Indiana Tribüne, Volume 29, Number 303, Indianapolis, Marion County, 16 August 1906 — Page 7
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LftjpiteL s eber dem riesigen Viereck des 4 Kasernenviertels, das imWesten der ponnnerfchen Stadt Trautenberg lag, leuchtete die sternhelle, bitterkalte Januarnacht. Der letzte Ton des Zapfenstreichs war längst verklungen und das Licht in den Kasernenstuben erloschen. Nur aus den Fenstern des Wacklokals, hart am Eingang des Haupttthors, drang der Schein einer Lampe. Dröhnend hallten die Schritte der Wache auf dem hart gefrorenen Boden. Zuweilen ließ sich ein Gkräusch hören, als wenn jemand mii den Hacken zusammen schlüge, um sich vor gänzlicher Erstarrung zu schützen. Sonst war es ganz still. Ungefähr zweitausend Schritt nach links lag das Kasino, in dem die Offiziere des Artillerieregiments außer dem Mittagstisch und der Erledigung offizieller Festlichkeiten, ihre gemüthlichen Abende" abzuhalten pflegten. Der Oberst von Wachenhusen war im Anfang kein Freund dieser regelmäßigen Zusammenkünfte mit dem großen Verbrauch edlen Stoffs gewesen. Zwar hatte er. anläßlich der Einweihung des renovirten Kasinosaals, in schwungvollen Worten dargeihan, wie stark veredelnd die innerliche Kameradschaft auf die jungen, noch nicht vollständig gefestigten Elemente wirke. Der lange Oberleutnant Ausen war darob nock länger und steifer geworden, denn er war der Erzeuger jener Gemüthlichen" und entnahm aus der Rede seines Oberst' ein ihm gezolltes Lob. Aber das sogenannte dicke Ende sollte nachkommen! Wenn ich .Innerliche Kamerad schaff sagte," hatte der Oberst mit feinem Lächeln fortgefahren, so mrim: ich nicht etwa den gemeinsamen Genuß auserlesener Leckerbissen, sondern den aeiniaen Austauick gemeinsamer In teressen. Ideen und Wünsche, zwecks ! Klärung durch die Aelteren. Kurzum! j Ich freue mich von Herzen über das zähe Festhalten an Ihren Abenden, nur möchte ich mir den Rath den freundschaftlichen Rath erlauben, dabei statt des französischen Sekts meine Marke .Lieserer Mosel' zu versuchen und statt des hm exotischen Blättchenspiels den bei weitem erquicklicheren Skat! Profit, meine Herren!" So. nun wußten sie's! Fortgesetzt wurden die Gemüthlichen" natürlich weiter. Nur. daß sie nach diesem Sermon jeden Reiz für sie verloren hatten. Man betrachtete das Zusammensein jetzt als eine Swnde nothwendigen. leichten Dienstes, auf den der Oberst besonderen Werth legte. Heute verbanden sie damit noch die Nachfeier sin den Sohn des Alten, den Leutnant Jürgen von Wachenhusen. dessen Geburtstag man bereits gestern mit einem Ball in seines Vaters Hause festlich begangen hatte. Die dünne Bowle fand deshalb bei der allgemeinen Katerftimmung noch weniger Würdigung, als sonst. Die Offiziere saßen mit abgespannten Gesichtern, nachlässig und bequem, um den Artustisch herum. Die Waffenröcke geöffnet und die Füße behaglich von sich gestreckt. In dem großen Kaminofen knisterten die Buchenscheite. Die aufflackernden Flammen warfen helle Reflexe auf die Bronzebüsten der Kaiser und auf die mächtigen Humpen und Ehrenbecker der Wandpaneele. Die Ordonnanzen die gestern bei dem Wachenhusen'scken Fest den ganzen Schneid verausgabt zu haben schienen, standen in den Ecken herum und unterdrückten müh sam ein Gähnen. Langeweile und Oede wohin man blickte. Nur zwei Offi ziere unterhieltm sich im Flüsterton. Der lange Ausen rappelte sich schließlich empor und prostete sie an! Na, Kinder, ist Euch der Stoff denn immer noch nicht ausgegangen?" spöttelte er und wippte mit dem schmalen, eleganten Stiefel ein paarmal in der Luft herum. Die Angeredeten der