Indiana Tribüne, Volume 30, Number 125, Indianapolis, Marion County, 18 January 1907 — Page 5

Jndiana Tribüne, 18 Januar 1907

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Herrn KMc's Wittwe.

23n Ladmilla von Rehren. I. Herr Rentier Kulicke. ehemals Bescher der Butter- und Käsehandlung Friedrich Kulicke Nachfolger", war in ein besseres Jenseits hinübergeschlumrnert. Etwas plötzlich und überraschend war es gekommen, und gerade jetzt, wo er sich in einen gemüthlichen Vorort Berlins zurückgezogen hatte, um in Muße frische Luft und die Freuden des Angel- und Rudersports zu genießen, was er sich bis jetzt alZ guter Geschäftsmann nur am Sonntag geleistet hatte. Frau. Kulicke war denn auch so trostlos, wie es den Umständen angemessen war. Jetzt hatten sie beide erst das Leben genießen wollen, sie waren doch noch beide in den besten Jahren! Und wie hatte sie ihn Pflegen wollen. An seiner Bahre dachte sie an die dielen Prinzeßpuddings und Sauerbraten, die Herr Kulicke noch hätte essen können, und war voller Reue, als ihr einfiel, wie, oft es vorgekommen war, daß sie ihm seine Lieblingsspei sen entzogen hatte, wenn sie gerade rrM ihm schmollte. Prinzeßpudding und Sauerbraten hatte das Ehepaar Kulicke nämlich so ziemlich als die höchsten irdischen Ge nüsse betrachtet, und wenn unter Frau Kulicke's wirthschaftlicher. Hand solch' zarter Teig. Vanille duftend, entstand, fühlte sie dieselben Glückseligkcitsschauer, die der Künstler beim Werden seines Werkes empfindet. Wie die Salondame irgend ein Parfüm, so umwehte Frau Kulicke beständig eine Atmosphäre von Küchendunst, und ihr größtes Erdenglück war es immer gewesen, wieder ein neues Kochrezept gefunden' zu haben, das ihrem Mann gefiel. Das Trauerjahr verging langsam. Frau Kulicke ließ sich trotz ihres Herzeleides nichts abgehen, obgleich sie richtige Schaffensfreudigkeit ihr a?t genug fehlte. Wenn einmal die alte Begeisterung über sie kommen wollte und sie mit glühenden Wangen am Herde stand, sank ihr plötzlich der Löffel aus der Hand, wenn sie daran dachte, daß niemand außer ihr sich über das Gelingen der Speise freuen würde. Frau Kulicke weinte dann wohl in der Erinnerung wieder ein bischen, und bei Tisch wollte es ihr in ihrer Einsamkeit gar nicht schmecken Wenn man sah, wie sich ein anderer auch mit über die guten Gottesgaben freute, war es doch ganz anders. Es war daher nicht verwunderlich, daß in Frau Kulicke's Herzen sich allmählich die Sehnsucht nach einem derständnißvollen Mitgenießer immer lebhafter zu regen begann. Herr Kulicke war nun einmal todt, sie hatte ihn redlich betrauert und war noch jetzt aufrichtig betrübt, aber schließlich hat der Lebende auch seine Rechte, ja und wenn sie gewollt hätte. . . . Da war gleich gegenüber der Tabak- und Eigarrenhändler Herr Müller, der schon ziemlich bald nach Herrn Kulicke's Ableben angefangen hatte, zu ihr hinüber zu schmachten. Damals hatte sie entrüstet einen tiefen Vorhang vor das Wohnzimmerfenster gezogen, das dem Tabaksladen grade gegenüber lag. Aber jetzt zog sie ihn immer öfter bei seite, der Mensch will doch auch mal Licht und Luft haben. Aber Herr Müller entsprach dabei keineswegs ihren Wünschen? darüber war sie sich sehr bald völlig klar. In Frau Kulicke's vierzigjährigem Herzen waren in der Wittwenzeit wieder allerhand Mädchenträume wach geworden, die