Indiana Tribüne, Volume 30, Number 21, Indianapolis, Marion County, 17 September 1906 — Page 6

Jndiana Tribüne, 17 September 1906

Z Der Tyrann Erzählung von j Sei riet, Käckrr 4 4 4 Schlaf, fcfelcf, mein Kmd, Draußen weht der Wind. Vater, der ja ans der See, Holt 'n Breitling in die Höh', Ten kriegt das Kind, Trum schlaf ein geschwind. Schlaf, Eoldchl-n, schlaf, Werde fromm und brav! Fängst du nicht ;n schlafen an, Ruf ich den Älabaiitcrrnann, Und der hat 'ne Rutl, Ei, wie weh das thut!" er pausbackige Bengel, dem die- .? I ses Liebchen gesungen wird, beachtet weder das Versprechen eines Fisches noch die Drohung mit der Ruthe des Klabautermanns; er strampelt mit den dicken Beinchen und schaut aus den großen, strahlenden, lachenden Blauaugen zu der jungen Mutter auf. Bah bah!" ist das einzige, was er antwortet. Bah ist gar nichts. Sag' Vater. Va ter!Sah bah!" .Vaa ter!" Wacch waah!" Sie hält dieses Waah waah!" für einen so großen Erfolg ihres Sprachunterrichts, daß ihre Augen vor Freude und Glück feucht werden und die herbe Falte an ihren Mundwinkeln, die von verhaltenem Leide zeugt, verschwindet. Doch wie sie ihre Lehrthängkeit fortsetzen will, hört sie vom Flusse her das Rucken und Stoßen von Riemen, und sie erhebt sich mit dem Kinde, um nachzusehen. Sie braucht nur in den Vordergrund des Schuppens zu treten, in dem sie gesessen, dann kann sie den Fluß, der hier, kurz vor der Mündung, eine breite Bucht bildet, übersehen. Herrgott. Karl! Und jetzt?" Ein Hallo öh!" grüßt sie, wie immer, wenn Karl Klawitters Boo: us den Anlegeplatz ihres Vaters zusteuert, was täglich Nachmittags gehieht. Aber jetzt! Es ist noch lange nicht Mittag. Karl Klawitter schlingt den Strick am einen Pfahl und springt an's Land. Er küßt das junge Weib heute flüchtiger als sonst. Von dem Buben kommt er jedoch so leicht nicht ab; der hat seine Fingerchen sofort in den krausen Blondbart vergraben und hält fest wie ein Krebs. Denk' mal, Karl, er kann schon Vater sagen." Und wie zum Beweise läßt der Kleine nach ein paar jauchzenden 5dreischlauten sein Waah waah!" ertönen. Doch Karl löst schnell die Finger des Kindes aus den Barthaaren. Hör, Karlinchen, ich muß Dir was sagen. Das Kind soll rüber!" Rüder? Zu was? Was macht denn Deine Mutter?" Ja, siehst Du. schlecht steht's mit ihr. Und sie möcht's Kind sehn." Sie möcht? Und Dein Vater?" Meinst, ich werd'n erst fragen?" Wenn er's aber erfährt? Oder er kommt justement dazu?" Er ist mit 'm Steamer rauf und kommt vor Abend nich wieder. Geb. ! mein Goldchen, und komm gleich mit." .Ich? - Ich, Karl? Ich soll in's Haus kommen zu Euch, wo Dein Vater gesagt hat. wenn ich über seine Schwell tret, bringt er mich mit'm Pecktau raus?" Thu's mir zulieb und der Mutier!" Ja na. ja wenn Deine Mutter nach 'm Kind verlangt." Auch nach Dir! Extra hat sie mich heut Nacht an's Bett gerufen. Ich hab bei ihr wachen müssen." So schlimm?" Ach ja. ich glaub aanz gewiß, daß der liebe Gott sie nu erlöst." Die arme Frau hat was gelitten!" Via, mach Dich fertig und komm!" Ja aber Karl, ich möcht doch erst mit meinem Vatr drüber sprechen." Er machte ein finsteres Gesicht und wollte auffahren, doch besann er sich. Wenn Tu meinst Derweil kann meine Mutter längst " Gott, was mach ich nu bloß? Du mußt mir nich bös sein. Karl. Ich möcht von meinswegen ja alles thun, was Du haben willst. Aber wie's nu mal liegt, muß ich mich doch 'n bischen nach Vater richten. Siehst Du. da kommt das Boot schon. Guck mal, wie tief es geht, und wie die Riemen sich biegen. Muß 'n guter Fang gewesen sein