Indiana Tribüne, Volume 29, Number 277, Indianapolis, Marion County, 17 July 1906 — Page 6

Jndiana Tribüne, 17. Juli 1906

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Vogclcr's KIetten Wurzel Oel ZurZ Beförderung des - Saarwuchses, uud zur Verschönerung,Erhaltuug und Wiederherstellung der Haare.

Seit Jahrhunderten ist dieses erprobte und bewahrte Natur Mittel rühmlichst bekannt. Die von vielen Aerzten ausgestellten Em pfeh hingen über dessen Güte, Kraft und Wirkung überheben uns allen ferneren Anpreisungen. Das ZZlettenwurzel Oel reizt die Kopfhaut zu neuer und gesunder Thä tigkeit an, reinigt sie von Schorf und Schuppen, verhindert das Ausfallen und frühe Grau werden der Haare, heilt die Krankheiten, die oft auf dem Kopfe erscheinen und erzeugt einen jchönen und neuen Haarwuchs. Auch giebt es dem Haar ein üppiges, alän zendes Ansehen wie es noch durch kein Leres Äittel dieser Art geschehen ist. Prelö, 50c die Flasche.? In allen Apotheken oder direkt von St. Jacobs Oil, Limited, Baltimore, Md. Indiaiia Carriage Co. Nachfolger von E. T. Helfer. H Indler in . Carriages, Phaetons, Runabouts, Moyer Wagen, AdliefernngswLgen und Trays. Nord Capitol Ave. Alle Sorten Pferdegeschirre. ?zmmirkifeN'Luferant. PyzneZ, Main 806; Neu ZlZ. Niederlage für Ablieferungswagen, 19-23 Nord Cavitol Ave. Wrn. Stociflet SsileeFi. 3fo 202 Nord Noble Strcr . NkuzK Telephon . i7i DIANAPOLIS BREWI1IG CO. Düsseldorfer. . DaS Bier, welches auf der Weltausstellung zu St. LouiS dm Preis erhielt als Der Welt Standard Für Vollkommenheit In Plttts und Quarts, Flaschen Tep't. Tel. 573 und 690. Indianapolis Biwing Cc. Aerzte. Dr. LEO HERBERT Wiener Arzt, ent-, Geschlechts' .Nervenkrankheiten 1,0 Oft CVo ekabe LterFIoor. Neue? Id. 4449. vchftd, 11, 24. 78 ?tend. ' ' ' ' Dr. J. A. Sutclififc, WnndArz:, .i!e;5', Urin nt-ctectn? Xrankhsiten. Ctt 16J O5 Zarket Str. Tel. S4' Cf ftaStanben: 9 bis 10 Uhr 33n. ; 2 lii i Uhr Nur. Dr- Carl Q. Winter Deutscher Arzt. thanbfit alt akute und' chromschelArsukheitt. Sveziell Rheumatismus, Nectmn und Frauenkrankheiten. (Office: 14 weft Bhio Straße. Ossice.Stunden : 10 11 Vm. 34 Nm. Sonntags : 9.3010.30 Vm. Tel. neu 43. Wohnnug: Z2Z0Madison Vvenne Telephone : Alt. 2025. Nnl, 9282. Dr. Paul F. Martin, vrattischer VrztZ und gfttrntft. Sprechstunden: ii.oo-iz.sa 3.30 4.00 tSgllch Sonntag? :Inf Verabredung. Willoughby Gebäude, 114 ord Vkeridi Ctrc Tel.Main Uii Wohnung: 120 NoroNemZJersey Str. lelephoa: Waw'tt: NeZ8,.

Europäische Zlachrichten.

