Indiana Tribüne, Volume 30, Number 132, Indianapolis, Marion County, 26 January 1907 — Page 4
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Hsny O. Tdlldiu yräfldeut. BesÄSftSloealt ?lo 31 Süd Delaware Straße. TELßPH0lE 69. E rtttd t rhe Pott Office ol Indianapolis mi cocd clas matter. Sensationeller MordprozeK Der Strafprozeß gegen den deS Mor deö angeklagten millionenreichen Tage dieb Harrt) K. Thaw in Ne Jork hat begonnen. Allerdings ift der Fall interessant. und Diejenigen, die in ihm auftreten. sind eS noch mehr. Der Helo" ein MilliardürLsohn, der das von dem Vater zusammenaescharrte Geld mit vollen Hünden ausstreute, der seinen Launen unumschränkt frönte und nie im Leben einen Tag ehrlicher Ar beit zu verzeichnen hat; die Mutter eine . der erßen GesellschastSdamen PittZ bürg; die eine Schwefter eine Gräfin Varmoutb, deren Heirathsgut dem rni&tnrnlschen Edelmanne vor der Trauung an der Kikchenthüre einge händigt werden mußte; ' die andere Schkvefter die Gattin eines Verroandten des steinreichen CtahttönigS Carnegie; und schließlich Frau Tham, eine ju gendliöe Schönheit ersten Range?, mit einer Vergangenheit, die im Laufe deö Prozesses in das helle Rampenlicht ge zerrt werden muß. Fügt man noch hinzu, daß der Ermordete zu den her vorragendften Architekten und rückftchtS losesten Lebemännern deS Lande? ge hörte, uud daß die bedeutendsten ttri minalanvülte i und Cachverßündigen New Yorks in dem Falle zu Worte kommen werden, so erscheint da? außer ordentliche und allgemeine Interesse wob! gerechtfertigt. Der Mord an sich kann nicht geleuz net werden. Wie sich au? der Vorun tersuchung und den bei der Geschwore nenauSwahl gestellten Fragen schließen läßt, rechnet die EtaatSanwaltschaft darauf, daß die Vertbeidkgung sich zunächst auf da? .ungeschriebene Gesetz-, daS beißt aus das sogenannte Recht deS Ehemanne? stützen wird, die Kränkung seiner Frau blutig zu rächen. Bei der Beurtheilung de? Falle? von diesem Standpunkte au?, werden selbßöer stündlich die Beziehungen zwischen der Gattin deö Mörder? und dem Ermor deten einer gründlichen Prüfung un terzogen werden müssen. Außerdem dürste, wie das in solchen Füllen üblich zu sein pflt. die WahnftnnLtheorie geltend gemacht werden, ttein Gerin gerer als Lamdroso bat bereits in einem Guiachten den verwöhnten Sohn der reichen Familie als geistig minderwer thig bezeichnet. Zu Gunsten des Angeklagten wird alle? aufgeboten, va? Geld beschaffen und kaufen kann. Hoffentlich blendet da? Geld aber nicht auch die Geschwo renen. Harry Thaa sollten im Pro zeß alle Rechte und Rechtswohlthaten zutheil werden, welche den Bürgern unsere; Lande? in seiner Lage gewähr! werden. Aber nicht mehr; denn eS steht neben der Ehre, der Freiheit und dem Leben de? Angeklagten auch die Ehre und da? Ansehen de? Gerichte? auf dem Spiele. Interessantes vom Bundes Senat. Wenn im Mürz d. I. die neuen Senatoren Curti? von ttansa?, Smith von Michigan und Dixon von Mon tana ihre Sitze einnehmen, werden sie unter ihren neuen Kollegen eine ganze Anzahl finden, mit denen sie im Re präsentantenhause zusammen gesessen waren. In der That saßen von den 90 Mit gliedern de? derzeitigen Senat? 34, also über ein Drittel, früher im Kongreß. Verschiedene von Kiesen 34 ha bm auch sonst noch Hervonagende Stellen bekleidet, waren Gouverneure, Legislaturmitglieder u. s. v. So waren 22 davon früher StaatSgouderneure, wie Cullom von Illinois, Nelson von Minnesota, Stone von Missouri, Daniel von Virginia, Mc Creary von ttentucky, die Senatoren von Vermont, Proctor und Dillkng foul, fotoie McEntty und Foster von Louistana. Unsere Südftaaten scheinen überhaupt mit Vorliebe frühere Gouverneure in den Senat zu schicken, -denn elf von den 22 früheren Gouver euren kommen aus dem Süden. , Interessant ist, daß jeder . der Staa tm, dmen die drei neuen Smatonn
