Indiana Tribüne, Volume 30, Number 142, Indianapolis, Marion County, 7 February 1907 — Page 5
Jndiana Tribüne. 7. Februar
(Cin mtj(lcriuscr 3sauf.
AuKraliscke Erzählung, von Fclir Lill. i 1. In Neusüdwales, westlich vorn Eastlereaghflusse unö "den LlrbuZnotyngcln, hatten sich Anfangs der siebziger Jahre einige deutsche Äauernfamilien ange siedelt und ihr Torf mit den schindeleoeaten sreundlichen Warmhäusern, ie nicht weit voneinander zerstreut. sondern vielmehr nach gewohnter deutscher Eitle nahe beisammen lagen, Friedensttzal genannt. So sehr nun dieser idyllische Name des Dorfes darauf hindeuten möchte, daß man hier in der australischen Einsamkeit in Nuhe und Frieden zu lebrn sich bestreben wolle, so war es doch unvermeidlich, daß es unter den Berechne zuweilen Streit und Unfrieden gab. Taö ist ja Überall so in der Welt. Der reichste Bauer in FriedcnSthal hieß Christoph Helbing. Er halte mehr urbares Land, mehr Wiesen, mehr Vieh, mehr Geld im Kasten und meV Bauernstolz im Cchädcl als die an .ren. Zwei herangewachsene Söhne halsen ihm bei der FettU'irthschaft. D"nn hatte er eine zwanzigjährige Tvchter Namens Meter, ein hübsches, gesundes und arbeitsames Mädchen. Johannes Meier war der Name des am wenigsten bemittelten Ansiedlers in Iriedensthal. Er war erst vor zwei Jahren angelangt und noch nicht frei von Schulden. Bei ihm wohnte sein Bruder Gerhard, ein etwas schwächlicher junger Mann, der in Teutschland Schullchrcr gewesen war und jetzt auch in Fricdcnsthal dieses Amt bekleidete. Für geringes Geld unterrichtete er die Kinder der anderen Bauern, zu welchem Behufe nahe bei Moscrs Farm ein hol zernes Schulhaus erbaut worden war. Zwischen dem jungen Lehrer und Meta helbing hatte sich bald ein zartliches Verhältniß entwickelt, von dem deren Baker aber durchaus nichts wissen wollte. Seine Tochter solle einmal einen tüchtigen und wohlhabenden Bauern hciräthen, hatte Helbing gesagt. Ein solcher würde sich wohl früher oder später melden, um das Prachtmädel heimzuführen. Tiese unglückliche und hoffnungslos scheinende Leidenschaft bedrückte schwer s Gemüth dcö jungen Mannes, und pur seine Lieblingsstudien konnten ihn i.nigermaßcn über das schmerzliche Mißgeschick hinwcgtrösten. Gerhard interesjirtc sich nämlich sehr für Naturkunde, besonders für Botanik, aber auch für Insekten, Reptilien und anderes Ungeziefer. Deshalb wanderte cr in seiner freien Zeit vielfach in die benachbarte Wildniß hinein, um dort zu botanisiren und das Leben und Treiden der weißen Ameisen und vieler anderer mcrkwürdger Thierchen zu be obachten, vornehmlich im großen Malleybusch, einem streckenweise fast undurchdringlichcn Dickicht, in dessen tiefstem Inneren ein häßlicher schwarzer Morast sich befand, der nur nach starken Regengüssen zu einem schlammigen Teiche wurde. Weiter oben im Norden waren gcräume Zeit zuvor mehrere Goldgräberlager gewesen. Seit sechs Jahren aber arbeitete kein Mensch mehr dort, und die ehemals so lärmvolle Grubengegcnd lag gänzlich verödet. Die dortigen goldhaltigen Erdschichten waren so gründlich durchwühlt, ausgewaschen und auögcbeutet worden, daß sie keine ncnnenswerthen, irgendwie die Mühe der Arbeit lohnenden Erträge mehr zu lic fern vermochten. Im Süden, nur etwa neun bis zehn englische Meilen vom Dorfe Friedensthal, war eine größere Ortschaft entstanden, daö aufblühende Camberwell. Tort fanden unsere Kolonisten für ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse einen ziemlich guten Absatzmarkt. Um die Mittagszeit war's, im