Indiana Tribüne, Volume 30, Number 106, Indianapolis, Marion County, 26 December 1906 — Page 6

Jndeana Tribüne, 26. Dezember 1906

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l!!l!!!:!!ii:!Ii:i!l!ll!!l!IIii!l!IIII!i!!!l!:i!I!!!!!I!I!ilH Dir großc Schwester

rE SKi)?e von y 03 m 1 1 z,n nrrioi D Ti;i,;!':!ri!:i:i:i!i:i:!;;!'i!:,ii!!i!i;!iii:!iii;i!!i;iiii!!fH ucie Braun schwieg sich seit ungefähr einer Stunde aus und C fragte sich im stillen ängstlich, ob man ihr hartnäckiges Schweigen wohl bemerke und berede. Es schien nicht so. Die im Salon und im Musikzimmer zerstreute Gesellschaf! etwa dreißig Personen hatte vollaus mit sich zu thun und kümmerte sich nicht um die kleine Lucie. Man saß. stand, ging auf und ab, plauderte, lachte und flirtete. Alles amüsirte sich augenscheinlich. Nur Lucie Braun wußte nicht, was sie mit sich anfangen sollte, und schämte sich vor sich selbst und den andern. Sie hatte doch so sehnlich gewünscht, zu den glänzenden Jours" ihrer vornehmen Freundin eingeladen zu werden. Es war endlich geschehen, und nun saß sie in der Gesellschaft da und wünschte sich weit fort. Sie beneidete Ottilie von Hermegg um ihren Reichthum, ihre Salons, ihre unqezwungene Sicherheit. Sie hatte es gut. diese Ottilie. Der Vater Großindustrieller, Kommerzialrath, geadelt, reich. Auf der Ringstraße wohnte sie. eine Loge im Burgtheate? und eine Loge in der Oper hatte sie. Jni Sommer ging sie auf Reisen. Was sie nur begehrte, schenkten ihr die Eltern. Sie. Lucie, hatte es nicht so gut. Zerstreut blickte sie umher, und ihre Augen blieben am Klavier haften. Ottilie hatte den Flügel geöffnet. Jemand wollte wohl spielen. Das war der kleinen Lucie höchst angenehm. Während musizirt wurde, konnte ihr Schweigen niemand auffallen. Der junge Mann, der sich sein lange 5 Haar zurückwerfend, an's Klavier gesetzt hatte, war ohne Zweifel der Viros Edgar von Radwill, von dem Ottilie so häufig fprach. Ein Künstr von Gottes Gnaden," hatte Ottilie ilt einer Ueberzeugung, die jeden Widerspruch im voraus ausschloß, wiederholt versichert. Das Wort hatte der kleinen Lucie imponirt. Ottilie wußte sich immer so bestimmt und so treffend auszudrücken. Daß Ottilie die Phrasen nachplapperte, die sie von ihrer Mama gehört, ahnte Lucie nicht. Der Künstler von Gottes Gnaden sah übrigens interessant aus. Hager, mit langen Armen und Händen, ein scharfgeschnittenes Profil, die Nase geboqen. Und etwas Weltverachtendes. Müdes. Ablehnendes im Gesicht und in den Augen. Langes, straffes, dunkles Haar, eine hohe Stirn. Er trug einen Zwicker und war bartlos. Als er zu spielen anhob, streifte er den Zwicker von der Ms:. Lucie saß da und staunte ihn an. Ein Künstler! Und wie er spielte! Eigentlich malträtirie er das Klavier und die Ohren seiner Zuhörer. Aber es war doch wunderschön. Alle fan-den'-, und Lucie fand es auch. Namentlich Lucie. Sie sah und hörte ihn ja zum erstenmal. Mitten im Spiel protesiirte das gemarterte Instrument. Eine Saite zersprang. Edgar von Radwill brach sein Tosen ab und stand auf. Er wollte mit der zersprungenen Saite nicht weiterspielen. Allgemeines Bedauern. Man war geradezu empört über das empfindliche Instrument. Eins der jungen