Indiana Tribüne, Volume 30, Number 29, Indianapolis, Marion County, 26 September 1906 — Page 3

Jndian Tibüne, SS. September 1906

Sämmtliche

Kriegsschiffe und die verfügbaren Marinctruppcn auf dem Wege nach Cuba.

Raffen-Uuruhen werden sortgesetzt. Alle verfügbaren Kriegsschiffe nach Cnba. Arge Berwüftungen. Die New Yorker Staats-Konventionen. Glücklicher Erbe. Reicher Viehzüchter ermordet Kopfloser Rumpf gefunden. Grausamer Mord und Selbstmord. Unfall-Statistik der Bahnen.

Alle verfügbarenttriegS schiffe nach Cuba. Washington. D. S.. 25. Sept. 1500 amerikanische Marinetruppen find heute nach Cuba beordert worden. 500 derselben werden heute auf den Schlachtschiffen Jndiana" und Kentucky" abreisen und 900 werden am Donnerstag von Boston, Norfolk und Philadelphia auf gecharterten Paffa. gierdampfern nach Cuba geschickt werden. KriegSsekretür Taft ersuchte heute um bedeutend stärkere Truppensendun gen. da seine FriedenSmisfion auf Cuba ohne Erfolg verlaufen wird. DaS Marine-Departement hat in Folge deffen den Befehl gegeben, daß am Donnerstag noch der Kreuzer Brooklyn" und der gedeckte ttreuzer Prairie" nach Cuba abfahren sollen. DaS Schlachtschiff ..TexaS" wird in den Schiffsbauhöfen bei Norfolk so schnell als möglich reparirt, um auch nach Cuba geschickt zu werden. Alle diese Kriegsschiffe werden soviel Marine truppen. als verfügbar find, nach Cuba mitnehmen. Präsident Palma und sein Minifter-ttabinett wer den resigniren. Washington, D. C., 25. Sept. Da Präsident Palma beschlossen hat mit seinem Mwifterkabinett morgen zu resigniren und die Regierung dem cu banischen Congreß zu übergeben, so wird den amerikanischen Friedens Emiffären nichts Anderes übrig bleiben, als nach Hause zurückzukehren und Cuba von einer Ver. Staaten Jnvefionöarmee in Ordnung halten zu las. sen. Ob die jetzigen Rebellen Aussicht haben, jemals an die Regierung zu kommen, ist mehr als zweifelhaft, da Onkel Sam jedenfalls eine energische Politik auf der Perle der Antillen" entwickeln wird. Ueber die bewaffnete Intervention gehen die Meinungsäußerungen soweit auseinander, daß man erst abwarten muß. wie Präsident Roosevelt die Sache in die Hand nehmen und leiten wird. Ob er Lorbeeren damit ernten wird, ist der Zukunft vorbehalten. R a s s e n U n r u h e n werden fortgesetzt. Atlanta, Ga., 25. Sept. Die Nacht verging ohne AuSbruch weiterer großerUnruhen, aber gegen Morgen fanden hier, in den Vorstädten und in den benachbarten Ortschaften viele blu tige Kämpfe zwischen Negern und Weißen statt. Zwei gefährliche Neger hatten sich heute Morgen um sechs Uhr in einem Hause an der Grenze der Stadt verbarrikadirt und schaffen auf die Weißen. Zwei Polizisten drangen entschloffen in das HauS und tödteten beide Neger. In der Vorstadt Brownville wurde heute Morgen ein Neger von der Miliz todtgeschoffen und 257 Neger verhaftet. weil sie bewaffnet waren und Ruhe ftörungen und Straßenkrawallö verursachten. Sheriff NalmS hat heute Bormittag über 300 Bürger als Spezial.SheriffS eingeschworen und er hat die Abficht, noch weitere 200 Spezial.SheriffS ein zuschwören. An Gouverneur Terrell ist die Aufforderung seitens der weißen Bürgerschaft der Stadt ergangen. fta nonen. Gewehre und genügende Mu nition so schnell als möglich hierher zu senden. Die New Yorker Staat. Konventionen. New York, 25. Sept. Heut.' finden die beiden großen StaatSKon ventionen statt, die republikanische in Saratoga und die demokratische in Buffalo. Das größere Interesse Ion zentrirt sich auf die demokratische Kon. vention, weil dieselbe über die 9u8 sichten der Hearft'fchen Gouverneur. Kandidatur entscheiden wird. Es ist immer noch nicht bekannt, bis zu wel chem Umfange Hearft auf die Stimmen demokratischer Delegaten wird rechnen

