Indiana Tribüne, Volume 30, Number 110, Indianapolis, Marion County, 31 December 1906 — Page 6

Jttviana Tribüne, Dezember 1906

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Das dunkle Zimmer.

Novelle von Hermann heyermans jun. Und nicht ungeduldig werden." Utan. Herr Doktor." Wir haben ja Zeit genug." in (vrr ktui' " Mz, ,va'v w . .Und fleißig die Tropfen brau chen." , Ja, Herr Doktor." Nein, kommen Sie nicht mit hinaus, ich werde denWeg schon finden, uuf Wiedersehen." Adieu, Herr Doktor.. Das Licht, das weiße Licht, das über 'Zxn Kalkwänden des kleinen fflurs lag. huschte für einen Augenblick üUx sein Gesicht, über sein blasses Gesicht mit den tiefliegenden müden Augen. Dann fiel die Thür in's Schloß, uni wiederum herrschte Dunkelheit, völlige Dunkelheit. An denrenstern hingen Vorhänge, die Zugvoryänge, die Rollvorhänge, .alle verschlossen, wie in dem Zimmer ms Todten. Nur hoch oben über den mahagoni hölzernen Ringen glänzte ein seltsam weißer Sonnenstreifen auf dem Plafond, ein Streifen so gnllwei, büß er wie ein Riß erschien, wie ern Schnitt blitzenden, leuchten'den LichteS. Still seine Augen benetzend, stand er mit dem Rücken nach dem Fensier zu. Seine Athemzüge erklangen in der Stille des Zimmers. Warum bleiben sie unten, war Niemand mit hinaufgekommen ... Horch, jetzt sprachen sie mit dem Doktor unten im Hausflur, das war Grete das die Mutter das Heino . Jetzt sagte der Doktor wieder etwas . . . Mal horchen, mal vorsichtig hörDie' Thürklinke zitterte in seiner and, wollte nicht recht nachgeben, wenn man es nur unten nicht hörte. Er drückte stärker das Schloß knarrte ächzend öffnete sich die Thür. Unten stockte das Gespräch plötzlich. Bist du im Korridor, Hans?" Er regte sich nicht. Hielt die Auenlider steif geschlossen, das grell weiße Licht fürchtend, das er um sich 5,er fühlte. Hans!" Nein, er wollte sich nicht verrathen. Ich meinte doch, ich hätte etwas gehört." sagte die Mutter besorgt. Es ist jedenfalls doch besser, wenn nir hrirmpn shrfsfim " erflönn .fvin

' y 7 w w O o richs Stimme. Füße scharrten über den Läufer, eine Thür fiel m's Schloß. Ein leises Stimmengewirr erklang bedenklich herauf. Ja, sie hatte ein Geheimniß das Geheimniß seiner Augen. Sonst wären sie ja vorhin mitgekommen sonst würden sie nicht , unten miteinander flüstern. Seinen bleichen Kopf, der bleich l war von dem wochenlangen Aufent- & halt in der dunklen Stube, steckte er di durch die Thürspalte. an Die Augen hielt er geschlossen Re. die Lippen waren wie in stummer gus Kngst halb geöffnet, an F: Es war doch zu dumm., daß er sich alljahro gesund fühlte, so gesund und krank gen, hugleich. krank von dem abscheulichen müssenzunklen Zimmer, krank von dem glichen Licht, das seine Augen zukniff, sie gewaltsam zudrückte. Wie eiltsetzlich war es, wenn er nur einmal versuchte, einen Blick auf die .weißen Kalkwände zu werfen ... Q 'Gott, o Gott, wann würde er wieder 'frei um sich blicken können ... was 'bedeutete alles Unglück im Vergleich ;zu diesem Fluch, zu diesem Elend, zu diesem namenlosen Entsetzen ... Sein Kopf neigte sich tiefer über das Treppengeländer. Es würde schon gehen, dem Ge--r r r

