Indiana Tribüne, Volume 29, Number 299, Indianapolis, Marion County, 11 August 1906 — Page 7

Jndiana Tribüne, 11 August 1006

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s 3 S 3 r 5 V Riithscl der Liebe jloman von Dietrich Cheden t SÄAAfrrA'i'r A ükk&icCricttictrK (Fortsetzung.) Das mißhandelte, blüthenzarie Kind hatte sich ihm entwunden und klagte im schwellenden Glücke noch um den Peiniger, bangte nach ihm . . . Der beschimpfte Mann stand aufrecht und ehrenfest, ein treuer Hort der Gefährtin, ein thatkräftiger, zielbewußter Schaffer an der aufsteigenden Lebensbahn . . . Auf dem Herde in der Fremde brannte das heilige Feuer, und auf dem einsamen in der Heimath war eine todte Afche . . . Und Du noch Eva! " Es war vorbei mit der Fassung des in seelenarmer Arbeit hartgeschmiedeten Mannes; ein Schrei war der Name; die Augen, die noch keine Thräne gekannt hatten, quollen ihm über, und ein rauhes, qualvolles Stöhnen riß ihm die fliegenden Lippen voneinander. . 14. Kapitel. s war noch nicht dagewesen: Wilkens hatte vier Tage das Geschäft nicht aufgesucht, hatte Vier Tage die Ailla nicht verlassen. Und blieb zu Hause noch am fünften, bestellte den ersten Prokuristen ZU sich, ließ sich Vortrag halten, verabschiedete ihn nach knapp einer Stunde. Erging sich im Garten, lauerte auf jeden Briefträger und war zu Telle stumm wie ein plötzlich der Sprache Beraubter. Blieb stundenlang auf seinem Zimmer, allein; lief stundenlang draußen umher, allein. Kam im Ueberzieher die Treppe herab. schoß an die Straßenvforte. blieb stehen und kehrte um. Bestellte den Wagen, ließ warten und bestellte ab. Kam zu dem alten Hauswart, schien sprechen zu wollen und ging schweigend weiter oder kehrte um. Auf seinem Zimmer wurde gedeckt; für das Fräulein nicht mehr. Das älteste Fräulein mußte fort sein wie das jüngste. Still, geheimnißvoll fort wie die erste. Erkrankt, entzweit die Dienerschaft tuschelte, die Wände schwiegen. Immer wieder kehrte Willens zu den Briefen, der Jüngsten zurück, las und kalkulirte die Daten aus. Das letzte Schreiben, schloß er, mußte erst in den letzten Tagen eingegangen sein, und er konnte sich nicht losreißen von dem Gedanken, daß zwischen Evas Flucht und gerade diesem Schriftstuck em Zusammenhang bestand. Die Stelle fiel ihm immer wieder auf: Eben kommt Wal ter heim Und soll Dir sagen. in ein paar Tagen werde auch er Dir schreiben und einen langen, wichtigen Brief . . ." Was war das für eine Wichtigkeit, die da wortkarg und fast geheimnißvoll angedeutet wurde? Und diese lange, wichtige" Mittheilung, war die inzwischen auch eingegangen hatten die Fernen etwa auch die Mit Helferin an ihrem Glück nach sich gezogen? In fieberhafter Spannung wartete er auf Evas weitere Nachricht, die sie ihm ja fest in Aussicht gestellt hatte. In einigen Tagen sollst Tu sie haben" die Wahrheit." Was zögerte sie? Warum ließ sie ihn nicht ein paar, sondern schon fünf Tage lang harren? Wollte sie erst wie die andere, die sich vielleicht in England hatte trauen lassen, den fremden Boden erreichen und von da aus auf einem Schiffe sich geborgen wissen? Endlich, am sechsten Morgen, kam die Erlösung. Auf dem weißen Umschlag Evas Hand, unverkennbar, und der Poststempel Ottensen. mit dem Ausgabedatum des Tages. Also war sie noch in der Heimathstadt? Oder hatte sie den Brief hinterlassen mit der Bestimmung, wann und wo er auf die Post zu geben se:? Willens öffnete in banger Furcht. Zwei Bogen. Walter" las er unter dem zweiten und überflog diesen zuerst. yeure Schwägerin! Alles, was meine liebe Ange an Dich gerichtet hat, habe ich natürlich auch gelesen. Und alle Deine Antworten sind mir lieb,i'aber auch schmerzlich gewesen, wie meinem