Mädchen versetzte dem Flügel sogar einen Klaps. Dazu lächelte der Künstler nachsichtsvoll. Die weibliche junge Welt umdrängte ihn und schwärmte ihn an. Und auch das ließ er sich mit nachsichtigem Lächeln gefallen. Lucie beneidete die jungen Mädchen. Die durften ihm nahen, ihm bewundernd: Worte sagen. Wie eine Ausgestoßene kam sie sich vor. Und ein ihr bis zu dieser Stunde fremd gebliebenes Gefühl krallte sich ein in ihr sechzehnjähriges Herz: die Eifersucht. Plötzlich schlug ihr Name- an ihr Ohr. Sie erschrak heftig. Man redete von ihr! Dort, wo er, in seiner Bewunderinnen Mitte, an's Klavier nachlässig gelehnt stand! Und jetzt lösten er und Ottilie sich von der Gruppe los und kamen auf sie zu. War es denn möglich? Da waren sie, blieben dicht vor ihr stehen. Und die neidcnswerth gewandte Ottilie sagte mit ihrer gewöhnten Sicherheit zu ihr: Herr von Radwill wünscht. Dir vorgestellt zu werden, Lucie. Meine Freundin, Fräulein Lucie Braun," fügte sie hinzu, lächelte und entschwand. Lucie blickte ihr hilfcheischend nach. Warum verließ sie Ottilie in dieser schwierigen Lage? Was sollte sie denn sagen um Himmels willen? Gleichzeilig aber fühlte sie sich trotz aller Angst namenlos beseligt. Er hatte gewünscht, ihr vorgestellt zu werden! .Gestatten Sie, gnädiges Fräulein," sagt: er und setzte sich neben sie. Sie hörte seine Stimme! Er saß an ihrer Seite! Ihr schwindelte vor Glück und Bangigkeit. Sie sind, wie ich höre, die Schwester der Sängerin Lenore Braun?" fragte er. Lucie blickte ihn dankbar an. Wie lieb und gut von ihm. daß er das Gespräch auf diese Weise einleitete, sie ohne Säumen auf ein Gebiet führte, wo sie zu Hause war! ,Ja," sagte sie. Lenore Braun ist

meine Schwester. Kennen Sie meine Schwester, Herr von Radwill?" Leider noch nicht. Sie ist ja so selten in Wien, nicht wahr? Ich habe sie noch nicht singen hören." Wirklich nicht?" Sie konnte es kaum fassen, daß es jemand geben sollte, der ihre Schwester noch nicht hatte singen hören. Wirklich nicht uno wahrhaftig nicht," sagte er mit seinem nachsichtigherablassenden Lächeln. Aber diesmal werde ich mir den Genuß nicht entgehen lassen. Ihr Konzert findet Ende der Woche statt?" Ja. Am Freitag.Jst sie schon in Wien?" Sie kommt morgen an. Und ich freue mich riesig darauf. Wir lieben uns zärtlich, Herr von Radwill. Sie ist so gut! Denn im Vergleich zu ihr bin ich ja noch ein Kind." . . . Sie sind ja noch ein Kind." sagie er. Ich bin schon sechzehn Jahre alt." antwortete sie, stolz auf ihre Jugend. Und singen Sie auch?" Nein. Ich habe leider keine Stimme. Nur im Aeußern sollen wir uns ein bischen ähnlich sein." Er sah sie von der Seite an. Diese dürftige, kleine, unentwickelte Backfischgestalt, das magere Gesichtchen mit den nicht hübschen Augen... na! , Die Schönheit war nicht gerade überw'ältigend. Wenn die berühmte Schwester nicht anders ausschaute... Ich finde diese Ähnlichkeit zwar nicht heraus," fügte Lucie hinzu. Die Augen vielleicht..." Achselzuäend brach sie ab. Jedenfalls ist Lenore schön, und ich bin es nicht," schloß sie ihre Rede und erröthete. Das hätte sie nicht sagen sollen. Jetzt glaubte er gewiß, sie erwarte, daß er ihr widerspreche. Ob er das glaubte, blieb