Ziudin Präsident. VeschäftSloealt o, 31 Süd Delaware Straße. TELfiPHONE 69. E tarcd t the Pott Office ot IndUnapoli cood dass matter. Aus Der Bundeshauptstadt.

Der Kriez, wollte sagen die Angst vor dem Kriege, mit Japan ist ja jetzt glücklich vorbei, aber bei vielen der einficht-vollftm StaatSmünvem findm die FriedenSverficherungen des Mikado keimn rechten Glauben. Zwar sei die Gefahr momentan abgewendet, aber früher oder später werde sie doch wieder austauchen. Da? friedliche Nebenei nanderleben zweier großer Nationen sei nur so lange möglich, als deren Inte reffen nicht mit einander konfltki'.rten. Zwar suchen die Ver. Staaten keine weitere GebietZerwerbungen im Orient, sie trachten nach der Ausbreitung ihres Handels. Für das in territorialer Be ziehung winzige Japan ist beides eine absolute Nothwendigkeit, will eS nicht in die Obskurität früherer Jahrhun derte zurücksinken, und dazu scheint man in Japan nicht die geringste Nel gung zu besitzen. Der VorwärtStried der Amerikaner in HandelSangelegen heilen droht eine empfindliche Konkur renz für die IJapaner; der Besitz der Philippinen bietet den Ve. Staaten einen Stützpunkt, von welkem aus sie späterhin iihre friedlichen HandelSero berungen machen können. Diesen Stütz Punkt zu 'nehmen und selbst zu ver werthen, lwüre ein natürliches Zttl ja panischer Politik, von dessen Verfol gung man sich inlTokio schwerlich durch sentimentale Bedenken oder skrupulöse Konstruktion internationaler Verpfltch tung abhalten lassen würde, wie denn überhaupt.de! der Beurtheilung inter nationaler Beziehungen die sentimen talen FreundschafjZ.GefichtZpunkte nie malZ praktischen Werth haben. Armee' Oifijiere haben noch nicht vergessen, daß'.im November ein japa nischer Spion in Manila aufgegriffen wurde, trotzdem sowohl die japanische, als die hiesige. Regierung sich beeilten, Dementis' und gegenseitige Freund schastö Versicherungen in reichlichem Maße fließen zu lassen. Die geheimen Berichte des I GeneralstabS enthalten mancherlei interessante Informationen, welche fichlkeineSwegS für die Oeffent. lichkeit eignen. Ueber den Umfang des japanischen SpionageEyftemS in den Philippinen ist schwerlich etwas Defini tlveS bekannt, aber man darf ruhig annehmen, daß dasselbe mindestens so ausgedehnt ist, wie in den asiatischen Besitzungen Rußlands vor dem jüng gen Kriege. Jedenfalls ist es leichter zu verbergen, als dort, da Japaner und Filipinos weit weniger auffüllig find, als unter einer weißen Bevölke rung. Sollte es einmal zu einem Kriege kommen, soldürfte derselbe, wie man in Armeekreisen glaubt, ähnlich abrupt eintreten, wie der japanisch russische Krieg, oder, wie ein ArmeeOsfizier in bitterem Scherz'.bemerkte: .Mit der of. fiziellen Kriegserklärung würde wohl gleichzeitig eine Kabeldepesche an Gene ral Edwards (Chef des Jnsular.Bure aus im KriegS'Departement) von dem japanischen Gouverneur von Manila kommen, worin derselbe bedauert, daß er außer Stande sei, die gestern von Washington gekommenen Instruktionen auszuführen, da er inzwischen die japa nische Flagge auf der Citadelle gehißt habe.Der Kampf? um die Oberherrschast im tranökontlnentalen Eisenbahnwesen, welcher seit Jahren zwischen den großen Jinanzgruppen geführt wird, hat sich nun auch in einer Phase im Senat ge zeigt. Senator Heyburn von Jdaho brachte Montag