guten Engel. Ich habe Ange zu beruhigen gesucht, soweit es in meiner Kraft stand. Aber das Beschönigen ist mir oft schwer gefallen, und vor mnnem -eigenen Wägen hat es vollends nicht standaebalten. Mit wachsender Bestimmtheit habe ich das Maß des Lei des erkannt, das Dir durch uns auferlegt ist, und immer lebhafter und dringender ist der Wunsch in mrr geworden. Dir nun wieder zu helfen, wie Tu über alles gütig uns geholfen hast. Theure Eva, es ging nicht so schnell, wie ich es gern gesehen hätte. Und doch noch so über alles Hoffen gut. Tu bist ja unterrichtet, welche Position ich mir mit voll Dank anerkannter i Hilfe unseres väterlichen Freundes Hunton gewinnen tonnte. Gewinnen und festigen in der immer noch kurzen Zeit. Nun wir aber so weit sind. nun wollen wir auch nicht länger zögern. Dich herzlich zu uns zu rufen. Dich zu bitten: Betrachte unsere schöne neue tzeimath als die Deine, komm zu uns für Dein Leben lang, wenn des Vaterö Sinnn sich nicht erweichen kann! '

weih es. welch schwere Ent-1

schließung ich Dir auferlege und welcher neue Schlag des Vaters harrt, ... 5 ri?;i. ' wenn ooa) nocy eine ueoenoe duiz in seinem Herzen wohnt, wenn sie jetzt nur irrt und nach dem zweiten Kummer wieder zu sich selbst kommt. Aber ihm steht ja auch dann der Weg zu uns offen, und Du wirst es empfinden, wie freudig gern wir unsere Arme ausbreiten und den Versöhnten an unserem Glücke teilnehmen lassen würden. Seine Aussöhnung ist der Gipfel all unseres Wünschens, aber zugleich Dein Leid das unsere mit und uns das nächste, dem ein Ende bereitet werden muß. Wir bitten Dich: versuche noch einmal. ibm zum Herzen zu sprechen! Und über uns keine Heimlichkeiten mehr. Ich habe keine Furcht mehr vor ihm. und selbst, wenn er es wollte: er könnte uns nicht mehr antasten. Sag' ihm, daß ich alles Harte vergessen habe. da?z wir uns sehnen nach ihm. daß er Ange und vor allem Dir wieder ein gütiger Vater sein soll wie einst in den Tagen der ungetrübten Kindheit. als Leben und Liebe noch nichts Scheidendes zwischen ihn und Euch gestellt hatten. Sag's ihm und bitte freundlich . . . Aber dann wenn alles nicht fruchtet, wenn alles umsonst dann auch ein rasches Zuende der Pein und ein Vertagen der Hoffnung auf eine Zeit, in der wir vielleicht einmal unsere Kinder ich verratbe Dir zuerst das köstlich?, keimende Gcheimniß unseres Bundes! als Fürbitter für uns zu ihm senden können! .Also dann schüttle das Leid von Dir. eile u uns. lebe auf in unserer unvergänglichen Dankbarkeit und treuen So?ae! Ja, unserer Tanköarkeit... Theure Eva. wir können ia nie autmachen, was Du uns aethan hast! Wir werden ja bis an das Ende unserer Tage immer Deine Schuldner bleiben. Aber wir würden uns freuen, wenn wir we-' nigstens versuchen durften, Dir nach unseren schwachen Kräften zu zeigen, wie ehrlich wenigstens wir von unserer Dankcspflicht durchdrungen sind! Wie tief wir in Deiner Schuld bleiben, auch wenn wir Dir das Eiaentbum. durch das Deine Großmuth unsere Zukunft in Tagen tiefster Verzweiflung aufgebaut hat. unverkürzt zurückgeben. ..Liebe Schützerin. ja. bitte, nimm wieder, was Dir gehört! ... Der Kaufberr feste einen Augenblick ab. Es flimmerte ihm vor den Augen, Was war das? Er las deutlich weiter: Der Einfachheit halber habe ich den Betraa an unsere Gesellschaft ausgehändigt, und diese hat mir dafür einen (Xrck aus die Norddeutsche Bank in Hamburg, bei der sie ein Depot unterhält, ausgestellt. Darf ich Dich um die Güte bitten, das Papier zur Zahlung zu vräsentttcn? An die Zinsen wollen . I . . Y l V V r JC. !. I

wz yeuie nicui vciiiei.; vie itneibst gehen, uoti sie yoien latent wir Dir in unseren Herzen gut." Den Waaen schicken? Nein, er selbst.

