Indiana Tribüne, Volume 30, Number 8, Indianapolis, Marion County, 1 September 1906 — Page 6
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(Lrspaische Nachrichten.
KNSurg. Oiden-bu ?g. Marim - Mafchrrrmbmnnerfter Mohr wird nach Kiel versetzt. Die an der Sonnenftraße belegene Osterloh'sche Besitzung wurde an den Lokomotioführergehilfen Liiken Hierselbst verkauft. H ü l l st e d e. Schmiedemeiftn Christian Reiners und Frau konnten ihre silberne Hochzeit feiern. S ch o r t e n s. Der Bäcker Johann hat sein Haus mit Bäckerei-Jn-ventar an den Bäcker Oetken für 15,000 Mark verkauft. Vechta. Hier hat der Metzgergeselle Meyer Jakobsohn sein 75jähriges Arbeitsjubiläum gefeiert. Er ist 98 Jahre alt und noch immer bei dem Meister Heinemann in Arbeit. Der Großherzog von Oldenburg verlieh ihm die Medaille für Treue in der Arbeit. Zsreie Städte. Hamburg. Das 25jährige Amtsjubiläum begingen kürzlich bei der Steuerdeputation der Bureauvorsicher H. F. Wendt und der Kassenbeamte H. L. C. Ahrens. Beim Baden ertrunken ist der zebniäbriae Knabe Karl Degener aus Wilhelmsbürg. Die Leiche wurde gefunden und nach dem Hafenkrankenhause gebracht. Erhängt hat sich in seiner Wohnung, Billhorner Kanalstraße 31, der Arbeiter Marquardt. Eine unheilbare Krankhelt soll die Veranlassung zu der That gewesen sein. Die Leiche kam ins Hafenkrankenhaus. Max Calmann, Mitinhaber der hiesigen Bankfirma E. Calmann, feierte sein 25jähriges Geschäftsjubiläum. Schwer verletzt wurde der Arbeiter Theodor Meyer im Freihafen, Block O., durch eine herabfallende Kiste. Der Verstorbene wurde, nachdem ihm ein Nothverband angelegt war, nach dem Hafenkraakenhaus überführt. Vor Kurzem beging der Uhrmacher C. Meiners, der Firma I. Fensohn, Große Bleichen 44, sein 25jähriges Jubiläum als Angestellter dieser Firma. Bremen. In einer Wirthschaft an vor Grabenstraße fing der wegen serner Händelsucht aus der Arbeit entlassene Maurer Behn mit mehreren Maurern Streit an. Dabei schlug er den Maurer Kirchner, einen Schlesier, nrit dem Bierglas so auf den Kopf, daß Kirchner an den erhaltenen Verletzungen alsbald gestorben ist. Behn wurde in Haft genommen. Dem Vorsitzenden des Kampfgenossenvereinö an der Wesermündung. H. Hinsch, ist für seine Verdienste um daö deutsche Kriegervereinswesen vom Kaiser der rothe Adlerorden vierter Klasse verliehen worden. Schweiz. Bern. Vor einiger Zeit ereignete sich am Stockhorn ein Unglück. Ein Löjähriger Mann Namens Marti, Elektricitätsarbeiter von hier, wollte mit einem Freunde das Stockhorn besteigen. Auf einem Schneefeld verlor Marti das Gleichgewicht, rutschte den Abhang hinunter, überschlug sich zweimal und stürzte dann etwa 40 Meter tief ab. Sein Begleiter, der ihm Hülfe bringen wollte, entging mit Noth dem gleichen Schicksal. Das Unglück war von anderen Touristen gesehen worden. Diese eilten herbei und fanden Marti am Fuße der Felswand mit zerschlagenem Schädel. Der Tod muß augenblicklich eingetreten sein. Die Leiche wurde nach einer Sennhütte auf der Walalp transportirt. Marti war gut ausgerüstet, kräftig und im Bergsteigen