sie in ihrer zwanzigjährigen Ehe vergessen hatte. In ihrem Herzen lebte ein unbestimmtes Bild von einem stattlichen, schönen Manne mit einer interessanten Vergangenheit. Am liebstnn wäre es ihr gewesen, wenn sie dieses Ideal in einer verschuldeten oder nicht verschuldeten ungünstigen Lage angetroffen hätte, aus der sie ihn als rettender Engel befreien könnte; denn Frau Kulicke emPfand instinktiv, daß dies ihrer, rundlichen Gestalt dett in den Augen eines solchen Mannes nothwendigen Glorienschein verleihen würde. Vorläufig war aber ein solcher Mann noch niemals in dem begrenzten Kreise ihrer Bekanntschaft aufgetaucht. Frau Kulicke fing daher an nachzudenken, wie dem Schicksal in der Hinsicht vielleicht zu Hilfe zu kommen wäre. Da war die Wittwe des Kohlenbändlers Lehmann, der kurz vor Herrn Kuhlicke gestorben war. Die ging schon seit längerer Zeit wieder mit einem stattlichen Mannes der Frau Kulicke's Ideal zwar nicht ganz entsprach, aber immerhin... Wo mochte sie nur seine Bekanntschaft gemacht haben? Frau Kulicke fing es ganz schlau an, das heraus zu bekommen. Sie ging zu Frau Lehmann, bestellte Kohlen, klagte ein wenig, wie vereinsamt sie wäre, und nachdem sich ein Gespräch entwickelt hatte, in dem Frau Lehmann theilnehmend und verstandnißvoll versicherte, sie wisse auch nur zu gut. wie das wäre, lud sie sie zum nächsten Nachmittage zum Kaffee ein, was Frau Lehmann den auch dankend annahm. Der Kaffee löst die Zunge der Frauen, wie der Wein die der Männer. Nach einer Stunde ungefähr wußte Frau Kulicke, daß Frau

Lehmann Ihren-aus einem Berliner Wittwenball kennen gelernt hatte, und Frau Lehmann erfuhr ihrerseits, daß grau Kuvcke ihres Wittwenstandes herzlich überdrüssig wäre. Wissen Sie was, ich führe Sie einfach beim nächsten Vergnügen in unseren Wittwenverein ein," schlug Frau Lehmann vor. So zwanglos lernt man sich nirgends kennen wie dort." Frau Kulicke meinte zwar, sie habe die Trauer nech nicht abgelegt, und was der Einwendungen mehr waren, ober sie ließ sich doch schließlich ganz gern von der Vorurteilslosigkeit Frau Lehmanns überzeugen. Mein Gott, sie konnte ja in Halbtrauer gehen, und zu tanzen brauchte sie auch nicht grade. II. Eine Woche darauf saß Frau Kulicke denn auch richtig in ihrem grauseidenen Kleide, das noch aus der Zeit vor Herrn Kulickes Heimgang stammtc. beste Seide, das Meter 8 Mark, im Festsaale des Wittwenvereins. ' Frau Kulickes anfängliche Scheu legte sich bald; sie verneigte sich huldvoll und lächelte, wenn Frau Lehmanns Bräutigam ihr einen Herrn nach dem andern vorstellte. Er dauerte auch nicht allzulange, bis sich ein Kavalier gefunden hatte, der fast ausschließlich neben ihr saß, Limonade für s be sorgte und ihr mit dem Fächer galant Kühlung zuwehte, denn im Saale war e mittlerweile sehr heiß geworden. Frau Kulicke betrachtete ihn verstöhlen, aber um so angelegentlicher, ihr Herz klopfte dabei leise und ahnungsvoll. Er war sehr elegant gekleidet, hatte volles, dunkles Haar, einen unternehmenden Schnurrbart und schöngepflegte weiße Hände. Armer Tabakshändler Müller... gegen diesen Adonis konntest du freilich nicht aufkommen! Die neue Bekanntschaft war Frau Kulicke schlechtweg nur als Herr Tuntzelmann" vorgestellt worden, aber im Laufe des Gespräches, daö sehr bald einen recht freundschaftlichen Charakter annahm, ließ Herr