Indiana Tribüne, Volume 30, Number 23, Indianapolis, Marion County, 19 September 1906 — Page 6

Jndlana Trtbünt, 19. September 1906

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Europäische Nachrichten.

Provinz Kcrnnover. Hannover. Den Eheleuten Schuhmachermeister Heinrich Evers und Katharine, geb. Dreyer. Engel bofielerdamm 11 wohnhaft, ist aus Anlaß der Feier ihrer goldenen Hoch zeit vom Kaiser die Ehejubiläums medaille verliehen worden. Vom Herzog von Cumberland wurde dem Jubelpaar eine Prachtbibel zum Geschenk gemacht. Algermissen. Auf dem benachbarten Kaliwerk Hohenfels" ereignete sich ein beklagens werther Unglücksfall. Der Steiger Meyer stürzte aus der Förderschale 90 Meter in den Schacht und war auf der Stelle todt. Meyer stand im 30. Lebensjahre; er hinterläßt eine Wittwe mit drei unmündigen Kindern. Buxtehude. Dem Hafenmeister Riege ist anläßlich seines 50jährigen Dienstjubiläums das Kreuz des Allgemeinen Ehrenzeichens verliehen worden. Giften. Tischler Alberti aus Sarstedt gerieth hier, während die Hobelmaschine in Thätigkeit war. mit den Händen in die Messer, und wurden ihm an beiden Händen mehrere Finger abgeschnitten. Er wurde in daS Hiloesheimer Krankenhaus geschafft. Lippoldshausen. Beim Abladen von Heu stürzte der Arbeiter Bürmann von hier vom Heuwagen herunter und fiel dabei so unglücklich auf die Spitze der am Wagen befindlichen Seitenwände (Leitern), daß ihm eine Spitze unter der Armhöhle in daö Fleisch eindrang und oben wieder herauskam. Osnabrück. Geh. Sanitätsrath Dr. Georg Meyer ist im Alter von 83 Jahren in Oehnhausen gestorben. Der Verstorbene, welcher seit längerer Zeit in wohlverdientem Ruhestand lebte, war früher lange Jahre Direktor der hiesigen Provinzial-Heil- und Pflegeanstatt. S i e p n i tz. Eine furchtbare Feuersbrunst hat unier Dorf heimgesucht und in Asche gelegt. Das Feuer brach in der Scheune des Gutsbesitzers Jser aus; da alle Häuser und Scheunen mit Stroh gedeckt waren, bildete bald das ganze Dorf ein Flammenmeer. Nur em Wohnhaus und eine Hirtenkare bliexn verschont. S i l l t u m Der ungefähr sieben ?klhre alte Soiin deö hiesigen Müllers Kaiser von der Herrenmühle war an der hochgeschwollenen Nette mit Entenfangen beschäftigt. Er gerieth dabei m's Wasser und ist. da kein Mensch in der Nähe war. ertrunken. Wilhelmshaven. Ein schwem Unfall ereignete sich beim Dockneubau. Der Ardeiter Theodor Skoshpinski war bei Dock 5 am Hebekrähn beschäftigt. Beim Herumschwenken wurde SZoshpinski von dem Krähn erfaßt und in das Dock hinabgeschleudert. Er erlitt hierbei schwere Berletzungen am Kops jm am mucr grat, so daß seine Ueberführung in das St. Willebald-Hospital erforder lich wurde. Provinz Westfaken. Münster. Der wegen Mordes verhaftete Bergmann H. Delstring aus Jbbenbüren, der vor Kurzem einen Fluchtversuch aus dem hiesigen Unters uchungsgefängniß unternommen hatte, wurde zu einem Lokaltermin nach Jbbenbüren geführt. Dort gestand er. nachdem er anfänglich hartnäckig geleugnet hatte, daß er im Jahre 1902 die dreizehnjährige Schülerin Wientjes auf schreckliche Weise zu Tode gemartert habe, und daß er die Ehefrau Heilermann aus Biesendeck in demselben Jahre überfallen habe. Auch gab er zu, die Köchin Theis im Jahre 1903 angefallen zu haben. Auf dem Wege von der Mordstelle in