Indiana Tribüne, Volume 30, Number 100, Indianapolis, Marion County, 18 December 1906 — Page 6
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Europaischc Nachrichten.
Frovtnz Ostpreußen. Königsberg. Der a. o. Professor für Psychiatrie an der hiesigen Universität Dr. Ernst Meyer wurde zum o. Professor ernannt. Awiszen. Der Lehrer em. Brandis, der über vier Jahrzehnte die hiesige einklassige Schulstelle ver-tvalt-ete und dann aus unserem Kreis verzogen ist. feierte kürzlich mit seiner Gattin das Fest seiner goldenen Hochzeit. Beide Eheleute sind noch sehr rüstig. knsterbura. ?siif dem kiesi gen Bahnhöfe kam der Nangirer Bonk zu Fall- und wurde von emem lnren Wagen überfahren. Schwer verletzt wurde er in's Kreiskrankenblus gebracht, wo er starb. Korschen. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich letztens auf dem hiesigen Bahnhof. Beim Ausladen eines schweren eisernen Trägers aus einem Eisenbahngüterwagen verlor der Arbeiter Fittkau aus Rössel das Gleichgewicht und stürzte kopfüber auf das Steinpflaster herunter. Dabei zog er sich so schwere Verletzungen am Kopfe zu, daß der Verunglückte kurze Zeit darauf bei dem Transport nach Rössel verstarb. Lötzen. Auf eine 50jährige ununterbrochene Thätigkeit als Kaufmann und Rathmann konnte unlängst der Ehrenbürger Rentier T. O. Becker zurückblicken. N o r u t s ch a t s ch e n. Die pensionirten Bahnwärter Steinwaller'schen Eheleute begingen kürzlich das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Die kirchlische Einsegnung des Paares fand in der Wohnung desselben durch den Divisionspfarrer Franke statt. Osterode. Vor kurzem wurde auf dem hiesigen Bahnhof der Wagenaufschreiber Gustav Faltin von der Maschine eines einfahrenden Güterzuges gefaßt und schwer an Bein, Fuß und Kopf verletzt. Im Krankenhause, in das der Verunglückte gebracht worden war, verstarb der erst 20jährige schon nach kurzer Zeit, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Faltin sollte demnächst zum Militär eintreten. N o ß b e r g. Ein Jagdunglück, das ein Menschenleben forderte, hat sich vor kurzem hier ereignet. Dem Besitzer Johnigk verasgte auf der Jagd das Gewehr den Dienst. Als er es dieserhalb untersuchte, ging plötzlich ein Schuß los und traf Johnigk in das Bein. Jedenfalls hat die Kugel eine Schlagader getrofftn, denn eS ergoß sich sofort ein starker Blutstrom, den die Jagdgenossen trotz aller Mühe nicht zu stillen vermochten. Kaum nach Hause gebracht, verschied Jobnigk in den Armen seiner Frau. Er war 51 Jahre alt and hinterläßt noch sechs unerzogene Kinder. Tilsit. Die Kaufmannswittwe Elfert, deren Ehemann vor einiger Zeit in der Irrenanstalt Allenbürg verstarb, hat aus Verzweiflung ihrem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht. Provinz Westpreuße,. Danzig. Ein Liebespaar, der Drogist Fritz Ehrlich und die Schneiderin Margarete Riemann von hier, deren Verheiratung auf Hindernisse gestoßen war, beschlossen, gemeinsam in den Tod zu gehen. Sie nahmen Morphium und öffneten sich die Pulsadern. Beide wurden noch lebend aufgefunden und in's