suyl nacy. Er lächelte flüchtig, während er sich die Pantoffeln auszog. So ging es sehr gut, nur ganz vorsichtig, mit seinen Socken betastete er den Fußboden. Da war die Lehne, richtig und .das die Biegung nun die erste Stufe, und dann ruhig so weiter. Aber jrit einem Ruck fuhr er zu- - -rück. Unten wurde die Zimmerthür gei öffnet. Es ertönten jetzt laute Stim.men, jetzt da man den Doktor hinhi ausgeleitete ... l Jawohl, ich komme morgen zuück . . ." Schön, Herr Doktor ..." Adieu! Fräulein Grete ..." Admi, Herr Doktor ..." Die Hausthür fiel in's Schloß wiederum erklangen Schritte und Grete weinte. Sie weinte. O, o jetzt hielt er es nicht länger isns, jetzt mußte er es wissen ... Leise schlich er die Stufen hin-

unter; ängstlich glitten seine Hände XiUt das Geländer. . I Mit krampfhaft geschlossenen Au vttt das brennende Licht! f lauschte er über das Geländer gebückt

f .aus die Stimmen hmter der Thür. ' ... Heinrich sprach.

... Dann werden wir den Profcssor kommen lassen ... Wieder unterdrücktes Schluchzen. . . . . 2ta. das werden wir sicher

- itbun." wiederbolte er. .Es kann dock

mcyrs yeisen,' scywcyztt Grere lerse.

Helfen, helfen, klang die zormge Stimme. O Gott, wer wird den Muth haben, es ihm zu sagen," die Mutter weinte plötzlich laut. Still doch. Mutter, willst du wa. daß er es hört ,. ." Wiederum eine Stille . . . nur das scharfe Ticken der Uhr war hörbar. Er hielt sich am Geländer fest, keuchend, schwer keuchend, noch immer mcht ganz verstehend ... Das Sonnenlicht bildete einen Kreis da. wo er stand, ließ die kupfernen Lauferstangen tn Ockerstrahlen aufleuchten. Der kalbe Schwß trat ihm auf die Stirn, seine Hände waren eiskalt. Die Stimmen erklangen von neuem, leise aber deutlich. Aber Mütterchen ... Der Junge ist erst vierundzwaN" zrg ... der Aermste . . daß ich das noch erleben muß auf meine alten Tage ..." Aber Mutter, Mutter ..." Den Professor laß ich aber auf alle Fälle kommen ..." Aber du hast doch gehört, was er sagte unheilbar " Jeder Arzt kann sich irren . . Aber dieser irrt sich nicht, daS weißt du recht gut ..." Mein armer, armer Junae ..." Wiederum Stille, wiederum Schluchzen. Mit starren, weit geöffneten Augen, den Blick fest auf die Stelle gerichtet, wo die Scheibe über der Thür sein mußte, wo die warme Sonne hereinschien, stand er da, ohne noch weiter zu horchen. Es that schon gar nicht mehr weh, wenn er seine Augen weit aufriß es stach nicht es brannte nicht nur unbestimmte trübe Dämmerung ringsum. Dann fuhr er uch mit der Hand über die Stirne, tastete sich die Treppe hinauf, machte noch emen Augenblick Halt, hörte Gretes weinende Stimme: . . . Wer soll ihn darauf vorbereiten wer ..." Mechanisch fuhr er mit den Füßen in die Pantoffel, mechanisch schloß er die Thür, so leise, daß es gar nicht zu hören war mechanisch sank er in seinen Swhl und starrte in das Zimmer, in dem es Nacht war. Erst eine halbe Stunde spater kamen sie herauf, freundlich herzlich und sagten nichts. Grete hatte Weintrauben besorgt, die solle er alle essen, um sich die Zeit zu vertreiben. Heinrich las ihm aus der Zeitung vor, hinter den Vorhängen den ganzen Leiartikel das Politische das Vermischte Die Mutter blieb unten. Die hatte nicht den Muth ... Des Abends faßen sie eine ganze Weile bei ihm, sprachen über alles Mögliche, sagten nichts .nichts. Am nächsten Morgen begann es langsam, ganz allmählich. Geduldig faß er in seinem Stuhl, lächelnd in dem dunklen Zimmer. Er war zum Theil schon darüber weg. Die Nacht mit dem Beten, dem Beten unter den ruhigen dunklen Decken war so tröstlich. Heinrich saß am Fenster, sollte er es ihm jetzt sagen, freundlich sagen, das horte er an seiner unsicheren Stimme. Du Hans " Ja, was denn?" Es kann wohl noch eine Weile dauern, nicht lvahr? ..." Ja ja nun und " Und und nichts und ich sagte nur, daß es noch eineWeile dauern kann ..." Aber du wolltest noch etwas sagen." Aber nein wirklich nicht ..." So ich dachte nur ich dachte, ich glaubte es am Klang deiner Stimme zu hören . . ." Nein, aber durchaus nicht, wirklich nicht ich würde gar nicht wisfen was ..." Dumm doch, warum hatte er nicht den Muth? Das dunkle Zimmer schien sie alle ängstlich zu machen. Wirklich dumm, er saß da doch so ruhig. Am Nachmittag machte sich Grete lange in dem Zimmer zu schaffen, sehr lange. Du Hansi, thun deine Augen dir noch manchmal weh?" Weh nein." Das ist jetzt schon die achte Woche, nicht wahr? ..." Ja, schon eine ganz lange Zeit..." Gut riechen die Blumen, gelt?" Ja. nur schade, daß sie so im Dunkeln stehen." Die bleiben aber gerade gut im Dunkeln." So das ist aber merkwürdig ich werde wohl bald so gelb sein wie das Innere von eine?n Salatkopf, hahaya." Ach. Hans, du soll nicht so lachen." Nicht so lachen?" . Es klingt so unheimlich im Dunkeln und dann . Und dann ja und dann," sie zögerte; und dann min ich meinte nur so ... Er hörte, wie sie die Blumenvase verschob und wie sie die Teller ordnete und die Flasche nm dem kleinen Vinsel und die Scöacbtel