Dezember, zur Zeit der größten Hitze, mitten im australischen Hochsommer. Johannes Moser stand vor seiner Haus thür im kühlenden Schatten eines der vier alten riesigen Stringybarkbäume, die er wohlbedachtsam an den vier Ecken des Hauses hatte stehen lassen. Die Hausthür hatte er offen gelassen. Drinnen war die flinke Frau Wilhelmine emsig mit den Vorbereitungen zur Mittagömahlzeit beschäftigt. Da trat Gerhard zu ihm, ccf noch blasser und trauriger aussah als sonst gewöhnlich. Uebrigenö befand Johannes Moser sich auch nicht in einer besonders heiteren Laune. Allerlei Berdruß hatte er mit einem Nachbar. Am liebsten wollte er seine kleine Farm verkaufen, um nach Eamberwell zu ziehen und dort eine Gärtnerei zu pachten. Borhin habe ich mit Meta gesprochen," sagte Gerhard. Ihr Bater ist vach Eumberwell in Geschäften. Sie öat wieder viel geweint ; denn gestern hat er sie fürchterlich gescholten.. Mir ist das ganze Leben hier zuwider. Ich möchte fort." Ich auch. Anderwärts könnten wir vielleicht besser vorwärts kommen. Aber erst muß ich mein Besitzthum gut verkaufen." Ja, freilich!Während sie noch so mit einander sprachen, tauchte plötzlich vor- ihren Blicken eine fremde Persönlichkeit auf, die zu Fuße gemächlich des Weges daher kam. Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit kühnem und ver schmitztem Gesicht, kurzem dunklen Schnurr- und Kinnbart, trotzigen, doch etwas unstet und scheu blickenden Augen j und einer großen, häßlichen, rothen I
Vlaxbt aus der linken Wange. Gkleider lrar er landesüblich einfach, aber doch anständig. Sein Wauderstab war ein starker Schwarzdornknüppel, der unter Umständen auch eine gute Waffe sein mochte. Bor MoserS Haus blieb er überrascht stehen und beschaute es bockst
aufmerksam, inoem er vor sich hinbrummte: Das ist der richtige Play! Gar kein Zweifel möglich, denn da sind ja die vier allen Stringybarkbäume. Potztausend, wer konnte ahnen, daß auf der Stelle jetzt ein Haus stehen würde, wo damals die freie Wildniß war! WaS ist da nun zu thun? wünschteöMißgeschick!Was mag das wohl f.ir ein sonder barer stunde sein?" sagte leise Johannes Mcscr. )abe keine Ahnung davon," slü sterte Gerhard. Er starrt mein HauS an, als ob er sich gar nickt satt daran sehen könnte." Ja, dad ist seltsam." "Hcda, Fremder!" rief jetzt in engli scher Sprache Johannes Moser. Woher des Wegs?" Bon Tubbo," versetzte der Fremde. indem er höflich an seinen breitrandigen Strohhut griff und näher trat. Mein Name ist Andrew Ärewster." Sucht Ihr hier Jemand, Sir?" Das nicht. Ich wundere mich nur über die große Veränderung. Bor zehn Jahren bin ick mehrmals an diesem Platze gewesen; damals befanden sich hier keine Häuser. Wie lange besteht die Ansiedelung?" Seit fünf Jahren. Friedensthal heißt unser Dorf." Ihr seid Deutsche?" a." Paradiesmäßig hübsche Gegend liier! Hätte Lust, mich hier anzusiedeln." Nun, das wäre ja leicht zu bemerkstclligen. Billiges Land noch genug hier herum, Sir, -außerhalb der Feldmark dieses Dorfes." Würde lieber eine kleine fertige Farw. kaufen, so wie zum' Beispiel diese hier; die gefällt mir äußcrordcntlich gut." Wie sich daö trifft ! Ich bin in der That geneigk, meine Farm zu vcrkaufen." In den Augen Andrew Brewsters leuchtete ein Blitz der Freude auf. Da wäre ja herrlich,- sagte er. Vielleicht könnten wir l:n Handel machen, wenn der Preis nicht "gar zu hoch ist. Ich wünsche also die Farm zu besehen, Haus und Feld und Bich und alles." ae rann geschehen, Sir," versetzte Johanna ;Noscr. Da es aber