geübt. Adel b oben. Letztens starb hier an einem Herzschlag der weitbekannte Alpenclubist PaulEhristen aus Burgdorf, Architekt, einer der besten Kenner der schweizerischen Bergwelt, im Alter von 70 Jahren. Ebnat. Eine ältere Frau Namens Kühne wurde unweit von hier von einem Automobiliiten aus (5 Wallen überfahren und türmtet) tc letzt. F r e i b u r g. In der Freizeit be schuftigen sich gar viele Sprößlinge bedürftiger Stadtfamllien mit Holzsammeln. Letztens verunglückte bei dieser Beschäftigung ein 13jahriger Knabe einer reformirten Wittwe, Emil Pauli, indem er gegenüber der Magdalena-Einsiedelei, wo der sögenannte Wolfgraben in die Saane ausmündet, haushoch von der Fluth tn den Fluß fiel, dessen reißende Wellen ihn mrtschwemmten. Grindelwald. Beim Blumenpflücken an einer gefährlichen Stelle in der Nähe von hier ist der Engländer Reverend Thorton abgesiüt. Mit schweren Verletzungen wurde er nach dem Hotel Ban gebracht. Ebenfalls beim Blumensammeln ist auch eine Miß Webb. die im otel Äipma vier wohnte, verunalückt: sie batte ernste, obsckon any , , , I j scheinend nicht lebensgefährliche innere Ber'etzungen davongetragen. Zürich. Vor kurzem verschied im
Alter von 79 Jahren Fürsprecher August Goll, einer der angesehensten hiesigen Anwälte und Nestor der Advokaten unserer Stadt. HesterreicH.'Jtrgcrrn. Wien. Der Mineraloge, Hoftath Dr. Gustav Tschermack, ordentlicher Professor der Mineralogie und Petrographie an der hiesigen Universität, vollendet am 14. September d. I. sein
u. eoensrayr uno wrvo oa'yer am Schlüsse des lausenden Studienjahres in den Ruhestand treten. In Ottakring, Hafnerstraße, vor dem Hause No. 110. wurde die dreijährige GeschatÄienerstochter Josefine Gerlich von einem Kohlenwagen überfahren und starb an den dabei erlittenen Verletzunyen. 5den Erhebungen zufolge ist der Kutscher des Kohlenwagens an dem Unfälle nicht schuldtraZend. Die Kleine, welche mit anderen Kindern auf einer Wiese am. sogenannten Fläher? gespielt hat, war plötzlich fortgelaufen und direkt in den Wagen gerannt. Vor ewiger Zeit ist der Professor der Rechte an der hiesigen Universität, Hofrath Lustkandl, im Alter von 74 fahren nach kurzer Krankheit gestorben. In Baden, unwert von hier, ist der dort zum Sommeraufenthalt weilende älteste hiesige Tanzmeister. Franz Rötzer. der durch 55 Jahre die Tanzschule Rötzer ln der Mariahilferstraße leitete, an Herzlähmung im fflL Lebensjahre gestorben. Rötzer starb als wohlhabender Hausbesitzer von hier und Baden. Dieser Tage feierte der Dichter Ludwig v. Mertens seinen 80. Geburtstag. Zum Dekan der hiesigen medizinischen Fakultät für das Studienjahr 190607 wurde der Professor fürPharmakoloqie Dr. Hans Horst Meyer gewählt. Auf dem Schwarzenbergplatze wurde der 61jqbrige Hauptmann d. R. Franz Eisners, Karolinenqasse No. 9 wohnhaft, von dem Mechanikergehilfen Franz Bilard mit dem Beiwagen des von ihm gelenkten Motorrades niedergestoßen. Er erlitt einen Unterfchenkelbruch. In einer letztens stattgefundenen Sitzung des Professorenkolleq'iums der Hochschule für Bodenkultur wurde