angehören, nun von 2 früheren Reprä
sentanten vertreten sein wird. Da find Curti? und Long, Smith und Burrow?, Dixon und Carter. Auch Zowa, ttentucky lund Maine haben dasselbe Vergnügen. Auch Brandegee von Connecticut, Mollory von Florida. Hopkin? von Illinois, Hemenway von Jndiana, Rayner von Maryland, Burnett von Rebraöka, Dick von Ohio, Latimer von Eüd.Carolina und Sutherland von Utah waren früher Reprüsen tanten. Andere saßen bereits früher und längere Zeit im Hause. So diente Thomas Platt vor 30 Jahren bereits 2 Termine. Nelson 20. Llörich einen. ehe er in 1831 in den Senat kam. Henry Cabot Lodge diente seinen vier ten Termin als Repräsentant, als er r?r vierzehn Jahren Senator wurde. Joseph W. Balley war der Führer sei ner Partei im Hause, ehe er in den Senat kam. Von den Ex-Gouverneuren gehören. abgesehen von denen, die früher im Hause waren, einige mit zu den rührig ften Senatsmitgliedern. Wir nennen blos Crane von Massachufett?, Cul berson von TexaS, Foraker von Ohio, La Follette von WlSconftn, Proctor von Vermont, Tillman von Süd Carolkna, Peabody von Rhode I. land. Aber auch ohne früher Reprüsentan ten oder Gouverneure gewesen zu sein. spielen Beveridge und Epooner, wie ja -nünniglich bekannt, eine vortretende Rolle im Senat. Mit 34 früheren Repräsentanten und 22 ehemaligen Gouverneuren besteht der Senat sonach aus Männern, die bereit? früher bedeutende Stellungen im politischen Leben bekleidet haben. Von einer solchen Körperschaft darf man füglich auch die nöthige Einficht und Umsicht erwarten, die un? die beste Aussicht eröffnen auf das Wohl und Gedeihen de? Lande?. In bitterem SarkasmuZ schreibt ein östliche Blatt: Glücklicher Weise vermehrt sich die Bevölkerung deS Lan des rascher, al? die Eisenbahn.Gesell schasten im Stande sind, sie umzubrin gen. Wenn es jemals zwischen den Ver einigten Staaten und Japan zu einer Auseinandersetzung über die Herr shast auf dem Stillen Meere kommen sollte, würde eine starke japanische Bevölkerung auf he Philippinen und Hawaii schwer gegen die amerikani schen Interessen in'S Gewicht fallen. Die Söhne des Reichs der aufgehen den Sonne- bleiben Japaner, wo sie auch sein und was sie betreiben mögen. i In den letzten Tagen sind in Wash ington und Oregon auch den Bahnen die Kohlen auSaeaanaen: die 5Züae können nicht verkehren, weil sür die Lo. komotiven kein Brennmaterial Vorhan den ift. Da? ift zwar für die betref senden Staaten ein schwerer Schaden, aber eine gesunde kräftige Lektion für die Bahnen, die ganz allein an diesen Zustünden schuld sind. Hoffentlich ha, den sie nun die bittere Lektion gelernt und werken dasür sorgen, daß in Zu unft sich solche Zustünde nicht wieder holen. ,Timeo Dacaos et dona feventes. Im Gegensatze zu der au? Berechnung unaufrichtigen britischen Presse hat der Gouverneur von Jamaika den wahren Gefühlen Großbritannien? gegen die Ver. Staaten Ausdruck verliehen. Denn alles Gerede von der Blutvc? wandtschaft" der beiden Nationen kann die Thatsache nicht verhüllen, daß das größte je dagewesene Weltreich in der mächtigen Republik nur einen gefähr ichen Nebenbuhler erblickt, vor dem e? auf der Hut sein muß. .Ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen,- und dann vielleicht erst recht. Holder Frieden, süße Eintracht herrschen zwischen unserer Republik und England. Die Episode von King fton vermochte das gute Einvernehmen zwischen den beiden befreundeten und stammverwandten Mächten nicht zu stören. So ist'S recht! Immerhin wirkt der Gedanke erheiternd, wenn man sich vergegenwärtigt, was sür ein Jndianergeheul durch die Presse aller Erdenländer - gegangen sein würde. wenn unsere Marinetruppen in einem ähnlichen Fall von einer deutschen In sel hinweg kompllmmtirt worden wü ren, wie letzthin von - der englischen Insel Jamaica.