können, und ob der Führer von Tam many Hall, Charles I. Murdhy, die 105 Stimmen, über oie er verfügt, zu Gunsten Hearfts in die Wagfchale zu werfen gedenkt. Auf republikanischer Seite herrscht bis zur Stunde noch Ungewißheit dar über, ob Gouverneur HigginS bereit sein wird, eine zweite Nomination an zunehmen; allgemein wird angenom men, daß er sie haben kann, wenn er sie wünscht. i Glücklicher Erbe. ChamberSburg, Pa., 25. Sept. Edward Demuth, ein hiesiger Kontraktor, hat vier Goldgruben in Alaska geerbt. Bor einigen Tagen schrieb A. F. Wright, Administrator der Hinterlaffenschaft von JameS F. Damewood, an die Postmeister im füd lichen Pennsvlvanien und Maryland und fragte nach einem Stiefbruder von Damewood, der in einer Grube bei Nome getödtet worden war und vier Goldgruben nebst $200 bis 5300 in Baar hinterla fi habe. William Rei tzel, ein Lokomotivführer der Cumber. land Valley Z.ahn, erinnerte sich, daß Demuth ihm gesagt, er sei früher unter dem Namen Damewood bekannt ge wesen und er habe einen Stiefbruder im Nordweften. Er suchte Demuth auf und bald stellte e' sich heraus, daß er Damewoods Stiefbruder und einziger Erde fei. Reicher Viehzüchter er. mordet. E l P a s o , Tcx., 25. Sept. W. McCutcheon, einer der reichsten Vieh züchter im südwestlichen Texas, wurde Montag von Dick RiggS, einem de nachbarten Viehzüchter, etwa 50 Meilen südlich von PecoS. erschaffen. RiggS wurde verhaftet. ES hatte schon seit einiger Zeit böses Blut zwischen den beiden Viehzüchtern geherrscht. Kopfloser Rumpf ge funden. New York. 25. Sept. Ein grausige Mordgeheimiß harrt jetzt der Aufklärung seitens der Polizei, ein Mordgeheimniß. welches an die Ermor dung iGuloenfuppe'S gemahnt, deffen Leiche bekanntlich zerstückelt aufgefunden wurde. Auch die Leiche, welche auf dem Bauplatze eines Anbaues zu der AnheuserBusch'schen Niederlage gefun den wurde, war zerstückelt, zuerst wurde der Rumpf und später die Unterarme und Unterschenkel des Todten gefunden, und nach dem Kopfe, den Oberarmen und Oberschenkeln deS Todten wird noch gesucht. Daß der Mord vou meh reren Männern verübt wurde, unter liegt noch Ansicht deS CoronerSarzteS keinem Zweifel, und zudem erklärt er auch, daß die Abtrennung der Glied maßen nur von einem Manne vorge nommen worden sein kann, der mit der Anatomie gründlich vertraut ist, da sie regelrecht au den Gelenken losgelöst wurden. Der Ermordete mag etwa 30 bis 35 Jahre alt. von kleiner Sta tur, ein Italiener, Armenier oder Sy rier, und von Beruf Handwerker gewe sen sein. Der einzige Anhaltspunkt, den die Polizei bis jetzt zur Entdeckung de oder der Mörder hat, ist der Sack, in welchem der Rumpf sich befand und welcher die Marke Z. K. Mano trügt.