gerade Miltagszt t ist, bitte ich Euch, zuerst mit uns zu speisen. Dabei können wir dann ja von dem Geschäft sprechen." Dankend nahm Brcwstcr die Einladung an. Die drei Männer gingen in die Wohnstube des FarmhauseS und setzten sich zu Tische. Seid Ihr verheirathet, Sir?" fragte der Hausherr, wahrend sie speisten. Noch nicht," antwortete Brewster. Werde aber nun nächstens Anstalten dazu treffen. Wenn man die Bierzig schon auf dem Rücken hat, wird'S Zeit, daß man sich nach einer Frau umsieht. Ich sehne mich nach einer stillen Häuslichkeit, nach Ruhe." Warum wollt Jkr(5uch aber gerade hier ankaufen?" O, ich finde Wohlgefallen an der Gegend, die mir von früher her gut bekannt ist. Ich war damals in den Goldgruben thätig, dz weiter oben im Norden, und hatte ziemliches Glück. Freilich, dasMeiste ging mit der Zeit wieder flöten. Aber es bleibt mir doch noch ein schöner Rest von der Beute von der Ausbeute in den Gruben." Nehmt noch ein Stück Rindfleisch, Sir!" Danke, Sir; ich bin so frei 5 Habt Ihr eine Kammer oben im Hause?" Ja, und zwar eine recht geräumige, aber mit nur einem kleinen Fenster." Und einen 5!ellcr unten?" Den haben wir. Doch ist er nur klein." An der Südseite natürlich, weil es da kühler ist?" Daö versteht sich, Sir. Haha! Die Ncrdsonne ist ja hierzulande, was zu Hause in Europa die Südjonne." Brcwstcr schien durch die Auskunst recht befriedigt zu sein. Nach dem Essen besichtigte cr daö Haus von oben bis unten. Am längsten verweilte cr im Heller. Die Kleinheit desselben mißfiel ihm durchaus nicht. Tann ging Johannes Mofcr mit ihm iirs Freie, und sie besahen den Garten, die Accker und daö Weideland. Nun, was ist der genaueste Preis für das Alles?" fragte Brewster. Fünshundertundsünfzig Pfund Ster ling," versetzte Moser bedächtig. Ist das nicht ein bischen zu viel?" Kann keinen Schilling davon ablassen!" Hm, ich halte Euch für einen redlichen Mann; Ihr werdet mich nicht über's lx hauen wollen. Sei's denn ich kaufe die Farm für den Preis!" Baar?" Ich habe nicht viel Geld bei mir, nur etwa dreißig Pfund, und kann demnach nur zwanzig Pfund, baar zahlen; den Rest bleibe ich einstweilen schulbig." Tarauf kann ich mich unmöglich einlassen." Meine zinsbar in Dubbo angclcg ten Gelder sind nicht so rasch flüssig zu machen; daö dauert natürlich einige Zeit." Hundertfünfzig Pfund Sterling Anzahlung müßt Ihr leisten ; der Rest
könnte ein halbes Jahr später bezahlt werden." Brewster besann sich einen Augenblick. Dan'l sagte er : G.:t. Machen wir'S, wie Ihr cs wünscht, Sir. Gehen wir in's HauS und setzen wir einen vorläufigen schriftlichen Bertrag auf, nach welchem nachher in Eamberwell der notarielle Kaufvertrag abge schlössen werden kann." Die Beiden gingen wieder hinein. Die Abmachungen über den Verkauf der Farm wurden schriftlich vereinbart. Also hundertundsünfzig Pfund baar " Ja, die hole ich von Dubbo." Und vierhundert Pfund nebst sechs Prozent Zinsen nach einem halben Jahr." Jawohl. Vielleicht geschieht die Restzahlung auch schon früher. Ihr seid NUN an den Kontrakt gebunden, Sir. Das Hau?, die Farm ist mein." Noch nicht, Sir, da Ihr ja die ÄnZahlung noch nicht geleistet habt. Wenn Ihr nicht wieder kämet, Euch ein Unglück widerführe oder Ihr auf andere Gedanken gericthet und ein anderer Kauflicbhaber sich einstellte, so müßte ich freie Hand haben und über meinen Besitz verfügen können nach Belieben." Das mochte ich verhindern, Sir," sagte Brewster nach einigem Bedenken. Empfangt also hier zunächst zwanzig Pfund Draufgeld und gebt mir darüber eine Quittung. Durch diese vorläufige Anzahlung ist also der Handel abgeschlössen, und Ihr seid an den Kontrakt gebunden." Wie lange?" Nun, sagen wir vierzehn Tage. Bis dahin komme ich jedenfalls wieder
