Indiana Tribüne, Volume 30, Number 141, Indianapolis, Marion County, 6 February 1907 — Page 6
Judiana Tribüne, U. Februar 1007
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Mewmsscr. ein lustige Geschichte, v?n A. Körner.
(SÄWß.) Er rerabschicdete sich alsbald und trabte denn auch ein paar Minuten später, merkwürdiger Weise in- sehr elegantem Kostüm, den Weg nach Willinannöhof entlang. Als er jedoch den cnzdergcm aus der Sehweite war, sprengte er plötzlich querfeldein und lenkte schließlich sein Nöplcin auf einen Waldweg, an dem sich zu seiner Genug thuung ein Wegweiser zeigte, der landeskundigen beuten verrieth, daß man in dieser '''timg unfehlbar nad; Hohendillstc? . ige, falls es einem nur nicht auf . , . .nf deutschen Meilen ankomme, die noch dazwischen lägen. Um dieselbe Stunde etwa saß Irene von Sildau, grübelnd wie Hamlet, in ihrem Stübchcn auf Hornfcldcn und entwarf den fünften oder scchuci Brief als Antwort auf Rudi von Horwitz' Huldigungs- und Cntschuldigungö schreiben. Das kleine Älatt mit den frischen energischen Schriftiigen des lustigen Lieutenants halte sie sehr entzückt. Junge Damen empfangenen und für sich schon gern Briefe, selbst solche von Freimdinnen weitesten Grade werden mit sichtlicher Freude entgegengenommen und mit größerer Wichtigkeit geöffnet als die diplomatischsten Texeschen in den bewegtesten Zeiten! Wie viel höher steht natürlich ein Brief ron Wnnerhand im Werthe! Und wenn dieser Äann qar Lieutenant ist und einen so flotten chnurrbart, so fröhlich blitzende 'Augen und eine so siegessichere, forsche Art zu reden und zu handeln hat, wie dieser Rudolf von Horwiy, so hätte sicher auch manches Mädel zahmerer Alt Herzklopfen bekommen! In Rudis Briefchen waren freilich ein paar Wendungen, die Irene vorkommen wellten, als tarjre er sie auf zwölf, höchstens dreizehn Jahre. Und sie war doch beinahe siebzehn. Und die Anspielung auf eine neue Pension, in die sie kommen konnte, war ganz und gar ungehörig. Das wollte sie in il rem Antwortschreiben auch mit einstießen lassen ; natürlich so, daß es ihn vicht etwa verleben konnte. Denn so ..clt wie Üiudi hatte ja in den legten vier Wochen keine Mensckensccle mehr mit ihr gesprochen, die gute jkathi ausgenommen, die ihre Amme gewesen war und jetzt als eine Art Faktotum aus Hornscldcn lebte. Der Bater war brmnmig wie ein Gesängnißdircktor, die Tante hielt tagtäglich Vorlesungen über das Benehmen der Töchter gebildeter Stände" ; Onkel enzberg war sogar grob gewesen, so oft er sich hatte blicken lassen, verderben also wollte sic's auf keinen Fall mit dem lieben Menschen. Darin aber lag gerade das Kunstflück. Nachdenklich kaute sie am Federlzaltcr. Eigentlich wr diese dumme Schreiberei doch etwas sehr UeberflüfsigeS. Mündlich hätte sich das sicher viel besser erledigen lassen. Die ganze Kußgcschichte sah aus dem Papier so gräßlich unwahrscheinlich aus und wenn sie noch wahr war! Wurde er cS glau ben, daß sie, nur um ihre Freundin Thcrcse beim .Litten" nicht abfassen" zu lassen, dem semmelblonden Generalsupciintendentcn in spe eine Kußhand zugeworfen hatte? Daß sie diese Kußlzand auch einem Schneidergcsellcn oder Schusterjungen gewidmet hätte, der 311 fällig statt des mit der Engländerin verlobten Kandidaten am Fenster vorübergegangen wäre? Sie konnte ihm doch nicht auseinandersetzen, wie verpflichtet sie dieser Thcrese Liccirta, war, die mau als armes Mädchen dazu bestimmt hatte, ihr Lehrerinnen-Examen abzulegen! Auch von dem Haß hätte sie ihm erzählen müssen, mit der die Miß gerade Therese verfolgte, und daß von dieser Klausurarbeit das Zeug nip abhing, Uis dem armen Mädchen mit in's Seminar gegeben werden sollte! Das war Allcö ss weitläufig. Und 'dann nun gar die Duellgcfchichte," die