Indiana Tribüne, Volume 30, Number 134, Indianapolis, Marion County, 29 January 1907 — Page 5
Jndisna Tribüne, 29. Januar IS 07.
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Herr Stadtsyndikus der nord5 deutschen Residenzstadt O. jT rückte aus seinem Schreibtischsessel unruhig hm und her. 3s geht nicht, beim besten Willen nicht. Herr Assessor. eZ geht nickt! Tie Billets sind sämmtlich vergeben. Sie können sich denken, daß bei der Einweihung einer Kirche, welcher Seine Hoheit nebst Gemahlin beiwohnt, ein außerordentlicher Zudrang herrscht. Hatten wir d:e dreifache Zahl von Plätzen zu vergeben gehabt, sie wären im Handumdrehen vergriffen worden. Ich bin in der unangenehmen Lage gewesen, Herrschasten Billets abzuschlagen, welche eine zweitägige Reise bis hierher nicht gescheut haben, nur um der Feierlichkeit beizuwohnen. Es thut mir also leid, Herr Assessor, es ist mir unmöglich. Ihnen zu dienen." Ter Assessor v. Holst erhob sich von dem geschnitzten Lehnstuhl, auf dem er im Rathsdienstzimmer des Syndikus gesessen hatte. Verzeihen Sie gütigst, Herr Syndikus, wenn ich Sie belästigt habe, eber es lag mir so außerordentlich viel daran, in den Besitz der Zutrittskarten zu gelangen, weil ich ein Ver. sprechen gegeben hatte Sie wollen die Karten also gar nicht für sic5?Rein, Herr Syndikus, ich bat um die Karten für zwe! Damen meiner Bekanntschaft." Ist es erlaubt, zu fragen, wer die Damen sind?" D bitte. Herr Syndikus, das ist kein Geheimniß, es sind dies Frau v. Bockum und deren Tochter." So. so, Frau v. Bockum, die Gattin des Kammerherrn und Großgrundbesitzers; es wundert mich, daß die Herrschasten nicht durch das Hofmarschallamt mit Karten bedacht worden sind. Die Herrschaften verbringen ja immer das Frühjahr hier bei uns in der Residenz. Hm! hm! thut mir sehr leid! Sie verkehren mit der Familie, sind vielleicht ein Verwandter, Herr Assessor?" Verwandt bin ich nicht, nur bekannt. Ich lernte die Herrschaften auf dem Kasinoballe kennen, machte aber später meinen Besuch, wurde mit einer Einladung beehrt u. s. w." , Ja, ja. sehr angenehme Familie, diese Vockums. Er. ein weitgeachteter, angesehener Mann, die Frau eine prächtige Dame, und Fr'äulein Johanna ist nicht nur eine stattliche Erscheinung, sondern auch ein feingebildetes junges Mädchen von entzückender Natürlichseit." Der Syndikus betrachtete, während er diese Lobrede hielt, prüfend daö Gesicht des Assessors. Jetzt spielte um seine Lippen ein feines Lächeln, das immer mehr Platz auf dem Gesichte des jovialen, alten Herrn gewann, je derlegener der Assessor durch die entstehende Gesprächspause wurde. Herr Assessor, es liegt Ihnen wohl sehr viel an diesen Zutrittskarten?Holst sah auf und mit unsicherem Blick in das Gesicht des alten Herrn, den diese Szene außerordentlich zu belustigen schien. Herr Assessor, heben Cie Ihre beiden Hände zum Himmel empor und schwören Sie mir einen fürchterlichen Eid. daß Sie mich nicht verratben wollen, wenn ich Ihnen etwas anvertraue." Ich schwöre!" sagte feierlich der junge Mann. Nun. ich habe noch fünf Karten, die ich für die äußersten Fälle der Noth zurücklegte. Sie sollen zwei davon haben. ich will nicht zwei junge Herzen betrüben. Aber, wenn Sie mich verrathen, wenn Sie erzählen, ich hätte noch Billets, oder ich hätte sie Ihnen jetzt erst gegeben, so machen Sie mir unsägliche Feindschaft und einen Aerger. der mich das Leben kosten kann. Sie wissen ja, in solchem Falle