Indiana Tribüne, Volume 29, Number 309, Indianapolis, Marion County, 23 August 1906 — Page 7
Jdia Triblne. 28 UuDnA MM6
Tyrann Ehre
Vornan von ü. LubowsK i Fortsetzung.) Leutnant von Tannberg und 9Dßachenhusen haben sich von dem wunderschönen Spätsommerabend zu einem Spaziergang hinauslocken lassen. Tic Manöverzeit hat sie verwöhnt. Volle drei Wochen sind sie, mit Ausnahme der wenigen Ruhetage, unter Gottes Himmel gewesen. Um sie her das unendliche All und damit der unbeschrankte Raum zur freien Bewegung. Darnach liegt das Engbegrenzte der kleinen Garnisonstadt mit schwerem Druck auf ihnen. So wenigstens erklären sie sich das dumpfe Gefühl, das in ihren Köpfen hämmert und sie formlich aus dem Zimmer getrieben hat. In Wahrheit ist es etwas ganz anderes. Sie haben Klaus Wiedenthal auf der Lafette sitzen sehen, kurz nachdem ihm die Unglücksbotschaft zugegangen war. Und dies Bild können sie nicht wieder los werden. Sie denken beide in diesem Augenblick daS Nämliche und haben doch nickt den Muth, es auszuspre?en, der eine, weil er fürchtet, seine kaum beruhigte Innerlichkeit aufzurübren, der andere, weil damit nothwendigerweise eine Anklage gegen den eigenen Vater verbunden wäre. Tarenberg sieht das harte Gesicht des Obersten vor sich, mit dem er ihnen die Unmöglichkeit klar gemacht yal. einen Menlchen aus solcher Famtlie in die Kameradschaftlichkeit aufzunehmen. Das Blut steigt ihm bei dusen Gedanken abermals zu Kopf. Zum ersten Mal beleuchtet er den Fehltn:: seiner eigenen Mutter auch nach dieser Richwng hin. Wenn es wahr ist, was des Obersten innerste Ueberzeugung zu sein scheint, wenn die Kameraden ebenso dächten und urtbeilten geborte er dann noch unter sie? Mutzte er mä. den Rock, der ein Rock der Ehre war, ablegen, weil er eines Blutes mit der Mutter war? Sein innerstes Empfnv den rebcllirte dagegen. Deine Ehre sei ein blanker Schift und in Dir" leuchtete es als Erstes und Vornehmstes auf dem Wappenschild seiner Väter. Das aber stand in krassem Widerspruch zu der Ansicht des Obersten. Er fühlte sich weiterhin rein, unbefleckt und würdig, seines geliebten Königs Rock zu tragen. Sollte er ihn jemals freiwillig ablegen, dann mußte ihn etwas Schreckliches, das er auszudenken jetzt nicht einmal die Kraft fand. dazu zwingen. Ein Etwas, das ibm die Gewißheit gab, es kommt lediglick darauf an. daß die äußeren, starren Gesetze der Standesehre unverletzt erhalten bleiben, die innere Ehre und Wohlanständigkeit sind nebensächliche Privatangelegenheiten, die das Korps nicht das geringste angehen." Das heute war ihm noch kein vollgiltiger Beweis. Es handelte sich um jemand, der nicht, wie er, festgewachsen in dem Boden der militäriscken Zuckt und warmen Begeisterung für das deutsche Heer war. um einen, der als Beiwerk si:ines Lebens ansehen mußte, was für seine Person Hauptzweck und Ziel bedeutete. Der würde drüber fortkommen. ,.Ob man nicht die moralische Pflickl hat. sich um Wiedenthal zu kümmern." fragte Wachenhufen plötzlich in die drückende Stille hinein. Es würde schwer sein, ihn zu sinden, Jürgen wehrte Tarenberg die augenblickliche Aufwallrmg des Freundes ab. In folcher Stimmung bleibt ein Mensch, wie er es ist, nicht allein. Zudem glaube ich auch, daß er bereits auf dem Wege zu seiner Mutter ist." Da sieht Wachenhusen den wenig Aelteren. der ihm trotzdem bisher in allen Sachen eine Autorität gewesen ist, fest an und fragt leife: Hans Weddo. faqe mir, ob mein Vater recht gehandelt "bat!" Taren berg richtet sich hoch auf. Was kann Dir an meiner Beurtbei lrmg gelegen sein, Jürgen, wo die Deine, als die seines Sohnes, ihr dock hart