heute, und da wird er auch gut gelaunt sein." Der junge Mann schaute mit zufammen gezogenen Brauen zu Boden. Ihren Vater mußte sie erst fragen, ob ste in seines Vaters Haus gehen dürfe, das auch seine Wohnstätte ist. Er schüttelte sich vor Unmuts. Er. des reichen Klawitter einziger Sohn, durste sein Weib und Kind nicht bei sich haben! Nie hatten ihn die Tyrannei und der Starrsinn seines Vaters so gedrückt wie heute, nie hatte er sich so seiner eigenen Ohnmacht geschämt wie jetzt, da der alte Dietrich landet und Karline ihm die Sache vorträgt. (5 hab Dir doch justement nir to seqgen, he is ia Dien Mann. Aberst rübersahren wirst wol müssen von wegen der Modder." w Ja. ja. der Alte hatte recht. Er ist

ihr Mann, und Weib und Kind sind dem Manne Gehorsam schuldig. So hatte er es wenigstens bei seinen Eltern von Kindesbeinen an gesehen. Gegen des Vaters Willen gab es keine Macht, nicht einmal eine Einrede. Und doch! Er hatte ja dem Willen des Vaters einmal getrotzi. Schwer mußte er es büßen. Und seine Mutter, seine arme Mutier! Ein Muster an Gattengehorsam. doch ein Schatten ihr Leben lang,, ein Nichts. Und er? War dieser eiskalte Absolutismus nicht schuld daran, daß er zu einem willenlosen Schemen geworden? Er erbebte heute noch, wenn der Vater ihn scharf ansah angesprachen hatte dieser ihn seit zwei Iah-

ren nicht mehr und stets hatte er sich in dessen Gegenwart bedrückt gesuhlt, stets, trotz besten Gewissens, wie ein Verbrecher, der die Entdeckung fürchtet. Und der Vater hatte obendrein niemals damit gekargt, ihm seine Verachtung dafür zu zeiqen, daß er ein so unselbit ständiger, energieloser Kerl geworden. Daß er gegen seinen Willen geheirathet hatte, hielt er nicht einmal für eine eigenmächtige That Karls, sondern meinte, er sei dazu verführt worden von den Tietrich'schen, denen weniger an Karls Person, als an dem Klawttter'schen Vermögen gelegen sei. Der alte Dietrich und gar Karline. sein Karlinchen, sollte spekuliren! Ihn hatte dts Vaters Verdächtigung bis in's Innerste empört, aber sich dagegen aufzulehnen hatte er nicht gewagt. Wie feurige Kohlen brannten ihn oie Worte des Schwiegervaters: He is ja Dien Mann!" Karl legte sich fest in die Riemen. um Weib und Kind so schnell wie möglich zu seiner todtkranken Mutter zu bringen. Sie redeten nichts im Boot, nur das Kind lallte und jauchzte. und die Riemen polterten in den Dollen. Aber bei jedem Ruderschlag war es ihm, als sage der alte Dietrich: He is ja Dien Mann!" In der Mitte der großen Stube im Klawitter'schen Hause war die Leiche aufgebahrt, gerade unter dem an der Decke hängenden Dreimastermodell. Draußen quälten sich ein paar Jungen, durch das breite Fenster hinemzulugen Die Gardinen waren jedoch dicht zu sammengezogen, nd so konnten sie weder etwas von dem Sarg noch den em samen Mann sehen, der unbeweglich dort neben dem Tische saß und die wachsfarbenen, starren und so leidvollen Züge betrachtete. Vor vierundzwanzig Swnden hatten diese bleichen Lippen noch zu ihm gesprochen. Ja, war es denn wahr, was sie gesagt? Unsinn! Phantasien einer Sterbenden! Jochen, mir hast mein Lebtag kein Körnchen Glück gegönnt, mach's dafür gut an unserm Kind, zerstör sein Leben Nich auch! War es denn möglich? Hatte sie Ursache gehabt, sich zu beklagen, daß sie kein Glück genossen, daß er es ihr mcht gegönnt? Hatte er sie nicht zur reichen Frau gemacht, die Sonntags im Sei denkleid zur Kirche gehen, die eine schwere goldene Uhrkette, Boutons in den Ohr.n und Ringe mit echten Stei nen tragen tonnte? Hatten in ihrem Hause nicht Rheder