Indiana Tribüne, Volume 30, Number 41, Indianapolis, Marion County, 10 October 1906 — Page 6

Jd,ana Tribun, 10. Oktober 1906.

Die Theilung

Erzählung 01 dem Lcdcn Uo;i Ängnfle Kftfc JWVVVWWWvVVVVVWWWV.S ic hatten den leidensmüden, abgezehrten Körper in den Sarg gebettet und die verkrümmten Hände auf der Brust zusammengelegt. Feierlich lag nun die alte Frau in ihrem weißen Todtenstaat da. Die Tochter beugte sich noch einmal über ba3 starre Gesicht und legte die Hand einen Augenblick auf ine kalte Stirn. Tiefe zu surfen, daran dachte sie nicht. Es gibt Familien, rco man auch unter Lebenden selten ja sogar niemals sich zu dieser Liebkosung aufschwingt. Da standen auch schon die Männer in ihren schäbigen schwarzen Kleidern und hielten wartend den Sargdeckel in den Händen. .Esther Sebaldus warf einen letzten Blick auf ihre todte Mutter und trat an's Fenster. Sie hatte das Bedürfniß, tat Augen abzuwenden von dem, was jetzt vor sich ging, und blickte hinunter auf die Straße. Wie hinter einem dichten grauen Schleier stand da der Leichenwagen mit den beiden unruhigen Pferden, und standen die Gaffer, welche warteten, bis man die Frau Professor heruntertrug und in's städtisch: L?ichmhaus überführte. Während einer Typhusepidemie hatte der Magistrat das Gesetz erlassen, wonach jeder Abgeschiedene bis zu seiner Beerdigung im Leichenhaus aufgebahrt werden mußte. Dieses Gesetz wurde von manchen Hinterbliebenen, die über viele Räumlichkeiten verfügten, sehr hart empfunden. So auch von Esther Sebaldus. Ihre Mutter hatte oft mit Angst und Grauen in ihrem blassen Gesicht gesagt: Vor dem Grab fürchte ich mich nicht, aber ich fürchte mich vor dem Leichenhaus!" Der Teckel war auf den Sarg ge schraubt, und die Träger setzten sich mi: diesem in Bewegung. Tie Füße in den plumpen genagelten Schuhen suchten sachte aufzutreten, aber es gelang ihnen nicht, holpernd und schlürfend und ftolpernd ging's die schmale Treppe hinab. An der scharfen Biegung wurde einer der Männer unsanft gegen die Wand gestoßen. Er stieß einen halbunterdrückten Fluch aus. Da stand Esther, die bis dahin mechanisch gefolgt war, still und kehrte dann wieder lanaam zurück in das Zimmer, in welche i sie noch den eisigen Hauch des Todes zu verspüren meinte. Unten auf der Straße zogen die Pferde an, und der Leichenwagen schwankte auf der unebenen Straße den Berg hinab. Die todte Mutter gehörte nickt mel,r der Tochter. Sie gehörte jetzt denen, die von Amts wegen im Gefolge des Senfenmannes erscheinen und seine Opfer als ihre gesetzlich geschützte Beute betrachten, die, sie sich nicht entreißen lassen. Das war hart, aber es mußte ertragen werden. Esther Sebaldus stand nicht mehr in jugendlichem Alter, in dem Alter, in welchem man das zweifelhafte Vorrecht genießt, leidenschaftlich zu fühlen und zu handeln. Mit achtundfünfzig Jahren ist man ruhig und gefaßt. Das Leben hat einen mürbe gemacht, und man weiß aus Erfahrung, daß man sich in das Unabänderliche fügen muß. Die Mutter war nun von ihren Lei den erlöst und ruhte in Frieden. Wer zweiundzwanzig Jahre lang gichtleivend war, dem ist die Ruhe wohl zu gönnen! Die Tochter ging in dem Sterbezimmer auf und ab. und trotz des Trofies, den sie sich selbst zusprach, flössen ihre Thränen immer reichlicher. Das kam davon, ba& sie jetzt auch übn Ueberlebenden gedenken mußte. Diejenigen, die da in Betracht kamen, das waren außer ihr selbst noch ihre drei Brüder mit ihren Familien. Diesen mußte sie jetzt vor allem den Tod der Mutter mittheilen. Weiter dachte sie nicht wagte sie nicht zu denken. Sie öffnete nun