Willens setzte nochmals ab. Aber er verstand. Eva hatte nicht blos mit rr r c v i v rv V . i I naty. onoern aucu mii oer ai geyoiscn. ?ie yane na) m ayren ais II. f Y. rL fV V s I eine verstanoige, gui recynenoe Haus- . . v jf. I vaitenn erwiesn, uno von oen reicylichen Mitteln, die ihr für die Wirthschaft zugeflossen waren, mochte sie im Lause der Jahre sich recht wohl em klei nes Kapital erspart haben. Es war ja sein eigener Wunsch gewesen, daß sie das thun und über oen ueverschu nicht Rechenschaft legen, sondern nach ihrem Belieben verfugen sollte. Er hatte das als ein Erziehungsmittel betrachtet, das sie zur Selbststandigleü reifen lassen sollte, und er sah. daß er sich nicht getäuscht, daß sie von ihrer Befugniß nach dem alleinigen Ermessen Cebrauch gemacht hatte, auch gegen oen Erzieher selbst. Er grollte iyr mcht mehr: es erleichterte ihn, 0a 0ie fluchtigen oocy nicy: . M . l 9 L I mit leeren anoen gegangen waren; daß die Einsichtige das Opfer gebracht hatte, das ia n:cht gerade schwer gewesen. das ihr aber doch als selbstlose That der Liebe anzurechnen war. Er las den Schluß des Briefes, der Dank und Einladung mit schlichier Dringlichkeit wiederholte, und griff dann nach Evas eigenen Aufzeichnungen. t Vater!" Ja, nichts weiter. .Wenn Du Anges Bekenntnisse gelesen hast wenn Dein harter Stolz es zugelassen hat!, so wird Dir nicht entgangen sein, daß sie in dem letzten eme besondere Nachricht von ihrem Gatten ankündigte. Die heutige Post hat sie mir gebracht und ich reiche sie hiermit an Dich weiter!" ' t Em merkwürdiger, geicyasllicher, frcm berührende: Stil. ' Vater, das Geld war nicht mein Eigenthum. Ich lege es in Deine Hand zurück.- ; lr mclte; es rnißnei iym rcicni, caij sie, nun auch sie ihn verlassen hatte. mcht mehr darüber verfugen wollte. Ich din im Hause oer rau rerw. Senator Kuhlenhoff. der gütigen mütterlichen Freundin, der ich erst Anges Unglück anvertraut hatte und nun auch das meine." WHI- Willens fuyr uoerraiazr aus. Keinen Namen hätte er weniger vermuthet. Die vornehme alte Dame, die er so aut kannte, die selbst in Anspruch zu nehmen er vor seiner russischen Reise erwogen hatte ah. sie, sie auch mit als seine Gegnerin! Voll Spannung las er weiter: . unter lyrer Vioreiie ermne ia? eine Weisung, wie ich Dir das Werthpapier überreichen soll. Willjt Du emen BoI r . f V r . YV 2 j F V. AI icn oeauslragen 5 uoer i,ou icg lenoen? . TV . ?j j f.Ll.ü ijoer nun- 4,11 irng nocy ein icgics

Mal empfangen? Ja. ich habe den

Muth. Dich darum zu bitten. Ich fühle mich stark genug zu der Pflicht. rr! . -r eis. . i Gs.. .... juu noq cmmai -äuge uiuuu yi gegnen, eine Büßerin. Eine, die nicht eigenen Fehl als fremden erscheinen lassen darf, die beichten, die für sich entsagen will, allem; und die trotz Schuld und Sühne nicht klagen, die nur um Deinen Schmerz, nicht für sich selbst bereuen kann. ' Noch eines im voraus, eine Bitte: Richte keinen Vorwurf gegen die gütige Gönnerin Deiner Kinder! Sie war es. die mit einem Verwandten Walter Ostfelds das Brautpaar sicher in die Fremde geleitete und die als Zeugin mit am Altar stand, als der Priester die Hände der Liebenden