und Schiffskapitäne, angesehene Kaufleute und Beamte verkehrt? Sie war doch keine Prinzessin gewesen und er ganz gewiß kein Prinz. Also kamen sie doch seines sfrir$lhnm& itrtS f)snsfun Ynn?n 21t ihm. Und das war noch kein Glück? Was hatte sie denn noch gewollt, was uitv 1 1 ; v .v 1 1 ivvvit 0 eigentlich beansprucht? Ja. so etwas Schwärmerisches, so etwas Verrücktes hatte sie immer an sich, schon als ganz junges Mädchen Das hatte er ihr gleich zu Anfang aus getrieben, zu ihrem Besten. Ganz ge wiß zu ihrem Besten! Von Lesen und Klavierspielen kann höchstens em Torf kantor satt werden; dazu war aber für dessen Tochter keine Zeit gewesen, nachdem sie sich mit einem armen Fischer verheirathet hatte. Genug, daß man am Sonntag in die Kirche ging; die andere Zeit war zum Arbeiten da. Wie hatten sie denn angefangen Mit nichts! Sein Vater hatte ihm ein wackliges Häuschen und ein leckes Boot hinterlassen, und sie hatte von Haus gerade ein Bett, einen Tisch und ein paar Stühle mitbekommen. Ja, nicht zu vergessen, auch zwanzig Thaler baa res Geld! Und die Fischerei brachte da mals höchstens Kartoffeln und Salz. Da hatte er denn in der nahen Hafenstadt. dort, wo jetzt die Dampffähre ging, mit seinem ausgeflickten Boot eine Ueberfahrt etablirt und die Kaufleute, die dadurch den Weg nach der Speicherinsel bedeutend abkürzen konnten, für fünf Pfennige die Person hm übergerudert. Das war ein hartes Brot, gab Schwielen an den Fäusten und müde Arme, brachte aber bald so viel, daß er ein zweites altes Boot kau fen und einen Knecht heuern konnte. Als die beiden Boote dem steigenden Verkehr nicht mehr gewachsen waren, wurde eine Fähre gebaut, aus der im Laufe der Jahre erst eine Doppelfähre und dann die Dampffähre wurde, die :r günstig verkaufte, um einen Rad dampfer anzuschaffen und die Schlepp schifffahrt zu beginnen. Jetzt keuchten vier Schraubendampfer stromauf, die sein Stolz waren, und wenn ein Schiff wegen Altersschwache außer Dienst ge setzt werden mußte oder ein Kauffah rer bei einem Sturm draußen strandete. dann wußte man in Jochen Klawitter einen zahlungsfähigen Käufer dafür, gegen den bei einer Versteigerung von Schiff oder Ladung schlecht aufzukomm? ct. Seine Uznsrcht.

seine Erfahrung und sein Glück bei der

Bergung des Strandgutes waren der Neid seiner Konkurrenten. Keiner verstand es so gut, geborstene Planken, Eientheile und havarirte Waare in Geld umzusetzen, wie er. Er verdankte alles seiner Arbeitskraft und Energie. und selbst als reicher Mann noch war er von Tagesanbruch bis in die Nacht hinein thätig. Und für wen? Für wen anders als für sie, die ihn zum Dank dafür noch mit sterbenden Lippen anklagte, daß er ihr kein Glück gegönnt! Für sie und für den Jungen, für diesen diesen O, er findet selbst in Gedanken keinen Ausdruck, mit dem er den den bezeichnen könnte! Und sie war schuld daran. Selbst im Tode möchte er ihr's noch nicht verzeihen, daß ihr einziger so so geworden! Aber war wirklich etwas daran? War ste so unglücklich gewesen, daß sie Ursache hatte zu solch emem Abschied in ihrer Todesstunde? Und Karl? Der hatte ja selbst sein Lebensglück zerstört, er selbst. Und sie mit, die durch ihre Weichlichkeit verdorben, was er mit fester Hand an dem Jungen hatte erziehen wollen. Sie mit, deren vergrämte Leidenszuge ihn nun auch noch nach dem Tode stumm verklagen wollten. Den Gedanken, daß er auch sem Theil verschuldet hatte, ließ ein Egoismus nicht auskommen. Seine Erfolge hatten ihn zu selbstbewußt gemacht, und von jeher war er zu Hause rechthaberisch und barsch aufgetreten. Er