Indiana Tribüne, Volume 29, Number 209, Indianapolis, Marion County, 27 April 1906 — Page 5

Jnbkana Tribüne, 27 April 1906i

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. ' Vollmcnschen. - Humoreske von E. Rolfs. Der Prokurist Alfred Werner und seine Frau hatten keine Hochzeitreise machen können, weil der junge Ehemann damals nur drei Tage Urlaub bekommen hatte. Auch war die Jahreszeit nicht günstig gewesen. Man wollte im Sommer das Versäumte nachholen. Aber im Sommer war Frau Ella verhindert. Im Herbst hi; ein Bübchen seinen Einzug, und alle Reisegedanken mußten aufgegeben werden. Nun aber ist Bübchen zweieinhalbes Jahr alt. Großmama hat es gestern abgeholt, um es ein paar Wochen bei sich zu verpflegen. In eini gen Tagen soll nun endlich die nachträgliche Hochzeitsreise angetreten werden. Ueber das Ziel konnten sich die zwei Lcutchen bis jetzt immer noch nicht einigen. Frau Ella möchte an die See, Alfred neigt mehr zum Gebirge. Indes will man aus Liebe zum . anderen nachgeben, und so schwankt man immer noch. Frau Ella vertreibt sich in Abwesenheit des Kindes die Zest mit der Lektüre eines interessanten Buches. Es ist ein mo dernes Auch, enthält Abhandlungen über allerlei wichtige Fragen, besonders auch über die Ehe. Frau Ella hat bis jetzt noch gar nicht gewußt, was die Ehe eigentlich für ein komplizirtes Ding ist. Sie hat sich in ihren Fred verliebt, sie haben sich verlobt und verheirathet, als ob das die natürlichste Sache von der Welt wäre. Nun, nach der Lektüre dieses Aufsatzes über die. Ehe erkennt sie, daß sie beide ganz kopflos gehandelt haben.' Sie haben lange nicht genug überlegt, was sie thaten. Sie haben sich nicht sireng genug geprüft.' Darum sind sie nun auch nicht glücklich. Um glücklich? Ja, aber sie lieben

sich doch zärtlich, sie sind fo ungeheuer zufrieden zusammen, sie haben ein herziges Baby. Sie können einander nicht entbehren. Das ist's aber eben. Aus dieser steten Zufriedenheit geht deutlich hervor, daß sie beide nichts von der großen Liebe wissen, daß sie überhaupt keine Vollmenschen" sind. Vollmenschen können' öas nämlich einfach gär nicht ertragen, immer beieinander zu sein und alles zu theilen. Vollmenschen sind jeder etwas für sich. Ein Vollmensch braucht bisweilen eine Zeit der Einsamkeit, der'verheirathete Vollmensch eine Trennung von der Gattin, dem Gatten. Sonst geht die. Individualität zugrunde. Frau Ella ist sehr nachdenklich. Na, Mäuschen," so spricht Fred, ri ri-r, - r I als ' er vom Geschäft nach Sause kommt Du 6ija so still. Fehlt Dir was?" ' T Jfc'l , KyT V ;-'- ? . .- i .-. . Äch',"FredV ich bin sehr ungluck- ! lich!" Um Himmels willen warum denn?" Weil wir so glücklich sind." Was? Weil wir so glücklich sind? Das ist mir zu hoch, Maus." Ja, es ist doch nicht das rechte, wahre Glück, unser Glück!" Wieso?" Es ist nur ein Scheinglück! Das Glück der gedankenlosen Menge. Wir sind keine Vollmenschen. Wir brauchen einander zu sehr. Kurz und gut, lies nur diesen. Aufsatz hier, dann wirst Du wissen, was ich meine. Wir müssen uns trennen, Fred." Trennen? Aber Ellachen!" Nicht für immer, ' Lieber. Nur eine Zeitlang. Damit wir uns bewußt werden, daß jeder von uns noch etwas für sich ist. Dann erst können wir auch dem andern wieder etwas sein. Bei dem ewigen Zusammenhocken versimpeln wir, langsam, aber sicher. Lies nur, lies. Mir sind die Augen geöffnet." Ich verfleh' Dich nicht. Ellachen." Nun, es liegt doch so nahe. Wir reisen einfach jedes allein, Du in's Gebirge, ich nach Rügen. Sieh, schon daraus, daß