Indiana Tribüne, Volume 30, Number 99, Indianapolis, Marion County, 17 December 1906 — Page 6
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Europäische Nachrichten.
Provinz Wrandenburg. Berlin. Als Leiche gelandet wurde letztens in dem nahen Kopenick unweit der Kläranlage die Vertäuferin Elfe Rappoldt von hier. Was die Selbstmörderin in den Tod getrieben hat, ist unbekannt. Ihr 50jähriges Bestehen fc'erte vor kurzem die Mrma Charles Comvar. Kommandantenstraße 21. Metallschablonen- und Stempelsadnk. Bor kurzem entdeckten Bewohner des Hauses Dolldorfer Straße 15, daß die dort wohnende 56 Jahre alte Arbeiterfrau Charlotte Nemack, die schon seit einiger Zeit schwer nerven-krank-war, ihre 13 Jahre alte Tochter und dann sich selbst aufgehängt hatte. Sein 23jähriges Staatsdienst - Jubiläum beging kürzlich der Schleusenmeister Albert Wendt. der seit einer Reihe von Jahren an der Mühlendamm - Schleuse angestellt ist. Beim Spielen ertrunken ist das 4jährige Töchterchen Ella des Schiffseiaenthümers Schüff aus der Wrangelstraße 62. Bor kurzem becrrng der Ober-Postschassner Georg Hodler sein 2öjähriges Post-Dienst-jubiläum. In einem Anfall von Geistesgestörtheit hat der 43 Jahre alte Kapitän z. S. von Levetzow, der Kommandant des Schiffes Kurfürst Friedrich Wilhelm". Hand an sich gelegt. v. Levetzow. der in Kiel wohnte, hielt sich vorübergehend in der Bülow Straße auf. Gram über die Krankheit seiner Gattin, die sich in einem Sanatorium befindet, hat ihn selbst krank gemacht. Er erschoß sich in der Wohnung mit einem Jagdgewehr. Kürzlich feierte der BahnHofswirth Heinrich Köhler vom Görlitzer Bahnhof, der auch dem GastWirthe - Verein und der GastwirtheInnung seit Jahren angehört, sein 25jähriges Geschäftsjubiläum. Goldene Hochzeit beging vor kurzem das Ehepaar Rehpfennig, Alte Schönhauser Straße 3637. Der Mann ist 75 Jahre alt und seit einigen Jahren leidend, die Frau 73 Jahre und körperlich und geistig gefund. Im Thiergarten erschossen hat sich der 24 Jahre alte, aus Zellendorf gebürtige Bankbeamte WilHelm Dehnt, der in der Melanchthonsiraße 8 wohnte. Die Veranlassung zu dem Selbstmord ist .nicht bekannt. Vergiftet hat sich vor kurzem die 46 Jahre alte Zahnkünstlerin Katharina Hahn in ihrer Wohnung am Magdeburger Platz 1. Sie'war bei mehreren Geschäftsleuten in drückende Schulden gerathen und hatte auch keine Miethe mehr bezahlt. C h a r l 0 t t e n b u rg. Selbstmord durch Erschießen verübte der 52jährige Bankbeamte Hugo Priebe. der in einem hiesigen Pensionat im Hause Kantstraße 105 wohnte. Priebe, der in einem Berliner Bankhause als Buchhalter angestellt war, erkrankte vor längerer Zeit a;i einem schweren Nervenleiden, vas ihn häufig zwang, seinen Dienst zu unterbrechen. In letzter Zeit steigerten sich seine nervösen Anfälle derart, daß er in einer Heilanstalt unterbracht werden sollte. Da der arbeitsfreudige Mann an seiner Heilung verzweifelte, griff er zum Revolver. Erkner. Geheimsekretär a. D. Kach6 wollte kürzlich hier mit seiner ffrau das' Fest der goldenen Hochzeit begehen, zu der auch ein Sohn des Jubelpaares aus Amerika eintreffen wollte. Zahlreiche Verwandte und Freund- waren zu der Feier eingeladen., und man hoffte, einen recht frohen Tag zu verleben. Die freudige