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Eines Klridcs wcgrn " ZloVcUctto DOll F r i y ? r c i d c r g & n dem Salon ihrer in der Fehrbellinerstraße in Berlin N. gelegenen Wohnung saß &nm Köhler der Frau Geheimen Oberbaurath Hartmann mit nachdenklicher Miene gegenüber. Der junge Ingenieur war an der Anatolischen Bahn angestellt und befand sich auf Urlaub in Berlin. Er überbrachte Grüße von einem Bruder der Frau des Hauses, der ebenfalls Ingenieur an der Anatolischen Bahn in Kleinasien war, und ließ sich von ihr über dessen Befinden, sowie de: jenigen seiner jungen Frau ausfragen. Heinz wurde immer nachdenklicher. Ja. gnädige Frau." meinte er ohne eigentlichen Zusammenhang und mit einem Anfing von Wehmuth, Ihr Herr Bruder ist zu beneiden. Im fremden lande eine sorgende deutsche Hausfrau in der Seite. Wer es auch so gut hätte!" Frau Hartmann horchte auf. Der Besucher zielte offenbar auf etwas hm aus. ' Doch nicht etwa ? Sie mußte innerlich lächeln. Sie beneiden ihn?" gab sie zurück. Weil er eine sorgende deutsche Hausfrau im fremden Lande an seiner Seite hat? Nun. Herr Köhler, sich in gleiche deneidenswerthc Lage wie er zu setzen, liegt doch ganz fcii Ihnen." Heinz räusperte sich. In den blauen Augen seines energischen, von de? Sonne Kleinasiens stark gebräuntem Gesicht blitzte es auf. Er gab seiner kräftigen Männergestalt einen Ruck. Gnädige Frau, darf ich Ihnen mein Herz entdecken?" Ich bitte!" Gnädige Frau, ich bin, wie ich Ihnen schon sagte, bereits zwölf Jahre außer Landes. Erst habe ich in China Bahnen gebaut, dann in Südafrika. Im Herzen Kleinasiens, in Konia, bin ich seit einem Jahre endlich zu festem Wohnsitz gekommen. In der langen Abwesenheit von der Heimath habe ich aber jeden Anhalt in ihr verloren, denn meine Eltern sind längst todt.und näherer ü.'erwanoten wukte ich mich auch nicht zu erinnern." Er räusperte sich wieder.. Tann fuhr er schneller fort: Gnädige Frau, ich will mich kurz fas sen. Ich habe mir einzig in der festen Absicht Urlaub nach Deutschland genommen. um mir eine Frau zu holen. Sie lächeln mit Recht, gnädige Frau. Ein naives Unterfangen, nicht wahr?" Durchaus nicht!" Doch doch! Ich bin nämlich inzwischen selbst zu der Ueberzeugung gekommen. Mit den schönsten Hoffnungen langte ich an. Ein schneller, glücklicher Wurf mußte mn glucken! Allem in diesem Häusermeer, inmitten dieser auf den Straßen dahinhastenden Menschenmengen, m diesem Larm. was alles in denkbar größtem Kontraste zu der Feierlichkeit, dem Schweigen des Orients, aus dem ich kommen steht, mir völlig fremd geworden ist. zerflog meine Hossnungssreudigkeit in wenigen Stunden in alle Winde. Ich. der ich. ausschließlich auf mich angewiesen, in die wildesten Gegenden vordrang und mich mit Leichtigkeit in ihnen zurechtfand, ich komme mir in 'der Riesenstadt vor wie ein tm Walde verirrtes Kind. Ich 'kann ohne Uebertreibung sagen. daß ich die Empfehlung Ihres Herrn Bruders an Sie. gnädige Frau, ge radezu als em Heil betrachte. Gnädige Frau, 'ich bitte Sie instandiast. helfen Sie mir bei meinem Beginnen!" Frau Hartmann lächelte ausdrucksvoll. Heirathen stiften ist eine heikle