für das Studienjahr 190607 der Professor für Botanik. Doktor Karl Wilhelm, zum Rektor gewählt. Als Prorektor wird Hofrath Professor Dr. Hermann Ritter von Schullern zu Schrattenhofen fungiren, da der eigentlich für dieses Amt in Betracht kommende Professor Dr. Marchet infolge seiner ErNennung zum UMerrichtsminister dieses Amt nicht versehen kann, G r a z. In einem hiesigen Gasthofe wurde der 25jährige Buchdruckergehilfe Franz Kipperer mit schweren Schußwunden in der Brust, lebensgefährlich verletzt, aufgefunden. In demselben Zimmer fand man die Leiche der 20jährigen Marie Egger, der Geliebten KippererS. Der Mann hat offenbar zuerst das Mädchen erschossen und dann sich selbst das Leben zu nehmen versucht. Kipperer wurde in's Krankenhaus gebracht, ist aber bald darauf feinen Verletzungen erlegen. Motiv der That: unglückliche Liebe. Reichenberg. Letztens hat sich in einem hiessen Hotel der 25 Jahre alte Apotheker - Praktikant und gewesene Jurist Josef Hanslik vergiftet. Die Ursache des Selbstmordes ist unbekannt. Tann Wald. Letztens hat sich auf dem hiesigen Friedhofe ein junger Mann Namens Berthold Weikert aus
r"V i Albrechtsdorf am Grabe feiner jüngst verstorbenen Geliebten durch einen Schuß in den Unterleib schwer verletzt. WienerNeustadt. Hier starb im Alter von 75 fahren der pensionirte Neallchulleyrer Dr. Hugo v. Gllm, der letzte Bruder des berükmten Tiroler Dichters Hermann v. Gllm. Die Leiche wurde m Innsbruck beerdigt. Luxemburg. Luxemburg. Herr Edmund Herriges von hier hat das letzte Dok-torats-Examen der Rechte mit Erfolg bestanden. Differ dingen. Zum PolizeiCommissar von Dlfferdmaen wurde pom Gemeinderath Herr Ludwig, Gendarm in Rodinqen. ernannt. D ü d e l i n g n. Der Sandaießer Peter Metzler wurde im hiesigen Hüttenwerk von einem Transmissionsriemen erfaßt und rm Bogen herumgeschleudert, so daß er schwere Verletzungen arn Kopfe davontrug. Sein Zustand ist bedenklich. Eln llnglucksfall auS eigenartiger Ursache, dem eine Dame aus Worms, Fräulein Marie Heine. Tochter des dortigen Professors Hei ne, zum Opfer fiel, ereignete sich an der Haltestelle Stockdorf bei Mlln cyen. Fräulein Heine wellte bei der ihr befreunden Pianistin Frau Sophie Menter in Stockdorf zu Besuch und wollte mit dem Zuge nach Mün cyen fahren, el der Einfahrt bei Zuges wurde ihr aufgespannter Re genjcmrm vom zwerreu Wagen des Zuges erfaßt. VA wollte den Schirm nicht loslassen, lief einige Schritte neben dem Zug her, glitt aus und geneth unter das Mittelrad des Wagens. Obwohl der ohnehin schon langsam fahrende Zug bald hielt, war es bereits zu spät. Die Dame hatte sehr schwere Verletzungen im Unterleib, am Kopf und an den Handen erlitten. Man brachte sie nach Planegg, wo sie Abends verschied. Boshaft. Weinwirth (als ein Gast über den vorgesetzten Rothwein schimpft): Sie können schimpfen wie sie wollen, aber die schöne rothe .Farbe, die der Wein hat, die können Sie ihm nicht nehmen!" Gast: Ach was! Dies Getränk hat doch nur deöhalb solche rothe Farbe.. . . weil eö sich schämt, als Wein verkauft zu werden!
Sappho und Melitta.
