Indiana Tribüne, Volume 29, Number 206, Indianapolis, Marion County, 24 April 1906 — Page 5

Jndiana Tribüne, 2 s. April 19GG,

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4h( 44, AJi. Krestowsky Ssad ,. . , rr 44 m Park von Peterhof spielten die Wasserkünste. Mächtige Kaskaden rauschten von dem hochgelegenen kaiserlichen Schloß herab und sammelten sich in einem weiten Bassin, in dessen Mitte die riesige, vergoldete Figur des großen Simson" den Rachen des Löwen auseinanderreißt, um aus ihm einen gewaltigen Wasserstrahl gen Himmel schießen zu lassen. Zahllose andere Fontänen und goldschimmernde Statuen überall von der Schloßterrasse hinunter bis an das Meer, öas, von dunklen Tannen eingerahmt, im Hintergrunde sichtbar war. In der strahlenden Sonne des Julitages bot das Ganze einen märchenhaften Anblick. Das schien auch Ernst Leonhard zu finden, der die bewundernden Blicke gar nicht von dem großartigen Schauspiel losreißen konnte. Er hatte ja auch noch wenig von der Welt gesehen und genoß daher all das Schöne und Fremdartige, das ihm die letzten Wochen gebracht hatten, in vollen Zügen. Sonst hatte er die Universitätsferien meist mit seiner Mutter, die mit ihm zusammen lebte, in irgend einer Harzer oder Thüringer Sommerfrische verbracht, höchstens daß sich für ihn daran vielleicht noch eine kurze Wanderfahrt aus eigene Hand schloß. Lange ließ er die Mutter nicht gern allein; sie kränkette viel seit dem großen Unglück damals. Aber dies Jahr war es ihr doch gelungen, ihn zu einer weiteren Neise zu überreden. Er arbeitete an einem Werk über das gewaltige finnische Nationalepos Kalewala." und dieMutter hatte ihn mit liebevoller Selbstlosigkeit zu bestimmen gewußt, einen Extraurlaub zu einem Aufenthalt in Finnland zu benutzen, um dort Quellenstudien zu seiner Arbeit zu treiben. Eine herrliche, unvergeßliche Zeit hatte ihm das Land der tausend Seen" mit seiner ernsten, schwermüthigen Schönheit, seinen taghellen Märchennächten geschenkt. Nun wollte er auf der Rückreise noch Petersburg mitnehmen, nur für ein paar Taae. morgen bereits dachte er weiterzufahren, denn es drängte ihn nach Hause. Sie standen sich ja so sehr nahe, er und seine Mutter, waren so treue Lebenskameraden, daß er nie daran gedacht hatte, einen eigenen Hausstand zu gründen. Seine Mutter und sein Beruf, an dem er mit ganzer Seele hing, füllten sein Leben vollständig aus. Wenn ich das doch der Mutter zeigen könnte," dachte er jetzt sehnsüchtig, als er sich endlich von dem schimmernden Wasserspiegel abwandte und in die große Allee einbog, die. parallel mit dem Meeresufer laufend, den meilenlangen Park fast in seiner ganzen Ausdehnung durchschneidet. Hier herrschte das regste Leben. Es war die Stunde des täglichen Korsos, und die ganze vornehme Welt Petersburgs, soweit sie ihre Landsitze und Datschen in der Nähe von Peterhof hatte, gab sich jetzt hier Rendezvous. Elegante Equipagen, mit herrlichen Trabern bespannt, deren langwallende Schweife den Boden peitschten, flogen vorüber; dazwischen die nationale Troika mit der silbernen Waldaiglocke am buntbemalten Krummholz. Unwahrscheinlich dicke Kutscher, mit gepolsterten Hüften und mächtigen Bärten, hielten mit weitausgcstreckten Armen die feurigen Renner im Zügel. Die Pfauenfedern auf ihren runden Baretts glichen im Vorbeisausen schillernden Schmetterlingen, und die feuerrothen ode? hellblauen Seidenärmel, die aus dem bis auf die Füße herniederfallenden schwarzen Sammtkaftan hervorblickten, hoben ? .', leuchtend von dem satten Grün der