man so gehässig wie möglich verdreht hatte! Wie war sie erst drangsalirt, wie hatte man sie beschimpft und verhöhnt, ehe sie so schrecklich böse gewor den! Ach, erst als die eifersüchtige Miß gar nicht aufhören wollte, vor einer ganz besonderen Genugthuung zu zetern, hatte sie endlich ;ornig gefragt, ob sie sich denn mit Madame oder Fräulein duelliren solle! Das wal ihr so im Grimm herausgefahren, und daraus hatte man ihr den Strick gedreht ! Aber das konnte sie doch unmöglich Alle? schildern! Seufzend überlas sie das vor ihr liegende Blatt und schütleite den Kopf. Was hatte sie da wie der Alles zusammengeschrieben! Dies ging nicht und das noch viel weniger! Wendungen, wie: Thun Sie sich keinen Zwang an, mir zu glauben; ich lebe auch, wenn Sie's bleiben lassen!" waren doch wohl etwas zu stark, und auch die blonde Brechstange," alö welche der arrne Kandidat sigurirte, hatte sicher ihr Bedenkliches. Einen Moment lang noch legte sie -die zierlichen Fingerspitzen an den ärgerlich verzogenen kleinen Mund, dann gab es plötzlich ein paar schrille kreischende Geräusche und das Schicksal seiner Vorgänger hatte auch diesen .Wisch" ereilt. .Nicht da, Herr Lieutenant, es wird nichts geschroben! Onkel Lern berg hat Ihnen sicher doch schon den - ovk verkeilt so dän meine aufrichtige
Beichte von 'Ihnen' höchstens für eine klägliche Mohrenwäsche gehalten würde ! Außerdem brauchen Sie'S ebenso wenig zu wissen wie die Anderen, wie die Geschichte mit der Kußhand zusammenhängt! Warum kommen Sie nicht und
besuchen uns? Vielleicht hätte ich s Ihnen erzählt! Vielleicht am!) nicht! Denn wie sollte ich da;u kommen?monologisirte sie und packte ihre Schrcibmappc'fort. Cli er sich wohl ärgert, daß ich nicht antworte? dachte sie dann, und dieser Gedanke bcschästigte sie noch, als sie die sorgfältig zusammcngclcscnen Schnitzel ihrer Briefentwürfe, die der eifrig spürenden Tante nicht in die Hände fallen sollten, am Küchcnscuer Kathis verbrannte. Was hast Du nur, Renchen?" fragte die gutmüthige Vierzigerin, die ziemlich neugierig war. .Richts!" erklärte Irene, ein wenig verlegen. .Oder weißt Du ein Mittel gegen Leberflecke?" .Gegen Leberflecke? Natürlich !" erklärte sie wichtig, legte die Hand an den Mund, um 'den Schall ihrer Stimme zu dämpfen und flüsterte: .Ostcrwasser!.Dü bist verdreht, Kathi!" .Nein, nein, Renchen! Das ist das Beste, was die Welt hat! Aber man muß es verstehen. In der Oslernacht zwischen zwölf und eins muß man es holen. Gleich von der Quelle! Kein Wart dabei sprechen! Auch auf dem ganzen Nachhausewege nicht! Sonst hilft'S nämlich nicht !" Das Fräulein lachte unbändig vor Vergnügen. Aber ganz hinten in einem Winkelchcn ihres fröhlichen Herzens hockte doch ein Stückchen jenes wunderlichcn Aberglaubens, über den sie sich so lustig machte! Schaden könnte das Wasser doch auf keinen Fall ! sagte sich die kleine Sophistin. Und ein prächtiger Spaß wäre es auch, so in der mondhellen Frühlingsnacht hinaus zu huschen, alö Baucrnmädchcn natürlich mit kurzem Röckchen und einem Tuch um den Kovf ! Sie hörte sich schon kichern vor Wonne über das herrliche Abenteuer. Kein Wort sprechen, stumm von der Quelle schöpfen, stumm durch den Wald wandeln, sich auch ein biöchen fürchten dabei, wenn ein Zweig knackt oder ein Eichhorn aufgescheucht durch dicStämme schlüpft, vielleicht gar cin Rchdock wild über den Weg rennt ! Nein, das durfte sie sich nicht entgehen lassen. Kathi hatte gar nicht mehr nöthig, die Wunder des Qster wasserö weiter anzupreisen, Fräulein Irene wäre auch mitgegangen, wenn athi ihr nicht hoch und heiliz versichert hätte, daß es alle Flecken des Leibes und der Seele durch seine geyeimnißvollcn Kräfte abwasche, sofern man nur nicht nachlasse, es