werden selbst Damen aus der besten Gesellschaft zu Hvänen. Sie müssen erklären, Sie hätten die Karten bei mir schon vor Wochen erbeten und schon damals eine Zusage von mir erhalten Nicht undankbar sollen Sie mich finden. Herr Syndikus! Nehmen Sie meinen herzlichsten, besten Dank!" rief Holst erfreut. Lassen Sie nur. werther Herr Assessor. Unsereiner ist ja auch einmal jung gewesen und hat es genossen das irdische Glück. Sie sind erst seit einem Vierteljähr hier?" Ja. ich war bisher in Berlin. Mein Vater stammte aus dem Lande, trat aber später in preußische Dienste, und ich wiederum in den Dienst des Gedurtslandes." Nun, als Landes kind werden Sie hier bei uns schon Ihren Weg machen. Haben Sie noch Verwandte hier im Lande?" Nur sehr entfernte, Vettern von mütterlicher Seite und ein paar Onkel und Tanten zweiten und dritten Grades." Nun, .Bekanntschaften Haben Sie wenigstens schon angeknüpft, und die mit der Familie Bockum ist jedenfalls die angenehmste. Ich wünsche. Jhmu
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ti ji ( ! w wntwjni - W - & von tt J:Ks A. Ösh.ir filauljmann viel Glück! Bitte, lassen Sie nur den Dank! Auf Wiedersehen!" Der Assessor mußte in den Dunst und daber die Karten, die er erst am Nachmittag den Damen persönlich überbringen wollte, in der Tiefe seiner Brieftasche verbergen, waren sie doch wirklich sür ibn ein Schah. Er arbeitete eifrig bis zur Tischzeit, stetste dann im Gasthofe und ging nach Hause, um sich für ten Nachmittagsbefuch umzuziehen und noch ein wenig zu ruhen. Auf seinem Schreibtisch lag ein dicker Brief, dessen Adresse eine sehr knorrige. originelle Handschrift zeigte. Er öffnete den Brief und fand eine Anzahl von Quartblättern, auf welchen trotz aller Aerschnorkelungen doch nicht undeutlich sagende Worte standen: LieberJunge! Du kennst mich wahrscheinlich kaum noch. Ich bin ein Vetter Deines verstorbenen Vaters und also ein Stück Onkel von Dir. Wir haben uns nie um einander gekümmert, wir brauchten einander nicht, und deshalb ging Jeder seinen eigenen Weg. Jetzr sollst Du jnir einen Gefallen thun. Ich habe gehört, daß Du nach O. versetzt bist, dazu bist Du Assessor, also gewissermaßen ein erwachsener Mensch, man kann sich Dir anvertrauen. Damit Tu aber ein Interesse für mich hast, denn die Bestie, Mensch genannt, thut nichts umsonst, kann ich Dir auf Ehre und Gewissen mittheilen, daß ich Dich so reichlich in meinem Testamente bedacht habe, wi: Du selbst gar nicht erwartest. Bin ja alter Junggeselle, hinterlasse keine direkten Erben und kann mit meinem gesparten Vermögen anfangen was ich will. Doch zur Sache. Du weißt, ich bin leidenschaftlicher Jäger, aber leide? ist bei uns nicht viel nit der Jagd los, denn wir haben wenig Wälder und infolge dessen kein Hochwild. Ich hatte mir indessen auf meinem Gute eine schöne Jagd eingerichtet, durch Hinzupachicn von Cemcindejagden erweitert und asanenzucht angelegt. Hühnerjagd großartig. Hasen massenhaft. Zur Schnepsenzeit Hunderte von Schnepfen selbst heruntergeholt! Und nun kommt ein solcher Gaudieb und ruinirt mir alles, nimmt mir meine einzige Lebensfreude, kränkt mich bis auf's Blut, bringt mich zur Verzweiflung, und ich habe nicht einmal das Recht, ihm eins auf den Pelz zu brennen! Schöne Gesetze das! Dieser Lumpenhund ist mein neuer Nachbar, der die Güter in der Nähe kaufte. Er hat mich bei allen Gemeintepachtungen durch nichtswürdige Intriguen herausgedrängt und hat