Indiana Tribüne, Volume 30, Number 97, Indianapolis, Marion County, 14 December 1906 — Page 5

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Der erste Schnee. Novelle von Tl. X. Er hatte es ihr immer vorausgesagt; sie hatte es nicht glauben wollen. Und nun war doch alles so gekommen, genau so, wie er es immer und immer wieder prophezeit hatte.

Kindchen", so hatte er ihr oft und öfter gesagt und sie dabei jedesmal mit feinen väterlich - treuherzigen Augen warnend angeblickt, Kindchen, es geht nicht mehr! Nein, es geht nicht mehr! Du kannst die jugendlichen Liebhaberinnen nicht mehr spielen. Du bist nicht mehr jung genug dazu, glaub' mir's!Sie aber hatte gelacht und den guten alten Direktors des kgl. Theaters, einer der ersten deutschen Bühnen, der alle seine Mitglieder zu duzen Pflegte, mit ihren leuchtenden Augen keck und fröhlich angesehen. Onkel Direktor", so durfte sie. sie allein, der erklärte Liebling des Direktors und des Publikums, den alten Herrn nennen Onkel Direktor, Sie sehen Gespenster! In mir schlägt das Herz so frisch und jugendlich wie an jenem ersten Abend, da ich als Julia bei euch auftrat und aller Herzen im Sturme gefangen nahm." Ja, das hast Du freilich gethan.

1 Du wundersame Lorelei", scherzte der alte Herr. Aber Kindchen, seitdem sind Jahre in das Land gegangen " Bin ich denn heute nicht mehr der Liebling aller?" fragte sie und verzog die Lippen zu einem leisen Schmollen. ' Doch! Doch! Du bist es noch im-

mer, wirst es immer bleiben, wenn ja, wenn Du Dir einen guten Abgang zu sichern verstehst. Siehst Du. darauf, auf diesen Abgang, kommi im Leben alles an. Es kann einer ein großer Lump und ein nichtsnutziger Taugenichts gewesen sein wenn er mit einer schönen und großen That aus diesem Leben zu scheiden dersieht, so wird man alle seine Lumvereien vergessen, und jene eine große , That am Schluß seines Lebens wird sein ganzes vergeudetes und verlottertes Dasein mit einem freundlichen Lichte übergießen. Und umgekehrt: es mag einer der beste, edelste Mensch von der Welt, der größte Künstler geWesen sein, und es passirt ihm am Ende seiner Tage eine kleine sagen Wir Menschlichkeit, so wird das Sesindel, das sich Publikum nennt und das an unserem Sarge über uns zu richten sich für berufen hält, uns ohne Weiteres den Kranz zerpflücken, an dessen Blättern wir ein ganzes arbeitsreiches Menschenleben in Mühe und Schweiß gesammelt haben. Das ist traurig. Kindchen, aber es ist so. Und siehst Du vor solcher Erfahrung xnächte ich Dich bewahren. Warum sträubst Du Dich so, aus dem ftache der jugendlichen Liebhaberinnen hinüberzutreten in das der Salondamen und Heldinnen? . Da würdest Du etwas leisten, und die besten Rollen solltest Du erhalten, verlaß Dich dar-auf!-Onkel Direktor, Sie machen mir das Herz schwer! Warum singen Sie mir solche Unkenlieder? Ich bin jung, ich will jung sein, denn meine Kunst, die ihr alle bewundert und die ' euch alle hinreißt, liegt in meiner Iugend!" Der alte Herr nickte bedächtig. Du hast recht, Kindchen", meinte er. aber Du redest, wie ihr grauen alle, mit dem , Gefühl und nicht mit dem Verstand, und dabei geht es Dir wie euch allen: ihr überseht irgend etwas und Du übersiehst, daß die Jugend sich nicht halten, sich mcht befehlen läßt. Und wenn Du der Herrgott selber wärst und die Sonne stillstehen heißen könntest die Jugend könntest Du Dir doch nicht sichern, denn sie würde auch ohne Sonne weiter vorrücken! Sei klug, Kindchen, hör' auf mich! Ich habe die Lotte Hoffmann engagirt, damit sie Dich entlaste. Sie ist ein kräftiges Talent und wird Dir als Deine Nachfolge rin keine Unehre machen!" Aber sie ist eine falsche Katze! brsch Marie Körner heftig aus. Nicht so heftig, Kindchen, nicht so heftig! Siehst Du, Vie Lotte ist ge reizt, weil Du ihr alle Rollen wea nimmst, weil sie eben darum neben Dir nicht aufkommen kann. Und sie hält sich doch mü Recht für ein gro ßes Talent, und so geht es ihr wie allen, denen aus irgend welchen (Lrun den der Flug zur Sonne verweh ist und die deshalb verbittert und reizbar werden und schließlich an Gott und. der Welt verzweifeln. Ich will Dir was sagen, Kindchen: tritt rhr fu? nächstens die Hero ab, die Du spielen willst .Die Hero? Meine Glanzrolle? Niemals!" Herrgott, Kindchen, wie Dir das Feuer aus den Augm blitzt! Man rennie sich vor Dir fürchten. Du bist eine Rabiate. Höre mich doch erst mal an, ehe Du Feuer und Flammen zu sprühen anfängst. Siehst Du, die Sache liegt so: Berger, der den Leander spielt, möchte gern mit der Lotte ' als Hero zusammenspielen; sie waren ja beide am Hoftheater in X. engagirt, und da steckt so eine alte Liebschaft zwischen ihnen. Ich hab's dem Berger versprochen, jetzt mach' Du mir keine Schwierigkeiten!"