und bringe weitere hundcrtunddrclßlg Pfund Sterling." Wohl, es sei. Damit bin ich einverstanden." Moser nahm drei Banknoten in Empfang, einen Zehner und zwei Fünscr, prüfte sie sorgsam, fand sie gut und schrieb dann eine Quittung. Wollte eigentlich einen kleinen Abstecher nach den verlassenen alten Goldgruben unternehmen," sagte daraus Brcwstcr. Doch jetzt gebe ich diescn Plan aus und wandere morgen früh wieder nach dem Süden, um in Eambcrwcll oder anderswo eine pussende Fahrgelegenheit nach Dubbo zu suchen. Ist ein Wirth im Dorfe? Kann man hier irgendwo logircn?" Eine Gastwirthschast ist hier noch nicht. Aber ich beherberge Euch recht gerne diese Nacht. In der Kammer oben konnt Ihr zchlascn. Schön, ich danke, Sir." Am folgenden Tage, einem Sonntage, war der Gast schon ebenso früh aus wie der Farmer und dessen Hausgenossen. Er rüstete sich flink zum Abmarsch, nahm seinen dicken knorrigen Wandcrstab zur Hand und verabschiedete sich. Die beiden Moser schauten ihm nach. , . . Ein wunderlicher Mensch," meinte Gerhard. Was ist denn so Anziehendes in und an Deiner kleinen Farm, daß er sich sogleich zum Kaufe cntschloß? Die rasche Art und Weise, wie cr sie gekauft hat, kommt mir etwas seltsam vor." Nun, ich gebe zu, Brewster ist ein schnurriger Kauz, wie es deren ja manche gibt in Australien," sprach Johannes. Gewiß meint er cö aber ehrlich mit dem Handel, da cr ja eine ansehnliche Summe als Draufgeld bezahlt, hat. Ich freue mich, daß ich die Farm zu dem ziemlich guten Preise loS werde." Tarnach gingen die Beiden in'S Haus zurück. Eine halbe Stunde später hängte Gerhard Moser seine blecherne Ao'tanisirkapsel um und verließ die Farm, um sich nach dem Mallcybusch zu begeben. Zuerst schritt er nach Süden, bis cr nach einer Bicrtelstunde die Stelle crreichte, wo der Weg den östlichen Rand des Dickichts fast berührte. Dann drang er in dasselbe ein. Berirrcn konnte cr sich nicht so leicht darin, denn bei solchen Ausflügen war cr stets mit einem kleinen Taschcnkompaß vcrsehen. Der Mallcybusch besitzt für den Na. tursorscher und Blumenfreund viel Reize. Er besteht aus dem niedrigen, wenig mehr als manneshohen dichten Gebüsch einer Zwergeukylaptusart, untermischt mit vielen anderen kleinund schmalblätterigen Pflanzen und allerlei Torngestrüpp. Dieses Dickicht wimmelt von Käfern und Schmettcrlingen, Eidechsen und kleinen Schlangen. Zahllose Vögel haben darin ihre Nester, das Wallaby und die Känguruhratte hausen darin, und der Dingo verträumt darin die heiße Tageszeit. Der junge Lehrer hatte einige merkwürdige Pflanzen gesammelt und das Treiben eines Ameifenschwarmes beobachtet. Dann drang er weiter nach Südwesten vor. Da traf er mit einem von seinen Schülern zusammen, einem zwölfjährigen blondhaarigen Bauernknaben. Der Junze erzählte ihm, daß cr nahebei ein merkwürdiges Bogelnest entdeckt habe. Gerhard wünschte das Nest zu sehen. Sein Schüler führte ihn zu der Stelle hin. In der That war es ein sonderbar geformtes Nest, welches den jungen Mann höchlich interefsirte. Dann gewahrte er, wie etwa vierzig oder fünfzig Schritte weiter im Süden ein Schwärm von Aasgeiern auf den Zwergeukalyp ten hockte. Und immer flatterten noch mehr dieser häßlichen Vögel herzu, um sich da bei den anderen niederzulassen. Neugierig geworden, ging er mit.