Dörenthe zum Gerichtsgefängniß in Jbbenbüren machte er wiederum einen Fluchtversuch, brach aber nach etwa dreihundert Schritten ohnmächtig zusammen. B o ch o l t. Durch Feuer wurde die am Ravardithor belegeneWiethold'sche Mühle mit bedeutenden Vorräthen an Korn und Mehl zerstört. E r g st e. KertenschmtedEmil Schäfer von hier übte sich mtt noch mehreren jungen Leuten im Weitspringen. Zu diesem Zwecke war nne Sprung Vorrichtung aufgebaut. Um die Sprungweite feststellen zu können, hatte man einen Spaten, der an der fraglich Stelle leicht in den Rasen gesteckt wurde. Schäfer, ein geübter Springer, sprang etwas zu weit und stürzte zur Erde, wobei ihm der scharfe Theil des Spatens etwa zehn Zentimeter in den Unterleib drang. Hagen. Von einer Raugirabtheilung wurde im hiesigen Güterbahnhof der Bremser Franz Loebert erfaßt und getödtet. Der Ueberfahrene war 28 Jahre alt und unverheirathet. Er hatte sich erst wenige Minuten vor seinem Tode auf dem Bureau zum Dienstantritt gemeldet. Lüdenscheid. Nahe der Sta. twn Dünebrett der Schmalspurbahnstrecke Lüdenscheid - Altena entgleiste ew Güterzug, wobei der Lokomotivführn Havel den Tod fand. Vheinprovrnz. Barmen. Eine Pulvererplosion erfolgte in der Zündbänderfabrik von Ferdinand Witte. Der 23jährige Ehe unker Hosfman wurde in Stücke ge rtffen. Der Schaden ist erheblich.

Bin ger brück. Der 27 Hahre alte Eisenblchnschaffner Palm aus Waldagesheim wurde im hiesigen Bahnhof von einem Schnellzug üverfahren. Der Kopf wurde ihm vollstänbig vom Rumpfe getrennt. Essen. Der Mörder des im Wartesaal des hiesiaen Bahnhofs erftochenen Drehers H,?ubfi hat sich gestellt. Er ist der Former Willi Bergemann. 21 Jahre alt. Er gibt an, von Heubst gestoßen und aufgefordert zu sein, mit ihm hinauszugehen und ein Messer mitzubringen. Bon einem anderen der Gesellen sei ihm dann von hinten ein Messer gereicht worden, daß er darauf dem Heubst in die Brust gestoßen habe. M ü h l h e i m a. d. R. Seinen Verletzungen erlegen ist der bei einer Schießafsäre in der Rheinischenstraße von dem Schlosser Rud. Brockmann durch mehrere Revolverschüsse schwer verletzte Former Feodor Meuser, wohnhaft Schreinerstraße. Der Mörder ist verhaftet. Saarbrücken. Die Ehefrau des Wirthes Pitz aus Sulzbach hat sich hier mit ihrem 2y2iähriaeri Kinde in die Saar gestürzt. Die zusammengebundenen Leichen beider wurden geborgen. Ein bei der Frau vorgefundener Brief gibt die brutale BeHandlung durch ihren Mann als Ursache der Verzweiflungsthat an. S t y r u m. Infolge eines geringe fügigen Streites wurde der Bergmann Wilh. Schuster von hier von seinenl Kameraden Franz Verborg durch einen Revolverschuß in den Unterleib t'ödtlich verletzt. Er starb im Krankenhause. Der Thäter befindet sich in Haft. B o h w i n k e l. Ein schwerer Unglücksfall hat sich in einer hiesigen Fabrik ereignet. Der 26jährige Arbeiter Karl Hillsiepen aus Velbert kam der Transmission zu nahe, und es wurde ihm der lwke Arm vollständig ausgerissen. Der Unglückliche fand Aufnähme im städtischen Krankenhause zu Elberfeld. 