Ich will aber nicht, die Hero geb' ich nicht ab!" Aber, Kindchen, Du bist zu alt dazu. Als Du das letzte Mal die Hero spieltest, vor sechs Jahren, da ging's noch so eben. Ich bin ein alter Praktikus und sage Dir: Die Hero ist neben dem Gretchen und dem Klärchen die wunderbarste Mädchen-

figur unserer deutschen Dichtung, sie muß ganz Jugend und wieder Jugend sein. Ist sie das mcht. zerreißt nur eine geringe Aeußerlichkeit diesen Jugendschleier, in den gehüllt sie erscheinen muß. so wird sie herausgezerrt aus der traumhaft - jugendlichen Beleuchtung. in die des Dichters Kunst sie gerückt hat, und dann wirkt sie komisch, abstoßend und verletzend. Das ist "ja die große Klippe, an der die meisten Aufführungen dieses Stückes scheitern, und weshalb für unser deutsches Publikum diese wunderbare Tragödie noch immer ein fremdes Kind mit unverstandener Sprache ist. Die Bühnen haben nur selten eine Darstellerin Uz Hero, die den ganzen berückenden Jugendzauber, der diese Gestalt umfließt, wiedergeben kann." Und bm keine. Hero? fragte Marie und biß sich heftig auf die Unterlippe. . . . Du warst eine, Kindchen, Du warst es, die beste, die herrlichste, die köstlichste Hero. die ich alter Mann in meinem langen Leben jemals gesehen habe. .Und als 'solche lebst Du auch in der Erinnerung aller unserer alten Theaterbesucher. ' Laß Dich warnen. Kindchen! Zerstöre mcht muthwillig diese Erinnerungen, indem Du unwiderbringlich Verlorenes festhalten willst. Es konnte die Stunde lommen, da es Dich gereut. Sieh, Kindchen, . uns Bühnenkünstlern verzeiht das Publikum alles, wenn wir seine Lieblinge sind eines aöcr me und nimmer: das Altwerden. Darin in man unerbittlich. Hüte Dich, daß Du diese Unerbittlichkeit nicht eines Tages gegen Dich wachrufst. Mit einem ganzen lorbeerreichen Leben konntest Du diesen Feind nicht bekämpfen. Deine Niederlage wäre fchon entschieden, ehe der Kampf überHaupt einmal begonnen hätte, und wir Schauspieler haben keine Berufungsinstanz, die ein vom Publikum gefälltes Urtheil revidiren oder mildern konnte. Das berücksichtige, Kmdchen. und entsage der Hero!" Ich kann mcht. ich will Nicht! Ich gäbe mich selbst auf!" Du gäbest Dich selbst auf? Thörin! Nein. Du wüßtest Dich nur zu bescheiden. Und dann, darin allein liegt das Geheimniß jedes dauernden Erfolges. Locken Dich denn alle die glänzenden