Tuntzelmann durchblicken, daß er aus bester Familie stamme, und wenn er nicht zu l-escheiden .wäre, um zu , prahlen... Ihr gegenüber fühle er freilich ' das dringende Bedürfniß, sein Herz auszuschütten, er wijje selbst nicht warum, aber die Bescheidenheit verbiete es ihm vorläufig doch noch. Frau Kulicke meinte, er könne versichert sein, bei ihr volles Verständniß zu finden, und um ihm ihrerseits ihr Vertrauen zu beweisen, erzählte sie ihm von Herrn Kulicke und ihrem Leben mit ihm. wie sie gesorgt und gespart hätten, und wie gerade jetzt, wo die Früchte geerntet werden konnten, Herr Kulicke sterben mußte. Herr Tuntzelmann hörte mit Theilnahme zu und meinte, für eine so junge Frau wäre der Wittwenstand doch wohl noch etwas ganz besonders trostloses. Frau Kulicke meinte verschämt, so jung wäre sie doch nicht mehr, worauf er betheuerte, sie sähe höchstens aus wie dreißig, ganz sicher, und zu der jugendlichen Frische wirke um so pikanter die Reife der Frau aber er wolle nicht allzuviel sagen in seiner jetzigen Lage wäre Zurückerhaltung das allerwichtigsie... Dabei lächelte er melan cholisch und ließ noch einige dunkle Andeutungen von unverschuldetem Unglück und Kavalierspslichten an dern gegenüber fallen, wobei er Frau Kulicke immer näher rückte und ihr immer tiefer in die Augen sah. Frau Kulicke saß da in ihrem Grauseidenen, glühend wie eine große, rothe Päonie, und fühlte, wie ein stolzes Glücksgefühl sie durchfluthete. Daß dieser Mann wirklich ein Kava!ier war, mußte jeder sehen, schon an der Art, wie er einem die Hand küßte und gnädige Frau" sagte. Verächt lich dachte Frau Kulicke, daß so etwas dem dicken Cigarrenhändler niemals einfallen würde. Süß erschauernd fühlte sie. wie der Traum ihrer jugendlichen Mädchenjahre immer greisbarere Gestalt annehmen zu wollen schien. Er ist es!" jauchzte es in ihr. Zum Schluß begleitete er Frau Kulicke natürlich. Sie hatte ' mit Frau Lehmann bei einer Bekannten i für diese Nacht Quartier genommen. Da Frau Lehmann und ihr Bräuti- j gam mitgingen, konnte man nicht viel mehr miteinander sprechen, aber beim Abschied lud Frau Kulicke ihren Kavalier zum nächsten Sonntage zu Tisch. Ganz einfach Sauerbraten und ein bischen Prinzeßpudding . . . Herr Tuntzelmann sagte mit größter Bereitwilligkeit sein Erscheinen zu, küßte ihr die Hand und schwur, Sauerbraten und Prinzeßpudding wären grade seine Leibgerichte . . . Auf der Treppe umarmte Frau Kulicke Frau Lehmann und flüsterre: Daö vergesse ich Ihnen nie. Lehmann'n. daß Sie mich mitgenommen haben!" und träumte hieraus die ganze Nacht von einem kühn ausgedrehten schwarzen Schnurrbart. III. Der Sonntag kam und brachte den Gast, der von Frau Kulicke mit freuViger Erregung empfangen würd. Sie hatte die Aufwartefrau, die ihr sonst half, fortgeschickt Frau Kulicke hielt kein Mädchen, obgleich sie, wie sie sagte, sich das viel eher hätte leisten können als viele andere; sie hätte dann aber gar nicht gewußt, roaS sie mit der Zeit anfangen sollte. Heute NUN belonders.. wollte sie es lÄ nicht