Rovellette von L. Lindemannißntt. . . . .Aber i bitt' die ift doch aeviß schon an die Vierzig! Da herum hat sie ja schon lauter Falten!" Da-; bei fuhr die Sprecherin mit den MnI erspitzen kokett um ihre Mundwin-j el und ihren Hals. Sie war klein! gebaut, etwas zu Ueppigkeit neigend,! hatte ein wohlgeformtes Gesicht mit roßen blauen Augen und zierlicher Stumpfnase und volles, etwas künstlich aussehendes rothblondes Haar: den dunklen Brauen war mit dem Stift etwas nachgeholfen; die kleinen weichlichen Hände wareil mit Brillanten geschmückt und sehr gepflegt. Tom Seiten war schon in ?!abr bei der Hofbühne und reizend frech" in den berühmten Backfischrollen. Bei dem schon alternden Intendanten hatte sie einen Stein im Brett: er war reine weg," wie der Charakterspieln behauptete. Sie galt viel bei einer gewissen Sorte von College; die ernsthaften gingen ihr stillschweiend aus dem Weg. Im Conversatlonsnmmer führte Toni stets das große Wort. So saß sie auch jetzt zurückgelehnt in einem Sessel mlt Herrschermlene da; sie wippte mit zierlich beschuhtem Fuß auf und ab. daß die Chiffonrüschen ihrer Röcke rauschten und schien in bester Laune. Ihr gegenüber saß der.Liebhaber". ein bildschöner, hochgewachsener junger Mann, der nach aller Meinung vor einer Riesencarriere stand, weil wie selten im Leben seinem bestechenden Aeußeren ln großes, echtes Talent zur Seite stand. Er war der erklärte Liebling aller, weil er mit seinen weltmannischen Manieren nu Jemanden kränkte, nie eine Scene" machte, kurz, mit allen gut stand. Toni, Toni Tomssima, lachte er. Herrgott, ist das Frauenzimmerchen heute wieder goldig boshaft. Aber rnesmal hast Du unrecht, mem Engel, er nannte Toni Du", wie sie ihn die Welsen hat noch keine Falten." Ja weißt, Peperl, sie hat lmmer ganz hohe Kleider an mit Kragen bls da 'naufr Sie tlppte mit dem Finger an ihr Ohrläppchen. Wirst schon sehen heute Abend, wenn sie dekolletirt kommt. Als Sappho kann sie doch net daherkommen wie a eingewickelte Mumie; da muß sie schon den Hals und die Arme fr lassen. Du wirst schau'n!" Na hör' mal, Tom! Die Welsen scheint's mit Dir verdorben zu haben. Was ist denn los?" Gor nir ist los," sagte d Kleme böse. A g'spreizte Person ist sie. und das kann i mal net leid'n." Eine tüchtige Künstlerin ist sie, Toni, mein Engel! Und ein Temperament bat sie, Donnerwetter noch mal! Paß auf, das wird großartig heute Abend." Ah, da schau her jetzt wird's Nacht! Der Peperl schwärmt! Ui jegerl wenn man net wüht was Du für ein verliebter Spatz bist, der mit einer jeden anbandelt, könnt'S einem Angst werden. Aber so " und sie drehte die kleinen Hände hin und her, daß die Brillanten ausfunselten. Es war ein fortwährendes Necken zwischen den beiden; Joses Tönjy kam gut mit der kleinen, gefürchteten Person aus; sie belauerte heimlich wie eine Katze hinter jeder Kulisse sein Benehmen gegen die anderen Kolleginnen, ohne jedoch etwas anderes finden zu können, als seine scherzhafte collegialische Art des Verkehrs. Seit den letzten Proben, die das Gastspiel von Fräulein Welsen mit sich brachte, war sie stutzig geworden. Sie hatte gelauscht, als die Welsen, t 1 r 11 ff"' - me lonn Nie mrr z,oniv mnicr uzn Kulissen sprach, einmal im eifrigsten Gespräch mit ihm über eine andere Auffassung seiner Rolle war. Sie schlug ihm diese und jene Aenderung in