Indiana Tribüne, Volume 30, Number 140, Indianapolis, Marion County, 5 February 1907 — Page 7
Judtaoa Tribüne, 5 Februar iuv7.
Kanditen im Frack. Krimmalroman, nach Emil Gaboriau
(Fortsetzung.) Krauß stürzt? mit crncrn owh vpicr in der Hand in's Zimmer. Ma taue" rief er. ich fürchte, daß die Kochin eine große Dummheit begangen hat; sie theilte mir eben mit. daß ein Mann hier war. der mit Madame wezen einer wichtigen Angelegenheit, die Den soligen Herrn betrifft, zu sprechen wünschte. Madame war abwesend, sie sagte dies. Der Mann schien davon sehr unangenehm berührt zu sein; er erklärte, daß er wiederkommen werde, dann verlangte er Papier und Blei,'tift und schrieb dieses hier.Die Generalin nahm das Blatt, welches Krauß ihr reichte; sie überflog es rasch und reichte es dann Herrn Durand. Auf dem Blatt stand von ungeübter Hand geschreben: Lorcnz Cornevin. Stallknecht im Elys6e. wohnt in Montmartre. Nue Mcrcadct. " Herr Turand rief in höchster Er rrqtbeit aus: ..Tas ist zweifellos der Stallknecht, der dem General und sei. nern Gegner geleuchtet bat. Tiefer Mann kennt den wahren ackivctfjali: wie fatal, das; ich nicht da war, als er Sie suchte! Hätte man mir das Blatt doch wengstenö sofort nach meiner Nückkchr gegeben! Ich werde vcrstt chcn, den Man zu finden." 2er folgende Tag war trüb und regnerisch. Herr Turand machte sich früh auf den Weg: nur wenige Laden waren in der Straße von Passn schon geöffnet. derVerkehr noch fehr fchwach. Die Arbeiter, die truppweife vorüber kamen und an ihre Arbeit gingen, sa. hen fehr ernst aus und sprachen nur leise mit einander. Herr Turand hatte erwartet, in Montmartre eine besonders große Aufregung zu fnden, doch nichts der gleichen war zu sehen; ungehindert er reichte er die Straße Murcadet und das von dem Stallknecht bezeichnete Haus. Es war ein großes, fünf, stockiges Haus. Ein dunkler, unfau. berer Eingang führte zum Stübchen des Portiers, das sich grade unter dcr Treppe befand. Ist Herr Lorenz Cornevin zu Haufe?" fragte Herr Turand die alte Frau, welche in dem Stübchen faß. Er wird kaum zu Haufe fein," war die Antwort, aber feine Frau ift da.Er ift nlfo verheirathet?" Tu mein Gott, warum denn nicht? Freilich ist er verheirathet und hat fo gar fünf Kinder, drei Mädchen und zwei Buben." Ter Gedanke, daß die Frau ihm vielleicht sagen könne, wo ihr Mann zu finden iei. machte der Unentfchloffen fccii des Herrn Turand ein Ende. Bitte, fagen Sie mir. wo Herr Cor nevin wolnt," wandte er sich wieder an die Alte. Er wohnt im ersten Stock," er wlcderte sie; das heißt, wohlverstanden, im ersten, wenn man vom Hin mel berabkommt." Sie beugte sich zum Fenster hinaus und rief mit einer Stimme, welche tm Stande war, den 5?a!k von den Mauern abzusprengen: Frau Eornevin! Ta ist ein Herr, der zu lznen will!" Tiefe Borficht war nicht überflüffig. denn Herr Turand hatte sich bereit? in dcm Labyrinth der Korridore ver laufen, als Frau Eornevin ihn fand. Es war eine noch junge Frau, zwar niett l'übsch, eber sehr enstäneta m in rern ?snttjcrcn nnb Auftreten. Sie iw taifecr flcslcibct und hielt ein ach! bis 7hn Monate altes Kind im Arrn. treten 8ic ein!" sagte sie zu Herrn Tlirand. Er trat in ein kleines Zimmer, daZ recht nett und sauber aussah, und nun erst benierkte er. daß die Augen der Fran von Thränen gerotnet waren Mada:ne," begann er, ich muß Jh ren Gatten wegen einer ungemein wichtigen Angelegenheit sprechen, die keinen Aufschub duldet; könnten Sie mir fagen, wo ich thn finden kann?" Ach." erwiderte sie, das weiß ich selbst