nehmen lassen, alles selbst zu machen. Und der Gast aß auch mit einem Appetite, der fast etwas beängstigend war, von Frau Kulicke aber nur als Anerkennung ihrer Kochkunst aufge ::ommen wurde. Nach Tisch ging sie zunächst wieder in die Küche, um einen extra guten Kaffee zu kochen. Als sie unvermuthet wieder eintrat, stand Herr Tuntzelmann, dem sie ihr rothplüschenes Photographiealbum unterdessen zur Unterhaltung gegeben hatte, am Bllffet und hantirte daran herum, während das Rothplüschene unaufgeschlagen auf dem Tisch lag. Er drehte sich etwas verlegen um und entschuldigte sich bastig die Schnitzereien hätten ihn so.interessirt. Frau Kulicke fand das denn auch sehr verständlich und erklärte lang und breit, daß das Büffet sehr alt wäre und noch aus ihrem Elternhause stamme, worauf der Kcrsfee in schönster Eintracht eingenommen wurde. Nachdem saß man gemüthlich neben einander im Sopha. Herr Tuntzelmann hatte eine Hand seiner Wirthin ergriffen und erzählte mit bewegter Stimme aus seinem Leben . . . Und was hatte er nicht alles schon erlebt. Erst hatte sein Vater sein ganzes Vermögen verloren und sich erschossen, und er mußte nun für die Mutter und vier Schwestern sorgen, bis die Mutter starb und die Schwestern sich verheiratheten. Dann hatte er einen Onkel beerbt, aber edelmllthig für einen Freund Bürgschaft geleistet, für den er dann wieder alles opfern mußte. Ja, das Leben war hart'... Wie viel war er nicht getäuscht worden, das war noch schlimmer als VermögensVerluste Freunde hatten ihn verlassen, das Wb. das er geliebt, hatte ihn betrogen ... Da that es doppelt wohl, eine edle weibliche Seele zu finden. Frau Kulicke hörte mit zufriedener Rührung zu. konnte aber trotzdem nicht verhindern, daß ein leiser Kopfschmerz sich bei ihr bemerklich zu machen anfing. Das kam wohl von der glücklichen Erregung, in der sie sich den ganzen Tag über befunden hatte. Aber gnädige Frau sind leidend?" unterbrach Herr Tuntzelmann plötzlich feine Herzensergüsse. Ich habe da zufällig ein wirklich ganz unschätzbares Mittel... Dabei zog er ein Fläschchen hervor, befeuchtete sein Taschentuch und hielt es Frau Kulicke unter die Nase. Ein eigenthümliches Gefühl von Schwinde! und Uebelkeit ergriff sie; sie mochte es nicht gleich sagen . . . vielleicht mußte das auch im Anfange so sein. Schließlich wollte sie doch sagen, daß das Mittel für sie nicht gut zu sein scheine, aber sie konnte schon nicht mehr sprechen. Sie fühlte noch, wie sich etwas Feuchtes auf ihr Gesicht legte und dann verlor sie das Bewußtsein. IV. Als sie erwachte, lag sie in ihrem Bette, jemand fühlte ihren Puls und in der Nähe hörte sie eine vorsichtig gedämpfte Stimme sprechen, die ihr fast wie die des dicken Cigarrenhändlers vorkam. Mit Mühe öffnete sie die Augen . Sie ist aufgewacht." sagte eine fremde Männerstimme, und gleich darauf tauchte richtig das rothe Gesicht Herrn Müllers vor ihrem Bette auf, und hinter ihm das der Aufwartefrau. Sie k)aben uns aber .einen schönen Schreck eingejagt. Frau Kulicke." sagte Herr Müller, und dann hörte sie, wie alles geschehen war. Die Aufwartefrau war nach einigen Stunden wiedergekommen, hatte alle offen gesunden und Frau Kulicke besinnungslos auf dem Sofa. Alle Schränke und Schubfächer waren geöffnet und der Inhalt auf den Fußboden geworfen worden. Als Frau Kulicke die Geschichte begriffen hatte, winkte sie schwach allen hinaus zu gehen und dann lag sie lange Zeit da und mochte gar nicht einmal an das denken, was ihr widerfahren war. Sie schämte sich furchtbar. Aber Frau Kulicke war eine resolute Frau und am anderen Tage stand sie auf und ging selbst auf die Polizei. Am Nachmittage