entgegen stehen wird?" Wachenhusen legt die Hand schwer auf Hans Weddos Arm. Der fühlt, wie feine Finger in nervöser Aufregun? zittern. Das bestärkt ihn, mit feinem Urtheil zurückzuhalten. Antworte mir!" bittet Wachenhufen. Da rafft sich der andere auf, so zart und schonend wie möglich will er das. was bereits in seinem Schweigen gegeben ist. abzuschwächen versuchen. Meine Ansicht ist die des einzelnen, Jürgen. Wer bürgt Dir dafür, tajj sie richtig ist?" .Das ist mir Antwort genug, Hans Weddo. Du verurtheilst also das schroffe Abweisen, dies Absprechen der äußeren, absoluten Ehrenhaftigkeit auf Grund der festgestellten Geschehnisse?" Dmchaus." Und machst memen Vater für alle daraus entstehenden Folgen verantwortttch?" Ja. Jürgen.Auch für den eventuellen Tod des Wiedenthal, wenn ihn die Berzweif lung zu dem Aeußersten treiben sollte?" Tarenberg lächelt ein wenig. .Wer noch so jung wie er ist, und so am Leben hängt, überlegt sich das hundertmal. wenn ihm überhaupt ein derartiger Gedanke kommen sollte. Aber auch das glaube ich nicht einmal."
Wachenhusen athmet, wie von schwere? Last befreit, auf. Der Gedanke an solchen Ausgang hat mich unbeschreiblich gepeinigt, Alter. Aber ich glaube jetzt rnii Dir, daß ich zu schwarz gesehen habe. Und nun laß uns von Ersprießlicherem reder.!" sagt er heiter und schiebt seinen Arm unter den des Freundes. 7. Kapitel. m Ende der Stadt, dicht azr Jr linken Ufer der luftig dahir & sprudelnden Gertraude liegt ein kleines, einstöckiges Haus. Es gehört zu der abseits liegenden Mühle, die baufällig und altersschwach in das uns diese trockene Zeit ungefährliche Wehr hineinschaut. Das ist das Reich des Müllers Ulfilas. der seit zehn Jahren mit einer alten, verschlagen aussehenden Magd hier haust. Grotscher Ulfilas ist Böhme von Geburt. Ein unheimlicher, finsterer Mensch, dem die Trautenberger Bürger aern aus dem Wege gehen. Er bat öffentlich noch nichts gethan, was ihn mit dem Strafgesetz in Konflikt aebracht hätte und dennoch entbehrt er die Achtung feiner Mitmenschen. Sie braucken sein Mehl, holen sich Kleie und Schrot für das Vieh von ihm, aler si.k thun es nur. weil kein anderer da ist. der ihren Bcdarf decken kann. Dunkle Gerüchte gehen in der Stadt über ihn um. Sie erzählen sich in der Kantine, auf den Wachstuben und in den Küchen. Besonders gern an kalten Winterabenden. weil der warme Kachelofen dann gleich so schön gegen das Gruseln helfen kann. Darnach srii' es noch Leute geben. welche Ulfiüls' Gastfreundschaft in Anspruch nehmen. Sie kommen von fern yerzugereist, besonders zu Märkten und Lohntagen und verstehen es, ein paar Andere, denen die Verzweiflung oder das Glück gar zu deutlich auf den Gesichtern geschrieben steht, mit sich zu schleppen. Den schmalen Fußsteg um die Mühle herum geht an dem nämlichen Abend, der auf die Unterredung mit seinem Hauptmann folgte, Klaus Wiedenthal entlang. Er trägt jetzt bereits Civil und sieht sehr blaß und abgespannt aus. Die Ereigniffe des Tages liegen wie ein wüster Traum hinter ihm. Er dünkt sich nunmehr erhaben über dem. was ihm so lange als das Erstrebenswertheste und Höchste erschienen ist. Ein leidenschaftliches Gefühl des Hasses gegen alles Bestehende gährt in ihm. Er möchte es bethätigen und austoben lassen. um jenen zu zeigen. ..das ist die Frucht dessen, was Ihr qesät habt." ' Der Müller Ulfilas steht in der tu?' zen, grellrothen Weste im Schatten seines Hauses und beobachtet ihn scharf. Er hat lange keinen guten Fang gethan. Der hier scheint einen zu verheißen. Ein junger Milchbart, elegant und neu angezogen und äugenscheinlich über irgend etwas