Erwartung hatte jedoch die fast siebzigjährige Jubelbraut, die in den letzten Tagen etwas erkältet war, in so aroße Aufregung versetzt, daß sie infolge eines Herzschlages plötzlich verstarb. Die Gaste, mt steh zum fröhlichen Male zu vereinen gedachten, fanden nun ein Trauerhaus. Groß - Lichterfelde. Durch einen Bäckerwagen todtgesahren wurde das vierjährige Töchterchen des Stranenbahnschaffners Rudolf aus der Dürerstraße Hierselbst. Beim Spielen lief der Kleine gegen die Hinterräder des Wagens, wurde um aestoßen und so unglücklich über den Hals gefahren, daß der Tod sofiort eintrat. Lichtend erg. Dieser Tage konnte der Rektor Schröder hier auf eine 50jährige Wirksamkeit als Lehrer zurückblicken. Er ist die ganze Zeit hier thätig gewesen. Rummels bürg. Bei der Arbeit vom Tode überrascht wurde der 52 Jahre alte Stemverlader Au gust Wullrich aus der Lessingftraße Ro. 21. Als er aaf dem GüterbahnHof der Ostbahn Steine vön einem Eisenbahnwagen hinunterwarf, sank er plötzlich, wahrscheinlich vom Gehirnschlag getroffen, um und verschied auf der Stelle. Züllichau. Kürzlich begingen der 76iahrlge Kantor a. D. August Küchle .und seine 71jährige Lebensgefährtin das , Fest der goldenen Hochzeit, zu welcher die außerhalb, theils in recht entfernten Gegenden Deutschlands , wohnenden 8 Kinder mit ihren lLyeatten uno moern, sowie zahlreiche Verwandte und Freunde eintrafen. . Deutsches Wort für uuiotnooii ungezogener Wagen.
Das letzte Kapitel. Skizze von Gotthard Kurland. Frau Eva Gertner legte die Aeder hin, trocknete die letzten Sätze auf der Löschblattunterlage, setzte sich bequem in ihrem großen Schreibtifchsessel zurück und überlas noch einmal das Geschriebene. Sie schien zufrieden mit ihrer Arbeit, ihre Augen strahlten, ihre Lippen lachten, auf ihrem hübschen, blühenden Gesicht lag ein frischer Ausdruck liebenswürdiger Schelmerei. So", sagte sie triumphirend, das hätten wir!" Dann stand sie auf und ging im Zimmer hin und her, vom Fenster
zur Thur, von der Thur zum Fenster, die Arme auf dem Rucken verschränkt, den Kopf ein wenig geneigt. Jedesmal wenn sie auf ihrer Wänderung an den Schreibtisch kam, streifte sie mit den Blicken ihr Manuskript, dies Manuskript einer flotten, kleinen Novelle nach dem Leben. Noch nie war ihr eine Sache so gut gelungen, schien es ihr. Das ist ja auch erklärlich", dachte sie. Bei solchem Modell!" Ja, wahrhaftig, das war eine vortreffliche Idee von ihr gewesen! Wie mancher zerbricht sich den Kops um ein Motiv" zu einer Novelle, einir Novellette, einer Skizze! Was für eine Jagd gibt das oft, ehe man's glücklich erwischt, so ein Motiv! Und hier?! Als hätte man's ihr auf dem Präsentirteller gereicht. Als hätte man ihr gesagt: Bitte, bedienen Sie sich." Nun wahrhaftig, sie hatte sich bedient! Mit beiden Händen hatte sie zugegriffen. Und eine nichtswürdige Freude hatte ihr das gemacht, wie sie alles so an sich genommen. So muß einem Diebe zu Muthe sein," hatte sie dabei gedacht, so niederträchtig froh, wenn er seine Taschen mit dem gestohlenen Gold und Silber füllt." All' seine Reichthümer hatte er vor ihr ausgebreitet, dieser junge, sterblich in sie verliebte Heinz Waltersdorff. Was er nur besaß an Hingebung, an Verehrung, hatte er ihr dargebracht. Mit offenen