Hesterrcich-'Zlngcrrn. Wien. Vor kurzem hat sich im Hause Sterneckplatz No. 19 im Prater ein blutiges Drama abgespielt. Der 20jährZge Fleischhauer - Gehilfe Anton Fischer, der dort im dritten Stockwerk dieses Hauses mit seiner 22jährigen Geliebten Marie Schmidt und deren Mutter, der Wäscherin Katharina Schmidt, ein Cabinett bewohnte, hat aus Eisersucht zuerst seine Braut durch einen Stich in'l Herz getödtet und sodann sieh selbst lebensgefährliche Verletzungen beigebracht. Hier starb der Schuhmachermeister Leopold Augustinitz, ' Rupertusplatz 2, welcher letztens im Rathhause den Eid als Bürger ablegen sollte, unmittelbar vor der Beeidigung. Der im 52. Lebensjahre stehende Mann wurde plötzlich von Ohnmacht befallen. Die sofort zur Hilfeleistung herbeigeholten Aerzte des Stadtphysikates konnten jedoch nur mehr den durch einen Herzschlag eingetretenen Tod constatiren. Der 56jährige Thürsteher der Stadtbahn Johann Meister feuerte im sogenannten Markirstuhl der Stadtbahnhaltestelle Schottenring", wo er den Dienst versah, aus einem Revolver zwei Kugeln gegen sich ab. Die ProIcktile durchlöcherten bloß den Rock. Aerzte der Rettungsgesellschaft brachten den Mann, der ein unheilbares Magenleiden als Motiv der That bezeichnet, zum Stadtcommissariat. Meister wurde zur Prüfung seines Geisteszustandes der psychiatrischen Klinik übergeben. Dieser Tage feierte Karl Kraft. Montageleiter der Firma H. W. Adler & Co.. das 25jährige Dienstjubiläum. Der Abend wurde in Gegenwart der Chefs und Prokuristen sowie vieler Collegen des Jubilars, dem werthvolle Geschenke überreicht wurden, festlich begangen. Der Leiter des Unterrichtsministeriums hat den Beschluß des Professorencollegium der hiesigen Technischen Hochschule auf Zulassung des Privatdocenten Phil. Dr. Strunz der deutschen Technischen Hochschule in Brünn als Privatdocenten für Geschichte der Naturwissenschaften und Naturphilosophie auch für die hiesige Hochschule bestätigt. V l e i st a d t. Letztens feierte der Oberlehrer unserer Stadt, Josef Hüttel, das 25jährige Jubiläum als Oberlehrer unserer Schule und war aus diesem Anlaß Gegenstand vielseitiger Ovationen. Dem Jubilar wurde ein Fackelzug dargebracht, an dem sich ein Festcommers im Rathhause anschloß. G munden. Hier brannte letztens die Vogelsangmühle ab. Zahlreiche Bewohner konnten nur das nackte Leben retten. Der angrenzende Cumberland'sche Park war stark gefährdet. Großwardein. Vor einiger Zeit wurde der Professor der hiesigen Rechtsakademie Hugo Szolcsanyt plötzlich, als er mit seiner Familie beim Souper saß, vom Schlage gerührt und war in wenigen Augenblicken eine Leiche. Jägersdorf. Letztens hat der Gastwirth und Oekonom Josef Graf, ein wegen seines jovialen Wesens allgeschätzter Mann, seinem Leben durch Erhängen ein Ende bereitet. Graf war verheirathet und Familienvater. Der Beweggrund der That ist unbekannt. Karlsbad. Ein seltenes Juoiläum feierte kürzlich das hiesige Postund Telegraphenamt; es beging in festlicher Weise seinen zweihundertjährigen Bestand. O l m ü tz. Der Baßbuffo Hans Haagen hier erlitt während der Vorstellung von Fidelio" auf offener Scene einen Schlaganfall. Er starb nach kurzer Zeit. Hier erschzß sich in Neugasse der 24jährige