Leutnant Hans Weddo von Tarenberg und Jürgen von Wachenhusen fuhren bei dem scharfen Klang der durchdringenden Stimme ein wenig in die Höhe. Dann besannen sie sich und strichen nachdenklich über die Stirn, als müßten sie die Gedanken erst für die Alltäglichkeit zusammen suchen. Leinnant v. Wachenhusen wurde damit zuerst fertig. Er hob sein Glas und sagte, ohne die Frage zu beantworten, mit gedämpfter Stimme: Prost. Ausen! Auf daß der überaus blendende Eindruck, den Sie ge,ftern auf die kleine Kirsche gemacht haden. wachsen und gedeihen möge!" Ausen kniff das lmke Lid melanchoflisch ein. Das Monokle fiel mit hörbarem Ruck herunter und er zog ein wehleidiges Gesicht. Wenn blos der Name nicht wäre. Wachenhusen! Aeh! Wissen Sie ich habe die rothen Dinger, die ebenso 'heißen, niemals essen können! Sie waren mir immer zu rund und zu billig!" Na. dafür repräsentirt die jetzige auch das direkte Gegentheil der beiden igenannten Uebelstände." lachte Wachen husen. .Ja. ja. aber wssen wir das vorläu
fig. 'Augenblicklich yave ich anoere Wünsche! Können Sie rathen welche?" .Nee - Bester!" .Sekt trinken." .Na. da geniren Sie sich heute doch mal ausnahmsweise nicht." .Thun Sie doch nicht so unschuldig, Wachenbusen es ist dock) der 31ste. Wollen Sie nicht?" Meinen Sie. daß ich in einem andern Kalenderjahr lebte, Ausen?" Nee. Aber gestern hat's doch sicherlich frisches Moos gegeben." Kann ich allerdings nicht ableugnen. Soll ich wirklich?" Dabei schielt er zu Tarenberg hinüber, als wollte er sagen was meinst Tu soll ich ihm den Gefallen thun?" Und als von dort keine Ablehnung kam, winkte er die Ordonnanzen herbei. Ein wenig später perlte es in den schlanken Kelchen. Wie die müden Gesichter plötzlich straff und lebendig wurden auch die Jüngsten rissen sich zusammen und zeigten wieder Theilnähme. Man trank und lachte hielt Reden machte Vorschläge für eine Reform in der kameradschaftlichen Theilung von Liebe und Monatswechsel und ließ nachfüllen. Tarenberg betheiligte sich nicht an all dem Unsinn. Sie kannten ihn als einen ernsthaften, verschlossenen Menschen, dem man ein bischen Schweigsamkeit zugut halten mußte. Aber heute machte er es ihnen doch zu bunt. Auch Wachenhusen, fcrr sein einziger Freund war, schien das zu finden. Als die allgemeine Fröhlichkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte, flüsterte er ihm irgend etwas zu, worauf Tarenberg nickte. Darauf bestellte Wachenhusen zwei neue Flaschen und verschwand in dem allgemeinen Hallo und Freudenrausch mit dem Freund. Draußen in der kalten Winterluft athmeten sie beide hoch auf! Arm in Arm gingen sie an dem
Viereck vorüber der Stadt zu. Was hattest Du eigentlich heute. Alter?" fragte Wachenhusen endlich, als der Andere sein Schweigen immer noch fortsetzte. Ich war glücklich, Jürgen zu glücklich, um sprechen zu können! Ve--stehst Du das?" Wachenhusen wiegte den Kopf hin und her. Eigentlich nicht! Aber na ich kann mir ja denken, daß so was ein bischen den Athem benimmt. Und ich freue mich, alter Kerl ich freue mich unbändig darüber, daß Ihr Euch endlich Luft gemacht habt! Eure Quälerei konnte einem in der Seele weh thun!" Hast Du es denn schon so lange gewußt, Wachenhusen?" Der räusperte sich verlegen. Eben so lange, wie Du, mein Alter. Aber siehst Du, es war für mich doch eine besonders delikate Geschichte. Ich liebtc Euch beide von ganzem Herzen. Und dennoch mußte ich viel vorsichtiger, viel ängstlicher mit meinen Worten und Rathschlägen sein, wie das sonst in meiner Art liegt. Weil sie doch meine Schwester ist." Tarenberg nickte träumerisch. Und ich danke Dir innig dafür. Lache nicht. Meine Liebe