eine Resolution ein, welche die Ernennung eines Spezial komiteS von fünf Senatoren fordert, um eine Untersuchung über die Reor ganistrung der Northerr.' PacificBahn gesellschast anzustellen. Die Resolu tion ward unter den Regeln zurückge legt, und ist steht zu erwarten, daß der Senator von Jdaho über die Resolu tion eine Rede halten wird. Doch lehnte er eS ab, sich irgendwie eingehend über den eigentlichen Zweck der Reso lution zu Süßem. Er erklärte ledig lich, daß l New York und Philadel, phla Vereinigungen von MknoritütS Aktionären der Bahn eziftirten, welche sich durch die Neorganisation benach, theiligt glaubten, und einer derselben

habe ihn tn 4V die Resolution einzu reichen. E5 wird behauptet, daß bei der Reorganisation der Northern Pa eisic durch die Htll.Morgan Gruppe Formfehler begangen seien, welche diese

Reorganisation hinfällig machen. Die MinoritätS.Aktionäre wollen dieselben aufgedeckt wissen, so heißt eS, um zu ihrem Aecht zu kommen. Bei dieser Gelegenheit sollen auch alle die Land GrantS der Northern Pacific betreffen den Umstünde an'S Licht gezogen wer den, und dabei könnte mancherlei In teressanteS zu Tage kommen. Im Capital wollte man wissen, Hepburn'S Resolution sei gewisser maßen ein Racheakt der Harriman Interessen gegen die Hill Morgan Gruppe, weil von Seiten der Letzteren eine Menge Informationen an die zwischenstaatliche Verkehrs Kommission geliefert worden, um diese in Stand zu setzen, die Untersuchung gegen die Harriman'schen Bahnlinien, speziell dessen .Holding Company", die Ore gon Short Line, erfolgreich zu führen. , Bemerkenswerth ist, daß Senator Hepburn in den letzten Tagen bei einer Diskusstonen der Forftreservattonen, welche die Regierung im Nordweften zu errichten wünscht, gegen diesen Plan der Administration auf'S Heftigste op ponirt hat, und zwar, wie man glaubt, weil dadurch die RegierungSlÜnderelen von der Befiedelung ganz auggeschlossen werden und nur och die Eisendahn ländereien zum Verkauf bleiben wür den. DaS müßte natürlich der North Pacific sehr vortheilhaft sein, und so vermuthet man, daß Hepburn, der darauf aus fei, der Northern Pacific soviel wie möglich zu schaden, nach allen Richtungen hin eine sehr metho dische Kampagne gegen die HillMor gan'Jnteressen eingeleitet habe. Die Konferenzen über die Einwände rungS.Bill find wieder aufgenommen worden, und eS sieht ganz darnach aus, als ob ein Kompromiß zwischen vauS und Senat zu Stande kommen werde, obschon in der heutigen Besprechung keine definitiven Beschlüsse gefaßt wor. den find. Da? Vorgehen des Reprä sentanten Gardner von Massachusetts, Schwiegersohn deS Senators Lodge, welcher am Samstag im Hause eine Resolution einbrachte, um die Bill auö dem Konserenz ttomlte htrauS und wieder vor das Hau? zu bringen, so daß dann ein Antrag gestellt werden könnte, die HauS AmendementS zurück zuziehen und die SenatS.Bill in toto anzunehmen, hat dazu beigetragen, die Konferenz Mitglieder zusammen zubringen. Man wünscht im Hause keinen unnöthigen Krach, und so er hielten die HauSkonferenten. welche sich bislang von ihren Senatskollegen fern gehalten hatten, Ordre, die Konferenz wieder aufzunehmen. Bis jetzt ward nur im Allgemeinen hin und hergeredet. Man besprach verschiedene Vorschläge für ein Kom Promiß. ES ging aus der Besprechung hervor, daß das