Rollen von Heldinnen und Salondamen nicht, die unser Nepertoire aufweist: eine Medea. eine Terzky. ' eine Messalina? " Du hast alle Mittel, die diese Partien erfordern: eine königliche Erscheinung, ein klangvolles Organ, eine hinreißende Leidenschaftlichkeit. Warum willst Du diese großen Mittel an Aufgaben verschwenden, denen Du im vollsten Sinne des Wortes entwachsen bist?" Onkel Direktor, Sie haben üble Laune. Sie wollen mich durchaus alt werden lassen. Bin ich's denn? Mein Gott, bin ich's denn wirklich? Grünen mir denn die Locken nicht immer noch jugendlich? Oder sehen Sie etwa schon weiße Streifen drin?" Der Direktor ließ sein Auge über das dunkel glänzende reiche Haar der Künstlerin fliegen. Nein. Kindchen", entgegnete er. Noch sehe ich' nichts weißes. Aber das kommt über Nacht. Eines Morgens stehen wir auf und der erste Schnee ist da. Und doch war gestern Abend die Erde noch schwarz und nirgend ein weißes Pünktchen." Marie wiegte sinnend das. schöne Haupt. La, la, la! Und wenn es so wäre wozu gäbe es denn ToilettengeHeimnisse?" Ach, Kindchen, mit denen wird man nicht jung. Nimm eine alternde Frau und putze sie auf mit der Kunst sämmtlicher Hoffriseure und Hoffriseusen, und stelle daneben eine echte jugendfrische Mädchengestalt Du wirst mit Grauen gewahr werden, wie armselig alle jene Künsteleien sind. Die Falten von der Stirn und die Falten um die Lippen, die beizt uns niemand weg, selbst der größte Berschönerungskünstler nicht. Der Kampf um die Jugend ist der aussichtsloseste, den es gibt. Bescheide Dich. Kindchen! Nächstens führen wir den .Graf Waldemar" auf, da spielst Du die Udaschkin, Ich sage Dir. Du wirst Furore machen weißt Du, in der Mondscheinscene mit Gertrud auf der Bank vor dem Hause. Kindchen. Du müßtest großartig sein in dieser Rolle. Also, gib die Hero auf!" .Nein, Onkel Direktor, ich thu's nicht! Sie wollen die Lotte Hoffmann auf meine Kosten bevorzugen." - .Armes, argwöhnisches Gemüth! Nur Dein Bestes will ia,' aber Du flehst es nicht- ein. Gut, so wird Lotte Hoffmann die Hero nicht spielen, Qber Du ebensowenig. Noch heute setze ich das Stuck vom Repertoire ad. und die Proben finden nicht statt." Er wollte gehen. Schmeichelnd hing sich die Kunstlin an den Arm des alten Herrn und dielt ihn zuriuZ. .Onkelchen", bst sie, und ihre Stimme überströmte von schmachten