ist nun mal anders beschaffen, wie es die tolle Leidenschaft fordern mag. Vielleicht schwerfälliger ängstlicher als sie es unbedingt nöthig gehabt hätte. Aber auch tiefer. Tu weißt trotz allem ja nicht, was ich :n den letzten Monaten gelitten habe." Und warum hast Du denn nicht gleich gesprochen? Du mußtest doch fühlen, daß Adda Deine Neigung er widerte!" Weil ich mich nicht würdig genua fühlte, Jürgen. Ein simpler Leutnant. Was habe ich bis jetzt geschafft? Habe ich mich tn irgend emer Wei)e hervor thun können über den Durchschm! heraus heben? Habe ich Deinem Vater bewiesen, daß ich seines Kindes werth biu?" Donnerwetter Tarenberg Tu bist doch wirklich das eigenartigste Ge wächs, das jemals auf dem pommer schen Dreck gewachsen ist! Ihr habt Euch lieb Du hast gottlob Geld ge nug. um als Leutnant heirathen zu können und trotzdem Ja trotzdem! Ich trete erst vor Deinen Vater hm, nachdem ich Ober leutnant geworden und zur Kriegsaka demie einberufen bin!" Und bis dahin verzehrst Tu Dich weiter, mein Lieber wirst schmalbäckig und elend und entziehst Deiner wissenschaftlichen Arbeit die Kraft, die sie ungeschmälert haben muß. Nee weißt Tu ich habe Dich bisher stets für den verständigsten, klügsten Kerl gehalten, aber damit ist's nun vorbei!" .Du irrst, Jürgen, ich verzehre mich nicht mehr, denn ich werfe! Ich weiß, daß Adda mich wieder liebt, wie ich sie daß ihre Kälte nur mädchenhafte Zurückhaltung und Stolz gwefen sind und siehst Du. in diesem Wissen ist mir die nüchterne Alltäglichkeit für eine Weile entschwunden. Ich konnte heute einfach nicht mithalten und tollen." Wachenhufen stand still und legte chm die Hände auf die Schulter. . .Wie ich mich fteue," sagte er noch
einmal weich und zärtlich, meine bei
den treusten, liebsten Menschen em Paar. Ach Gott, A5izx lch möchte mal Mit vollen Lungen schreien, sonst er sticke ich noch an dem inneren Jubel. Sag'' mal soll denn der Vater überHaupt ahnungslos bleiben, bis Du ihm offiziell kommst?" Ja, Jürgen, glaube mir, es ist so am besten! Adda ist mit mir derselben Ansicht!" Na, denn meinetweaen, wenn s Euch Spaß macht. Ich aber muß jctzt noch etwas trinken! Wohin gehen wir?" Komm mit in meine Bude. Wachenbusen! Ich kann beute die aleichailtiacn Gesichter so schlecht vertragen! Einer, ordentlichen Groz kannst Du haben! Aber vorher möchte ich noch mal an Eurem Hause vorüber gehen. Willst Du?" Wachenhusen nickte zustimmend. Sie verschwanden mit hastigen Schritten um die nächste Straßenecke und standen bald darauf vor einer grauen, zierlichen Villa still. Aus dem Oberstübchen in der linken Hälfte des Flüaels schaute noch ein helles Fenster heraus. Jürgen deutete mii der Hand nach oben. Schau, Alter da haust Deine Adda!" Tarenberg sah starr hinauf. Seine klugen, tiefen Augen leuchteten in stolzem Glück. Ein Schatten huschte in der Höhe an den weißen Vorhängen vorbei. Eine schlanke Gestalt ein schmaler, di.kler Kopf waren wie durch einen Nebelflor eine Sekunde lang sichtbar. Dann wurde das helle Fenster dunkel! Tarenberg seufzte tief auf. Gute Nacht, mein Lieb." sagte er wie ein Hauch. Dann drehte er sich auf den Hacken herum und sah den Freund fest an. .Was meinst Tu wohl, Jürgen wenn ich meiner Mutter diese Tochter bringe? ,Junge wird sie sagen, ,woher hattest Du den Muth, Deine Hand nach so viel Schönheit und Liebreiz auszustrecken?' Und ihr liebes, erschrockenes Gesicht wird sie machen ach Gott wie bin ich doch unsagbar glücklich!" Und der ernste, wortkarge Tarenbera. den sie heimlich einen Streber und Gefühllosen schalten, wurde zum tollen, ausgelassenen Jungen! Er legte die Arme um Jürgen von Wachenhusen