Tagelöhne? Johann Kroubardt in unzurechnungsfähigem Zustande. Kroubardt war nach Rittes (Bezv. Schönberg) zuständig. LuTcmburg. Luxemburg. Das der Dam: Doucet-Larüe zugehörige, in der Fayenceriestraße gelegene Wohnhaus ging aus freier Hand zum Preise von 14.500 Francs in den Besitz des Herrn Erasmus Meyer über. Beles. Bei einem Streit, wurde der Ackerer E. Frantzen durch mehrere Messerstiche lebensgefahrlich verletzt. Provinz 'Nrctndenvurg. Berlin. Kaufmann Oscar Glüder hat der Stadtgemeinde ein Vermächtniß von 78,000 Mark hinterlassen, um aus den Zinsen erwerbslos unfähig gewordene und unselbständig gewesene Mitglieder des Kaufmannsstandes zu unterstützen bis zum Ho'chstbetrage von 1000 Mark. Ein tödtlicher Unglücksfall ereignete sich in der Zossener Straße 31: Dort hatte die Brauerei Belle Alliance von Carl Merse vom ersten nach dem zweiten Hof Ausschachtungsarbeiten vornehmen lassen und den Futzweg mit hölzernen Bohlen belegt. Als Angestellte der Brauerei nebst den die Ausschachtung vornehmendenMaurern damit beschäftigt waren, einen mit etwa 15 Centner beladenen Wagen nach dem ersten Hos zu schieben, gab plötzlich das Erdreich nach. Der Wa en leate sich auf die Seite und drück te dem Maurer Paul Held aus der motiiürabe den Brustkasten ein. so

daß 'der Tod sofort eintrat. Als

die Arbeiter des Lederwaarenfabrrkanten Theodor Wegene? ihre Werkstätte in der Prinzenstraße 34 betraten, fanden sie ihren Arbeitgeber mit durchstochener Brust auf der Erde liegend als Leiche vor. Man glaubte anfangs, daß es sich hier um ein schweres Verbrechen handle, doch hat es sich im Laufe der Untersuchung herausgestellt, daß Wegner selbst Hand an sich gelegt hat. Zunächst hatte er versucht, sich zu erhängen, doch kam er hiermit Nicht zum Ziel. Mit einem Ledermesser stieß sich der Unglückliche dann zweimal tief in die Brust. Der Tod muß auf der Stelle eingetreten sein. Wegener, der mute der vierziger Jahre gestanden hatte, ist angeblich wegen Familienzwistigleiten in den Tod gegangen. Im Schwimmbassin der Volksbadeanstalt an der Schillingsbrücke ertrunken ist der 15 Jahre alte Lehrling OttoHoffmann aus der Waldemarstraße. Er scheint emem Herzschlag zum Opfer gefallen zu sein. Der letzte Schulze unseres Nachbar-Riesendorfes Lichtenberg - Friedrichsberg ist dort dieser Tage in der Person des Rentiers Andreas Drawiel zu Grabe getragen worden: er hat ein Alter von 83 Jahren erreicht. Für dreißigjährige treue Dienste in der Charitee ward dem 65 Jahre alten WagenWärter Wilhelm Riedel und dem 51 Jahre alten Maler Hugo Lubke das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen. K ö p e n i ck. Infolge Sturmes war der hohe Fabrikschornstein der hiesigen Fabischen Elektrizitätswerke in der Friedrichsbergerstraße in seinem oberen Theile baufällig geworden. Einer Berliner Firma war die Niederlegung des gefährdeten Schornsteins übertragen worden und zur Ausführung hatte die beauftragte Unternehmerin ein Hängegerüst in einer Höhe von etva 22 Metern anbringen lassen. Jüngst ließen plötzlich die Greifer, die zur Befestigung des Gerüstes in der Wand des beschädigten Schornsteins eingeschlagen waren. nach und der obere Theil des Schornsteins stürzte sammt dem Gerüst in die Tiefe hinab. Die auf dem Gerüst befindlich gewesenen Arbeiter Otto Walter aus der Schliemannstr. 