HauS auch weiterhin auf der Streichung des Bildungstests bestehen werde, und es gilt als wahr scheinlich, daß die CenatSkonserenten schließlich darein willigen werden. Ver stehen sie sich dazu, so ist die Passtrung einer Bill wahrscheinlich. Der erste Schritt dazu würde sein, daß die Kon ferenten ihren respektive Körperschas ten berichten, sie seien nicht im Stande gewesen, sich zu einigen, und die Bill wird dann von Neuem an die ttonfe renz zurückgewiesen, um eine Einigung zu erzielen, resp, die Senatökonferenten beantragen im Senat, der Senat möge die den BlldunaStest betreffende Be silmmung zurückziehen. Trotzdem die neue Dreicentbahn in Cleveland kaum drei Monate in Bekrled ist. und trotzdem sie wegen der Concon'EinhaltSbefehl: bis zum 12. Januar nur eine kurze Strecke verkeh ren konnte und im ersten Monat ihres Betriebes kaum ein halbes Dutzend SarS im Betriebe hatte, so beläuft sich ihr Profit nach Abzug sämmtlicher Un kosten doch schon auf die ansehnliche Summe von 81.186.66. Seit der kürzlich erfolgten Verlängerung der Geleise haben sich die Einnahmen mehr als verdoppelt. Jacob ierdorf' Wirthschaft, 835 Massachusetts Ave. . Bauerlaubnlßscheine. Richards fc Roth. Wohnhaus. Ash land Ade., 53 500. Rosa Burchert, Umbau, 1414 S)ann Ave., 1320. -Thomas B. O'Connell, Umbau, 1303 Belmont Ade., 500. G. 5. Baker, Sottage, 39. Str. und Kenwood Ave., ßl.300. F..J. Hübe?, Reparaturen, 17 Tuieda Str.. I500.-J. E. Clary. Wohnhau?. 83. Gir-i 02.600.

Der Rhodinö-Fllll.

Durch die Ernennung der Jndlana Trust Co. als Sachverwalter über das Vermögen von George RhodiuS und gleichzeitig das Auftreten tun Herrn Joseph Smminger, welcher behauptet, die alleinigen und älteren Rechte nebst dem Anwalt John W. Claypool zu haben, werden eigenthümliche Verwick lungen hervorgerufen. Die MerchantS National Bank, deren Eigenthümer mit denen der Jndiana Trust Company identisch find, besitzt ein Depostt von ca. $2000 von RhodiuS und nun be kommt dieselbe von beiden Parteien die Nachricht, daß etwaige Geldbetrüge von RhodiuS dzponirt von einer jeden der selben beansprucht werden. Diese Angelegenheit kann natürlich erst nach Rückkunft deS RodiuS ent schieden werden, da zuerst entschieden werden muß, ob derselbe geistig fähig war, die Jndlana Trust Companie zu seinen Sachwaltern zu ernennen. In der Legislatur hat die Verbin oung von Polizeirichter Whallon, wel cher als Anwalt der Elma Dare und George RhodiuS genannt wird, solch böseS Blut heraufbeschworen, daß Se nator Slack, von Sheldy und Johnson CountieS, eine Gesetzvorlage eingereicht hat, welche eS einen Polizelrichter ver bitet als Anwalt in irgend einem Falle, während seiner Dienstperiode als Rtch ter, aufzutrtten. Die Vorlage sieht eine Geldstrafe von nicht wenige? als 81000 uud gleichzeitig Gefüngnißhaft für deren Uebertretung vor. Die Vorlage soll baldmöglichst dem Senat vorgelegt werden und wurde auf das Verlangen verschiedener RechtSan wälte, welche über Wballon'S Vorgehen wüthend sind, präser.tirt. Kleine Etadtnenigkeite. Eine Petition ist jetzt in Umlauf gesetzt, die Fall Creek Brücke an der Capitol Ave. durch eine Con erste und Steindrucke zu ersetzen. Die alte eiserne Brücke hat während der Hochfluth vor drei Jahren schwer ge litten, und mit der neuen Brücke an der Illinois Str. verglichen, ist dieselbe nur