oem Jungen yrn, um zu untersuchen, was diese Versammlung von Aasgeiern zu deuten habe. Herr Lehrer ! schrie plötzlich der Knabe schreckensbleich, da liegt ein Todter im Busch " Durch das Gestrüpp drangen die Beiden durch zu der Stelle, auf die der Knabe deutete. Ein Mann lag dort regungslos am Boden. Es ist Christoph Helbing! - rief der Junge.' Wahrhaftig, Du hast recht. Peter!' sagte Gerhard. Aber möglicher Weise lst er noch nicht todt, denn sonst hätten sich gewiß schon die Geier auf seinen Körper niedergelassen." Und der junge Lehrer kniete nieder und untersuchte des Daliegenden Zustand. Er entdeckte noch Leben in ihm. leisen Herzschlag, leises Athmen. An der rechten Schläfe war eine blutige Wunde und der Kopf dort schrecklich gesckwol lcn. Doch schienen dle Knochen der Schädcldecke nicht zertrümmert zu sein. Gerhard richtete den Kops des Bewußtlosen ein wenig empor und netzte und wusch behutsam die Wunde mit dem Trinkwasser aus einer kleinen Feldflasche, die cr mit sich führte. Dann verband er die Wunde, so gut cr konnte, mit seinem reinen leinenen Taschentuch. Unterdessen verscheuchte der kleine Peter mit seinem Stecken die trägen Aasgeier, welche mit yäßlichcm Gekreische fortflattcrtcn, als seien sie erbost darüber, daß die Beute ihnen entgehe. Hier liegt kein Nnglücksfall, sondern ein Verbrechen vor," sagte der junge Mann. Unmöglich können wir Beide Helbing hcimschaffcn. Schnell, Peter, laufe in'S Dorf und hole Hilfe, die beiden öhne HclbingS und meinen Bruder, besonders aber Hans Ohl !" Der Bauer Hans hl war eine Art Naturdoktor, der sich auf die BeHandlung von Wunden, Gliederverrenkungcn und dergleichen gut verstand. Solche Leute gibt'S ja vielfach unter den Bauern und Schäfern überall auf dem Lande. Peter versprach, daß cr sein Möglichstes an Schnelligkeit leisten wolle, und rannte hurtig davon. Gerhard blieb bei Ehristoph Helbing. Zuweilen netzte er ihm mit Wasser die Lippen, und hin und wieder scheuchte er allerlei kriechendes Gethicr fort. Einmal öffnete Helbing die Augen und starrte den jungen Mann an, fichtlich mit dem Ausdrucke der Zufriedenheit darüber, daß Jemand hilfreich um ihn bemüht sei. Er versuchte zu sprechen, brachte cs aber nur zu einem unverständlichen Murmeln. Fast drei Stunden verstrichen so. Dann vernahm Gerhard Stimmen. Hier!" schrie er Hierher. Leute!" Nach etlichen Minuten kam zuerst der kleine Peter an, dann erschienen die anderen. Die beiden Söhne HelbingS waren sfhr bestürzt. Hans Ohl nahm den' Verband ab und untersuchte die
Wunde. Ich glaube, eS ist nicht gar so schlimm." sagte er dann. Das läßt sich wohl heilen. Allerdings hat Freund Helbing einen fürchterlichen Schlag erhalten, doch zum Glück besitzt er einen vortrefflichen Schädel. Jedenfalls hat der Mörder geglaübüß sein Opfer todt sei," meinte Johannes Moser. Hatte Euer Vater viel Geld bei sich?" Das glaube ich," versetzte Helbings ältester Sohn. Er war nach Eamberwell gegangen, um in Guthaben von zweihundert Pfund Sterling einzukassiren." Christoph Helbings Taschen wurden NUN untersucht. Brieftasche und Geldbeute! sowie auch seine Uhr fehlten. Das Alles mußte geraubt sein. Es Muß durch einen Eilboten schiennigst der Arzt von Eamberwell berufen werden," meinte Gerharde Das ist nicht nöthig!" rief Hans Ohl. Ich bringe ihn wohl eher wieder auf die Beine als der englische Pfuscher in Eamberwell.In zweckmäßiger Weise legte cr einen neuen Verband an. Er hatte das Nöthige dazu mitgebracht. Darauf wurde Ehristoph Helbing in eine Decke gehüllt und dann behutsam aus dem Busch