Ton und Geberde vor; er war ungeduldig und vertheidigte seine Auffassung. Gelassen setzte sie ihm ihre Ansichten auseinander; er schlug sich vor die Stirn: Ich Dummkopf wahrhaftig, Sie haben recht." Er folgte ihrem Rath und errang am Abend stürmischen Beifall. Als sie an ihm vorbei zu ihrer Garderobe ging, küßte er ihr die Hand: Ich danke Ihnen. Fräulein Welsen." Das hatte Tonis Blut in Wallung gebracht. Sie liebte den schönen Tönjy so weit sie eben lieben konnte, und sie haßte die Welsen. Was es hieß, wenn Toni eine Collegin haßte, hatte manche mit Schaudern an sich erfahren müssen. Aber nie hatte eine Collegin den boshaften Ausfällen gegenüber solche vornehme Ruhe und vollkommene Höflichkeit bewahrt, wie Erna Welsen, bis Toni vor dieser Ueberleaenheit die Waffen streckte, sich aber hinterrücks doppelt in anzüglichen Redensarten erging und sich in Wuth förmlich verzehrte. Und diese beiden Frauen spielten heute Abend zufammn Sappho und Melitta! Erna Welsen saß in ihrer Garderobe; sie war vor der Zeit fertig, wie das stets ihre Art war. Sie hatte sich in eine Ecke zurückgezogen und sah, den Kopf in die Hände gestützt. still vor sich hin. Die Sappho sollte sie spielen erne Rolle, die ihr am Herzen lag, wie kaum eine sonst. Sie hatte sie mit der ganzen Gluth ihrer leidenschaftlichen Künstlerseele sick
eigen gemacht, und gerade heute on Sappho die Scene mit Phaon Es ging ihr durch den Sinn, was Grillparzer selbst von seiner Sappho sagt: ... auf diefe Höhe hat sie die Bildung ihres Geistes, die Kuns! ae-
stellt. Sie wagt einen Wunsch an' oa& Leben und ist verloren " Erna spricht in Gedanken bie letzten Worte halblaut vor sich hin: Sie wagt einen Wunsch an das Leben und ist verloren und schreckt aus ihrem Sinnen auf. Sie, die Stolze, Unnahbare, von der die Colleginnen behaupteten, daß die Männer nicht für sie existirten, daß sie überhaupt nie lieben könnte, spürte zum erstenmal eine eigenartige Empfindung seit dem Zusammensein mit Josef Tönjy. Es war etwas SiegHaftes in ihm, das auch sie besiegt, hatte; auch thaten lhr seine Manieren wohl, er stammte aus gutem Hause, wie ste selbst. Und dann seine Intelligenz, seine hohe Begabung; was konnte aus diesem Manne werden. wenn er ernsthaft arbeitete! Der Altersunterschied war nicht groß, wenngleich sie älter war als er; sie war dreißia Jahre alt, er achtundzwanzig. Zwei Jahre das konnte wohl kaum in Betracht kommen. Und Hand in Hand mit ihm weiter arbeiten können, zusammen wirken das mußte schön sein, herrlich schön . . . Das Glockenzeichen zum Anfang wird gegeben sie fährt zusammen. Wieder an ihn gedacht! sie zw' :gt die Hände ineinander und wie ein heiliger Schauer geht es über sie: heute siegen, ihn erobern durch ihre Kunst." Dann geht sie langsamen Schrittes hinaus. Noch wenige Minuten, dann rauscht der Vorhang auf und nach den Jubelrufen des Volkes ertönt voll und klar, mit der gesättigten Ruhe", die Grillparzer am Anfang von Sappho verlangt, ihre Begrüßungsrede. Ruhig und stolz steigt die schlanke Gestalt in den langen, weißen Gewändern von ihrem Siegeswagen herab. Mundervoll hebt sich der feine Kopf mit dem blassen Gesicht und den großen, dunklen Augen von dem tiefen Roth des Mantels ab: der Lorbeerkranz schmiegt sich wie liebkosend um das wellige, braune Haar. In schönem Rhythmus, getragen und wieder leicht