dem Wohllaut, .Onkelchen, . wollen Sie das wirklich thun?" .Was sollte ich sonst thun? Awingen zum Aufgeben der Rolle, kann ich Dich nicht, so lange Dein jetziger Contrakt läuft, in dem Dir die Rollen der jugendlichen Liebhaberinnen vorbehalten 'sind, und den ich, als er das letzte Mal abgelaufen war, in einer schwachen Stunde auf so viele Jahre hinaus verlängert habe." Sie werden ungalant. Onkelchen!" Muß ich's nicht. Du thörichtes Mädchen? Du zerstörst mir durch Deine Hartnäckigkeit mein Repertoire und schadest Dir selbst. Rechtzeitig alt zu werden verstehen, das ist auch eine Kunst, und wahrlich nicht die leichteste. Du willst sie nicht lernen. Wehe Dir, wenn Du sie eines schönen Tages lernen müßtest!" Verstimmt verließ er die Künstlerin. Als diese in ihrer Wohnung angekommen war. trat sie hastig und erregt vor den Spiegel: Sage mir, du unerbittlicher Wahrheitsfanatiker, sage .mir. die Wahrheit! Bin ich elf geworden? Wo sind die Zeichen des Alters? Nein, ich sehe sie nicht. Es sind keine de. Thorheit, an das Alter zu glauben, so lange man sich da drinnen" sie legte die Hand auf's Herz jung fühlt! Noch bist du mein, blühende Jugend, und den will ich sehen, der dich mir, bestreiten, ber dich mir entreißen möchte! Ich spiele die Hero!" Und mit unnachahmlicher Gebärde warf sie stolz das schöne Haupt in den Nacken zurück. In der That, Marie Körner spielte die Hero. Sie bat und schmeichelte so lange bei dem Direktor, bis bei alte Herr endlich seinem unwiderstehlichen Liebling nachgab. Nun denn, in Gottesnamen", sagte er. Aber sieh' Dick vor. daß Dich Des Meeres und der Liebe Wellen" nicht fortspülen aus der Gunst des Publikums. Wie sollte das möglich sein, Onkelchen? Ich sage Ihnen, ich will spielen, wie ich nie gespielt habe. Aufspringen vor Jubel von ihren Sitzen sollen die Leute, wenn sie diese Hero sprechen hören!" Ich glaub's. Kindchen, ich glaub's! Sprechen und spielen wirst Du hinreißend wie stets, aber Du wirst nicht Hero sein." Gut denn, so soll meine Kunst

das Publikum über jene Unwahrheit hinwegtäuschen, wenn es eine Unwahrheit ist." Wohl, Kindchen, so etwas gelingt öfter. Eine Unwahrheit bleibt aber unter allen Umständen eine Unwahrheit. und wenn irgend ein täppischer Zufall den Schleier, der Täuschung zerreißt, den man darum gelegt hat. so tritt sie hervor in ihrer ganzen Nacktheit, und um unseren Glauben ist es geschehen. Mögen alle Musen mit Dir sein, daß jener Schleier mcht zerreißt!" Kalt und rauh war der, Novemberabend. Seit gestern war das unfreundliche Regenwetter einem harten Frost gewichen, der Mutter Erde in seinen Bann gezogen hatte. Dunkel und trübe war der Himmel, und hin und wieder blitzte im Schein der elekirischen Bogenlampen ein weikes Fleckchen durch die Luft, das lanasam schwebend zum frostumstarrten Boden niederfiel und im Staub lieaen blieb, bis es zertreten wurde. Das, Theater war zum Brechen voll. Tes Meeres und der Liebe Wellen" war seit Jahren nicht mehr gegeben worden, und das Stück datte das gebildete Publikum in Schaaren herbeigezogen. Im Foyer 'war man in lebhafter Unterhaltung. Es wird eine ausgezeichnete Aarstellung werden", sagte einer. Berger als Leander, Brandes als OberPriester und dann die Körner als Hero. Ich sage Ihnen, nie wird mir jener Abend aus der Erinneruna schwinden, an dem ich sie das letzte Mal in dieser Rolle sah. Es war wunderbar! Und wann war das?" fragte der andere. Das war war ja, warten Sie 'mal! Vor sechs Jahren, als das Stück hier zuletzt gegeben wurde, war ich gerade den Winter über an der Riviera, also war es vor vor zehn Jahren." Hm. da. wird die Körner nickt junger geworden sein! Ha ha ha, jünger? Nein. Wahr rsaslig nicht! Aber eine große Kunst lerin ist sie .Gewiß! Aber Herr " Ich weiß schon, was Sie sagen wollen, Verehrtester. Aber sehen Sie nur erst, S werden begeistert sein. Lieber Freund, Ihnen steht jener Abend vor zehn Jahren im Gedacht iß. Aber vergesse Sie nicht, daß. wenn man zweimal dasselbe thut, es nicht mehr dasselbe ist, und besonders nicht nach Jahren Sie sind ein alter Skeptiker. Doch da klingelt es zum Anfang. Kommen Sie! . Sie traten in. das Parkett. . Nach dem zweiten . Auszug trafen sich 'die beiden Herren wieder im Re staurant. des Theaters., . .Nun, Freundchen" .sagte der eine, .wie gefällt Ihnen, die Körner?" - .Gut. sehr gut. Sie' ist eine aroke.