stellte sich Herr Müller ein. um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Fra)t Kulicke sah ihn jetzt mit ganz anderen Augen an. Das war doch ein Mann, von dem man wußte, was er war, ein wirklich solider Mann und nicht solaY ein Windbeutel und Hochstapler. Auf der Polizei hatte sie erfahren, daß Herr Tuntzelmann nach ihrer Beschreibung ein ganz bekannter Hochstapler war, der sich bald für einen Baron oder Grasen ausgab, bald wieder eine einfächere Rolle spielte, je nach den Umständen. Uno auf dem Heimwege hatte sie geglaubt, jeder Mensch, der ihr begegnete, müsse es ihr ansehen. iaß sie mit ihren 40 Jahren noch so entsetzlich dumm gewesen wäre. Man hatte ihr wenigstens Hoffnung gemacht, daß sie ihre gestohlenen Saan wiederbekommen würde ihr ganzer Schmuck und alles Silberzeug war .fort daö war doch wenigstens tbx Trost, aber die Blamage, die blieb! Aengstlich erwartete sie, daß Herr Müller nach' den näheren Umständen fragen würde, doch Herr MülZu war taktvoll.. Er sprach nur davon, daß eö ihn freue, ihr einen Dienst geleistet zu haben und von vereinsamten Lrauenseelen.' die sich dem Epheu gleich

anranren . muen... Frau Jlultde seufzte dabei und lächelte zuletzt. Er konnte doch wirklich ganz schön sprechen und Gemüth hatte er auch! Als sie nach einiger Zeit Herrn Tuntzelmann als Zeugin gegenüberstand, erkannte sie ihn kaum wieder. Der elegante Kavalier vom -Wittwen-balle hatte es augenscheinlich nicht für nöthig befunden, sich für den Gerichtssaal besonders herzurichten. Sein Haupt zeigte statt ds schwarzen üppigen Haarschopfes bedenklich kahle Stellen, der Schnurrbart hing trübe herab und war reichlich mit grau vermischt... Also nicht einmal das war an ihmecht gewesen! Aber er war es trotzdem, daran war gar kein Zweifel. Melancholisch saß er da und sah sie nur einmal aus trüben Augen, wie um Mitleid flehend an. als sie mit bekender Stimme ihr Äeuanik abgab. Aber in Frau Kulickes Herzen, lebten jetzt nur Rachegedanken . . . Sie war zu. tief in ihren Empfindungen als Wejb gekränkt und zudem fehlte bereits ein großer Theil vom Silberzeug. . Erregt wandelte Frau Kulicke nach der Verhandlung nach Hause. Als sie in die Nähe ihrer Wohnung kam, stand Herr Müller vor seinem Cigarrenladen und machte ihr eine ehrerbietige Verbeuaung. Und da fühlte sie plötzlich in ihrer Seele, wie recht er gehabt hatte ja sie war eine empfindsame Frauenseele, die sich gleich dem Epheu anranken mußte! Und sie ging auf ihn zu und sagte mit halbverlegenem Lächeln: Herr Müller da wir nun doch einmal gute Nachbarschaft halten wollen vielleicht besuchen Sie mich am Sonntag zu einem Sauerbraten, ganz einfach, und ein bischen Prinzeß-Pudding...?"

Die Geldkatze. Die sogenannte Geldkatze wurde früher in Deutschland allgemein von Leuten, die zu Fuß über Land reisen mußten und größere Geldsummen bei sich führten, besonders von ViehHändlern benutzt. Heute sieht man sie nur noch selten. Ursprünglich verfertigte man sie aus Katzenleder, und diesem Umstände verdankt sie ihren volkstümlichen Namen. Auch im Schwedischen kennt man die BeZeichnung Kntt" für dieselbe Sache. Ohne Frage ist. die Geldkatze stets ein außerordentlich populäres Ding geWesen, das Jedermann imponirte. Während man den Geldsack, auf dem gewisse Leute sitzen sollen, zumeist nur vom .Hörensagen" kannte, und vielfach spielt