auch noch das Fenfter, das bis jetzt verschlossen geblieben war, und schüttelte dann mit fast zärtlicher Sorgfalt die Kissen auf. Mit rothen geschwollenen Augen blickte sie. ichluchzend um sich. Ihr Ordnungssinn sträubte sich dagegen, das Zimmer in dem Zustand, in welchem es sich befanb, zu verlassen. Aber die Nacht brach herein, und es war höchste Zeit, die Trauernachricht an die Brüder abzusenden. Da ging sie hinaus und schloß die Thür von außen mit dem Schlüssel ab. In der Küche stand ein sehr junges Dienstmädchen. Als es die Dame erblickte, seufzte es erleichtert auf. Dann fuhr es mit dem Schurzzipfel über die Augen. Ach, Rosa," sagte Fräulein Sebaldus. ich habe Dich ganz vergessen, armes Kind! Du wirst müde und hungrig sein!" Das nicht, Fräulein, aber ich fürchte mich so sehr!" rief das Mädchen erregt. Ach so?" sagte die Dame mit mitleidigem Verständniß. Da wollen wir diese Nacht zusammen im blauen Zimmer schlafen! Aber jetzt sorge dafür, daß wir eine Tasse Thee bekommen! Ich oerde Depeschen schreiben, die mußt Du

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noch schnell auf das Telegraphenamt tragen!" Esther trat in das Wohnzimmer und machte Licht. Tie Nacht war hereingebrochen. Eben schlug es neun Uhr. Die schöne alte Uhr stand auf einer Konsole zwischen den Jugendporträts des Professors Sebaldus und seiner Gattin. An der Wand gegenüber hingen die Bilder der Großelteru in Biedermaiertracht. Tie ganze Zimmereinrichtung bestand aus altvaterischem, gediegenem Hausrath. Bevor Fräulein Sebaldus sich zum Schreiben niedersetzte, ließ sie ihre Blicke in dem großen, behaglichen Raum umherwandern. Da stieg wie der der quälende Gedanke, der sie schon so oft heimgesucht hatte, in ihr auf. Zitternd begann sie das Papier zurechtzulegen. Jeder der drei Brüder Sebaldus wohnte an einem anderen Ort. Karl, der Professor der Mathematik, hatte einen Lehrstuh! an einer mitteldeutschen Universität inne. Hermann, der Apotheker, lebte in der Residenz. Albert, der Reallehrer, war in einer benachbarten Stadt angestellt. Die drei Adressen und die paar Zeilen, das war bald geschrieben. Aber bevor sie die Schriftstücke absandte, kam Esther der Gedanke, daß die Brüder nun mitten in der Nacht die TrauerNachricht erhalten würden. Doch es war unumgänglich nothwendig, daß sie so bald' als möglich eintrafen, denn sie hatte alle Anordnungen für die B crdi.iuna bis zu ihrer Ankunft ver

schoben. Tie beiden Aeltesten sollten womöglich schon mit den Frühzügen abreisen. Bei dem Jüngsten aber, da eilte eö nicht so sehr. Er war sehr nerv'ös und lilt an Schlaflosigkeit. Vielleicht war es klüger, ihn nicht in der Nachtruhe zu stpren. Rosa wurde deshalb mit nur zwei Depeschen weggesandt. Nach einer schlaflosen Nacht stand Eschcr Sebaldus früh auf. Mit Bangen blickte sie dem Tag, der vor ihr stand, entgegen. Sie wußte, daß er reich an Arbeit und reich an Gemüthsbewegungen werden würde. Nachdem sie mit dem Mädchen die häuslichen Geschäfte erledigt und Vorsorge für die erwarteten Gäste getroffen hatte, stieg sie hinab in den Garten, der neben dem alten behaglichen Haus lag. Langsam ging ihre mittelgroße, magere Gestalt auf den mit Gerberlohe bestreuten Wegen dahin. Ihr blasses Gesicht hatte einen Schmerzenszug, der aber wohl seltener sich zeigte und nicht so tief eingegraben schien, wie der Zug herber Resignation, der sicher schon seit vielen Jahren nie mehr gewichen war. Das dünne Haar war glatt gescheitelt und am Hinterkopf zu einem kleinen, armseligen Knoten aufgesteckt. Fräulein Sebaldus war eine echt alt jüngferliche