4 in Berlin und Anton Vachmann ebenfalls aus Berlin wurden mitgerissen.. Bachmann wurde wie durch ein Wunder gerettet. Im Sturze blieb er an einem Kletterhaken hängen und konnte aus seiner gefahrllchen Lage befreit werden. Dagegen fand Walter bei der Katastrophe seinen Tod. Teael. Ein Museum märkischer Alterthümer bat der biesiae Kommerzienrath Borsig eingerichtet. Borsiz hat vor einiger Zeit die Insel ReiHerwerder tm Tegeler ee erworben. Bei den Erdarbeiten sind nun viele Alterthümer gefunden worden, welche Borsig zu emem Museum zujammenaestellt bat. Besonders interessant sind etliche Gräber, in denen die Leichname m hockender Stellung beigesetzt waren. Senftenberg. Erschossen hat sich anscheinend in einem Anfalle von Schwermuth der Brauerei- und Schützenhausbesitzer Hänig hier. Provinz Ostpreußen. Königsberg. Letztens hört: am Sackheimer Thor der dort wachende Schutzmann auf seinem Patrouillengange unterdrücktes Stöhnen, das vom Fuße der Wallmauer herkam. Als er daraufhin nachforschte, fand er den Arbeiter Eduard Schwarz dort vor, der erst kürzlich aus der städtischen Armenanstalt entlassen war und, da er kein Obdach batte. au? dem Wall übernachten wollte. Schwarz war dann in der Dunkelheit von der etwa 4 Meter hohen Wallmauer heruntergestürzt und hatte sich dabei einen Bruch des rechten Hüftgelenkes zugezogen. Der Schutzmann ließ di Unfallwagen rommen. der den Verunglückten nacy dem städtischen .Krankenhause brachte. Vallethen. Ueberfahren und schwer verletzt wurde kürzlich der 11 Jahre alte Sohn des Riemermeisters Boy in Albrechtshos unweit von hier. Der Kleine befand sich' auf dem Heimwege von der Schule und wollte ein Fuhrwerk besteigen, als die Pferde plötzlich anzogen. Der Knabe fiel vom Wagen und die Räder des schwer beladenen Wagens gingen dem Kleincn über den Unterleib. Schwer verletzt werde er in die Colley'sche Klinik nach Jnsterburg gebracht. G u t t st a d t. Ein Unglücksfall hat sich kürzlich bei dem Bau des Gutsbesitzers Fischer in dem nahen Knochen ereignet. Der Arbeiter Fotzki. der mit dem Heraufbringen von Balken beschäftigt war, wurde von einem Balken, der plötzlich zurückfiel, so schwer getroffen, daß er nach drei Stunden verstarb. Lyck. Der von seiner Familie getrennt wohnende Schornsteinfeger Rasum bereitete sich ein Mahl von gebratenen Fifchen. Dabei ist jedenfalls eine brennende Kohle in den dicht am Herd siehenden Torfkasten gefallen. Rasum hatte dies nicht bemerkt und legte sich zur Ruhe. Der Torf fing inzwischen aber an zu schwelen und durch den Dunst ist der Unglückliche urn's Leben gekommen. P r onitt e n. Dem Lehrer a. D. Ernst Ewert ist der Adler der Jnb ber des Hausordens von Hohenzol- ' lern verliehen worden. V

Neue Lieds, neues inss