nicht." Herr Turand erschrak. Wie mei nen cie dass" fragte er. Ich sage, daß ich nicht weiß, wo er hingerathen ist." wiederholte d:e junge Frau; er ist heute Nacht nicht nach Haufe gekommen," fuhr sie, in Thränen auöbrechend, fort. Cbwo1)I ich wußte, daß er keinen Tienst hatt,?, war ich doch nicht unberuhigt, weil ich glaubte, daß er irgend einen seine: Freunde vertrete. Als es Tag wurde. lief ich trotzdem in's Elysee. wo er au gestell ist, um mich uach ihm zu er kundigen. Ach. mein Herr, seine Ka meraden haben mir erklärt, daß sie ihn bereits seit drei Tagen nicht gesehen haben. Und er liebt so sehr seine Häuslichkeit und seine Kinder! Er ist sparsam, so brav, so gut! Das ist da? erste Mal seit unserer Verheiratung, daß er nicht nach Hause gekommen: e! muß ihm ein Unglück zugestoßen sein!" Herr Durand war kreideweiß ge worden. Zwischen dem Tod des Ge neralS Telorge und dem seltsamen Verschwinden Cornevin s, des einzi gen Zeugen jenes geheimnißvollen Todes, erkannte er einen Zusammen hang, der ihn beunruhigte. Er ver barg, so gut es ging, seine Aufregung und sagte: Aber, liebe Frau, deshalb
oraumen eie ntcrji gmm zu verzmer
sein; Ihr Man wird gewiN bald wie derkommen; wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?" Gestern früh." war die Antwort; wir frühstückten zusammen, und nachher sagte er mir, daß er in Ge schäften nach Passy gehen müsse. Hat er Ihnen nicht gejagt, roclcjct Art seine Geschäfte waren?" Ich weiß nur, daß er eine Genera lin aufsuchen wollte und daß es sich um ettvas sehr Wichtiges handelte." Zwei Knaben, der eine acht, der an dere zehn Jahre alt, kamen in die Stube hereingelturmt. Es waren die beiden ältesten Kinder der Frau Eor nevin. Tiefe schien durch den Anblick der Kinder überrascht und fragte in stren gem Ton: Wie kommt Ihr Schlingel um diese Stunde hierher? Ihr gehört seht in die Schule!" Ter Lehrer hat uns fortgeschickt. erlriderte einer der Knaben; er hat gesagt: Geht Alle fort und beeilt Euch, uach Hause zu kommen, denn es giebt eine Revolution." Frau Eornevin erbleichte. Obwohl sie am Morgen im Elysee gewesen war. wußte sie doch nichts von dem, was vor giiig. Ene Revolution!" sprach sie leise vor sich hin; man wird in den Straßen kämpfen, und ich weiß nicht. wo inein Lorenz ist!" Befchäftigte er sich mit Politik?" fragte Herr Turand. Er?" rief die Frau. Oh, in sei nem ganzen Leben nicht! Er dachte an nichts Anderes als an mich und seine Kinder." Herr Turand hatte sich noch nie )o unbehaglich gefühlt, wie in diesem Augenblick; allerlei düstere Ahnungen wurde in ihm rege, der Boden brann. te ihm unter den Füßen. Ich will Ihnen nicht lästig fallen." erklärte er; ich werde morgen wiederkommen; bi dahin wird Herr Eornevin jedenfalls zurückgekehrt fein." Ta fragte sie ihn nach seinem Na men. um ihn ihrem Gatten zu nennen. Herr Turand zuckte bei dieser Frage zufammen. Er sollte seinen Namen nennen; war dies nicht eine große lin Vorsichtigkeit? Er öffnete seine Brief tasche. entschlossen, die erste beste Vi sitenkarte, die er darin vorfand, her auszuziehen. Ta fiel ihm plötzlich der ?islüie oeö alten Tieners des Generals ein. Sagen Sie Ihrem Mann," er widerte er. daß Herr Krauß ihn be suchen wollte." Tas war nun allerdings keine Hel dentbat, aber der gute Herr Turand hatte auch völlig den Kopf verloren. Ter Gedanke, daß Cornevin bei Seite geschafft worden fei, weil er Mitwisser eines Geheimnisses war, das auch er kannte, erfüllte ihn mit Grauen. Wäh rend er die Treppe hinabstieg, ließ er vor seinem geistigen Auge