Der amerikanische Gesandte Charlemagne Tower in Deutschland kam heute mit dem Dampfer Krön Prinz Wilhelm" im Hafen von New York an. Herr Tower wird sich meh rere Wochen zum Besuche in Amerika aufhalten. Lessing'S Sterbehaus in Braun schweig, das bisher von der Braun schweigHannoverschen Hypothekenbank al GeschüftSgebäude benutzt wurde, wird in Kurzem geräumt und verkauft werden; doch will die Bank möglichst dahin wirken, daß das historische HauS, da früher auch al Rathhau gedient hat, in seiner jetzigen Gestalt erhalten bleibt.

Unser Handel blüht.

Ueber drei Billionen Dollars per Jahr. W a shin g t on, D. C.,25. Sept. Der auswärtige Handel der Ver. Staa ten hat die drei BillionenDollarS Grenze überschritten. In den mit dem Monat August d. I. beendigten zwölf Monaten bezifferte sich der Import auf S1.254.399.735, der Export auf Sl. 759.417.893, zusammen für die 12 Monate S3.013.817.633 ergeben. Die Gesummtsumme für das Fiskaljahr 1900 betrug über drei Billionen Dol larö, wenn der Handel mit den Insu larbefitzungen mitgerechnet wird, jedoch ist in diesem Falle die drei Billionen Grenze ohne Eincechnung deS Handels mit den Jnsularbefitzungen, der vom statistischen Bureau nicht länger als auswärtiger Handel betrachtet wird, überschritten worden. Der Vergleich dieser Gesammtsumme von mehr als drei Billionen Dollars in kurzen zwölf Monaten mit dem Han del früherer Jahre ist von großem In tereffe. Erst im Jahre 1900 überschritt der auswärtige Handel der Ver. Staa ten die zwei BillionenDollars-Grenze, was eine Zunahme von 50 Prozent feit 1899 war. Im Jahre 1880 überschritt er zuerst die 1 BtllionenDol. larS.Grenze und hatte sich seit 1879 verdoppelt. 1872 erreichte er die Höhe von einer Billion Dollars und hatte sich seit 1871 verdreifacht. 1856 überschritt er die 500 Millionen.DollarS. Grenze, während er 1335 zum ersten Mal die Höhe von 250 Millionen Dol. larS erreicht hatte. Der Import und Export im August d. I. überstieg den irgend eines an deren Monats August in der Geschichte deS Landes. Der Import im August überstieg zum ersten Male die 100 Mil lionenDollarSGrenze. Unfall Statistik der Bahnen. Washington, D. C., 25. Sept. Nach dem Bericht des BundeSArbeiter Bureaus waren die Unglücksfülle auf allen Bahnen in den Ver. Staaten im letzten Betriebsjuhre, endend den 1. August 1906, wie folgt: Zugbedienftete, 1990 getödtet und 29,833 verwundet; Weichensteller und Wächter, 136 getödtet, 833 verletzt; andere Bahnangestellte, 1,235 getödtet, 36.997 verletzt. Paffagiere, 537 ge tödtet, 10.457 verletzt. Von Zügen wurden überfahren 10.116 Personen, davon wurden 4.865 getödtet und 5,251 verletzt. Im Betriebe waren 213.101 Meilen Eisenbahngeleise, welche von 2,167 Bahngesellschaften befahren wurden. Im letzten Jahre wurden 4.196 Mei len neues Bahngeleise gelegt. Schiffsnachrichten. London: MinneapoliS" von New York. Moville: Furneffia" von New York nach Glasgow. Bremen: ..Kaiser Wilhelm II. von New York. Neapel: Slavonia" uach New York. New York: Neckar" von Bremen; Carmania" nach Liverpool; Barbarossa" nach Bremen via Plymouth und Cherbourg. Browhead: ..Deutschland" von New York nach Hamburg, wird am Mittwoch um 8 Uhr Morgens in New York ankommen. Glasgow: Furnessta" von New York. Antwerpen: Kroonland", von New Bork. Bremen: Großer Kurfürst" von New York. QueenStown: Teutonic" von New York, wird am Mittwoch um 1 Uhr Nachmittag in QueenStown ankommen. Etwa Mitte Oktober werden die Memoiren de verstorbenen deutschen Reichskanzler, de Fürsten zu Hohen lohe.SchillingSfürft, in Buchform er scheinen. John Alexander Dowie, der ab gewandelte Prophet" und Oberauf. seher der chriftlich-katholischen Kirche in Zion City, JllS., hat sich daselbst von der ihm noch treu gebliebenen Win zigen Schaar der Gläubigen verab schiedet und wird für immer nach Me xico übersiedeln. Da Gebäude, in welchem sich die Wirthschaft de L. Ginnochio in Memphi, Tenn., befand, stürzte heute um ein Uhr Nachmittag plötzlich zusammen und begrub sechs Personen unter seinen Trümmern.