eine denkende' Künstlerin,, aber kein junges, unbesonnenes Madchen."

Hm, hm, ich muß sagen, ich bin auch etwas enttäuscht. Ich sah vorhw die Sache mit der idealistrenden Brille der Erinneriulg. Ja, ja, die Zeit ist nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Aber sie spielt entzückend. Ja, sie spielt Es klingelte wieder. Der dritte Auszug begann. Und nun kam nach dem Auftritt Heros mit dem Oberpriester eine wundersame, vom ganzen Zauber echrester Poesie umstrickte Scene der jungen Priesterin mit dem nächtlich sich einschleichenden Leander. Wie Musik klingen diese Verse, und athemlose Stille, weihevolle Ruhe lagerte über dem Pumblikum. Leander. Und soll ich also darbend Verlassen diesen heil'gen Mtterort? Kein Zeichen Deiner Huld, kein armes Pfand Fort mit mir tragen, meiner Sehnsucht Labung? Hero. Wie meinst Du das? Leander. Nicht mindestens die Hand? Und dann sie legen Lipp' an Lippe, Ich seh' es wohl und flüstern so sich zu. Was zu geheim für die geschwätz'ge Luft. Mein Mund sei Mund, der Deine sei Dein Ohr! Leih.' mir Dein Ohr für meine stumme Sprache! Hero. Das soll nicht sein! Leander. Weiß ich so viel. Du nichts? Ich in Gefahr und Tod. Du immer reizend? (Kindisch trotzend.) Ich werde sinken, kehr' ich trauernd heim. Hero. Du frevle nicht! Leander. Und Du gewähr! Hero. Wenn Du dann gehst! Leander. (Auf ein Knie sinkend.) Gewiß! Hero. Und mir nicht streitest, Daß ich zu leicht die Wange Dir oe rührt, Nein, dankbar bist vielmehr und fromm Dich fügst. Leander. Du zögerst noch? Hero. Die Arme halte rückwärts. Wie ein Gefangener der Liebe, mein Gefangener. - Leander. .Sieh, es geschah. ' . Hero. (Das Licht auf den Boden stellend.) Die Lampe soll's nicht seh'n. In diesem Augenblick löschte plötzlich, sei es durch einen Fehler des Beleuchtungsmaschinisten, sei es durch ein selbständiges Versagen des Ap,parates, das Licht vor den Rampen ' " - m"Y y. f aus. io van vie uync, visoer in mattem Halbdunkel, jetzt auf einmal m völliger Finsterniß dalag. Das Publikum blieb ruhig. Man glaubte wohl, daß das Verlöschen des Lichtes vorgeschrieben sei und zur Sache gehöre. - Da vernahm man in die athemlose Stille hinein eine kleine, wohlklingende Stimme, die zwar nur- halb laut, aber doch so, daß bei der trefflichen Akustik des Hauses jede Silbe bis in den fernsten Winkel deutlich zu hören war, in die Worte ausbrach: Wie gut. daß es finster ist! Da sieht er doch nicht, wie uralt seine Gcliebte ist!" . Einen Augenblick peinliches Schweigen. Man sah sich einander an. verdutzt, verwundert, als habe man eine merkwürdige Wahrheit gehört. Die Stimme kam aus der Schau spielerloge", äußerte jemand. Schon waren die Lichter wieder aufgeflammt. Aber man kam nicht zum Weiterspielen. Eine seltsame Bewegung ging durch die Menge. Ein Kichern, Hüsteln, Räuspern einen Moment dauerte das , dann brach ein furchtbarer Larm los. Man lachte, schrie Bravo, klatschte in die Hände, scharrte mit den Fußen. Einige energische Zischlaue schallten durch den . Lärm. Das ist eine Schmach!" riefen mehrere Stimmen. Ruhe! Weiterspielen!" Aber was galten einige vornehm Gesinnte mitten rm Aufruhr der skan oarsucyngen Menge? Der xiann atna weiter. Die diabolische Freude am Zerstören war über das Publikum gekommen. Der Vorhang mußte fallen. Jetzt endlich wurde Ruhe. ' Einiae Minuten verginge?, in erwartunqsvollem Schweigen. Dann trat der Regisseur vor die Rampe und sprach: . Verehrtes Publikum! Infolge nner plötzlichen Erkrankung des FrauleinS Korner hal Fraulem Hoff mann die Rolle der ' Hero übernom men, so daß daS Stück zu Ende ge spielt werden kann." ' Ein brausender Beifallssturm ging durch Haus. Galt er dem Weiterspiel oder galt er dem neu aufgehenden Ge stirn.am Bühnenhimmel? Itt ihrem Ankleideraum laa Marie Hörner auf dem Sopha. Sie .sah j todtenbleuh. aus. . Ein , unsagbar, bit