alle Mord arten vorüberziehen, durch die man sich von einem Menschen befreien kann, von dem bezahltm Dolchstoß bis zu dem Gift, das die mit Gold bestochen Köchin in die Suppe mischt. Vrrr!' machte er. Vrrrk,, Erst als wieder auf der Straße war, athmete er er leichtert auf. Tie frische Luft nnc der Verkehr in den Straßen blieben nicht ohne Einwirkung auf ihn, fo daß er sich allmählich Vorwüufe zu machen begann, daß er sich von übertriebener Vesorgniß hatte beeinflussen lassen. ES war Nacht, als Herr Durand die Villa der Generalm erreichte; er wurde sofort in das Zimmer der Witt we geführt und berichtete über die Vorgänge in der tadt und die dre hcnde Haltung der Volksmenge. Aber Eornevin?" unterbrach ihn die Generalin. Wie steht's mit dem Stallknecht? Haben Sie ihn gc)e hen?" Ich haoe nur seine Frau angetroffen," erwiderte Herr Turand und be richtete über seine Unterredung imt derselben. Tie Generalin bewahrte ihre Ruhe. Tas ist ein großes Unglück." sag:e sie, doch ich erwartete etwas dieser Art. Dieser Mann war ein zu ge fährlicher Zeuge, als daß man ihn nicht auf die eine oder auf die andere Art beseitigen sollte. Da er, wie e den Anschein hat, ein ehrlicher Mann war, mußte er doppelt gefährlich er scheinen: man hat ihn jedenfalls be obackten lassen, und als mavx erfuhr. daß er hier gewesen, war sein Urtheil gesprochen. Die Umstände waren einem solchen Unternehmen fehr gun stig; was ist denn in diesen stürmischen Tagen ein Menschenleben? Ein Alatk, das der Wind fortweht!" Herr Durand erbleichte; er dachte an fein eigenes Schicksal, wenn er noch ferner die Sache der Generalin vertrat; er wurde wankend in seinem Entschluß, ihr bcizuitehen. Nach einl gen gleichgültigen Worten schützte er seine Müdigkeit vor und verabschiedete sich. Drei Wochen sind verflossen, seit dem die Leiche des Generals Telorge dem Schooße der Erde übergeben worden war, seitdem Louis Napoleon in den Straßen von Paris Ströme von Blut hatte vergießen lassen. Al leS, was sich ihm entgegengestellt hat te, war niedergemetzelt worde: er war durch den Verrath, den e "i die Seinigen an der Republik geübt, Sie aer geblieben. EineZ Tages, e5 war gegen drei Uhr Nachmittags, fand sich die Frau des Stallknechts im Hause der Geiie ralin ein. Herr Durand war zufälli ger Weise wieder einmal in der Villa anwesend. Die arme Frau trat ein.
ihr jüngstes Kind auf dem Arm; man
konnte auf den ersten Blick erkennen. daß sie sehr bekümmert war. Nun. meine liebe Frau," begann die Generalin. haben Sie noch im mer keine Nachricht von Ihrem Mann?" Noch immer nicht!" war die mit zitternder Stimme gegebene Antwort. Haben Sie vernicht, etwas zu er fahren?" fragte die Gciieralin weiter. Ich habe mich an einen lciner be sten Freunde gewandt, Grollet ist fein Name; er wußte nichts; er war?.'bens.' trostlos wie ich, und als er er blickte, traten ihm die Thränen in. die Aiigen." ..Was war seine Meinung?" Er hörte meinen Mann Reden führen, die seine sofortige Entlafstaz.z zur Folge gehabt hätten, wenn c:n Vorgesetzter zugegen gewesen wäre." Herr Turand und die Generalin wechselten einen raschen Blick und fragten zu gleicher Zeit: Was waren daö für Reden?" Tas hat lnir Grollet nicht gc sagt." erwiderte Frau Eornevin. Hat er nicht von cnicm Xwdi ge sprochen?" fragte die Generalin. Von einem Duell?" Ja; von einem Duell, das ini Garten des Elysee stattfand, und wv bei ein Mann getödtet wurde?" Nein!" Die Aufrichtigkeit der Frau Eornv, vin war unbezweifelbar; sie wußte o fenbar nichts. Trotzdem wollte Die Generalin