zu gebrauchen. Ihr Hang, die nüchterne Alltaglichkeit aus rrgend eine Weise zu unterbrechen, war wieder lebendig geworden. Die Möglichkeil, das Gehege von Langweile, das Hornfelden wie eine chinesische Mauer zu umschließen schien, so einmal heimlich zu durchbrechen, war doch gar zu verlockend! Wenn der garstige Leberfleck dabei wegging, war der Gewinn doppelt groß. Der schlimme Rudi sollte dann schön die Augen aufreißen, wenn sie sich wiedersahen! Und daß sie sich wieder sehen würden, schien ihr unzweifelhaft. Er mußte doch einen Besuch auf Hont felden machen, das gebot schon die Hoslichkeit! Und so hieß denn die Parole für diesen Abend: Qsterwasjer! o o. Seat, aber sehr vergnügt, war Rudi von Horwitz von Hohendillstcdt zurückgekehrt. Die Auskunft, die er sich dort geholt, war unzweifelhaft ganz nach seinem Geschmack gewesen ; denn am anderen Morgen, dem Ostcrsonnabend, konnte er sich vor Uebcrmuth gar nicht lassen. Bald neckte er die Katze, bald schnitt er dem Hund Gesichter, bald sagte er der Stubenmagd Komplimente, die sich auch eine Herzogin hätte ge fallen lassen können. NurdasAusbleiben jeglicher Antwort aus Hornfcldcn störte seine gute Laune. Aber das Brief' chen konnte ja noch kommen! Als nachher freilich der Briefträger dagewesen war und außer einer aus Schilsstedt nachgesandten Offerte einer Wafsenhandlung nichts sur ihn gebracht hatte, wurde er langsam stiller. Einm Augenblick kam ih n die Sache sogar fatalistisch vor. Statt deö lieben Gektzels der kleinen wahlverwandten Irene einen Jkcvolver-Preiskourant ! Aber das sollte sich das sogenannte Schicksal nicht etwa einbilden, daß Rudi von Horwitz aus sich selbst schießcn würde! Nicht einmal im Spiegel! Dazu war er denn doch wohl zu schade, trotz seiner vielen anderen dummen Streiche ! Lächelnd cntraffte er sich den Zwie spaltigen Anwandlungen von Hoffnungen und Zweifeln, die ihm wie einem verliebten Primaner zu schaffen machen wollten, und schritt in den Wald. Aber so viel er auch Ausschau hielt, der günstige Zufall wollte sich nicht wieder holen. Offenbar waren alle Ostereier in Hormclden schon genugend mar morirt. Erst zum Abendbrod kehrte er zurück, wobei ihm der Onkel die ErÖffnung machte, daß er den LangensteinS noch einen Besuch zugedacht habe. Wenn er ihn nicht begleiten wolle, möge er daheim bleiben. Er würde ihn dann als krank entschuldigen. Rudi hatte selbstverständlich nicht die qeringste Sehnsucht nach der zärt lichen Hulda. Er versicherte dem Onkel, auch wirklich ein wenig krank zu sein. und bat um Uebcrmittelung seiner respektvollsten Grüße. So trennten sie
sich alsbald. Lenzberg ritt in die Abenddämmerung hinaus, nac'i den Langensteins zu. änderte aber alsbald wie sein intelligenter Neffe gestern die Richtung und trabte nach Hornfelden.' Rudi blieb daheim und versuchte zu lesen.
Alö ,dic Buchstaben anfingen, ein' Ballet aufzuführen, das vielleicht die Erfindung der Buchdruckerkunst "versinnbildlichen sollte, klappte er das Buch zu und begab sich zur Ruhe. Aber nun fingen die Gedanken an, den zweitcn Akt der Tanzpantomime darzustellen. Wild wirbelten sie ihm durck den Kopf, ohne auch nur ein einziges Mal Halt zu machen. Vielleicht war das die Andeutung der Schnellpresse oder Rotationsmaschine. Genug, er hielt es nicht aus im Bett ! Dazu schien der Mond so strahlend und verlockend in's Zimmer und schnitt ein so lustiges Gesicht, wie ein jovialer Oberförster, der die Jagd eröffnet ; daö Gcschrci von Wildenten drang von der Gegend des Wciherö her zu ihm, von denen er, so lange er in Lcnzbcrg war, auch noch nicht eine einzige geschossen hatte. Was konnte da anders geschehen? Mit beiden Füßen sprang er heraus aus dem knarrenden Bettkasten, zog sich schnell wieder an und rüstete sich zu einem Waldspazicrgang im Mondenschimmcr, wobei ergänz sicher angenehmer träumen konnte, als in den dumpfen Pfühlen des schweren Federbettes. 