konnte wohl im Geschäftsverkehr, wenn sein Vortheil es erheischte, ziemlich zuvorkommend sein, mit Weib und Kind aber und mit seinen Leuten ging er herrisch um und duldete niemals einen Widerspruch. Sein Befehl sollte unumstößliches Gesetz sein, ein Augenwinken von ihm auf der Stelle verstauden werden. Hätte er in seiner Frau einen starkeren Charakter zur Seite gehabt, und wäre er von Anfang an bei ihr auf einen eiqenen Willen geuonen. oann hätten seine Ecken und Kanten sich daheim Nie so auswachsen können; so aber war es, als reibe ein Fels sich an Wachs. Sie sah in ihm nicht nur ihren Führer und Ernährer, sondern ihren Herrn und Gebieter, dem sie mit sklaviicher Furcht jeden Wunsch von den Augen abzulesen suchte. Dabei war er me zufriedenzustellen, und sie hörte nichts wie harte Worte von ihm. die sie tief unglücklich machten; denn sie war zart besaitet, und ihr feines Gefühl ließ sie unter der mürrischen BeHandlung doppelt leiden, weil diese auch dem Kinde zutheil wurde. Ebensowenig wie sie selbst wagte Karl je einen Wunsch zu äußern, von dem er nicht im voraus wußte, daß er Mit den Wünschen seines Vaters übereinstimmte. Das geringste Versehen, die kleinste Verfehlung in der Schule wurden von dem strengen Vater nachsichtslos bestraft, und die zitternde Furcht machte den Knaben zu einem fleißigen Schüler, der stets gute Zeugnisse heimbrachte, ohne jedoch je ein anerkennendes Wort von seinem Vater zu hören. Nur Peitsche, kein Zuckerbrot. Bei seiner Einsegnung hatte die Tante Karl gefragt, was er werden wolle. Sie that es in Gegenwart des Vaters, und deshalb getraute Karl sich mcht zu antworten. Siehst! Du willst immer mch glauben, daß der Junge 'ne Schlafmütze is. Wie ich so alt war, hatte ich schon meine Pläne." Der verächtliche Ton des Vaters trieb Karl die Thränen in die Augen. Na, nu heul gar noch, Du Dämelskopp!" Und drohend hob er die Hand. Aber die Tante trat dazwischen. Du wirst doch nich, Jochen, heute!" Je, 's überkommt mich 'ne Wuth, daß akkrat ich so 'n waschlappigen Bengel haben muß. Heut justement müßt er sagen, was er werden will." Er packte den Aermsten, trotz der Tante, am 5fragen und schüttelte ihn. Auf der Stell sagst, was Du werden willst!" Zwischen den klappernden Zähnen kam es gedrückt heraus: Ein ein Seemann!" Hahaha. Du und 'n Seemann! Dazu paßt Du wie 'n Streichholz als Bramstenge. Da wärst Du akkrat der Kerl dazu. Dich darf ich nich aus 'n Horizont lassen, und dadrum kommst Du in's Kontor! Punktum!" Aus war der Traum, der des Kna ben letzte Schulzeit vergoldet hatte Seefahrt! Fremde Länder! Naviaa tions - Schule, Steuermanns - Patent, Schiffskommando. Freiheit! Statt des freien Schiffdecks harrte seiner die dumpfe Hofstube, die der Vater Kontor nannte. Statt lustiger Kameraden der alte Sondermann, des Vaters schweig samer Buchhalter, dem er nun beim Eintragen von Kohlenrechnungen und Schiffsladungen helfen konnte. Viel lieber hätte er die Kohlen in den Raum gekarrt oder die Schiffs ladungen verstaut. Er wagte aber nicht, zu widersprechen, wenn auch ein bitterer Groll gegen den Vater in ihm aufstieg und rebellische Gedanken zei ngte. Davonlaufen, sich auf 'in ausfahrendes schiff fchmuggeln, wenn man ihn nicht so als Schiffsjungen mitnehmen wollte! Hatte es doch kürz lich ein gleichaltriger Knabe ebenso gemacht und war davongekommen. Hätte er nur einen Kameraden gehabt, dem er sich anvertrauen konnte. Allein wurde er mit dem Plan nicht fertig. Er blieb, er fügte sich. Jahrelang hielt die Sklavenkette, bis die Liebe in Karls Leben trat.