noch nicht die Hoffnun.z aufgeben, daß fie durch sie etwas Lichi erhalten könne. Nehmen Sie einmal Ihr Gedächtniß zu Hülfe .liebe Frau!" begann sie. Als Sie Ihren Mann zum letzteii Mal sahen, wollte er doch nach Passy gehen, weil er dort einen wichtigen Auftrag auszurichten hatte." Ja, Madame; das habe ich ichir.i diesem Herrn hier erzählt." Er wollte," filhr die Generalin fort, mit der Frau eines Genera Vs sprechen; diese Frau bin ich." Oh, das dachte ich mir schon." Es ist undenkbar, daß er Ihnen nicht ein Wort darüber gesagt iV.t, welcher Art sein Auftrag sei." Nicht ein Wort bat er ge'gk!" rief die Frau; ich schwöre es I r:n beim Haupte meines lindes!" Er hat Ihnen nija nicht nc;: ei nein Unglücklichen erzählt, der im Garten des Elyfee in der Nacht vo 30. Novemebr zum 1. Tezember c: mordet wurde?" Frau Eornevin sprang auf. Wer ift ermordet worden?" rief sie. Mein Gatte der General Te lorge!" Oh mein Gott!" Ein tiefes Schweigen folgte diesen Worten; man sah, wie Frau Eornevin ihr Gedächtniß anstrengte; offenbar suchte sie uach einem Zusammenhang zwischen dem Verschwinden ihreGal ten und der Ermordung des Gene rals. Mein Mann," fragte sie c.iD lich, ift wohl bei dem Tuell zugegen gewesen?" Wenn ein Tuell stattgefundn hat, was wir sehr stark bezweifeln." rief Herr Turand, alle Vorficht außer Acht laffend. Und jedes Wort scharr betonend, fuhr er fort: Ter Vorfall spielte fich beim Schein einer Stall laterne ab, und Cornevin hielt die Laterne. Er allein kmnt also den wahren Sachverrhalt. und wenn der General in den letzten Augenblicke.: seines Lebens etwas gesprochen hat, so Nttlß er es geHort haben." Frau Eornevin hatte sich erhoben; ihre schwarzen Augen, die soeben noch düster geblickt, funkelten. Oh, nun verstehe ich Alles!" rief sie. Nun r? kläre ich mir die' Traurigkeit meines Mannes, seine Aeukzerungen. von de nen Groll sprach; er wußte Alles. und man fürchtete sein Zeugniß. Aber er mag sich in Acht nehmen, der Bandit, der das Verbrechen begangen bat! ' fuhr fie in drohendem Tone fort. Er mag auf seiner Hut sein! Das Leben hat für mich keinen Werth mehr." Ihre Aufregung war fo groß, daß die Generalin erschrak.. Liebe Frau." sagte sie, ich bin ebenso zu beklagen wie Sie, uns Beide traf ein großes llnglück." Oh, Sie!" rief die Frau des Stall liiechts ungestüm, Sie!" Doch sie schielt sich sofort ihrer Heftigkeit z e i p v t p . lajainen uno riuir tn lanttereni o:t fort: Wenn ich allein in der Welt stände, aber ich habe Kinder! Lorenz hat uns durch seiner Hände Arbeit ernährt; seit er nicht mehr da ist. fehlt uns Alles. Wir brauchen Brod. Wo her sollen wir es nehmen? Kann ich allein für sechs Mäuler Brod schaffen? Wenn ich Tag und Nacht arbeitete, wäre es mir nicht möglich. Was sott ich also anfangen? obald der Bäcker mir nicht mehr borgen will, was soll ich meinen Kindern sagen, wenn sie schreien: Mama! Brod! Ich habe Hunger!"? Soll ich mit meinen Slkinen auf dem Arm von Thür zu Thür betteln gehen? Das kann ich nicht! Soll ich stehlen? Tas will ich nicht! Thränen rollten über die Wangen der Generalin. Vorher hatte sie sich für die unglücklichste Frau der Welt gehalten; doch was war ihr Leid im Vergleich mit den unaussprechlichen Oiialen, welche diese arme Frau er duldete! Sie erhob sich rasch und er griff die Hand der Unglücklichen. Be. ruhigen Su: fich!" sagte sie; so längl ich lebe, sollen S:e nicht Noth leiden: so lange meine Kinder noch einen Bisin vi Tl.sV UsUn, wiV w: n'itz. v. OkVV VUVOl, lUlfcV UiC AJUliie DCw
selben Ihren gehören."