und küßte ibn. Nachher wurden sie beide ein wenig roth und verlegen. Sie waren sich immer gut gewesen aber es hatte etwas Herbes, Scheues, das den Aeußerungen ihres Gefühls abhold war. in ihrem bisherigen Verkehr gelegen. Das war nun mit einem Schlage abgestreift. Sie standen sich dadurch nicht etwa innerlich näher, als es sonst schon der Fall gewesen war, gegenüber, sondern nur viel freier. Tarenbergs Wohnung lag ungefähr zehn Minuten von des Obersten Villa entfernt. Es war ein Uhr geworden, als sie oben ankamen. Wachenhusen mußte sich auf den Diwan strecken, während Tarenberg den Wirth machte. Er that es mit einer umständlichen Feierlichkeit, die dem scharfen Beobachter sicherlich ein Lächeln abgezwungen hätte. Er maß den Arrak peinlich genau in die Gläser zählte die Stücke Zucker ab und süllte zuletzt 'das siedende Wasser hinein. So war er bei allem, was er zu thun hatte. Ein wenig pedantisch ein wenig langsam aber zuverlässig und treu, wie Gold. Und dann plauderten sie. Erinnerungen aus der Fähnrichszeit und andere kleine, an sich belanglose Erlebnisse, die im Alltagsleben schlafen, kamen zur Sprache. Auch ihrer Angst und Noth gedachten sie, die sie damals gepackt hatte, als Jürgens Vater, der so lange Oberstleutnant beim Elsaßschen Artil lerieregiment gewesen war, zum Oberst des Pommerschen ernannt wurde. Sie zitterten, daß Jürgen deshalb in ein anderes Regiment kommen könnte. Aber es war, gottlob, beim alten geblieben! Plötzlich richtete sich Wachenhusen aus seiner bequemen Stellung empor In seinem offenen, fröhlichen Gesicht standen ein paar ernsthafte Fraoen. Sag' mal, Alter," begann er ordentlich fchnchtern, hast Du eigentlich nie geliebt bevor Du Adda na Du weißt schon, wie ich es meine!" Nein, Jürgen. Ich habe manche schcn gefunden, begehrenswerth keine, bis ich Deine Schwester sah. Wie das doch so grundverschieden ist! Ich fange leicht Feuer! Bums sitzt sie im Herzen drin! Bums ist s,e auch schon wieder draußen!" Tarenberg lachte. Sein Gesicht verlor dadurch den finsteren Ausdruck Zum ersten Mal fah man. wie jun er eigentlich noch war. Etwas knabenhaft Weiches lag in seinen Zügen, als er jetzt lagte: Siehst Du. Jürgen, ich hatte doch meine Mutter! An der maß ich die Vorzüge aller weiblichen Wesen, die mir begegneten! Ganz ruhig und sach lich ging ich allemal an das Veralci chen heran! Manch eine hatte auf den ersten lick viel Blendendes für mich Sie war schön, geistreich und liebens würdig! Sobald ich aber gründlicher wurde, verlor sich alles bis Adda kam! Ich wette da hast Tu nur das Vergleichen vergessen, Alter! Hole eZ schleunigst nach, ehe es zu spät dazu ist!" neckte Wachenhusen ausgelassen. um dann fast feierlich fortzufahren, aber verstehen kann ich Dich darin Deine Mutter ist wirklich eine einzige Frau! glaube, es gibt nichts, was
ste atcht verzeihen und mildern konnte. Die Sommertage vor fünf Jahren bei Euch in Hohen-Litzen vergesse ich mein Lebtag nicht. Glaube mir. da habe ich zum ersten Mal empfunden, wieviel uns das Schicksal vorenthalten hat. Wenigstens der Adda! Ein Mann leidet in dieser Beziehung weniger Noth. Er kann wieder stoßen, wenn er gestoßen wird! Aber so ein Mädel die hat niemand, der sie die Weichheit und Güte lehrt, wenn die Mutter nicht mehr ist. Und siehst Du, damit komme ich zu dem, was meine lange Rede eigentlich bezwecken soll und das ich Dir so gern schon früher gesagt hätte. Damals, als Du so furchtbar unglücklich und verbissen warst, weil Tu meintest Adda besäße kein Herz!" Wenigstens für mich nicht," schaltete Tarenberg ein. .Das bewirkt in dem. was ich Ti? sagen will, keinen Unterschied. Alter!