Ein Knicker war sein Vater nicht.

und er hatte ihn, seit er erwachsen war. Nicht knapp gehalten. Jochen Klawitters Sohn sollte Geld sehen lassen. Welche Pläne er aber für die Zukunft mit ihm hatte, darüber ließ er sich nicht aus, und Karl war es zufrieden, daß er nach Schluß der GeschäftssinnC . c j- m 1 oen ein wenig oen Herrn ipielen tonnte. Hatte er dem Vater jetzt irgendeinen Plan zur Erlangung der Selbstständigkeit vorgelegt oder Wünsche darüber geäußert, dann wäre Jochen Klawitter vielleicht darauf eingegangen. So sab er in seinem Sohne nur einen energielosen Menschen, den man schieben muffe. Er war geradezu erbost darüber, daß nichts von seiner Thatkraft, von seinem ilrevenoen iiter aus den Sohn übergegangen war, und schimpfte auf den Waschlappen." ohne zu ahnen. daß er ihn selbst dazu herangebildet hatte. Der Gedanke, daß er dem nie erroas mißlungen war, einen Fehler in der Erziehung seines Sohnes gemacht habe, konnte ihm gar nicht kommen; denn er war von seiner Allweisheit zu sehr eingenommen. Wenn etwas gefehlt war. so trug nur seine Frau di? Schuld daran, und sie bekam es oft genug zu hören, daß Karl akkrat so 'n Pomuchelskopp" sei wie sie. Wie n Bording. den man schleppen muß. ob er leer is oder Ladung hat." Und so meinte er auch, ihn am Schlepptau in den Hafen der Ehe bringen zu können, erfuhr aber, daß Kar! denn doch einmal einen Willen zeigen könne. So sehr er auf diesen Umstand gelauert hatte als er jetzt eintrat, war Jochen Klawitter wild vor Wuth. Karl sollte ihm nicht gehorchen, nicht die von ihm ausgesuchte Braut annehmen wollen! Der Junge mußte mahnsinnig sein, die Tochter des reichen Holzhändlers I. S. Fast auszuschlagen. Aber Jochen Klawitter kam dahinter, daß Karl nur verliebt und nicht wahnsinnig war. Verliebt in die Tochter des Fischers Dietrich drüben am Holm, die noch nicht einmal so viele Groschen hatte, wie die andere Thaler mitbekam. Diese Flausen wollte er ihm austreiben. Doch Karl blieb fest, auch als der Vater ihm mit Enterbung drohte und ihm die Thür wies. Er sollte nur gehen, der der Der Hunger würde ihn schon gefügig machen und zu den heimischen Fleischtöpftn zurücktreiben. Vorläufig setzte Karl jedoch seinen Vater in starres Staunen. Er heirathete Karlinchen Dietrich, etablirte mit ihren paar Groschen," und vielleicht auch von der Mutter heimlich unterstützt, am Hafen em Kohlenlager und bemühte sich um Kohlenlieferungen an die Dampfschiffsrheder, erhielt aber zumeist nur Versprechungen für die Zukunft, die nicht eingelöst wurden. Wer wollte auch gern eine Geschäftsverbindung eingehen, die I. S. Fast oder Jochen Klawitter nicht lieb sein konnte! Einige andere Lieferungen, die er abschloß. brachten ihm hinterher Verluste, und nach einem Jahre schon fiel sein Kartenhaus in Trümmer. Ihm blieb nicht einmal die einfache Wohnungseinnch tung, die er angeschafft hatte. Jetzt bewarb er sich um irgendeine Stellung. Doch so gut bekannt er mit allen Kaufleuten, Agenten und Rhedern in der Stadt war, niemand wollte zurzeit eine Vakanz haben. Es kam so weit, daß Karlinchen in's ElternHaus zurückkehren mußte, um dort die Wiege für ihr Kind zu bereiten, und Karl blieb nichts übrig, als einen demüthigen Brief an seinen Vater zu schreiben. Die Antwort kam vom alten Sondermann, er solle seine Stellung im Kontor wieder einnehmen, wenn er auf die Bedingungen eingehe, die der Vater stelle. Dem alten Buchhalter standen die Thränen in den Augen, als er dem Sohne seines Brotherrn diese Bedingungen eröffnete: Kost und Lo gis im Hause und eine Besoldung, die vielleicht dem vierten