jetzt die Jagden selbst, jitzt mit seiner Jagd mitten in meiner drinn, wie ein Pfahl im Fleische. Natürlich fällt jetzt alles, was ich in Jahrzehnten gepflegt habe, ihm zu. Er schießt meine Hasen, aber ich sorge dafür, daß dieses Vergnügen für ihn bald aufhört. Ich habe keine Hasen mehr, er aber auch nur noch zwei, den Hasen Max und den Hasen Moritz, und diese auch nicht mehr lange. Junge, hast Tu eine Ahnung, was es heißt, einen alten, passionirten Jäger wie mich, so weit zu bringen, daß er absichtlich Füchse und anderes Raubzeug züchtet? So weit bin ich gekommen. Ich habe eine Waldremise dicht an der Jagdgrenze und dort habe ich meine Fuchszucht angelegt. Ich kirre die Bestien, ich schaffe ihnen Baue, ich füttere sie. ich kaufe lebende Füchse aus dem ganzen Reich zusammen und setze sie in meinen Fuchspark, und natürlich gibt es in der ganzen Umgegend keine Hühner mehr, wie gesagt, höchstens noch zwei Hasen. Nenne mich einen Aasjäger, e-'nen Lumpen, Du wirst vielleicht Reck haben; aber was soll ich einem solchen infamen Gegner gegenüber thun? Bestie erzeugt Bestie, und der Mensch ist die schlimmste Bestie! Wie wüthend nun der Nachbar ist. kannst Du Dir denken. Er hat alles Mögliche gegen meine Füchslein versucht, aber sie sind zu schlau, um sein Gist zu nehmen. Er hat mit Riesenkos!en einen Drahtzaun rings um sein Revier, wenigstens an meiner Grenze machen lassen, aber meine Füchslein gehen um den Zaun herum oder darunter hinweg. Seinen Aerger kannst Tu Dir denken. Jetzt habe ich unmittelbar an der Grenze noch große Schilder anbringen lassen mit der Aufschrift: .Alle Füchse jederzeit herzlich willkommen!' Das hat ihm den Dampf angethan, er hat das Feld geräumt und ist nach O. gegangen, angeblich zu den Hoffestlichkeiten, mochte wissen, was der Kerl dort will, paßt an den Hof wie eine Wildsau in den Salon. Nun paß aber auf, mein Junge! Der Mensch hat im Leben nur dann eine wirkliche Freude, wenn er Schadenfreude genießen kann. Das geht mir ab,. ich kann mich an dem Aerger des Kerls nicht weiden, ich komme ja nie mit ihm zusammen, habe ihn selbst nur ein einziges Mal gesehen, seine Familie noch gar nicht. Du kannst mir helfen: Putsche Dich an die Bande 'ran, suche Bekanntschaft mit der Familie, es weiß
ja Niemand, daß Du mein Verwandter bist, und dann berichte mir ausführlich, ?oie sich der Kerl ärgert, wie er auf mich schimpft, wie er mich verwünscht. Das Alles zu erfahren soll mir eine reine Wonne sein. Mach' Deine Sache gut, Junge, und Du sollst meine Dankbarkeit kennen lernen. Der Gaudieb hat auch eine einzige Tochter, ich kenne sie nicht, aber sie wird wohl nichts anderes, als eine modische Drahtpuppe sein. Mach' Dich an das Frauenzimmer 'ran, verdreh' ihr den Kopf und laß' sie dann sitzen. Dein Schaden soll es nicht sein! Rechne auf meine Dankbarkeit, die Bande verdient keine andere Behandlung. Vielleicht kann Deine Geschicklichkeit so weit kommen, daß er Dich in seine Pläne gegen mich einweiht; die verräthst Du mir dann, und ich durchkreuze seine Absichten jedesmal. Junge, das gibt einen Heidenspaß! Ich bin im Stande und setze Dich zu meinem Universalerben ein. wenn Du die Sache gut machst. Denke nicht gering voy meinem Besitz, mein Gut ist schuldenfrei und hat allein einen Werth von einer halben Million Mark. Also sei kein Narr und gehe auf meine Vorschläge ein, so gut wird es Dir nicht wieder geboten. Ich erwarte von Dir eine baldige Antwort! Dein Onkel zweiter Güte Jürgen v. Düsin g. Nachschrift: In meinem Aerger habe ich fast vergessen, Dir mitzutheilen, wie der Lumpenhund heißt, der mich um alle Lebensfreude gebracht hat. Es ist der F.