noch eine Reliquie. Die F e u e r u u g S a n l a g e der Tomlinson Halle mag in aller Kürze mit einem Rauchverzehr-Apparat versehen werden, welcher seit längerer Zeit in der Kühlanlage der Holt Sold Storage Co. probirt wurde. Die Ein richtung dieser Anlage, deren Kosten nicht über 8100 beträgt . wird vom Mayor, der die letzten Experimente mit diesem Apparate sich angesehen hat. befürwortet. Während ein Zug eine sogenannte fliegende Weiche rangirte, wurde der 54 N. Temple Ave. wohn haste Michael I. Madden gestern aus seiner Caboose heraus geschleust, und er verletzte sich derartig, daß er in'S St. BincintS Hospital befördert wer den mußte. Er wurde am rechten Bein schwer verletzt. Der Unfall er eignete sich an der Pennsylvania streu zung der Gürtelbahn. .Senden Sie die Radlerpoliziften, wir haben in unserem Keller einen Corni" in einer Kiste gefangen", lautete der während der Nacht von der Nichols Krull Sandy Co. eingesandte Alarm. Im Glauben, daß dort ein Neereinbrecher auf frischer That er tappt wurde, machten sich die Radler Kltzmiller und Trimpe unverzüglich auf den Weg, und bald langten sie mit dem Racoo, denn als ein solche: hatte sich der Negereinbrecher entpuppt, in der Station an. DaS Thier wird j,tzt im Hundekäfig im Keller deS Eta tlonöhauseS gehalten, und falls sich nicht bis Samstag der rechtmäßige Ei genthümer des Thieres legitimlrt. dann wirds .Coonroaft für die Radler te den. Aus Allegheny. Pa.. trifft die Nachricht ein, daß Robert Hamil ton aus Indianapolis dort durch Ein nehmen von Carbolsäure Selbstmord beging. 'Die Leiche wurde in der Morgue zu PittSburg aufgebahrt. Hamilton, der 25 Jahre zählte und dort den Namen John Hoffmann führte, soll früher hier an de? Noble Straße gewohnt haben. Frau D. L. Witt aus Allegheny übersandte die obige Mildung. Der frühere New Yorker politische Boß Richard Croker reiste gestern nach einem kurzm Aufenthalt in Rom nach Egypn ab. v

Berliner Brief.

.Landestrauer" in Hannover. De? Herzog von Cumberland und das Legitimitätsprinzip. Die Mesalliance der . Prinzessin , Friederike von Hannover. Hoftrauer und ihre Folgen. Wer hat G:raldine Farrar entdeckt? Von Bülow zu Posadowsky und umzekehlt. Des Goldschmieds Töchterlein. Ein kecker Streich und seine Entdeckung. Für Ludwig Fuldas nächste Königskomödie. V e r l i n. 21. Januar. In Hannover läuten h:ute die Todtenglocken. Das kleine Häufle.n der unversöhnlich Gebliebenen hat Lerndestrauer" angelegt, und weitab von dem Reiche, dessen Kön'.zin sie einst war, in der stillen Welsengrust des Gmundener Schloßparkes, setzte man heute die sterblichen Reste der Wittwe des blinden und verblendeten Königs Georg V. zur letzten Ruhe bei. Ein Stück deutscher Geschichte wird zu Grabe getragen. Der Name Hannover verschwindet aus der Reihe der fürstlichen Familien Europas für immer. Die verstorbene Königin hatte. so hört man, sich seit einigen Iahren endlich mit dem Geschehenen abgefunden. In ihrem Sohne, dem Herzog Ernst August von Cumberland. scheint der gleiche Prozeß längst noch nicht vor sich gegangen zu sein. D:r Herzog gehört zu, denjenigen Fürsten, denen' das erst von Talleyrand eigen für den Wiener Kongreß erfundene Prinzip der Legitimität als göttliches Gesetz gilt, an dem nur die Hand des Frevlers zu rütteln wagen kann. Staaten und Kronen. Ländergebiete