jäume ab. Auf edlen Vollblutpferden sprengten schlanke Gardeoffiziere in ihren prächtigen Uniformen hin und her, die rassigen Gesichte? der Kosaken der Kaiserin tauchten überall auf, und malerisch buntgekleidete, hochgewachsene Kaukasier. deren schareschnittene dunkle Züge den edelsten Dch'önheitstyp zeigten, und deren mächtige schwarze Augen bald feurig aufblitzten, bald eine grenzenlose Schwermuth ausdrückten. Es war ein sinnverwirrendes Bild von fremdartigem Glanz und halbasiatischer Pracht für den stillen Gelehrten aus der kleinen deutschen Universitätsstadt.' Am Ende der Allee, wo in einer gro!ßen Musikmuschcl die rothröckige kaisserliche Musikkapelle eben mit wundervollem Rhythmus die Mazurka aus Glinkas Oper: Das Leben für den Zaren!" spielte, staute sich die Menge. Viele Damen verließen hier ihren Wagen, um eine Weile der Musik zu lauschen. Es waren schöne Erscheinungen unter ihnen, aber, wie die meisten vornehmen Petersburgerinnen, hatten sie fast , alle ihre an sich schon farblosen Gesichter stark gepudert. Keine jedoch. die nicht ,hre Pariser Toilette mit vol lendetem Schick und eigenartiger Gra zie getragen hätte. Dort drüben etwas abseits von der großen Masse, drängte sich eine dichte .Gruppe von Offizieren um eme ein aelne. Sterne., Ihre stolze Gestalt war

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. Uovcllctte von f). Spfeher . 4 Z"! r ganz von rieselnden weißen Spitzen umflosscn, ein . großer RembrandtHut mit einer Fülle nickender Straußenfedern beschattete ihr Gesicht. Auf ihren Knieen lag ein winziger King Charles, um dessen Gunst sich die Herren sehr zu bemühen schienen, der aber zum Danke jedem bissig und leise knurrend die ftäsine uiai Em übermüthige? Ton herrschte in der kleinen Gesellschaft; laute, rxckende Scherzreden tönten herüber, und zuweilen ein weiches, girrendes Lachen? das den in der Nähe stehenden Leonhard eigenthümlich benihrte. Er ertappte sich darauf, daß er eine Pause in der Musik herbeisehnte, um es noch deutlicher zu hören. Aber dann schüttelte er lächelnd den Kopf über sich selbst und wandte dem bunten Bilde den stücken. Er verspottete sich in Gedanken. Wie würde die vornehme .russische Dame sich amüsiren, wenn sie ahnen könnte, daß ihr Lachen einem kleinen deutschen Privatdozenten der Literaturgeschichte einen Augenblick Herzklopfen bereitet hatte. War er denn nervös geworden? Freilich die weißen Nächte" Finnlands und Petersburgs spielen den Nerven ziemlich mit. So seltsam schön sie sind, so wirkt es doch aufregend und beklemmend, daß es fast tageshell ist. wenn die Uhr auf Mitternacht zeigt, und das lärmende Leben und Treiben auf den Straßen kaum je merklich abnimmt. Ja, viel geschlafen hatte .er nicht auf seiner Reise, und besonders heute Nacht, hatte er sich halbtodt geärgert über ein paar Bengels, die sich ausgerechnet den Platz unter den Fenstern seines kleinen Hotels in der Bolschaja Jtalianskaja zu ihrem Standort erkoren hatten, um von dort aus unermüdlich bis gegen Morgen ihr lockendes ga-etti" und ..radiski. molodije" (frische Radieschen) in die Luft zu schmettern, immer in demselben sinkenden Tonfall. Es war zum Verzweifeln gewesen. Er richtet? sich straffer auf und tauchte in die einsameren Theile des Parkes hinein. Jetzt stand er auf der Terrasse von Monplaisier. einem von Peter I. in holländischem Stil erbauten Landhaus, und das wundervolle Bild, das sich oor ihm ausbreitete, nahm seine schönhcitsdurstige Seele ganz gefangen. Zu seinen Füßen rauschte das Meer, in dem hie und da