ineinanderfügte. Sie hat Anges Thränen auf dem Schiffe getrocknet und ihr, wie ich. in vielen Briefen Trost zugesprochen. Sie hat die Korrespondenz zwischen Ange und mir vermittelt, und sie will nun der in Schuld Unglücklichen helfen, wie sie vor Monaten der in allem Leide Beglückten und Reinen geholfen hat. Das Haus meiner Kindheit, das ich freiwillig verlassen habe, ist mir verschlössen; aber in Deinem Geschäfte hast Dn einen Raum, den Du einmal vielleicht auch mir noch offnen wirst, Willst Du nicht, schlägst Du mir das letzte Bitten ab: Vater, das Papier ist nicht so hart, es nimmt mein Bekennen an. Ich konnte nicht den vollen Inhalt von Walters Brief voraussehen, sonst hatte ich die Sage noch gewartet, hatte ich erst gesprochen und dann gehandelt. Nun muß ich. um das erste nachzuholen. zweimal gehen wenn Du die Erlaubniß, noch einmal zu kommen, noch ertheilen willst." Willens las nochmals von Anfang an und sann und sann bewegt. Keine Anklage, als gegen sich selbst; kein Gedanke, als alles Geschehene allein zu verantworten. Sie wollte noch einmal kommen, nicht für sich für die anderen. Wollte noch einmal sprechen, wollte beichten, bekennen. Ja ja was denn alles noch? Daß alles allein ihr Werk gewesen, daß sie der weichen, kindlichen, unselbstständigen Jungen den Gedanken an die Flucht erst eingegeben? Daß sie. die Trotzige und Umsichtige, die Vorbereitungen getroffen, d:e Gönnerin gewonnen, daß sie vielleicht - auch den Geliebten der Schwester erst beredet hatte? Ja. das mutzte es wohl lein, uno oas wollte er ihr nicht erschweren. Und nicht in dem kalten Geschäftsraume sollte sie vor ihm stehen. Daheim. In dem Heim, das sich der Liebe ja noch wieder aufthun konnte. Von dem aus ein Band ja auch noch in die Ferne gespönnen werden konnte. Er griff nach einem Bogen, Komme zurück. Dein Vater." Willens zerriß das Blatt wieder Er konnte nicht warten er munte . ., rf i i rr n Selbst! Und er wollte. Er wollte die letzte wiederholen ... Es drängte ihn . hin zu ilx. ' ... . . m r stand aus uno horchte aus em Klopsen. LJ ... . .. . . . 2eüe!" nes er cms'S (Leratyewoyl. Der Alte trat ein. Herr Willens, da ist eine Dame. die " Ich habe keine Zeit! Ein andermal!" unterbrach Willens. Telle. meinen Wagen! Jawoll. Herr Willens. Aber die junge Dame " Herrgott ja, soll wiederkommen!' Telle stand unschlüssig. Herr Willens, sie will Ihnen was Wichtiges sagen sagt sie .. . Der Kaufherr meisterte seine Ungeduld ein wenig. Wer ist sie?" fragte er kurz. tai Namen will sie mir nicht nennen nur, Wnen. Herr Willens." V ' Willens überlegte, daß es sich um eine Botin aus dem Hause der Frau Senator handeln könne, und willigte ein. Gut. Ich lasse bitten.' Die Befucherin, ein zartes, jugendschönes Mädchen von höchstens achtzehn cabren. war ibm völlig fremd. Aber scharfe Auge des Kaufherrn erkannte an dem schüchternen Auftreten und der zwar schicken, doch einfachen und billigen Kleidung leicht, daß er nicht eine Vertreterin der Gesellschaft." sondern ein iunaes. aut ae?oaenes Mädchen aus kleinbürgerlichen Kreisen t0l sich hatte, Die Treuherzigkeit ihrer blauen AußCrl und die sichtliche Befangenheit, die einen