Erscheinung von jener bescheidenen, zurückhaltenden Art, welche gewisse Manner und Frauen so gern protektionsmäßig von oben herab behandeln. In ihrem altmodischen chwarzen Rltxb schritt sie langsam hmunter zu den Lebensbäumen, die am Zaun gegen die Straße zu standen. Sie wollte Zweige abschneiden und einen Kranz binden für den Sarg der Mutter. Da sah sie ihren Bruder Hermann, den Apotheker, mit seiner Frau den Berg heraufsteigen. Ein Dienstmann schritt mit einem großen Reiekorb auf der Schulter hinter ihnen her. Die Frau Apotheker überflog schon von ferne das ganze, so hübsch gelegene Älnwesen mit prüfenden Augen und sprach sehr lebhaft und angeregt mit ihrem Mann. Was sie sagte, das, blieb der hinter den Sträuchern versteckten Schwägerin verborgen. Aber diese fühlte in ihrem Herzen wieder das schn-erzhafte Weh, das sie seit gestern schon so oft gefühlt hatte, und dann quoll ihr etwas den Hals herauf, das ihr den Athem raubte und sie zu ersticken drohte. Doch sie mußte in das Haus zurückkehren und die Ankommenden empfangen. Man begrüßte sich wonkarg, m ge drückter Stimmung. Die Gäste ließen sich aufseufzend auf das Sofa nieder sinken und machten müde und erschöpfte Gesichter. So ein Todesfall in der Fa milie ist immer etwas Angreifendes. Das finden besonders diejenigen, welch? dem Kranken- und dem Sterbebett geflissentlich fern geblieben sind. Man erkundigte sich nach den letzten Leidenstagen und fand, daß es ja eigentlich ein Glück sei, daß Mama von ihren langen Leiden erlöst worden war. Hermann wischte sich eine Thräne aus den Augen und trat an den Schr2tisch, auf welchem die Schwester die letzten Gebrauchsgegenstände der Mutter niedergelegt hatte. Ach, das ist ja Deine famose Erfindung!" sagte er mehr spöttisch als gerührt und betrachtete eine Gabel mit einem mindestens vierzig Centimeter langen Stiel und ein ebenso langes Stäbchen, an dessen einem Ende ein Leinwandbausch festgebunden war. Mit der langstieligen Gabel hatte die gichicranke Frau selbst ihren Mund erreichen können. Mit dem Leinwandbausch hatte sie sich oie Augen auszuwischen vermocht, wenn sie allein war, und unversehens die Thränen kamen. Seit vielen Jahren war es ihr ja unmöglich gewesen, ihre verkrümmten Hände bis zu ihrem Gesicht zu erheben. Welch beredte Zeugen einer nnendlich mühevollen Krankenpflege, einer heldenhaften Selbstaufopferung diese

beiden einfachen Gegenstände, diese

Erfindungen" der Schwester waren, das schien weder der Bruder noch sein? Gemahlin zu bedenken. Als das Ehepaar sich in seinem Zimmer befand, und die Frau Apotheker ihren Morgenrock aus dem fast ganz leeren Korb herausholte und in den Kleiderschrank hängte, sagte sie zu ihrem Mann, der sich eben die Hände wusch: Diesen Kleiderschrank hier, mit den gedrehten Säulen, den laß ich keiner anderen! Ich hoffe, daß Du mir fest zur Seite stehst!" Sie war eine umfangreiche, üppige Dame mit großem Selbstbewußtsein. Das letztere nicht ohne Grund. Als Erbprinzessin der Elephantenapotheke hatte sie unter vielen Bewerbern den mittellosen Hermann Sebaldus erwählt und ihn zu ?inem sehr reichen, anesehenen Manu gemacht. Das vergaß sie nie und das durfte auch ihr Mann nie vergessen! Als Professor Karl Sebaldus mit seiner Frau erschien, konnte er noch an oen Berathungen über die Beerdigungsfeierlichkciten theilnehmen. Er ließ es sich besonders angelegen sein, alles möglichst zu vereinfachen, während der Apotheker für Pomp und Prunk gestimmt hatte. Die Brüder sahen sich äußerlich sehr ähnlich, nur war der Apotheker einen halben Kopf größer als der Profeyor. Sie