wir beide bereit sind, unsere Lieblingswünsche zum Opfer zu bringen, geht herpor, daß wir unsere Eigenart bereits vollständig aufgegeben haben. Das ist , eben die grenzenlose Schwäche der Halben, der Menschen ohne Individualität. Die Folge unserer Verliebtheit. Ja, Verliebtheit. Denn, hätten wir die wahre, große Liebe der Vollmenschen, dann müßte uns unser bisheriges Leben ganz und gar unbefriedigt lassen. Lies nur." Schön, Ellachen. Nach Tisch. Jetzt wollen wir aber erst mal sehen, daß wir was zu essen kriegen. Ich weiß -nicht, was den Hunger anlangt, fühl' - ich mich ganz Vollmensch!" Nicht spotten, Fred! Die Sach ist zu ernst dazu. Wenn Du den Aufsatz gelesen hast, wirst Du 'mir recht geben." . , Und richtig. Der mit heißer Ueberzeugungstreue geschriebene Aufsatz verfehlt seine Wirkung auch bei Alfred nicht. Er gehört zu den nicht seltenen Menschen, die einen ungeheuren Respekt vor dem haben, was gedruckt ist. Es kommt ihm bei der Lektüre deutlich zum Bewußtsein, daß dieses, stete gegensertlge Verhrm u?eln. dieses. Aufgeben der Persönlich keit zugunsten des anderen Theils der Ehe wirklich etwas Blamables - hat,' besonders für. den Mann. Esist tttsöieden etwaö dran.' Er bat Lck

doch . nicht einmal so viel von seiner Willenskraft gerett:t. um energisch zu bestimmen: Wir gehen in's Gebir-

ge. Anstatt, dieses eines Vollmensehen .allein würdigen Auftretens ist er bereit, nachzugeben, mit Ella an die See zu gehen. Das ist ja einfach lächerlich! Und sie besteht nun auf dem Gebirge: Sie sind eben altmodische Menschen, nicht imstande, sich von dem gesunden Egoismus, der heute die Welt regiert, leiten zu lassen. Das muß anders, werden. Ella., der Aufsatz hat mir sehr zu denken gegeben.' Der Verfasser hat vollständig recht. Wir' trennen uns also eine Zeitlang. Du gehst nach Saßnitz, ich in die Dolomiten. So wahren wir unsere Eigenart uno thun den ersten Schritt ' zum Vollmenschenthum Frau Ella ist halb erschrocken, halb erfreut und ein ganz klein wenig gekränkt, als Alfred mit diesen Worten in ihr Zimmer' tritt. Daß er so gar bereitwillig auf eine Trennung eingehe, das hätte sie doch nicht für möglich gehalten. Mit Mühe unterdrückt sie. ein paar Thränchen und ruft sich in's Gedächtniß zurück, daß sie keinen Grund zum Weinen hat. Als modernes Weib beherrscht sie sofort die sentimentale Anwandlung. Schön, .Fred! Also Du nach Süden, ich noch Norden. Wie' gut uns das thun wird. Ich denke in Saßnitz alte Liebhabereien wieder aufzunehmen,, ein Tagebuch schreiben, zeichnen. malen. Du weißt,' auf all' das hab' ich seither verzichtet, aus Schwäehe, weil Du Weil ich wollte, daß Du Deine Augen, die nicht stark sind, schonen sollst, und weil ich nichts Ueberflüssigeres kenne als die Tagebuchschreiberei!" Ja, Du! Das ist'S eben. Ich finde es sehr schön, sich bisweilen über sich .selbst klar , zu werden beim Niederschreiben von Gedanken und Gefühlen. Nun, getrennt von Xxx, kann ich mir das ja erlauben." Und ich, ich werde mir mal eine Güte thun mit Klettern. Dazu komme ich ja sonst nie. Ich freue mich schon, in der erhabenen Gebirgswelt den Segen der Einsamkeit zu genießen." Natürlich schreiben wir uns jeden Tag." ' Gott bewahre. Ihr Frauen seid doch immer halb. Wenn schon, denn schon. Für Qlle Fälle hinterlasse ich Dir meine Adresse. Du schickst mir ab und zu'die Karten,' die Deine Mama über den Iünaen schreibt. Das genügt. Wir wollen doch die Ent- . , , r rr ! i jCl willemng unsrer igenuii mcyi luglich durch Briefe unterbrechen. Wo bliebe da das