sie in der Volkssage eine große Rolle., besonders wenn es sich darum handelt, die Motive für einen Mord zu ergründen, der auf einsamer Heide begangen war. So erzählt man bei Gentzrode nördlich von NeuRuppin: Einst sei ein Viehhändler in Neu - Ruppin bei einem Kaufmann eingekehrt, um sich für den Marsch nach Wittstock durch ein Gläsel Branntwein zu stärken. Als er dann 'in die Geldkatze griff, um zu zabken, klimperten die Thaler, so daß in einem Soldaten, der neben ihm stand, die Gier nach dem sremden Gelde erwachte. Er eilte voraus und schoß, als er sein Opfer des Weges kommen sah. dieses aus dem Hinterhalte nieder, doch nicht den Viehhändler der hatte sich noch eins- verabreichen lassen sondern einen armen Handwerksburschen, der zufällig dort vorüberkam und den der Soldat in der Dunkelheit für den Viehhändler hielt. Noch heute wird die Mordstelle durch einen Stein bezeichnet, auf welchem man früher die Worte las: Memento rnori!" Ehemals warfen Vorübergehende auch wohl einen Stein oder einen Zweig daneben. ' Eine andere Unthat, auch einer Geldkatze wegen, verübten Anno 1806 die Franzosen in Müncheberg; doch lief, die Sache etwas glimpflicher ab. Am 25. October des genannten Iahres drangen mehrere Chasseurs in der Dunkelheit in die Wohnung des Akzise-Einnehmers Mildbredt, übersielen den Mann, warfen ihn zu Boden und befühlten seine Taschen und auch die Stellen seines Leibes, wo die Geldkatze zu sitzen Pflegt. Schon triunrphirten die Räuber, als sie zwischen Hemd undHose die vermeintliche Geldkatze hervorzogen; allem diesmal war es ein Bruchband! Weiberlist. Als ein ländliches Ehepaar die Hauptstraße einer großen Stadt entlang schritt, bemerkte der Gatte, daß die Passanten mit anderen Frauen Blicke tauschten, aber seine bessere Hälfte nicht bc.-.chteten. Dich sieht Niemand an sagte er, .vielleicht hätte ich eine hübschere finden können. Wer soll denn mit mir anbandeln.' währettd Du neben mir herläufst und mich am Arme festhältst? ' Laß mich dreißig Schritte vorausgehen und Du Wirst sehen." Der Gatte trottete folgsam hinterdrein urtd sah, daß jeder Begegnende die Frau anstarrte und sich sogar nach ihr umdrehte. Er setzte sich schließlich in Trab und holte sie wieder ein. Natürlich öat er um tschuldignng. Inzwischen hatte sie jedem ihr begeguenden Mmne ein GeLcht geschnitten. '.

Durch ernste Arbeit.

Novelle von Jenny Klarjenn. Nein, Fräulein Welten, so dürfen Sie nicht weiter arbeiten! Das kann ich nicht länger mit ansehen. Da legen Sie doch lieber den Pinsel weg. Der Arbeit sieht man es ja auf den ersten Blick an, daß Sie mit Ihren Gedanken ganz wo anders sind." Maler Sickert wandte sich unmuthig ab und trat von der Staffelei zurück. Das Beste ist. Sie hören heute überhaupt auf, zu arbeiten, es wird doch nichts vernünftiges mehr." Elli packte apathisch, als ginge sie das nicht an, ihre Malgeräthe zusammen und nahm die Skizze von der Staffelei. Eben griff sie nach Hut und Jacke, da drehte sich Maler Eickert nach ihr um uno sagte: Was ist denn nur aus Ihnen geworden. Fräulein Welten? Seit Sie von Ihrer Reise zurückgekehrt sind, sind Sie wie umgewandelt." Elli schlug die Augen nieder und wurde roth. Verlegen stammelte sie: ), bitte, verzeihen Sie. Ich wußte gar nicht, daß ich . . . daß ich jetzt anders bin. Ist es denn wirklich der Fall?" Mit gezwungenem Lächeln