in Verzweiflung. Er pfeift den Hund, der in die Wellen hineinspringt, um kleine Holzsiückchen zu apportrren, heran. Das macht einen besseren Eindruck, als wenn er den Fremden anruft. Miedentbal wird wirklich durch den Pfiff aus seiner Versunkenheit aufgeschreckt und auf die Gegenwart eines Menschen aufmerksam gemacht. Er hat manches Dunkle über den Mann m der fremdländiscben Tracht genug gehört, um ihn. infolgedessen, gleich den anderen über die Schulter' anzusehen. Das war früher. Heute ist er ihn dadurch sympathisch. Ein Ausgestoßener und Verachteter, vielleicht genau so unschuldig wie er, vielleicht auch ebenso haßerfüllt und innerlich zerschlagen. Das alte warmherzige Jungengefühl ist wieder in ihm. Es zwingt ihn, dem finsteren Manne irgend etwas Liebe zu erweisen. Er tritt auf ihn zu und streckt ihm die Hand entgegen. Da? passirt jenem m den zehn Jahren seine? Hierseins zum ersten Male. Ein lauerndes Fragen liegt in fei Müllers Augen, als er die schlanke, weiße Rechte wieder frei gibt. Es war heiß heute. Herr. Vielleicht ein Glas Milch gefällig? Frisch tor der Kuh und auf Eis gekühlt!" Etwas anderes wäre mir, offen gestanden, lieber, Mann!" Es ist auch noch Wein im Keller. Herr! Guter, alte Muskateller von anno 1850! Aber er ist schwer zu vertragen und gibt heißes Blut!" Das paßt herrlich." sagt Miedenthal. Das meinige kann gerade eine kleine Aufwärmung vertragen." und fol t dem Voranschreitenden in's Haus. Holen Sie eine Flasche herauf, Ulfilas. und bringen Sie zwei Gläser. Sie sind mein Gast!" Als er das erste Glas hinunter gegössen hat. fühlt er eine wohlige Wärme durch seinen Körper rieseln Und immer von n?uem fließt aus dem verstaubten Hals der Flasche der edle. goldgelbe Tropfen in seinen Römer. Als er das vierte Glas an seine Lippen führt, öffnet sich die Thür und zwei Männer kommen herein. Sauber gekleidet, von guten, bescheidenen Manieren und mittleren Jahren. Sie lassen sich müde auf die Holzschemel fallen und bestellen einige Becher Milch. Klaus Wiedenthal lacht sie aus. Wollen die Herren nicht mit mir trinken?" fordert er sie in der großmüthigen Aufwallung, die der Wein in ihm entzündet hat, auf. Es ist ein edler Tropfen und es wäre schade, wenn wir ihn den anderen gönnen wollten Nach langem Zögern nehrnen sie die Einladung an. Ein paar neue Flaschen werden gebracht. Wiedenthals Augen glühen bereits und seine Pulse fliegen. Da bringt der Müller Karten her-bei.
.wv Vv.iiii exn opictc.41 aA wollen sagt er mit demGestcht eines Biedermanns und vorsorgliehen Wirthes, dem die Unterhaltung seiner Gäste am Herzen lugt. Der Aelteste der beiden Fremden hebt ab wehrend die Hand. Uns allein macht es keinen Spaß. Herr Wirth, und der Herr da wird wohl kaum Lust haben. Der Abend ist auch eigentlich viel zu schön für das S tu ben bocken.Wiedenthal bat niemals zuvor eine Karte angerührt. Seitdem er, von einem Kameraden mitaezogen, in ein Schankokal niederen Ranges einen Blick gethan hat, :r. dem sie mit stieren glasigen Augen ihre Karten mischten, empfand er jedesmal beim Anblick der bunten Blätter ein Ekelgefühl. Aber das war ja lange, lange her. Damals hatte er noch Ideale und hohes Streben besessen. Heute! Du lieber Gott. Was unterschied ihn noch von ienen, die sich ein Unreckt zu sckuldsn hatten kommen lassen. Er wußte jetzt, wohin man im Leben mit der Aufopferungstheorie und der Treue kam. Umgekehrt mußte man es anfangen, um 2?cadv jung zu finden. Das Spiel nahm sti nen Anfang. Er drängte di? Fremden förmlich dazu. Ein harmloses Zufallsviel, das er sofort begriffen hatte. Zehn Pfennig das Point das konnte nicht schlimm