Vollmenschenthum?" Du hast recht,' Fred. Man kann sich eben nicht so leicht zu einem- höheren Empfinden aufschwingen. Sind wir erst getrennt, dann werden . wir es bald lernen." An dem Tag, der zum Antrittder gemeinsamen Reise bestimmt ist, dampfen Alfred und Ella nach verschiedenen Richtungen hin ab. Ellas Zug geht eine halbe Stunde früher als der ihres Mannes. So kann er ihr noch behilflich sein, was ihr gar nicht unlieb ist. Sie ist noch kaum einmal . allein gereist. Sre nimm! sich beim Abschied krampfhaft zusammen. Mit erzwungenem Lacheln schüttelt sie ihrem Gatten die Hand und toytft ihm mit dem Tüchlem zu, solange er noch sichtbar ist Dann aber lehnt sie sich heftig schluchzend in die Ecke zurück. Der Weg zum Vollmenschenthum. scheint ihr plötzlich entsetzlich schwer. Vier Tage sind vergangen, als der Prokurist Alfred Werner seinen Penaten wieder ' zustrebt. Als die Portiersfrau ihm die Hausthür öffnet, schaut sie ihn "ganz sonderbar an: Na. auch zurück von der großen Reise?" Allerdings.- wie Sie sehen". Damit läßt er die Verblüffte stehen und murmelt auf der Treppe: Albernes Weib! Als ob die's was anginge, wie lange man ausbleibt." ' Er will die Flurthüre aufschließen, da bemerkt er zu seinem großen Erstaunen, daß sie gar nicht zugeschlossen ist. Seltsam. er hat sie doch eigenhändig abgeschlossen. Das kann nicht 'mit rechten Dingen zugehen! Am Ende gar Einbreche? Himmel! Nasch mit dem Drücker geöffnet, und Alfred steht im Flur. Wahrhaftig, im Wohnzimmer regt sich was. . -Mannhaft, beherzt reißt er die Thür auf und Ella!" Alfred!" Du?" Und Du auch?" Und die zwei Vollmen chen liegen sich in"den Ar men, und Alfred lacht, vinb Ella schluchzt: Ach. Fred, es war schrecklich so allein auf der Bahn, und in Saßmtz habe ich mich so furchtbar nach Dir gesehnt, und es lief immer so ein frecher Mensch hinter mir her. Und da Im tch heute Mb abaerem, und hier wollt' ich mir noch allerlei mitnehmen und dann zu . Mama und zu Baby fahren. Ach Fred, und nun bist Du da, wie froh bin ich! Aber, wie kommt's denn eigentlich, daß Du auch ; ( - : - . . Ja Ella, es. war ganz komisch. Immer mußt' :ch,dran denken, als ich so allein in München rumlief werter bin jchvnamnch gar mcht gekommen 'wit schön's wirr, hätt' ich . W hrtif meine ueinc tfiau ani urrn. - öttqls

machte mir Freude, nickt mal das

Hofbräu. Da beschloß ich. nach Hause zu fahren. Am liebsten wär' ich gleich nach Saßnitz, aber das schien mir doch nicht gerathen. Ich wollt' Dich nicht hindern, Deinem Jndividualitätsbcdürfniß zu leben. Nun bcn ich so froh, daß wir wieder zusammen sind. Herzkind. Weißt Du. ich wär nur ein halber Mensch ohne Dich." Und ich erst, Fred, ich war überHaupt gar keiner." Nettes Resultat! Anstatt daß jeder für sich in der Einsamkeit sich zum Vollmenschen entwickelt, bin ich nur 'n halber, bist Du gar keiner mehr. Weifet Du. ick alaube. wir müssen schon zufrieden sein mit unserem Glück, so wie's ist." Ich alaub's beinahe auch. Also. morgen fahren wir zusaminen zu Baby. Ich hab' mich auch nach dem erlchen schrecklich gesehnt." Na ja. dafür bist Du die Mutter. Ich hab' meinen Jungen wirkIich auch srhr lieb, aber gesehnt hab' ich mich eigentlich nur nach Dir. Und :cy om zwar auch der Ansicht, daß wir morgen fahren, aber nickt' au Mama, jondern irgendwohin in's Blaue hinein. Und wo's uns gefällt, da bleiben wir. Das ist vielleicht ein oummer streich, aber da wir doch einmal im Leben keine Vollmenschen werden, können wir uns ja auch einen dummen Streich erlauben." Die versunkene Stadt". Die