Du wirst in einiger 3eit wiederum die Schroffheit in ihrem Eharalter empftnden. Verlaß Dich darauf. Jetzt noch nicht! Jetzt ist noch alles so weich gleichsam verschoben so vollstän dig aus dem alten Geleis bei ihr gekommen. Aber später erscheint es wieder. Es ist das glaube ich was die Mutterliebe sonst abschleift! Uno da wollte ich Dich bitten. Hans Weddo. daß Tu in solchen Fällen Geduld mit ihr hast und sie, sobald Ihr öffentlich verlobt seid, zu Deiner Mutter bringst. ohne mit ihr zu rechten." .Das verspreche ich Dir, Jüraen: Uebrigens da wir gerade von mciner Mutter sprechen ich bin in großer Sorge um sie. Sie war das letzte Mal, während meines Tortseins nicht die Alte, Geist- und Lcbenssprühende, von &r sonst ein Strom neuer Kraft ausging! Sie sah elend und hinfällig aus und hatte ihre schöne, erquickend? Ruhe verloren. Zwar lachte sie mich aus, als ich besorgt wurde, aber unlcr alter Hausarzt der leider gerade kein Licht ist meinte nachher auch, baß er sich um sie ängstige." Und w sind die neuesten Naa' richten?" Beruhigend ganz entschieden! Aber sie kommen von ihr selbst und mildern meine Angst darum nicht erheblich!" Könntest Du Dir nebenbei nicht auch noch von dem besagten lichtloson Hausarzt berichten lassen?" Das ist's ja eben, was mich besonders unruhig macht. Er thut, was sie will. ,Doktor Manke, der Junge darf wirklich nicht unnöthig aufgeregt werden. Er steckt zu tief in seiner Arbeit. Reißen wir ihn nicht heraus. Ich theile eö ihm schon ganz gewiß selbst mit. wenn es schlechter geht.' Das sind ihre üblichen Worte an ihn. Und dann gibt sie ihm die Hand und lächelt ihr schönes, gütiges Lächeln, dem er, wie sie alle auf Hohen-Litzen. blindlinos gehorcht." Ein vaarmal füllte Tarenberg noch die Gläser. Erst als sich der Boden der Flasche zeigte und eine Thurmuhr irgendwo die dritte Morgenstunde anschlug, fuhr Wachenhusen von seinem Sitz empor. Warum wirfst Du mich eigentlich nicht raus, Alter?" fragt er vorwurfsvoll und greift nach Mütze und Säbel. Weil 'ich doch nicht mehr zu Bett gehe." Was thust Du nicht mehr?" Schlafen. Bester! Meinst Du ich könnte mich so einfach aufs Obr legen, meinen Schmöker rauskriegen und dann nach der üblichen Viertelstunde, die man in der unklaren Zwangsvorstellung, die Lampe könne durch irgend ein Mißgeschick exvlodiren. zubringt, losschnarchen. Nein, das kann ich heute nicht. Ich muß aufs Pferd. Ein Stündchen warte ich noch, damit der Bursche nicht gar zu kurz in seiner Ruhe wegkommt. Dann reite ich unsern alten Weg. über die Schneewiesen und die zerfallene Schmiede " Und weil es sich nicht recht anders machen läßt, auch an Obersts Villa vorbei," warf Wachenhusen lachend dazwischen. Trenberg nickte. .Canz recht. Um sechs Uhr kommt dann die Reitstunde an die Reihe. Die Rekruten müssen scharf heran genom men werden, sonst fallen wir bei der Fruhjahrsbestchtiqung wust rein. Viel Vergnügen, Alter! Und auf Wiedersehen heute Abend oder bist Tu nicht bei Tettauö?" Nein, Jürgen ich habe gestreikt." Auch morgen bei uns zum Thee?" Rraus Wachenhusen," sagte Tarenberq jetzt halb scherzend, halb ernsthaft und scho) den Freund hinaus. Dann öffnete er das Fenster und ließ sich die frische, scharfe Luft um die heiße Stirn wehen! Sie that den aufgeregten Sinnen gut. In jungfräulicher Zartheit leuchtete der frisch gefallene Schnee auf dem Bürgersteige. Hier und da blinkte in dem blendendem Weiß ein