'Arovinz Keffen-Flaffa. Kassel. Es waren 25 Jahre, daß Buchhalter Wilhelm Ströthmann als Mitglied des kaufmännischen Personals bei der Aktiengesellschaft Casseler Federstahlindustrie eintrat und bis zum heutigen Tage im Dienst der Firma verblieb. Bergen. Der in guten Verhältnissen lebende Rentner und frühere Wirth Philipp Kappes erhängte sich in feiner Wohnung. Her born. Der Großherzog von Hessen hat dem Kirchenbaumeister Ludwig Hofmann hierselbfi das Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen mit der Krone verliehen. Salmünster. Das ljährige Töchterchen des Bahnarbeiters Antony wurde durch Ueberfahren getöd tet. Das Kind, welches ohne Aussicht auf der Straße spielte, gerieth unter einen Bierwagen. Den Fuhrmann trifft an dem Unglück keine Schud. Treysa. Das seltene Fest, die goldene Hochzeit, feiern zu können, war dem hiesigen Schreinermetster Wilhelm Krauße und dessen Ehefrau, geb. Friauf, vergönnt. Beide erfreuen sich voller körperlicher und geistiger Rüstigke't und stehen im 85. bezw. 80. Lebensjahre. W o l f h a g e n. In eine schwere Schlägerei art'te ein übermüthiger Scherz aus, den sich mehrere junge Leute nach Schluß des hier abgehaltenen Marktes leisteten. Der Handelsmann Heinrich Krause von Cassel rang mit verschiedenen jungen Mannern um einen Einsatz von 3 Mark. Schließlich schlugen seine Gegner mit vereinten Kräfien auf ihn ein, bis er für todt vom Platze getragen wurde. Er liegt besinnungslos im Landkrankenhsus zu Cassel darnieder. Vier Burschen, die bei der Schlägerei betheiligt waren, sind verhaftet worden.

Ein Aufschneider. Leutnant Was haben Kamerad mit all' den kleinen Andenken aus der Junggesellenzeit gemacht?" Leutnant Z.: Dem Feuer übergeben; nur Locken habe verwerthet und mir damit ein Sopha polstern lassen!" Sonderbarer Borwurf. Frau Dichterling: Ab Mann, du sagtest doch, daß du hinaus wolltest, um dich an der Nawr zu begeistern. Und nun, wo die Kinderchen mitgekommen sind, um zuzuaucken thust du's nicht. Daö & doch nicht nett von biil"

Per schwarze Ritter.

Skizze von A. Schoebel. Die blasse Frau lehnte ihre Stirr wie zur Kühlung gegen den metalle nen Fensterriegel. In der heißen Luft kräuselte sich ihr Haar dichte; geheim niftvolleö Regen schien in die glänzenden Ringel und Locken zu kom. men. Der schmalen, feinen Gestalt haftete etwas an, als sei sie nur hineinverwllnscht und verzaubert worden in ihre von Armseligkeit erfüllte Umgebung als müsse eine Stunde der Erlösung schlagen als sei sie nahe, die Stunde ! Wie schwül es war! Wie matt die Fliegen summten, die hier überwinterten in der stickigen Krankenatmosphäre! Selten nur durfte das Fenster der engen Dachkammer geöffnet werden in der oberflächlichsten Reinigung wurde der Staub aus seinen Schlupfwinkeln aufgejagt. Der Kranke drüben im Bett hinter dem vorspringenden Dachsparren litt es nicht anders. Seine angegriffene Brust vertrug nur noch die schwere, durchheizte Luft, die seinen Husten gleichsam erstickte, diesen fürchterlichen Husten, der ihm den Schweiß auf die Stirn trieb, seine letzten Kräfte nahm, der das helle Lungenblut ans Licht riß. Die blasse Frau hob jetzt den Kopf. Ihr Blick suchte den Sonnenball, der im Sinken einen glühendrothen Schein über den wie Federgekräusel emporquellenden grauen Qualm der Fabrikschlote auf den umliegenden Dächern warf. Ein glänzender Strahl fiel durchs Fenster. traf gleich einem goldenen Weiser ein Bild, das an der Hauptwand der Dachkammer hing. Wie kam das Bild hierher zwischen die abgenutzten Möbel, auf die verschossene, rissrge