Geschichte. Herr Köhler. Mein Grund satz ist: Laß zwei sich finden, wie es sich gibt. Sieh und höre nichts davon. Aber Ihre Lage erfordert gebieterisch eine Ausnahme. Deshalb soll es mir eine Freude sein, wenn ich Ihnen ein wenig dienlich sem kann. Heute ist Montag. Am Mittwoch haben wir eine kleine Gesellschaft bei uns. Haben Sie die Güte, uns zu beehren." Heißen Dank, gnädige Frau." Ich werde im Hinblick auf Ihre Absichten einige junge Damen einladen. Wohlgemerkt, ich verrathe aber vorerst keiner etwas von Jhrn heimtückischen Absichten!" einz sprang auf. Sie verpflichten mich auf's tiefste, gnädige Frau!" Als der Besucher geganzen, überlegte die Bauräthin hin und her. welche sie von den ihr näherstehenden jungen Damen wohl noch unauffällig einladen könne. Herta Graupner? Die würde nie und nimmer mit nach Kleinasien gehen. Auch Fränze, Leonhardi und Liesel Heym nicht. Etwa Hanna Sträube? Deren Eltern würden zu solch einer Helrath über Hals und Kopf niemals ihre Zustimmung geben. Ueberhaupt die Plötzlichkeit der Entschließung! Daran würde wohl das Vorhaben Heinz Köhlers scheitern. Je weiter sie sann, umsomehr ward sie sich der Aussichtslosigkeit bewußt. .Es ist zu dumm!" rief sie ärgerlich auö. Wie viele junge Mädchen feiV nen sich nach einem ehrlichen Manne, dem sie bereit wären, bis an"s Ende der Welt zu folgen. Und hier tritt nun einer, einer der ehrlichsten sicher, aus den Plan, sieht sich um und wie seine
Augen wollen auch meine keines errt dcclen!"
Sie redete sich immer mehr in Aerger hinein. Wenn sich d:e Frau GeHeime Oberbaurath Hartmann aber wegen einer Sache, die sie auf sich genommen, in Aergcr hineinredete, so war das für die Sacke selbst immer von Vortheil. Denn dann versteifte sie sieg erst recyt darauf. Wie sie schärfer fortgrübelte, kam es langsam über ihre Lippen: Also die jungen Damen meines engeren Bekanntenkreises kommen nicht in Betracht. Gut. suche ich in meinem weiteren. Wie wäre wäre es wohl mit Gertrud Werner?" Eine leichte Nöthe schoß chr in die Wangen, er trud Werner! Sie stellte sie im Geiste neben Heinz Kohler hin. Ein prächtizes Paar! Gertruds Mutter war eine Jugendfrcundin von ihr. Der Mann 'jener hatte aber geschäftliches Unglück gehabt und konnte kaum für sie und sich sorgen. Die Tochter mußte ihren Lebensunierkzclt selbst bestreiten. Augenblicklich war sie wo doch gleich? Richtig! Bei Herwig & Fontäne, dem photographischen Atelier in der Vehrenstraßc. war sie Empfangsdame. Man brauchte das der Gesellschaft ja nicht auf die Nase zu binden. Dieser gegenüber war sie einfach eine enfernte Verwandte. Und Gertrud mit ihrer königlichcn Figur, ihrer Sicherheit im gesellschaftlichen Umgange würde diese Rolle ohne Anstand durchführen. Der Grübelnden ärgerliche Stimmung war dahin. Sie überlegte, ob sie Gertrud schreiben oder sie lieber persönlich aufsuchen solle. Mit einem Male entschlüpfte ihr ein leichter Schrei. Daß mir aber auch Käthe Kirchbach noch nicht in den Sinn kam! Käthe verdient Heinz Köhler noch eher als Gertrud. Die arme Käthe! Ich werde sie auf alle Fälle auch zuziehen." Käthe Kirchbach war von dem bösen Leben arg angefaßt