Von Charles A. France. Du sahst mich an aus dunklem Auge So milde wie die Früblingsnacht: Da ist in meinem Kerzen leise Die Hoffnung knospend aufgewacht. Von deiner Lippe schwebte nieder Wie (rngcl icis manch liebes Wort Und scheuchte mir, ein Gruß vom Himmcl. All der Verzweiflung Dunkel fort. Ein neucZ Leben will sich regen. Wie ist mir alles neu und schön! Als würden goldne Frühlingswolken Mir leise durch die Seele gch'n. Station $l Lon Friedrich Kroff. Der Winter liegt über dem weiten Land hier hartgefrorene, kahle Stellen, dort Schnee, vereinzelt dunkle Wälder oder traurige Dörfer und darüber, sachte ziehend, fahlgraues Gewölk am Himmel. Zwei Paar glänzende Schienengeleise ziehen endlos von Süd nach Nord. Wo sie eine Höhe überwinden, steht eines von den schmucklosen Stationshäusern: rotherBacksteinbau, niederes schwarzes Dach, im Erdgeschoß kahle, vergitterte Fenster, hinter denen die messinggelben Telegraphenapparate heraussehen, im Obergeschoß unter der Uhr Blumen und weiße Gardinen. Das Haus sieht ziemlich weit vom Dorf entfernt, und weit sieht man von .. co o c v. w:. er: . lym aus uoer-oas ,anv uuv vic viin samkeit. Der Vorstand der Station mit seiner rothen Mütze ist hinter den dergitterten Fenstern sichtbar bald hier, bald dort. Es ist ein reifer Dreißiger. Der Platz hat einen höheren Beamten, weil er nicht unwichtig ist, obwohl er nur zu einem Dorf gehört. Der Mann ist fleißig und genau und thut selber, was er kann. Manchmal schwirrt es am Telegraphen. Manchmal tönt das Klingklang der Streckenleitung. Züge mit großen, glänzenden Wagen jagen vorbei nach Nord und nach Süd, und Kling klang" taumeln die Glocken in ihr Getöse hinterdrein. Manchmal hält ein Zug. Ein Passagier schlüpft hastig heraus und eilt aus der Station. als gälte es ihm, einer Stätte der Unwirthlichkeit zu entfliehen. Und zweimal am Tag liegt ein Güterzug eine Viertelstunde lang auf dem Seitengeleise. Hin und her geht es mit Rufen und Pfeifen, mit Knarren und Klirren und Pusten. Je tiefer der kurze Ta sich neigt, desto häufiger schweifen die Gedanken des ernsten Mannes mit der rothen Mütze weg von seiner vielfachen Beschäftigung, hinaus aus dem Dienstlokal nach dem Obergeschoß,, wo Frau und Kind hausen. Er freut sich auf den Abend. Er malt sich das glückselige Willkommen aus. ' Er hängt an Weib und Kind mit der ganzen Zärtlichkeit eines vom Leden geläuterten Gemüthes. Nicht nur, daß sie die einzigen sind da draußen im öden Land, die seinem Herzen nahe stehen. Es hat auch viele Mühe gekostet, bis er zu seiner Frau kam, viel Geduld und manchen Kampf. Dann aber bauten sie sich ein warmes Nest. Und das Kind kam ein gar süßes, hübsches Madchen, die unerschöpfliche Quelle einer von nichts zu überbietenden Seligkeit: die Tage des Wachsens und Werdens in treuer Hut und vor den allzeit offenen Sinnen der Eltern, die jedes Schrittchen beachten und jedes Lallen mit behaglicher Ausführlichkeit deuten. Fünf Jahre ist jetzt das Kind. Manchmal denkt der Vater mit einigem Unbehagen daran, daß der Liebling nun bald täglich den weiten, rauhen Weg in das Dorf zur Schule gehen soll. Es ist gar zart von mancher Krankheit, die es schon überstanden hat. Kaum mag er es ausdenken, so lieb ist ihm das Kind. Aber er hält sich Vorlesungen über Erziehung um harten Kampf des Lebens. Nein, das Leben soll dem lieben Kind nur Glück und Sonne bringen. Dafür arbeitet, dafür lebt er und will weiter nur dafür leben und schaffen. Leise fängt es zu schneien an: Zwischen der einsamen Laterne da draußen und dem Fenster wirbeln die Flocken aus dem nächtlichen Himmel. Er ist froh, daß er seine Lieben droben weiß, in warmen Stuben