unentschieden. Sicher war nur, daß er nicht widersprach. s Sie sind wohl zum erstenmal in diesem Hause?" fragte er ausweichend. Ja. Ich kenne Ottilie erst seit zwei Monaten. Wir besuchen dieselbe Tanz.schule. Meine Schwester wollte, daß ich tanzen lerne. Papa war zwar nicht ganz damit einverstanden. In seinen Augen bin ich immer noch ein Kind. Aber Mama und Lenore haben es durchgesetzt." Zu Hause sagte sie Vater und Mutter. Doch Ottilie sagte Papa und Mama. Und so sprach sie es nach. Es klang ja auch vornehmer. Es freut mich, daß Sie tanzen lernen." sagte Herr von Radwill ohne Interesse. Schrecklich öde, solch kleines Mädchen. Lucie hingegen fühlte sich unsäglich wohl. Wie alle Menschen, deren Leben sich in einem engen Kreise abspielt, wurzelte sie in diesem engen Kreis und konnte von nichts sprechen als von den Dingen, die ihr kleines Leben bedeuteten. Jetzt war sie mitten drinnen, und sie wurde gesprächig, mittheilsam und zutraulich. Papa, Maia. Lenore. Lenore, Mama, Papa: es nahm kein Ende. D'ese Kleine ist eine unausstehliche Schwätzerin," dachte der junge Kunstler gelangweilt. Endlich wurde er erlöst. Die Dame des Hauses rauschte auf ihn zu und stellte irgendeine Frage an ihn. Sichtlich erleichtert erhob er sich und nahm Abschied von Lucie, indem er mit etwas mattem Lächeln zu ihr sagte: Es war mir sehr angenehm, Sie kennen zu lernen, gnädiges Fräulein. Auf Wiedersehen am Freitag beim Konzert Ihrer Schwester." Auf Wiedersehen! Er wollte sie wiedersehen! Glückstrahlend kam sie nach Hause. Mutter, ich habe mich göttlich UNterhalten. Das waren die schönsten Stunden meines Lebens!" Frau Braun, geborene Welker, streichelte wie beruhigend die heißen Wangen ihres Töchterchens. Das hatte sie von ihr, das Kind. Immer gleich in Ekstase. Alle Welkers waren so. Herr Braun hingegen bemerkte in unzufriedenem Ton: Die schönsten Stunden verlebt man immer zu Hause, , Lucie." Er liebte es nicht, wenn seine Töchter sich irgendwo besonders gut unterhielten. Das empfand er als eine persönliche Kränkung. Sie sollten am liebsten zu Hause sein. Bei ihm. Lenore Braun war nach mehrmonatiger Abwesenheit wieder bei den Ihren und bezog ihr altes, unelegantes Mädchenstübchen. Der Künstlerin war immer ein bischen seltsam zumuthe, wenn sie in diese kleine, enge Welt zurückkehrte: anheimelnd und fremd zugleich. Mutter und Schwester trugen sie auf Händen, und sogar der zum Papa" avancirte Vater hatte sich endlich damit abgefunden, daß aus seiner Tochter eine Künstlerin geworden, die sich in der Fremde herumtrieb, anstatt bei ihm, am häuslichen Herd zu ftfecn. Es war gegen seinen Willen, gewissermaßen hinter seinem Rücken geschehen. Er hatte es lange nicht' erlauben wollen. Er gehörte zu jener Sorte von Vätern, die ihren Kindern vieles nicht erlauben." Aber die Mutter hatte zur Tochter gebalten. denn sie war eine Welker, und alle Melkers hatten einen romantischen, nach Höherem strebenden Sinn. Herr Braun, ein solider Beamter, besaß diesen Sinn nicht. Er hatte sich endlich widerwillig in's Unvermeidliche gefügt, fühlte sich aber immer noch ein wenig gekränkt ... Die Tochter hätte ' ihm , zuliebe der Kunst entsagen und zu Hause, beim Vater bkeiöcn sollen.