Blicken, mit versteckten Worten, mit stillem, heimlichem Glühen, mit Hellem, loderndem Aufflammen seines ganzen Wesens. Sie hatte kein Wort, keinen Blick verloren, keine feinste Nuance war ihr entgangen. Wie das Messer des Botanikers die Blüthe zerlegt, so hatte ihr Verstand, ihre scharfe Beobachtung die Blume seiner Liebe 'kurz und kleingeschnitten,- um sie zu studiren. Sieh mal an", hatte sie dabei gefunden ,so zart ist die, solche junge Liebe, so zart und fein." Das heiße Blut seiner sechsundzwanzig Jahre hatte sie in seinen Augen gesehen, auf seinen Lippen gefühlt, als er ihr die Hand geküßt. Und so heftig ist solche junge Liebe", hatte sie dabei gedacht, so ungestüm und begehrlich". Fieber, hochgradiges Fieber!" hatte sie konstatirt, ruhig und gleichmüthig wie der Arzt, der dem Patienten den Puls fühlt. Und dann, so ausgerüstet mit allen Details, hatte sie sich an die Arbeit gemacht, an diese Geschichte von der anbetenden Liebe eines jungen Mannes zu einer gereiften, schönen Frau" von zweiunlidreißig Jahren. Nur noch das letzte Kapitel fehlte. Ja, thatsächlich", hatte ihr auf ihre Anfrage die Redaktion einer der tonangebenden Revuen vor Kurzem geschrieben,' dies Motiv ist momentan außerordentlich beliebt. ' Sie fanden zwar sämmtlich, ihre guten Bekannten und Freundinnen, daß das gar keinen Zweck habe, ihr Leben, wie sie es jetzt führe. ' Warum schreibst du nur immer?" fragten sie. Warum heirathest du nicht wieder?" Sie ist jetzt seit zwei Jahren Wittwe," sagten sie. Es war ja ein scharmanter Mensch, der Oberst Gertner, und er hat sie auf Händen getragen; aber, lieber Gott, dieser Unterschied der Jahre! Er hätte ihr Vater sein können." Weißt du. Eva." schalten sie. es ist eine Sünde und Schande, so viel Jugend und Schönheit rein für Niemand!" Du bist eine Nonne," neckten sie sie. du solltest in's Kloster gehen." Und wo du nur die Hand auszustrecken brauchtest! Nur den kleinen Finger!" Aber wozu denn?" hatte sie köpfschüttelnd gefragt. Ich bin sehr zufrieden, so wie ich jetzt lebe, sehr, versichere ich euch." Nun ja", hatte eine von ihnen gespottet, wer damit ' zufrieden sein kann, daß er zufrieden" ist! Eva, Kind Gottes, glücklich muß man sein, halb wahnsinnig vor Glück, wenn man schön ist und jung!" Zu solchen Worten hatte Frau Eva nur gelächelt. Kindisch!" hatte sie gedacht. 1 Nach dem Gewitter, das in der Nacht niedergegangen, 'war die ganze Welt erfrischt. Die Kieswege im Garten waren kaum wieder trocken, an Blumen und Blätternder Jasminsträucher hingen noch die Regentropfen wie Glasperlen. Und als Frau Eva Gertner die Zweige
im Vorbeigehen streifte, drang ihr die Feuchtigkeit durch den leichten Stoff ihres Sommerkleides hindurch auf die Schulter, daß sie erhauerte. Sie war eine Frühaufsteherin, eine richtige, die schon um sieben Uhr mit ihrer Toilette und ihrem Frühstück fix und fertig ist. Sie wissen ja gar nicht, die Langschläfer, um was sie sich betrügen", dachte sie jetzt eben wieder, als sie für einen Augenblick stehen blieb, dem jubelnden Tiriliren der Vögel zu lauschen, das vom nahen Thiergarten herübertönte. Ah!" athmete ste ties auf.' als wolle sie alle Frische und Herrlichkeit dieses Morgens in sich hineinziehen. Das ist wie ein wohliges, kühles Bad", dachte