-eiherr v. Bockum. Er ist. glaube ich, auch Kammerherr! Nette Sorte das! D. O." Als der Assessor die Lektüre des Briefes beendet hatte, war er gleichzeitig ärgerlich, und doch wiederum humoristisch gestimmt. Das war also der tolle Jürgen," wie er in der Familie hieß, den er hier kennen lernte. Von Angesicht zu Angesicht hatte er dies Original noch nie gesehen, aber weß Geistes Kind der Alte war, das ging deutlich aus dem Briefe hervor. Und nun gerade mit der Familie Bockum lebte er in Hader und Zwietracht. Wenn das nicht ein wunderbarer Zufall war. dann gab es überhaupt keinen mehr. Holst betrachtete den Brief von allen Seiten und entdeckte, daß derselbe nicht einmal ein Datum trage. Da die Handschrift aber wechselte, sah man wohl, daß die Herstellung dieses schriftlichen Gefühlsergusses Tüsing mehrere Tage angestrengter Kopfarbeit gekostet hatte. Holst suchte den Umschlag aus dem Papierkorb wieder heraus und entdeckte, daß der Brief erst am Tage vorher aufgegeben worden war. Der Onkel wohnte im westlichen Theil des Landes dicht an der Küste. Es ist das Beste, ich antworte tem alten Narren gar nicht.- sagte sich Holst. Was soll ich mich mit dem Manne erst auf eine Korrespondenz einlassen! Aber es wird wohl nothwendig sein, daß ich mich bei der Familie Bockum als einen entfernten Neffen des Sonderlings vorstelle, damit ich dort nicht durch irgend einen Zufall in eine schiefe Lage gerathe." Der Assessor kleidete .sich um und ging nach dem Hause, in welchem die Familie Bockum für die Tauer ihres Aufenthaltes in der Residenz stets eine Wohnung hatte. Nur die Frau des Hauses war anwesend; Fräulein Johanna war ausgegangen. Das brachte natürlich den Assessor um den größten Theil seines Triumphes. Wie gern hätte er die so mühsam errungenen Billets gerade in die Hände Johannas gelegt. Er wäre glückselig gewesen, wenn ihm vielleicht ein leiser Händedruck für seine Bemühungen gedankt hätte. So mußte er sich begnügen, der Frau v. Bockum die Karten zu übereichen; und die alte Dame war ja allerdings sehr freundlicb. sehr liebenswürdig, sie bedachte den Assessor auch mit einem Händedruck, aber das war nicht der richtige Händedruck, trotzdem er von einer sehr zierlichen Damenhand kam. Der Assessor entfernte sich ziemlich melancholisch gestimmt, da er den Gegenstand seiner Neigung nicht gesehen hatte, und ging dann wieder nach seinem Bureau, um noch ein paar Stunden zu arbeiten. Erst Abends gegen sieben Uhr kam er nach Hause und wollte sich jetzt umziehen, um noch eine Skatpartie im Kasino zu machen. Um allen unnützen Fragen zu entgehen, wollte er nicht in dem schwarzen Gesellschaftsrock, den er zu dem Besuch bei Bockums angezogen hatte, erscheinen. Er vertauschte den Rock und die dazu passende Weste mit einer dunkeln Joppe. Dabei packte er aus den Tascben htr
Weste und des Rockes alle die Gegenstanve aus, sie em Kulturmensch heutzutage mit sich herumschleppt. Plötzlich stutzte er. In der Brusttasche des Gesellschaftsrockes fehlte die Brieftasche. Mit stets sich steigernder Hast durchsuchte er die Taschen des oaes. luchte oen Fußboden und die benachbarten Möbelstücke ab, aber die Brieftasche war verschwunden. Sie enthielt weder Geld, noch wichtige Dofument;; immerhin waren doch PaPiere. Briefe und Karten darin, die Holst nicht gern vermißte. Er durch- j stöberte nochmals sämmtliche Tascken i deö Gesellschaftrockes; die Taschen waren ganz, oie Äriestasche konnte also nicht binausaefallen sein. Er mukte sie auf irgend eine andere Weise verloren yaven. Aber rotes. Uno wo? In Gedanken rekapirulirte er rasch, was er am Nachmittag gethan hatte;