holden Liebreiz in das junge, reiche Antlitz zauberte, stimmten den Kaufherrn freundlich. Mein Kind, bitte, was führt Sie ,n mir?" fragte er. I Ich - heiße Lisa Albers ich möchte Nrni?" geht so schwer " stammelte fic. Bitte, nur ganz offen." redete er er munternd au. Meine Eltern und meia Bru der wissen nicht, daß ich bei Ihnen in sie wollten es mir nicht er lauben c&r ich mußte . . Jh Augen füllten sich mit Thrä nc Her? ich Herr Lange Stefan Lange war mir gut " Ah, mein Kassirer?" fragte WilkenS überrascht . . . Ja, bitte , und I . ' "J r j ? Und Sie ihm?" Sie nickte schüchtern. Meine Eltern wollten es aber mcht - zuaeoen ' 9 -

Sie suchte ihre Thränen zu trocknend Warum nicht?" forschte Willens

interessirt. .Weil sie sagten ihm Schlechtes nach " Liebes Kind, wer ist Ihr Herr Vater?" Sie sah ihn erschrocken an Bitte, verrathen Sie mich nicht!" Nicht doch. Kind. Fassen Sie Vertrauen zu mir." Wenn Vater hörte, daß ich doch nicht geschwiegen habe, da würde er schelten " .Ist er heftig zu Ihnen? Fast hätte er gefragt: roh? .Nein, nein." wehrte sie ab. Vater ist gut. Aber er wollte nicht, daß ich uns auch noch . hineinbringen sollte. Uno mein Bruder sagte auch, daß es ja doch nichts mehr nützen könnte, seit Stefan todt ist " Nur immer ruhig weiter, mem Kind." .Ja. Ich ich muß auch. Ich glaube nicht, daß Stefan schlecht war. Blos leichtsinnig das war er. Und deshalb wollte ich ihn ja auch nicht heirathen. Daß er sich dann das so zu Herzen nehmen konnte, daß er das thun konnte ach Gott wenn ich doch blos " Die Stimme versagte ihr. Sie meinen, er hat den Tod gesucht aus Liebesgram?" fragte Willens gespannt. Wieder ein hastiges Nicken. Ja, ja ich weiß das. Und weil er nun wieder in häßlichem Verdachte steht mit dem Wechsel Ich hab' es nicht langer tragen konnen Herr, das hat er nicht gethan. er nicht!" Ja, ich mochte Ihnen gern glauben, Kind. Aber die Umstände " Ja, die! Ich kann es Ihnen beweisen. Er hat mir geschrieben. Als er draußen todt lag. da kam der Brief an. Und was ich bitten wollte ach, lesen Sie den!" Sie holte das sauber eingewickelte Schriftstuck hervor und hielt es ihm bittend hm. Gewiß, mein liebes Fraulem..." Ja, die deutliche, kaufmännische Handschrift Langes erkannte er. Meine liebe Lisa!" las er. Acht Wochen habe ich das Leben noch gettagen. seit Du mir Dern Nein geschrieben hast. Und toll war es, was ich trieb. Lustig wollte ich sein, vergessen im Rausche. Als ob da ein Vergessen noch möglich wäre, und als ob es da noch ein Ueberwinden gäbe! Du hast mich zu einem andern gemacht, und nun bist Du mir unerreichbar. Die Stätten, nach denen mich früher mein Leichtsinn lockte, sind mir fade und öde geworden. Aber wohin soll ich, da Tu mich von Dir weisest? Liebe Lisa. ich will ganz fortgehen. Ich weiß es. gerade der herabgekommene ehemalige Freund seinen Abscheu vor- der Umgebung erhöht, seinen Entschluß zur That bestärkt hatte! Ja. liebes Fräulein, so schreibt einer, der nicht die Unwahrheit sagt." bekannte sich Willens zu dem Eindruck, den die letzte Niederschrift des Unglücklichen auf ihn machte. Und darin stimme ich mit Ihnen überein: für ihn hatte das Verbrechen ja