sie, faltete im Gehen die Hände im Nacken und sah in den lichtblauen Himmel hinauf, bis sie blinzeln mußte vor so viel Helligkeit. Dann, als sie an der Verandathür vorbeikam, sah sie auf dem Chronometer, der drinnen im Eßzimmer dieser Thür gegenüber hing, daß es bereits acht Uhr war. Nun aber schleunigst an die Arbeit!" ermähnte sie sich. Das ist alles recht gut und Mn," dachte sie, mitunter ist es ja auch geradezu eine Wonne, das Faulenzen. Aber so der letzte Schluß einer Arbeit ehe man den schwarz auf weiß hat. da hat man keine Ruhe." Dieser letzte Schluß ergab sich übrigens ganz von selbst: ver glühende Verehrer würde refüsirt werden. Seine schöne Angebetete würde Worte aufrichtigen Bedauerns" für ihn haben und, nachdem er gegangen, ein mitleidiges Achselzucken. Sie machte sich fröhlich an's Werk. Gibt es was Netteres, als die letzte Hand an eine Arbeit zu legen, die dasteht wie aus einem Guß? Die nicht qualvoll zusammengetiftelt ist, die hervorgequollen ist, mühelos, lebensvoll, aus unmittelbarer Anschauung. Nur noch dies letzte kurze Kapitel, und die Arbeit würde beendet sein. $ Wie der Zeiger der Uhr vorrückte, rückte auch diese Arbeit vor, ruhig, sicher, ununterbrochen. Das war ein prächtiger Tag -heute. Wenn ich nicht gestört werde, kann ich am Abend fertig sein", dachte Frau Gertner. Gerade nur die Mittagspause und die Stunde mit Zeitungen und schwarzem Kaffee nach Tisch sonst in einer Tour" schreiben, schreiben, schreiben!" Die Uhr im Eßzimmer schlug jetzt zwölf. Frau Oberst Gertner drückte auf die elektrische Klingel neben ihrem Schreibtisch. Ich bin für Niemand zu sprechen, Lisette, den ganzen Tag
nicht , sagte sie dem eintretenden Mädchen eilig über die Schulter hinüber. Verbanden?" Ja, gnädige Frau", sagte das Mädchen und ging wieder hinaus. So", freute sich die schöne Frau, nun mag kommen, wer will!" Sie fühlte sich so sicher in diesem Zimmerchen mit seinen vor der Sonne zugezogenen Vorhängen, so sicher, wie die klugen Leute sich fühlen, die jetzt in die Sommerfrischen reisten und ihre Adressen geheim hielten, damit Niemand und nichts sie in ihrem Sommerschlaf stören könnte. Aber halt", kam ihr in der nächsten Minute ein Gedanke, wahrscheinlich kommt Waltersdorff heute. Da könnt' ich ja gleich aus eigener Anschauung..." Diesen Ausdruck von Zweifel und Hoffnungslosigkeit, von dem in diesen letzten Kapitel die Rede sein würde, den konnte sie vielleicht auf seinem Gesicht. . . Sie klingelte noch ein zweites Mal. Wenn Herr Assessor Waltersdorff vielleicht kommen sollte, Lisette", sagte sie. den nehm' ich an." Eine halbe Stunde später hörte man die Korridorglocke. Lisette trat ein und brachte eine Karte. Regie--rungsassessor Waltersdorff", las Frau Gertner. Ich lasse bitten", sagte sie. Mit der natürlichen Freundlichkeit, die ihr eigen war, ging sie dem Besucher entgegen. Ich hoffe, nicht zu stören, meine gnädigste Frau", sagte dieser unter dem respektvollen Handkuß. Aber nicht im mindesten", erwiderte Frau Gertner liebenswürdig. Fast hätte sie hinzugefügt: Im Gegentheil, Sie kommen mir gerade gerufen." Sie hatte wieder in ihrem Schreibtifchstuhl Platz genommen, den sie' indessen soweit herumgedreht hatte, daß sie mit dem Rücken gegen das Fenster saß. Ihr