hatten beide eine gute Figur und einen schönen Kopf mit blanker Glatze und graumelirtem Vollbart. Tie Frau Professor war eine bagere, unruhige Person mit scharfgeschnittenem gelben Gesicht und dunklen Augen. Als Tochter eines böhmischen Arztes hatte sie die Bekanntschaft ihres Gatten in Marienbad gemacht. Man saß in ziemlich ungemüthlicher Stimmung beisammen. Die UnterHaltung hatte etwas Gezwungenes. Br-'-r entfremden sich einander oft sehr, wenn ihre Frauen nicht Harmonie ren. Frau Karl und Frau Hermann haßten sich. Am Nachmittag traf das dritte Ehepaar Sebaldus ein und machte, als es die beiden anderen bereits vorfand, gekränkte, mißtrauische Gesichter. Ich ha)' es gut gemeint," sagte Esther entschuldigend, ich wollte Deine Nachtruhe schonen, lieber Albert! Ich weiß, was Du zu leiden hast!" Tu gute Alte!" rief gerührt der Jüngste, als er in das bleiche, schmerzverzogene Gesicht seiner Schwester blickte. Er zweifelte keinen Augenblick an ihren wohlmeinenden Absichten. Seine Frau dagegen zweifelte sehr daran. Tas sah man ihr wohl an. Sie war eine kleine schmächtige Person in einem pompösen Trauerstaat, mit viel Kreppverzierung und Jetschmuck, und sah wie eine ältliche kokette Kammerzofe aus. Ihr Mann hatte sie aus einem Putzgeschäft herausgeholt und zur Frau Neallehrerin erhoben. Ter gute Albert lebte in sehr beschränkten Verhältnissen. Er war auf seinen Gehalt angewiesen und besaß drei, theilwcise schon erwachsene Töchter und einen kleinen Buben. Ta war es nicht zu verwundern, wenn seine Frau hoffnungsfroh mit ihm herbeigeeilt war und allerlei schöne und nützliche Erbstücke mit nach Hause zu bringen gedachte. Daß nun die beiden Schwägerinnen, die doch viel weiter entfernt wohnten, schon vorher da waren. das schien sehr verdächtig. Das schien eine abgekartete Sache zu sein! Wer konnte wissen, was schon beiseite geschafft worden war! Dieser quälende Gedanke erregte die Galle der Frau Albert Sebaldus. Trotzdem fühlte sie sich verpflichtet, der verstorbenen Schwiegermutter einen gefühlvollen Nachruf zu halten. Sie führte ihr Taschentuch mit beiden Händen vor die verweinten Augen und rief schnaubend: Ach, die liebe, gute Mama! Was war ste für eine edle Frau! Wie gut hat sie ihre Kinder erzogen! Wie fehr werde ich ihre mütterliche Liebe vermissen!" Dann trat sie auf ihre Schwägerin Esther zu und umarmte und küßte sie. Esther stand so steif und unbeholfen da, als ob sie von Holz wäre. Sie ließ alles über sich ergehen, äußerlich ganz apathisch, aber mit einem unbeschreiblichen Weh im Herzen, mit einem elenden Gefühl der Verlassenheit, der Heimathlosigkeit. Albert, der Neurastheniker, lief erregt im Zimmer umher. Er war groß und mager, mit einer plumpen Nase und einem kleinen Schnurrbart im Gesicht. Sein Haar war noch tiefschwarz und üppig. Seine Haltung aber sehr vornübergebeugt. Jetzt setze Dich doch einmal ruhig zu uns her!" rief ihm der Professor ärgerlich und vorwurfsvoll zu, damit man doch etwas Vernünftiges miteinander reden kann! Wir müssen jetzt unter uns abmachen, was wir nur irgend abmachen können, damit das Gericht die Nase nicht allzuviel in unsere Angelegenheiten hineinsteckt. Sag mal, Esther, wie steht es denn mit der Bezahlung der Beerdigungskosten? Hast Du baares Geld im Hause?" Wenig!" antwortete kleinlaut die Schwester. Etwa hundertzwanzig Mark!" Es war sonderbar, sie hatte mit einem Male das Gefühl, als ob sie eine Angeklagte sei und vor ihren Richtern säße. Was? Nur hundertzwanzig Mark! Das ist allerdings nicht viel und reicht nirgends aus!" staunte sehr enttäuscht der Professor. Es war doch eben erst Jalobitag! Da babt Ihr doch Zinsen eingenommen! Wie steht es denn über-