Im Hause herrschte der alte Ton Alles drehte sich um den Vater, seine Bequemlichkeit, seine Wünsche. Aus die Mutter und Lucie wurde keim Rücksicht genommen. Frau Braur. hatte ihre Widerstandskraft im Kamps um die Künstlerlaufbahn der älterer Tochter aufgebraucht. Für Lucie wai nichts übrig geblieben. Die sollte sc sein, wie der Vater sie haben wollte. Auch die Welkers ermatteten nach langem Kampf, und Frau Braun mal mürbe geworden. Auch war Lucie weder so schön noch so vcgabt wie Lenore. Das bischer, Zeichnen und Malen, auf das sie sc stolz war, flößte der Mutter kein rechtes Vertrauen ein. Nichtig war, daß die Welkers.' zu vielem veranlagt, auch tüchtige Maler aufzuweisen hatten. Aber unter den Welkers hatte es immer auch eingebildete Talente gegeben, die es zu nichts gebracht und stch mit ihrem zwecklosen Streben blos unglücklich gemacht hatten. Vielleicht gehörte Lucie zu dieser traurigen Abart. Jedenfalls wollte die Mutter damit nichts zu thun haben. Mochte das Kind sich seinen Weg allein suchen und finden. Lenore fand denn alles so, wie sie es vor Monaten verlassen hatte: den Vater wunderlicher und tyrannischer, die Mutter zermürbter, die Kleine unfreier im Hause denn jemals. Und das gute Kind merkte nicht einmal, wie geknechtet, freudlos und arm ihr junges Leben war! Das war für Lenore das rührendste.' Am Abend, als die Eltern schon schlafen gegangen waren und Lenore bereits im Bett lag, saß die Kleine noch, völlig munter, auf dem Bett der großen Schwester und erzählte. Alles. Alle ihre dürftigen Erlebnisse. Was sie gezeichnet und gemalt (heimlich, versteht sich, denn der Vater durste nichts davon wissen); was für Bilder sie gesehen, was ihr Lehrer gesagt hatte. Und die Tanzstunde. Und Ottilie. Und der große Jour" bei Ottilie. Und dann sprach sie von ihm." Mit glühenden Wangen, das magere Körperchen eng an die Schwester gedrückt, vertraute ste der Schwester ihr großes, süßes Geheimniß an. Es ist so eigen. Lenore... Vor ein paar Tagen wußte ich kaum, daß er auf der Welt sei, kannte eben blos seinen Namen ..." Und sie beschrieb ihn der Schwester, schilderte ihr seine äußere Erscheinung, sein ganzes Wesen. Ein Künstler von Gottes Gnaden, weißt Du, Lenore! Wie Du selbst." Lenore ließ das Kind reden, warf Fragen dazwischen und empfand wieder halb mütterliches Mitleid mit der jungen Schwester, der ein Mann, weil er einen Kneifer und langes Haar trägt und auf das Klavier losschlägt mit seinen Händen, etwas ungeheuer Jnteressantes bedeutete. In solchem armen, ereignislosen Leben wird eben alles gleich Ereianiß und Erlebniß. Und mit sechzehn Jahren fangt man schnell Feuer. Lenore. hältst Du es für möglich, daß ich ihm wirklich gefallen habe?" fragte Lucie voll Spannung und Angst. Liebkosend fuhr ihr Lenore über's Haar. Das kann ich doch nicht wissen, Kind! Ick war ja nicht dabei... Warum aber solltest Du ihm nicht gefallen haben?" Ich weiß nicht... Es kommt mir eben so unglaublich vor... Du wirst ja sehen, Lenore. Er will mich nämlich wiedersehen. Bei Deinem Konzert. Du wirst ihn wohl kennen lernen. Und dann wirst Du mir sagen . . . Aber um eins bitte ich Dich. Lenore. Ohne Zweifel gehen wir nach dem Konzert in größerer Gesellschaft irgendwohin soupiren, nicht wahr?" Vermuthlich. Also was soll dabei geschehen? Ich soll wohl Deinen Künstler auffordern, sich uns anzuschließen?" Lucie nickte eifrig. Und er soll Dein Tischnachbar sein?" Die' Kleine fiel ihr um den Hals. Wie Du alles errathen kannst, Lenore!" Dazu gehört kein sonderlicher Scharfsinn... Gut! Ich will ihn einladen und ihn bei Tisch neben Dich setzen. Aber jetzt geh schlafen. Es ist ein Uhr, und ich bin müde." Gute Nacht denn, Lenore, Tu Engel!" Sie herzte und küßte die