h, Sie sind zu gut!" stammelte Frau Cronevin, Sie sind zu gut!" Sie glaubte offenbar den Worten der Generalin nicht. Das Versprechen schieii ihr nicht mehr werth zu sein, als all' die anderen, welche man alle Tage hört Versprechen, die das Mitleid entlockt und die man morgen schon vergessen hat. Ter Generalin entging dies nicht, denn sie fügte in feierlichem Tone hin zu: Ich schwöre Ihnen beim Anden ken meines Gatteii, daß mein Beistand Ihnen nie fehlen wird, wenn Sie des selben bedürftig sein werden; ich werde Nie vergessen, daß Ihr Mann vielleicht nur deshalb verschwunden ist. weil er mir den Abschieösgruß mei n e s Gatten überbringen wollte. Ja iloch mehr: Wollen Sie mir Ihren ältesten Knaben anvertrauen, so soll er mit meuiein Sohn erzogen wer den." Herrn Turand ergriff eine Art Be geisterung. Auch auf mich können Sie zählen, liebe Frau!" rief er mit Thränen in den Augen; zählen Sie auch auf mich!" Die Unglückliche zweifelte letzt nicht länger; sie sank vor der Generalin auf die Kniee uieder und ergriff ihr? Hand. Oh Tank!" stammelte sie; Tank un Namen meiner Kinder! Sie retten uns das Leben; wie sollen wir Ihnen Ihre Güte lohnen?" Es kann ein Tag kommen," sprach die Generalin, an dem sich eine Gele, geiiheit bieten wird, Ihren und meinen Gatten zu rächen!" Mit haßerfülltem Blick richtete sich Frau Eronevin auf. Wenn dieser Tag kommt," sagte sie, dann rufen Sie mich! Verlangen Sie dann von mir, was Sie wollen!" Nachdem Frau Cronevin sich mit der ersten Quartalsrate einer von der Generalin ihr ausgesetzten Jaaresunterstützung von zwölfhundert Francs zurückgezogen, empfahl sich auch Herr Durand, der es sehr be daiierte, bei dem Empfange der Cornevin zugegen gewesen zu sein. Wie sehr konnte ihm dies schaden! Mehr als je war die Generalin cntschlösse, die Kriminalklage anhängig zu inachen; sie wandte sich zunächst an Dr. Biliron. Ich habe," sagte sie zu dem Arzt, der in jener Nacht an die Leiche gerufen worden war, die Absicht, eine Klage einzureichen und eine Untersuchung zu veranlassen; mein Gatte ist, wie Sie wissen, ermordet worden." Ter Doktor wich einen Schritt zurück und rief lebhaft: Pardon! Pardon! Ich weiß von gar nichts!" Der Bericht, den Sie nicdergc schrieben haben," sagte die erstaunt? Generalin, beweist aber doch, daß Ihnen die Umstände zum mindesten höchst seltsam erschienen." Was beweise diese Aufzeichnungen?" filhr der Arzt erregt auf; nicht mehr, als daß die Vorfälle jener für Sie so traurigen Nacht mich in große Aufregung verseht hatten. Hmter drein habe ich Alles ruhig überlegt und erkannt, daß meine Vermuthun geii unbegründet sind." Er verstummte unter dem vernichteiiden Blick voll Ironie und Verachtung, welchen die Generalin auf ihn richtete.' Würden Sie," fragte die Genera lin, ebmfo sprechm, wenn der Meineidige, der Mörder, der sich jetzt zum Kaiser ausrufen läßt, beficgt worden wäre?!" Madame l" rief der Doktor, wie empört über diese Beschuldigung. Doch plötzlich schien er zu einem be stimmten Entschluß zu gelangen. Nun ja!" entgegncte er. ich bin jung, muß niir erst eine Existenz gründen und habe eine Mutter und eine Anzahl jüngere Geschwister zu ernähren; soll ich gleich anderen Tausenden das Brod der Verbannung essen?" Tie Generalin erhob sich. In eisigem Tone sagte sie: Ich mache Ihnen keine Vorwürfe; ich überlasse dies Ihrem Gewissen." Von Abscheu erfüllt verließ sie das Limmer; sie stieg in den vor dem Hause ihrer harrenden Wagen und fuhr zil dem Advokaten