Tapete? Einem Tabernakel gleich strahlte es Glanz aus, heilige Schönheit. Ein Ritter darauf mit gesenktem Visir. Neben ihm ein Weib, erlöst und selig an den dunklen Eisenpan zer geschmiegt. Haare und Wimpern schimmern von Gold, die ganze Gestatt leuchtet von Jugend. Zu ihren Füßen ein erschlagener Drachen, auj dessen Rumpf Blut hinspritzt über die schneeigen Füße. Es tropft und rinnt den Pfad entlang, der von Bergeshöhen hinabführt mitten hinein in Frühlingsglanz und Frühlingszauber den Pfad, den die beiden beschreiten werden, Hand in Hand Das Bild schien Leben zu gewinnen unter dem langsam darüber hinwandernden Sonnenstrahl. Aus den Augenöffnungen des Visirs sah man den Blick des Ritters dringen und heiß wie eine Flamme das Weib umfangen Die Bettstatt unter dem Sparren krachte. Der Kranke warf sich. Gequält schloß er die Augen, die seit Stunden hinübergestarrt hatten zu der bunten Leinwand. Er rang mit sich. Seit er Maria kannte, lag es ahnungsvoll in seinem Bewußtsein, daß dieses Bild eine Geschichte haben müsse, daß eine Legende sich daran knüpfen müsse, eine Legende von dem blutgeweihten Opfer einer großen Liebe. Woher stammte dieses Bild? Wer hatte es gemalt? Wie war es in den Besitz des schlichten Mädchens gekommen, das er vor nunmehr fünfzehn Iahren heimgeführt hatte? Weiß und stumm waren Mariens Lippen geworden bei der verhülltesten Anspielung auf die Herkunft des Bildes; es war stets an seinem Ehrenplatz verblieben ehedem in der hübschen kleinen Gartenwohnung des Paares, die ein bescheidener Wohlstand erfüllt hatte, jetzt in der ärmlichen Kammer unterm Dach. So wenig der ehemalige Kanzleisekretär von künstlerischen Dingen verstand daß dieses Werk einer genialen Hand. einer geweihten Stunde seine Entstehung verdanken müsse, selbst sein ungeübtes Auge erkannte das, wenn auch das Malerzeichen in der rechten Ecke ihm nichts sagte. Und daß die weiße Gestalt neben dem schwarzen Ritter Maria darstellte, Maria in der Hochblüthe jungfräulicher Schönheit wem hätte das entgehen sollen? Wohl hatte das harte Leben Jugend und Liebreiz von den Zügen seines Weibes fortgewischt, aber das wildgelockte Haar hatte Fülle und Schönheit bewahrt, und die Augen, die leuchteten noch heute wie in Gold getaucht. Die abgezehrten Finger des Kranken gruben sich in den Stoff der Decke. Dieser schwarze Ritter auf dem Bild, dessen Züge unter der Eisenlarve verhüllt lagen, wer war das? Wer konnte das sein? Wie die Blicke der beiden ineinander flammten. wie das Weib hingeschmiegt lag an die Schulter des Mannes j Der Kranke stöhnte. Er haßte das Bild hatte es immer gehaßt. Nun sollte es fort mußte fort. Endlich ! Alles würde besser werden. Maria würde ihre Zurückhaltung ablegen, ihre stalte. Der geheime Einfluß, der von der verlarvten Gestalt da an der Wand ausging, er würde sich gebrochen zeigen. Und dann sie würden Geld haben. Das Kunstwerk da oben ob sich nicht ein Kenner fand, der es mit Gold aufwog? Gold ! Die ab-gez-hrten Finger krümmten sich, als