sah sie zu ihm auf. Welche Frage!" Aber begütigend fügte er hinzu: Na. so böse hab' ich's ja nicht gemeint. Ich finde .nur, Sie dürfen sich nicht so gehen lassen! Was Ihnen auch sein mag. Sie müssen doch endlich einmal darüber hinwegkommen. Sie müssen! Hören Sie! Gerade Sie! Wer von .der Natur so reich bedacht ist, und wer noch dazu so viel Talent hat, wie Sie..." Ich . . . viel Talent?" Nun ja, wissen Sie das nicht selbst? Was dachten Sie wohl, weshalb ich Sie sonst unterrichte, gerade nur Sie allein! Doch wenn Sie so weiter arbeiten, wie in den letzten Tagen, dann danke ich." Aber der Ton seiner Stimme widerlegte seine Worte. Er nahm Ellis Hand in die seine und begütigend redete er auf sie ein: Fräulein Elli, Sie werden sich doch nicht unterkriegen lassen, so ein Mensch wie Sie sind! Jetzt mal die Zähne zusammengebissen und den Kopf hoch! Sie müssen wollen, ganz energisch wollen. Und dann arbeiten, ernst, zähe, ohne zu denken, nur arbeiten, alles Denken mit Energie nur aus die Arbeit concentriren. Das hilft!Er hatte sich ganz warm geredet und schüttelte, ihre beiden Hände. In ihren Augen leuchtete es auf. Hand darauf. Ich werde Ihnen dabei helfen." O wie freundlich von Ihnen." ' - Ach, Unsinn! Werden Sie lieber bald wieder, wie Sie waren." . Elli wanderte ihren ' gewohnten Weg hinaus in die Wiesen und Felder. Langsam schlenderte sie die schmalen Feldwege entlang, den Kopf tief gesenkt. Plötzlich fuhr sie auf. sie war nun doch wieder beim Grübeln und Träumen! Sie hätte nicht sollen diesen Weg einschlagen, den sie seit ihrer Rückkehr von der Reise in trüben Gedanken jeden Tag gegangen. Sollte sie wieder umkehren? Aber schon schritt sie dem Waldrande zu. Konnte sie denn nie die Gedanken an ihn, das Sehnen nach ihm, los werden? Im Sommer hatte sie im Bade viele Wochen mit -ihm zusammen verlebt, ihn aber seitdem nicht wieder gesehen. Ach einmal ihn sehen! Sie warf das Gesicht in die Hände und stöhnte gewaltsam auf. Da fiel ihr das Versprechen ein, das sie dem Maler Eickert gegeben. Beschämt stand sie auf. Mit einem energischen Ruck warf sie den Kopf nach hinten, das sollte jetzt das letzte Mal gewesen sein, daß sie sich hatte so gehen lassen! , Elli saß bei der Arbeit im Atelier. Eben trat Maler Eickert ein und begrüßte sie lachend. Haben Sie schon erfahren, Fraulein Elli, eine Ihrer Röthelstudien in der Schulte-Ausstellung ist verkauft. Ich gratulire!" Elli wurde roth vor Freude. Wirklich? Wer kann sie gekauft haben. Da muß ich doch nachher mal hingehen und fragen." In fröhlichster Stimmung machte sje sich gegen Mittag auf den Weg zur .Schulte-Ausstellung Unter den Linden. Ihr Weg führte sie durch den Thiergarten. Glücklich genoß Elli die Farbenschönheit um sich her und schleuderte langsam in der warmen Mittagssonne die schmalen Wege entlang über raschelndes Laub. Sie dachte zurück an das letzte Jahr. Das war voll Arbeit gewesen, voll ernster, zäher Arbeit. Vom Morgen bis zum , späten Abend hatte sie gemalt und gezeichnet, an den Vormittagen im Atelier des Malers Eickert, am Nachmittag im Museum und am Abend gewöhnlich noch im KUnstlerinnen-Atelier. So hatte sie das ganze Jahr gearbeitet. Tag um Tag. Zum Denken und Grübeln ßatte sie wenig Zeit gehabt. Nur wenn sie an schönen Nachmittagen oder an Sonntagen.. hinaus ging , ms Freie, überkam sie daö webe Sebnen.