Schwester. Aber nimm Dich am Freitag in acht. Verliebe Dich nicht etwa auch in ihn!" Auch! Sind wir im Ernst schon so weit, Lucie?" Die Kleine wurde sehr verlegen. Dann aber rief sie stolz und entschlossen: Ja, ich liebe ihn. Er ist ein Künstler von Gottes Gnaden wie Du. Und darum liebe ich ihn!" Das Konzert der. Schwester war etwas Wundervolles. Ein Traum. Lucie, die, in dem gleichen Kleidchen wie neulich beim Jour." zwischen Vater und Mutter saß, strahlte vor Glück und Stolz. Es war so viel Freude in ihr: Der überfüllte Saal, das eleaante. a themlos lauschende und. wenn öie Sängerin verstummte, tosenden Beifall spendende Publikum; die Herrlichen Kränze und Blumen, die der Schwester auf's Podium gereicht wurden; die vielen Kritiker und Künstler im Zuhörerraum, deren bekannte Namen man einander zuflüsterte; die Schwester selbst, so schlank und fein in ihrem fließenden, blaßblauen Kleid, ihr edles, schmales, bleiches Gesicht mit den ernsten braunen Augen, vom rei chen. a la Eleo de Merode..über die

uqitn gekämmten Vlonoaaar emgcrahmt; und ihr süßer, alle Herzen bezwingender Gesang: Alles warschön und gut und licht. . Und auch,. daß e r sich im Saal befand. Lucie hatte ihn beim Eintreten sofort bemerkt und sehnlich gewünscht, auch von ihm gesehen zu werden. Doch das war nicht erfolgt, und sie tröstete sich schnell darüber, ach dem Konzert würde er sie suchen und begrüßen. Er war ja hauptsächlich ihretwegen gekommen. Als das Konzert zu Ende war, bahnte sie sich durch's Gedränge einen Weg in's Künstlerzimmer. Unmöglich, an Lenore heranzukommen. Sie stand mitten in einem Menschenknäuel und theilte nach allen Seiten hin liebenswürdig dankende Worte und Händedrücke aus. Lucie lehnte sich an die Thür und wartete geduldig. Und wieder quoll übermächtige Freude in ihr auf: Sie, sie war die Schwester der Gefeierten! Plötzlich gab es ihr gleichsam einen Schlag auf's Herz. Er. Edgar von Radwill, stand mit einem Mal dicht neben ihr. Seinen Kneifer auf der Nase, spähte er nach irgendeiner kleinen Oesfnung, die eshm möglich machen würde, durch den Knäuel bis zur Sängerin vorzudringen. Lucie schob sich ihm vor die Augen und lächelte ihn freudig an. Im ersten Augenblick erkannte er sie nicht. Dann aber kam ihm die Erinnerung an das kleine Mädchen, das so viel von Papa und Mama und der Schwester geschwatzt hatte. Sehr angenehm," sagte er und gab ihr flüchtig die Hand. Dann wies er auf den Knäuel um Lenore: Ich möchte mich fo gern Ihrer Schwester vorstellen lassen. Aber sie ist ja förmlich belagert!" Die erste leise Enttäuschung: Daß sein erstes Wort beim Wiedersehen nicht ihr, sondern der Schwester galt, daß er nicht, um sie zu suchen, in's Künstlerzimmer gekommen war, sondern um eine Gelegenheit zu erHaschen, der Schwester vorgestellt zu werden. Sie bekämpfte ihre Enttäuschung, so gut sie es vermochte, und sagte zu ihm: Gedulden Sie sich nur noch ein wenig, Herr von Radwill. Dann stelle ich Sie vor." Zu gütig," antwortete er ziemlich kühl. Er liebte es nicht, sich zu gedulden und von kleinen Mädchen sozusagen protegirt zu werden. Endlich löste sich der Knäuel, und Lucie konnte mit dem jungen Künstler bis zur Schwester gelangen. Herr von Radwill. Lenore!" flüsterte sie der Sängerin aufgeregt zu. Lenore warf einen raschen, forschenden Blick auf ihn. Also der war es! So sah er aus, der Herrgott und Künstler von Gottes Gnaden! Mein Gott! Ein bartloser Junge!" dachte sie. Sie reichte ihm mit freundlichem Lächeln die ' Hand und wechselte ein , paar Redensarten mit ihm. Wenn Sie den Abend frei haben! und sich uns anschließen wollen, Herr von Nadwill?" fügte sie in fragendem Ton hinzu. Er hatte den Abend frei und nahm die Einladung mit heißem Dank" an. Und