scharrten sie Münzen zusammen Goldmünzen, blinkende, schwere I Hinter der fieberglühenden Stirn jagten sich die Gedanken. Die Goldmünzen, die konnte man ausgeben, man konnte Wein dafür kaufen, der heiß und roth wie Blut sich in die Adern ergoß man konnte eim Reise dafür machen, eine Reise nach dem Süden! Und dort konnte man genesen Die Lippen des Kranken zitterten in Todesangst und Lebensaier. Maijia!" Er rief es mit heiserer, zitternder Stimme. Die Frau am Fenster schrak zu sammen. Sie kam herüber. Ihre Füße folgten der Sonnenspur am Boden, ihr Blick hing an dem Abbild des schwazen Ritters. Maria. Ich. ich habe einen Wunsch, eine Bitte. Ich Vielleicht könnte ich noch einmal gesund werden wenn du nur wolltest du ! Hörst du?" Der Mann im Bett richtete sich jäh auf. Ich würde dann wieder arVeiten können. Denke doch. Maria !" Und das soll von mir abhängen?" Bon dir, jawohl, von dir allein!" Der Kranke stockte plötzlich. Sein Athem ging rasselnd, unbezwinglich stieg der Hustenreiz auf. Maria wollte ihre Finger auf die Lippen des Ringenden legen. Er aber stieß eigensinnig die Worte heraus zwischen den Hustenstößen. Das Bild soll fort da drüben das Bild - Die Augen drangen ihm aus den Höhlen. Du. du sollst es der kaufen !" Mariens Hände, die versucht hatten. den Gatten zu stützen, sanken herab. Das Bild soll ich verkaufen? Das Bild?" Der Athem blieb ihr aus. ihre Augensterne zitterten. ..Jawohl ! Damit ich fort kann aus der Kälte hier nach dem Süden hinunter damit ich genesen kann " Tief erschreckt trat Maria vor daS Bild hin. Die schwarze Rüstung, blinkte. Des Weibes zarte Brust schien zu erbeben ein Ruf, ein Lebensruf fchien von den rothen Lippen zu tönen. So blühend die Erde, so frisch I So leuchtend der Pfad, auf dem das vereinte Paar wandeln würde Hand in Hand Mit einer heftigen Gebärde wandte sich Maria um. Nie trenn ich mich von dem Bild. Niemals!" Ein Laut vom Bett her antwortete ihr. Das klang wie dumpfe Gegenwehr. Die Frau kreuzte die Arme über der Brust. Das Bild ist meine Jugend. Hörst du? Meine Jugend, mein Glück. Das einzige, das ich besitze die Erinnerung." Der Sonnenstrahl über ihrem Haupt erlosch. Grau lag das Zimmer, armselig in Staub und Dunst gehüllt. Da regte sich's drüben im Bett, stöhnte, rang. Der Kranke griff an seine Kehle. Würgte ihn eine unsichtbare Hand? Er warf sich, stieß um sich, es quoll ihm etwas in der Gurgel, er wollte um Hilfe rufen nur ein Röcheln kam. Ihm wurde dunkel vor den Augen, und über sei ne Lippen ergoß sich's purpurroth tropfte und rann wie das Drachew blut auf dem Bild Ein Grauen erfaßte Maria. Die Knie wollten ihr brechen. Zitternd leistete ste dem Gatten Hilfe und jagte dann die Treppen hinunter, über den Hof zum Vorderhaus, um einen dort wohnenden Arzt zu verständigen. Mit fliegenden Pulsen kehrte sie zurück, kniete nieder neben dem Krankenlager. Ueber ihr Gesicht liefen die Thränen schwer und dicht. In den Halbschlummer des Ermatteten murmelte sie wie ein summendes, einschläferndes, beruhigendes Lied fort und fort ein Gelübde: Das Bild soll fort hörst du's? Du wirst genesen genesen " 5 5 5 Die Nacht war unvermuthet ruhig verflossen. Als der Arzt zu früher Morgenstunde seinen Besuch wiederholte, zeigte er sich erstaunt über die Besserung im Befinden des Patienten, dessen Blicke mit befriedigtem Ausdruck an einer Stelle auf der feinem Bett gegenüber befindlichen Wand hafteten. Dort war die Tapete klar und himmelblau. Rosensträuße leuchteten darauf, knospend, festlich. Noch in der Nacht hatte Maria das Bild heruntergenommen. In der Mittagstunde trug sie es fort zu