getragen, was recht beschwerlich war. Doch endlich langten sie mit ihm im Dorfe an und trugen ihn in sein Haus. Höchst erschrocken und betrübt waren natürlich Meta und deren Mutter. Herzlich dankten sie dem jungen Lehrer, der sich dann mit seinem Bruder entsernte. Darauf bemühten Frau Helbing und Meta sich eifrigst um den Gatten und Vater. Unter ihrer sorgsamen Pflege und der verständigen Anleitung Hans OhlS gelangte am Spätnachmittag Helbing wieder zur vollen Besinnung. Cr konnte auch wieder sprechen, freilich Anfangs nur mühsam und in Paucn. Zuerst wellte er die Brüder Moser ehen. Beide wurden rasch geholt. Er prach ihnen seinen Dank us, und Serhard bat er um Verzeihung wegen dessen, was früher geschehen. Das klang ja recht . erfreulich und erschien geradezu verheißungsvoll. Einen zärtlichen Blick wechselte der junge Lehrer mit Meta. Dann gab Christoph Helbing genane Auskunft über das Abenteuer, das beinahe so verhängnißvoll für ihn geworden wäre. Ich hatte in sehr früher Morgenstunde Eamberwell verlassen. Da traf ich, ungefähr auf der Mitte des Weges, mit einem WanderSmann zusammen. Der grüßte mich und fragte, ob ich aus griedensthal sei, ' was ich bejahte. Darauf erzählte er mir, daß er Brewster heiße und mein zukünftiger Nachbar
. , . . r . . sei. Er habe nämlich Moders tfann gekauft, die er nächstens übernehmen würde. Das interefsirte mich natürlich, und ich blieb, bei ihm stehen, um mit ihm zu sprechen. Dabei entfiel mir zufällig, als ich. meinen Tabaksbeutel herausziehen wollte, um srifch meine Pfeife zu stopfen, die Brieflasche, die von selbst dabei ausklappte, so daß die Banknoten sichtbar wurden. Ich bückte mich darnach und erhielt im selben Augenblick einen fürchterlichen Schlag an den Kopf, so daß ich besinnungslos hinstürzte. Tann weiß ich nicht mehr, was mit mir vorgegangen ist. Der heimtückische Schurke hat mich ausgeraubt, meinen Geldbeutel und meine Brieftasche mit zusammen über zwei hundert Pfund Sterling gestohlen. Dann muß er mich, den von ihm für todt Gehaltenen, tiefer in den Busch hineingeschlcppt und dort hingeworfen
haben." Im höchsten Grade erstaunten über diese Mittheilungen die Brüder Moser. Sie berichteten nun ihrerseits ausführlich die Geschichte von dem Jarmver kauf. Tas war doch wirklich seltsam! Der Mann wollte Geld holen von Dubbo, plünderte aber untcrweas einen ibm Begegnenden aus. Wie mochte das zusammenhängcn? Weshalb hatte er mit solchem auffallenden Eifer und Intercsse die Farm gekauft? Sollte man die Buschpolizei benachrichtigen und ihn verfolgen lassen? Tas erschien doch zu aussichtslos. Er hatte ja schon zu viele Stunden Vorsprung, war vielleicht auch gar nicht nach Dubbo unterwegs, sondern trieb sich sonst irgerdwo herum. Und er wollte ja überhaupt zurückkehren, hatre ein ansehnliches Draufgelb auf den Kaufpreis geleistet, das er wayrschelnllch rncht ini Eriche lassen würde. Vslßt uns ruhig warten," meinte Gerhard. Der Elende stellt sich gewiß nach vierzehn Tagen wieder ein, da er sein Opfer für todt hält. Wenn cs auch vermuthlich Schwindel war mit seinen angeblichen Kapitalien in Dubbo, so hat cr sich jetzt doch das nöthige Geld auf der Landstraße ergattcrt. Also kommt er zweifellos. Dann können wir ihn festnehmen, um ihn der Behörde zu überliefern, und Nachbar Helbing wird sein Geld wieder erhalten. Bei der Gelegenheit kommt dann auch vielleicht an den Tag, weshalb der unheimliche Mensch so versessen aus meines Bruders Farm ist." Gerhards Meinung erschien allen sehr zweckmäßig. Man verständigte sich mit den anderen Bewohnern des Dorfes darüber. Es wurde beschlossen, daß Jedermann über den Vorfall Stillschweigen beobachten solle, damit derselbe nicht in Eamberwell und anderwärts bekannt werde. Ehristoph Helbing erholte sich allmälig völlig. Nach zehu Tagen konnte er schon daö Bett verlassen. Gerhard kam jetzt jeden Tag Abends zu Meta, um mit ihr zu plaudern. Ihr Vater hatte nichts mehr dagegen einzuwenden. Er war jetzt sehr freundlich g?gcn den jungen Mann und schien dessen Herzensneigung nunmehr zu begünstigen. 