Stadtlazarett gebracht. F l a t o w. Die Schneidermeisier Teschkeschen Eheleute feierten vor kurzem das Fest der diamantenen Hochzeit. Von einzelnen Körperschaften wurden dem Jubelpaare Ehrengeschenke überreicht. Die Handelskammer zu Danzig ließ ihm durch den hiesigen Magistrat den EhrenMeisterbrief einhändigen. Groß-Plowenz. An PilzVergiftung gestorben ist hier der ältesie Sohn des Maurers Egert. Seine jüngeren Geschwister im Alter von neun bis elf Jahren, die auch von den giftigen Pilzen gegessen hatten, konnten gerettet werden. Küchwerder. Rentier August Henning stierte vor kurzem das Fest der goldenen Hochzeit. Bei der kirchlichen Trauung wurde dem Jubelpaare durch Pfarrer Hankwitz die Ehejubiläumsmedaille überreicht. Kulm. Ein Unglücksfall ereignete sich letztens in der Familie des Drogeriebesitzers A. Krepke hier. Das älteste 3.jährige Töchterchen des Kerpke fiel in ein am Boden stehendes Gefäß mit kochendem Wasser. Trotz sofortiger herbeigeholter ärztlicher Hilfe ist das Kind gestorben. Marienburg. Feuer zerstörte hier das Speichergebäude des Kaufmanns Scharnetzki. Verbrannt sind namentlick große Getreidevorräthe, landwirihschaftliche Maschinen, Heu, Stroh, Cement u. s. w. Auch kamen 50 Hühner in den Flammen um. wahrend die Pferde mit knapper Noth gerettet werden konnten. Der Gesammtschaden beträgt ca. 30,000 Mark, der glücklicherweise in der Hauptsache durch Versicherung gedeckt ist. Schönlanke. In der Nähe von hier wurde der Hilfsbahnwärter Wilhelm Karp von einem D-Zuge getodtet. Der etwa 50jährige Mann
war zu strengerer Streckenbewachnng für den hier vorüberfahrenden Kaiserzug bestimmt und überschritt nachdem diese? durchgefahren war. das Nebengeleise, auf dem der DZug in dem gleichen Augenblicke herankm. T h o r n. Letztens kaufte sich der Flößer Theodor Streib aus Rußland einen Revolver und erhielt eine Patrone gratis, weil er kein weiter Geld hatte. Dann fuhr er auf seine Traft. Sein Genosse, der Flößer Jezna, war neugierig und verlangte den Revolver zu sehen. Da Streib ihn nicht zeigte, griff er nach dem mit der Patrone geladenen Revolver, den Streib in sein Taschentuch eingc-
! wickelt hatte. Es entstand nun ein Ringen zwischen beiden, im Verlaufe dessen wohl einer von beiden an den Abzug des Revolvers gekommen ist. Der Schuß entlud sich, streifte den Streib an der Hand und drang dem Jezna -in den Unterleib. Jezna erlag alsbald im Krankenhause den Verletzungen. Frovinz sommern. i Stettin. Erhängt hat sich auf dem Boden des Hauses Augustastraße 12 die 16 Jahre alte Meta Neumann, die dort bei einem Milchhändler diente. A h l b e ck. Hier ist vor kurzem Geh. Justizrath Julius Fritze im hohen Alter von 86 Jahren verschieden. Dramburg.' Oberlehrer Professor König, der viele Jahre an dem hiesigen Gymnasium gewirkt, trat unlängst in den Ruhestand. Die Gymnasiasten veranstalteten zu Ehren des Scheidenden einen Fackelzug. Frauendorf. Der Arbeiter Albert Gill hier, Bergstraße wohnhaft, wurde in einer Kammer seiner Wohnung erhängt aufgefunden. Krankheit und der vor einiger Zeit erfolgte Tod seiner