'Nun grisf er nach dem Gewehre. Viel leicht hatte er Glück diese Nacht ! Und daö sollte ihm, der bei Leibe natürlich nicht abergläubisch war, ein gutes Omen sein, ein Fingerzeig des Schicksals. der ihm eine glückliche Zukunft an kr Seite jenes lieblichen Menschen kindes andeuten sollte, für dessen natürliche Frische und heißblütigen Trotz das kühle pedantische Älter auf Lenzberg und Hornfelden kein Verständniß zu besitzen schien. Der Gegenstand dieser seiner frei schüyartigcn Orakelbcschwörung, Fräulein von Sildan, die man im elterlichen Hause längst in süßen Träumen wähnte, wartete in ihrem Zimmer ungeduldig das Herannahen der Mit ternachl ab, wobei ihr Kathi die schönsten Schauergeschichten in den größten Portionen auftischte. Endlich schlug es elf und man ging nun daran, das Fräulein zu dem nächtlichen Wege umzuklciden. Denn cö sollte sie Niemand erkenneu. Aus den Kleiderschränken der vergangenen Geschlechter hatte Kathi denn auch einen sehr hübschen, bäuerlichen Anzug herausgesunden, der für das schlanke Figürchcn sehr nett paßte. Nun band sie ihr noch ein großes weißes Tuch um den Kops und das Landmüdcl war fertig. Vorsichtig schlichen sie mit ihren Eimern versehen aus der Hausthür, die noch nicht geschlossen war (der Kutscher, der sich mit verschworen. hatte dasür gesorgt), und schritten dann rüstig vvrwärts durch die mondhelle Nacht, Kathi ernst und bedächtig, das Fräulein vergnügt wie eine Hummel im Hochsommer. Ihr Weg führte sie in die Nähe derLenzbergcr Forsten, wo nicht weit von dem schilsumtandenen Weiher eine Quelle entsprang, die wegen ihres köstlichen Wassers be sonders beliebt war. Manchmal streiften sie mit den Eimern an das ausknospende Gesträuch, das den ald pfad einsäumte. Dann lief ein wol lüstiger Schauder über des Mädchens Nacken. Oder ein aufgescheuchter Vogel flatterte durch'S Geäst und entlockte ihr einen Schrcckensrus. AberdiejeS prach tige Gruseln war ihr gerade recht, und der nächste Augenblick brachte ihr auch schon rhrcn alten Uebcrmuth zurück, den sie in keiner Pension hatte zähmen können. Sie lachte dann hell auf, daß es verwunderlich in dem stillen mitter nächtigen Walde widerklang und die Kathl sich ordentlich zu fürchten begann. Oder sie zupfte sie von hinten am Rocke, daß sie erschrocken herumfuhr oder scheu zur Seite blickte und heimlich ein .Vaterunser- betete. Plötzlich fiel eö ihr ein zu singen: Mein Schatz is a Reiter, VI Reiter muß 's sein! klang es fröhlich in die silberne Nacht hinaus, woraus Kathi unwillig brummte : .Der Herr von Wolkenstein ist doch kein Reiter !- .Nein!- sagte u daraus. .rer nicht!" Und stumm ging sie fortan neben der Amme her, bis sie zur Quelle gelangten, deren Murmeln und Nieseln. Glncksen und Rauschen sie wie eine fuße leise Nachtmusik anmuthete. Schalkhaft spiegelte sich der Mon in den durchsichtigen Fluthen und ließ die Kiesel ausleuchten, als wären es edle Steine; wie im Traume schauten die jungen zarten Triebe der überhängenden FruhlrngSllräucher darein, metallisch schimmerten die Kätzchen der Bandwnde, und der lci c Nachthauch, der manchmal durch die nahen Fichten strich, mischte sich mit dem Gesang der Quelle zu einer gehernrnißvollen heh ren Harmonie. Ein holder Hauch von Hlmmelssrieden lag über die er Olter nacht, und dem Mädchen wurde das Herz schwer vor nie geahnten sehn uchtigen Empfindungen, alö sie sich etzt über das Wasser beugte, um zu chäpfen, und die kleinen silbernen Wellen mit ihrem Sviegelbilde spielen sah. Hatte das. Wasser heute wirklich zauberliche Kräfte? O dann sollte es ihr die Sehnsucht stillen, die ihre junge Brust seit kurzer Zeit so seltlam durch wogte. Die Seynsucht! Wonach? Sie wußte eö selbst nicht recht. Aber sie fühlte, daß eS ein hohes Glück sei, um das sie bitte und nicht zu theuer bezahle Mit dem Vorsatz, der ihr letzt anflog. Frieden zu schließen mit allen denen, die sie nicht verjlanden und darum be keddet hatten und von ihr wieder be
