Indiana Tribüne, Volume 30, Number 131, Indianapolis, Marion County, 25 January 1907 — Page 5

V ! KesnKnt ! i c 5 5 4 Cfiii jGilfc au 3 dritt lUilderrrUfccn I $ Vcn UHU)clm virogc ä iWtt!4M44 4-!! v in SrornCeerßqirüpp d:s wilden Gracenö" pirscht leisen Trittes ein Mann dem Walde au. Die kleinen grünen Eidechsen schlüpfeil erschrocken in ihre Löcher zwisch?n den Steinen, wenn die plumpen Schuhe des Schleichenden unhörlar an die langen Schwänze stoßen. Ja. das Pirschen versieht er aus dem Grunde, der alte Franz Harter, und im wilden' Graben" kennt er jedes Steinchen. (Zs sind wohl auch so an vierzig Jahre, daß er die offenen Wege zum Walde meidet; seine Haare sind darüber grau geworden. Heute thut er's nicht aus bestimmter Wilderervocsicht, mehr mechanisch, aus jahrelanger Gewohnheit. Tenn was sollte der schwarze Sonntagsrock wohl auf dem Pirschpfad? Er hat sich keine Zeit genommen, da Kirchgangsgewand auszuziehen, in dem er eben vor einer Stunde seine Frau begraben hat, die Len'. für die er am liebsten selber da unten läge zwischen den weißen und schwarzen Kreuzen. Wie ein angeschobenes StÄ! Wild ist er fortgestürmt von dem kleinen Gottesacker, wo ihn die Leute alle so merkwürdig anstarrten und der weißhaarige Pastor mit den milden, aber durchdringenden Augen so herzzerschneidend sprach von Schuld und Sühne, von Reue und Buße. Er hatte sie schon immer etwas gefurchtet, diese Seelsorgeraugen, die ihm jedesmal bis auf den Grund seiner Seele zu blicken schienen, wenn der Pastor an dem Strohlager des abgehärmten Weibes saß und betete. Aber heute am Grabe der Len' sind sie ihm durch und durch gegangen, diese Augen, und die Leichenrede bat ihn in's en actroffen. so sicher wie so oft seine Kugel den Hirsch. Ta sah er sie auf einmal alle, die schwarzen Schatten seines Lebens, wie sie mit um die biereckiae Erdgrübe herumstanden und mit grausigen Fingern hinunterwiesen auf den Sarg. Ta hörte er ihre traurigen, anklagenden Stimmen: Die hast Tu auch unter die Erde gebracht, die da unten, 'durch Deine Leidenschaft!" Und eine Gestalt war dabei, von der floß Blut in dicken, rothen Perlen auf schwarzes Moos. Ter Todtengraber hat ihn halten müssen, weil er schwankte, der starke Franz Harter. Zuletzt aber klang von dem weißhaarig? Mann im schwarzen Gewand ein Wort über's Grab: Und wenn Eure Sünde gleich blutroth ist, soll sie doch schneeweiß werden!" und dies Wort hat ihn besser gestützt als der Todtengräber. Ta stand er wieder gerade. der alte Wilderer, nur seine breite Brust ging auf und nieder, und ein tiefes, gepreßtes Schluchzen sprengte gewaltsam die fest zusammengebissenen Zähne. Drei Hände voll Erde, die rasselnd auf den Sargdeckel aufschlug und dann mußten sie ihn mit Gewalt fortführen vom Grabe, weil er immerzu schrie wie ein Thier: Len'. Len', Len'!" und sein gellendes Lachen die Leute erschreckte. Da hat er sich losgerissen und ist mit großen Sätzen in's Buschwerk gesprungen beim wilden Graben." Hier sah's keiner, wie er die Erde aufkratzte mit seinen harten Fingern, wie der mächtige Körper bei jedem würgenden Stöhnen zitterte wie Espen laub. bis endlich endlich die Thränen kamen, die am Grabe nicht fließen wollten und der starke Mann weinte und weinte lange lange. Zuletzt klanz's wie eines Kindes Wimmern. Er hat sie ja auch gar zu lieb gehabt, seine blasse, stille Frau mit den großen braunen Augen, die seit vier Jahren immer so fiebrig glänzten. Nie hat sie ein