man brach auf, um nach dem Hotel zu fahren oder zu gehen. Lucie fuhr mit der Schwester. Bist Du mit mir zufrieden?" fragte Lenore die Kleine. Sehr. Ich danke Dir." war die Antwort. Aber es klang nicht freudig. Im Hotel besserte sich ihre Stimmung nicht. Wohl trug Lenore Sorge dafür, daß Herr von Radwill Lucie zu Tisch führte. Aber das verschlimmerte die Sachlage nur. Sie saßen weit entfernt von der Sängerin, und er konnte seinen Aerger darüber kaum verbergen. Wieder hatte er das langweilige, schwatzhafte kleine Mädchen auf dem Hals! Er blickte mißmuthig und unliebenswürdig auf seinen Teller und ignorirte die Kleine an seiner Seite. Nach aufgehobener Tafel begab sich die Gesellschaft vom Speisesaal in den Salon nebenan, um dort den Kaffee g-u trinken und zu rauchen. Lenore hielt Cercle im Salon. Als sie Herrn von Radwill mit Lucie, die sich ihm mechanisch angeschlossen hatte, herankommen sah, winkte sie ihn zu sich und lud ihn ein. sich neben sie zu setzen. Die andern wichen ein wenig zurück, und der junge Künstler gehorchte stolz und strahlend der Ausforderung. Seine Laune war mit einem Schlag verwandelt; er lächelte, lachte sogar und sah knabenhaft jugendlich aus... Und beredt wurde er auch. Von der Kunst sprach er, und wie er über die Künstler dachte. Die wenigsten fanden Gnade vor seinen Augen. Er selbst wußte und verstand alles viel besser. Lenore stellte Fragen an ihn wie eine Meisterin an einen Schüler. Und im stillen sagte sie sich, daß sie solchen Edgars schon oft begegnet wäre. Aber wo steckte denn Lucie? Sie sah sich nach ihr um und entdeckte sie nach längerem Suchen: Die Kleine saß in einem Winkel, abgesondert von der übrigen Gesellschaft, völlig vneinsamt. Rasch erhob sich Lenore und ging zu ihr hin. Warum bist Du nicht bei mir geblieben?" fragte sie. Was thust Du denn hier so ganz allein?" Nichts!..." Sie sah zur großen Schwester auf, und es .war ein merkwürdig fremder, kalter Blick. Es kennt mich ja niemand hier.. Mit wem sollte ich denn reden?- ,

Setze Dich nur zu mir. Ich will Dich schon mit einign Personen bekannt machen." Wozu?" Sie zerrte an den Quasten, die von der Stuhllehne herabhin gen. Die Leute reden ja doch blos au? Höflichkeit mit mir... weil ich zufällig Deine Schwester bin." Lenore beugte stch zu ihr nieder. Was gibt es denn, Lucie? Hast Du Dich vielleicht mit Herrn von Radwill gezankt?" Bewahre. Dazu ist er mir viel zu gleichgiltig." Lenore lachte ein wenig. Mit einem Mal. Komm, Kind. Sei vernünftig." Sie nahm sie beim Arm und zog sie in die Höhe. Sprich noch ein bischen mit ihm, bevor wir weggehen. Sonst kränkt er stch." Lucie schob verächtlich die Unterlippe vor, ließ sich aber von der Schwester zu Herrn von Radwill geleiten. Sowie dieser die Kleine erblickte, umspielte das ihr verhaßt gewordene herablassende Lächeln seinen Mund. Sie warf ihm einen eiskalten Blick zu, den er entweder nicht bemerkte oder nicht beachtete: Ohne die geringste Notiz von ihr zu nehmen, wendete er stch an die Sängerin und setzte das unterbrochene Gespräch mit ihr fort. Andere Personen traten hinzu, die Unterhaltung wurde allgemein. Lenore stellte die Kleine einigen Herren und Damen vor und bemühte stch wiederholt, Lucie in's Gesprach zu ziehen, was aber gänzlich mißlang. Lucie antwortete kurz oder gar nicht, und ihr junges Gesicht hatte einen trotzia abweisenden Ausdruck. Sie muß sich doch mit ihm gezankt haben." dachte Lenore und gab ihre Versuche, die Kleine zum Reden zu bringen, endlich auf. In vorgerückter Stunde fuhr man nach Hause. Lucie stellte stch schlafend während der Fahrt, und als sie nach Hause gekommen waren, wollte sie sich mit flüchtigem Gutenachtgruß von der Schwester rtenncn. Lenore hielt sie am Arm