Wie warm die Sonne fcylen. E:e setzte sich auf eine Bank und lehnte den Kopf-hintenüber. Ja. das Arbeiten hatte genützt. Maler Eickert hatte Recht gehabt, in jede? Weise, und doch! Wenn sie nur einmal dieses Sehnen los würde, o Gott, einmal frei davon sein. Elli trat in den zweiten Saal der Schulte-Ausstellung. Hier waren ver. schiedene ihrer Bilder ausgestellt, einige Oelbilder. dann ihre letzten Aquarelle, farbenschöne Herbstlandschaften und mehrere Röthelstudien. Die waren am flottesten. RLthelzeich nen lag in ihrer Hand so gut. VLntp da. den schönsten Kopf, einen Mädchenkopf mit keckem Profil und duftigem H? den hatte jemand gekauft. Sie ging ins Bureau und erkundigte sich nach dem Namen des Käufers. Ein Dr. Ordert Tilly wurde ihr genannt. Elli wurde blaß und roth, dankte, ohne zu fragen, und ging hinaus. Zu Hause fand sie ein Billett von Dr. Tilly. Er bat um die Erlaubniß, ihr persönlich seine Bewunderung ih-. rer Kunst aussprechen zu dürfen, und fügte die Bitte binzu, sie am nächsten Tage in der Schulte-Ausstellung zu sehen. Bange und zagend hielt Elli lange das Billett in den Händen und sann lächelnd vor sich hin. -

War er das, der große Mann, der dort vor einem ihrer Gemälde stand? Sie hatte ihn ein ganzes Jahr nicht gesehen, er kam ihr so fremd, sa anders vor. Eben wandte er sich um, sah sie und trat, lächelnd sie begrüßend, aus sie zu. Ja, ja, er war es doch, sein lie benswürdiges Wesen, sein frisches Lachen. Dr. Tilly war natürlich ganz Be wunderung und Entzücken, er hat te eine solche Künstlerin seinerzeit nicht in ihr vermuthet. Er erging sich in Anerkennung und Lobreden und wollte sich gar nicht erschöpfen. Elli hörte ihm schweigend zu. War denn das der Mann, an dem sie während der langen, langen Zeit mit all' ihren Gedanken gehangen? Nein, das konnte nicht derselbe sein, das war hier ein anderer! Befremdet, enttäuscht beobachtete sie ihn, sein Wesen mißfiel ihr. Wie er ihren Fleiß, ihre zähe Aus. dauer eben lächelnd bewunderte! Er, der einzige Sohn reicher Eltern, hatte in seinem Leben nie ernst gearbeitet oder gelernt. den Doktorhut hatte er sich in Amerika gekauft, noch nie hatte er sich einen Pfennig erarbeitet! Damals hatte er seine Unthätiqkeit so originell ironisirt, daß sie oft darüber aelacht, aber heute m'hfiel ihr das im höchsten Grade. Für" diesen unthätigen, flachen, leichten Menschen hier hatte sie nicht mehr das geringste Interesse. Unwillkürlich dachte sie an Maler Eickert, an diesen energisch schaffenden Mann, der kraftvoll aus sich selbst das gemacht, was er war. Sie hatten die Schulte-Ausstellung verlassen und schlenderten jetzt in fröhlichstem Geplauder durch den Thiergarten. Elli war, ihre kritischen Beobachtungen - einstellend, nach und nach lustig und übermüthig geworden. Sie fühlte sich da innen freier und freier werden, und das machte sie unsagbar glücklich. Sie ließ sich zum Atelier des Malers Eickert begleiten, und als sie von Herbert Tilly Abschied aenommm. und die schwere. Thür des Hauses hinter ihm insSchloß fiel, wußte sie. daß er aus ihrem Leben ausgeschlossen, ausgelöscht war. Sie athmete, wie von einer schweren Last befreit, glücklich auf und sprang leichtfüßig die fünf Treppen zum Atelier hinauf. Maler Eickert saß am Atelierfenster eifrig über eine Radierung gebeugt. Ellis Gruß, der frische Klang ihrer Stimme ließ ihn sich schnell um wenden. Fräulein Elli, was ist Ihnen?' Was haben Sie? Sie strahlen a förmlich vor Seligkeit. Hat der Ankauf des Bildes Sie so beglückt?" Nein, nein protestirte sie lebhaft. Und. von plötzlicher Freude übermannt, reckte sie beide Arme hoch und rief jubelnd: Frei! frei! Endlich frei!" Erst sah Maler Eickert sie vcrsiänd--mlzlos an, oann leuchtete es aus :n seinen Augen. Wirklich? Und auch ganz? O. das freut mich, das freut mich. Also so etwas war es damals doch! Nun ja, ich dachte es mir schon. Hat mein Rath allein geholfen, oder..." Er ging zu ihr und drückte ihr herzlich die Hand. Da konnte sie nicht anders, und lachend erzählte sie ihm von der großen Enttäuschung, die sie eben erlebt, und wie sie gar nicht verstehen könne, daß sie je für diesen Mann irgend ein Interesse hatte haben können. Maler Eickert hatte ihr gespannt und interessirt zugehört. Vielleicht sind Sie auch inzwischen eine andere geworden, Fräulein Elli!" Er sah sie mit leuchtenden Augen an. Ich weiß nicht? Meinen Sie?" kam es unsicher von ihren Lippen. Ja sicher, es ist so!" Er nahm ihre beiden 'Hände in die seinen. , Elli entzog sie ihm nicht.