Theil seines früheren Taschengeldes gleichkam, Androhung sofortiger Entlassung, wenn er bei einer Mahlzeit am Tisch fehle oder eine Nacht vom Hause fern bleibe O Ein Begräbniß war 's, wie man es tn dem alten Vorort am Wasser selten erlebt. Die Glocken läuteten. Der Weg bis zum Kirchhof war mit Tannenreisern bestreut. Vor dem Musikkorps gingen Männer mit Palmen und Trauerstaben, ebenso vor dem Sarge, der mit Blumen und Kränzen bedeckt war. Hinter dem Sarge ging Jochen Klawitter und. einen halben Schritt zurück. Karl. Dann folgte der alte Sondermann an der Spitze der Kapi täne, Matrosen und Arbeiter der Kla witter'schen Schleppdampfer, denen sich noch einige Verwandte angeschlossen hatten. Jochen bemerkte mit Genugthuung das Spalier bildende Publikum. Wu der eine Huldigung, die man seinem Reichthum darbracht? Doch, was war das? Die Blicke aus den Reihen der Frauen, die ihn trafen, waren keines wegs bewundernd oder gar respektvoll. Auch Aeußerungen hörte er, die ihm wenig schmeichelten, wenn sie auch Bedauern über den Tod seiner Frau ausdrückten. Die arme Frau!" Die arme Frau!" Der Kerl hat se in die Erd gebracht!" Dat is einer, anspucken müßt man den!" 'n Rabenvater is dat!" Die is wohl dran!" Der hat se was gepisackt!" Auch als er den Kirchhof verließ, tönte Aehnliches hinter ihm her. Das Gesicht war ihm tief roth geworden, die Augen auollen aus den Höhlen, uni

Wie ein Besessener rannte er davon, um

sich zu Hause einzuschließen. Zwe, Tage kam er mcht m s Kontor, und der alte Sondermann wußte sich nicht zu helfen, da er nie von den Büchern fortgekommen war und Jochen Klawitter alle Außengeschäfte selbst besorgt hatte. Er ließ es deshalb ruhig geschehen, daß Karl eingriff. und so ging alles seinen gewohnten Gang. Am dritten Tage trat Jochen morgens in's Kontor. Sondermann schlug heimlich die Hände ineinander; kaum erkannte er seinen Chef, und der Morgengruß blieb ihm beinahe m der Kehle stecken. Das Gesicht des Alten war blaß und fahl, seine Augen eingefallen und trüb, sein sonst so fester Gang schwerfällig und schleppend. Auch die unvermeidliche Cigarre im Mundwinkel fehlte. Karls Abwesenheit schien ihm gar nicht aufzufallen. Er ging langsam ein paarmal auf und ab und stellte sich dann an das Fenster. Plötzlich drehte er sich um. trat auf Sondermann zu und faßte dessen Rockkragenklappe. Sagen Sie mal, Sondermann, bm ich ein Ungeheuer?" Aber aber Herr Klawitter!" ..Bin ich ein Ungeheuer? Hab ich meine Frau unter die Erd gebracht? Hab ich dem Jungen sein Lebensglück zerstört? Reden Se, Mann! Reden Se!" Sein anfangs ruhiger Ton ging zu letzt in befehlendes Schreien über. Sondermann war über sein Gedahren so erschreckt, daß er keine Silbe ganz herausbrachte. Er stotterte nur etwas mit bebenden Lippen, das sein Nichtwissen zum Ausdruck bringen sollte. So. Also seit 'n Jahrner zwanzig stecken Se jeden Tag die Füße unter meinen Tisch, und nu wissen Se nich mal, was in meiner Eh vorging! Se haben doch sonst die Luken offen. Haben Se gesehen, daß ich meine Frau malträtirt hab?" Aber. Herr Klawitter. ich darf mir doch da kein Urtheil erlauben." So? Dürfen Se nich? Nein fönnen Se also nicht sagen! Das heißt so viel, ich hätt se schlecht behandelt?" Um Gottes willen, Herr Klawitter. das hab ich doch nicht gesagt!" Nee! Haben Se nich! Aber gedacht haben Se 's! Na. schadt nich; ich trag 's Ihnen nich nach. Denn ei muß doch was dran sein, wenn die Leute mir 's auf der Straße nachrufen. Aber nun sagen Se mir blos eins: Bin ich auch 'n Rabenvater? Hab ich mein Fleisch und Blut in's Unglück gebracht? Ich ich ich?" Nee. Herr Klawitter, da is er 'n gut Theil selbst schuld dran." I, sehn Se mal an! 