böses Wort von ihm gehört, alle Wünsche hat er ihr erfüllt, nur einen nicht, ihren Herzenswunsch, um den ihr täglich die Augen brannten vom Weinen. Der ging über seine Kraft. Er weiß jetzt, daß sie langsam gestorben ist an diesem unerfüllten Wunsche, er möge das Wildern lassen, an der furchtbaren Angst, die sie fast Nacht für Nacht um ihn ausstand, besonders seit der Nacht, da er heimkam mit großen Blutflecken an den zerrissenen Kleidern. Es hatte ihm wohlgethan, dem alten Harter, sich so ungestört im dichten Buschwerk ausweinen zu können. Ruhi ge? war's in ihm geworden und klar, daß für ihn nur noch zwei Wege zu gehen blieben auf dieser Welt, heute noch einmal in den Wald, morgen dann in die Kreisstadt, in tos große graue Haus mit den vergitterten Fenstern und den hohen Mauern. .Sühne! Sühne!- hatte plötzlich eineStimme in ihm gerufen. Das Wori griff mit festem Finger an sein zerschla, genes Innere, stärkend, Entschlußkraft verleihend. Seinen alten Schleichweg im toil den Graben" hinauf geht er darum jetzt zum letztenmal. Ein End; soll's werden. Was sonst sein Leben ausmachte, seine Liebe und seine Jagd, lust, sein sterbendes Weib hat's mitge. nommen unter die Erde. Was soll tx allein noch hier? Aber ein Abschied muß noch .sein, ein Abschied von sei 7 treuen Büchse und von seinen'

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Wald, der ihm, dem Naturkinde mehr

gewesen ist als die Menschen. Wie oft haben' sie ihn in ihrem dichten Astwerk geborgen vor den Kugeln der Verfolger, die hohen Maldr'.esen. seine treuen Kameraden! Er liesst sie jetzt zum letztenmal. Und einen Abschied für's Leben werden sie ihm beute zurufen die tausend geheimnißvollen Stimmen der Wildn.ln. die ihm schon beim Kohlen meiler seines Vaters das Wagenlied sangen. Ter Wald ist ja sein Vater Haus, und mit dem Wild hat er als Kind im Dickicht gespielt. So lag ihm der Jäger im Blute, und da ihn d:r Waldherr Irenen alter Feindschaft mit seinem Vater bei der Jägerei nicht hat anstellen wollen trotz aller Bitten, so mußt: er Holzschnitzer werden und Wilderer. Ganz von selbst, natur nothwendig. Freilich ein Wilderer von anderem Schlage als die Dutzendschürten, die aus Geldgier niederknallen, was vor's Rohr kommt oder Schlingen stellen. Als ihn im WirthsHause betrunkene Burschen einmal mit dem Wilddieb" hanselten, da ist er ihnen an die Gurgel gefahren mit seiner Riesenkraft, daß man ihn seitdem damit in Ruhe ließ. Erwischt hat ihn keiner von den Förstern in den langen Jahren doch einer ein einziges Mal, aber der hat nichts verrathen. Und der Wald ist stumm. Vorsichtiger wie der Fuchs war er sonst, der schlaue Sohn der Wildniß, und die Schliche kannte er besser, als alle Grünröcke zusammen. Gefunden haben die Gendarmen auch nie etwas in seinem Hauschen. Selbst im harten Winter, wenn die drei Kinder, die nun auch der Rasen schon deckt, manchmal ror Hunger wimmerten, hat er seine Ehre darein gesetzt, nichts zu stehlen, und das geschossene Wild hat meistens da gelegen, wo frühmorgens die Beamten daraus stoßen mußten. Und ein weidgerechter Jäger war er immer, der streng die Schonzeit hielt und stets die Kugel aus's Blatt setzte. Seinen Jägerstolz ha:!e auch cr, der vor dem Gesetz ein Wilderer war. freilich auch die unbezwingliche Jagdleidenschaft, wie sie oft Kraftnaturcn eigen. Wohl hat er mit ihr gerungen in mancher schlaflosen Nacht, so ehrlich, wie nur ein Mann es kann, dech sie war