und Völker vererben sich nach diesem Prinz-p: wie Majorate und Meierhöfe, wie Baugrundstücke und Kohlfelder. Wer mit dem Geiste solcher Anschauungen von Jugend auf durchtränkt wurde, für den ist kein Heilkraut gewachsen. Ihm ist nicht zu h:lfen. weil er sich nicht helfen lassen will. Schon bei einer früheren Gelegenheit zeigte der Herzog von Cumberland sich eigensinniger als seine Mutter, mehr als sie von den Vorurtheilen seines Standes befangen. Das war. als seine Schwester, die Prinzessin 'Friederike, sich in den Privatsekretär ihres Vaters, den Baron Al'ons Pawel-Rammingcn, verliebt hatte. Wie der König Georg während der letzten Jahre seines Lebens seinen Wohnsitz nach Paris verlegte, begleitete ihn die Prinzessin riederike dorthin, während seine Schwester Mary bei der Mutter in Oesterreich blieb. Gie stand seinem Herzen am nächsten, sie nahm an seincn Plänen theil,' sie arbeitete mit ihm, und so kam es, dafc aus dem täglichen Zusammensein zwischen ihr und dem Sekretär ihres Vaters nach und nach :ine gegenseitige Neigung erwuchs. Georg V. war seit zwei Jahren todt, da gestand seine Tochter diese Neigung den Ihrigen ein und begegnete dem schroffsten Widerstände. Ihr Bruder, der Herzog von Cumberland. und auch ihre Mutter mißbilligten ihre Wahl auf das äußerste. Da griff die Königin Viktoria von England, das Oberhaupt des Hauses Braunschweig, helfend ein. Die alte Queen war als praktische Engländerin stets eine Verachten des deutschen Ebenbllrtigkcitskrams. und in diesem Falle war wohl auch noch ihre Passion. Ehen zu stiften. geweckt. In der Schloßkapelle zu Windsor wurden die Prinzessin Friederikc und Baron Pawel-Rammingcn am 24. April 1880 miteinander getraut, und die Königin Viktoria war es. die statt der abwesenden Mutter die 32jährige Braut, englischer Hochzeitsitte gemäß, fortgab". Es dauerte lange, bis eine Aussöhnung zwischen der Königin Marie und ihrer Tochter zustande kam;, dafür war sie eine um so vollständigere, und kein Schatten hat seitdem die Herzlichkeit des Verhältnisses zwischen beiden mchr verdunkelt. Viel länger aber dauerte es, bis auch der Herzog von Cumberland der Schwester die Mesalliance verzieh, und zwischen ihm und ihr blieb auch dann noch eine Spannung zurück. Es ist ganz gut. sich dieser Vorgänge in einem Augenblicke zu erinnern, da man sich auf gewissen Seiten wieder einmal anschickt, dem welfischen Prätendenten die Märtyrerkrone auf die Stirn zu drücken. In Berliner Hofzirkeln, in denen man den Fragen der Etikette eine übertrieben? Wichtigkeit beilegt, hat man es lebhaft besprochen, daß der Kaiser Franz Josef für d': Königin Marie eine Hoftrauer von drei Wochen vorschrieb. Das ist nämlich ebenso viel wie bei der Tra'-er um einen Erzherzog oder eine Erzherzogin, und es ist das erste Mal. daß der Wiener Hof eine so lange Trauer für ein Mitglied eines fremden Fürstenhauses anlegt. Die tanzlustigen jungen Damen an der Donau werden dem Kaiser dafür ebenso wenig Dank wissen, wie die Lieferanten. die Geschäftsleute, für die Hoftrauer während der Wintersaison eine empfindliche Einbuße bedeutet. Zumal diesmal, da die Saison sich in ein paar kurze Wochen zusammendrängt. Jetzt heißt es, gute Nerven und ' einen ' guten Magen haben. Es gehört in diesem Jahre eine besondere Portion körperlicher Kräfte dazu, um die Freuden der Sai-