Allerlei kleine Depesche.

25. September. Die JahreSeinnahme de Suez Canal sind vom Eröffnungsjahre von 51.800.000 auf S20.000.000 gestiegen. Die Cigarette hat sich in China, wie überhaupt in Asten, derartig ein gebürgert, daß die Pfeife immer mehr verschwindet. Die Leiche deS bei dem letzien Wirbelfturm in Hongkong ertrunkenen Bischofs Hoare ist gefunden und nach Hongkong gebracht worden. Samuel Gompers, der Präsident der American Federation of Labor war in New York und conferirte daselbst mit mehreren Arbeiterführern. In dem braunschweigischen Dorfe Engelnftüdt wurde die PfarrerSköchin Emilie WolterS erschossen aufgefunden. Man glaubt, daß hier ein Mord vor. liegt. Die ungarische Regierung beab fichtigt eine eigene TelegraphenAgen tur zu gründen, die den Zeitungen direkt Informationen zugehen lassen wird. Im äußeren Hafen von New Port, R. I., wurden vier Soldaten der Bundesarmee nur mit knapper Noth von dem sicheren Tode des Er. trinkenS gerettet. Der amerikanife ViolinBirtuose Albert Spalding. der sich jetzt in Eu ropa befindet, wird im Herbst 1907 eine Concerttour durch die Vereinigten Staaten machen. Marquis Pallavinci. öfterreichi scher Gesandter in Bukarest, ist als Nachfolger des Grafen Calice zum Ge sandten in Konftantinopel, Türkei, ernannt worden. Jennie Burcha, eine junge In dianerin. die in einer Familie in Cow leS Corners. 12 Meilen von Brewfter. N. Y., als Kindermädchen angestellt war, vergiftete den ihrer Obhut ander trauten Säugling und bekannte sich, wahrend sie den Mord eingeftand, auch der Brandstiftung schuldig. Frau Henry I. Tilford von LouiSville, Ky., die vor einigen Tagen in die Badewanne in der Wohnung deS MayorS Tom. L. Johnson von Eleve land, O'. fiel und sich am Hinterkopfe verletzte,ift heute im Hospital gestorben. Die Frau war eine Verwandte deS MayorS und hielt sich bei ihm zum Besuche auf. Kaiser Franz Josef hat dem Ge. suche deS Freiherrn von Calice, dem öfterreichisch'UNgarischen Botschafter in der Türkei, aus dem diplomatischen Dienste ausscheiden zu wollen, Folge gegeben und den Ausscheidenden in den Grafenftand erhoben. Eine Gedenktafel für Mozarts Mutter wurde vor einiger Zeit in dem reizend gelegenen Orte St. Gilgen am Wolfgangsee enthüllt. Hier wurde die Mutter geboren, und hier hat Mozart's Schwester, das Nannerk", die mit auf der Gedenk tafel verewigt wurde, siebzehn Jahre lang (1784 bis 1801) in glücklicher Ehe gelebt. Ueber des Componisten Mutter sind nur spärliche Nachrichten vorhanden. 1720 wurde sie geboren als Tochter des hochfürstlich salzburgischen Pflegers" Pertl. Mozart's Schwester Nannerl" war 1751 in Salzburg geboren, war also nicht ganz fünf Jahre älter als ihr Bruder und chenfalls von ausgeprägter musikalischer Begabung. Zu der Enthüllungsfeier waren viele Gäste er schienen, unter ihnen auch Erzherzog Eugen. Professor Frisch aus Wien hielt die Festrede und übergab der Gemeinde St. Gilgen die Tafel, ein Werk des Bildhauers I. Gruber. Eine g l ü ck l i ch e Operation an einem Schwan wurde vor einigen Tagen in Malchow vollzogen. Ein dortiger Einwohner, der sich häufiger ein Vergnügen daraus macht, die Thiere zu füttern, bemerkte, daß der betreffende Schwan wohl ebenso gierig wie die übrigen nach den hingeworfenen Semmelbrocken schnappte, indessen, sobald er das Stück im Schnabel hatte, es auch so fort wieder fallen ließ. Um der Ursache dieses seltsamen Gebahrens nachzuforschen, hat er das Thier eingefangen und fand denn nun beim Oeffnen des Schnabels, daß der Schwan einen Angelhaken in der Zunge hatte, der ihn am Hinuntersctlucken des Futters hind-r:.'. Unter Beihilfe einiger hinzugerufener Naa barn gelang es dem Thierfreund, den Fremdkörper, der übrigens schon längere Zeit in der Zunge gesessen haben mußte, weil sich bereits Eiter darum gebildet hatte, glücklich zu entfernen. Das von seiner Qual befreite Thier hat denn nach seiner Freilassung auch sofort fünf Rundstücke verzehrt und sich somit für die unfreiwmi Fastenzeit entscbadiat.