geschützt vor den Unbilden des düsteren Winterabends. Droben schafft die Mutter, ein blondes, siillcs Weib mit einem Madonnengesicht. Sie rüstet mit emsiger Sorgfalt zum Abendtisch und daß es recht traulich warm in der behaglichen Stube sei. Das kleine Mädchen spielt unbeachtet am Boden, und später lehnt es still in einer Ecke und starrt vor sich hin, als wenn es träumte. Der Tisch ist schon gedeckt. Die Stühle sind zurechtgerückt sammt dem Polster für das Kind, das noch nicht recht über die Tischkante reicht. Die Lampe brennt hell. Sogar die Tabakspfeife liegt schon geputzt und gestopft in der Nähe von Vaters Gedeck. Im Ofen prasselt das neue Feuer. Wenn es einmal ganz still ist, hört man draußen das Summen des Winterwindeö in den Drähten, die eilige Votschaft schweigend zwischen Nord und Süd tragen. Ein leiser Dut

ton gebratenem Fleisch zieht aus der Küche herein in das Zimmer. Nun braucht er bloß zu kommen. Plötzlich horcht die Frau auf. Ein Klingeln - läuft über, das Land her. Aus der finsteren Ferne erhebt sich Eisengetöse. Mit Fauchen und Rassein kommt es rasch näher. Ein Pfiff wie ein Schrei. Das Haus erzittert. Dann ist es vorbei und verliert sich rasch mit Klingeln und Klirren in der finsteren Ferne. Der Abendschnellzug ist's. Jetzt hat der Vater Ruhe. Der vertauscht mit freudigem Aufathmen seine rothe Mütze gegen eine blaue, giebt dem Adjunkten und dem Stationsmeister noch einige Weisungen und verläßt das Dienstlokal. Fröhliche Sehnsucht fliegt ihm voraus, glückselige Erwartung harrt ihm entgegen. Er steigt die Treppe hinauf. Es wundert ihn nur, daß heute Frau und Kind nicht herauskommen. Seitdem der kleine Schelm die Treppe gefahrlos herunterklettern kann, versäumt er es nicht leicht. Und die Mutter sieht vorsorglich droben an der Thüre. Er kommt an die Thüre droben, und Niemand läßt sich sehen. Na, Kinder, was ist denn heute? Habt mich wohl vergessen?" Lenchen wollte heut' nicht," sagt die junge Frau. Er küßt die Mutter und das Kind. Während die Frau in die Küche geht, beginnt er, sich's bequem zu machen. Nun. Lenchen, wo sind heute die Filzschuhe? Vater hat wieder kalte Füße." Das Kind hat immer seine Freude daran, wenn es etwas besorgen darf. So ist es seit Langem darauf bedacht, dem Vater allabendlich die warmen Schuhe zu bringen, wenn er halbverfroren heraufkommt. Weinerlich sagt das Kind: Wo sind sie, Papa?" Aber Lenchen." Ich kann nit sehen." Mußt halt genau nachsehen, einfältiges Kind. Sind doch immer am gleichen Platz." Er wendet sich jetzt erst dem Kind zu und bemerkt, daß es noch gar nicht vom Fleck gegangen ist. Du bist aber heute faul. Schäm' Dich!" Da macht es sich auf und geht unsicher nach dem Fenster hin, wo die Schuhe nie waren und nie sein können. Dabei stößt es an einen Stuhl und ruft seltsam ängstlich: Papa!" Lenchen, was hast Du? Was hat das Kind?" fragt er seine Frau, die eben mit frohemGesicht die dampfende Schüssel bringt. Papa, ich seh 'die Schuh' nit." Beide eilen herzu. Das Kind dreht sich ihnen zu und greift mit grauenvoller Hilflosigkeit in's Leere. ' Eine Sekunde stehen beide starr, als wagten sie sich nicht heran. Keines wagt die Frage auszusprechen, die in seinem Innern schreit: Blind?" So fragen sie nur