werden. Die ttden ehrsamen Familienväter waren ja so sträflich folide. Taille um Taille schlug für ihn. Ein stattliches Häaflein blanken Silbers hatte ihm oer Müller bereits in Gold eingewechselt. Ein angenehmes prickeln lag in seinen Nerven. Er vegann dem Spiel Geschmack abzugewinnen. Jemand machte den Vorschlag, den Einsatz zu verdoppeln. Er stimmte zu. Plötzlich verließ ihn das Glück. Sein Häuflein bestand schließlich nur noch aus ein paar armseligen Kupfermünzen. Den Mitspielenden war sein Verlieren offenbar unangenehm. Sie wollten die letzte Runde" ansagen. Dagegen erhob er energisch Einspruch. Er hatte das Gefühl, als läge Mitleid in ihren Mienen, wie man es einem unmündigen Jungen entgegen bringt. Mitleid hatte er heute schon zu viel genossen. Meinten jene vielleicht, daß ihm die Mittel ausgegangen seien? Da sollten sie aber Augen machen. Der Miethzins für das letzte Vierteljahr, die Beträge für allerhand kleine Rechnungen, für die Neuanschaffung der Civilsachen, Reisegeld nach Haus und zur Universität, der erste MonatsWechsel für das Studium und eine kleine Extrasumme für unvorhergesehene Ausgaben, die sich der Berechnung entzogen, das alles lag in neun neuen Hunderten in seiner Brusttasche. Lächelnd zog er sie hervor und ließ die Papiere vor ihren Augen durch seine Finger gleiten. Damit die Herren nicht etwa glauben. daß ich zahlungsunfähig sei." Das Spiel nahm seinen Fortgang. Wiedenthal verlor Schlag auf Schlag! Der zweite Hundertmarkschein war bereits gewechselt. Seine Hände mochten vor Erregung kaum mehr die Kartenblätter zu halten. ..Aufhören Aufhören" fchrie die Stimme seines Gewissens voller Verzweiflung. Die Leidenschaft erhob grimmigen Protest. Jetzt das loar unmöglich! Zuerst mußte der Verlust wieder eingebracht werden! Ter Anfang war fo vielversprechend gewesen, und das Glück würde schon wiederkommen. Aber es kam nicht wieder. Er goß den schweren Wein wie Wasser herunter, und ließ einschenken. Er setzte und verlor! Er hoffte fieberhaft und wurde immer bitterer enttäuscht. In wirren Strähnen hing ihm das Haar don der Stirn herab. Sein: Lippen brannten wie Feuer. Von der Straße her erklang ein schwermüthiges Lied. Eine tiefe flehende Männerstimme sang es durch die stille, sternenhelle Nacht: .Laß das Wert, laß das Schenken, Laß da flüstern und das Herzen. Den?e an die streuten Sorgen, Mein Feinsliebchen, denk an morgen! Und eine weiche, zitternde Stimme aus weiter Ferne sandte die Antwort: Mag nicht weinen, mag nicht denken, Lah mich küffcn, laß mich schenken, Tenn beim frühen Morgenroth. Mein Feinsliebchen, bin ich todt. Wiedenthal fuhr von seinem Sitz empor. Das Lied kannte er! Sie hatten es gesungen, als sie auf dem Heimmarsch vom Manöver waren. Hauptmann von Wezeleben hatte am Schluß lachend zu ihm herüber gerufen: 2Qa verstehen Sie, junger Dachs, eigentlich von solchem Lied. So ein lustiger, halb flügger Vogel, wie Sie einer sind, singt blos Juvelhymnen!" Er griff sich an's Herz. Es that ihm plötzlich so weh. Aber weiterspielen mußte er trotz des Ekelgefühles, das in ihm aufflammte und trotz der Schmerzen. Wovon sollte er, wenn sein Verlust unausgeglichen blieb, all die kleinen und großen Rech nungen bezahlen? Ein reicher, kinderloser Onkel, dessen Erke er dereinst sein würde, hatte ihm die große Summe Geldes geschickt, im festen Vertrauen auf seinen zuverlässigen Charakter. Er hatte es ihm in die Hand gelobt, sich allzeit der reichlichen Spenden würdig zu erzeigen, unter dem Bilde des verftorbenen Vaters, der dabei mit seinen klugen, sanften Augen bittend auf den einzigen Sohn herab geschaut hatte.