mit den Pulvern. Jl)re schweigende Stimme schien über diese kleinen Geräusche hinwegzuklingen die ganze Stille in dem dunkeluZimmer erklang wie die leisen Schritte freundlicher, tröstlicher Gedanken, die einander auswichen und sich wieder suchten und sich wieder fanden, seltsam, geräuschlos wie Schmetterlinge. Dann ging sie fort mit ein paar Sachen in den Händen, die sie nicht nöthig hatte und die sie eigentlich nicht hatte mitnehmen wollen. Die Mutter war die dritte. Sie setzte sich neben ihn nttt ihrem alten, freundlichen Gesicht, iyrem Mund, der von Runzeln umgeben war, und silberweißem Haar wie frilher. Sie fragte nur: Sitzt du auch U quem, HanS?" Und nahm seine Hände in die ihren. Und küßte ihn aus beide Wangen just bei den Augen. Und sagte kein Wort. Und weinte nicht. Aber als er jetzt selbst verzweiflungsvoll zu schluchzen begann., sagte sie nur leise: Nicht weinen, mein Junge, das ist schlecht füre deine Augen. Nicht weinen. mein guter Hans." Und in dem dunkeln Zimmer blieb sie neben ihm sitzen bis er ihr beichtete das von der Treppe. m m m - Lorelei'