einem Kunsthändler, vor dessen Schaufenster sie oft gestanden hatte damals damals ! Ihr Weg war weit. Immer schwerer lastete das Bild. Der Rand der schmalen Rahmenleiste schnitt ihr in die Finger. Schneidender glitt die Erinnerung durch ihr ßerz. Die Erinnerung an einen Abschied, der für zwei jugendheiße Menschen den Tod bei lebendigem Leibe vedeutet hatte. Wie arm sie beide gewesen blutarm! Sie hatte eine schwächliche Mutter zu ernähren gehabt, seine Schultern waren durch die Sorge für drei kleine Brüder belastet genug gewesen. Aber der Traum war bei ihnen, der Traum, der über die Wirklichkeit hinwegtäuscht der Kraft hat, Berge zu versetzen! Nur in Heimlichkeit durften sie sich sehen. Mariens Mutter wollte von einem Verlöbniß mit einem aussichtslosen Maler nichts wissen. Zu jener Zeit war das Bild ent-

Mnveri, vas Marcvenmlv, oas Wahrzeichen kommenden Glücks. Sie hatten sich's ausgelegt, gedeutet: Der Drache, die besiegte Armuth, Maria, eine erlöste Prinzessin, die mit ihrem Ritter Hand in Sand den Weg zum Glück gehen würde, den Weg zum ewigen Frühlingswunder der Erde, zu Liebesglück und Seligkeit. Als Frühlingsgeschenk hatte Maria das Kunstwerk empfangen, mit klopfendem Herzen, mit heißen Mangen. Wenige Tage darauf that ihre Mutter einen bösen Fall, von dessen folgen sie sich nie mehr erholen soll te. Die Pflege oeansprucvte oer 'o ter ganze Zeit sie sah sich gezwungen, ihren Beruf als Lehrerin aufzugeben. Da pochte die Noth an Mit eifernem Finger. Unter Angst und Thränen flehte die Mutter Maria an, die Werbung eines jungen Kanzlisten nicht abzuweisen, der seit Kurm ihr Hausgenosse war, dessen Beistand und Rath sich praktisch erwiesen hatten, der über ein kleines Bermögen, über eine behaglich eingerichtete Wohnung verfügte. Nach bitterem, verzweifeltem Kampf brachte Maria das Opfer ihres Glücks Ein Seufzer! Tief, qualerpreßt! Die mühsam dahinschreitende Frau setzte das Bild nieder. Sie rang nach Athem. Auf ihrer Stirn perlte der Schweiß. Der Abschied o der Abschied vom Franz! Hatte sie ihn wirklich überlebt? War sie nicht vorm Altar zusammengesunken, als sie einem andern den Schwur der Treue leistete? War ihr die Zunge ? icht verdorrt? Maria bückte sich, um sich von neuem mit dem Bild zu beladen. Sein Anblick hatte sie getröstet in langen, freudlosen Jahren, die ihr nichts gebracht, keine Erleichterung, keinen Kindersegen, die ihr nur immer genommen hatten Die Mutter war zur Ruhe gegangen nie hatte sie den Franz wiedergesehen niemals! Er war nach München übergesiedelt, nach Italien sein Name hatte sich langsam vergoldet unter der Sonne des Ruhmes. Der größten einer unter den Malern war er geworden. Längst mochte er sie vergessen haben und das Bild. Vergessen! Maria stürmte jetzt vorwärts. Gleich einem feurigen Scheit fühlte sie das Rahmenholz zwischen ihren Fingern. Nur vorwärts. Sie rannte. Sie stolperte. Fast wäre sie gestürzt mit ihrer kostbaren Last. Nun stand sie am Ziel. Kaum wagte sie es, die vornehmen Räume Unter den Linden zu betreten. Der Besitzer der Kunsthandlung hörte mit kühler Höflichkeit dem Beucht von ihrer Zwangslage an. Ziemlich gleichgültig beugte er sich über daö Bild, um dann mit einer hastigen, interefstrten Gebärde nach einer Lupe zu greifen, um das Malerzeichen genau zu prüfen. Aber daö ist