zurück. Du fragst mich mit keinem Wort, wie Dein Hcld mir gefallen hat," sagte sie. Lucie sah die Schwester an, und wieder war es ein merkwürdig fremder, kalter Blick. Das brauche ich nicht erst zu fragen. Du hast - es deutlich genug gezeigt." Starr vor Erstaunen faßte Lenore nach ihrer Hand: Ich? Was habe ich gezeigt?" Na, daß er Dir gefiel ... Du warst unendlich liebenswürdig gegen ihn," sagte Lucie mit Nachdruck und zwang sich zu einem Lächeln. Doch ihre Mundwinkel bebten nervös. Mein Gott, Kind ... Ich war's Deinetwegen. Aber alles das ist ja blanker Unsinn. Du wirst doch nicht auf Deine Schwester eiftrsüchtig sein?" Mit einem heftigen Ruck riß Lucie die Hand aus der ihren. Nein!" stieß sie heraus. Ich bin nicht eifersüchtig. Er ist mir vollkommen gleichgiltia. Aber schön war es doch nicht von Dir, Lenore. Dir huldigt alle Welt und mir niemand. Du hättest nicht gerade mit diesem einen so... so herausfordernd zu kokettiren brauchen!" Lenore war nahe daran, hellauf zu lachen. Aber das erregte, fieberisch geröthete Gesicht der jungen Schwester bestimmte sie, den Lachreiz zu unterdrücken. Du weißt nicht, was Du redest. Lucie," sagte sie ernst. Ich weiß es ganz genau," versetzte Lucie voll Bitterkeit. Geh zu Bett und verschlafe Dein Fieber," fuhr Lenore gütig fort. Morgen wirst Du alles mit andern Augen sehen." Sie wollte sie auf die Stirn küssen; doch Lucie wich dem Kuß aus. Gute Nacht," sagte sie frostig und ging aus dem Zimmer. Nachdenklich blickte Lenore ihr nach. Da5 habe ich gut gemacht!" sagte sie sich. . In den folgenden Tagen wurde über Herrn von Radwill und alles, was mit ihm zusammenhing, von beiden Schwestern hartnäckiges, gleichsam zuwartendes Stillschweigen beobachtet. Lucie schwieg überhaupt. Sie fühlte sich im Recht. Die Schwester hatte unschön und unzroßmüthig gehandelt; hatte ihr den Künstler einfach weggenommen. Daß sie Lucie den jungen Herrn niemals besessen, wollte die Kleine sich nicht eingcstehen. Wenn ihr dieser Eed:n!e kam und er kam ihr häufiger und eindringlicher, als ihr lieb war bemühte sie sich, ihn von sich zu fchieben als etwas ihr überaus Lästiges und ste Demüthigendes. Gegen Lenore blieb sie kalt und ablehnend. Und ich habe sie doch so unaussprechlich geliebt!" sagte sie sicb manchmal. Und wie hat sie diese Liebe gelohnt!" Sie gefiel sich darin, in ihrem Leid zu wühlen und sich vorzuhalten, wie namenlos unschwesternch die Schwester an ihn gehandelt... . Lenore aber hatte eine kurze Unterredung mit ihrer Mutter und drni noch eine längere mit Vater und Mutter. Als die Besprechung zu Ende war, rief sie die Kleine zu sich in's Zimmer. Wie Du weißt, reise ich morgen wieder ab, Lucie," sagte sie. Ja, ich weiß es." antwortete Lucie scheinbar gleichgiltig. Im Herzen aber spürte sie doch einen leisen Stich. Jede kurze Anwesenheit der Schwester war sonst ein Fest gewesen. Und diesmal... Ich habe eine wundervolle Reise vor," sprach Lenore weiter. Gehenach

Venedig. Verona. Mailand, Florenz . . ." Ja. das mag ganz ang:nehm sein fiel Lucie noch gleichziltiger ein. Lenore trat auf sie zu und umspannte ihre schmale Taille: Möchtest Du mitkommen?" Die K.'eine wich zurück und riß die Augen auf; wurde zuerst roth, dann blaß, dann wieder roth... Nach Italien?" fragte sie stammclnd. Mit Dir? Aber ich habe ja gar kein Geld, Lenore!" Versteht sich, auf meine Kosten." erwiderte diese lachend. Ich stelle es mir schön vor, mit Dir zu reisen, Dir einiges von der Welt zu zeigen . . ." ,.Jch auch," stotterte das Kind wie beschämt. Aber Vater wird es nicht erlauben!" Doch. Ich habe soeben mit den Eltern gesprochen. Sie geben uns ihren Segen dazu." Aber "ich habe keine Reisetoilette, keinen Koffer..." Wird alles heute noch