Lebensgefährtin hatten den alleinstehenden Mann schwermüthig gemacht und zu der unseligen That getrieben. Greifswald. Geh. Reg.Rath Prof. Aug. Preuner ist gestorben. Preuner wurde 1832 zu Oehringen (Württemberg) geboren; 1866 wurde er außerordentlicher Professor der Archäologie und Geschichte des des klassischen Alterthums Hierselbst. Köslin. Der der hiesigen Stadtschule 44 Jahre thätig gewesene Lehrer Vehlow, der infolge nachgesuchter Pensionirung seit dem 1. Juli dieses Jahres beurlaubt rft, wurde dieser Tage endgiltig aus dem Schuldienste vom Rektor Finck verabschiedet. Stolp. Zwischen den Puffern zu Tode gequetscht wurde auf dem hiesigen Staatsbahnhof der Rangirarbeiter Vorbau. Im Rangirdienst beim Ankuppeln eines Waggons ereignete sich das entsetzliche Unglück. Zinnowitz. Infolge plötzlich eintretenden Wirbelwindes kenterte in der Nähe von hier ein Fischerboot. Zempiner Fischer, welche den Vorgang beobachtet hatten, eilten sofort zur Hilfeleistung, konnten aber, da die Entfernung ziemlich weit war, keine Spur von dem Boot mehr entdecken. Wie festgestellt, stammt das Boot aus Hammelstall. Die beiden Insassen, die Gebrüder Lühder von dort, sind ertrunken. Frovinz Schteswig-Korstein. Schleswig. Verliehen wurde: Dem emeritirten Pastor Christian Fengler zu Wandsbek der Rothe Adlerorden 4. Klasse, dem Sattler Bang und dem Schlosser Fehrmann zu Neumünster, dem Schrankenwärter Rickenberg zu Tönning, dem Bahnarbeiter Hansen zu Flensburg das Allgemeine Ehrenzeichen. Altona. Am Nobisthor spielte sich unlängst ein geheimnißvolles, blutiges Drama ab. Der Kommis Spahrmann hatte das in der Neuenbürg gelegene Restaurant Caf6 Stern besucht. Als er die Wirthschaft verließ und in eine vor der Thür haltende Droschke gestiegen war. rief ihm Jemand etwas zu. Der junge Mensch stieg noch einmal aus dem Wagen heraus; in diesem Augenblick stürzte sich ein Mann auf ihn, der ihm mit einem Messer einen tiefen Stich unterhalb des linken Ohres bis zum Hals hcrunter beibrachte. Das Messer verletzte die Schlagader, so daß der Getroffene lebensgefährlich verletzt wurde. Der später verhaftete Thäter, ein in Hambürg wohnender Kellner Namens Fabricius, weigerte sich, irgend welche Angaben über, die Veranlassung der blutigen That zu machen. ' Flensburg. Ein Großfeuer, durch das leider ein Menschenleben vrnichtet wurde, kam letztens in der Megelftein- und Schamotte - Fabrik von Hans Jordt zum Ausbruch. Die erst im Vorjahre neu aufgeführte Fabrik bildete vorher schon den Herd eines kleinen Feuers im AnHeizofen. Der Werkführer beauftragte deshalb den Arbeiter Jacobs, ein erneutes Feuer sofort im Keime zu ersticken. Später gingen sämmtliche Arbeiter bis auf den alten Jacobs, der dort sein Mittaaessen weaen der weiten Entfernung seiner Wo-Hmmg einzunehmen Pflegte, fort. Bald daraus ist dann das Feuer wieder zum Ausbruch gekommen, der Alte hat voraussichtlich versucht, von dem Kessel Wasser in einem Eimer an die Brandstätte zu schaffen, ist aber während der Ausübung dieser Thätigkeit von dem Rauch bereits erstickt ivoroen.
Fleischnoth in Sachsen.