Wahrbeit über die versunkene Stadt? Vineta scheint jetzt erkannt zu lern. Im 10. Jahresbericht der GeographischenGesellschaft zu Greifswald (1906) berichtete darüber W. Deecke. Die alte Wunderstadt soll nördlich von ver 3nel Ujedom liegen. Dort louen gelegentlich die Glocken aus der Tiefe klingen, und die Valäste sotten von Sonntagskindern gesehen worden lern. In Wirklichkeit ist dort eine Untiefe und ein Riff, das nach Vineta genannt ist. Bis jetzt war man nicht daraus gekommen, die Berichte' des alten Chronisten aenau auf ibre Wahrscheinlichkeit betreffs Vinetas zu prüfen, sondern hatte einfach an mehr oder weniger grundlose Sagen gedacht. Aber diese Berichte enthielten eine bedeutsame Wahrheit. Der 'ommer'jche Ehromst Kantzow hat um 155 erzählt, daß er selbst mit lanaen Stanaen den Boden untersucht und dabei Steinblöcke in bestimmter Gruppirung gesunden habe. Er hatte erwartet, Ruinen und Mauerwerk zu finden, und schrieb daher sichtlich enttäuscht: Allein feint die großen ffundamentsteine noch vorhanden und liegennoch so an der .Stelle und an anderen' Orten etliche ' noch droben. Darunter 'seint so große Steine , an drey oder vier Ortn, daß sie wol Ellen hoch über ' Wasser scheinen." Er zeichnete auch einen Lageplan dieser Steine und erhielt bestimmte Figuren, fo daß er' glaubte feststellen zu können. -daß die Statt in dtV'Lenae iist gebawet gewest und hat sich mit der Lenge erstrecket von Osten bis Westen." Der Plan Kantzows sieht einem Stadtplan sehr 'ähnlich.' Ein paar Jahre später, noch ehe ' dieser Vlan veröffentlicht wurde, hatte ein anderer Wißbegieriger Namens Lubbechius ebenfalls die sagenhafte Mee resstelle untersucht und das Gestein planmäßig aufgenommen und kam zu ganz ähnlichen Ergebnissen' wie Kan"tzow. Dieser doppelten Zeugenschaft ist Deecke nun mit , dem gebührenden Ernst nähergetreten. Die Steine noch droben hat er als Decksterne ersannt, die auf anderen ruöen. und die ganze Anlage als eine prähistorische. llchls anderes als Dolmen oder Qünenaräber sind es nach seiner Meinung. Die großen rechteckig, gelegten 1 " r c c fy i . r c kleine Mo oemnacy lelnelNsrieoiaunaen. wie sse.in runder ftorm z. B. das berubmte'5)eiliatkum Stonebenae in England bilden. Bedeutsam Ft . M m , am m I m m auch die Ost-West-Anlage dieses Vineta. die bei den Steinanlaaen die Regel, ist. Auffallender ist die große 3n,i von zuiammenilegenoen Grabern, was aber auch sonst. z. B. auf Rüaen. vorkommt. Deecke erinnert auch daran, daß man noch im Jahre rrn i : c. ,.r..xi. xtix cici giußc uuicuic vsuciiic m einer Reihe aus dem Riss kannte; da mals scheiterte nämlich ein Kolländi sches Schiff daran. Heute sind die Steine alle verjcywunoen, oa man sie beim Bau des Swmemunder Hafens sehr, gut verwenden konnte.' In der Naturwissenschaftlichen . Wochensckrift" macht nun Dr. Tbienemann darauf aufmerksam, dafr- die Steine nur durch eine Erdsenkung unter n . . r.I " rr Waner gekommen icin rönnen, xzmt r 1 y . i ff . .1 : 4. "iln scicrjc yai IN vct Aiiu in piuyiioii: frfier Heit der Ostseeboden erkabren Ruhig sanken .die Grabsteine mit ihren Deckplatten unter das Wasser, so weit, daß bei ruhigem Wetter die Steine noch droben" über der Oberfläche erscheinen konnten. Also ein Vineta hat es gegeben, nur war es nicht eine prächtige, gottlose Handelsstadt voll rastlosen Lebens, fondern eine - Todtenstadt, ein Friedhof. yH'c ut zutag e. ' ' Glauben Sie, daß ich mit dieser Dame glücklich werde?" Heirathsvermittler: Ich säg' Ihnen, mit der halten Sie 's mindepenZ zehn Jahre axar