son voll auszukosten. Wer durch

tano oder Beruf zum Ausgehen" gezwungen ist. der hat jetzt schon jeden Tag bis Fastnacht nicht einmal, sondern zweimal, dreimal mit Diners. Soireen. Bällen besetzt. Es soll ..Drückeberger" geben, die. sich die Multipltzuat der Ereignisse zu Nutze machen, um sich hin und wieder ein bißchen Ruhe zu schaffen. Sind sie sowohl vom Geheimrath X. wie vom Konsul F. um ihr Erscheinen am Samstag gebeten, so schreiben sie allen beiden ab. Dem Geheimrath 5.. weil sie leider schon dem Konsul I. zugesagt hätten, dem Konsul ?)., weil sie zum Geheimrath X. müßten. Und dann gehen sie am Samstag so gcmüth, lich wie immer in ihren Klub zur gewohnten Partie Piquet. Gcwissenhaftere Gesellschaftsmenschen jedoch, und die sind ja glücklicherweise immer noch die Mehrheit, haben es jetzt nicht leicht. Um nur des Nachmittags zur Theestunde überall zu erscheinen, wo dk' gnädige Frau gerade ihren Jour" hat, müssen sie, stundenlang unterwegs sein. . Am meisten gehetzt ist, wer der offiziellcn großen "Welt angehört. Dr muß zum Beispiel am Montag zwischen drei und sechs Uhr erst der Oberhofmeistcrin der Kaiserin, der Gräfin Brockdorsf, die Hand küssen, dann in der , amerikanischen Botschaft Mrs. Charlemagne Tower. nachher in der rumänischen Legation Frau Beldiman seine Aufwartung machen, um schließlich bei Frau vom Rath zu endigen, in deren Salons es übrigens crheblib einförmiger geworden ist, seitdem ihr kleiner Schützlinz, die von ihr entdeckte und ausgebildete Gcraldinc Farrar, Berlin untreu wurde. Den Dienstag haben sich drei Ministcrgattinnen ausgesucht: Frau von Studt, Frau von Bethmann-Hollweg und Frau von Rhcinbaben. während der Mittwoch für ihre Kolleginnen Frau von Tirpitz und Frau Dclbrück refervirt bleibt. Ganz besonders stark besetzt ist der Donnerstag. Da macht man den Beginn bei der Gräfin Posadowsky. kleine Stationen im Reichsschatzamt bei der Baronin Stengel, in der dänischen Gesandtschaft bei Frau von Hegermann, im Eisenbahnministcrium bei Frau Breitenbach, im Kriegsministerium bei Frau von Einem und landet in der Reichskanzlei, um der Fürstin Bülow die schuldige Reverenz zu erweisen. Bei Posadowsky fing man an, bei Bülow endet man; es gibt Propheten, die da voraussagen, die Route könnte in der Politik einmal umgekehrt gewählt werden, doch ist bei ihnen vielleicht der Wunsch der Vater dcZ Gedankens. Am Freitag eilt man nach der japanischen Votschaft, um erst bei der zierlichen Gräfin Jnouyc ein paar Momente zu verplaudern, und von Japan" (in der Hofsprache nennt man die diplomatischen Vertretungen mit den Ländernamen) geht es nach Hambürg" zu Frau Klügmann, nach Meziko" zu Madame de Jcaza, nach der Schweiz" zu Frau Elaparede und zvm Schluß nach Brasilien" zu Madame da Costa-Motta. De? Samstag gehört wieder der Gräfin Brockdorff, der Generalin von Lucadou, der liebenswürdigen Schwiegermutter des Vrafcn Hülsen-Häseler, und der klugen Frau Elly von Siemens, der Tochter unseres großen Helmholtz. Der Sonntag ist auch kein Ruhetag; er führt zu der Prinzessin Eduard SalmHorstmar. auf die belgische Gesandtschaft zur Baronin Greindl, auf die bulgarische zu Madame Nikyphoroff. zur Gräfin Sascha Schlippenbach und zu Frau von Hessenthal des Goldschmieds Töchterlein" nannten sie früher medisante Zungen als die Tochter des