'n gut Theil! Und das übrige? Da geben Sie mir die Schuld? Nee! Nee! Die nehm ich nich auf mich, Sondermann. Die nehm ich nich auf mich. Da hat er sich ganz allein reinbugsirt und kann nu sehn, wie er wieder in 'n rechten Kurs kommt." Sondermann war nicht wenig erstaunt. So viel hatte sein Chef noch nie an einem Tage mit ihm geredet, ihm aber auch noch nie so viel Vertraulichkeit gezeigt. Er meinte, jetzt könne er etwas für Karl wagen, dem er sehr zugethan war. Herr Klawitter." begann er. wenn Sie mir 'n Wort verstatten, er is doch Ihr Kind, die einzige Seele, die Sie nu noch haben " Da hatte er aber anscheinend in ein Wespennest gegriffen; denn Klawitter unterbrach ihn barsch. Hol Se der Kuckuck mit Ihrer Seele! Was brauch ich Seele? Von Seele kann man nich satt werden, mit der Seele bringt's keiner zu was! Praxis is 's. was man heutgen Tags braucht. Pf! Seele! Damit kann ich mir nich 'ne Pip Tobak verschaffen!" Na ja, Herr Klawitter. Aber unser junger Herr " 1 Nun war 's aber aus. Was? Junger Herr? Hier gibt 's man blos einen Herrn, und das bin ich! Verstanden!" Damit ließ er den Alten stehen, der erschreckt seine weihen Haare strich, und warf die Thür im Hinausgehen zu, daß die Scheiben klirrten. Wieder kam er tagelang nicht in's Kontor. Die alte Mina, die seit Iahren den Hausstand besorgte, erzählte, er säße stundenlang in dem großen Korbstuhl und gucke seine Stiefel an oder gehe auf und ab. Manchmal rede er auch mit sich selber, und nachts stöhne er, als ob ihn die Mahr drückt." Sie leugnete gar nicht, daß sie aus Besorgniß. der Olle" könne sich etwas anthun, an der Thür gehorcht habe. Nach einer Woche etwa begann Jochen wieder auszugehen. Er kam in's Kontor, fragte mürrisch und finster nach den geschäftlichen Vorgängen, ging zu Fuß nach dem Hafen oder nach der Stadt, kümmerte sich aber um irgend welche Anordnung nur von weitem, wenn er sah. daß Karl dabei war. Wiederholt hatte Karl von Bord aus seinen Vater am Bollwerk gesehen. Da er aber, wenn er ihn erblickte, sofort umkehrte, that er. was nöthig war. und alles ging glatt. Für Weib und Kind hatte Karl jetzt wenig Zeit. Er sah sie nur zuweilen bei seiner Tante, die am Wege von der Stadt nach dem Holm ein Häuschen besaß. Heute schob die junge Frau, trotz der herniederbrennenden Sonnengluth. wieder das Wägelchen vor sich her, in dem ihr Kleiner lag. Karl hatte versprochen. zwischen drei und vier bei der

Tante zu sein. Doch eine Weile vorher hatte die Tante einen anderen Besuch ihren Bruder. Sie freute sich, daß Jochen zu ihr kam, was selten geschah. Kaum saß er aber bei ihr in der Stube, als Karlinchen mit dem Kinderwagen durch das Vorgärtchen fuhr. Beide sahen sie, und Jochen sprang auf. Mir scheint. Du kriegst Besuch." sagte er, und seine Brauen zogen sich finster zusammen. Das schadt nich. Bleib man, ich führ se hinter in 'n Garten." Sie ging hinaus in den Hausflur, um die Kommende zu begrüßen, und zog die Stubenthür hinter sich zu. Guck. Karlinchen. Guten Tag auch. Und bei so 'ner Hitze!" Karlinchen hatte den Wagen eben behutsam über die Schwelle gezogen. Sie sah ihres Mannes Tante verwundert an und fragte, als sie eine Art Verlegenheit zu bemerken glaubte: Ich komm Ihnen wohl justement ungelegen. Tantchen?" I wo doch! Schläft der Junge? Na, denn schieb ihn man hier in die Eck 's is hübsch kübl hier und komm raus in die Laub." Karl wollte um diese Zeit hier sein. Er hat jetzt so viel zu thun, daß er nich zu uns kommen kann." Er wird uns schon finden