. Skizze von F. Wilde. Der , Salonschnelldampfer fuhr rheinabwärts. Er hatte soeben eine Flußbiegung aenommen und näherte sich dem schroff abfallenden, sagenumwobenen Loreleifelsen. Die Passagiere drängten nach der äußersten Spitze des Schiffes vor. Man begann von dem altbekannten Märchen der Lorelei überall zu plaudern. Dort, auf schwindelnder Höhe, wo die rothe Fahne flattert, hat dij Lorelei gesungen" Und, wo sich der Fluß so wild über das Felsgeröll stürzt, soll des Schiffers Nachen gekentert sein!" Eine junge Dame reichte dem neden ihr stehenden Herrn ihren Krimsiecher und fragte mit leuchtendem Blick: Wollen Sie mal schauen?" Danke! Ich verlasse mich gründ sätzlich nur auf mein natürliches Sebvermögen. Die Betrachtung durch Gläser ist mir ein Greuel." O da sind Sie gewiß Maler!" Er lachte kurz. Pardon, ich bin nicht neugierig," schaltete sie ein und zog 'die Stirn kraus. Dann wandte sie sich zum Gehen und hob den Kleidersaum nur gerade so viel, daß ihr zierlicher Halbschuh mit der breiten Bandschleife unbehinderter wirken konnte. Da erst, als er ihr nachsah, gewahrte er die elektrisirende Schönheit ihres röthlichblonden Haares, dessen dicksträhniges Geflecht wie kupferfarbeneö Gold in der vollen Sonnenbeleuchtung glänzte. Robert Eck Maler," fagte er höflicher, an sie herantretend. Lassen Sie uns ein wenig plaudern, mein Fräulein." Schade daß Sie so spät erst auf diesen genialen Einfall kommen." Schade?" . Sie lachte belustigt. Nun, wir besteigen in Mainz zusammen das Schiff und betrachten uns mit unverhohlener Neugierde. Wir trinken in Rüdesheim den ersten Schoppen Bergauslese wie auf Commando, und unsere Blicke begrüßen sich, aber unsere Lippen schweigen fortgesetzt. Wenn das nicht dumm ist!" Ich bekenne, daß ich langweilig bin ein schwerfälliger Norddeutscher. Sie sind Süddeutsche, GnädigPe?" Rheinländerin," antwortete sie übermüthig, von Lebenslust durchglüht! Das macht der Wein und das fränkische Blut!" Sie lehnte sich gegen das Schiffsgeländer und wies auf das freundliche, kleine Städtchen am linken Rheinufer. St. Goar, meine Heimath und mein Reiseziel." Robert Eck faßte einen kühnen Entschluß, und kaum hatte die junge Dame den Fuß an Land gesetzt, da befand sich seine große, hagere Gestalt an ihrer Seite. Sie schien gar nicht weiter überrascht. Also, eö ist ganz felbstverständlich, daß ich Ihnen folge?" fragte er scherzend. Sie werden gerade hier die Rheinlandschaft in ihrer vollsten Pracht genießen. Drüben von der Terrasse ist ein malerischer Blick. Später werde ich Sie dort aufsuchen, um doch noch ein wenig mit Ihnen zu plaudern." Robert Eck hatte den abgeschlossensien Platz der Veranda gewählt. Von hier aus bot sich dem Auge der Loreleifelsen in feiner ganzen, schroffen Schönheit. Aber mehr noch als dieses sagenreiche Naturwunder fesselte den Porträtisten die kerzenschlante Frauenstalt. die den Uferwea entlang kam.