Niesenbäume ihre tiefhängenden Zweige spülten. Zur Linken schaukelte im kleinen Hafen von Peterhof: eine elegante. kaiserliche LustYacht, und rechts schimmerte hell aus dem dichten Grün des Parkes Schloß Alexandria, in dcm die kaiserliche Familic so gern weilt, wenn sie in PeterHof residirt. Weiter draußen auf der glitzernden Wasierfläche zogen einige gewaltige Kriegsschiffe stolz dahin, nach Kronstadt zu. dessen mächtige Silhouette sich wie eine Burg von Niesen aus den Wellen hob, und im Hintergrund grüßten, in blauen Duft verloren, die weichen Umrisse der Küste Finnlands herüber. Leonhard setzte sich auf eine von blühenden Büschen umgebene Bank, um sich mit Mnße in all die Schönheit ringsum vertiefen zu können, und war so versunken in sein stilles Genießen, daß er sich fast ärgerte, als sich nähernde Stimmen ihm anzeigten, daß es mit seiner Einsamkeit vorbei sei. Es war die lustige Gesellschaft, die er vorhin bei der Musik beobachtet hatte. Stolz wie eine Königin schritt die Dame in, der Schaar ihrer Bealciter dahin, die sie lachend und plaudernd umringten und sich darum stritten, ihr das Hündchen oder die weiße Boa tragen zu dürfen. Plötzlich hob sie wie in lässiger Abwehr die Hand. Leonhard konnte nicht hören, was sie sagte, aber ihr plastisches Ceberdenspiel redete deutlicher als alle Worte: sie wollte allein sein. Fast unmuthig und ungnädig wie sie die eifrig dagegen protestirenden Herren zurück. Eshalf nichts, sie mußten sich ihrem. Willen fügen und verloren sich schließlich gehorsam in den angrenzenden Theilen des Parkes. Nun lehnte die hohe weiße Gestalt einsam an der Brüstung der Terrasse, ohne den hinter ihr sitzenden, halb vom Gebüsch versteckten Lauscher zu ahnen. Die herrlichen Linien ihres Körpers hoben sich, von dem weichen fließenden Gewand umschlossen, wundervoll gegen den dunkelblauen Sommerhimmel ab. Jphiqenie auf Tauris." schoß es Leonhard durch den Sinn, eine solche Sehnsucht, eine so unendliche Trauer lag in diesem Augenblick in ihre? ganzen Haltung. Und wardas nicht eben ein Seufzer, so tief, wie er sich einer Menschenbrust nur entringen kann? Aber nein,' er mußte sich wohl getäuscht haben.' denn jetzt schritt sie hochaufgerichtet an ihm vorüber, um die Terrasse zu verlassen, jeder Zoll die sichere Weltdame. O, über seine Kurzsichtigkeit über den großen Hut. der ihr Gesicht so tief beschattete! Der sonst so ruhige Mann war seltsam erregt. Er hätte viel darum gegeben, dies Gesicht erkennen zu können. Leonhard fuhr mit der Bahn , nach Petersburg zurück und zoz-.sewen 39a

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deker zu Rathe, wie er seinen letzten Abend in der Zarenstadt verbringen sollte. JJbch den Inseln!" hieß die Loosung, nd so bestieg er denn bald darauf beim sogenannten Sommergarten," einem Park an der Newa, "der das selbstgezimmcrte Häuschen Peters I., von , dem aus er den Bau seiner neuen Stadt leitete, enthält, einen der vielen hübschen kleinen Dampser, die den Verkehr von der Stadt nach den Newainseln vermitteln. Das Schiff, war stark besetzt, denn wer schon gezwungen ist. im Sommer in Petersburg zu bleiben, der fährt wenigstens Abends nach den Inseln" hinaus, wo sich neben den Datschen der Reichen auch unzählige VergnügungSlokale befinden. Mit wachem Interesse gnoß Leonhard das Eigenartige der Fahrt. Gluthroth lag die Abendsonne auf der großen Wasserfläche der sich hier in viele Arme spaltenden gewaltigen Newa; unter schlanken Brücken, die sich von Insel zu Insel schwangen, glitt der Dampfer hindurch, an