Haupt mit den Finanzen? Einmal muß

doch davon geredet werden! Der Herr Professor warf sich in die Brust, räusperte sich geräuschvoll und blickte mit erkünsteltem Gleichmuth zu seiner Schwester hinüber. Diese saß mit ihrem blassen, traurigen Gesicht ruhiz da und hatte die Hände im Schloß gefaltet. Du weißt es ja, Karl," bemerkte sie. daß der Notar Hubcr die Geldgeschäfte unserer lieben Mutter besorgt hat. Natürlich aber hale ich auch Kenntniß davon! Vier Hypotheken, die auf Anwesen in hiesiger Stadt stehen, sind unverändert geblieben. Dagegen hat Mutter drei Hypotheken auf dem Land draußen und die Obligationen veräußern müssen." Was!" rief der Professor überrascht und sprang vom Stuhl in die Höhe. Er lief jetzt ebenso aufgeregt und unruhig, wie vorhin der Neurastheniker, im Zimmer umher. Da sind also nur noch vierzehntausend Mark vorhanden und seit Vaters Tod sind siebzehntausend eingebrockt worden? Nun. das muß ich sagen, das kommt mir sehr überraschend!" Er lachte ärgerlich, höhnisch auf, und die drei Frauen Sebaldus blickten sich gegenseitig mit verständnißvollem Unwillen an. Sie waren sich plötzlich viel näher gekommen. Alle Feindschaft schien verflogen zu sein. Der Apotheker hustete verlegen. Esther zitterte. Sie fühlte sich nicht mehr als Angeklagte, sw fühlte sich als wirkliche, übcrwiesene Verbrecherin vor einem strengen, erbarmungslosen Gerichtshof. Bedenke doch. Karl," sagte sie nach Augenblicken eines peinlichen Schweigens, daß Mutter von der Pensionsund Wittwenkasse zusammen nur neunyundert Mark jährlich erhalten hat, daß sie immer krank war und deshalb allerlei außerordentliche Bedürfnisse hatte, und daß seit Vaters Tod jetzt zweiund zwanzig Jahre verstrichen sind!" Ja, das ist wahr. Alte!" rief der Reallehrer, richtete unternehmend sein Haupt in die Höhe und blickte aufmunternd und tröstend seine Schwester an. Tu hast ganz recht. Alte, daß Du es ihnen sagst! Aber das hast Du vergessen zu sagen, was alles die Mutter noch an mich Unnütz hängen mußte' Diese beiden großen Herren da. di sind ja glücklicherweise vor Vaters Tod noch in Amt und Brot gekommen und waren aus dem Gröbsten heraus! Aber ich, ich habe der Mutter noch manchen Thaler gekostet! Tas läßt sich denken! Und auch Du hast mir von Deinem Ersparten zukommen lassen! Euch übrigens auch, Ihr großen Herren! Denn als Ihr noch Studenten wäret, und Esther die famose Stelle in England hatte, da waren Euch ihre Pfunde sehr willkommen! Und übrigens meine ich, unsere gute Mutter hat das Recht gehabt, von ihrem Geld zu verbrauchen, so viel ihr beliebte!" Albert 'stand auf. trat an's Fenster, blickte hinaus und trommelte mit seinen nervösen Fingern einen rasenden Galopp auf den Scheiben. Ter Apotheker warf ihm einen mißtrauischen Blick zu. Es war der Gedanke in ihm aufgetaucht, der Jüngste habe wahrscheinlich viel mehr von dem verschwundenen Geld erhalten, als man ahne. Er selbst brauchte es ja nicht, das Geld! Der Herr Elephantenapotheker Gott sei Tank hatte genug! Aber es wäre ihm von wegen seiner Frau, die die Armuth gründlich verachtete, sehr angenehm gewesen, wenn er eine nette Erbschaft gemach: hätte. Das würde ihn in den Augen seiner Frau etwas emporgehoben haben. Der Professor konnte sich noch immer nicht von der unangenehmen Ueberraschung erholen. Es ist un be greiflich, wie zwei Frauenzimmer mit einem kleinen Dienstmädchen bei einfacher Lebensweise so viel Geld verbrauchen konnten! Besonders, da sie keine Wohuungsmiethe