3. ES wär vierzehn Tage später und wieder Sonntag. Am Vormittag kam der angebliche Andrew Brewster ganz gemüthlich daher und trat zu Moser in's Haus. Ah, Sir, da seid Ihr ja!" rief der deutsche Farmer. Bravo! Ihr seid pünktlich in Geschäften.Daö ist so meine Gewohnheit," versetzte der Ankömmling. Ich bringe also heute die 130. Schön!" sprach Johannes Moser und zwinkerte mit den Augen seinem Bruder zu. Lieber Gerhard. Du siehst, ich bin jetzt verhindert. Mache Tu für mich den kleinen Gang." Der junge Lehrer entfernte sich, um schleunigst die anderen Bauern herbeizuholen. Brewster setzte sich an den Tisch und begann die Banknoten aufzuzählen. Was gibt'S Neues in Dubbo?fragte Moser. O, nichts Besonderes. Gibt's hier vielleicht etwas Neues?" Brewster fragte dies mit lauerndem Blicke. Ja, leider," versetzte Moser. Einer von meinen Nachbarn ist seit etwa vierzehn Tagen spurlos verschwunden. Vermuthlich hat er sich in der Wildniß verirrt.Das ist schon Manchem passirt. Im australischen Busch kann man sich gar leicht vcrirren.Noch allerlei sprachen die Beiden vom Geschäft des Farmvcrkaufes. Da fuhr Brcwstcr plötzlich auf. Was ist das?" rief cr. Da kom men ja bewaffnete Farmer heran. - Weiß nicht, was es zu bedeuten hat," versetzte Mozcr. Wir wcrden's aber wohl sogleich erfahren.- Im nach, stcn Augenblicke schon kamen die Leute in's Zimmer, und der Fremde sah sich seinem todtacalaubten Opfer gegenüber. , Ja, das ist der. Schurke!" schrie Ehristoph Helbing. ' Der hat mich niedergeschlagen und beraubt." Eine wilde Verwünschung murrnelte Brewster. Er wollte sich zur Wehre setzen; doch bevor er eine Waffe zum Vorschein zu bringen vermochte, wurde er von den kräftigen deutschen Bauern überwältigt und mit starken Stricken gefesselt. Bei ihm wurden noch vierzig Pfund gefunden. Mit den anderen 130 waren es 170. .Ich lege die zwanzig. Pfund och
dazu, welche ich zuerst als Traufgesd erhielt, dann sind's hundertundneunzig Pfund," sagte Johannes Moser. Nehmt's. Nachbar Hclbinz! Es ist Euer Geld." Gerhard wandte sich an den Gefcs selten. Tic zwanzig Pfund, welche Ihr damals zahltet, sind wohl auch geraubte? Geld?" Nein," versetzte Brewster finster. Hatte vor fünf Wochen ein bischen Glück in einer Spielhölle in Dubbo." Der junge Lehrer rief: Ich will jetzt gleich einen Bericht über den Vorfall schreiben für die Behörde in Eam bcrwcll. Die Buschpolizei wird dann diesen gefährlichen Menschen abholen." Thut's nicht!- stöhnte Brewster. Laßt mich lausen! Ich will ich habe ein Geheimniß. Ich will mich los kaufen. - Loskaufen wollt Ihr Euch?" lachten die Farmer. Haya, womit denn? Habt Ihr vielleicht noch einen umgcbrach! ?" Der Räuber schien sich plötzlich eines Anderen zu besinnen. Was meint Ihr?" fragte Johannes Moser. Womit wollt Ihr Euch loslaufen ?- Der Räuber knurrte etwas in sich hinein, antwortete aber nicht weiter. Ein Eilbote wurde fortgeschickt, und Nachmittags kamen zwei berittene Polizisten an. Oho!