Beunruhigung darüber in allen Kreisen. Verdammung der AgrarPolitik. Die sozialistischen Reihen werden gestärkt. Ein trübes Zukunftsbild. Dresden. 1. Dez. 1906. Es ist falsch, wenn man sagt, daß die gesammte ärmere Bevölkerung von den hohen Fleischpreisen betroffen werde. Bei uns in Sachsen gibt es Arbeitergruppen, die der Fleischnoth ziemlich gleichgültig gegenüberstehen. Sie können sich nämlich auch bei normalen Preisen kein Fleisch kaufen. Es berührt sie kaum, ob das Pfund Rindfleisch eine Mark oder die Hälfte kostet! Ihr Einkommen reicht nur knapp für Brot und Kartoffeln. Allerdings sind sie mittelbar interessirt, da sie auch Fett kaufen, und durch die hohen Preise für Rind, Schwein, Kalb und Hammel selbst das Pferdefleisch in die Höhe getrieben ist. Diese wenig Interesstrten sind die armen Sklaven gewisser Hausindustrien. Sie fronden mit Wrib und Kind oft bis tief in die Nacht hinein und können doch nur mit genauer Noth ihr Leben fristen. Sie und die reichen Leute sehen bei uns die Preise für gutes Fleisch also mit Gelassenheit zu immer phantastischerer Höhe steigen. Aber alles, was zwischen der ärmsten und der reichen Schicht liegt, ist heute erbittert, aufgeregt und empört über eine Politik, die den gröbsten Gegensatz zu jedem sozia len Empfinden bildet. Natürlich sind unsere Agrarier dabei ausgeschlossen. Die Fleischpreise sind gegenwärtig überall in Sachsen nicht nur in den Großstädten, sondern auch in Mittelstädten und selbst in den Dörfern so hoch, daß auch der bürgerliche Mittelstand von ihnen empfindlich getroffen wird. Er hat von der günstigen industriellen Konjunktur nicht überall Vortheil; im Kleingewerbe hat er schwerer zu kämpfen als mancher Arbeiter. Jede Vertheuerung der Lebenshaltung bedeutet auch für ihn eine Verschlechterung der Lebenshaltung. In ganz ähnlicher Lage befinden sich die gegen festes Gehalt Angestellten, und zwar nicht nur die Unterstufen, sondern bis in die höheren Grade des Beamtenthums hinein. Für viele von ihnen ist die Fleischnoth der harte Anstoß, sich zum ersten Male ernstlich mit Politik zu beschäftigen, sich einmal klar zu machen, auf welche Ursachen denn die gegenwärtige Theuerung eigentlich zurückzuführen ist. Das Ergebniß ist keine Schmeichelei 'für unsere agrarische Wirthschaftspolitik. Ihre Nutznießer können sich beglückwünschen, daß wir in nächster Zeit keine ReichstagsWahlen und in Deutschland ein kurzes Gedächtniß selbst für schwerste Sünden wider das Gemeinwohl haben. So mag wohl mancher, der heute grimmig die Faust ballt, bis zur nächsten Reichstagswahl wieder im alten Tritt gehen, aber das öffentliche Vertrauen ist durch diese ganze Politik doch tief erschüttert, daß ihre Spuren auch im Bürgcrthum wohl schwerlich wieder zu tilgen sind. Die arbeitende Bevölkerung wird durch eine derartige Politik natürlich wie mit Peitschenhieben dem politischen Radikalismus zugetrieben. In diesen Kreisen darf man heute nicht davon sprechen, daß der Staat auch ihr Wohl will. Die Gegensätze haben sich unter dem Einfluß dieser Politik in Sachsen immer mehr verschärft. Wir haben noch starke Gruppen nichtsozialdemokrattscher Arbeiter; k'önigstreue M'änner. die eine Besserung ihrer Wirthschaftlichen Lage von dem Gegenwartsstaate erwarteten. Ist es nicht ganz natürlich, wenn auch ihr Vertrauen schwindet, wenn diese Gruppen immer mehr abbröckeln, und wenn sie schließlich mit dem Stimmzettel dem Staat und deu Parteien heimzahlen, was beide durch die künstliche Vertheuerung der nothwendigsten Lebensmittel ihnen ai-gethan haben? Auch die Arbeiter, welche bisher nicht der Sozialdemokratie angehörten, werden durch diese Vertheuerung geradezu gezwungen,-mit ihr gemeinsame Sache zu macbn. Sie können bei den gegen wältigen