stärker als sein Wille, stärker als seine Liebe. Die Förster hatten nichts von ihm zu fürckcn; c? wußte, sie thaten ihre Pflicht, wenn sie ihm ihre Kugeln nadisandten, und ein Mörder wollte er nicht noch werden, seitdem einmal Menschenblut ihm die Kleider getränkt hatte. ohn: seinen Willen wohl, doch immer durch seine Schuld, in unseligem Verhängniß. Harter hat jetzt den Wald erreicht. Die graublauen Dämmersckattcn des Oktoberabends kriechen aus ihren Verstecken und schweben geheimnisvoll um die alten Stämme. "Aus kaum sichtbaren Pfaden hastet der Wilderer vorwärts, halb in der Furcht, es könnte ihn wieder gereuen, was er vor hat. Bald ist er an seinem Ziel, an der dicken Eiche." einem alten Riesen, dem man das Leben gelassen hat mitten im Unterholz. Er bückt sich zur Erde. Laub und Rasenstücke fliegen zur Seite unter seinen wühlenden Fingern, und aus einer Höhlung unter der stärksten Wur zel zieht er vorsichtig ein wasserdichtes Futteral, dem er zögernd die kurze Doppelbüchse entnimmt. Wie lieb kosend streichen die harten Hände über das kalte Eilen, als wollten sie Abschied nehmen und um Verzeihung bitten für das. was sie vorhaben.' Die Waffe ist Harters heimlicher Stolz gewesen. Tie Groschen sparte er sich am Munde ab. bis er sie hat erstehen können für manchen blanken Thaler, das Neuesie und Beste, was der Büchsenmacher führte. Und nun will er sie zum letztenmal umfassen, will sie mit eigner Hand zerschlagen, zerschmettern? Toch es muß ja sein, muß sein. Sühne! Sühne! Ein Zittern durchfliegt seinen Körper, ein Stöhnen entringt sich der Brust, und langsam rollen zwei heiße Tropfen über den Lauf. Ta was ist das? Wie tiefer. getragener Orgelton kommt's dumpf aus der Ferne. Lauschend horcht der Wald. Dann näher und näher, zum zweitcn. zum drittenmal. Jetzt drei kurze, grollende Zornlaute, männlich, markig, aufregend und donnernd dröhnte der Kampfruf des Königs der Wälder durch die Stille. Ein nervendurchrieselndes Schreien aus Urkraft. im Echo langsam an den Bergwänden verrollend. Jetzt prasselt's im Stangenholz, und majestätisch zieht der Hirsch auf die Eiche zu. Harter ist einen Augenblick zusammengezuckt wie vom Peitschenhieb getroffen. Alles Blut drängt sich ihm nach dem Herzen, das wildpochend die Brust sprengen will. Tann klammern sich seine Fäuste krampfend um die Büchse, die Augen im bleichen Gesicht weiten sich wie im Fieber, alle Glieder fliegen an ihm. jeder Muskel zittert vor Erregung, und die Zähne schlagen klappend aufeinander. So hat's ihn wieder gehackt, das Hirschfieber, wie stets bei dem Ton, dem kein echtes Jägerblut widerstehen kann. Eine Selunde lang taucht vor ihm aus dem Dämmerdunkel das leichenblasse Antlitz seines Weibes auf. wie sie auf dem Todtenbette lag mit, angstverzerrten Zügen, doch dann steht vor ihm nur das stolze Wild;' jede andre Empfindung ist untergegangen in dem einzigen,, brennenden Wollen, den Hirsch zu tref-

sen. Wa m Lucn die kalte, schusisickere