hinten. Ich mach hier die Thür zu. dann hören wir die Klingel gehen, wenn er kommt." Sie machte Unter- und Oberthür zu. und nun war der Flur ziemlich dunkel. Als sie im Garten waren, öffnete sich die Stubenthür. Jochen trat vorsichtig heraus; er wollte sich unbemerkt entfernen. Leise schlich er über den rothen Ziegelboden, so daß der frisch gestreute Sand nur wenig knirschte. Dann hielt er die Klingel mit der Hand fest und öffnete behutsam die Thür. Nun sah er sich aber nochmals im Flur und bemerkte das Wägelchen, in dem sich jetzt etwas regte. Das da. der Balg da. und die da hinten im Garten bei seiner Schwester, waren sie nicht auch schuld, daß er jetzt so einsam, so einsam keine einzige Seele Ha. Seele! Was hatte der alte Sondermann neulich gesagt? Seele, einzige Seele! Und er? Hol Sie der Kuckuck mit Ihrer Seele!" hatte er ihm geantwortet. Und die da hinten war schuld, und der Balg da! Erwürgen möchte er ihn. Der Sand knirschte wieder leise. Jochen schleicht sich arr-den Kinderwagen. Aus dem Garten hört man hin und wieder die Stimmen der beiden Frauen, er steht und horcht, ob sie vielleicht kommen. Dann wieder ein Schritt wieder einer Erwürgen erwürgen! Wie Krallen hat er die Finger gebogen, dann schließt er die Hände, und die Nägel bohren sich in das Fleisch. Wo ist er eigentlich? Was will er hier? Ah. hier, im Flur seiner Schwester. Und da da Rache will er nehmen. Rache dafür, daß er umsonst gearbeitet sein Leben lang, umsonst gescharrt und gehäuft für einen Undankbaren! Erwürgen ihn erwürgen! Nein, er hat ihn ja nicht, aber doch sein Kind! Im Wagen regt sich's wieder, und Jochen schlägt das Lederverdeck zurück. Ha, die großen blauen Augen, die hellen Krauslöckchen! Das ist ja Karl, sein Karl! Wah wah!" kommt es von den kleinen rothen schwellenden Lippen. Ganz leise, ganz verschlafen gehaucht: Wah wah!" Oh. wie hat er sich damals gefreut über seinen Buben! Er hat 's nur niemand zeigen mögen. Er hat die innere Weichheit, wenn sie sich bei ihm regte, stets durch äußere Rauheit verdeckt. Aber jetzt? Erwürg Gott! Wie kam ihm nur dieser Frevelgedanke! Es ist ja doch sein Fleisch und Blut sein sein Enkel! Seine Augen werden naß. Er beugt sich über das Kind und preßt seine rauhen Lippen auf das warme Mündchen. Der Kleine wehrt und strampelt und schreit auf, und zugleich tönt es hinter ihm: Vater!" Die Frauen stürzen aus dem Garten herein. Da sehen sie zwei Männer weinend sich innig umschlungen haltend. Kanonenschläge sind mit Zündschnüren versehene Pulversäcke Dieselben werden, wenn die Zünd, schnür brennt, fortgeschleudert, und er; die nach der Explosion erfolgte Rauchentwicklung dient zu Zielübungen. Die Beduinen Arabiens sind sehr schwache Esser. Sechs bis sieben in geschmolzener Butter eingeweichte Datteln genügen einem Manne

für den ganzen Tag. woneoen er nur noch eine sehr geringe Menge grobes Mehl oder eine Handvoll Reis verzehrt. Die Girasse ist das einzige T h i e r. das nicht schwimmen kann, was hauptsächlich an ihrem gar zu langen Halse liegen soll. Jedes andere Thier ist, wenn es in tiefes Wasser gerathen war. immer im stände, sich wenigstens an der Oderfläche zu halten. Die Norweger bedienen sich eines merkwürdigen, doch sehr einfachen Verfahns. alte, nicht mehr dienstfähige Holzschiffe abzubrechen. Sie schleppen diese nämlich nahe an einem felsizen Vorsprung der Küste, verankern sie da und überlassen es den Brandungswellen des nächsten Sturmes. den betreffenden Schiffsinvaliden zu zertrümmern. Nachher werden die umherschwimmenden Bruchstücke eingesammelt und als Feuerholz verkauft.