AlleS war weich und wohl an ihr. Dezent markirten sich die runden Formen in dem weißen, leichten Banitgewand, das sich wie aus einem Guß um die schmiegsame Figur legte; bei jedem Schritt gewahrte man deutlich die Linien des schönen Körpers. Robert Ecks Künstlersinn gerieth in Ekstase. Er eilte der lichten Erfch einung entgegen und behielt ihre eingliederige Hand lange in der sei nen. Dann bat er, sie solle erzählet. Wovon?" Von Irene Trutz." Ah Sie haben sich gut orientirt." Noch nicht zur Genüge. Bitte. bitte, eine Kleinigkeit mehr!" Sie stützte die runden Ellbogen auf den Tisch und legte ihr Kinn über die verschränkten Finger. Also wenden Sie sich ein wenig, dann gewahren Sie am Fuße der Berge einen hohen, alterthümlichen Thurm. Er gehört der burgartigen Villa, in der ich meine Kindheit verlebte. Die Mutter habe ich nicht gekannt. Der Vater sprach nie von lhr. Ich glaube, es- hatte da etwas seinem Herzen den Riß gegeben, denn auf seinem Gesicht lastete stets ein schwermüthiger Zug. Ein Herzübel brachte ihm einen schnellen Tod. Der Vormund verkauste das BurgHäuschen, ließ mich im Franziskanerinnenstift auf Nonnenwerth, erziehen. Später erhielt ich ein kleines Kapital für mein Studium ausgeliefert. Meine Ferienzeit verbringe ich hier bei einfachen Leuten Rheinschif

fern, die den Salmfang betreiben. Es ist ein billiger Aufenthalt." Und sind Sie nun zufrieden mit Ihrem Schicksal?" forschte Robert Eck. Ihre blauen Augen mit den großen Pupillen glänzten dunkel und träumerisch. Die Kunst kann unbändig glücklich machen, wenn man sich ihr hinaeben darf nach Neigung und Gefallen. Wird sie aber zum Broterwerd, legt sie ein Leben uns vor, öde und langweilig wie eine staubige, !eiße Landstraße, auf der man mühelig und schlaff vorwärts trottet." Wie können Sie mir so aus der Seele sprechen!" rief Robert Eck und zog ihre Hand zu sich' heran. In ihren Worten klang auch meine ganze Künstlernoth wider." Sie sollten eine reiche Frau nehmen! Geld ist Macht!" Sein Gesicht wurde finster. Er lehnte sich in den Stuhl zurück und sagte dann, düster vor sich hingrübelnd: Ich würde mir nur eine Ehe denten können, wenn ich mein Weib liebte. Und, dann würde ich malen," fuhr er in Ideen schwelgend fort, nur sie in allen Phantastereien, mit Augen, Sinnen und mit dem Herzen malen. Donnerwetter, das wären Bilder! Ich hasse die verzerrten Fratzen stupider Modelle." Irene nagte an der Unterlippe und sah nachdenklich in ihr Weinglas, von dem der rothe Ahrbleichert sein blumiges Aroma ausströmte. Jetzt richtete sich Robert Eck auf. und in seinen tiefliegenden Aucen brannte ein unruhiges Feuer, eme geniale Idee war plötzlich zum Leden erwacht. Ich will die Lorelei malen!" rief er. Ich sehe sie deutlich vor mir. dort auf dem Felsen! Ihre weißen Glieder umwallt ein rothblonder Haarmantel, ihre blauen Augen sind räthselhaft tief und ihre kühlen Lippen gelbrosa wie die Korallen. Irene Trutz soll sie heißen, die Rheintochter, die verkörperte Lorelei, und ihre Schönheit wird die ganze Welt durchklingen!" Er war dicht an sie herangerückt, sein Athem streifte ihre Wange. Irene Trutz kämpfte einen kurzen Kampf. Sie erhob sich langsam, legte den hellen Mantel um und sagte: Sie reisen morgen ab, Herr Robert Eck, und ich gehe heim. Punktum." Sorgfaltig knöpfte sie den Mantel zu und erwartete eine Entgegnung. Er erwiderte nichts. Er hörte ihre Schritte verhallen, aber er rührte sich nicht. Am Uferrand spielte ein Bursche die Ziehharmonika. Mädchen sangen dazu mit ihren hellen Sopranstimmen. Schwermüthig klang die Weise durch die dämmernde Nacht: ' Ich glaube, die Wellen verschlingen Am Ende noch Schiffer und Kahn. Und das hat mir ihrem Singen Die Lorelei gethan." Und Robert Eck malte Irene Trutz in ihrer ganzen Herrlichkeit. Seine Lorelei! DaS Bild erregte Aufsehen. Es wurde schwet und heiß darum gestritten in der Künstlerwelt. Gleichviel, es erhielt den Preis der Kunstausstellung. Thatsächlich übte das Gemälde eine packende Wirkung aus. Im Mittelpunkte der weiße, üppige Frauenkörper, der nur von einem losen, rosa Tüllgewande phantastisch umkleidet war und ganz in den' Mantel röth-lkch-blonden Haares eingehüllt schien. Vom Purpurglanze der scheidenden Sonnenstrahlen wurde er voll über gössen. Der Name Robert Eck" glich einem aufgehenden Gestirn am Kunstlerboriont. DaS batte seine Lorelei