Vor zwei Jahrhunderten;

Palmsonntag-Novellette aus PreußenZ Geschichte. Ein herrlicher Frühlingsmorgen lachte über das märkische Land. In üppigem Grün dehnten sich die Saaten, aus Zweig und Busch wagten sich schüchtern die ersten Knospen hervor, die Sonne, nur selten von weißen Wölkchen überflogen, sandte ihre belebenden Strahlen hernieder und alle Kreatur schien sich des jungen Lenzes zu erfreuen. Munter galoppirten zwei Fohlen hinter der Einzäunung einer Koppel, von fern her tönte das behagliche' Brüllen einer Kuh. und auf den Bäumen der Landstraße jubilirte ein Fink; den Grundakkord in diesem Naturkonzert bildeten c76cr die Kirchenglocken, die jetzt überall zu läuten begcmilen, in allen Flecken und Dörfern und auch in dem grünumhegten Oertchen, in das die Straße mündete, in Rheinsberg. An jener Stelle der Straße, wo sie ein kleines Wäldchen schneidet, bewegte sich eine . große und bequeme Equipage. Das Regendach war breit zurückgeschlagen, so, daß vorübergehende Kirchgänger die Insassen gut betrachten konnten. Im Fond saß ein Herr mit rundem, rothen Gesicht, blauen Augen, und einfacher Haartracht; er hatte einen grauen Mantel an und hielt in der Rechten ein spanisches Rohr mit goldenem Knopf: neben ihm hatte ein großer Herr mit sirengen Zügen, . gleichfalls sehr einfach gekleidet, Platz genommen. Als ttr Wagen aus den Fichten m's Freie rollte und das freundliche Panorama sich den Blicken der Reisenden enthüllte, sah der dicke Herr zur Rechten wohlgefällig nach allen Seiten. Er warf einen prüfenden Blick nach der Koppel, musterte die Straßenaufschuttunq. mformrrte sich über den Saatenstand und nickte dann zufrieden mit dem Haupt. Einverstanden! Wenn wir drüben in Rheinsberg alles so finden, wie bisher, bin ich kontentiret. Eine wahre Lust, so am Palmsonntagmorgen durch die Mark kutschiren. meint er nicht auch, Prittwitz?" Der mit der Marmormiene blickte jetzt freundlicher und machte eine leichte Halbrechtswendung. Sehr wohl. Eure Maiestat, auch ich halte es vor ein sonderlich Bergnügen, dem lieben Herrgott seine Wunderwerke anzuschauen. Zum Beispiel, wenn die Knospen spnngen, well sie es nicht mehr aushalten können vor Sehnsucht nach der güldenen Sonne. Das ist doch der Wunder größtes, und wir 'alle mit unseren Arbeiten und Leistungen sind ohne Ausnahme Majestät halten zu Gnaden Lumpenkerle gegen den da oben." - Der, König nickte freundlich: Da hat ergänz meinen Geschmack und meine Ansicht. Und ich kann Ihm sagen. Prittwitz. die Natur, das ist die Amme und Trösterin.' Und war damals vor sieben Jahren er weiß schon, was ich. meine tiefbetrübt, daß der. Kronprinz so gar nicht Bergnugen zeigte, dermaleinst die gutpreußische Einfachheit anzunehmen, und m dem Morgen in Wesel, als wir ihn gefaßt, da hab' ich bittre Thränen geweint und mich nicht -fassen können. Und will er's glauben? Als ich da in dem Garten ging und die Sonne schien durch die Linden, d.fe es fast wie ein grüner Schleier aussah und oben sang ein Vogel, . ... m V. L da würd' nnr's aus einmal itqi uno da sagt ich mir: Nimm's als eine Prüfung! Wen Gott lieb hat, den züchtigt er. Und da hab' ich die Zähne zusammengebissen und ausgebalten." Der Generalmajor und Adjutant mochte nichts erwidern, sintemalen es nicht oeratben war. die Erinnerungen von Anno 30 wieder aufzuwärmen. Auch Friedrich Wilhelm schwieg und musterte einen Torfstich nahe der Straße, dessen Schwarzbraun sich markant von der hellgrünen Wiese abhob. Nach einiger Zeit nahm der König wieder das Wort. Ich