bewegt, strömen die Verse von ihren Lippn; scheu und zärtliK spricht sie mit Phaon, voll Liebemit Melitta, und in der Anrufung Aphroditens: Hilf mir erringen, nach was ich ringe. Sei mir Gefährtin im lieblichen Streit." klingt der erste Akt aus. Sie erhebt sich wie im Traum; das Publikum ist entzückt und ruft nach ihr; sie verbeugt sich. Nach einiger Ruhe in der Garderobe tritt sie in eine Etenkulisse, um von dort aus auf ihr Stichwort zu warten. Sie hört in der Neben - Kulisse Lachen und Plaudern; sie hört, wie Toni mit Tönjy spricht in ihrer lauten. derben Art: Ich bitt' Dich Peperl, mach' nicht solches Gew' mit der Person; dn verdreht ja die Augen wie ein verliebter Kater." Aber, Toni sie ist geradezu göttlich! Das wird eine Musterleistung." ..Ach, geh', hör' auf, mir wird schlecht. A solchem Rollen ist doch net zum Umbringen. Und überhaupt wie Du mir vorkommst! So ein schöner, junger Bursch' wie Du und die alte Tulpen! Da schau her bin i net hübsch heut'? Steht mir gut. das blaue Gewandel was? Geh' gib mir ein Bussel!" Halb ärgerlich, halb belustigt lacht Tönjy aus: Aber Toni heut' aeht's wieder mit Dir durch. Willst net? Macht nix. mußt mir io doch gleich den vorgeschriebenen Kuß" auf der Bühne geben. Wir zwei gehören schon zusammen heur' vielleicht auch mal für immer schnurrt sie zärtllch zu lhm auf. Erna sieht starr auf die Bühne und beobachtet das Spiel zwischen Phaon und Melitta der Kuß dauerte für einen Buhnenkuß merkwürdig lange. Sie tritt auf: Du läßt Dich suchen. Freund doch, ha! Was seh ich? Melitta!!" Und nun beginnt ein Doppelspiel der Leidenschaft; es steigert sich von Scene zu Scene, von Akt zu Akt. Erna überläßt sich völlig den Wogen dieser Leidenschaft, die sie thurmhoch tragen über sich selbst hinaus! Ihre Leistung wächst in's Riesengroße. Tönjy ist hingerissen; bald beugt er sich über Melitta, bald schleudert er Sappho seine Anklagen entgegen, doppelt heftig, weil sein Gewissen ihn peinigt. In seiner Unsicherheit flackert verhaltene Gluth. Wie ein Bann liegt es auf den Mitwirkenden und aus dem Publikum. Die affektirte seelenlose Stimme Tonis als Melitta schrillt wie ne Dls sonanz dazwischen, wird aber völlig von den Akkorden gewaltiger erdenschaft übertönt. Den Menschen Liebe und den Göttern Ehrfurcht! Genießet, was Euch blüht und den ket mein. So zahle ich die letzte Schilld des Lebens Ihr Götter segnet sie und nehmt
mich aus.
So verhallt Sappho's TodeSruf. Der Vorhang 5gllt. Man ruft nach Sappho; das Publikum ist in Extase und ruft immer von neuem; Erna folgt todtmüde und widerstrebend. Der Intendant eilt auf die Bühne, um sie zu beglückwünschen; sie ist blaß und zittert vor Erschöpfung. An der Thür ihrer Garderobe steht Josef Tönjy; das echte Künstlerblut in ihm treibt ihn in seiner Begeisterung zu ihr; alles Edle und Gute in seinem Herzen ist erregt; er streckt ihr beide Hände hin: WaS ist das für ein Genuß, mit Ihnen spielen zu dürfen! Fräulein Welse Erna ich danke Ihnen, ich danke Ihnen ". Ihm stehen Thranen in den Augen. Sie sieht in sein schönes, erregtes Gesicht und nickt ihm sreundlich zu, die Thür schließt sich hinter ihr. Am nächst Vormittag läßt sich Josef Tönjy bei Erna Welsen melden. In überströmender, ergreifender Weise erklärt er ihr seine Liebe und bittet um ihre Hand. Wie ein Rausch von Freude kommt es über sie .die, mühsam ihre Ruhe wahrend, vor ihm steht; schon will sie ihm die Hand geben und mit ihr sich selbst