Ruhe wieder langsam hebt sich die Büchse in die Schulter, wie festgemauert sieht der Lauf, und klack! klack! patschen die Hähne herunter nicht geladen. Ter Hirsch schreckt und stürmt m hoher Flucyt radelnd ourch s Dickicht. Der Alte steht zuerst wie erstarrt Dann löst sicli die furchtbare Svan nung seines Innern; er schlägt nieder, wie vom Blik aetroffen. Ein wilder Schmerz, körperlich siechend, durchzuckt seine Brust, als er cn . i , . ic. r. gut oeinnung lornini unu weiß, uuu er ient sein Wort gebrochen bat. das ihm seine Len' noch abgerungen mit ihrem letzten Seufzer, das Versprechen, nie wieder die Büchse anzulegen. Der sterbenden ki.it er's a?lakt hritici und theuer vor Goil. was die Lebende nie erreicht hatte. Toch nun suhlt er auch den Rest seiner Ehre verloren. Ein Gefühl des Elels überkommt ihn. Ja. Jetzt ist er ganz reif für s Zuchthaus, reif zur Sühne. Und Sühne! Siibne!" kommt's über seine Livven. Dies Wort des Pastors hat sich ihm heute am Grabe tief rn s Gedächtniß eingehakt. Sühne!" Ein kurzes, beulendes Aufschreien und krachend schmettert C r- r c pi oer Äucyjenl0ioen gegen oen stemyarten Elchenstamm, in hundert Splitter zerstiebend: wie wahnsinnia schläat Harter zu, immer zu mit Riesenkraft tief beult sich oer Laus ein letztes, klirrendes Klatschen, irnd in hohem Bogen fliegt das werthlose Stück Eisen irgendwohin in's Gebüsch. Sühne! Sühne! Ein Häher fährt erschreckt mit widrigem Kreischen in die Höhe. Im Eich?ngeäst zittern o:e Blatter, zilterng wie m Mitleid mit dem Menschenjammer unter ihnen. Der Alte ist wieder hingesunken am Stamm. Wirr und feucht fallen die grauen Haarsträhnen ihm über die. Stirn. Das saltige Gesicht ist tief in den Händen vergraben, wohl daß der Wald die dicken Tropfen nicht sehe, die zwischen oen Z?inaern Quellen. Der harte Mann schämt sich seiner Weichhm, und doch laßt er so gerne die Brunnen der Tiefe in seiner Seele aufbrechen und alle Leidenschaft. Schuld und Qual seines Lebens sich linde lösen in dem heiligen Strom der Reue. Jetzt richtet sie sich auf. die gebeugte Gestalt. Das stahlgraue Auge blickt entschlossen den schmalen Pfad hin. der sich dort, jenseits der Lichtung durch schwarzen Fichtenbestand hinunterzieht zum WoIf3gnind." Kennst Tu ihn noch, den Weg. Franz Harter, weißt Du noch, wie Du ihn heraufgesetzt bist in jener Oktobernacht 's jährt sich heute zum zwanzigstenmal ichwelßbeoeat; von Furien gejagt und blutbesudelt,wie der Hirsch, den die Meute verfolgte? Denkst Du daran, daß ein Fleck im Wolfsgrundheute ein Anrecht hat auf Dich, wenn Du Abschied nimmst vom Wald und morgen dem Gericht Dich stellen willst? Er hat den Pfad scheu gemieden die lange Zeit her. so oft ihn auch eine fast magische Gewalt hinzog. In großem Bogen ist sein schleichender ftufi um die Stelle gegangen, wo damals die rothen Tropfen aus eines Menschen durchschossener Brust vor ihm nieder perlten in's schwarze Moos. Und auch die Dorfleute in ihrer abergläubischen Furcht vor Geistern betreten den unheimlichen Grund nie mehr seit jenem Tage, da man dort den Förster Braun todt und steif gefunden hat. Nur Jäger und verwegene Wilderer setzen sich zuweilen hier an. weil's der beste Wechsel ist im ganzen Revier. Doch gerne geht keiner hin. 's ist. als ob das ungesühnte Blut dort noch um Sühne schreie. Harter kann heute gar nicht anders. Unwiderstehlich treibt's ihn an die Stätte des Unheils. Er fühlt, daß es der Anfang sein muß seiner freiwilligen Sühne, dort, wo Blut auf sein Gewissen kam. noch einmal zu reden mit dem grausigen Gespenst der Schuld. Nichts, gar nichts will er sich ersparen, da seine blutrothe Sünde schneeweiß werden soll durch Gottes Gnade. Eine Wildniß von Felsblöcken und Geröll birgt der Wegrand." Schwarze Niesentannen, alte Waldrecken mit grauen Moosbärten steigen hier aus struppigem Dornen- und Fichtenzeug in ihre stolze Höhe und halten im Kreise treue Todtenwacht.' Sie summen Trauerlieder