fehdel waren: Madame Sauer und die eifersüchtige Lehrerin, Tante Theude linde und Onkel Lenzberg! Während sie noch schöpften, traten auch andere Mädchen herzu. Ohne Gruß, ohne Rede waren sie herangekommen den Zauber der Osternacht nicht
zu stören. Nun mutzte sie doch an sich halten, um nicht laut aufzulachen. enn ganz so wichtig wie diese anten Lämmer, denen allerdings ein bischen chönhltswasier nicht schaden konnte. hatte sie die Sache doch nicht betrieben. Ehe sie den Niickweg antraten, legte Kathi die Hand auf den Mund zum Zeichen, daß jetzt der Bann des Schwcigcns über sie verhängt sei. Und so schritten sie denn, zcdcö seinen Gedanken nachhängend, mit ihren gefüllten Eimern dahin. Plötzlich hörten sie kräftige Schritte durch die stille 'Nacht klingen. Es wa: kurz vor der Stelle, da ein Seitcnxfad von der Lenzbcrger Zvorst her auf ihren Weg einmündete. Kathi sah das Fräulein erschrocken an und eilte dann, sc schnell wie möglich vorwärts zu kommcn. Aber schon erschien die Gestalt deö nächtlichen Wanderers am Wegrande. Konnte das nicht der wilde Jäger sein, der auf Osterhasen pirscht? dachte Kathi und schlüpfte an ihm vorbei, ein SloMbetlein murmelnd, währcnd daö Fräulein ihr Kopftuch herzklovfcnd weiter nach vorn zog; denn sie hatte den schlanken schmucken Weidmann sofort wieder erkannt. Es war Rudi, der auf seine Frage an daö Schicksal noch immer keine zusagende Antwort erhalten halte. Die Wlldgänse und Wildenten schienen sich verschworen ZU hüben. UM iljm die Vaune zu Vetterden uns die Hoffnung zu rauben. Nur eine große Eule hatte er gesehen und es war ihm gewesen, als sei es die vom Schilsstcdtcr kathhause, die ihn für alle seine Schandthaten rn der Oster nach! verhöhnen wollte. Dann halte er auch noch den rechten Weg verloren, bis er endlich jetzt aus die )ornscldencr Pfade gerie'lh. Als er die Mädchen sah, war seine gute Laune gleich wieder da. Wenn's auch keine Wildenten find,- dachte er, .sind's doch zahme Gänse ! Immer besser wie nichts !" .Hollah!- rief er sie an. .was für Gespenster schleichen denn da herum in der Osternacht?Kathi bebte und hastete weiter. Irene lachte amüsirt über diese Aegeg nung in sich hinein; sie wußte, dag er sie nicht erkennen würde. Eine Ant wort bekam er natürlich nicht. Ihr Hcrenvolk, wollt Ihr mir wohl gleich Red? stehen?- begann Rudi von Neuem und trat mit ein paar eiligen Schritten der nachhinkenden Jüngeren, die für ein Bauernnuidchen eine auffallend schlanke Figur hatte, an die Seite. Aber sie hielten sich tapser in ihier Schweigsamkeit. .Sollte man glauben, daß junge Mädel den Mund so lange hallen kön nen?- ereiferte sich Rudi in komischer Entrüstung. Er kannte die Sitte des OstcrwaZjcrschöxfens ganz gut und wußte wohl, wie die abergläubischen Mädchen sich durch nichts bewegen lic ßcn, ihr Mundwerk in Thätigkeit zu setzen. Hatte er als halbwüchsiger Junge das doch ost genug selber er probt ! ES kam ihm die Laune an, dicö nach wachsende Geschlecht auf seine Tauerhasligkcit hin zu prüscn, und so blieb er als treuer Begleiter neben dem jüngercn der Mädel, um ihr oder der voianjchrcltendcn Hunin eine Antwort zu entlocken. Aber seine lustige ,;ra gen blieben sämmtlich unbeantwortet. .Ihr seid doch nicht taubstumm! sagte er schließlich. .Wißt Ihr denn nicht, daß sich das nicht schickt, einen in der Oltcrnacht ohne Antwort zu las sen? Ihr bekommt keinen