zu zahlen hatten!' Frauenzimmer können freilich einfach leben," sagte die Professorin achselzuckend und ihrem Gatten lebhaft beistimmend. Nicht die Hälfte Geld brauche ich in der Haushaltung, wenn Du einmal zufällig verreist bist!" Das war zu viel für Esther! Die körperliche Schwäche, die sie bis jetzt ganz gelähmt hatte, wich plötzlich einer hochgradigen Erregung. Die EinMischung dieser Tschechin brachte sie außer sich. Sie kannte zur Genüge ihre Genußsucht und die verschwenderische Wirthschaft im Hause des Bruders. Sie stand auf, trat ein paar Schritte vorwärts, an den Tisch hin und stützte sich mit der rechten Hand darauf. Ihr vorher so bleiches Gesicht war von einer hohen Nöthe überflogen. Ich kann das nicht länger mit anhören! Ihr beleidigt die todte Mutter!" rief sie drohend. Nun, man wird doch noch fragen dürfen! Man wirö sich doch wundern dürfen!" meinte giftig der Professor. Oder ist es vielleicht so etwas Gleichgiltiges. wenn man auf eine unständige Erbschaft gerechnet hat und findet schließlich, daß es nur ein paar lumpige Tausender sind? Für das Haus bekommen wir ja doch nicht mehr wie zwan'.igtausend Mark!" Estber sank auf ihren Stuhl zurück und fragte erschrocken: Ja, wollt Ihr denn das Haus sofort verkaufen? Ich habe immer gedacht, ich könnte in dem alten Heim woönen bleiben! Ich würd? Pensionäre nehmen, dann hätte ich einen Wirkungskreis. Mi? graut vor einer V?r'änd:r'.ln! Die Zinsen will

ich Euch gewiß pünktlich bezahlen, bohe Zinsen, wenn Ihr es verlangt! Laßt mich also die paar Jahre, die ich noch zu leben habe, hier wohnen! Nach meinem Tode gehört ja doch alles Euch und Euren Kindern!" Sooo? So hast Du es Dir zurechtelcgt?" höhnte der Professor. Natürlich, da sieht man wieder, daß so eine alte Jungfer gar keinen Begriff vom Leben hat! Wovon glaubst Du denn, daß wir unsere Kinder erziehen? Glaubst Du, daß das nichts kostet? Glaubst Du, daß man das von so kleinen Zinsen bestreiten kann? Es ist gar nicht anders möglich, das Haus muß verkauft werden! Meinen Antheil am Erlös muß ich haben! So tauf's doch Du!" . wandte er sich plötzlich zornig an den Apotheker, dann kann es die Esther von Dir miethen! Du bist ja reich genug!" Die Frau Apotheker hustete und machte ein sehr ablehnendes Gesicht. Ihr Mann wollte etwas sagen, da kam ihm aber der Reallchrcr zuvor. Es ist geradezu scheußlich, daß man nun die Alte so Knall und Fall aus dem Hause werfen will! Arme Alte. Du dauerst mich! Was mich anbetrifft, so erkläre ich hiermit, daß ich auf meinen Antheil am Haus verzichte!" Aber Albert! Bedenke doch, was Du sagst!" mahnte jammernd seine Frau. Bedenke, daß unsere Erna im Herbst heirathen will, daß wir ihr eine Aussteuer geben müssen, daß unsere Kinder " Ach, laß mich doch in Ruhe!" unterbrach sie der Gatte unwillig. Jbr alle mögt es drebeir und wenden, wie Ihr wollt, es ist scheußlich, daß die Alte ihr Heim verlassen soll!" Abn: es ist eben nicht anders möglich!" ereiferte sich der Professor mit rollenden Augen. Sie mußte sich darauf gefaßt machen. Das ist der Lauf der Welt. Es kann nicht jeder bis an sein Lebensende auf seinem Stammschloß hocken bleiben. Ueberdies die dumme Grille mit den Pensionären! Dazu ist sie doch viel zu alt! Es wird ihr gar nichts anderes übrig bleiben, als daß sie sich in's Bürgerstift hier aufnehmen läßt. Mit dem Zins von dem Riesenvermögen, das jedes von uns erbt, kann ste ja doch nicht leben! Und wir Brüder können sie doch nicht erhalten! Wir haben Kinder, wir müssen für unsere Kinder sorgen!" Jawohl, wir müssen- für unsere Kinder sorgen!" rief die Frau