leuchtender Pun't auf! Wie Sternenaugen, die sich in einen stilln, tiefen See verirrt haben! Alles so rcin so unberührt! Tarenberg kamen di: Thränen. Wie seine Adda. Er sagte das Wort ein paarmal hinter einander! Sein sein. Die Stund.' in des Obersten Haus, in der er sich die Gewißheit seiner Liebe geholt hatte, sprach mit zwingender Erinnerung zu ihm! Er hätte die quälende Ungewißheit gewiß noch länger mit sich herum geschleppt, wenn sie nicht gewesen wäre. Sie hatten neben einander vor dem Bild des kleinen Schmidts gestanden, den er auch noch als enfant terrible" der fünften Batterie gekannt kattc. Erst nachdem Willibald Schmidts alter
Herr zu der Einsicht gestoßen wurde, daß es mit btn kühn erhofften militärischen Ehren seines Einzigen schlecht ausschaute, hatte er ihm zur allgemeinen Erleichterung den Willen gelassen.
Der unfähige Leutnant vertauschte das Schwert mit dem Pinsel und ward ein echter Kiinstler. Das Bild hier lieferte den noch vorhandenen Ungläubigen den besten Beweis für sein Können. Er hatte es seinem früheren Oberst gleichsam als Dcmkesopfer für die Nachficht mit den vergangenen Unfähigkcilen gestiftet. Ein scharf aufgefaßtes, packend zum Ausdruck gebrachtes Menschenschicksal gab er darin wieder! Sie" ging mit dem Andern zum Traualtar und im Hintergrund stand der Eine, den sie geliebt hatte der versäumte zur rechten Zeit zu sprechen in wilder Verzweiflung. Und während ihre Hand in der des Andern lag traf den Einen ihr Blick. Ein anklagender, jammervoller Blick, der nichts mehr von hartem Frauenstolz wußte! (Fortsetzung folgt.) Vielnamige Ortfchatt. Die neue blühende Ortschaft Altona. Minn., an der Zweiglinie der SooBahn hat eigentlich drei Namen. Inkorporirt ist das Dorf als Altona, der Name des zugehörigen Postamtes ist Eandor und de Soo-Bahn nennt ihre dortige Station Vergas. Da aus dieser Vielnamigkeit viele Konfusionen entstehen, find Schritte unternommen worden, um die beiden anderen Namen in Vergas umzuändern. Erschießt seine Mutter. In einem durch Trinken hervorgerufenen Wahnsinnsanfall erschoß ein Michael Gargon in Montreal, Kanada, seine Mutter und nahm sich, nachdem er noch versucht hatte, seine Schwester zu todten, selbst das Leben. Gargon hatte vor zwei Jahren einen Anfall von Abdominal-Typhus und behielt einen geistigen Defekt davon zurück. Er war seiner Mutter sehr zugethan und war niemals als gefährlich betrachtet worden. Von einem Baumstamm zermalmt. Ein James Harding und sein acht Jahre alter Sohn wurden jüngst unweit Eorydon, Ind., fast augenblicklich getödtet, als sie unter einen großen Baumstamm fielen, auf dem sie gesessen hatten. Der Wagen, auf dem der Stamm lag, um nach einer in der Nähe befindlichen Schneidemühle gebracht zu werden, traf eine unebene Stelle und der Stamm fiel herunter. Hardings Kopf war zermalmt und das Genick feines Sohnes gebrochen. Mit einem Hackmesser getödtet. Nach einem heftigen Wortwechsel in seinem Fleischerladen hieb der Metzger Mich. Schmitt in East St. Louis. Jll.. einem Charles Mommertz mit einem großen Hackmesser den Kopf faktisch ab. Mommertz stolperte hinaus auf die Straße und starb nach wenigen Augenblicken. Schmitt fuhr ruhig fort, mit demselben Hackmesser Fleisch zu hacken, und war mit der Arbeit beschäftigt, als die Polizei anlangte und ihn verhaftete. Durch einen Bttz vergiftet. Der Arzt Dr. E. H. Placn in Boswn, Mass., wurde durch den Biß