Per Laubfrosch. Humoreske von Albert Voree. In Prinzeß Tausendhändchen". dem Weihnachtsmärchen, hatte Petermann, der Komiker, den die ganze Stadt mochte und die Kinder voran, den Hof- und Frühstücksbäcker Hörnchen gespielt, der im ersten Akt einen langen Wunschzettel aufrollt mit lauter schönen Dingen für den Nikolaus: Drei Meerschweinchen, einen großen Esel, einen kleinen Esel, einen Laubfrosch im Glase, zwanzigmal Karussel fahren, ein Automobil, für zehn Pfennige türkischen Honig." na, und dergleichen Herrlichkeiten, bei deren Aufzählung die Kinderherzen im Theater verständnißinnig schlugen, wie Schmiedehämmer. Als Petermann von der achten Vorstellung von Prinzeß TausendHändchen" nach Haufe kam, stand aus seinem Schreibtisch ein Einmacheglas mit Moos, Leiter und Laubfrosch, begleitet von folgendem Brief: Herr Hof- und Frühstücksbäcker Hörnchen in der Kaiserstraße. Lieber Herr Hörnchen. Ich bin in Thiater gewesen, weil ich ein gutes Weihnacht Zeugnis hatte. Da hab ich aber doch gelacht und Karl auch. Die Frau die nepen in saß sagte imer halten Mund, liebes Hörnchen ich hab auch so gelacht und Ich muß noch immer an Dir denken hier hast du mein Laubfrosch in Glahs weil dun so gewünscht hast. Aber mein Laubfrosch in Glahs gehört mir Du kannsten haben ich haben ser gern heißt Hans und hat 8 Mai Geburtstage giebn Inan imer fliegen. Vench artig bin kom ich wider in Thiater da mußt uns wieder lachen machen. Karl grüßt Dich auch und ich grüße Dich auch Deine liebe Resi." Petermann lachte laut auf; es lag aber ein Stücklein Wehmuth in seinem Lachen. Er dachte jener Zeit, als er selbst noch als kleiner Bub auf der Galerie saß und große, ehrfurchtsvolle Augen machte, wenn in Görners Aschenbrödel" der alte König auf die Bühne latschte in Schlafrock und Filzpantoffeln, die Krone auf dem kahlen Haupte, in der Linken den Reichsapfel und in der Rechten das Scepter, womit er den unartigen Prinzen drohte. Der Laubfrosch machte große Augen, blähte die kleine, blaßgrüne Kehle auf und war furchtbar stumpfsinnig. Er kroch auch nicht ins Moos, wie such's für einen braven Laubfrosch bei schlechtem Wetter schickt, sondern saß aus der höchsten Leiterstufe, obwohl es draußen Schustergesellen regnete. Ehedem hatte Petermann einen Star besessen, der lief in