blühenden Gärten vorbei, zierlichen Landhäusern und eleganten Restaurants, aus denen das Stimmengewirr einer fröhlichen Menge herausklang. Ter Kapitän des Schiffes ging vorüber; er hatte ein gutmüthiges, rundes Russengcsicht und antwortete freundlich in leidlich fließendem Franzcsisch, als Leonhard mit der höflichen Frage an ihn herantrat, zu welchem der vielen Vergnügungsorte er ihm für den Abend rathen würde." Mein Bädeker empfiehlt .Arcadia' oder ,Livadia fügte er hinzu. Jedoch der Kapitän schüttelte lachend sein bärtiges Haupt. Dann müssen Sie einen uralten Bädeker haben! Nein, Krestowsky Ssad der .Christophsgarten ist jetzt das einzig Wahre, wenn man sich amüsiren will." Ein paar in der Nähe sitzende Herren. die in Leonhard den Fremden erkannten, mischten sich in das Gespräch. "In der That, mein Herr. Sie sollten sich für Krestowsky Ssad entscheiden." Besonders jetzt, wo ,la belle Toreada' dort täglich auftritt," fiel ein anderer lebhaft ein. Haben Sie sie schon einmal tanzen sehen? Vielleicht in einer anderen Großstadt? Sie ist ja eine europäische Berühmtheit." Leonhard verneinte. .Im stillen amüsirte er sich darüber, daß man ihm zutraute, in den Varietegrößen so bewandert zu sein." Aber ihre Bilder haben Sie doch jedenfalls gesehen?" wurde eifrig weiter geforscht. Petersburg ist ja ganz überschwemmt von ihnen." Wieder mußte er zugeben, daß ihn in den Schaufenstern der Kunsthandlungen auf dem Newskiprospekt Hauptsächlich die Bilder der kaiserlichen Familie Znteressirt hätten. . . . Fabelhaft!" sagte einer der Herren und zog leise pfeifend die Luft durch die Zahne. Aber." fuhr er verbindlich fort, dann gratulire ich Ihnen, denn dann steht Ihnen ein doppelt großer Genuß bevor. Ein süperbes Weib! Ich prophezeie Ihnen, daß Sie . heute noch Ihr Herz verlieren werden." Lieber nicht!" warnte sein Gefährte. ..Du weißt. Fürst Jussuppow duldet keine anderen Götter neben sich und ist ein tadelloser Pistolenschütze." Sie blickten suchend auf dem Verdeck umher, und unwillkürlich folgten Leonhards Augen ihrem Blick. Das ist er dort hüten," flüsterten die Herren, Alezei Nicolajewitsch Jussuppow, erklärter Verehrer von ,la belle Toreada.' ob glücklicher, weiß nur er selbst allein!" Sie deuteten unauffällig mit dem Kopf nach einem schlanken jungen Offizier. ter, nachlässig auf die Bank hingestreckt sich um seine Umgebung wenig zu kümmern schien, sondern sich eingehend damit beschäftigte, sich mit geübten Fingern eine Papyros nach der anderen zu drehen. Er trug die Uniform der Garde zu Pferde." des vornehmsten Petersburger Regiments; als er die Schöße des langen, dunkelgriinen Ueberrocks zurückschlug, um sein Papyrosetui aus der Tasche zu holen, glänzte' die weiße Seide des Futters. Er hatte kein Auge für die Lieblichkeit der Ufer, an denen das Schiff vorübersteuerte; sein regelmäßiges, edel geschnittenes Gesicht mit dem kleinen dunklen Schnurrbart wurde entstellt durch den Ausdruck größter Blasirtheit. ' Der Dampfer legte an der kleinen Landungsbrücke an, über der in grellfarbigen Buchstaben zu lesen war: Krestowsky Ssad." . Ein buntes Gewühl empfing Leonhard. Die Herren, die ihm auf der Fahrt so bereitwillig Auskunft ertheilt hatten,- zeigten noch auf das große Gebäude, das sich inmitten des schönen Gartens erhob, und mischten sich dann unter die lustwandelnde Menge. Fast ohne e3 zu wollen, wie einem Zwange folgend, nahm Leonhard an der Kasse ein Billett und trat ein. Es war ein geräumiges, leidlich hübsches Theater, das sich in nichts von anderen Varietebühnen unterschied. Er fand seinen Platz in einer der hinteren Reihen neben einem gemüthlichen dicken kurländischen - Ehepaar, deren Dialekt sie sofort verrieth. . Die Vorstellung war längst in vollem Gange. "Auf der Bühne stolzirte cm blutjunges Geschöpf mit rothblondem Haarschopf umher und erklär? mU krähender Stimme, daß, sie von den Männern nichts mehr wissen wollte,