.und jetzt erinnerte er sich, daß er die Brieftasche bei Frau v. Bockum herausgezogen hatte, um ihr die beiden Karten zu entnehmen. Als er dann, mit der Dame des Hauses sprechend und rein mechanisch die nöthigen Bewegungen ausführend, die Brieftasche in die innere Tasche des Rockes steckte, hatte er si: wahrscheinlich vorbeigeschoben, die Brieftasche war zwischen Weste und Rockfutter gerathen und dann auf die Erde gefallen. Jedenfalls hatte man die Tasche bei Bockums gefunden, man hatte sie geöffnet, hatte sofort aus der Anzahl gleichlautender Visitenkarten gesehen, daß sie dem Assessor gehörte. und er konnte sie dort mit aller Sicherheit wiederfinden. Plötzlich schrie der Assessor fast vor Schreck auf. denn er erinnerte sich daran, daß in der unglückseligen Brieftasche auch der erst am Mittag empfangene Brief von Jürgen v. Düsing lag. dieser Brief, der von Beleidigungen aegen die ganze Familie Bockum strotzte, dieser Brief, dessen Vorhandensein Holst zu einer Art Mitschuldigen Dllsings stempelte. Der Assessor fuhr sich ganz verzweifelt in die Haare und versuchte sich mehrcre Hände voll davon auszureißen. was ihm aber nicht gelang, da die Haare zu kurz geschoren waren. Je länger er aber nachdachte, was aus diesem Unfall oder Zufall für Unannehmlichkeiten für ihn entstehen könnten, um so unbehaglicher wurde ihm zu Muthe. Eine sehr, sehr schwache Hoffnung gab es ja, aber Holst wagte gar nicht mehr, auf sie noch zu bauen. Es war ja di? Möglichkeit vorhanden, daß Derjenige, der die Brieftasche gefunden, nur einen flüchtigen Blick hineingeworfen, und. sobald er sich aus dem Vorhandensein der gleichlautenden Visitenkarten überzeugt, daß der Assessor v. Holst der Verlierer sei. die Brieftasche wieder geschlossen hatte, ohne weiter ihren Inhalt zu durchforschen. Diese Hoffnung war aber schwach, sehr schwach, denn der Assessor kannte dieMenschenund wußte, daß Diskretion viel seltener zu finden ist, als man glaubt. Ein bischen neugierig ist jeder Mensch, und gar die Frauen können dieser Leidenschaft selten widerstehen. Es ist doch gar zu verlockend, wenn man die Brieftasche eines Bekannten in Händen hat. 'mal nachzusehen, was man darin findet: man hat ja den Entschuldizungsgrund, man sei zum Nachforschen gezwungen, um den rechtmäßigen Eigenthümer zu entdecken. Wenn nun Frau v. Bockum oder gar die reizende Johanna den Bri?f gefunden hatten, diesen Brief ohne Daturn, der also schon Wochen und Monate alt sein konnte, so mußten sie natürlich glauben, daß Holst ein erbärm-. licher Mensch sei, der sich an sie herangeschlichen habe, um den Auftrag d:2 Onkels auszuführen. Sie mußten glauben, daß er. geködert durch die Erbschaftsversprechungen des Onkels, sich nicht entblödete, sich in das Vertrauen der Familie zu schleichen, nur um dem Onkel schadenfrohe Berichte zu schicken, vielleicht gar, um der Tochter des Hauses im Auftrage des Onkels Schimpf und Schande anzuthun. . Es war ein Glück, daß der Assessor in diesem Augenblicke zwar einen Re-