auf des braden Weidmanns Tod, der hier seiner Pflicht zum Opfer fiel. Mit zartem Finger harft dazu der Abendwind wehmüthig durch die Zweige die alte Melodie vom Sterben vom Sterben. Der schmalen Mondsichel bleiches Silberlicht greift durch die Lücken der Aesie und Zweige in die Tiefe wie mit Geisterhand und umfaßt mit gespenstischen, zitternden Fingern einen hohen Denkstein aus schwarzem Gran4t, den die von der grünen Farbe ihrem todten Kameraden hier errichtet haben. Von Wilderern erschossen!. Gott räche die That!" so steht unter dem Namen zu lesen. Im Mondschein brennen die in Gold ausgeführten spitzen Buchstaben wie Feuerpfeile auf dem düsteren Stein; siechend bohren sie sich Harter, dessen Augen sie zum erstenmal sehen, in's zuckende Herz. Gott räche die That!" Da steht es auf einmal vor ihm. wie Gott das Unselige schon gerächt hat durch all das Elend und die Gewissensqualen, die seit jener Unolücksnacht über ihn gekommen sind, die oaS fröhliche Lachen seiner' frischen

ManneZkrast iödteten, sein Familienglück zum Hinstechen brachten, seine Len' zum Sterben. Ach, welche Befreiung wär's ihm gewesen, schon längst sich selbst anzeigen und büßen zu dürfen! Und doch konnte er's wieder nicht aus übergroßer Liebe zu den Seinen. Was häite aus der kränklichen Frau, aus den Kindern werden sollen, wenn den Ernährer auf lebenslang das Zuchthaus aufnahm? So ha! er llcler jahrelang sein peinigendes Geheimniß. daß dcs Försters Blut an seinen Händen klebt, als furchtbare Last mit sich herumgeschleppt. Nun endlich. endlich schlägt auch ihm die Lösestunde nach dem Tode seines Weiöes. Der Gedanke löst jetzt langsam den nagenden Zahn des Schmerzes von seiner Seele und faßt ihn an mit der linderen Hand unsagbarer Wehmuth. So kniet er nieder an dem Stein

im feuchten Moos. Die heiße Stirn unkt w:e von vM aeaen Die flim mernde Schrift, den Namen des Er schossenen deckt sie; die müde Hand tastet auf und nieder am harten Ge stein, als suche sie eine andre Hand, die des Todten zur Vergebung. Und wieder perlen heiße Tropfen aus den Augen, die heute schon so viel weinen mußten. Von dem dunklen Grunde des dumpfen Empfindens aber hebt sich jetzt allmälig bei Harter immer klarer und deutlicher ab die Erinnerung an jede Einzelheit jener unglücklichen Stunde vor zwanzig Jahren. Greifbar steht alles wieder vor ihm. Da drüben an der kleinen Quelle der alte, schlaue Kapltalbock, dem zuliebe er schon man chen vergeblichen Pirschgang gethan. Auf den Blattschuß zeichnete er so prächtig. Und hier rechts ist noch die junge struppige Fichte. Um zwanzig Jahrestriebe ist sie höher geworden, und noch dichter stehen heute die Zweige, die bis zum Boden herabreichen. In ihre spitzen Nadeln hinein stieß ihn damals unvermuthet von hinten der Förster. dessen Heranschleichen er in der Jagdleidenschaft nicht bemerkt hatte, um ihn nach vorn zu Fall zu bringen und zu fesseln. Doch wie die Wildkatze ist er herumgeschnellt und hat den Beamten gepackt mit Eisenklammern, ehe dieser Zeit fand, seine Waffe zu gebrauchen Mit keuchendem Athem, Auge in Auge. Brust an Brust haben sie dann gerun gen, die beiden gleich starken Männer, der eine aus Pflicht, der andre im instlnktlLen Triebe der Selbsterhaltung. Um des Försters Gewehr, das zwischen den wie im Krampf verschlungenen Armen cinaepreßt war. hat sich's schließlich gehandelt. Keiner hat's los lauen wollen, und da ist's geschehen. das Traurige. Harter weiß