vermocht! i$x neote t mir einer so tief eingewurzelten Leidenschaft, daS 'ein Leben ohne sie ihm undenkbar er'chien. Und jetzt, wo ihre Schönheit im Mittelpunkt des 'Interesses stand, mußte er wachsame Augen haben. Ein gefährlicher Rivale hatte bereits seinen Weg gekreuzt. Ein schwerreicher Amerikaner, dem die Kunst Luxus und Passion war. Da fand Robert Eck keinen anderen Entschluß, als seine Lorelei zu heirathen. Er begab sich nach St. Goar, wo Irene seit einiger Zeit weilte. Mit beflügelten Schritten eilte er nach ihrer Wohnung. Die Wirthsleute arbeiteten in den Weinbergen, nur der jüngste 5nabe war zu Hause. Er händigte Robert den Schlüssel zu Jrenes Zimmer ein und sagte, das Fräulein wäre gestern Abend abgereist, aber ein Brief sei für den Herrn da. In ihrer Schreibmappe lag das versiegelte Kuvert. Mit zitternden Händen erbrach der Maler das Scbreiben und las: Vergib mir und laß mich ziehen! Ich weiß, daß ich schuldig bitt an Dir und daß Du mich verdammen wirst, denn Du hast meiner Schönheit das höchste Loblied gesungen, aber ich wand Dir dafür den Ruhmeölorbeer. Eine Heirath zwischen uns ist ausgeschlossen. Du hast es oft genug gesagt: Eine Ehe ohne Vermögen, wo die Kunst im Schweiße ihres Angesichts arbeiten muß, wird zu einer Gefangenschaft, die alle Talente an Händen und Füßen fesselt." Du solltest es mir nicht verdenken, daß ich praktisch bin und in einen bereit gehaltenen goldenen Ehekäfig schlüpfe." Robert Eck brach in einem Sessel zusammen. Zu spät!" Dann aber lachte er grimmig auf. daß es unheimlich anzuhören war. . Ich vergaß ja, daß mein Liebchen eine Lorelei gewesen, die girren, gaukeln und bethören mußte!"