- rief der eine, was haben wir da für einen Vuschvogcl? Ei, siebe da. eine alte Bekanntschaft !" Angeblich heißt er Andrew Brcw stcr," sagte Gerhard. Nein, so heißt er nicht," versetzte der Polizist. So wahr ich lebe, das ist John Hathaway in Lebensgröße, ehemals Anführer einer Auschräuberschaar, die in dieser Gegend ihr Wesen trieb, als noch die Goldgräbereien im Gange waren im Norden. Ich war selbst dabei, als er gefangen wurde. Zu zehn Jahren schweren Kerkers wurde er damals verurtheilt. Schau, kaum freigelassen nach Ablauf der Strafzeit, macht cr schon wieder solche Streiche! Damals hat er einen Goldtransport überfallen und geplündert. Das geraubte Gold kam nicht wieder zum Vorschein, obgleich eine hohe Belohnunz für die Wiedcryerbeischasfung desselben ausgeboten wurde." Die Polizisten nahmen John Hathaway in die Mitte und entfernten sich mit ihm, um ihn in UntersuchungS hast zu bringen. Als die Brüder Moser allein waren, hatten sie ein wichtiges Gespräch. Gerhard sagte: Ich glaube, das Gchcimniß ist jetzt cnträthselt." Wie so?" fragte sein Bruder. Hathaway muß einen Schatz, das von ihm geraubte Gold oder einen Theil desselben, vergraben haben. Er sprach ja von loskaufen. Wäre ihm die Stelle aber ' zugänglich, so hätte , er Helbing nicht beraubt. Ich kann mir
nicht anders denken, als daß hier, wo Dein Haus jetzt steht, daö Gold verborgen liegt. Auf solche Weise erklärt sich sehr einfach der sonst fast unbcgreisliche Farmkauf. An der Farm selbst war ihm eigentlich nicht gelegen, er wollte aber in aller Stille und Sicherheit hier seinen Schatz heben können." Deshalb intercssirte er sich auch damals so für die Lage des Kellers!" rief Johannes Moser. Wahrscheinlich liegt sein Schatz abseits davon im Erdgrunde. Die vier alten Stringybarkbäume'sind ihm wohl damals als Merkzeichen geeignet erschienen. Wir müssen unter dem Hause nachgraben. - Johannes Moser ging sogleich eifrigst darauf ein. Die Beiden gingen in den Keller und begannen von dort aus ihr Werk, indem sie die Erde unter dem nicht unterkellerten Fundament dcö Hauses aufgruben. Ihre Anstren gungcn wurden von Erfolg gekrönt. Am zweiten Tage schon entdeckten sie in fünf Fuß Tiese den Schatz, bestehend aus zehn schweren, mit Gold gefüllten. Lcdersackchen. Der Werth des Schatzes betrug, wie nachher berechnet wurde, sechzigtausend Pfund Sterling. Im Dorfe erregte dieser erstaunliche Fund das größte Aufsehen. Einige Bauern meinten, die glücklichen Finder sollten den Schatz ohne Weiteres als gute Beute behalten. Aber Gerhurd und Johannes Moser übcrlieferten ihn der Behörde. Als Belohnung erhielten sie zehn Prozent vom Werthe zugesprochen, alfo sechstausend Pfund Sterling, eine für sie höchst beträchtliche Summe. Der Vorfall kam nun in die Zcitungen. John Hathaway erhielt im Untersuchungsgefängniß auch davon Kenntniß, daß sein geheimer Schatz von den Deutschen aufgefunden worden sei. Der Kerkermeister machte sich nämlich das Vergnügen, ihm das mitzutheilen. Darüber geriet!) der Gefangene in solche hochgradige Aufregung, daß in der Nacht ein Herzschlag seinem Leben ein Ziel setzte. Am anderen Morgen fand man rhn todt auf seinem Lager. Draußen aber im Dorfe Friedensthal herrschten Glück und Freude. Die Brüder Moser entschlossen sich nach reiflicher Ueberlegung, doch dort zu bleiben. Johannes vergrößerte seine Farm und kaufte, mehr Land und Vieh. Gerhard aber verheirathcte sich mit der schönen Meta und ließ ein stattliches Haus erbauen, in welchem er seine Schule einrichtete. Mit allem Eifer und bestem Erfolge betrieb er auch in der Folgezeit botanische und andere naturwissenschaftliche Studien im Mallevbusik.