Das heute war nun die Erfüllung feines Wortes. Nach diesem konnte ihm niemand mehr aufhelfen. Der Onkel war in diesem Punkt unerbittlich. Das wußte er von der Mutter. Aber vielleicht sie selbst? Mit ihrem Leuten Nein die Scbwester und sie verdienten ihren Unterbalt kümmerlich durch ihrer Hände Arbeit. Deshalb spielte er weiter und verlor immer mehr. Schließlich verlor er auch die bisher noch mühsam aufrecht erhaltene Herrschaft über seinen Willen. Die Aufregung und der schwere Wein thaten ihre Schuldigkeit. Sein Kopf fank auf die Kante des weiß gescheuerten Tisches herab. Er war fest eingeschlafen. Der graue Morgen dämmert durch die Scheiben. Auf dem Hofe kräht ein Hahn und nebenan klappert jemand mit Geschirr. Klaus Wiedenthal fuhr aus tiefem, unerquicklichem Schlafe empor. Sein Kopf war fo schwer, daß er meinte, ihn nicht heben zu können. Wie kam er hierher? Er legte die Hard an die Stirn. Er fand sich nicht hindurch. Vor seinen Auen waren lauter bunte, häßliche Bilder, die sich über einander schoben, so oft er eins festzuhalten glaubte. Er bohrte die Finger in die schmerzenden Augen und dachte angesirengt nach. Umsonst. Die Lücke, die zwischen dem gestrigen Abend und dem heutigen Morgen lag. blieb nnausgefüllt. Da riß er mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft an den braunen, verquollenen Fenstern. Sie boaer stch üchzeno, aoer nc gaven mcyl nacv. Er versuchte es von neuem. Mit feinem Klingen zersprang eine Scheibe. Er schlug mit der geballten Hand vollends das Glas hinaus. Den scharfen Schmerz, den er sich dadurch zufügte, empfand er als eine Wohlthat. Die Morgenluft strömte hereim Herbe und kühl wehte sie um seine fieberheiße Stirn. Es gelang ihm endlich, die umher irrenden Gedanken zu sammeln. Die wirren Bilde: lichteten sich. Jetzt entsann er sich deutlich. Der Müller der Muskateller die Karten das Lied und sein Schlaf so war die Reihenfolge. Seine Hand fuhr nach dem Platz, an welchem gestern die Tasche mit den neun neuen Hunderten geruht hatte. Sie war nicht mehr da. In Todesangst durchsuchte er jeden Winlel der Stube. Vierhundert Mark waren verloren gewesen, aber die anderen, wo waren sie hin? Und er suchte in wilder Verzweiflung, dem Wahnsinn nahe, aber er fand sie nicht. Da stürzte er mit zitternden Knieen in das Nebenzimmer, aus dem immer noch das helle Klappern tönte. Eine alte, gebückte Frau in rielfacb geflicktem Rock stand am Tisch und spülte die Morgenschüsseln. ,.Wo ist der Müller?" fragt Klaus Wiedenthal athemlos. ich will mein Geld wieder haben und die Brieftasche, in der mein Paß und andere wichtige Papiere enhalten waren." Sie wandle kaum denKopf nach ihm hin. Furt ist er. Seit vierzehn Togen verreist. Und eben so lang müßen der Herr noch warten, daß er wieder kummt." Das lügst Du, Weib!" schreit Wiedenthal empört und schüttelt sie hin und her. Der Herr sull anständig sein. Sunst laß ich ihn arretiren!" Er ließ sie nicht los. Erst die Wahrheit. H?xe." Mit blitzschneller Bewegung senkte? den grauen Kopf auf seine Hand vkb gräbt ihre spitzen Zähne tief in das junge, feste Fleisch. Er stößt einen leisen Wehschrei aus und gibt sie frei. Sie lacht über ihren schnellen Sieg, und ihre kleinen Augen funkeln verächtlich. Genug, daß ich dem Landstreicher 's Nachtquartier vergunnt hab',itzt verbiet ich ihm's Haus." Ich will mein Geld wieder haben, hörst Du!" keucht Wiedenthal. seiner Sinne nicht mehr mächtig. Ich schlage Dich todt, wenn Du nicht sofort den I!