Juweliers und Gcheim:n Kommissionsrathes Hossaucr. Täglich sind außerdem die Empfangsräume der Gräfin Osten-Sacken in der russischen Botschaft, der Frau von Szögyeny in der österreichisch-ungarischen Botschaft, der Vicomtesse de Pindella in der portugiesischen Gesandtschaft und die der Frau von Derenthall geöffct. Man wird zugeben, daß es eine ganz achtbare Leistung ist, tagtäglich so viel Thee zu trinken, bevor man zur Abendstunde in den Frack schlüpft, um sich an die konsistenteren gesellschaftlichen Genüsse heranzumachen. Das gesellige Leben Berlins ist in den letzten Jahrzehnten, entsprechend dem wirthschaftlichen Aufschwünge, ein viel glänzenderes, mannigfaltigeres geworden, als es früher war. Die. die an diesem Aufschwünge nicht theilgenommen haben, empfinden seine Folgen doch dadurch, daß man auf der einen Seite heutigentags mehr Geld braucht als ehedem, um in Berlin etwas vorzustellen, und daß man sich auf der anderen Seite sehr viel versagen muß, wenn man nicht über das nöthige Kleingeld verfügt. Die' Versuchungen treten näher, greifbarer an den einzelnen heran, und die Zahl derer steigt, die ihnen unterliegen. Es ist ganz natürlich, daß sich auch das Offizierkorps in Berlin dieser Entwickelung der Dinge nicht hat entziehen können. Der Kaiser hat es sich immer angelegen sein lassen, seine Offiziere vor der Verführung zum Wohlleben und zur Weichlichkeit zu warnen. Aber es liegt auf der Hand, daß der oberste Kriegsherr, dessen Leben von Jugend an fürsorgliche Hände behüteten, kaum eine Kenntniß haben kann davon, wie schwer es in Wahrheit manchem jungen Leutnant fällt, die gesellschaftliche Rolle, die gerade in Berlin fast einen Theil seiner dienstlichen Obliegenheiten bildet, nicht ganz zu vernachlässig

jn. ohne in Schulden zu gerathen. Da es hofische? Brauch ist. daß Fürsten nie mit eigenen Händen zahlen, so können sie selten vom Werthe des Geldes richtige Vorfiellungen gewinnen. Bald nach seinem Regierungsantritte schrieb der Kaise? vor. kern Offizier der Garde-Kavallerie solle raeh? als 150 Mark monatliche Zulage Iben dürfen. Dabei gibt eZ dcrrrmte? junge Majorats Herren und MajoratZerben, die ihrem Kutsche? ode? Kcnnme?diene? ebensoviel GehaN zahlen, und eS gibt keinen einzigen Garde-Kavallerie-Offi-zier, der beim besten Willen mit dieser

?umme auskommen konnte. So ist das Gebot denn auch niemals wirklich in Kraft getreten. Es wurde eine Art Scheinumfrage vorgenommen, und dann ward alles wieder ruhig. Nun hieß es dieser Tage, eine neue kaiserliche Willensäußerung", also eine Kabinettsorder, sei ergangen, die die Offiziere zu? EinfaelAeit mahne. Eine derartige Kundgebung des Kaisers wäre des allgememenBcifalls sicher. Es handelt sich indessen hier nur um ein ungewöhnlich gut gemästetes Exemplar jener Geflügclarr, die der Zoologe Anas boschas domcstica" auf deutsch eine gewöhnliche Ente nennt. Es ist kcine Kabmcttsorder in dem behaupteten Sinne erlassen worden. Sie hätte dem Grundsatze widersprochen. daß die Ausführung einmal ertheilter Befehle des allerhöchsten Herrn als selbstverständlich gilt, und sie deshalb nicht wiederholt werden. Daß der Kaise? den Luxus in den Offizierkasinos verpönt, das weiß man. wie gesagt, seit langem. Und das Verbot des französischen Sekts für die Offiziere fällt sogar noch in die Zeit, da der Kaiser noch