worden. Sie war die Tochter eines wegen Krankheit frühzeitig pensionirten Bauraths. Die Mutter hatte sie schon als Kind verlorcn, und den kranken Vater verlor sie auch bald. Und da von Stund' ab die karge väterliche Pension, von der bisher die Wirthschaft unterhalten worden war, entfiel, und sich obendrein ergab, daß noch mancherlei Schulden vorhanden waren, sah sie sich über Nacht thatsächlich auf die Straße gesetzt. Aber Käthe verlor den Kopf nicht, zumal man ihr aus früheren Kollcgenkreisen ihres Vaters hilfreich unter die Arme griff. Da sie ausgezeichnet Klavier spielen konnte, verschaffte man ihr Schüler und, Schülerinnen. Weil sie aber mit dem Stundengeben nur einen VruchZhcil des Tazes ausfüllte, der Verdienst auf die Dauer auch bei der größten Sparsamkeit nicht' ausreichen wollte, verfiel sie schließlich darauf, ihr Maltakent ebenfalls nutzbringend anzuwenden. Sie malte seitdem mit eisernem Fleiße Ansichtspostkarten. Ein mühsames, eintöniges und erschreckend unlohnendes Geschäft. Dieser Käthe Kirchbach erinnerte sich also Frau Harimann plötzlich. Sie entschloß sich sogar, sie sofort in ihrer Pension in der Stralaucrstraße. wo sie seit dem Tode ihres Vaters wohnte. auszusuchen. Auf dem Rückwege wollte sie auch bei Gertrud Werner Mit vorsprechen. In der kleinen Gesellschaft, die sich am Mittwoch um eine Tafel in den Räumen der bauräthlichen Wohnung zusammengefunden, ging es am Anfang etwas steif zu. Sväter erst aab man sich eine Schattirung freier. ein. Kodier ruckte voll innerer Unruhe auf seinem Stuhle hin und her. Er glühte förmlich. Wie sollte er auch nicht lir hatte nämlich, da es mehr Damen als üerren aab. zwei Tischdamen. Es konnte gar nicht anders sein, als dan er von seiner liebenswürdigen Wirthin mit Vorbedacht zwijcyen beide gesetzt worden war. Er ollte sicher die Wabl zwischen beiden haben. In der Stimmung, in der er sicki befand, pendelte er nicht nur äußerlich. sondern auch mit seinen Gefühlen von der rechten zur linken und von der linken zur reckten. Die Dame zu seiner Linken es war Gertrud Werner, die Empfangsdame batte eine scköne. volle Figur. Ihre klugen grauen Augen begegneten ihm sonder Scheu. Es war überhaupt eme große Bestimmtheit in ihrem Benehmen. Die Dame zu seiner Neckten daaeaen es ban delte sich um Käthe Kirchbach, die Klavierlehrcrin war von sehr zierlicher Z5igur und dabei von einer lieblichen mädchenhaften Scken. Voll hatte sie ihn überbauvt nock nickt anaeieben. Auch im Gespräch getraute sie sich nicht 10 rechheraus. Heinz dachte:, Könnte ich doch in das Herz der beiden schauen!" Ja. wenn er das gekonnt hatte. Das der ersten hätte er ohne jede Erregung gefunden, das der anderen aber in einem unruhigen Auf und Nieder. Die Tafel wurde aufgehoben. Die Frau des öauses Katte i'bren Gast des öfteren heimlich beobachtet. Jetzt winkte sie ihn zu sich heran. Nun. Herr Köhitx( mixt unterhalten Sie sich?" m Tessertsckt hatte seine innere Gluth noch angefacht. .Gnädige Frau." antwortete er mit Nachdruck, ich hatte heute Bormittag im Kunstsalon Söulte Geleaenbeit. ein Bild zu bewundern. Der junge Gott' Frühling lmrm: aus rym, an jeder Hand erne Frühlingsgöttin, über blumige Amn I