Gast saß ihr gegenüber. So", dachte sie, nun kann ich in aller Ruhe beobachten. Ohne daß er's merkt." Sie sprachen-zunächst, was bei solchen Besuchen meistens gesprochen wird und was sie beide nicht im geringsten interessirte. Aber sie dachten was sie beide ganz außerordentlich interessirte. Sie muß mein werden," dachte er, sie ist das schönste Weib auf Erden!" Und das Blut brannte ihm in den Adern, klopfte ihm in den Schläfen. Mit Haut und. Haaren muß ich ihn haben," dachte sie. Kein kleinster Zug darf mir entgehen, kein Jota von seinem Menenspiel." Und die frische Kühle objektiven Vetrachtens. die ihr in Hirn und Herzen lag, blickte ihr aus den Augen. , Gnädige Frau sind wieder mitten in einer Arbeit, wie ich sehe. Sogar
bei fünfundzwanzig Grad Reaumur im Schatten." .Ja", sagte sie achselzuckend, .was soll man machen? Kommt einem gerade ein Thema in den Weg, so muß man' es ausnutzen." Wenn Sie wüßten, mein Herr,
wen ich hier ausgenutzt habe", dachte : sie verschmitzt, ohne einen Funken von Reue oder Scham, die Hand auf dn Blättern des Manuskripts. Und gnädige Frau arbeiten ausschließlich nach dem Leben, wurde mir erzählt." Jawohl", antwortete sie. Ausschließlich." Daher diese Anschaulichkeit, diese Plastik." Sie neigte dankend den Kops. Sehr verbunden!" sagte sie lächelnd. Thatsächlich" fuhr, er fort, es ist das Leben selbst, das man in ; Ihren meisterhaften kleinen Novellen pulsiren fühlt. Aber wie hält man das aus, hab' ich mich oft gefragt, wenn man so mit seinen Geschöpfen fühlen muß, intensiv fühlen, lachen und weinen? Das muß doch..." Sehr angreifend sein, wollen Sie sagen", warf sie lachend ein. Sehr angreifend, ja , entgegnete er. Ja, das wollt' ich sagen." Aber man denkt nicht daran, mit ihnen zu fühlen, zu lachen und zu weinen", sagte sie lebhaft. Dann könnt: man ja nicht objektiv sein. nicht objektiv schildern, wenn man seloer oetheillgt wäre. Man studnt bloß, wie sie fühlen, wie sie lachen und weinen, unsere Modelle. Das ist ein Unterschied, Nicht wahr?" Ja, allerdings", gab er zu. Ein großer." Nun also", lachte sie. - Er erinnerte sich plötzlich einer Unterhaltung, die er vor Kurzem gehört und . deren Gegenstand Frau Eva Gertner und ihre Arbeiten gewesen. Meisterhaft", hatte jemand gesagt. Beobachtung sowohl wie Wiedergabe einfach unübertrefflich." Tadellos, ganz ohne Frage", hatte man beigestimmt. Und trotzdem. . ." Trotzdem fehlt was. Entschieden. Was Wesentliches." Das Herz fehlt eben", hatte eine der Damen des Kreises erklärt. Ganz einfach das Herz." Richtig!" hatte jemand gerufen. Ja, das ist es. Sie hat offenbar nie geliebt." Nie geliebt?" hatte man gelacht. Aber diese von ihrem Mann vergöttert gewesene. Frau nie geliebt?! Undenkbar!" Aber vergöttert werden, geliebt werden und lieben, ist nicht dasselbe, nicht wahr?" wandte man ein. Allerdings nicht. Das ist richtig." Vergessen Sie nicht, er war so viel älter als sie. Ja, ein junger Mann, sprühend von Leben das wäre was anderes." - Das wäre was anderes", hatte es ihm un jenem Abend in den Ohren gesumnit. den ganzen Weg bis zu seiner Wohnung, das wäre was anderes". Ein junger Mann wie du". Sprühend von Leben wie du". Bis in den Schlaf jener Nacht hatte es ihn verfolgt, bis in seine unruhvollen, fiebernden