halt' es jetzt an der Zeit, daß wir unsern Vlan entwerfen, -wonach heute verfahren wird, und meine so: Zuersten insviziren wir ganz obenhin. den Zustand von Straßen undBau L . C I ! uqieilen; aisoann weisen luimwitAi Blick in die Kirche, woselbst ver atte Rossow predigt. Kenne ihn schon von früher! -Darnach, und bevor uns einer erkennt, machen wir den Ueberfall auf meinen Herrn Sohn. Wollen seyen, womit er den Palmsonntag Bormittaa zubrinaet, denn in der Kirche wird er schwerlich zu finden sein. Hierauf nehmen wir das Essen, kontrolliren die Schule . und fahren dann noch zu guter Stunde gen NupPin. Meint er nicht auch so, Prittwitz?" .Ich stimme Eurer Majestät bei, halt's aber für gut, wenn wir m Ausspann vor der Stadt den Zagen verlassen. Sintemalen sonst liebeifriaeSeelen die Ankunft Eurer Ma jestat zu den Ohren Sr. Königlichen Hohen bringen konnten. Gut. ' Vrittwik. aber hab's schon selbst so bedacht. 'Wir bleiben im Ausspann Bald nach diesem Meinungsaus tausch setzte sich der Wagen in Trab, und nach zehn Minuten wurde der Gasthofl zum Weißen, Roß" erreicht, woselbst der Wirth, sehr zum Wohlgefallen Sr. Majestät, mit de'n 'Gastenjerne strenge Erkundung vornahm:

Wo sie herkämen, ob sie Papiere hatten und dergleichen?!" ' Lass' er uns in Ruh' sagte Friedrich Wilhelm, wir ' sind fürnehme Vergnügungsreisende aus dem Schlesischen .Das ist mir aanz eaal Vaviere das muß sind ' so hat es Se. Königliche Majestät in Preußen befohlen, und davon geh' ich nicht ab'

Prittwitz zelate sazlleßlich em amtliches Schriftstück, mit dem der Wirth sich zufrieden gab; die Reisenden aus dem Schlesischen" aßen ein Butterbrot und gingen dann m den Ort., Ein furtreffllcher Kerl sagte der König, erinnert er sich noch der Kaname m Kustrm, Prittwitz, dre sich über meine Vorschriften gar lustig gemacht? Und die ich mit dem Stock zur Ordnung gebracht? Hier rm Ruppinschen ist ein besse rer Schlag, Majestät - Sag' er das nicht, Prittwitz! Ist alles eine Couleur, Germanenderbheit und Slaveneinschlag Majestät, ich bin auch Märker!" Daran braucht er mich nicht zu erinnern. Wenn ich Ihn nicht ausnähme, hätt' ich's noch ganz anders gesagt Unter solchen Gesprächen waren die beiden Herren durch die Straßen geschritten, hatten hier emen Blick m die Häuser und Höfe, dort in die Gärten gethan und näherten sich nun der Kirche. Der Palmsonntags - Gottesdienst ging seinem Ende entgegen. Oben auf der fchonen Kanzel stand Herr Johann Rossow, ein bejahrter Herr, der schon vierzig Jahre an dieser Stelle amtirte. Während der Predigt hatte sich drüben, gegenüber der Kanzel, die dunkle Eichenthüre geöffnet, und zwei Männer waren eingetreten. Herr Johannes Rossow war zu eifrig, 'als daß er diese Störung bemerkt hätte. Als er aber nun im Verlauf . seiner Predigt die Gemein.de im Kirchenschiff von Angesicht zu Angesicht musterte, da fiel sem'Auge auch auf die Gestalten an der Thüre und ein jäher Schreck durchzuckte ihn ' er er kannte den.Komg. Der Gestrenge m seiner Kirche!! Den Herrn. Rossow wandelte ein Zittern an, die Gedanken waren wie fortgeblasen alles. alles weg. In seinem Schrecken vermochte er nichts mehr, als den Segen zu sprechen. Friedrich Wilhelm , aber hob den .Stock mit dem Goldknopf und drohte nach 'der Kanzel hinauf, und damit endete der Gottesdienst in höchst .irdischer Weise. Sieht er, Prittwitz, da haben wir schon eine betrübliche Affaire sagte der König -Und nun rasch zu meinem Herrn Sohn, auf daß nicht die Kirchengänger vorauffliegen und unsere Absicht zu schaden