Robert, der. einst einen Prozeß für ihren Gatten geführt hatte. Der Advokat hörte sie aufmerksam an. uiid nachdem sie geendet, sagte er: Ich muß Ihnen gestehen, daß Ihre Mittheilungen ein ganz neues Licht auf diese dunkle und gcheimnißvolle Geschichte werfen." Sie sah ihn überrascht an. Wie? Ein neues Licht? Sie haben also schon davon sprechen gehört? -Man beschäftigt sich mit dieser Angelegenheit?" fragte sie. Man hat sich wenigstens in den Kreisen, in welchen ich verkehre." erwiederte der Advokat; ich weiß aber nicht, ob ich Ihnen wiederholen darf, i'as ich gehört habe." Sprechen Sie nur immer zu!" Er zögerte einen Augenblick und sagte dann: Ich sehe jetzt, daß alle Gerüchte, die über den Tod Ihres Gatten im Umlauf waren, falsch sind; man hat behauptet, daß er sich selbst getödtet habe." Er?" rief die Generalin. Mein Gott, weshalb sollte er das gethan haben? " Man wollte wissen, er sei in einem Duell gefallen, defsen Veranlassung eine Geldangelegenheit war. Eine große Summe sollte aus dem Kabinet Louis Napoleon's verschwunden sein."
Tbränen des Schmerzes und der
Wuth füllten die Augen der Generalin. Es genügte den Elenden nicht, meinen Mann zu ermorden, man will auch noch fein Andenken schänden. Dock das wird nickt aelinaen. ich habe nun einen doppelten Beruf: Die Ehre meines Gatten zu retten und seine Mörder der Justiz zu überliefern! Wollen Sie mein- Ncchtsbeistand sein?" Wenn Sie mich mit dieser Angelegenheit betrauen wollen, so werde ich meine Pflicht thun," war die Annvort des Juristen. Sechste Kapitel. Tie Klage wurde eingereicht, und bald darauf erhielte Herr Turaiid und der alte Krauß Vorladungen vor den Kriminalrichtcr. Beide sprachen unverhohlen ihre Ansicht aus, daß der General Telorge in jener Nacht meuchlings ermordet worden sein müsse. Mein Gott," sagte die Generalin eines Tages zu Herrn Durand, war um ladet man denn mich nicht vor? Wenn der Richter mich nur zehn Minuten lang anhören wollte, so würde in seiner Seele nicht der Schatten eines Zweifels zurückbleiben." Man will Sie aber nicht anhören." erwiderte diefer. Wir stehen auf der Seite der Besiegten, um so schlimmer also für uns!" Einige Tage später erhielt die Ge ncralin dennoch eine Vorladung. Zur bestimmten Stunde betrat !rau Elisabeth Delorge den JustizPalast. Das Zimmer, in welches z geführt wurde, war ein kleines, düsteres Gemach. Den Boden bedeckte ein schlechter Tcppich. Der Thür gegenüber stand ein Schreibtisch, und recht? voii demselben ein anderer, an welchem ein Schreiber saß. An den Kamin angelehnt, erwartete der Untersuchungsrichter die An gemeldete. Als die Generalin näher trat, verneigte er sich leicht und wies auf einen Sessel, der vor den Tisch gestellt worden war. Sobald sich die Geiieralin niedergelassen, begann er: Ihre Klage, Madame, war völlig überflüssig; der Po lizcikommissär von Passy war bereits am l. Dezember bei Ihnen." Von mir herbeigerufen," schaltete die Generalin ein. Das thut nichts zur Sache; diefer Kommiffär und der Arzt, der ihn begleitete, haben ein Protokoll aufgenommen, und am o. Dezember war das Gericht von Allein in Kenntniß gefetzt und ordnete eine llnterfuchilng an. (goltsttzung folgt.) III Die Gefahren des Nebels. Von Hans Dominik (Berlin). Nebelvorschriften auf deutschen Eisen bahnen. Londoner Nebel. Die Freuden des Secnebels. Die schlechten Eigenschaften des gefrörenen Nebels. Der Nebel ist ein gefährlicher Gast. Die Seeleute fürchten ihn mehr als den Sturm, und daß er