üller rufst." So aeh' duch auf's G'richt, Du hergelaufner Lausbub', wenns meinst, daß Du in Deinem guten Recht bist. Nachher erzähl' ich den Herrn eine Geschichte ron Dir, Du Falschspieler, elender. Und nun pack' Dich vum Hof, funst U ich die Hund' auf Dich." Er taumelt in die graue, unsaubere Stube zurück, in der er geschlafen chat. Landstreicher" hat sie ihn genannt. Falschspieler." Es wäre zum Thränen lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre. Was nun? Soll er sich in das lustige Flüßch:n stürzen, dort am Wehr, wo das Wasser künstlich gestaut wird? Es ist trotzdem dazu lange nicht tief genug. Aber die Pistole ist doch noch da. Die kleine, leichte, mit der er zu Hause vom Dach des Gartentempels die Sverlinge geschossen hat. Er schüttelt den Kopf. Das geht auch nicht. Um die zu haben, muß er in die Stadt zurück. Das kann er nicht. Er hat ja kein Geld, um seine Wirthin. bin Schneider und all die Andern zu bezahlen. Ein andezer Gedanke blitzt in seinem gemarterten Hirn auf. Wenn er die goldene Uhr. das kostbare Erbstück des todten Vaters, in der nächsten Stadt versetzte. Dann kann er sich eine neue Pistole kaufen. Die ist zwar nicht beim Spatzenfchießen ausprobirt, aber so sicher, daß er das eine große Ziel damit
trifft, wird er auch ohne daS zielen können. 0r fäbrt mit der Hand in die Tasche, um die Uhr heraus zu nehmen. Die Tasche ist leer, die Uhr ist verfchwundcn. Nur der kleine, goldene Sicherheitshaken hängt in dem Knopfloch der Weste. So muß er denn das Leben weiter sch.'epven. Es gibt zwar noch gernn andere Arten, um sich aus der Welt zu schaffen. Draußen in der Buchener Haide stehen fo viel alte, feste Bäume, die ihn wohl tragen würden. Aber das kann er nicht. Er hat ein unsagbares Grauen davor. Stumpf starrt er vor sich nieder. Wenn er zu HauvtmaNn von Wegeleben ginge und ihn um das Geld bitten würde? Oder zu Leutnant von Tarenberg? Dann packt ihn brennende Scham. Nur das nicht. Sie sollen ihn nicht im Elend sehen, nicht über das leichtsinnige Blut flüstern können, und den Namen seiner Mutter dabei nennen. Sie sollen denken, daß er irgendwo auf dem Grund des Wassers seinen Schmerz über die Zurückweisung ausschliefe. Ja ja das wird das Beste sein. Was hat die alte Hexe doch vorher für ein Wort gebraucht? Es hat ihn angewidert und sein Blut in Wallung gebracht. Nun liegt es plötzlich mit tröstlichem, vertrautem Klang in seinen Ohren. Landstreicher!" Warum auch nicht? Vielleicht findet er auf der unendlichen Reise, die ohne Ziel begonnen wird, das Glück. Dabeim, wo Klaus Wiedenthal das Licht der Welt erblickte, sitzen sich im hellen Stübchen zwei Frauen gegenüber. Sie schauen die schnurgerade Chaussee mit den steifen Pappelbäumen herunter, die Klaus kommen muß. wenn er wieder heimkehrt. Die Zeit ist längst da. Die junge hebt die feine Stickerei, die sie einen Augenblick im Schooß ruhen ließ, empor und stichelt eifrig weiter. Die alte, weißhaarige Frau, die ihn geboren hat, kann nicht arbeiten. Die Thränen verdunkeln ihren Blick. Sie wartet seit acht Tagen auf ihren Sohn, voller Schmerzen und Gebet. Und sie wird noch länger warten bis ihre Augen brechen denn Landstreicher verlieren mit der Zeit das Heimathsgefühl. 8. K a p i t e l. cr letzte Tag im Zevtembcr. Leumant von Tarenberg Hai l sich seinen Fuchs satteln lassen, um in die Buchener Haide zu reiten. Er muß ein paar Stunden ganz allein mit sich sein. Das brennende Verlangen, in einem Raum zu weilen, der weder Grenze noch Scheidewand kennt, treibt ihn hinaus. Er reitet bei der Schmiede und den schiefen Katen der Armenhäusler vorbei und nimmt darnach den Richtweg über das Moor. Spärliche Grashalme wachsen auf dem sumpfen Braunschwarz des Bodens, den die sommerliche Dürre nahezu ausgetrocknet hat. Rechts und links neben ihm, an den Grabenrändern, welche die Wiesen einfassen, nicken auf schlanken Stengeln schneeweiße Federblumen. Der leichte Wind trägt den Duft des us von dort m ibm ber-