keinen Sinn mehr! Daran ist er unbetheiligt wie Sie und ich! Ja, ja, und ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind. Und liebes Fraulem, sprechen Sie nun auch zu dem Richter!" Ach, da? darf ich ja Nicht! Nein. nein Vater " Darf ich wissen, wo Ihr Herr Vater ist?" Das Mädchen sah ihn angstvoll an. Bitte, fragen Sie nicht. Ich er darf nichts ahnen " Mem Kind, die Welt glaubt an die Schuld Ihres lieben Todten offen vor aller Welt müssen Sie sich zu ihm bekennen. Das sind Sie ihm schuldig!" Ich möchte ja so gerne " Thun Sie's. Uebergeben Sie den Brief dem Richter! Befreien Sie das Andenken des Schlafenden von allem Makel! Und dann ist da noch der Mann, der da angeklagt ist! Auch um dessentwill dürfen Sie nicht stillschweigen! Bedenken Sie das, mein Kind." Sie stand in peinvoller Unentschlossenheit. .Ja - ja Willens erinnerte sich an den einen der anonymen Briefe aus der VerHandlung, der den Angeklagten Stoltenberg in Schutz genommen und dcn der Staatsanwalt als das Werk einer zweifelhaften Freundin des Verdächtigen charakterisirt hatte. Er konnte plötzlich die Muthmaßung, daß .die junge Besucherin vor ihm die UrHeberin gewesen sei, nicht unterdrücken. Hm, waren Sie das, die während der Hauptverhandlunq für Stoltenberg an den Vorsitzenden schrieb?" fragte er. Sie nickte hastig. Ja, liebes Kind, damit ist Ihre Pflicht aber nicht ganz erfüllt." belehrte er ohne Vorwurf. Selbst müssen Sie Zeugniß ablegen und Langes eigene Zeilen ausliefern ... Sie sagten, Ihr Herr Vater sei gut zu Ihnen. Bekennen Sie ihm, daß Sie bei mir waren, und sagen Sie ihm.' was ich Ihnen gerathen habe. Er wird Ihnen nicht zürnen und Sie nicht mehr hindern. Ihr Vater ist doch ein einfacher. tüchtiger, rechtschaffener Mann, nicht wahr?" .O ja, das ist er!" .Gut: Soll ich mit ihm sprechen?" Ich weiß nicht " . Zagen Sie nicht, Kind. ES muß

sein. Es wird Sie selbst von einem schweren Druck befreien..." Ja. das würde es. Ach ich " Sie überwand sich schwer. Ueberlassen Sie mir alles weitere," sprach Willens zu. Darf ich den Brief behalten?" Ja, wenn Sie wollen "

Und Ihren Herrn Vater aufsuchen?" Ach! Er kann mir doch nicht böse sein " Also willigen Sie ein! Wohin soll ich kommen: nach Ihrem Heim?" Mutter ist nicht ganz wohl." wandte sie befangen ein. Also bleibt das Geschäft? Wo ist Ihr Herr Vater?" Sie zögerte noch ein paar Sekunden.' Dann faßte sie sich ein Herz. Ja, wenn Sie ihn aufsuchen wollen... Er ist Werkmeister in der Maschinenfabrik von Verger & Solsfeld." Danke, mein Kind. Da habe ich'ö vom RLdingsmarkt aus nicht einmal weit. Und nun geben Sie mir die Hand. Sie sollen bald von mir hören. Und Sie werden sehen: der Vater macht Ihnen gar keinen Vorwurf. Und vor den Herren Brüdern haben die Schwestern ja meistens weniger Respekt! Ist der auch im Maschinenfach?" fragte er noch wohlwollend. Sie verneinte. Der nicht. Der ist daß ich Dich nicht verdiene, uno oyne Dich hat das Leben für mich keinen Werth mehr. Mein alter Onkel wird betrübt sein; aber er wird mir verzeihen, wie ich es von Dir erhoffe. Es ist Sonntag Vormittag. Ter Tod hat auch für mich noch etwas Schreckliches, und ich schreibe unruhig