seinem Arbeitszimmer herum, fraß, was die alte Haushälterin auf den Mittagstisch stellte, sang: Ach, du lieber Augustin" und war vergnügt. Schließlich war er an Altersschwäche oder Magenverrenkung gestorben. Seit der Jett lebten bloß die beiden Menschen in derWohnung, denn Petermann war unbeweibt, und die Haushälterin, eine ehrsame, alte Jungfer, seit ihr Ferdinand, der Schlossergesell, mit der blonden Monika durch die Lappen gegangen war. Ja," sagte die alte Dame, nu sangen Sie man Fliegen, Herr Petermann!" Aber das sollte wohl schwer sein, im Winter, wenn sich alles verkrochen hat. Er nahm also Brehms Thierleben zur Hand; der Laubfrosch würde ja wohl noch was anderes fressen. Richtig, da stand's: Der LaubFrosch ist so anspruchslos, daß man ihn jahrelang in einem einfachen Glase am Leben erhalten kann, falls man ihm nur das nöthigste Futter reicht. Hierzu wählt man Fliegen und MehlWürmer, weil man diese am leichtesten erlangen kann." Also Mehlwürmer! Die waren ja wohl aufzutreiben. In der Vogelhandlung auf der Breitenstraße erhielt er dreißig Stück für zehn Pfennig, damit kam der kleine grüne Kerl über den Winter weg. Jede Woche sollte er einen haben. dem mutzte man einen Zwirnsfaden um den Leib binden und ihn in das Glas hängen, da würde der Frosch ihn sich schon holen, sagte die Vertäuferin. Das that er aber nicht. Petermann hielt das Glas schief, daß der Mehlwurm sich dem Frosch auf die Nase setzen konnte; dann brauchte der ja bloß das Maul aufzusperren und ihn zu schlucken. Fiel ihm aber nicht ein. Er gab oem Wurm mit dem Vorderbeinchen einen Schubs, da flog der wieder ins Weltall hinaus, hing an dem Faden und Kickte sich gerade und krumm. Na," dachte Petermann, .wenn der richtige Hunger kommt!" Der Frosch schien aber gar keinen Hunger zu kriegen. Am nächsten Morgen hatte er sich mit allen Vieren an die Glaswand festgeklebt, guckte in den Himmel und blähte sich auf, wie ein Gourmand vor der Speisekarte, während der Mehlwurm an dem Faden in die Höhe und durch das Loch im Deckel gekrochen war. Darauf lief er nun herum, wie das Pferd im Cirkus, soweit eö seine Leine erlaubte. Prtermann jagte ihn wieder ins Glas und schwenkte es hin und her. damit htx Frosch den Leckerbissen sahe. Der war aber mucksch und kümmerte sich um nichts.