daher. Ich dünke mich augenblicklich
1 ewiger beneibenswerthe Gott zu sein. Sie lackte. .Sehr sckön. Aber das Bild. Herr Köhler, ist nur der Anfang emes Zyklus. Haben li das anstoV.r.üt auch vewuncerti - Jawohl, gnädige Frau. Dn Sommer, lim junger Älann schreitet, die Sense geschultert, durch wogendes Korn auf seine Hütte zu. Unter der ijiix Der Hatte oder steht sein zunges Weib und bält ibm zum Emvfanse hoch seinen strampelnden Stammhalter entgegen. Ich oanle Ihnen, gnädige rau. daß (sie mich zur rechten Zect an dieses zweite Bild erinnerten, e rade ich habe alle Ursacke. es mir bän dig vor Augen zu halten. Ich will meine Gefühle lonzentriren. Während dieser Unterhaltung hatte am Flügel im Nebenzimmer eine der Damen der Gesellschaft eine Phantasie aus cem barbier von Sevllla zum besten gegeben. Eine andere folgte mit der Ouvertüre zur Oper Nienzi. Die Gastgeberin eilte, um ihnen ?.u danken, und eine dritte Dame um einen kleinen Vortraa zu bitten, br Blick traf Käthe Kirchbach. Und ob sie sich auch etwas ttraudtc. Käthe mußte nunm:yr am ,slugel 'latz nehmen. Fräulein Käthe." flüsterte die Frau oes Haujes. ..bitte, etwas recht zum fL . ? V " r I . - ry herzen eyenoes. lwas ganz in faches. Ein Volkslied meinetweaen." Käthes schlanke weike inaer berührten die Tasten. Ihre Stimme setzte ein. Die Gesellschaft horchte im höchsten iraoe verwundert aus. Was war das Kein Rossini, kein Weber. l?in Waaner! Eine ganz simple Melodie! Man schüttelte die 55öpfe. Aber bald zwang oie auverkratt des Volksliedes all die lompnzirtcn Menschen in semen Bann: .Am Brunnen vor dem Thore Ta steht ein Lindenbaum. Ich träumt' in seinem Schatten So manchen süßen Traum Heinz Köhler packte die Melodie noch mehr als die anderen. Er schlich sich auf den Fußspitzen ganz nahe zu der vortragenden hin, trank mit heilen Äugen leoe Linie ihrer zierlichen Ge statt, hing an Zeder Beweauna. Und wie es weiter unter ihren HanV. . . " , I . r, - ucu hervorquoll, uoer inrc Kippen flog: ... Und seine Zweige rauschten, ?llZ riefen sie mir zu: Komm h?r zn mir, Geselle, - Hier sind'st Du deine Ruh! da fingen tausend Quellen an in ibm zu jprmgen. Er hatte hmausjauchzen mögen. Er hätte aber auch wieder ib.r ZU Füßen fallen, seinen Kopf in ihrem a)oon vergen und weinen, weinen mögen. Wie er so. seiner selbst kaum mä&; tig. dastand, kam es wie eine Offenoarung über ihn: (sie oder keine! , .. ... . . (-piel und Gesang endeten. Die Ge sellschast blieb stumm. Bescheiden er hob sich Kätbe. Aber iekt Krach ,Vr eisau los. Man uberschütete sie mit Lov. Auch Heinz wollte reden, allein die Zunge klebte ihm am Gaumen. yre )ano ergriff er impulsiv und führte sie an seine Livven. 