eines an Diphtherie erkrankten Kindes lebensgefährlich verletzt. Er hatte das Leben des Kindes, das sich in Erstickungsgefahr befand, dadurch gerettet, daß er eine silberne Kanüle in den Hals des Kindes emschob, um diesem das Athmen zu ermöglichen. Als er die Röhre wieder herausnahm, biß ihm das Kind in den Finger. Die Wunde wurde zwar rasch ausgebrannt, aber es stellte sich dennoch Blutvergiftung ein. Strenge Prüfung. Bei einer Gerichtsverhandlung in East St. Louis. Jll., ärgerte sich der Richter darüber, daß zwei Zuhörer sich miteinander unterhielten und dabei Weisen summten. Schließlich rief er die beiden Störenfriede vor den kurulischen Stuhl und als sie ihm erklärten, daß sie sich einige alte Kirchen-Weisen in's Gedächtniß zurückriefen, entschied der Kadi, daß sie beweisen sollten, ob sie Kirchenhymnen singen könnten, oder sie würden wegen Mißachtung des Gerichts bestraft werden. Die beiden Männer sangen darauf einige Kirchenlieder, sehr zum Ergötzen der Zuhörer und zur Zufriedenheit des Richters, der ste von der Mißachtungsantlaqe freisprach, ihnen aber den Rath gab. ihre Singüungen außerhalb des Gerichtssaales fortzusetzen. Des Mörders letzter Kampf. Als kürzlich der Sheriff Orear in der Begleitung mehrerer Dc puties im efängniß zu Birmingham. Ala.. die Z.'lle eines John Williams, des letagien Mörders von Staatssenator Hopp betrat, um ihn zur Hinrichtung in Eu.man vorzubereiten, ergriff Williams ein Stück einer eisernen Röhre, die er aus den AbzugskanalVerbindungen in seiner Zelle losgerissen. und drohte damit den Ersten zu erschlagen, der einzudringen versuche. Williams sagte, er wisse, daß seine Entfernung aus dem Gefängniß von Birmingham seinen Tod bedeute, und da er doch sterben müsse, so wolle er lieber sofort sterben. Keiner der Beamten wagte, die Zelle zu betreten, biZ schließlich eine Quantität Ammoniak hergeschafft und dem Gefanqenen durch die Eisenstangen in's Gesicht geschleildert wurde, wodurch er betäubt wurde, so daß er gefesselt werden konnte.
Ehescheidungs-StatilUK. Ceniuo-Vurcau unternimmt eine soziologisch interessante Ausgabe. Das Census-Bureau ist eifrig mit den Vorbereitungen für die Aufnahme eines Heiraths- und EhescheidungsCensus, wie derselbe vom Kongreß angeordnet worden, beschäftigt. Die Statistiken für die Periode vom 1. Januar 1887 bis zum 31.Dezember 190 follen gesammelt werden. SpezialAgenten, welche vom Bureau abgeordnet werden, sollen die Statistiken zusammenbringen. Zunächst wird man die Ehescheidungs - Statistiken sammein. Das Bureau für Arbeitsangelegenheiten nahm eine ähnliche Enquete in 1887 88 vor für die vorhergehenden 20 Jahre, und der jetzt in Angriff genommene Census wird gewissermaßen eine Fortsetzung der damaligen Arbeiten des Kommissärs Carroll D. Wright repräsentiren. Wrights Bericht für die 20 Jahre, endend am 31. Dezember 1886, wies eine Gesammtzahl von 328,716 Ehescheidungen für die betreffende Periode auf. Der neue Census wird dahin erweitert werden, daß nicht nur die Zahl der wirklich gewährten Ehescheidungen festgestellt werden soll, sondern auch die Zahl der Gesuche, welche abgewiesen wurden oder noch schweben mögen. Man schätzt, daß die Zahl der Ehescheidungsgesuche in den letzten 20 Jahren 1,000,000 übersteigen dürfte. Diefe Cenfusaufnahme ist keine geringe Aufgabe. Die Agenten des Bureaus müssen fast jedes County in den Ver. Staaten, etwa 3000 im Ganzen, besuchen, um