besorgt. Wir wollen den ganzen Tag Einkäufe machen, Lucie. Es soll Dir an nichts fehlen." Lucie besann sich. Sollte sie in der Rolle der Tiefgekränkten verharren und nein sagen? Auf die herrliche Reise verzichten, und hier bleiben und weiter grollen? Das Schwanken währte nicht lange. Ich danke Dir, Lenore." sagte sie mit ihrer alten kindlichen Herrlichkeit. Jcn reye mit Mr. wenn lüu nn mitnimmst." Also abgemacht," sagte Lenore und küßte sie auf die Stirn. Und die Schwestern brachen auf. um die nöthigen Einkäufe zur Reise zu besorgen. Beim Nachhausekommen strahlte Lucie. Herrliche Dinge waren eingekauft worden. Und dann beim Packen ihres Koffers und ihrer Handtasche trällerte ste ununterbrochen. Und als sie am nächsten Tag wegfuhr mit der Schwester, lachte sie vor Glück. Als Lucie am Morgen nach der Fahrt das Meer erblickte, schrie sie auf vor Entzücken. Und als sie in Venedig auf dem Marlusplatz stand, wurde ihr ganz eigen zumuthe. So andächtig wie in einer Kirche. Und Plötzlich fiel ihr etwas ein: etwas ste Belästigendes und Beschämendes. Herr von Radwill mit seinen langen Haaren und Händen. Und wie er das Klavier malträtirt hatte, daß sogar eine Saite zersprang. Und daß sie sich eingebildet hatte . . . Ja, hatte sie sich denn wirklich einbilden können, den fremden, gleichgiltigen Menschen zu lieben?" Einen, der sich nichts aus ihr machte. Der mit ihr blos geredet hatte, weil sie di' kleine Schwester einer großen Sängerin war! Und darüber hatte sie sich wirklich kränken können? Und was schlimmer war der geliebten Schwester zürnen können? Weil Lenore. ihr zu Gefallen, zu dem eitlen Lassen nett gewesen war! Ja. es hatte nicht viel gefehlt, und sie hätte die Schwester dieser lächerlichen Geschichte wegen ge6ie drängte sich an die Schwester und sah zu ihr auf: bittend, zärtlich, beschämt und reuig. Alles zugleich. Du. Lenore..." Was denn. Kind?" Du sollst mir verzeihen..." Schmeichelnd stahl sich die kleine Hand in die Hand der Schwester. Ich war schrecklich dumm." Lenore umschloß die kleine Hand mit festem Druck. Kein Wort mehr duvon, Kind. Das haben wir in Wien gelassen. Hier aber steht nichts mehr , zwischen uns. nicht wahr? Und wir haben genug aneinander und an Venedig?" Ja, Lenore." Und mit einem glücklichen, gleichsam, erlösten Lächeln um den frohen, jungen Mund trabte ste lustig und beruhigt weiter an der Hand der großen Schwester. Das britische Kapital, das an der Erdölindustrie in Ba?u (am Kaspisee) betheiligt ist, soll sich auf $30,000,000 belaufen. Dem Eisenbahnbau im Namti-Thal in China fallen 70 Prozent der Gesammtanzahl der beschäfUzten Arbeiter zum Opfer. Ein Patent für Papierw e st e n, die nur vier Cents kosten und wärmer halten sollen als wollene, ist in der Schweiz bewilligt worden. Londoner Hausirer verschaffen sich durch den Verkauf von grünen amerikanischen Vaumfröschen" zu 65 Cents das Stück ein gutes Einkommen. Wenn die Farbe abgeht, entpuppen sich die Thierchen als ganz gewohnliche englische Frösche. Der Spanier lebt durchschnittlich nur zwei Drittel so lange wie der Norweger.- Die mittlere Lebensdauer beträgt in Norwegen 50 Jahre, in England 45, in Belgien 44, in der Schweiz 44, in Flankreich 43, in Deutschland. Oesterreich und Italien 39 (in Bayern nur 36) und in Spanien 32 Jahre. Einen G r a b st e t n , der von Neliquien-Jägern zerstückelt wird, hat die Stadt Conway, England, aufzuweisen. Der Grabstein übt auf das reisende Publikum wegen seiner BeZiehung zu Wordsworths Gedicht: Me are Seven" eine außergewöhnliche Anziehungskraft aus, und da alle Besucher des Grabes ein Stückchen von dem Stein abschlagen und als Andenken mitnehmen, dürfte von dem be-

rühmten Grabstein in Bälde nichts" rnebr übria bleiben.