terer Zug spielte um ihre Lippen Mv

ließ das feine geistvolle Gesicht plötzlich seltsam gealtert erscheinen. Der Direktor saß neben ihr und hielt ihre Hand . in der seinen. Nlmm's mcht zu tragisch, Kindchen!" sagte er. Siehst. Du. das, Pubttkum ist wie ein ungezogenes Kind, das ein Spielzeug hat. Jahrelang spielt 'es damit und hat seine Freude daran, bis es eines Tages von der in jedem Menschen schlummernden. aber meistens hinwegzivilisirten Zerstörungöwuth erfaßt wird und nun sein Spielzeug in tausend Theile und Theilchen zerreißt und zerbröckelt: es ist feiner überdrüssig geworden. Nimm's nicht zu tragisch, Kindchen! Du wirst die Medea spielen, die Udaschkin, was Du willst " Marie schüttelte leise das Haupt. Nein, Onkelchen, das werde ich nicht! Auf der Laute meiner Kunst ist heute Abend eine Saite zerrissen, die nie wieder aufzuziehen ist. Ich bitte Sie, entlassen Sie mich aus allen meinen Verflichtungen, lösen Sie meinen Contrakt!" Erschrocken sah sie der Direktor an. Kindch-n. Du wolltest " Entsagen, wo der schlechte Witz eines hämischen Mundes zrr Kriegsfanfare gegen mich geworden ist." Das wirst Du nicht. Kindchen! Du bist erregt. Deine Nerven spielen Dir mit. Komm'. - da ist Dem Kutscher. Ich begleite Dich heim und svrc-e, daß der Arzt Dich noch besucht. Dann , schläfst Du ruhig aus und morgen früh kommst Du strahler.dcn Auges zu mir und sagst mir, daß Du 'die Udaschkin spielen willst. Und sofort setze ich den Graf Waldemar" auf's Repertoire." Wieder, schüttelte Marie das öauvt. Aber ohne mich. Onkelchen", saate sie leise. . Als die Künstlerin am anderen Morgen erwachte, fühlte sie ein unerträglich dumpfes Gefühl im Kopfe. Dennoch wollte sie aufstehen. Sie schellte ihrer Zofe, daß ihr diese, wie alle Morgen, beim Ankleiden behilflich sei. Als das Mädchen eintrat, fraate sie: Wie spät ist es denn? Welch' Heller Tagesschein fällt dort durch die Vorhänge?" (5s ist noch nicht so spät, gnädiaes Fräulein", entgegnete die Gefraate. erst acht Uhr. Der helle Schein dort " sie schlug die Vorhänge ein wenig zurück kommt dorn ersten Schnee. Es ist weiß geworden über Nacht und schneit lustig fort." Unwillkürlich griff Marie mit der Hank nach dem Herzen; es war ihr. als habe sie dort einen schmerzibxtfsen Stich gespürt. Sie