Mann, wenn Ihr Eui; derart betragt? Doch sie gingen nicht auf das EiS Darauf wandte er sich geärgert über seine negativen Erfolge speziell an seine schlanke 'Nachbarin, die unter dcr Last ihres EimcrS schon cin wenig zu keuchen begann. .Du kleines Hornfeldcr Gänschen, sagte er, .paß aus, was ich Dir sage! Wenn Du nicht antwortest, heißt daS: ja! Willst Du ,nein' sagen, mußt Du den Schnabel aurthun ! Also, Tu moch lest von mir gern einen Kuß haben? Tu sckweiast? Tasbeint. wie ,ch Dir gezag,, yave, al folglich willst -Cu. ihn!' Und lachend versuchte er die unter ihrem Kopftuch purpurn erglühte Mäd chcnrose um die Taille zu fassen. Jetzt würde sie doch ganz sicher das Plappcr mäulchen öffnen müssen. Aber da hatte er die Rechnung ?hne ihre stämmige Begleiterin gemacht. Kathi war in dem gefährlichen Augenblick umgekehrt und hatte ihren Eimer mit dem kostbaren Nan wie eine Lvasfe erhoben. und als sie sah, daß der aufdringliche Mensch sich wirklich an ihrem Fräulein vergreifen wollte, ließ sie die Hälfte des GefäßlnhaltcS mit einem tüchtige: Schwung gegen ihn andonnern, 'cr Schuß wirkte. Freilich hatte mm; Irene ihr gut Theil rnit abgekrient. .Himmeldonnerwetter! - fluchte Rudi durch die stille Osternacht. .Bist Du denn des Teufels, Mädel?- und llen. ein Bild des Jammers, das Wasser von seinen Acrmcln herunterlaufen. Aber dcr Klang einer Mädchcnslimmc verwandelte seinen Groll sofort in die unbändigste Frcudc. .Kathi, Du Tolpatsch, waS stellst Du denn an?- halte die nette Wasserträgerin an seiner Seite gerufen, just als der Guß sie Beide getroffen. Daran hatte er sie erkannt. So sprach Niemand weiter in der Welt, so lustigfrisch, so einschmeichelnd, so glocken bell, wie das Fräulein von Sildau!
Mit einem raschen Blick sah er ihr unter das kapuzenartig vorgezogene Kopftuch. Nichtig, sie war es! Ein unnennbares Gefühl von Freude zog ihm durch's Herz. .Fräulein von Sildau!" rief er fröhlich, gar nicht bekümmert darum, daß sie ihm seine übermüthigen Worte von vorhin übel nehmen oder schlimm auslcaen könnte. .Sie holen Ostcrwasscr?" Wie Sie sehen, Herr Lieutenant ! slüslcitc sie und begann mit Kathi, die neugierig herangekommen war, ein provisorijchcs Trocknen seines argdurchnäßtcn Jagdrockeö, trodem sie selbst wie
ein Pudel tueste. Rudi wehrte sich entschieden gegen diese Bemühungen. .Wer sich in Gerahr begibtscherzte er. Außerdem ist eö ja Ostcr. wasscr! Das bringt Glück! Aber wozu hatten Sie denn Osterwajscr nöthig?" . vielleicht gegen Leberflecke!" sagte sie lachend. Aber hinter dem Lachen steckte ein bischcn Verlegenheit. .Hätte ich freilich gewußt, welch' gefährliche Bcaeanunc, unserer karrte .Sie werden doch nicht glauben, daß ich im Ernst hm - stotterte er, ein wenig aus dcr Fassung gebracht. .Warum nicht?" fragte sie schelmisch; denn sie verstand ganz gut, daß er sich wegen des dummen Kusses entschuldigen wollte. So wenig, wie ich von Ihnen geglaubt habe, daß Sie ledigtamtskan didatcn, die sie kaum kennen, mit Handküssen traktircn!" trumpfte er. .Kathi, nimm die Eimer und geh' voran!" bat Irene. .Das haben Sie nicht geglaubt?'' fragte sie dann, ein wenig zitterig in dcr Stimme.- .Uno wenn es nun doch so gewesen wäre?" .Es ist aber nicht so gewesen!" erklärte er sicgessichcr und wischte sich dabei den grünen Kragen trocken. .Woher wissen Sie denn das?" forschte sie dringend. Doch ihm lag zunächst anderes im Sinne. .Das will ich Ihnen nachher crzählen!" sagte er. .Zunächst verrathen Sie mir einmal, warum ich auf meinen Brief so ganz und gar keine Antwort erhalten habe?" Sie wurde wieder roth bei dieser Frage. .Ich konnte nicht - flüsterte sie endlich und sah zu Boden. .Ich wußte nicht, was ich Ihnen schreiben sollte ! .So bin ich Ihnen also ganz gleichgütig?" fragte er, ein wenig ver stimmt. .Liegt Ihnen denn daran von einem Hornfelder Gänschen?