volver an der Wand hängen hatte, aber keine Patronen dazu besaß; er hätt: sich vielleicht doch in dieser entsetzlichen Minute ein Leids angethan. Wieder zog er aus dem Papierkorü den Umschlag hervor, in dem der unglückselige Brief gesteckt hatte. Er sagte sich als Jurist, daß dieser Briefumschlag gar kein Beweis sei, aber irgend ein Änhaltöpunlt für die Wahrheit seiner Behauptungen war er doch. Ein reines Gewissen, das Gefühl der Unschuld verleihen große Kraft. Nach längerem, qualvollem Ueberlegen beschloß der Assessor, zu Vockums zu gehen. nach dem Verbleib der Brieftasche zu fragen, und, wenn er aus dem ganzenBerhaltenBockums oder seiner Frau merken würde, daß man von dem Inhalte des Briefes Kenntniß hatte, mit einem vollen Geständniß herausrücken. Sollte er dann auch das Opfer des verrückten Briefes werden, so hatte er wenigstens als ehrlicher Mann gehandelt. Es war jetzt zwar keine Zeit, um Besuche zu machen; aber gegen acht Uhr Abends traf er ganz sicher die Familie Bockum zu Hause. Es war ein schwerer We.i. den er zu machen hatte. Je mehr er sich dem Hause näherte, in welchem Bockum wohnte, desto kürzer wurden die Schritte des Assessors, und unten vor der Hausthür mußte er sich selbst erst noch eine gewaltige Moral-predigt-halten, ehe er es wagte, di? Treppen hinaufzugehen und zu klingeln. Das Stubenmädchen nahm seine Karte, kehrte nach einiger Zeit zurück und sagte: Das gnädige Fräulein läßt bitten." Im Empfangszimmer saß Johanna und blickte den Assessor erstaunt an. Papa :-nd Mama." sagte sie. fad cusgebeten. Da ich ab:r aus der Zeit Ihres Vosucheö schließe, daß es sich um etwas Wichtiges handelt, habe ich mir erlaubt, Sie zu empfangen." Das paßte nun allerdings nicht in die Verechnunaen des Assessors. Er sah prüfend in das Gesicht Johannas, als wolle er sehen, ob sie schon etwas von dem entsetzlichen Briefe wußte. Aber Johanna war harmlos wie immer; vielleicht nicht ganz so lustig wie sonst, aber das lag wohl nur daran, daß sie eben allein zu Hause war, und der Besuch des Assessors zu so sonderbarer Zeit sie überraschen mußte.
Ich bitte um Verzeihung." sagte Holst, wenn ich zu so ungewöhnlich?? Zeit komme. Aber ich war am Nachmittag hier, um Ihrer Frau Mama die Zutrittskarten zur Kirchcncinweihung zu übergeben, und ich muß fast annehmen, daß ich hier meine Brnftasche verloren habe. Ich wollte mich nach dieser Brieftasche erkundigen. Es sind keine Werthsachen darin, aber doch PrivatPapiere, die ich nicht gern missen mochte." ' Ich weiß nichts von dem Fund einer solchen Brieftasche." sagte Fräulein JoHanna. Ich bin allerdings erst gegen Abend nach Hause gekommen; aber'ich glaube doch, die Mutter hätie mir etwas davon gesagt. Ich will indeß '.mal das Mädchen fragen." Sie klingelte, aber es stellte sich heraus. daß auch das Stubenmädchen nichts von dem Fund einer Brieftasche wußte. Das war aber noch keine Beruhigung für den Assessor. Wenn Frau v. Bockum die Brieftasche gefunden hatte, so war es natürlich, daß sie dem Dienstmädchen nichts darüber mitgetheilt, sondern nur ihren Gemahl zum Vertrauten gemacht hatte. Das Stubenmädchen ging, und Sache des Assessors wäre eö ebenfalls gewesen, zu gehen; denn die Vorschrift ten der guten Gesellschaft verbieten, jungen Damen, die man in Abwesenheit ihrer Eltern allein zu Hause trifft, zu lange Besuche zu machen. Aber der Assessor fühlte das Bedürfniß, noch irgend etwas zu sagen, was ihn entschuldigte, was Stimmung für ihn machte, wenigstens bei Johanna. Wer zuerst die Meinung eines