Der Komiker ging tiefsinnig ins Theater zur Probe und befragte d College einzeln, ob sie nicht zufällig eine Fliege bei sich hätten. Nein, sie hatten keine, bloß Hustenbonbons und Cachoupastillen, aber die fraß der Frosch wohl nicht. Dann machte er dre Theaterarverrer mobil, sie sollten ihm Fliegen fcuen, er wollte fürs Stück einen Groschen geben. Na, die suchten ja nun in allen Winkeln, fanden allerlei Gethier, Schwaben und Russen aber mit Fliegen sah's böse aus. Endlich, am dritten Tage, erwischte der Kulissenschieber Knauerhase einen ungeheuren Brummer, sperrte ihn in eine Streichholzschachtel, brachte ihn Petermann und bekam seinen Groschen. Der Komiker war während der ganzen Probe aufgeregt, mußte sich zweimal zur Scene rufen lassen und stolperte beim Auftritt über die Latte, was sonst nur Anfängern passirt. Beständig malte er sich das Bild aus, wenn der Frosch nach dem dicken Brummer schnappen und mit ihm ringen würde, denn so eine Riesenfliege konnte ja ein Mensch nicht runterschlucken (wenn er sonst Appetit darauf gehabt hätte), geschweige so ein Fröschlein. Endlich war die Probe aus. Petermann lief nach Hause, daF die Haveloaschöße hinter ihm herflogen, wie Agathens Flagge der Liebe. Unterwegs blieb er plötzlich erschreckt stehen, holte die Streichholzschachte! hervor und hielt sie ans Ohr. Richtig, es krabbelte noch! Da raste er weiter Jetzt lief der Brummer schon eine Weile an der Rundung des Einmacheglases herum; der Frosch machte große Augen nach ihm, sagte aber keinen Ton. Auf einmal huckte er, that einen Satz, erwischte seine Beute und fiel auf das Moos im Glase. Der Brummer aber machte im Maul des Frosches einen solchen Radau, daß der es plötzlich weit aufriß und ihn wieder herausließ. Auf fünf Beinen lief er davon, der Brummer nämlich, während der Frosch ins Moos kroch und sich augenscheinlich schämte. Die Fliege spazierte noch vier Tage in dem Glase umher, immer auf fünf Beinen, dann legte sie sich hin und war todt. Das Dasein hatte sie angeödet. Als der Frosch sie auf dem Rücken liegen sah. kam er wieder hervor, setzte sich auf die oberste Leitersprosse und dachte: Ich bin der Herr der Welt!" Petermann ging gedankenvoll umher. Was es doch alles gab auf der Erde! Aber der Frosch durfte doch nicht verhungern! Kein Mensck hatte Fliegen. Im harten Winter ' gibt's doch ?eine! Endlich hörte er am Stammtisch: bei Commerziönraths Wendstein sei eine! Er machte also Visite bei Wendsteins und fragte, ob das wahr sei mit der Fliege? Ja! aber das sei die Glücksfliege des Hauses, die sei schon ein paar Winter da und halb zahm. Abends käme sie immer auf den Familientisch, setze sich auf die grüne Lampenkuppel und höre zu. wenn Fritz Reuter vorgelesen würde. Nein, die gäbe man nicht her! Da mußte er wieder abziehen. Mählich wurde die Sache populäz. Wenn er tiefsinnig über die Straße ging, sahen ihm die Leute, bis ihn ja alle kannten, vergnügt nach und sagten: Er sucht Fliegen! Vielleicht sieht er bald Mäuse tanzen!" Eines Tages erschien ein Inserat im Anzeiger: Lebendige Fliegen werden gegen baar gekauft. Kaiserstraße 38. II. rechts." Am nächsten Morgen stand die Klingel nicht still; kleine schmutzige Bettelbuben kamen und brachten Fliegen. Ganze Schachteln voll! In einer Stunde hatte die alte Wirthschaften 2.85 Mark für Fliegen ausgegeben. Dann nahm sie keine mehr an. Die Buben standen vor der Thür, machten großen Krach und wollten ihre Fliegen los sein. Petermann kam aus der Probe dazu, kaufte noch für 1.60 Mark, scheuchte die anderen Kinder hinunter und legte die Sicherheitskette vor die Thür. Dann steckte er alle Fliegen in das Einmacheglas. Es waren ungefähr 90 Stück: magere, mittelgroße und ganz dicke, die ein furchtbares Getöse vollführten und sich höchst auffällig benahmen. Der Frosch sah, als alle Fliegen im Glase versammelt waren, mit großen, gläsernen Augen um sich. Wenn sich ihm eine auf den Kopf setzte, wischte er sie mit den Vorderpfötchen herunter; aber immer neue kamen, liefen ihm frech über den Rücken und über das Maul, krabbelten ihm auch über die Augen, was ihm offenbar sehr unangenehm war. Er mutzte bloß immer wegwischen. Fressen that er keine. Dos ging so vier Tage lang. Wie eine Heuschreckenwolke surrten ihm die Fliegen ums Haupt. Manchmal sah man ihn gar nicht mehr, so dick saßen sie auf ihm. Am fünften Tage fing er an zu quäken wie ein kleines Kind; er war vollständig blödsinnig geworden. Am sechsten war er todt. Da machten sich die Fliegen über ihn her und fingen an, ihn aufzufres-sen.