Reallehrer überzeugungsvoll und warf ihrem Mann einen drohenden Blick zu. Esther weinte still vor sich hin. Daß doch die Frauenzimmer so wenig dazu geeignet sind, den Kampf mit dem Schicksal aufzunehmen!" fuhr der Professor kopfschüttelnd fort. Laß doch die Heulerei, Esther! Zeige, daß Tu noch einige Energie im Leibe hast! Jeder Mensch verliert einmal seine Eltern, der eine früher, der andere später, und dann gibt es immer Veränderungen! Kleine Kinder steckt man in's Waisenhaus, und sie müssen es auch hinnehmen. Du hast lange genug die Heimath genossen, sei jetzt vernünftig und gib die Schlüssel heraus! Wir müssen doch aussuchen, was versteigert werden soll, und was wir unter uns theilen wollen! Ich. als der Aelteste. beanspruche vor allem Vaters Schreibtisch!" Und nun begann der Rundgang durch das .ganze Haus, welcher mit zu dem Schmerzlichsten gehörte, was Esther Scbaldus je erlebt hatte. Die Brüder fragten vorwurfsvoll nach diesem und jenem, an das sie sich aus der Jugendzeit erinnerten. Tie Schwägerinnen durchwühlten mit habgierigem Eifer Schränke und Truhen. Esther hatte Mühe, ihr persönliches Eigenthum zu schützen. Sie tonnte sich kaum aufrecht erhalten und war viel zu müde und zu niedergedrückt, um ihre eigenen Ansprüche geltend zu machen. Mein Gott, wozu auch? Wozu braucht eine alte Jungfer schöne und werthvolle Gegenstände? Tas wurde ihr in allen Tonarten vorgesungen. Und während sie mit scheinbarer Gleichgiltigkeit zusah, wie die Frauen der Brüder ihre Beute zusammenrafften und in ihren Zimmern, in den mitgebrachten großen Koffern, aufhäuften, stieg ihr ganzes entsagungsvolles Leben vor ihrem Geist herauf. Ter Mohr hatte seine Schuldigkeit gethan der Mohr konnte gehen! Also das war das Ende? Mit achtzehn Jahren Katte sie das Lehrerinneneramen gemacht und war dann nach England geschickt worden. Ihr Verdienst mußte dazu beitragen, daß die Brüder studiren konnten. Gewissenhaft sandte sie immer zwei Drittel ihres Gehalts dem Vater nach Hause und freute sich darüber, wenn sie trotzdem 'noch heimlich den Studenten kleine Geldgeschenke machen konnte. Achtzehn Jahre lang war sie in England. Dann starb der Vater, und die Mutter erkrankte. Eben um diese Zeh warb ein englischer Landaeistlicher. ein kinderloser Wittwer, den sie hochschätzte, um ihre Hand. Aber sie folgte ohne Zaudern dem Ruf. der aus der Hei math, von der kranken Mutter kam, und dachte nicht an ihr eigenes Glück. Zweiundzwanng Jahre lang pflegte sie die arme Gichtkranke, welche im Lauf der Zeit unfähig zu jeder B-we gung wurde. Ihr Leben lang batte sie gearbeitet gespart, entbehrt und nur der Pflicht gelebt. Eine grenzenlos ungerechte Beurtheilung von feiten derjenigen, von denen sie hätte Dank erwarten dürfen, und

ein Stübchen im städtischen Altenhenn das war das Ende! Mechanisch ging Esther Sebaldus im Hause umher, mechanisch traf sie die Vorbereitungen zum Abenoenen. Si? stand im Begriff, den Tisch zu decken. da bemerkte sie, daß die Bestecke fehlten, überhaupt alles Silberzeug verschwunden war! Als die drei Ehepaare in's Speise zimmer traten, stand die alte Schwester in gebrochener Haltung, mit fiebernden Wangen am Tisch. Hier ist die Suppe!" sagte sie mit erstickter Stimme. Wenn Ihr essen wollt, müßt Ihr aber zuvor die Bestecle in Euren Koffern wieder ausvacken! Mir habt Ihr keinen einzigen Löffel gelassen!" Tann eilte sie schwankend hinaus, hinüber in das Sterbezimmcr und schloß die Thür hinter sich ab. Laut aufschluchzend warf sie sich auf ihr Bett, das so viele Jahre neben dem der leidenden Mutter gestanden hatte.