hohen Lebensmittelpreisen ihre Lebenshaltung nur auf einer erträglichen Höhe halten, wenn sie eine Steigerung der Löhne durchsetzen. Das ist ihnen aber nur möglich, wenn sie mit den von der Sozialdemokratie beeinflußten starken Verufsorganisationen gemeinsam dorgehen. Ein Beispiel bieten heute die Bergarbeiter; auch in Sachsen. So wird der Raum zwischen der Sozialdemokratie und ihren Gegnern in derArbeiterschaft im mer enger; die unsoziale Politik der Regierung und der herrschenden Partci;n treibt sie zusammen. Diese Arkung des überagrarischen Geistes der Gegenwart ist um so mehr zu bedauern, da sie den Einfluß starker sozialer Bcstrebungen, die darauf gerichtet nd. das Vertrauen der Arbeiter dem modernen Staate zurückzugewinnen, fast vernichtet. Unendliche Arbeit auf sozialem Gebiet ist nach dieser Richtung umsonst geleistet, weil jene unsoziale Politik mit ihrer Selbstsucht und Verständnißlosigkeit zahllose zarte Keime niedertrat. Vielleicht sind solche Bewegungen auch den Bestrebungen nicht gan fremd, die sich seit kurzer Zeit überall in Sachsen zur Linderung der Fleisch noth regen. Zahllose Gemeinden ha ben sich zu diesem Zwecke in den letz ten Monaten mit Petitionen und Re
solutionen an die Reichsregierung und an die sächsische Regierung gewandt; viele von ihnen bewilligten ihren Beamten und Angestellten Theuerungszulagen, andere haben den Versuch gemacht. Fische im Großen zu beziehen und wohlfeil an die ärmere Bevölkerung abzugeben. Auch die Industriellen rühren sich. Sie fürchten mit Recht, daß hinter der Theuerung der Streik steht, und es wird ihnen schwer, beträchtliche Lohnerhöhungen zu verweigern, die in der Vertheuerung der Lebenshaltung begründet sind. Und doch ist das vielfach thatsächlich nicht möglich, da troZ der im Allgemeinen reichlichen Beschäftigung der Waarenpreis auf das znaueste kalkulir und eine Erhöhung auch nur um wenige Prozent in den meisten Industriezweigen ausgeschlossen ist oder uns wenigstens einen Theil unseres Absatzes kosten. Dabei hat kaum ein Industrieller in Sachsen zu der heutigen Konjunktur Vertrauen. Man fürchtet, daß der Rückschlag plötzlich und empfindlich kommen wird. Dann würden sicb die Wirkungen unserer ungünstigen Handelsverträge und die Vertheuerung der nothwendigsten Nahrungsmittel erst im vollenUmfange und als ein schweres wirtschaftliches ' v r-.iTi.f :i:r.-3 m y." j .n.". unu Ujluif uuujUj'ta uuyiuu yriiciu machen. Auch in sächsischen industriellen Kreisen verlangt man daher heute so zum Beispiel der Verband sächsischer Industrieller energisch eine Verbilligung der nothwendigsten Nahrungsmittel. Man verwirft bei uns nirgends die kleinen Maßregeln wie Frachtvergünstigungen für Schlachtvieh und frisches Fleisch, fordert aber nachdrücklich neben ihnen jene Maßregel, die allein wirklich helfen könne, und als solche betrachtet man lediglich die weitere Oeffnung der Grenzen und eine wenigstens vorübergehende Beseitigung der hohen Fleisch- und Viehzölle. Schweden und das Ausland. . 0 Stockholm, im November. Immer deutlicher erkennt man es: die Auflösung der schwedifch-norwegi-schen Union leitet eine hochbedeutsame Epoche in der Geschichte des europäischen Nordens ein. Nicht nur das Verhältniß der skandinavischen Länder untereinander ist ein anderes geworden, sondern die beiden Staaten vcrfolgen auch in ihren Beziehungen zum übrigen Auslande vielfach neue Spuren. Von norwegischer Seite aus hat man die Auflösung der Union zwischen Schweden und Norwegen lediglich als einen vorbereitenden Schritt zur Einigung aller nordischen Länder darzustellen versucht; erst, wenn Norwegen von den Banden Schwedens befreit fei und von einem eigenen unabhängigen Könige regiert werde, siehe es im Range der Staaten seinen