bringen ' . Was der König da' vorhin von sla-bischer-Verschmitztheit im Märker gesagt hatte, das-sollte sich jetzt bewahrheiten. Der Wirth vom Weißen Roß" hatte den Herrscher auf den ersten Blick erkannt und danach seine gestrenge Paßkontrolle eingerichtet. Aber, der fürtreffliche Kerl" that noch mehr; er lief, sobald Friedrich Wilhelm sein Haus verlassen hatte, hinten herum durch die Gärten nach dem Schloßpark und meldete die Ankunft des Gebieters einem Adjutanten des Kronprinzen. . Das war ein Schreck! Soeben übte man auf dem Parktheater, . einer natürlichen Anlage von verschnittenen Kulissenhecken ein französisches Lustspiel, in dem der Prinz selbst die erste Lieohaberrolle spielte, als die Hiobspost eintraf. Zuerst gelähmtes Schweigen, dann em spurloses Ver schwinden -von der Szene, als ob Seine Majestät bereits als Zuschauer, da stände, endlich allgemeine Flucht in das Schloß. In Windeseile wurden die Galaröcke mit Seidenstickerei gegen die preußische Uniform : (Re giment Kronprinz, No. 15, Garnison Ruppin) ausgetauscht, Flöten und Notenhefte durch Degen und Schärpe ersetzt, und statt der Komödie des Franzosen begann ein preußisches rm i r t r m ' 2Huuaxcc)avLpiti. juant oem . Ausenthalt des, Königs in der Kirche gelang es, diesen Szenenwechsel gründlich durchzuführen und auch die letzten Spuren des.'övrausgegangenen Unternehmensrzu verwischen. So trat Friedrich Wilhelm zu sei ner angenehmen Ueberraschuna in ei nen Kreis von Offizieren, welche das Infanterie - Reglement ernsthaft diskutirten und ein sogenanntes Skelettexerzieren (d. d. em Exerzieren, bei dem die wirkliche Truppe .nur markirt wird) durchführten. . An scheinend wurde seine Gegenwart, zu erst nicht bemerkt, fo eifrig war man bei der sache; erst als ein Adjutant ausrief: Der König!" wandte sich alles m gronler Ueberraschuna um. Bin auf.derDurchfahrt nach RupPin, wohin 'Eure Königliche Hoheit mich begleiten werden erklärte der König seinem Sohn. Was hat man hier gemacht? 'Reglement studirt? Einverstanden! Und . nun , bitt ich mir ernMutagessen aus. Zwez Gange, nicht mehr!" ' ' . Es geschah genau nach des Königs Willen: man aß reichlich, aber emfache Hausmannskost. Nach. der Tasel wurden Thonpfeifen gereich und dann dursten sich aus der Wasserterrasse drei Hornblaser produz, ren. Friedrichs verwohntem .. Ohr klana es, wie das Horndoh der vu den Jagd, rauh und unmelodisch, aber ' ? r .r;.Y , ' oem ttunig cjicirn ne . emsaezen

Volksweisen und er nickte sehr befttts - digt. Alsdann zog sich Friedrich

Wilhelm auf ein Stündchen zurück, um etwas zu ruhen; Friedrich aber schritt hinauf in' das kleine runde Thurmgemach, von dessen Fenstern, ein herrlicher Blick über den See und den Wald sich öffnet, und schrieb dort tinen Brief an Voltaire, den er von Ruppin' aus morgen oder übermorgen leichter zu spediren hoffte. Der Kronprinz hatte diese Epistel kaum gesiegelt, als ein Lakai ihm meldete, der Könia babe das Mittaasschläfchen schon beendet und sich soeben zur Schule begeben. Und so war es. in der That. Die Rheinsberqer Jungen waren von ihrem Präzeptor. dem alten Lehrer Bergemann, rasch zusammengeru-' sen worden und harrten nun in ihrer Klasse gespannt der Dinge, die da kommen sollten; Friedrich Wilhelm aber schrieb mit eigener Hand folgendes Rechenezempel an die Wandtafel: Wenn ein Handwerker in einem Tag zwei guteGroschen verdient, wieviel verdienen vier Handwerker in einem Monat? Den Monat zu fünfundzwanzig Tagen gerechnet Nun rechnet, Jungens. Da beaann ein Knirschen der Griffeauf