während 'die lodernden Blicke, die sie dabei aus schwarz untermalten Augen der Herrenwelt im Publikum zuwarf, ihre Worte Lügen straften. Der dicke Kurländer, dessen gesund gefärbtem Gesicht mau den Landwirth ansah, ließ das Opernglas gar nicht mehr loa d:n Augen. Erlarm Ti" klagte seine Frau. ,jieö mir das Glas doch auch mal." , Aber er schien taub, geworden zu sein. Erst bei d:r nächsten Nummer reichte er es ihr wohlwollend, denn auf der Bühne stand jetzt eine Dame in einem grauseidenen Kleide von fast nonnenhaft einfachem Schnitt, am Hals und an den Handgelenken mit kleinen weißen Rüschen abgeschlossen. Ei sehr solide Person' sagte der Kurland anerkennend zu Leonhard. Und' die solide Person lächelte ein Madonnenleln und begann mit unschuldigem Augenaufschlag ein französisches Lied zu singen, leise und süß. ein Lied, das ganz naiv und neckisch anfing, um mit unerhörter Keckheit zu enden. Bei den gewagtesten Stellen brach sie plötzlich ab, machte eine, kleine Pause und sekte dann schließlich schelmisch mit einem harmlosen Refrain ein, wobei sie sittig die Augen niederschlug. Ter Gegensatz ihrer 'Erscheinung zu dem Inhalt des Liedes wirkte verblüffend. und das Publikum war außer sich vor Vergnügen. Leonhard fühlte einen großen Ekel in sich aufsteigen. Unwillkürlich studirte er den Theaterzettel, der noch endlose ähnliche Vorführungen aufwies. La belle Toreada um derentwillen er doch eigentlich nur gekommen war. trat als Hauptnummer erst ganz am Schluder Vorstellung auf. Er erhob sich daher und trat in den Garten hinaus, um dort ein wenig umherzuschlendern. Eine ganz leichte Dämmerung lag jetzt in der Luft, es war hell, aber es war eine seltsame, eigenartig glanzlose, gleichsam unnatürliche Helle. Vor einer offenen Vühne. die einer Musikmuschcl glich, blieb Leonhard stehen. ' Hier amüsirte sich das gewöhnlichere Volk. Eine Tänzertruppe in kleinrussischem Kostüm tanzte mit großer Verve den Kasatschock. wobei die Zuschauer zur Musik mitsangen, eine kurzgeschürzte Seiltänzerin ging unter großem Beifallsklatschen über ein Drahtseil, Clowns- machten ihre jubelnd begrüßten derben Späße. Es wirkte urwüchsig und erfrischend nach der geschminkten Verderbtheit der französischen Chansonetten. Als Leonhard auf seinem Rundgang durch den Garten wieder in die Nähe des Varietethcaters kam, bemerkte er. daß unzählige Menschen jetzt hineinströmten, und unwillkürlich schloß er sich ihnen an. Er. fand seinen Platz neben den Kurländern bald wieder. ' Sie kommen jerade zur rechten Zeit-'sagte der alte Herr -gemüthlich, jetzt kriegen wir die Hauptsache." Eine wilde, prickelnde Musik begann; sie stachelte die Nerven auf, sie versetzte die Hörer in eine fast unerträgliche Spannung. Dann ein frenetischer Jubel des Publikums la belle Toreada." .. Donnerwetter!" sagte der dicke Kurl'ander und riß das Glas an die Augen. Nun eine plötzliche Todtenstille, in die hinein von der Bühne her ein weiches, girrendes Lachen klang. Sie erlauben " Mit einer seiner zurückhaltenden, stillen Natur völlig fremden Rücksichtslosigkeit hatte Leonhard dem verblüfften alten Herrn das Opernglas einfach aus der Hand genommen. Das