kopflos durcheinander: Was hat das Kind? Was ist dem Kind?" Wieder dieses Tasten und Greifen. Eiskalt schauert es den Vater. Die Mutter rafft sich zusammen und reißt das Kind auf den Schooß und starrt ihm in die Augen. Der Vater tritt hinzu. Sekunden des entsetzlichsten Forschens. Das Mädchen beginnt zu weinen. Da wirft sick der Mann auf's Neue in die Kleider, nimmt eine Laterne und stürzt fort in die finstere Nacht. Ein Schneesturm hat sich aufgemacht. Er achtet seiner nicht. Er jagt nur fort. Und das Licht geht hastig auf und ab. Nach einer Stunde hat er den Arzt. Der will ihm kaum glauben, macht aber ein bedenkliches Gesicht. Als sie auf die Station kommen, ist das Kind eingeschlafen wie alle Tage. Es wird kaum wach, als es der Arzt untersucht. Er brummt ein paar technische Ausdrücke. Der Vater soll nur morgen gleich in die Stadt zum Spezialisten oder in die Klinik. Vorläufig könne man nichts thun. Dann geht er heim. In dem einsamen wintersturmumbrausten Haus bleibt die Verzweiflung wach die ganze Nacht. Die Mutter weint viel. Manchmal kann selbst der Mann die Thränen nicht halten, so sehr er sich auch der Frau wegen zusammennehmen möchte. Dann wirft sie sich an seine Brust und schluchzt herzbrechend. In ruhigeren Momenten sprechen sie über den Fall und suchen sich gegenseitig zu beruhigen, zu trösten. Am Morgen geht es in die Stadt. Eine lange, kalte und traurige Fahrt. Als der Mann zurückkommt, sieht ihm die Frau mit angstvollerErWartung entgegen. Sie steht auf dem Bahnsteig in Wind und Wetter. Der Vater ist leicbenblaß und so matt, daß er das eingepackte Kind kaum herausheben kann. Er braucht nichts zu sagen. Sie weiß alles. Mit Mühe hält sie an sich, bis die gaffenden Gesichter hinter den halbgefrorenen Wagenfenstern weiterziehen. Der Winter hat die oft umbrandete Hochburg besiegt, ist eingezogen in die warmbehütete Stätte und liegt darinnen grau und kakt, viel trostloser als draußen im freien Land, wo eö doch Kampf giebt und einen Augenblick ein

Sonnenstrahl auf den eisigen Klingen blitzt. So beseligend die Zeit des Werdens war, so furchtbar quälend ist jetzt für die Eltern die Zeit, da das Kind sich an sein lichtloses Dasein gewöhnen muß. Der Vater ist fast immer drunten. Wenn es angeht, macht er weite Spaziergänge in das öde Winterland hinaus und achtet keines Wetters, daß er nur selten droben in die Wohnung kommt. Er spricht selten. Er grüßt Niemand. Gegen seine Untergebenen ist er jetzt ein leicht erregbarer, barscher Vorgesetzter. Bald kommt es anders. Er spricht nur das Nothwendigste. Und wenn er schelten sollte, hat er nicht dieKraft dazu. Er läßt es sein, als ginge es ihn nichts an. Wenn er doch nach oben kommt, thut er es mit Zwang. Als ob dort das Grausen wohnte. Er meidet den Anblick des Kindes. Nur selten, wenn er allein mit ihm ist, reißt es ihn hin. Dann drückt er es an sich und weint heiße Thränen. Wo sind seine Hoffnungen? Wo ist das Leben das er geträumt hat? Was hatte er dem Kind vermeint! Nun ist alles vorbei. Der Winter ist ein grauenvoller Geselle in solchem Jammer. Wenn er um das Haus heult, horcht der verstörte Mann mit vollüstigem Grausen, als käme jetzt alles, was ihn erdrücken, erlösen sollte. Rast dann ein Zug heran, so