den Schreibtafeln, ein Kopfzerbrechen und an den Fingern abzählen, als gelte es. den preußischen Staatsschatz vom Untergang zu retten. Herr Bergemann im Hintergründe lächelte; er kannte seine Schüler. Nach fünf Minuten war alles fertig, kein falsches Resultat, und ein besonders fizer Bengel hatte auch noch den Jahresverdienst festgestellt und in Gulden umgerechnet. Der König war sehr zufrieden. Sieht er. Prittwitz, das Rechner das schätze ich als der Hauptsachen erste. Lesen und Schreiben ist gut, aber die Rechenkunst geht darüber. Der Blondkopf hier, der's am besten gemacht hat, der wird's voraussichtlich im Leben auch am weitesten bringen Und dann zum Lehrer gewendet:' Wie' heißt der Junge?" Fritz Malchow, Majestät! Der Vater ist Ackerbürger Komm 'her, Junge, hier hast Du 'was Und der sonst so karge Fürst schenkte dem schnellen Rechner einen 9 a XI T V , ifiiiiiirn ijjii i i r 11. . Damit wären wir in Rheinsberg fertig. Bin zufrieden mit feiner' Schule. Bergemann. Hat er Wünsche, -dann sag' er's Habe keine, Majestät So na, dann geb' er. mir ein Glas Wasser, mir ist warm geworden Während Bergemann hinauseilte, den verlangten Trunk zu besorgen, zählte Friedrich Wilhelm zwölf harte. Thaler auf das Katheder und darunter schrieb er mit Kreide: In. Anerkennung. F. W., Hex 11 Darüber legte er das Klassenbuch. Eine Stunde später rollte die Equipage des Königs zum Thor hinaus nach Ruppin. General von Prittwitz hatte jetzt auf dem Rücksitz Platz genommen, und an der Seite des Monarchen saß jetzt helläugig der KrönPrinz. Er und der Adjutant disku-' tirten eifrig eine militärische Frage, während der König still zuHorte. . Friedrich Wilhelm schwieg; aber in seinem Auge lag etwas wie einSchimmer 'der Befriedigung und tiefen Glückes. War er mit dieser Palmsonntags - Jnspizirung zufrieden? Sah er kommende große Tage? . Bedenkliche Vertheidigung. v. John Scott zeichnete sich, während er in London als Anwalt thätig war, durch die Kaltblütigkeit aus, mit der 'er die Richter behandelte. Als einst eins junger Anwalt, der hörte, daß die Richter gegen seinen Clienten entschieden hätten, äußerte, daß er über das Urtheil erstaunt sei. wurde die Aeußerung von den Richtern als eine Verh'öhnung des Gerichtshofs betrachtet, und der junge Anwalt - vorgeladen, sich am nächsten Morgen vor dem Gericht zu verantworten. Ihm schien die Sache nicht ganz geheuer und er fragte feinen Freund John Scott um Rath. Dieser meinte, er solle sich nur keine Gedanken machen, er werde ihn schon in einer .Weise vertheidigen, daß die Sache keine unangenebmen Folgen für ihn haben würde. Als am nächsten Tage der Name des Delinquenten Aufgerufen wurde, stand Scott auf und hielt folgende Vertheidigungsrede an das versammelte Richtercollegium: Ich bedaure, Lords, daß mein junger Freund sich so weit vergessen hat, die Achtung gegen das Gericht zu verletzen, doch zeigt er aufrichtige Reue, und sicherlich ist sein Vergehen nur seiner Unwissenheit zuzuschreiben. Er sagte, , er wäre überrascht über das Urtheil der Richter. Nun, hätte er nur etwas mehr Kenntniß von dem, was hier im Gericht vor sich geht, hätte er das Gericht nur halb so lange gekannt, als ich, so würde er sicherlich über gar nichts mehr überrascht sein." Vorbereitet. Schwiegcr, söhn ' (kurze Zeit nach der Hochzeit, zum Schwiegervater): Zu meinem Bedauern muß ich Ihnen mittheilen, daß ich mit Ihrer Tochter unmöglich weiterleben kann Schwiegervater: 9to,... da bin ich aber' recht froh, daß ich die Einrichtung mir gemiethet babe!- . '