- entgcg riete sie, sich gewaltsam dem süßcn Zauber entreißend, der sie zu umstricken drohte. .Sie wissen ganz gut, Fräulein Irene: das galt nicht Ihnen! Ich war ausgezogen nach Wildenten uns wollte die kleinste Beule als ein Glücksomen ansehen! Aber es kam mir nichts in den Weg, bis ich zu guter Letzt nun einen wilden Schwan gcjan gen habe !- .Danke für das Kompliment !' kicherte sie. .Aber nun sagen Sie mir endlich, woher wissen 'cu denn?Ich war gestern in Hohendillstcdt bei der jungen Komtesse!" entacgnctc er. .Die kennt mich ja kaum!Ja, sie hatte aber Besuch mitge bracht aus dcr Pension: ein Fräulein Llcding " .Ach, Therese!" Ganz richtig! Und die kannte Sie und hat mir Alles erzählt, was Sie, kleine Thörin, den Leuten hier trotzig verschwiegen haben! Ach, sie hat mir auch geschildert, was für ein lieber. prächtiger Kamcrad sie ihr immcr gewescn sind und so weiter, bis ich ihr aus Dankbarkeit schließlich etwas sehr Hübsche versprochen habe!" .Und daö wäre?" fragte Irene arg los. .Ich habe sie zur Hochzeit ei'igeladen!' meinte Rudi vergnügt; aber das Herz schlug ihm blö rn den Hol hinauf. .Zur Hochzeit?" fragte sie verwirrt. .Wollen Sie denn heirathcn, Herr von Horwitz?" . Freilich!" entgegnete er und blickte sie an. Und ihr Gcgenblick verrieth rym, dak er an die remre Lchmicee ge langt war, dazz sie ihn wieder liebte, die der Herrgott ja auch eigcnö für ihn geschaffen haben mußte. Dem Herrn Better von Wolkenstein vor dcr vla)e weg!- rief er plötzlich jubelnd, und ilns, zwei, drei, hatte er sie umichlun gen und ihr einen Knß mitten auf den rosigen Mund gedrückt. .So!- sagte er dann glückselig. .Nun, sag' einmal ,Nein,' süße Irene!" .Aber, Herr von Horwitz!" hatte der Wildsana der dieser Ueberrumpe lung aufgeschrien und sich zu sträuben versucht. Doch ihr Widerstand war schwächer und schwächer geworden. So sträubt sich die Liebe, die über sich selbit erschrockene Liebe. Bei dem Ausschrei hatte Kathi sich wieder umgedreht und den einen Eimer auf's Neue geschwungen. Doch nun sperrt: sie die Augen vor verwunde rung auf, als sie das Fräulein in des Jägers Armen ruhen sah. .DaS Osterwasscr!" murmelte sie endlich. .Das Osterwasser!" fest überzeugt, daß seine geheiligte Kraft dieses mitt:rnächtigc Wunder herbeigeführt habe! Natürlich mußte Rudi mit nach Hornfelden, wie nachdrücklich er auch versicherte, daß ihm dieser Kneipp'sche Wasserguß trotz der Nachtkühle nicht anhaben könne l Und wenn daS aanie Qaus runter
wird!" sagte die resolute Irene. Es blieb ihm nichts übrig, als den kurzen Weg noch mitzumarschiren. Sie brauchten indeß Niemand im Schlafe zu stören. Die Berathung, zu dcr Onkel Lcnzbcrg herübergekommen wr, hatte sich in die Länge gezogen. Herr von Wolkcnstein halle nämlich schriftlich um Irene angehalten, und wie man das Sorgenkind am Besten darauf vorbcrcitcte und zur Eimviltigunq bewege, war hinter der Be thciligtcn Rücken natürlich hin und her überlegt worden. Endlich war man einig geworden, daß Jrcne nach Berlin zu Besuch solle, je eher, je besser, deö schlimmcn Rudi wegen, wie Onkel Lcnzbcrg erklärt hatte. Tort sollte