auch zu Lande schweres Unheil bewirken kann, lehrt das lchte deutsche Eisenbahnunglück, bei dem ein Schnellzug ein Signal übersah und einen Güterzug zerschnitt. Leider gehört der Nebel in unserem Klima zu den ständigen Erscheinungen. und wir müssen unser Leben und Treiben in Rücksicht auf seine Existenz einrichten. So enthalten '.ich unsere Eisenbahnbetriebsvorschriften genaue Negeln für den Verkehr bei Nebel. Danach müssen sowohl die Lokomotivlaternen als auch die Schlußlichter der Züge brennen. Das Zugpersonal soll bei Nebel die allergrößte Aufmerksamkeit entfalten und insbesondere der Lokomotivführer gegebenenfalls die Geschwindigkeit seiner Maschine stark verringcrn. Da aber durch alle diese Maßregeln bei wirklich dickem Nebel die Streckensignale immer noch nicht sichtbar werden, so hat man schließlich noch die Knallpatronen, die vor den Signalen auf die Schienen geklemmt werden. In dem Augenblick, da das Lokomotivrad eine solche Patrone überfährt, explodirt sie und macht einen derartigen Mordslärm, daß der Lokomotivführer den Vorfall nicht überhören kann und nun gemäß den Vetriesvorschriften halten und die Urfache der Patronenlegung ergründen muß. Die Betriebsvorschriften sehen also auch' den Nebel sehr wohl voraus und geben für diesewFall ihre Regele. Man könnte am Ende einwenden, daß ein Nebel mit momerrtaner Plöh lichkeit auftritt und dann keine Zc-Z-bleibt, an weit entfernten Außensignalen Knallpatronen zu legen. Gewiß ist etwas derartiges möglich. Das plötzliche Austreten des Nebels muß dann aber auch der Lokomotivführer merken, und nun empfiehlt ihm seine Jnstruktion besondere Vorsicht. Dieselbe Instruktion lehrt ihn. daß die frei? Strecke ungefährlich, alle zu durchsahrenden Bahnhöfe dagegen als Gefahrpunkte zu betrachten sind. Tritt also solcher Nebel unvermuthct in der Nähe eines Bahnhofes auf, so hat de? Führer nach der Betriebsordnung aus zwei Gründen vorsichtig zu sein und darf keinesfalls mit voller Geschwindigkeit in daS Gebiet des Äahnhofs erfahren.
wenn ihm die Signalverhältnisse nicht ganz zweifellos klar sind. Für den Verkehr auf geschientem Wege herrscht also auch im Nebel Sicherheit, wenn die Vorsrifien gcwissenhast befolgt werden. Erheblich übler sieht die Sache für den Verkehr auf ungeschienten Straßen und auf der See aus. Nach den allgkmeinen PolizeiVorschriften soll beim Nebel jkd:s Fuhrwerk, jede Droschle. jedes Fahrrad und dergleichen auch bei Tage mit brennenden Laternen fahren. Dazu kommt es freilich in Teutschland und besonders in Berlin sehr selten, denn den richtigen undurchdringlichen Nebel prima Qualität hat man dort kaum. Man kennt in Deutschland den einfachen Wasserdampfnebcl, der entsteht, wenn warme, feuchte Luft über crkaltlt:s Erdreich streicht, oder in kalte Luft stößt. Dieser Nebel kann sehr undurchsichtig werden, aber er läßt immerhin einiges Licht hindurch, da seine Farbe milchig weiß ist. Man kennt ferner einen anderen Zustand der Atmosphäre, bei dem der Rauch nicht frei entweichen