beiden n'ordischen Nachbarn gleich, und erst dadurch werde die Grundlage geschaffen sein für einen freiwilligen Zusammenschluß Schwedens. Norwegens und Dänemarks. Bisher aber hat es nicht den Anschein, als ob die etwas gemaltsame Trennung Norwegens von Schweden wirken sollte wie eine Opcration, die den kränkelnden Skandinavismus zur Gesundung und zu neuer Blüthe führen könnte. Die Kluft zwifchen Schweden und Norwegen ist zu tief und erscheint einstweilen kaum überbrückbar. Und daneben hat Dänemarks Haltung während der Krise mit Recht oder Unrecht Schweden mit einem vorläufig ebenfalls unüberwindbaren Mißtrauen gegen das Jnselreich erfüllt. Schweden zieht sich mehr und mehr sowohl von Norwegen wie von Dänemark zurück, es sammelt mit äußerster Kraftanstrcngung seine eigene Energie, um im Norden unabhängig dazustehen, und es steht im Begriffe, sich nach anderen, größeren Verbindungen umzusehen. So hat man die merkwürdige Erscheinung, daß aus derKrise weniger Norwegen als vielmehr Schwcden in neuer Gestalt hervorgeht. Die schwedische Ablehnung intimerer Beziehungen zu den nordischen Nachbarn ist ein sehr beachtenswerthes Moment in der neueren skandinavischen Politik. Es erklärt sich diese Haltung Schwedens einerseits aus dem Charakter der Krise des Jahres 1905 und nicht minder aus der schwedischen Eigenart. Man mag die Vorgänge der Unionsauflösung drehen und wenden, wie man immer will, die Trennung Norwegens von Schweden in dieser Form mußte Schweden tief verletzen, und es ist nur natürlich, daß man am Mälar keine Neigung hat, dem Norweger die Hand zu reichen. Ein starkes schwedisches Bewußtsein nationaler Würde läßt das nicht zu und Generahonen durften darüber kommen und gehen, bevor der Schwede den Norweger als vollwcrthig gelten lassen wird. Es ist das ja nur eine Fortsetzung der schwedischen Haltung aus der Zeit der Union, in 'der Norwegen vom ersten bis zum letzten Tage einen untergeordneten Rang einnahm. Die Uebcrlegenheit Schwedens auf manchen Gebieten läßt sich ja auch in der That nicht lcugnen. Trotzdem aber scheint diese zuweilen recht krasse Ueberhebung aus einer bcdenklichcn Schwäche des schwedischen Charakters zu stammen, die früher oder später ihre Folgen nach sich ziehen muß. Die ruhmvolle Geschichte Schwedens, die großen Anlagen des Volkes und die reichen Entwickelungsm'öglichleiten des Landes in allen Ehren, aber auch Schweden ist keine Macht mehr, die besondere Aussichten hatte, je eine größere geschichtliche Rolle zu spielen.
Interessant ist auch die Abneigung Schwedens gegen Dänemark. Daß ein dänischer Prinz König Oskars Nachfolger auf dem Throne Norwegens wurde, kann vernünftigerweise Schweden nicht dauernd gegen Dänemark verstimmen. Die Ursache der Entfremdung ist 'denn auch eine wesentlich andere. Das dänische Volk ist dem schwedischen intellektuell nicht wenig überlegen, und in seinem Erwerbsleben wußte es Schweden geschickt als das große und reiche Hinterland"' der dänischen Hauptstadt zu benutzen, die sich allmählich zur wirthschaftlichen Zentrale des ganzen Nordens emporgeschwungen hat. Der Kopenhagener Großhandel arbeitete bisher in der That mehr mit Schweden und Norwegen als mit den dänischen Provinzen. In Schweden hat man dieses Mißverhöltniß lange eingesehen, und man ist jetzt entschlossen, diesem Zustand ein Ende zu machen. Auf den verschiedenen Gebieten sind neuerdings in Schweden Bestrebungen zu erkennen, die darauf hinausgehen,' den dänischen Vermittler auszuschalten. Besitzt man in Schweden hierzu die nöthige Energie, so wird Dänemark den .Schaden recht schwer fühlen. Aber der Wettlauf kann noch recht lange dauern, denn die Dänen sind eine unternehmungslustige Nation von überlegener moderner Weltbildung. Unter diesen