heute noch nichtwie die Buchte stch entlud, ob ein Fichtenzweiq oder die Hand eines der K'ämpfenden unversehens den Abzug berührte. Er hört nur wieder den gellenden Schmerzensschrei des Beamten, sieht diesen plötzlich zusammenstürzen und einen dicken Blutstrom unter dem grünen Tuch hervorquellen. Er ist zuerst wie versteinert gewesen, doch dann hat er sich die Jacke aufgerissen und hat Zitternd versucht, mit Leinwandfetzen von seinem Hemd den ausfließenden Lebenssaft des Sterbenden zurückzudämmen. Seine Jacke, seine Hände Preßte er schließlich in der Verzweiflung auf die Wunde. Doch alles vergebens. Die Kugel hatte die Lunge schräg von unten nach oben durchbohrt. Der Tod forderte sein Recht, schwächer und schwächer wurde das Röcheln, und schließlich sahen die glasigen Augen des Todten so starr, so anklagend den am Leben Gebliebenen an, daß der geflohen ist rn wahnsinniger Angst und Qual, geflohen mit dem Fluche eines, auf dem Blutschuld liegt. Gott ist sein Zeuge, daß er den Försier nicht hat todten wollen, daß er nur gekampft hat um seme Freiheit; auch ihn hätte ja die tödtliche Kugel treffen können. Aber die starren Todten äugen stnd mächtiger gewesen als alle Trostgrunde seiner folternden Gewlssensangsi; sie haben ihn nicht losgelas sen; im Schlaf, im Wachen haben sie ihn vcrfolqt, ihn elend gemacht mit ihrer Anklage: Die letzte Schuld liegt an Dir. an Deinem lichtscheuen Treiben!" Sv wird er alles bekennen morgen vor Gericht, sich nicht entschuldigen, um nichts bitten als um die härteste Strafe. Harter will sich erheben. Noch einmal streicht seine Hand fast zärtlich. wie Abschied nehmend über den Namen des Todten am kalten Stein; wie ein letzter Gruß rauscht aus den FichtenHarfen ein wehmüthiges Klingen ihm zu; b fährt er plötzlich zusammen. duckt sich unwillkürlich nieder ist das nicht das leise, schlurfende Geräusch schleichender Menschentritte, was da von links der schwache Luftzug an sein in der Wildniß geschärftes Ohr herantragt? Sinatl em dürres Aestchen eine Weile alles ruhig dann wieder das Schleichen, wie auf Raubthiersohlen näher kommt's, Harter fühlt fast körperlich die Nähe eines Menschen. Wer kann's sein? Einerlei, er mag jetzt keinem Lebenden begegnen, nach, dem er eben mit dem Todten Zwiespräche gehalten hat. Rasch birgt er sich unter den dichten Aesten der Fichte am Stein. Sein grünes Versteck schützt ihn bei dem gedämpften Mondllcht im Grunde vollkommen vor Menschenblicken, woaeaen er durch die Zweiglüden ziemlich genau die Umgebung erkennen kann. So sieht der Versteckte. wie ein Mann mit einem Gewehr, vorsichtig spähend, von Baum zu Baum

yuicyl, vis er Bitter einem großen Feis block, kaum dreißig Schritte von der Fichte entfernt,. sich ansetzt. , Ein gerades,' - längliches Etwas schiebt sich langsam über die den Block bedeckenden Moose und Flechten nach vorn, ein geschwärzter Gewehrlauf, von dem nur das blank gelassene Korn als winziges Lichtpünktchen im Mondstrahle sich abhebt. Harter hat den unheimlichen Gesellen trotz der Nußschwärze auf dessen Nase und Backen erkannt. Solch Eeiergesicht mit solchen bösen, stechenden Augen hat nur der Dieter aus dem Nachbardorf. der als einer der gefährlichsten und frechsten Wilddiebe in der ganzen Umgegend gilt. Aber sitzt der nicht gerade im Gefängniß? Und doch muß er's sein; Harters scharfes Auge täuscht sich nicht. Dann ist er gewiß entsprungen und hat sein Treiben schon wieder aus-genommen.