ein Franz rief er, aus feiner besten Zeit." Er betrachtete nun schärfer die Erscheinuna der Clientin. In der Romantik künstlerischen Lebens sich aus kennend, erfaßte er rasch den Zusammenhang zwischen der Gestalt auf dem Bild und dieser Frau. Dort und hier das wilde Haar, die goldstrahlenden Wimpern. Ein ehemaliges Modell natürlich Die würde es verstehen, einen Preis zu machen. Die Geschichte von der Nothwge war Erfindung, abgeschmackte Komödie. Er räusperte sich. Und wie viel hm denken Sie zu fordernd Maria zuckte zusammen. Sie wurde noch bleicher. Das, was ihr das Bild bedeutet hatte, noch bedeutete, das sollte sie in Geldeswerth umgemünzt ausdrücken, diesen Geldeswerth sollte sie sich hinzahlen lassen und einstreichen und mitnehmen. Geben Sie mir, was Sie wollen " murmelte sie. Der Geschäftsmann kniff das linke Auge zu. Sie müssen mir doch ein Gebot machen," entgegnete er. Ich ich kann das nicht," stieß sie hervor. Gequält blickte sie sich um in dem vornehm ausgestatteten Kontor. Er zuckte die Achseln. So will ich Ihnen zunächst einen Vorschuß geben. Ich lasse das Kunstwerk sofort im Schaufenster ausstellen " er drückte auf einen elektrischen Knopf und gab dem eintretenden Diener die nöthigen Weisungen. Sobald ich ein annehmbares Gebot für das Bild habe, verkaufe ich es als Commissionsobjekt und ziehe die üblichen Prozente für meine Mühewaltung ab." Er trat an einen Geldschrank, nahm mehrere eingesieglte Rollen heraus und öffnete sie über einem Tisch, auf dessen Platte er den Inhalt hinzählie. Das das ist der Vorschuß?" stammelte Maria, af die langen Reihen der Goldstücke hinweisend. Das Bild hat einen bedeutenden Werth." Der Kunsthändler legte eiu Quittungsformular zum Unterschreiben auf den Tisch und schüttete das Gold in einen starken Briefumschlag. 5 5 5 Daheim zählte sie dem fieberhaft wartenden Gatten die Goldstücke auf die Bettdecke. ES ist nur der Vorschuß. Das Bild ist mehr werth. O viel mehr!" Feindselig ruhte ihr Blick auf dem Geld. Der Kranke nickte befriedigt. Ich habe es immer gedacht. Wie vernünftig, daß wir das Ding verkauft ha

oen. Nun können wir reyen. Un später, da schaffen wir einen hübfchen Oeldruck an für den leeren Platz da drüben " NeueS Leben schien den geschwächten Körper zu erfüllen. Wie glänzend die tief eingesunkenen Augen wurden! Maria fing an zu packen, alles zur Abreise vorzubereiten von fieberhafte? Unruhe erfaßt. Sie fürchtete die Trennung von der Stadt, in der das Bild zurückblieb. Ihr Auge streifte die Stelle an der Wand, auf der die Rosen knospeten so roth, so frisch Einmal mußte sie ihr Heiligthum noch wiedersehen, fragen, ob es verkauft sei, andernfalls in der Kunsthandlung ihren neuen AufentHaltsort angeben. Sie schob den Gang hinaus bis zum Morgen deS für den Aufbruch bestimmten Tages. Am Abend vorher starb ihr Gatte. Sanft schlummerte er ein, von freundlichen Visionen beschützt, von der Luft des Südens umschmeichelt, wie er wähnte. Der Rest seiner Ersparnisse reichte hin für ein anständiges Begräbniß. Maria hatte den Vorschuß für das Bild nicht angerührt. Etwa eine Woche nach dem traurtgen Ereigniß machte sie sich auf den Weg, um daS Bild zurückzufordern. Sie konnte nicht athmen ohn das Bild wie nach etwas Leben digem sehnte sie sich danach. Sie trat aus dem HauS. Ein