Fünfzehn Minuten Pause. Von Thea Becker. Zehn Uhr! Hurrah! Die Glocke ertdnt. Und hinaus auf deu weiten geräumigen Schulhof stürmen ein paar hundert flinke Beinchen. Welch ein fröhliches Wirbeln von rothen urd blauen Röckchen, von weißen und bu-nt'.n Schürzen, von blonden und braunen. Zöpfen. Und welch ein Rufen und Lachen, welH frifches Athmen in der herben winterlichen Luft. Die alten Bäume erglitztern im frühen Reif. In der Ecke hinter einem der großen Thorflügel steht zitternd eine kleine Gestalt. Mühsam hält ein vergilbtes Band einen Kranz borstiger Haare zurück, die in das bleiche Gestchtchen fallen wollen. Große, scheue Augen wandern angstvoll umher, blicken bald sehnsüchtig den vorbe keilenden Befährtinnen nach, bald schauen sie betrübt herab auf ein fadenscheiniges Röckcben, unter dem plumpe, schlecht geputzte Sckuhe sich bereit machen. Vergeblich bemühen sich die darin steckenden dünnen Beinchen gerade nebeneinander zu stehen. Ein Paar blau gefrorene magere Hände umkrampfen ein unförmiges Päckchen, dessen Hülle aus verknittertem Zeitungspapier fest verschlossen bleibt. Die Klein: spürt keinen Hunger. 'Heute zum ersten Male ist sie in der Stadtschule. Vor wenig Tagen sind die Eltern vom Dörfchen hereingezogen. Der Vater meint, in der Stad't werde sich's besser verdienen lassen, in der Stadt, die dem Kinde schon lange in Gedanken als das schönste in der Welt vorgeschwebt hatte! Und die große Schiie, und die vielen, vielen Kinder darin! Voller Ehrfurcht hat sie am Morgen die weiten Hallen betreten. Wie schlug das. kleine Herz, als eine Lehrerin fr der Klasse, der sie angehören sollte, zuführte! Dort harrten ihrer die Svl- und Lernkameraden. Herrlicher Gedanke! Da, auf der Schwelle, hat sie geglauht, das Herz stände ihr still. Lauter prüfende Augen forfchend auf sie gerichtet; und aus einer Ecke hat siYs deutlich tufcheln hören: Guck emal, die hinkt ja! Da sind langsam Thränen in die weitg.'öffneten Augen getreten. - Ja. sie hinkt, das hatte sie ganz vergefsen. Sie kannte es ja nicht besser, und die Dorfkinder, die kannten es auch an ihr. Aber nun. wußte sie. nun würde jeder nach ihr hinschauen, und wie viele würden lachen über sie! Das hatte sie nur zu gut gemerkt, wenn auch der Kopf gesenkt war, als sie sich dem ihr gewiesenen Platz näherre. .Da war's in ihrem Innern plötzlich gewesen, wie wenn d Sonne sich verfinstert und dunkle Wolken sich zusammenballen., Kaum hörte das geängstigte Kind, was die Lchrerin sprach. Bald mußte ja die Pause kommen und dann dann mußte sie hinaus. Hinaus hinken würde sie, hinken über den Schukhof, und von allen Seiten würden die .ÄUTen tvieder auf sie gerichtet fein, 'ganz wie., vorher. Sie hatte die Zeit aufhalten mögen, aber