Harter, wenn auch selbst vor dem Gesetz em Wilderer, ist diesem übelberüchtigten LUdrian. der als gemeiner Aasjäger sogar das tragende 'Mütterwild mit der Schrotspritze niederknallt, wo es ihm vor's Rohr kommt, dem's nicht um's Jagen, sondern um's Stehlen zu thun ist. stets wie der Pest aus dem Wege geaanaen. Er weiß aber, daß jene Gesellen ein geradezu bestialischer Haß gegen die Jägerei des Reviers. besonders gegen den jungen Försier Braun, einen Sohn des Erschössenen, erfüllt. Braun, ein ebenso tüchtiger und schneidiger Beamter, wie sein Vater war. hatte sich vor einigen Jahren absichtlich in das Revier versetzen lassen, in der Hoffnung, einmal doch durch Entdeckung des Thäters den ungesühnten Mord an seinem Vater rächen zu können. Der Gedanke, daß einmal ein ertappter Wilderer vor Gericht auch etwas über den Tod semes Vaters aus sagen werde, in dessen Dunkel noch immer kern Lichtstrahl ' gefallen war. machte d?n an sich schon pflichtgetreuen Manne zum gefurchtetsten Wilddiebsfänger. Im vorigen Jahr hatte er den Dieter erwiicht und gebunden dem Ge richt überliefert, das ihn hinter Schloß und Riegel brachte, freilich nicht sicher genug, um diesem verwegenen Menfchen nicht die Flucht zu ermöglichen. Alles ist wieder still geworden im Wolfsgrunde." Jeder der beiden Menschen hier unten lauscht regungslos in seinem Versteck. Für Harter bleibt nur übrig, auszuharren, bis jener sich davonmacht. Der Nachtwind ist jetzt schlafen gegangen. Stumm und starr brennen Riesenkerzen gleich die Fichten mit ihren vom Mondlicht voll umflossenen Spitzen in den nächtlichen Himmel hinein. Rings das tiefe, tiefe Schweigen des Waldes; aus der Ferne nur kommt klagend der Jnuf eines einsamen Kciuz chens: huuuh ru lu l u lu wuuuh! Der Todtenvogel!" sagen die Leute. Ruft das Schicksal durch die Nacht? Eine halbe Stunde vergeht. Da ein kaum hörbares Anstreifen am Fichtengeäst, diesmal rechts von Harters Versteck, und wieder und wieder, in kleinen Pausen. Der Alte späht gespannt in der Richtung des Geräusches. Ist's ein Stück Wild? Der Instinkt des geborenen Jägers in ihm. den jeder Laut der Sprache des Waldes erregt, wird wach. Er bringt sein Auge zwischen zwei dünnere Aestchen und kann gerade eine Sekunde lang das bartumrahmte Gesicht des jungen Försters Braun erkennen, der eben im Dickicht vorsichtig zum Anstand niederkniet. In Harter steigt's auf wie lähmende Furcht vor etwas Entsetzlichem, das in der nächsten Minute sich ereignen muß. Kalter Schweiß tritt ihm auf die Stirn. Er weiß, daß, wenn Dieter von drüben den Beamten erspäht, dessen Leben nur noch nach Sekunden zählt und der Wolfsgrund" zu dem Blut des Vaters noch das des Sohnes trinkt. Blitzartig schießen die Gedanken durch des Alten Hirn, das Blut braust ihm in den Ohren wie ein Wasserfall. Soll er Braun anrufen, ihn warnen? Aber kann nicht das gerade des Bedrohten Platz verrathen, und wird nicht dann der gut gedeckte Wildschütz mit seiner sichern Kugel schneller sein als sein Gegner? Und jetzt jetzt gebt schon das Lichtpllnktchen da drüben, das wie ein Leuchtkäfer am dunklen Felsen klebt, langsam aufwärts. Der Wilddieb zielt. Harter durchzuckt's: nur das kann den Förster retten. Ein aellender Schrei aus seiner Kehle: Mörder!" und er springt auf. mit machtigem Satz in den blendenden Feuerstrahl hinein, der im selben Augenblick vom Felsen her durch die Nacht blikt. Ein scharfer Knall, in den Bergen nachrollend ein Brechen und Prasseln von Zweigen ein dumpfes Stürzen. Vor dem Denkstein bricht der Todtwunde zusammen; der Schrotschuß hat die Lunge durchlöchert. Schrei und Schutz reinen den For ster empor. Er hat keine Ahnung, wie nahe schon des Todes Hand ihm gewesen, und hält sich für den zufälligen Zeugen eines Verbrechens. So will er im Pflichteifer zuerst dem Menschen nachsetzen, der dort m wilder Flucht zwischen den Stämmen davon hastet. Doch sein mitleidiges Herz und das Pfeifen des Athems aus der durchschossenen Brust dort am Stein mahnen ihn, .dem tödtlich Verwundeten erst Hilfe zu bringen. . Um, dessen bleiches Gesicht spielt em

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