5?r fcrftf am ganzen Körper. Das theilte sich ihr mit. Für Sekünden tauchten beider Blicke ineinander. Das war reizend, Fräulein!" rief es aus der Gesellschaft. Bitte, noch ein solches Lied." Käthe mußte sich wieder setzen. Sie konnte schon gar nicht anders, denn der Boden schwankte unter ihren Füßen. Sie hörte von den vielen an ihre Adresse gerichteten Wotten nichts. Schlaff hingen ihre Arme herab, während ihr Herz laut schlug. Die Bauräthin war herbeigekommen, legte eine Hand auf ihre Schulter und bat gleichfalls mit. Herr Köhler." wendete sie sich an Heinz, helfen Sie auch mit bitten." Heinz ermannte sich. Schenken Sie uns noch Ihr Lieblingslied. mein Fräulein." Sie erhob wie unter einer magnetischen Gewalt für den Bruchtheil einer Sekunde nochmals den Blick zu ihm, so scheu, so fragend, daß Heinz weder aus noch ein wußte. Plötzlich zuckte sie aber zusammen. Ein herber Zug prägte sich um ihre Mundwinkel. Hinweg mit den thörichten Gedanken! schalt sie sich innerlich. Wenn er erst hört, daß Du arm bist... Weg! Weg! Ihr Liblingslied, bitte, mein Fräulein," bat er nochmals. Wohlan, er sollte seinen Willen haben! Vorsichtig schlugen ihre Finger einige Akkorde an. Tiefe Stille trat ein. Und dann verwuchs sich ihre ganze Person geradezu mit dem Liede und der Melodie, welche sie seit Jahren im Herzen trug: Wo tch nicht bin. da ist da Glück - Das war die Kunst in ihrer Vollendung. Kein Auge blieb trocken. Heinz aber wich nicht mehr von ihrer Seite. Und er wußte es selbst nicht, wie es gekommen war, mit einem Male saßen sie beide allein auf einem Ecksofa, und er erzählte ihr offen, was ihn nach Berlin getrieben. Beim Abschied drückten sie sich wie langjährige Vertraute wieder und wieder die Hände. 0 Traumversunken stand Käthe Kirchbach am Nachmittage des folgenden Tages in-ihrem im vierten Stock einer Pension in , der Stralauerstraße gelege? nen Stübchen. '
War es erst gestern gewesen, daß sie ihm begegnet? Wirklich, es war erst gestern gewesen. Und doch, welche wonnige Empfindungen und beseligende Hoffnungen hatte diese kurze Spanne Zeit in ihr ausgelöst! Hatte diese kurze Spanne nicht all das Schwere und Bittere, das ihr widerfahren, das sie durchkostet, vergessen gemacht? Und die Andeutungen ihrer mütterlichen Freundin, der sie heute Vormittag zufällig odcr vielleicht auch nicht zufällig bei einer Familie, wo sie eine Klavierstunde gegeben, begegnet war? Er ist keiner von d'nen, die einzig nach G:!d streben. Ihm liegt allein an einem tiefen Gemüth, er dürstet nach Licbe so hatte die Vauräihin gesagt. Und sie? Dürsiete sie nicht ebenfalls nach Liebe? Erschauernd sölua sie beide Hände vor das glühende GeschO und schluchzte. Und doch glaubte sie, daß Flügel sie trügen. Ein Zwitschern und Jubilircn hub an ia ihrer Brust. Es klopfte. Ein dienstbare,? Geist des Pensionats lieferte einen Brief ab. Er war von d?r Bauräthin. die ihr mittheilte, daß sie sich doch übermorgen Abend um acht Uhr bei ihr einfinden möchte, um mit ihr zur Soiree bei Prosessor Seffner, dessen Gemahlin, wie sie wüßte, ihre spezielle Freundin sei. zu fahren. Sie möchte aber bestimmt kommen und recht pünktlich. Und ste sollte ja nicht etwa an ihrer Toilette Anstoß nehmen. In dem schönen weißen Kleide, das sie gestern bei ihr ge tr?gen, sei sie dahergegangen wie ein Engel. Käthe atmete mit Anstrengung. Zur Soiree bei Professor Seffner! Sie kannte von früher her dessen prächtige Räume, den (?lanz der Toiletten, der dort entfaltet wurde. Und sie dazwisehen mit ihrem Fähnchen? Nein! ES ging einfach nicht. Ihre Nasenflügel