siiber. In unzähligen Puvpen ist es aufgebaut und die onnenstrahlen sullen das nüchterne Graugrün mit mattem Glanz. Tarenbergs Rechte zittert nervös über dem Zügel. Er, der das Versteckspiel und die Lüge immer so tief verabscheut hat. muß nun ein ganzes Leben hindurch um der dunklen Episode der Mutter balber heucheln. Muß er das wirklich? Darf ein in Verzweiflung und innerlicher Zerschlagenheit gegebenes Ehrenwort zwingender und bindender werden, als der Wunsch nach Wahrhaftigkeit? Wenn er zu Adda von Wachenhusen gehen und ihr leise und zart davon sprechen dürfte wenn er den Wehschrei, der durch die heutigen Zeilen der Schwester hindurch klang, mit dem Jubelruf: Komm, ich will Dich schützen und Deiner innerlichen Verzagthcit aufhelfen." erstickte, wäre das nicht tausendmal ehrenhafter, als das verbissene, trotzige Schweigen, an dem vielleicht ein Menschenleben zugrunde gehen würde. Und dennoch e? durfte nicht sein. Wer sein Wort bricht ist ein Schuft. Ein solcher aber ist nich. werth, des Königs Rock zu tragen," hatte vor einigen Jahren Jürgen von Wachenhusen gesagt. Und es war keiner unter ihnen gewesen, der eine andere Meinung gehabt hätte, auch er nicht. Er entsann sich des Vorfalls, auf den jener Ausspruch Bezug hatte, genau. (Fort etzung folgt.) Das wirksamste Gegengift des Muskarins d. h. des giftigen Alkaloids der Pilze, besonders des Fliegenschwamms, ist daö ebenfalls giftige Alropin. Asbest wird in den Ver. Staaten zum größten Theil aus Kanada importirt. Eine telephonische Verb i n d u n g zwischen Paris und Rom ist mit bestem Erfolg hergestellt worden. Treffende Bezeichnung. Sagen Sie mir, wie würden Sie dieses Klavier- und Violin-Konzert mit einem deutschen Ausdruck dezeichnen?" Hm vereinigte Dampfhammn und Sägewerke!"
Voirnn,?j, öit Mirtlrsnaus.
Rechts I Wasser links a' Waise? und in der Mitt' a' Bier . . . Wenn da nur ka' Durcheinander 'rauskommt!" Moderne Kinder. . VA Aber. Fritz, was ist denn dem Karl geschehen? Der ist ja kreidebleich!" Wir haben wegen der Emma ein ame rikanisches Duell gehabt! Ich hab' dieschwarze Kugel gezogen und eine Kiaarre rauchen mven!" Sack-nsctxe. Jüngere: War denn die KrönPrinzessin zu Hause, als der Storch den. kleinen Wilhelm brachte?" A e l -t e r e : Aber natürlich, Lieschen. Siemußte doch " I ü n g e r e : Na wozu? Die haben doch gewiß sehr zuverlässige Dienerschaft." Ein seltenes Geschenk hat die Königin von Spanien erhallen in Gestalt einer Postkartensammlung. in welcher jede spanische Provinz ver-. treten ist. Züge erste Ranges Schnelle Zeit! Zu bequemen Stunden ! A Züge zwischen Indianapolis unk Cincinnati. 19 Zuge zwischen Indianapolis und L Dayton. 8 ö Züge zwischen Indianapolis unl Toledo und Detroit. Züge zwischen Indianapolis und Decatur, JllinoiS. 4 Züge zwischen Indianapolis nv Spnngsield, Illinois. Vlor Waggon an alea Tagt nd Vcklas waggon an allen Nacht-Zöge . Indianapolis Office!: Union Bahnhof und 8 Nord Illinois St. R. P. lgeo. D. P. . LAKE ERIE & WESTERN R. P. tdtitket0fi!ce : l Oft asbinaton 6tc Vkonr 371. . . ..Fahrzeit der Züqe.. bsHrt Kasuist w. loubo, tttcato sntlN6tttafi9Tct.t 7.15 tlo.it N. 9tnt. Solcbo, Stttott und duoao 8tn 51 2. so t s u . 5nu WiSfco ttt, Stande s.8fatteLt .60 t t.M t laglich. avgenomen Sonntag.