Träume hinein. ' Das alles schoß ihm jetzt Pfeilschnell durch die Erinnerung. Wie fang ich es nun an," überlegte Frau Gertner, daß ich auf seinem Gesicht den Ausdruck von Hoffnungslosigkeit, von...?" Ah. sie hatte bereits gefunden. Ich freue mich sehr, Herr Assessor", sagte sie, daß Sie gekommen sind und ich auf diese Weise noch das Vergnügen habe, Sie zu sehen, bevor ich..." Er blickte gespannt auf. Nun gib gut acht", ermähnte sie sich. . . .bevor ich auf längere Zeit verreise", schloß sie und sah ihn ruhig dabei an. Ah, da haben wir's!" dachte sie. . Es ist, als hätte ihn der Mitz getroffen", konstatirte sie bei sich. Jetzt ist ihm alles Blut zu Kopf gestiegen ... das Wort erstirbt ihm in der Kehle... er ist wie betäubt, wie vernichtet". Nun wüßte sie. wie sie's zu machen hatte. Sie neigte ein wenig den Kopf und sah ihm unauffällig von unten her in's Antlitz; nachdenklich, wie ein Arzt, der in den Zügen, forscht, was sie ihm etwa verrathen möchten von dem Seelenleiden des Kranken. Da sah sie, wie dieses junge, schöne Gesicht. . . Ihr war, als lege sich ihr ein Schleier über die Augen; ein Schwindel schien sie zu erfassen; sie griff mit beiden Händen um die Knäufe der Seitenbahnen ihres Stuhles und stützte den Kopf in die Polster. Sie hielt die Augen gesenkt, aber durch die fast geschlossenen Lider hindurch glaubte sie seine brennenden Blicke zu sehen, zu sehen, wie dies junge, schöne Gesicht durchzuckt war von einem tiefen, grausamen Schmerz. Sie wagte endlich die Augen wieder zu erheben, für einen Moment da ging es wie ein Erdbeben über sie hin. Ein Brausen war in ihren Ohren, ihre Pulse flogen, ihr war, als solle sie versinken in einem Meer von lohernden Flammen. .Das ist nichts! hörte sie ihre eigene höhnende ' Stimme tief innen. Das istLeidenfchaft-. '
Jetzt 'standen sie einander gegen über, Abschied nehmend. Nein", sagte sie auf seine angstvolle Frage und sie mußte sich hüten, daß ihr nicht das Frohlocken jubelnder Seligkeit aus den Worten fprang in den allernächsten Tagen, also nwrgen, übermorgen noch nicht. Ich kann erst abreisen wen ich mit dieser Erzählung hier im Klaren bin. An dem Schluß, wie er jetzt ist, hab' ich noch Verschiedenes zu ändern. Und das dauert mindestens noch. . ." Mindestens noch. . .?" fragte Waltersdorff, als sie innehielt. Vier, fünf Tage. Aber'allerminbestens", sagte die Spitzbübin ganz ernsthaft. Er schien wie erlöst, so sehr erhellten sich seine Züge. Jetzt, endlich, in dieser letzten Viertelstunde war ihm zum erstenmal ein Schimmer von Hoffnung gekommen. Und nun würde er diese vier, fünf Tage ja, wahrhaftig, die würde er ausnutzen. Jede Minute ihres Beisammenseins würde er forschen in ihren Blicken, in ihrem ganzen Wesen ob dieser elende, schwache Schimmer von Hoffnung zum strahlenden Lich! werden könnte. Er mußte sie erringen, er konnte nicht leben ohne diese Frau, die ihm Seele und Sinne berückt. Als er gegangen war, setzte sich die berückende Frau nicht wieder an ihre Arbeit. Sie nahm nur die Blätter, die sie heute geschrieben, und las sie. So", sagte sie zu sich, dies letzte Kapitel..." Und damit riß sie die Blätter in Fetzen. Das wollen wir in vier, fünf Tagen mal anders machen. Wenn wir den Stoff erst ordentlich beherrschen".