kann, sondern in dichten Schichten über der Stadt hängen bleibt, so daß bei Tage das Dunkel der Nacht herrscht. BeidcEreignisse treffen jedoch selten zusammen. da Nebel im Allgemeinen leichten Wind, das erwähnte Rauchdunkel dagegen Windstille voraussetzt. Anders liegen die Dinge in England und besonders in London. Dort treffen Nebel und Rauch häufig zusammen. und ihre Vereinigung ergibt eine Mischung, von welcher der Kontinentbcwohner sich kaum eine Vorstellung machen kann. Wenn Brct Harte erzählt, daß man diesen braungelben Londoner Nekxl in Streifen schneiden und über die Waschleine zum Trocknen aufhängen kann, so übertreibt er nicht allzusehr. Dieser Nebel ist gleichzeitig undurchsichtig und erstickt daS Licht der Laternen. Kein Wunder, daß er den Straßenverkehr gelegentlich völlig lahmlegt und daß die Leute sich in wohlbekannten Straßen verlaufen. Der Londoner Nebel ist der schrecklichste. obwohl auch in Edinburg und Glasgow eine ganz gute Marke verzapft wird. Von anderen schlimmen Nebeln muß derjenige genannt werden, der den Bergsteiger überfällt. Die Gebirgsnebel sind zwar rauchfrei, dafür aber im Allgemein? so kalt und wasserhaltig, daß sie den Lctrosstnen gewöhnlich in Kürze völlig durchnässen und seine Glieder erstarren lassen. Nur allzuhäufig bedeutet daher solch ein Gcbirgsnebel, namentlich bei schwierigen Kletterpartim. ein schlimmes Ende für den Touristen. An dritter Stelle sind die Seeneel zu nennen. Ein Riefend :m'.fr gleitct durch den englischen Koncil. Es ist Nackt, und die Passaai'r: li crn :n ihren Kabinen. Plötzlich ertönt ein markerschütterndes Geheul, ad die Maschine arbeitet langsamer. Nc'b.'l bat sich auf die See gelegt, und di: Sirene gibt ihre brüllenden W:rnungssignale. Alle fünf Minuten ertönt ihr Geheul, und mit dem Schlaf und der Ruhe der Passagiere ist.n? vorbei. Und nun scheint es. als ob der Nebel alle Schiffe auf dem Kanal zusammenfegt. In nächster Nähe rechts brüllt eine andere Sirene, und jetzt kommen die unheimlichen Töne auch von vorn und von hinten. Mit Viertelkraft schleicht das Schiff weiter. und die Wachen fchauen angestrengt in's Weite. Plötzlich taucht wie aus einem Vorhang die G:stalt eines anderen Schiffes auf und schießt in fünfzig Schritt Entfernung vorb:i. um wieder im Nebel zu verschwinden., v cm t jt je. -! i ic Jiauj uct i)Uilujciiuiujim3uu;!iuiiH sollten zwei Schiffe nur alle tausend Jahre einmal im Weltmeer zusamm?n rennen. Daß es im Nebel viel öfter passirt. lehrt die traurige Statistik der Seeunfällc. Indeß darf das Schiff nicht liegen bleiben, denn auch der Nebel kann tagelang andauern. Die Fahrt geht weiter. Plötzlich bleibt der Nebel wie ein Vorhang hinter dem Schiffe zurück, und man ist wieder in durchsichtiger Luft. Die Nebelbank ist durchfahren und klares Wetter herrscht, bis da5 Schiff die Neufundlandsbänle auf seiner Fahrt nach New Jork erreicht und von Neuem in eine Gegend ewigen Nebels geräth. Hier sind fremde Schiffe weniger zu fürchten. Dafür tummelt sich hier eine Fischerflotte von 1000 Booten, die man nicht gern überrennen möchte, und endlich gibt es g?legentlich Eisberge, mit denen im Nebel zusammen zu fahren den sicheren Untergang bedeutet. Das sind die Freuden des Seenebels. den die Riesendampfer mehr fürchten als den Sturm. Sehr erbaulich wirkt schließlich der Nebel, wenn er gefriert und in den sogenannten Rauhreif übergeht. Dann setzen sich die Eiskristalle an belebte und unbelebte Dinge und umkleiden sie mit starken Eismänteln. Telephondrähte nehmen die Dicke eines Starkstromkabels an, bis sie endlich unter der Eislast zerreißen. Auch um Bäume und Sträucher schmiedet der Rauhreif seine eisigen Panzer, und oft bezeichnen weite Niederbrüche der Kulturen den Weg. den er genommen hat. S? hat auch dieser gefrorene Nebel feine schlechten Eigenschaften. Grund genug. Unser Freund Flottö will nun auch Abstinent werden!" Das ist erklärlich! In keinem Bierlokal wird ihm mehr gepumpt.-