und in feigem Zagen. Aber am Abend, wenn ich noch einmal in den Strudel untertauche und der Ekel mich packt, dann hoffe ich den Muth zu finden. Werde glücklich, meine liebe Lisa, und vergib und vergiß! Sage ein gutes Wort zu Deinen Eltern und Deinem Bruder, daß auch sie mich nicht zu hart verdammen. An Deiner Seite hätte ich es ihnen gleichthun können in Pflicht und treuer Liebe. Traure nicht, vergiß! Dein Stefan." Eine Nachschrift folgte noch: Ich nehme den Brief mit mir, uno finde ich nicht die Kraft, muß ich ihn wieder vernichten Nein, mich schüttelt das Grauen vor mir s'lbst und dem leeren Sein ohne Dich. Ich werde es doch thun! Lebe wohl! Lebe wohl!" Gerhard Willens , stellte sich vor. wie der Verzweifelte das selbstgefällte Todesurtheil mit sich herumgetragen, wie er sich Muth gelacht und getrunken, wie er gelitten haben mochte! Wie vielleicht bei Erdmann Wichhorst auf dem Kontor." So, fo, bei dem... Adieu, mein Fräulein! Und nur immer frohen Muth!" Er sah der anmuthigen, feinen Gestalt nach und war zufrieden, daß er sie doch nicht abgewiesen hatte, wnn sie auch mit ganz anderer Votschaft gekommen war, als er sie je hätte vermuthen können. Aber auch die ihre war ihm hochwillkommen; sie hellte wohl das Dunkel des räthselhaften Wechsels noch immer nicht auf. aber sie war auch so werthvoll, weil sie wenigstens den Verdacht von dem zu unrecht Bezichtigten fortnahm. Und. ein merkwir?es Fügen des Schicksals: die Liebc lane den Mann in den Tod getrieben, und die Liebe wachte an dem Grabe über seine Ehre. Die Liebe... Gedankenvoll machte sich Willens endlich auf den Weg zu seinem Kinde, lehnte im Fond des federnden Wagen und sann über das Wort nach, das seinem Verstehen bis dahin so wenig erschlossen gewesen war und das für ihn immer noch etwas Räthselhaftes an Nch hatte . . . lFort etzunz folgt.) Chirurgie bei Thieren. ' Die neueste Errungenschaft der Chi rurgie bietet jetzt auch den Hunden und Katzen hölzerne Beine, gläserne Augen und falsche Zähne, kurz alle die HilfsMittel, wie sie der leidenden Mensch heit gewährt werden. Der britisch Thierarzt Professor Hobday hat für Hunde einen eigenen Operationstisch konstruirt, besondere Apparate zu ihr?? Betäubung erfunden und auch rncn: chirurgische Instrumente für Behandlung dieser Thiere anfertigen lassen. Er hat schon vorzügliche Erfolge erzielt und manch kostbares Thier gerettet. Einem Foxterrier z. B. amputirte er das ganze Bein und setzte ihm dafür ein künstliches aus Silber und Hartgummi mit einem beweglichen Gelen! ein. Ter Professor hat auch bereits einer aanzen Anzahl von Hunden ein fal sches Gebiß eingesetzt, das ihnen die vorzüglichsten Dienste thut und ihr Leben sehr verlängert hat. Einer kostbaren Katze setzte er ein Glasauge ein. das dem natürlichen Auge täuschend ähnlich sah. Er hat sogar einer Dam: wieder zu nem werthvollen. Dramantenkollier verholfcn. das ihr Hund verschluckt hatte und das, als es wieder zum Vorschein kam. der Besitzerin wie dem Hunde große Freude bereitete. In Labrador hat seit 33 Jahren keine Gerichtsverhandlung mehr stattgefunden und in 50 Jahren war nur ein einziger Krimmalfall zu verzeichnen.