Prinz Wilhelm hieß und die Gardehusaren befehligte. Es führte dazu, daß die lustigen jungen Leutnants bei Liebesmahlen in Potsdam. wenn de? Kaise? anwesend wa?. eine lasche Schaumwein vo? sich auf dem Tische und eine Flasche Champagne? neben sich unte? dem Tische stehen hatten. Und es kam einmal vor, daß der Kaiser, vielleicht mit Hilfe eines Verr'thers. die Entdeckung machte, daß "2n für seinen eigenen Gebrauch be'orbtxt Flaschen präparirt hatte, die ußcn das Etikett einer deutschen Firia trugen, innen aber edelstes frannsisches Rebenblut enthielten. Den 'erübern des kecken Streiches soll er 'icht übermäßig gut bekommen sein. ''ber er ist amüsant, und es liegt eine irt Weisheit darin. Sie sei Ludwig ulda für seine nächste Königskomodie hiermit freundlichst gratis überlassen. L. v. Nordcgg. Dreiviertel Millionen Bahnhofsdroschken. Wo werden die meisten Bahnhofsdroschken in dem verkehrsreichen Berlin benutzt? Die Ant-wort auf diese Frage gibt, die Statistik des Verkehrskommissariats der Polizei. Danach sind im abgelaufenen Jahre auf dem AnHalter, Stettiner, Lehrter, Potsdamer. Schlesischen und Görlitze? Bahnhof sowie auf den Bahnhöfen Friedrichstraße und Alexanderplatz Bahnhofsdroschken in 743,910 Fällen 'benutzt worden, im Jahre 19055 nur in 699,623 Fallen. A.r. meisten benutzt rourden die Droschl?.i am AnHalter Bahnhof, am wenigsten die des Gorlitzer Bahnhofs. Dies: Statistik ist nicht nur für das Publikum. sondern auch für die Eisenbahn Verwaltung recht lehrreich. Sie gibr mit einen Anhaltspunkt dafür, welche: Bahnhof den größten Strom von Rei sendm empfängt. Der Unglücksfall während desManöverszuGorsleben, bei dem am 18. September des vergangenen Jrhns durch eimn K,nonenschuß dem sieben Jahre alten Sohne des Landwirths Lutz der Zopf abgerissen wurde, hatte ein Nachspiel vor dem Kriegsgericht der 38. Division in Erfurt. Wegen fahrlässiger Tödtung des Knaben war der Kanonier der 4. Batterie des Feldartillerieregiments No. 19 in Erfurt, Ullrich, vom Kriegsgericht zu sieben Wochen Gefängniß verurtheilt worden. Jetzt hatten sich der Hauptmann Kolbe und der Wachtmeiste? Posse von derselben Batterie wegen Ungehorsams gegen die Befehle des Dienstreglements zu verantworten. Die Anklage behauptet, daß die beiden es unterlassen haben, nach beendeter Uebung das Entladen de? Geschütze anzuordnen. Ms Sachverständiger fungirte Oberst v. Rogolowski. Zeugen waren Major Flechtner sowie ein Wachtmeister und ein Unteroffizier. Der öffentliche Klage? beantragte ge een den Hanptann eure Woche Stnbcna??est und gegen den llvachtmeister eine Woche gelinden Arrest. Nach fünfstündige? Ve?handlnng wurde der Wachtmeister zu drei Tagen gelinden Arrestes ve?u?theN. dagegen das Derfahren gegen den Hauptarm eingestellt. Was den Wachtmeister betrifft, so wa? ee. da nach txmdeter Uebung die Offiziere zu? K?itik geritten waren, der . Vorgesetzte und hätte auf Grund des Exe?zie?reglements die Geschütze sofort entladen lassen muss. Bezüglich des Hauplrnanns sei hervorzuheben, daß e?, von de? Kritik zurückkommend, die Auffassung haben konnte und mußte, daß der Wanreifl seiner Pflicht okomnren war. De? Hauptmanu hatte kn LerMchwng. sich zu erkundigen, ob d Geschütze emladen wann. EL wäre dies rscchl roÜL, schenöwerth gewesen, aber cc Verpflichtung bestand D? den Hairptarm nicht.