erhob sich und trat muyen, abgespannten. .Schrittes vor ihren Toilettenspiegel. Sie warf einen Blick hinein. Dann zog ein tieses Erbleichen über ihr leichtgeröthetes Gesicht. Zu beiden Seiten ihres Hauptes, dort über den Schläfen, sah sie etwas Fremdes, bisher Unbekanntes einige schneeweiße Fäden, die sich wellenförmig durch ihr gestern noch tiefdunkles Haar bindurchzogen. Sie athmete schmerzlich auf. Dann trat sie im Morgengewand in ihr Wohnzimmer und ließ sich am Schreibtisch nieder. Wie saatest Du soeben, kluge Sybille?" murmelte sie vor sich hin. Es ist weiß geworden über Nacht und schneit lustig fort. Du hast wahr gesprochen. Und schnell schrieb sie: Lieber .Onkel Direktor! Seien Sie mir nicht böse.. aber eö muß bei meinem gestern gefaßten Entschlüsse bleiben. Sie hatten recht: über Nacht" ist der erste Schnee aefallen. Merkwürdig, wie weh doch diese weißen Flocken thun! Aber deshalb oder vielmehr gerade deswegen werden Sie doch der alte treue Freund und Berather bleiben Ihrem alt gewordenen Kindchen ' Marie Körner". MMVMMMrt4kBWM. Ahnungsvoll. Junger, unvcrheiratheter Arzt: Merkwürdig, so oft ich die kranke Räthin besuche. sitzt ihre Tochter am Bette und zeigt mir die Pantoffeln, an welchen sie stickt. Sollte das vielleicht eine zarte Anspielung sein? . Anspielung. Unser Oberkellner hat so ein merkwürdiges Benehmen mir scheint er nicht ganz normal zu" sein!" Keine Spur! Ich halte ihn für sehr z u rechnungsfähig!" ' Boshaft. De? MusikverleZer Schlauheim hat einen neuen Kassirer engagirt. Dieser legt -ihm am Tage des Eintritts das Geständniß ab: Das Eine 'will ich Nicht verschweigen, Herr Schlauheim, ich komponire nebenbei Operetten!" Na. das macht nichts," entgegnete Her Schlauheim lächelnd, wenn Sie nur sonst ehrlich sind!" ' . Schadenfreude.. Bauer (zum Bader, der ihm bei einer Rauferei zwei Zähne eingeschlagen): Schau, das hast jetzt davon, daß Du mir zwei Zähne emgschlagen hast, die zwei hätt' ich mir morqen bei Dir reißen lassen!" . ' :. 6in ; Pfiffikus. Gast: Kellner, bringen Sie mir eme Flasche Nüdesheimer' und eim Tasse." Kellner: Eine Tasse?" Gast ' (schmAnzelnd): " Ja, wissen ; Sie, ich habe mnner Alten versprochen, nie wie 3) em Glas Wein zu trinken.".

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