girrende Lachen versetzte ihn in eine unbeschreibliche Aufregung..sein Herz schlug, tausend alte Erinnerungen wogten in ihm auf, noch in weit stärkerem Maße als heute Nachmittag in Peterhof. Das Glas paßte nicht für seine kurzsichtigen Augen, er versuchte es zu schrauben, aber seine Hand zitterte. Endlich sah er auf der Bühne 'ein Weib von wunderbarer Schönheit. Das traditionelle spanische Kostüm umspannte in leuchtenden Farben ihren herrlichen, ebenmäßigen Körper, das schwarze Haar wurde hoch auf dem Kopf von einem großen goldnen Kamm zusammengehalten, ein Büschel feuerfärben Nelken steckte hinter dem linken Ohr. Wie die mächtigen schwarzen Augen glühten und brannten, wie stolz die rothen Lippen lächelten! Jetzt hob sie die scblanken Arme mit den Kastagnetten und begann zu tanzen. Erst langsam, wiegend rhythmisch, jede Bewegung plastisch und von vollendeter Grazie. Aber je feuriger die Musik erklang, desto wilder wurde der Tanz. Das war jauchzende Schönheit. und Kraft, das war jubelnde Lebensfreude, hinreißend, berauschend. Wie, ein geschmeidiger junger Panther duckte sie sich zuweilen bis zur Erde, um dann wieder mit einem elementaren Ton höchster Leidenschaft in die Höhe zu schnellen. Bei dem rasenden Wirbel löste sich der goldene Kamm, und wie eine schwere Welle umwogte das dunkle Haar das schöne Gesicht. Mit einer charakteristischen Bewegung von enizückender Wildheit warf die Tänzerin es zurück. - Da ließ Leonhard das Glas sinken. Elisabeth!- murmelten seine blassen Lippen erschüttert. Kleine Lilli!" ES wandelte ihn wie eine Schwäche an. er schloß betäubt die Augen. ' Und dann war er plötzlich nicht mehr in Petersburg, ungehört rauschte der bonnernde Applaus, den das Publikum von' Krestowsky Ssad seinem vergot-

terten Liebling spendete, an seinem Ohr vorüber. - . Er aber war daheim im väterlichen Pfarrgarten, und es war vor vielen, vielen Jahren, wie es izt Märchen heißt. Auf den ruh Buchsbaum eingefaßten Rabatten dufteten Hyazinthen und Veilchen in der warmen Frühlingssonne eine große Stille ring um. Nur aus der Laube ganz am Ende des Gartens klang Kichern 'und gedämpftes Jauchzen verstohlen nur, denn es war Sonyabend Nachmittag, da machte' Vater seine Sonntagspredigt und durfte nicht gestört werden. Unbemerkt näherte sich Ernst der Laube, und ein reizendes Bild bot sich ihm. Auf dem runden Steintisch in der Mitte stand seine kleine Schwester im hochgeschürzten hellen Kleidchen. Sie hatte sich Blumen in die dunklen

Zöpfe geflochten und trug eine schwanke Gerte vom . nächsten Fliederstrauch in der Hand. Ihr entzückendes Gesichtchen glühte bor Aufregung. Um sie herum einige flachsblonde Dorfkinder, die staunend und bewundernd mit offenem Munde zu ihr aufsahen. Seht Ihr. so war's!" rief das Kind. He! Hopla!" Und sie mißhandelte mit ihrer Gerte den armen Tisch, als wäre er ein feuriger Renner. der nickt gehorchen wollte. Dann hob sie die dünnen Kinderärmchen mit unbewußter Grazie in die Höhe, sireckte einen ihrer in derben, vom Dorfschuster verfertigten Lederschuhen steckenden kleinen Füße weit von sich und sank dann plötzlich in die Kniee. Bei dem hastigen Ruck war einer der schweren Zöpfe aufgegangen; mit einer raschen Bewegung von eigenthümlichem Reiz schüttelte die Kleine die wirren Haare aus dem Gesicht. Ihr könnt es Euch gar nicht denken, wie schön es war!" sagte sie mit blitzenden Augen einfach zu schön! Und wie die Leute alle klatschten, weil sie sich darüber freuten!" Sie athmete aufgeregt in der Erinnerung. Da bemerkte sie, daß