da hört sie Tonis Kichern und sieht die Scene vor sich, wie Phaon Melitta im Arme hält und lange küßt Ich kann nicht ja" sagen." sagt sie leise und traurig. Erna!!" Ich verzeihen Sie mir ge stern ich stand in der Kulisse, da hörte ich Fräulein Seiten mit ;hnen sprechen. Und wie sie sprach! So zutraulich so hat sie ein Recht dazu?" Die Toni? Die Toni Seiten? Was denken Sie? Wlr sprechen allerdings in dem Kulissen - Jargon miteinander wie soll man denn anders mit ihr sprechen? Sie werden doch nicht denken, daß um Gottes willen, welche Thorheit.Seine Bestürzung ist echt. Sle spricht mit ihm wie mit einem guten Freunde. Dann sagt sie. ihn groß und klar anblickend: Ich verspreche Ihnen, mich für gebunden zu halten; Sie sind es mcht. Ein Jahr prüfen Sie sich: halten Sie sich für völlig frei, denken Sie nach einem Jahr fo wie heute, dann gehöre ich Ihnen. Aber sehen wollen wir uns in dieser Zeit nicht; es ist besser so. Mein Contrakt ruft mich auf ein Jahr jetzt nach Amerika; das kommt uns betden zu statten. Er widerspricht, er bittet sie bleibt fest. Sie nehmen Abschied von einander; er will sie küssen, sie wehrt leise und scheu ab: Nach einem Jahr," sagt sie, und ihre dunklen Augen sehen ihn voll treuer, tiefer Sehnsucht an. Für Erna Welsen beginnt ein Jahr aufreibenster Thätigkeit. Die fremden Verhältnisse nehmen sie auf das äußerste in Anspruch; sie arbeitet mit Energie, und vor sich hinlächelnd legt sie die Ersparnisse von ihren großen Einnahmen zurück; für ihn für uns beide." Am Anfang kommen seine Briefe täglich; zärtlich, stürmisch verlangen sie nach ihr; sie antwortet, jeden leidenschaftlichen Ton gewaltsam unterdrückend, liebevoll, aöer zurückhaltend. Er soll sich nicht gebunden fühlen. Seim Briefe werden spärlicher, sie bleiben schließlich ganz aus. Am Schlüsse des Iahres erhält sie seine VermählungSanzeige mit Toni Setten. Melitta siegte über Sappho. Der redende Pinscher. Der bekannte Bauchredner Worth betrat einmal mit seinem Pinscher ein Restaurant. Er nimmt in einer Ecke Platz; der Hund springt auf den Stuhl neben ihm. Worth: Kellner, ein Glas Bier! Der Hund: Mir auch ems! (Der Kellner ist paff, die Gäste gleichfalls.) Der Kellner bringt die zwei Glas Bier. Worth: Und nun ein Beefsteak! Der Hund: Mir auch eins! (Allgemeine Sensation.) Rentier Piepmeier tritt an WorthS Tisch. Piepmeier: Ihr Hund kann sprechen? Wth: I wo! Piepmeier: Ich Hab's doch selber gehört! Worth: Sie irren sich, Verehrtester! Piepmeier: Schäker! Was wollen Sie für das Thier haben? Worth: Sie hören ja Piepmeier: Scherz beiseite! Wollen Sie mir den redenden Hund für 100 Mark lassen? Worth: Den Hund ja! Aber ich wiederhole nochmals . . . Piepmeier: Schon gut. schon gut! Hier sind 100 Mark. Worth: Danke! Aber die Herren sind Zeugen . . . Alle: Ja. ja! Die Sache ist glatt Worth trinkt sein Bier aus. zahlt. faltet den Hundertmarkschein zusammen und empfiehlt sify Wie er hinausgeht, sagt der Hund: Von jetzt an rede ich aber keinen Ton mehr!
Bewiesen. Stubenmädchen (als die Tochter des Hauses für ihren Verehrer etwas gekocht, und dieser es rein aufgegessen hat): Fräulein, der liebt Sie wirklich, da brauchen Sie nicht zu zweifeln!
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