ne, belfeuchter Vormittag. Schwarz behaucht der Asphalt der Straße, dunkel wie ein Grabesweg. Maria fröstelte. Immer eiliger wurde ihr Schritt; jetzt rannte sie. Nur das Bild wiedersehen! Noch drei Schritte bis zur Kunstbandlung, noch einer Niemand stand vor der Auslage. Das Bild war fort, leer die sammetbehangene Wand, vor der es gestanden hatte! Maria stürmte die Stufen hinauf. Vielleicht zeigte man es soeben einem Kunden, vielleicht Sie wandte sich an den im Vorsaal der Kunsthandlung beschäftigten Herrn. Das Bild der schwarze Ritter" Wo ist es? Ist es verkauft?" Der junge Mann wies nach dem Kontor hinüber. Wenn ich nicht irre, wird der Verkauf des betreffenden Gemäldes soeben abgeschlossen. Der Maler selbst wünschte es zu besitzen. Er hält sich vorübergehend in Berlin auf und hat das Bild gestern in unserer Auslage gesehen." Mariens Blick wurde starr. Dort hinter der Thür nein, das war ja nicht möglich das konnte nicht sein Fester umklammerten ihre Hände den Umschlag mit den Goldstücken. Hinter der Thür Jetzt that sie sich auf, die Thür. Ein schlanker Mann trat heraus, etwas gebückt in den Schultern, das Gesicht von Kämpfen und Siegen wie mit Narben gezeichnet. Sein Auge traf in den Blick, der sich auf ihn heftete, aus aoldschimmernden. thränennassen Wimpern ihn umfing einen Herzschlag lang Hastig wandte sich Maria um. Wie gehetzt flohst? in die Novembernebel hinein. Nur fort, nur sich nicht erkennen lassen, ihr Weh nicht erkennen lassen, ihre traurige, unsterbliche Liebe, von dem Reichen, Berühmten, Gefeierten, der sein eigen Werk zurückzukaufen vermochte, mit Tausenden vielleicht Fort! Irgendwohin! Sich verkriechen wie ein todtwundes Thier. Ihre Füße hasteten vorwärts, über den Damm hinüber zu den kahlen, windgeschüttelten Bäumen der Lindenpromenade. Die Nebel ballten sich dichter hier, wie Thränen tropfte es nieder von den feucht behauchten Aesten. mischte sich auf Mariens Gesickt mit dem heißen Naß. das ihr plötzlich aus den Augen schoß Ihre schmale Gestalt fing an zu zittern. Zwischen ihren Händen klirrten die Goldstücke. 5 5 5 Am Nachmittag des nämlichen Tages stand der berühmte süddeutsche Maler Franz X. im Salon des bekannten Mäcens. bei dem er in Berlin abzusteigen pflegte. Er betrachtete ein Bild. Mit dem Glanz und der Gluth seiner Farben durchleuchtet- es die einbrechende Dämmerung. Ein verlarvter Ritter darauf, und gegen dessen Eisenrüftung geschmiegt ein Weib Finster schoben sich des Mannes Brauen zusammen. Hatte sie es wirklich vermocht, sich von dem Bild zu trennen? Maria, sie. seine verzauberte Prinzessin. seine lächelnde Frühlingsliebe? Was einst ihr Heiligthum aewesen. hatte sie hingeben können für schnöden Mammon? Seine Finger berührten den rothen Quell, der auf dem Bild vor ihm sprudelte wild, dampfend eines Ungeheuers Herzblut. Da Schritte eines Menschen Nähe. Sein Gastfreund war's. Er trat an seine Seite, ihm die Hand auf die Schulter legend. Bester Professor, Sie werden mit sich reden lassen! Ich muß dieses Werk besttzen. Fordern Sie, waö Sie wollen ich biete Ihnen daS Dreifache, das Zehnfache meinetwegen !" Der Maler lachte bitter auf. Und wenn Sie Ihr ganzes Vermögen opfern wollten! Das Bild ist mir nicht feil. Ich hab's überzahlt Mit dM Kostbarsten, was ich besai. Mit meiner letzten Illusion,"