Jnterurban Zeit-Tabelle. I. U. T. System. I rart Montag, den 1. Oktober 190. Schnelle Durch züge nach Fort Wayne. Schnelle Durchzüg' nach Marion. Schnelle Durchzüge nach Peru. Schnelle Durchzüge nach Logansport. Schnelle Durchzüge nach Anderson. Schnelle Durchzüge nach Muncie. Züge verlassen Indianapolis. Muncie Marion Division. Lawrence, Fortville, Pendleton, Ander son, Aarttown, Muncie. Middletomn, lexandria, Summitville, Fanmount. Gas Eity, JoneS boro, Rarion, Blufft und Union City. 4 00 8m. 1 06 m. 5 05 Vm. 2 00 Nm. 00 Vm. 3 06 N. 7 06 rn. 4 00 Nm. 00 Vm. 6 00 Nm. 9 06 8m. 6 06 rn, 10 00 Vm. 6 00 Nm. 11 00 Bm. 7 06 Nm. 11 05 Bm. 9 06 Rm. 12 00 MttgS. 11 30 Nm. Limited. Xogan Sport & Peru Division, ttmel, Noblesville, Cicero, Arcadia, Akianta, Tipton, Kokomo, Gaivefton, IBilton, Logansport. Miami, Bunker Hill, P ru und Elwood. 5 00 m. 1 46 Nm. 6 46 Vm. 3 00 m. 7 00 m. 3 46 Nm. 7 46 Vm. 6 00 Nm. 9 00 Bm. 6 46 Rm. 9 46 Bm. 7 00 Nm. -11 00 Bm. 9 00 9cm. 11 46 Vm. 11 30 Nm. 1 00 Nm. Limited. Neue spezielle Bedienung nach Ft. Wayne. üg verlassen Indianapolis um 7:00 und 11:00 Uhr BormittagS und 3:00 und 7:00 Uhr RachmittogS, schnelle Fahrt nach Fort Wayne machend und mit den Schnellzügen nach Toledo, Detroit und Lima verbindend sowie auch in Toledo und Detroit mit den Dampfern, die auf den großen Seen nach Mackinac, Buffalo und den Nmgara Fällen laufen, Verbindung machend. 11:3I Abend-Zug nach Muncie. 11:30 Abend-Zug nach Peru. Züge fahren nach Fort Benjamin Harrifon um 6:45 Vm, 9:05 Um, 11:05 Vm, 1K)5 Nm und 3:05 Nm. Weitere Information in der Oifice : Ter minal Gebäude. Phones : Neu, Main 6055; Alt, Main 175. Zndtanapolis & Eafiern. Schnell , Züge laufen nach Greensield nightStown, New Castle, Cambridge Ciro, Richmond, Danton, Ohio, jede Stunde bis 9 Uhr Abends, in Danton, Ohio, mit allen Schnellzügen, die nach Springfield, Columbns und allen centralen Punkten Ohio'S laufen, Verbindung machend. Abend'Zug um 11:30 Abends nach Knightstomn. Weitere Information in der Office : Ter minal Gebäude. Phones : Neu, Main 6055 lt. am 175. andtauavolis & MartillSville. Räch Mooresville, Bethanh Park, Mar tinsville, Ind. Erste Morgen-Car um 6:10 Uhr MoroenS. Dann von ö:00 Uhr Morgens jede Stund biS 9.-00 Uhr Abends. Rbend - EarS verlassen die Jnterurban Station um 10:00. 11:30 und 11:60 Äbendö. Die 10:00 und 11:50 Cars fahren nur biS Mooreivtlle. Weiter Information in der Office : Ter mmal Gebäude. Phones : Neu, Maln 6055 ; lt. Main 175. ZndiauapoliS Coal Traetiö &i. Zage laufen stündlich von Jndianapott nach Plaifield von 6:00 Uhr Morgens bi 7:00 Uhr Abends. Abendzüge um 9 und 11 Uhr Abends. Weitere Information in der Office : Tn minal G bände. Phones : Neu. Main 6066; it, Main 175. Indianapolis & Northwestern. Schnell-Zuge nach CrawfordsviUe und La faye te lauten stündlich von 6.-00 Uhr Mor, gen bis 9:00 Uhr AbendS. nfchlui in Lafayette für Chicago und allen nordmestlichen Punkten. Der Zug um 10:00 Uhr Abends fahrt blos bis nach Lebanon. Der Zug um 11:30 Uhr AbendS fahrt h nach Frankfort, Anschluß in Lebanon für SrawfordSville ; derselbe fährt in der Sonn, tag Nackt blos bis nach Lafayette. Weitere Information in der Office : tx minal Gebäude. Phones : Neu. Main 60: Alt Main 175.