bebten. Herrgott, es ist zum Berzweisein!" rief sie aus. Ohne sich recht klar zu sein, was sie wollte, nahm sie das weip,e Kleid, das sie gestern Abend bei der Bauräthin getragen, aus dem Schranke und musterte es. Es war von gutem Stoff und auch modern gearbeitet. Aber es war nicht mehr so unbedingt sauber, wie es von einem weißen Kleide verlangt werden muß. So konnte sie es zur Soiree jedenfalls nicht tragen. Uebermorgen Abend?" lispelte die Sinnende. Heinz Köhlers Bild wurde wieder in ihr lebendig. Hatte die bestimmte Einladung mit ihm Zusammenhang? Sie nickte. Ihr Herz verrieth es ihr. Und dann holte sie einen Pappkarton vom Schranke, packte das Kleid hinein und eilte mit dem Karton die
Treppen hinab., die Stralauerstraße. hinunter. In der Nähe des MolkenMarktes wußte sie die Filiale einer chemischen Waschanstalt. Sie trat ein und stellte die Forderung, daß sie das Kleid bis übermorgen Abend sechs Uhr, gewaschen haben mochte. Aber das Ladenfräulein bedauerte, unter acht Tagen könne dem Wunsche nicht entsprochen werden. Kätbe biß sich in die Unterlippe und eilte weiter. In der Brüderstraße war das Hauptgeschäft einer anderen chemitchen Wäscherei. Hier versprach man ihr bei Bezahlung der doppelten Gebllhr pünktlich dienen zu können. Sie ging gern darauf ein. Als Käthe Kirchbach am Moraen des Sonnabend zum Ertheilen ihrer Klavierstunden aufbrach, kam ihr auf der Treppe strahlenden Gesichts ein Stubenmadchen des Pensionats entgegen. In der einen Hand hielt es einen Strauß wunderbarer, tiefrother Nosen. in der anderen ein schmales Koucert. Ein Bote habe beides soeben unten beim Hausmeister für das Fräulein abgegeben. Käthe nahm mit fliegenden Händen und flüchtete in ihr Zimmer zurück. Dort sog sie mit langen Zügen den schweren Duft der Blumen ein und führte das Kouvert an die Lippen. Bon wem es stammte, darüber kamen ihr keine Zweifel. Endlich entschloß sie sich, es zu off nen. Es waren nur wenige Zeilen. Er hatte die Frau Oberbaurath gebeten. ihm unter ihrem Schutze eine Gelegenheit zum Wiedersehen mit ihr zu geben. Und darauf hatte er durch jene eme Einladung zur Soiree bei Professor Seffner erhalten. Also, er würde sie dort wieder treffen. Seine Pulse flLaen in frober Erwartung. Was ibn nach Berlin getrieben, habe er ihr schon offenbart. Und jetzt füge er hinzu, daß es nur sie oder keine sem könne. Sie solle ihm im Hinblick auf seine Laae sein ungestümes Begehren verzeihen, aber käme sie. so wolle er darin die nahe Erfüllung seiner Herzenswünsche sehen, käme sie mcht, wurde er wissen. daß er keine Gnade vor ihren Augen. gefunden habe. Käthe wurde es schwindelia. Sie ließ sich in einen Stuhl fallen. Und doch hätte sie am liebsten über irgend ein weites Feld dahinstürmen mögen. In den Klavierstunden musterten sie ihre kleinen Schüler oftmals verstohlen. Sie wußten mcht. was sie heute aus ihr machen sollten. AIS es zum Abend ging, flnq sie an ihre. Toilette zu rüsten. Ob sie das hellblaue oder das dunkelrothe Gürtelband wählte? Sie entschied sich für letzteres. Und zwar deshalb, weil sie, eine , seiner langstieligen Rosen dahin ' ' ' -v- - " '
' (FortseKung auf Ut 5. CO.)