Oder vielleicht", lächelte sie vor sich hin, vielleicht braucht man sich gar nicht erst die Mühe. " Nein, natürlich", fand sie, diese Geschichte braucht niemand zu lesen, die geht keinen was an. Nur uns beide. Uns beide ganz allein. Und da kann ich das letzte Kapitel ja einfach mündlich erzählen, sagte sie sich mit einem köstlichen Uebermuth und doch zugleich süß und leise, wie man ein Geheimniß sagt. Geschla-teS Nianöver. Der alte Johnson ging vor einigen Tagen in eine Bäcker:! und bestellte zweihundert Windbeutel. Der Bäcker wollte sie in einer Stunde fertig haben. Tann ging er über die Straße zu einem Kleiderhändler und suchte sich einen Anzug aus. Preis 50 Mark. Er fragte den Ladeninhaöer. ob er ihm Credit geben würde, doch der Mann wollte nicht. Da sagte Johnson: Kennen Sie den Bäcker da drüben? Der Kleiderhändler sagte ja. Darauf der alte Johnson: Werden Sie mir den Anzug geben, wenn der da gut steht? Gewiß, antwortete der Mann. Der Bäcker stand gerade vor feiner Thür. Johnson rief über die Straße: Wie ist es mit den zweihundert, die Sie mir versprachen? Der Bäcker rief zurück: In ungefähr einer halben Stunde. Dann zeigte Johnson auf den Kleiderhändler und sagte: Geben Sie ihm fünfzig davon. Der Bäcker nickte und der Ladeninhaber sagte: Kommen Sie herein, bitte. Ich lasse Ihnen den Anzug gleich einpacken! Seine Majestät wird vorgestellt. Anläßlich einer Ausstellung in Pest trug sich folgendes lustiges Geschichtchen zu: Kaiser Franz Josef durchschritt eine der Abtheilungen und besichtigte mit gewohnter Gründlichkeit die einzelnen Gegenstände. Der Abtheilungsobmann. der die Ehre hatte. dem Kaiser die einzelnen Aussteller vorzustellen, that dies in seiner Verlegenheit in der Weise, daß er bei jedem Herrn sagte: Herr X. Seine Majestät." Herr Y. Seine Majestät." Der Kaiser hörte geduldig zu; endlich, als die Reihe an den vierten kommen sollte, meinte er lächelnd: Nun. ich glaube, die übrigen Herren dürften mich jetzt schon kennen!" ' Der Erfinder des Beefsteaks. Ein vornehmer Römer Lucius Plancus wurde um irgend eines Versehens willen vom Kaiser Trajan verurtheilt, als einer der untergeordneten Mithelfer beim Opferdienst Jupiters verwendet zu werden. Er wurde trotz seines Widerstandes zum Altar ge-schleppt,-wo der verzweifelte Senator gezwungen wurde, die auf den Kohlen liegenden Ueberreste des Fleischtopfes umzuwenden. Dieser Thätigkeit ganz ungewohnt, hatte er das Malheur, ein Fleischstück fallen zu lassen und sich bei dessen Aufheben die Finger zu verbrennen, die er instinktiv sofort in den Mund steckte und in demselben Moment war die große Entdeckung gemacht! Er fand, daß die auf der Gluth gebacken Fleischscheibe alle Leckerbissen Roms übertraf. Von dieser Stunde ab zeigte er dem Kaiser seinen Gehorsam durch regelmäßiges Erscheinen be! den Opfern, und der bevorstehende Genuß ließ ihn die Niedrigkeit des Dienstes gänzlich vergessen. Er verschlang seine Beefsteaks. ohne Rücksicht darauf zu nehmen, daß er sowohl Jupiter wie Trajan betrog. Die Nachwelt aber konnte seinen Na rnen als ihren Wohlthäter preisen. .