die ging herum, unerbittlich nun schlug es zehn und nun die Glocke! Hinaus aus der Klasse! In stürmischem Drang, ins Freie zu' gelangen, waren die Mädchen die Treppen hinabgeeeilt, zum Thor hinaus. Der kleinen Christine war es gelungen, ein wenig hinter den andern zurückzubleiben. Vorsichtig, am Geländer sich stützend, damit sie möglichst gerade gehe, war sie die Stufen hinadgejchlichen und hatte unbemerkt das Plätzchen hinterm Thürflügel erreicht. Dort steht sie nun fröstelnd. Eben kommt ein Trupp kleiner Mädchen vorüber. Die größte, die braune Elfe, scheint den andern gar Wichtiges zu .erzählen. Lustig blicken die schlemischen Augen umher. Man merkt, sie ist es gewöhnt, daß man ihr staunend zuhört, ihr, der beneideten Tochter des reichen Ladenbesitzers. Ja, sie hat's nun einmal an sich, die Else. Kem Spiel, kein Vergnügen ohne sie. Was die für famose Einfalle hat, und wie gern sie's hört, wenn man sie belacht. Soll ich euch mal vormachen, wie der Hinkefuß heut morgen in's Zimmer kam? So ! Jubelnder Beifall. Zu Tode erschrocken ist das Kind hinter der Thür aufgefahren. Entsetzt starrt es die Gefeierte an. Nur eine hat die rasche Bewegung bemerkt. Aufblickend sicht sie in zwei weitaufgerissene Augen, die starr auf sie gerichtet sind. So stehen sich die beiden Kinder gegenüber, ein paar Sekunden nur, so kurz, daß die andern nichts bemerkt ha'ben, so lang, daß eine Welt voll Leid einem vom Glück Verwöhnren Menschenkind of feirbar wird. Lachend ziehen die Mädchen weiter, einsilbig Else mit ihnen. So treffen sie andere. Eine große Schaar findet sich zu frohem Kreis. Da stiehlt sich leise, leise eine fort, eilig dicht an der Mauer des SchulHofs vorbei, damit niemand sie aufhalte. Kurz ehe sie den stillen Winkel erreicht, verlangsamen sich die Schritte. Noch ein letztes Zögern, dann steht sie vor einer in sich zusammengesunkenen Gestalt, die stch bei ihrem Anblick noch tiefer in die Ecke druckt. Ein leises Stöhnen, wie ein Erwarten neuer Qual. Lange wartet die kleine Christine lange Minuten. Wie, hat sie da richtig gehört? Ihr schwindelt nein doch, ihre Ohren hören es noch einmal: Vergib, klingt es leise. Vor ihr steht mit gesenktem Kopf die große Else und eine feste braune Hand streckt sich bittend ihr entgegen. Zitternd, hastig greift ein verängstiÄ tes Menschenkind danach. Wer wird zuerst sprechen? Was wollen sie sich sagen? Da, die Glocke! Es hat geschellt! Von Elses Lippen klingt es wie eine Befreiung. Sonst wird nichts gesprochen. Mechanisch haben bei dem wohlbekannten Klang ein paar hundert Mßchen sich dem werten Thorbogen zugewandt. Fest bei den Handen gefaßt schreiten zwei Kinder die Treppe hinauf, ein sehr ungleiches Paar. Nein, seht doch, was die Else für komische Einfälle hat! wendet sich eine Genossin an den Schwärm der andern. Wer nur leise, gut wagt sie es denn doch nicht. ttebertriebener Geiz. Rossinis Gattin war wegen ihres Geizes bekannt; bei ihren Empfängen fror man, auch konnte man niemals auf andere Erfrischungen rechnen als auf die, welche freundliche Geber der Herrin des Hauses geschenkt hatten. Eines Abends nun. an welchem auf den Straßen von Paris der Schnee einen halben Meter hoch lag. saß Frau Rossini mit dem treuen Hündchen' auf dem Schoß, im bequemen Lehnstuhl am Kamin, in welchem zwei armselige Stückchen Holz glimmten, und erwartete ihre Gäste. Im Hause Rossinis zu verkehren, galt als eine große Ehre, so daß der Salon trotz der Hundekälte, die darin herrschte, sich bald mit schönen Frauen und Künstlerinnen und politischen Notabilitäten füllte. Plötzlich meldete der Diener: Herzog .! Graf Y.! Marquis Z.!" Mit einer eleganten Verbeugung trat der Herzog vor; unter dem linken Arme trug er ein Päckchen Holz und in der rechten Hand den Hut. Er grüßte nach den Anstandsregeln jener Zeit, indem er den Kopf ein wenig neigte, und warf dann geschickt sein Holz in's Feuer. Es folgte Graf I. mit einem noch umfangreicheren Tribut von BrennMaterial. Nachdem auch er den Holzzoll dargebracht hatte, erschien der Marquis, gleichfalls mit einem Päckchen unter dem Arm. Als er aber sein Bündel in den Kamin werfen wollte, hielt Frau Rossini, die bis dahin stumm zugesehen hatte, seinen Arm fest und sagte: Legen Sie es lieber in den Korb hier, wir werden es später noch brauchen können!" -SonderbareLogik. Frau (zu ihrem Manne): .Der Assessor hat nicht gemerkt, daß die Torte alt war; pass' auf, der nimmt sogar unsere Aelteste.Maliziös. Wirth (auf den Wein des Gastes deutend): .Den Wein trink' ich nun schon zwanna

Jahre!- Gast: .Na. der Menfch gettl fj r jcr? . r r rr.mtm '

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