Wolkcnitcln sie aufsuchen, anschwärmcn, ausführen und erobern. Wenn Tante Ruth in Berlin aus dem Schatz ihrer Beobachtungen und Erfahrungen über das Kapitel Ehe" .ein biöchen Flankcnfeuer" gab, so mußte die Sache gehen! Hcrr von Sildau entkorkte noch eine Flasche 3!üdeeheimer trotz der vorgc rückten Stunde, um auf das Gelingen des langgcsuchtcn Planes noch ein Schlückchen zu trinken, und Onkel Lenzberg. vergnügt in dem Gedanken, sein Pathcnkind in eine sichere Lebensbahn lenken zu sehen, lie das Wetter mädcl" sogar leben. Tafür revanchirte sich dann sildau, lildcm cr den lujtigen Schalk Rudi mies, der trotz aller seiner losen Streiche doch ein kreuzbraver Kerl sei und wahrscheinlich gar Nicht daran gedacht haben würde, sich in die wilde, kleine Irene zu verlieben. is ilt ichadc." schlon er, da,; Tu so leicht (öespcnster siehst, Lcnzbcrg. Wir Kälten d.'.n guten Nufc sonst wohl in's Geheimniß' ziehen und seinen gewiß nicht üblen Rath hören können !" .Mir ist'S sä)vn lieber, er liegt in seinem Bett in Lenzbcrq!" sagte dcr Alte und schmunzelte in dem Bewußtsein, seineu seinen Herrn Neffen einmal richtig hintcr'S Licht geführt zu habcn. Da wurde ein Geräusch draußen hörbar, die Thüre wurde aufgerissen und in der Tracht einer Hornfeldcr Bäuerin, die beim Ireischicßcn vom Regen überrascht sein mußte, stand Jrcne auf der Schwelle. .Rcnr, wie siehst. Tu denn abfragte entsetzt dcr Batcr. .Ich denke. Tu bist längst in den Fcdcrn?- . Guten Abcnd, Onkcl Lcnzbcrg!" sagte sie, erstaunt, den hier anzutrefsen. Ja, denkt nur und zankt mich auö! Wir waren Osterwaffer holen, die Kathi und ich! Und auf dem RückWege hm " Eö wollte ihr doch nicht so leicht über die Lippen, wie sie sich das vorgestellt hatte. Indessen kam ihr nun Rudi zu Hilfe. Aus dem Nückwcge,- klang seine muuicre Stimme überaus vergnügt aus dem Hintergründe, .habe ich sie ge fragt, ob sie Lust hätte, Frau roll HörWitz zu werden!" Wie von der Tarantel gestochen, fuhr Onkcl Lcnzbcrg vom Sitze empor, alö er seinen braven ?!csfcn hörte. .Vombcn und Granaten!" fluchte cr. .Da haben wir die Beschccrung! Komm doch 'mal her, Junge! Ah, Du bist ja pudelnaß! Ist daö unserer Rcni Ant wort gewesen?" .Nein." sagte Rudi trocken. .Das war dcr Segen dcr 5?athi !" .Wie kommst Du überhaupt hierher?" donnerte nun Lcnzbcrg in höchst unbehaglicher Verlegenheit. Abc? Du bist doq auch hier, Onkclchen!" lachte Rudi darauf. .Ich hatte mich doch mit Sildaus gar nicht vcr uneinig! ! Na, ich will Dir'S nicht nachtragen, wie schnöde Tu an mir geliandclt hast, wenn Du bei Herrn von Sildau für mich sprechen willst!" So ist's rccht ; sctz' Dich auch noch auf'ö hohe Pferd! Für Dich sprechen? Ich werde mich hüten! Daö gibt ja ein Unglück: zwei solche Windbeutel!" .Sei unbesorgt, Onkclchcn. Das hat daö Osterwaffer Alles herunter g?spült!. Wir werden die. verständigsten Ehcleutc von der Welt! Wären wir nicht bei Deinen schmählichen Intrigucn gegen uns sonst gleich durchgebrannt?" .Jyr solltet nur nicht so naß gewescn siin!" knurrte dcr Alte. Ader darauf reüte sich Rudi zu seiner ganzen modernen Heldenlänge auf. .Beleidige meine Braut nicht !" sagte er. .Natürlich mit Ihrer Einwilligung, Hcrr Schwiegervater ! .Sie schießt sich wohl sonst mit mir?" spottete Lcnzbcrg. .Onkcl!" rief da daö Madchen schluchzend und umschlang seinen Hals, und Rudi, eingedenk dcr alten Weisheit: .Vereinte Kräfte führen zum Ziel!" attackirtc seinen noch immer sprachlosen Schwiegervater. Herr von Sildau," bat er mit dem ganzen Aufgebot seiner drolligen Lie benswürdigkckt, wcnn ich auch nas bin-" Und wahrhaftig, der besiegte Papo nahm ihn an seine Brust. Tante Theudclinde wischte sich eine Thräne aus dem Auge. Die Schlacht war geWonnen. WaS blieb den alten Pläncschmiedern nun übrig? Sie mußten ihre Rechnung von vorn anfangen. Vetter Wolken" stein räumte seinen Platz dem glücklichen Rudi. Berlin mußte sich die Anwesenheit der holden Irene vorläufig verkneifen, undderHochzeitstcrmitt wurde auf ein Jahr hinzusgeschoben. So kam ein ganz anderes Resultat Zl! Stande! Trotzdem aber heute di: älteste Techter Rudis und Jrencs bald selbst Ostcrwasser holen kann, hat sich noch immer nicht herausgestellt, daß das Resultat falsch gewesen wäre!
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