erschrickt er und ist enttäuscht, wenn er vorbei ist. Es ist ihm kaum möglich, die Sinne soweit bei einander zu halten, daß er seinen Dienst versehen kann. Er sieht nur immer die blinden Augen und das liebe Gesicht, das die lichte Sonne geküßt hat, und das Tasten in's, Leere und das Glück, das hm ist. Oft reißt er sich im allerletzten Augenblick aus seinem Sinnen und thut, knapp zur rechten Zeit, was ihm obliegt, daß all' die hundert Menschen, die arglos dort vorüberjagen, sicher fahren. Steht er inSchnee und Wind draußen auf dem Bahnsteig und läßt einen Zug Passiren, dann ist ihm ost gar eigen zumuthe. Wie im Traum steht er und ringt mit schlimmen Gedanken. Kriecht es in der Nacht daher mit den hellglühenden Augen er muß sich fest am Boden halten, daß er nicht vortritt und nicht weiter zählt zehn Schritte sind es eins zwei. Dann ist es wieder vorüber. Mutter droben ist still verschlossen. Sie weint heimlich. Sie sieht besorgt ihren Gatten und vermag doch kein Wort zu finden, um ihn zu trösten. Der Adjunkt hat jetzt schöne Tage. Ter Vorstand macht selbst die meiste Zeit Dienst, besonders aber jedeNcht. Und jedesmal ist es das Gleiche, wenn ein Zug vorüberrast. Eines Morgens sucht man den Beamten. Als der Stationsmeister in das Dienstlokal trat, war es leer. Da kommt der Bahnwärter von der südlichen Ausfahrt mit entsetztem Gesicht gelaufen. Er hat ihn gefunden. Die Züge jagen ohne Unterlaß von Nord und Süd einander entgegen und tragen unbekümmert das Glück und das Leid durch die Welt vorbei an der Station wie an hundert anderen.

Vom Würfel.

Es kennt ihn jeder, den aus Elfenbein, Knochen oder anderem Material hergestellten Körper, der aus 12 gleichen Kanten, sechs gleichen Flächen und acht gleichen Ecken gebildet ist, aber nicht jeder dürfte über den Ursprung und das Alter des Würfels unterrichtet sein. Das Würfelspiel ist uralt und soll, einer Sage zufolge, von dem Griechen Palamedes wäh- , rend der Belagerung Trojas erfunden worden sein, um den Kriegsleuten Kurzweil zu verschaffen. Wenigstens wird in Homer's Jlias neben kriegenschen und gymnastischen Uebungen, neben Ball- und Brettspiel, das Wür-fel-oder Asiragalusspiel als eine der hauptsächlichsten Belustigungen genannt. Von den Griechen lernten die Römer das Würfelspiel, und von diesen hat es sich, von Jahrhundert zu Jahrhundert, nach und nach über die ganze, nicht nur civilisirte Welt verbreitet. Heute, nach mehr als dreitausend Jahren, hat der Würfel noch genau dieselbe Gestalt, wie zu Trojas Zeit. Im Mittelalter war das Würfeln namentlich in Deutschland oft geradezu zu einer Seuche ausgeartet, und die Schelmenbeine" oder Teufelsblöcke" spielten beispielsweise im Leben der Landsknechte eine bedeutende Rolle. Es gab damals in jeder größeren deutschen Stadt eine Zunst der Würfler oder Würfelmacher, Nürnberg war der Hauptherstellungsort der Würfel. Nach einer Bußpredigt des ranziskanermonchs Johannes Capnstanus sollen dort nicht weNiger als 40,000 Stück Würfel den Flammen überantwortet worden sein. HuOsnstische?. Seufzer. Student: Alles ist verkehrt auf .dieser Welt!... Der. Geldbriefträger kommt einmal im Monat und der Gerichtsvollzieher zehnmal!

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