Nach der letzten Ziehnng der französischen Preßlotterre wurde einer der Hauptgewinne im Betrage von einer halben Million Frank von dem glücklichen Spieler nicht abgeholt. Monatelang glaubte man, das Loos sei verloren gegan

gen. Jetzt yat sich der Gewinner endlich gemeldet, und es war nicht eine Schuld, daß er es so spat that. Er wohnt nämlich mitten im Jndichen Ozean, in Port-Louis auf St. Mauritius. Erst fünfundzwanzig Tage nach der Ziehung erfuhr er von einem Glück. Es ist ein Apothekergehilfe. Augenblicklich befindet er sich bereits auf dem Wege nach Europa, um seinen Gewinn zu beheben. Pädagogische Kreise n Sachsen sind, wie aus Leipzig berichtet wird, eifrig am Werke, eine Reform des sächsischen höheren SchulWesens in Fluß zu bringen. So soll der Gymnasialunterricht mit Obersekunda einen gewissen Abschluß erlangen, um sich dann in den Primen so zu verzweigen, daß sich die Gymnasiasten mit Rücksicht auf ihren kunstigen Beruf entweder voll den klassischen Sprachen oder voll der Mathematik und den ihr verwandten Realfächern widmen können, ohne von den anderen Fächern in dem Maße wie bisher in Anspruch genom men zu werden. Diese neue Anregnng soll einen gewichtigen Fürsprecher in dem neuen Kultusminister von Schlleben haben. Dem Vrofessor Qiia lielmo Mengarini von der Universität Rom ist es gelungen, von der vorjährigen totalen Sonnenfinsterniß farbige Photographien nach dem Dreifarbensystem zu erhalten. Die Photographien wurden in dem spanischen Städtchen Torreblanca aufgenommen. Menganni führte sie in diesen Tagen in einem Vortraae über die Sonnenfinsterniß dem Mailander Publikum vor und erregte so außergewöhnliches Aufsehen, daß er seinen Vortrag bereits zweimal vor Tausenden von Zuhörern wiederholen mußte. Er zeigt auf dem Lichtschirm ein völlig getreues Bild der Sonnen-Mondscheibe-Cd ssssist ssssi ssssistfm finsterniß. Hinter der schwarzen Mondscheibe sieht man die aus der Sonnenatmosphäre hervorschießenden brennenden Gasmassen, die sogenannten Protuberanzen " m ihren feinsten farbigen Abtönungen. E ingeisteskrankerProfessor wurde auf dem Hauptbahnhof in Frankfurt a. M. festgenommen und einer Irrenanstalt zugeführt. Der Unglückliche ist der 46jährige Maler Professor Adolf Alt aus Wien. Er versuchte an jenem Abend ohne Eintrittskarte zu den Borste!lungen des Circus Schumann zu gelangen, wobei er das Personal mit Niederschießen bedrohte. Wie aus seinen wirren Reden hervorging, wollte er Fräulein Dora Schumann sprechen Da sich die junge Dame gerade in der Circusgarderobe befand, versuchte der Professor gewaltsam in diese einzudringen. Durch den Skandal aufmerksam geworden, trat Fräulein Schumann aus der Garderobe heraus und fragte, was es denn gäbe, worauf der Professor erwiderte: Mein Fräulein, ich möchte Sie malen!" Als Fräulein Schumann hierauf nichts antwortete und wieder in ihr . Ankleidezimmer ging, zog der Professor seinen Revolver, der übrigens nur mit Platzpatronen geladen war, und bedrohte die Circusanaestellten. Der Irrsinnige wurde zu: Bahnhofswache gebracht, wo acht Personen erforderlich waren, den furchtbar tobenden Mann zu bändigen. Schließlich wurde er überwältigt und nach der Irrenanstalt gebracht. Die Stadt Gent darf sich vor allen anderen .Städten Belgiens rühmen, einen vorzüglich organisirten Nacht - Sicherheitsdienst zu besitzen, so daß ihr Name in der Polizeistatistik der nächtlichen Diebstähle und Einbrüche an letzter Stelle steht. Das erfreuliche Ergebniß verdankt die Stadt ihren vierbeinigen Nachtwächtern, die seit nunmehr sechs Jahren den zweibeinigen eine zuverlässige und unentbehrliche Stütze geworden sind. Seit die ersten Versuche im Jahre 1899 die ganz hervorragende Eignung des schwarzen belgischen Schäferhundes u der Thätigkeit eines Polizeihundes deutlich erwiesen haben, ist die Polizeimeute zum dauernden Bestandtheil des Genter Sicherheitswesens geworden, hat sich trefflich bewährt und zählt gegenwärtig 30 wohldressirte, intelligente Thiere. DasWesentliche bei ihrer Abrichtung besteht darin, daß sie nicht die' Personen, denen sie beigegeben werden, sondern einzig die Wächteruniform als ihre maßgebende Instanz" anzuerkennen lernen, so daß sie auch auf ihren Wächter selbst losgehen, sobald er sich seiner Uniform entledigt. Lesonders gute und völlig selbständige Dienste leisten die Hunde im Hafenquartier, wo ihre Gegenwart anscheinend mehr Respekt einflößt alö die der uniformirten Wächter. Da der Unterhalt der Thiere jährlich nur 3250 Francs erfordert, wird,daö Po lizeibudget von Gent erheblich erleuh tert, denn man berechnet,., daß di dreißig Hunde den Dienst von min bestens gleich vielen wirklich Nacht, Wächtern thun.