Menschen zu beeinflussen sucht, hat gewöhnlich mehr Glück damit, als der Nächste, der mit der Beeinflussung kommt. Wenn er jetzt Johanna ein offenes Geständniß ablegte, war sie vielleicht eher geneigt, an seine Unschuld zu glauben, als wenn sie die ganze, grausame Geschichte erst aus dem Munde der Eltern erfuhr. Aber konnte er ihr denn die Wahrheit sagen? Konnte er ihr denn mittheilen, welche unverant wortlichen Aeußerungen Jürgen DLsing über sie gethan hatte? Der Assessor stieß ein paar tiefe Seufzer aus, sah unruhig nach rechts und links, warf hin und wieder unsichere Blicke auf Johanna, so daß auch die junge Dame das aufgeregte Wesen des Assessors merkte und etwas unruhig wurde. Ich hoffe." sagte sie. der Verlust der Brieftasche ist nicht so schlimm, und Sie finden sie noch. Hier bei uns ist sie aber nicht verloren gegangen." Ja, ja!" versetzte Holst, der anscheinend gar nicht gehört hatte, was Johanna sagte. Und dann warf er ihr einen Blick zu, der so eigenthümlich war, daß sie erschrak. Es entstand wieder eine Pause, und in noch größerer Verlegenheit als vorher wiederholte das junge Mädchen: Die Brieftasche hat sich also in der That hier nicht gefunden, Herr Assessor. Vielleicht überlegen Sie. ob Sie nicht auch an anderen Orten gewesen sind, wo Sie die Brieftasche verloren haben könnten." Der Assessor blieb aber mit der Unbeweglichkeit eines Felsblockes sitzen und
lernen noch gar mcht oit Absicht zu haben, zu gehen. Endlich stieß er hervor: Fräulein Johanna! Ich hoffe. Sie werden den Glauben an mich nie verlieren. Das ist mein einziger Trost, das soll mich selbst über eine Trennung für immer hinwegbringen!" Diese Rede war für die junge Dame natürlich vollkommen unverständlich, aber doch auch beängstigend. Wäre der Assessor für Johanna nur eine 'gleichgiltige Bekanntschaft gewesen, so hätte sie versucht, ihn nach seinem sonderbaren Betragen und seinen konfusen Reden einfach loszuwerden, so aber gerieth sie in Aufregung und zeigte dieselbe so deutlich, daß selbst Holst etwas merkte und sich wie ein Mensch vorkam, dem in dem Augenblicke, in dem er auf das Schaffst steigt, sich irgend eine unnütze Aussicht auf Lebensglllck zeigt. Johanna trat an den Unglücksassessor heran und sagte mit unsicherer Stimme: Sie erschrecken mich mit Ihren Worten, deren Sinn ich nicht vollständig versiehe. Wollen Sie sich mir nicht anvertrauen? Sie können es offen thun. Niemand will Ihnen wohler..." Sie brach plötzlich ab. Ich weiß es. Johanna, wie edel und gut Sie sind; aber auch Sie wissen, ich hoffe es, was Sie meinem Herzen sind. Nun werden Sie begreifen, was es für mich heißt. Sie zu verlieren. Sie verstehen mich!" Sie verstand ihn natürlich nicht. Sie schwieg deshalb, aber in ihren Augen erschienen Thränen, dicke, schwere Thränen und sie rollten über ihre Wangen und fielen wie blitzende Diamanten auf ihre Hände. JJlun gibt es Männer, die es absolut nicht ertragen, ein Weib weinen zu sehen. O, wenn die Frauen nur wüßten. wieviel solcher Männer es gibt, sie würden mit ihren Thränen noch mehr Unheil anrichten! Holst hatte das Bedürfniß, Johanna unter allen Umständen vom Weinen abzuhalten und nahm sie deshalb in seine Arme. Johanna sträubte sich nicht, aber begann noch mehr zu weinen. Das erschreckte den braven Solst so sehr, daß er zu dem verzweifelten Mittci griff, sie zu küssen und aus das zärtlichste ihren Namen zu nennen.
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