Umständen ist es nur natürlich, daß Dänemark mit Eifer daran arbeitet, das verstimmte schw:dlsche Brudervolk" mit seinem nächsten Nachbarn auszusöhnen. Der neue König von J)änemark ist in dieser Dichtung unermüdlich, und niemals floß in Kopenhagen so viel Champagner zu Ehren 'der Schweden als g:rade gegenwärtig. Man rechnet von dieser Seite mit der altbekannten schwedischen Eitelkeit, aber es hat vorläufig noch den Anschein, als ob -Herr Sörensen am Sund" die Rechnung ohne den Wirth machen sollte. Schweden weist immer noch die Verbindung mit Dänemark ab. und der Däne sieht sein schönes Agentengeschäft in Gefahr. Zahlreiche interskandinavische Veranstaltungen, wie sie früher zur Tagesordnung gehörten, scheitern jetzt an dem Widerstande Schwedens. Die Heirath des schwedischen ErbPrinzen mit einer englischen Prinzessin und andere Begebenheiten schienen vorübergehend in Schweden ein stärkeres Interesse für Großbritannien entfachen zu wollen, und man erzählt sich, daß allerlei Pläne zu hochbedeutsamen Verbindungen Schwedens mit England in ersten Kreisen diskutirt worden sind. Aber diese Schwärmerei dürfte nunmehr überstanden sein; vielleicht entdeckte man inzwischen, daß man hierbei ja lediglich einen Wettlauf mit Norwegen, dem alten Feinde, etabliren werde. . . Ernster richtet man in Schweden neuerdings jedenfalls sein Auge auf das nahe Deutschland. Schweden und Deutschland haben nicht wenige Parallelen aufzuweisen, und gute Beziehungen zu Teutschland galten den Politikern am Mälar stets als das erste Gebot. Im gegenwärtigen Augenblick sind besonders beachtenswerth die von Schweden ausgehenden Bestrebungen zur Errichtung neuer Verkehrsverbindungen mit Deutschland. So plant man nach dem Vorbilde Gjedser - Warnemünde eine Dampffährenverbindung zwischen der schwedischen und der deutschen Küste; man will auf diese Weise die Verbin-' dung mit Deutschland erleichtern, vor allen Dingen aber dadurch auch die alte Verbindung über Kopenhagen überflüssig machen. Die natürlichen Verhältnisse lassen es indessen zweifelhaft erscheinen, ob das. Vorhaben ganz gelingt; jedenfalls wird es dazu bedeutender Anstrengungen bedürfen, die zu leisten man indessen willig zu sein scheint, nachdem einmal die Parole -Los von Dänemark!" abgegeben ist. In Deutschland hat man alle Veranlassung, der auswärtigen Pzlitik Schwedens zukünftig ein erhöhtes Interesse zuzuwenden. Die Freundschaft Schwedens kann dem Deutschen Reiche in mancher Hinsicht außerordentlich werthvoll sein. Schweden ist ein von Natur reiches Land mit einer stark konsumirenden Bevölkerung, und der schwedische Staat geht einer militärischen Entwickelung entgegen, die unter den gegebenen Umständen imponiren muß.
Ctn deutscher Kreuzer in Calcutta. Am 5. November ist der deutsche Kreuzer -Leipzia" nach achttägigem Aufenthalt von Calcutta nach dem Osten weneraeaanaen. Cal cutta liest etwas abseits von der aroßen Verkehrsstraße nach China und deutsche Kriegsschiffe kommen daher nicht häufig dorthin. Ein Besuch eines solchen ist der dortigen deutschen Kolonie daher stets sehr willkommen und Kapitän von Rothkirch und Panthen und seine Offiziere wurden aufs Wärmste von ihren dortigen Landsleuten empfangen. Auch die Mannschaft wurde im botanischen Garten lewirthet. Leider war das Wetter wehrend der meisten Zeit des Aufenthalts nicht günstig, Regen und schwüle Hitze, was erst in den letzten zwei Tagen sich besserte. Auch seitens der städtischen Behörde und der - englischen Kaufmannschaft war der Empfang, in Abwesenheit der englischen Regierung, die noch in Simla weilt, ein recht freundlicher. Es wurde ein Festessen gegeben, zu dem der Kapitän und einige Offiziere, sowie Vertreter der. dortigen deutschen Kaufleute geladen waren.