die Archive in den Countysttzen zu durchforschen. Mit den großen Städten ist der Anfang gemacht worden, und zwar am 1. August. Es ist die Rede davon, daß eine der Folgen dieses Census die Annahme eines Bundes-Ehescheidungs-Gesetzes sein wird, doch ist dies kaum wahrscheinlich. Es wäre außerordentlich schwierig, die häufig stch sehr radikal widersprechenden Bestimr.'ungen der Staatsgcsetzc, betreffend die zuverlässigen Gründe für Ebesck?idungen. tl barmonisiren und in manchen Fälln, roie z. B. in Süd-Gcrslma, wo die Staats-Konst'.tUiion ü.erbaupt die Giltigkeit einer Ehescheidung nicht anerkennt, würde damit eine E!eseye-r:r-letzung geschehen. Kostbare attfschlepve. Die Taufschleppe der Hohenzollern, welche bei der Taufe des ersten Eniels des deutschen Kaisers oenützt wurde, besteht aus schwerem Silberbrokat. Oben in der Mitte befindet sich eine in dieser Goldstickerei ausgeführte Königskrone, und darunter in gleicher Arbeit die Taufnamen Kaiser Friedrichs und das Datum seiner Geburt. Unter diesem folgen dann die Namen der Großherzogin Luise von Baden und die der drei ältesten Kinder Kaiser Friedrichs: der Erbprinzesstn Charlotte von Meiningen. Kaiser Wilhelms II. und des Prinzen Heinrich. Diese Namen sind parallel mit dem ihres Vaters, die Namen der übrigen Kinder der Länge nach an den Seiten eingestickt. Da für weitere Eintragungen in dieses ebenso kostbare wie originelle Taufregister kein Platz mehr war, und man doch aus Gründen der Pietät das von Wilhelm I. herstammende Prunkstück nicht bei Seite legen wollte, wurde bei der Geburt des Kronprinzen der Taufschleppe ein ansehnliches Stück hinzugefügt, die Naht durch eine querlaufende goldene Franse verdeckt und nun die Namen der kaiserlichen Kinder ebenfalls querlaufend eingestickt, während die Hamen der Kinder des Prinzen Heinrich seitwärts zu stehen kamen. Die Schleppe wird bei der Taufceremonie von Hofdamen getragen. Waldschule. Nach dem Äorbilde Charlottenburgs hat auck die Stadt Mülhaufen im Elsaß eine Wald'chule für schwächliche und arme Kinder eingerichtet, deren Kosten sich auf 7500 Mark belaufen, während die laufenden Ausgaben etwa 15,000 Mark jährlich betragen. Die von den Schulärzten ausgesuchten Kinder werden Morgens 8 Uhr von ihren Lehrern in die Waldschule geleitet und bleiben dort bis 6 Uhr Abends. Der Tagesunterricht vertheilt sich auf zwei Stunden, nach jeder halben Stunde sind Pausen. Die übrige Zeit ist der Ruhe und Bewegungsspielen vorbehalten. Bei ungünstiger Witterung stehen luftige Klassenzimmer im Schloß zur Verfügung. Die Waldschule zählt 100 Kinder, die von 2 Lehrern und 1 Lehrerin in den elementaren Kenntnissen unterrichtet werden. Vier reichliche Mahlzeiten, bestehend abwechselnd aus Milch, Suppe, Fleisch. Gemüse und Brot unterstützen die Freiluftkur auf's wirksamste. Cigarrenabschnitte. Nach dem diesjährigen Geschäftsbericht des Verbandes der Rheinisch -Westfälischen Cigarren-Abschnitt-Sammelvereine belaufen sich die Einnahmen des Verbandes auf 21,087 Mark, zu denen noch ein Kassenstand von 16.740 Mark kommt. Die Zahl der Mitglieder ist auf 5025 gestiegen. Insgesammt wurden im Berichtsjahre 2092 Kinder unterstützt, wofür 19,605 Mark aufgewandt wurden, davon für die Beschaffung von Schuhwerk 18.571 Mark. Die Anzahl der Kinder, die von dem Verbände unterstützt wurden, ist auf 42,120 gestiegen. Die Gesammtausgäbe hierfür betrug 381.365 Mark.