der große Bruder Student, der zu den Ferien daheim war, im Gebüsch am Eingang der Laube stand, und mit einem Jubelruf sprang sie ihm von ihrem Steintisch herunter einfach um den Hals. Ach. Ernst." rief sie zärtlich, das vergesse , ich Dir nie, daß Du mich gestern mitgenommen hast!" Ja, gestern hatte er ihr ein Billett zum Zirkus geschenkt, der sich vorübergehend in der nächsten größeren Stadt aufhielt. Ein mittelmäßiger Zirkus übrigens. Aber das Kind hatte neben ihm in der Loge gesessen, glühend vor Begeisterung, noch ehe die Sache überHaupt anfing. Das helle Licht, die vielen Menschen, all die ihr ünverständlichen Vorbereitungen in der Manege benahmen ihr fast den Athem. Noch nie hatte sie ähnliches gesehen und erlebt. Als dann die Musik begann, fieberte sie förmlich. Ernst," bat sie mit glänzenden Au gen und schmiegte sich an ihn. ich möchte dort hinunter und tanzen! Glaube mir, ich kann tanzen!" Er nahm ibre Hand fest in die seine. Lilli. kleine Lilli!" sagte er beruhigend. Sie hieß eigentlich Elisabeth, aber der Name schien ihm zu schwerfällig, zu ernst für das lebhafte, phantasievolle Kind, und er nannte sie daher gern Lilli. Während der Aufführungen selbst war sie ganz still, aber ihre Blicke strahlten, ihre Wangen brannten, sie war wie bezaubert. Nur einmal sagte sie leise zu ihm: Ernst, glaubst Du. daß die Engel schöner sein können?" Das war, als eine Panneaureiterin in kurzem rosa Tüllröckchen, Rosen im Haar und an der Schulter, auf dem Rücken eines geduldigen, altersmüden Schimmels ihre Künste zeigte. Ernst mußte lachen, trotzdem er fürchtete, das Kind zu kranken. Denn Miß Mayol" näherte sich entschieden dem höheren Mittelalter, und ob' sie in ihrer Jugend je hübsch gewesen war, konnte man unter der dick aufgetragenen Schminke nicht beurtheilen. Als er auf der Rückfahrt fragte: Also Du hsast Dich gut amüsirt, Lilli?" da antwortete sie nur ernsthaft: Nun weiß ich, was ich werden will." Tann ein paar Tage später die große Aufregung Elisabeth war nirgends zu finden, und ebenso waren ein halbes Dutzend Nachbarkinder fort. Trotzdem er überzeugt war, daß ihr in der Nähe- des Dorfes, wo jedermann sie kannte, nichts zustoßen konnte, machte sich Ernst dennoch auf, sie zu suchen. Es dauerte auch nicht lange, so kegegneten'ihm ein paar der verschwundenen Kinder. ' Sie hatten sich bei der Hand gefaßt und erzählten auf Befragen treuherzig, bei ihnen zu Hause Habe es heute zum Abendbrot Kartoffelpüffer, die äßen sie gar zu gern, deshalb hätten sie sich die Sache mit dem Zirkus lieber noch einmal überlegt. Elisabeth und die. anderen aber, die gingen hin zum Zirkus. Bei Eulers Wiese hätten sie sich getrennt. Dort fand denn Ernst auch die ganze Gesellschaft. Sie hatten sich auf der Wiese entsetzlich nasse Füße geholt, truaen dicke Sträuße gelber Himmelsschlüsscl in den Armen und hatten die Schürzchen voll Hasenklee. - Die-Himmelsschlüssel verkaufen wir, damit wir Reisegeld kriegen erklärte Elisabeth' eifrig, nachdem der erste Schreck, ertappt zu sein, überwunden war, ,und die sauren Blätter vom Hasenklee essen wir, wenn wir hungrig werden, bis wir zum Zirkus kommen, denn zum Zirkus gehen wir ganz bestimmt Wie eine kleine Heerfuh-

rmn stand sie unter ihren Getreuen, und so groß war ihre Macht über ihre Gefährten, daß alle diele rothbäckigen Bauernkinder einstimmig versicherten, sie wollten Haus und Hof verlassen, um mit Elisabeth zum Cirkus zu aeb?

von dem sie aus ihren Beschreibungen nur eine sehr unklare Vorstellung hatten. (Schluß folgt.) i Generülc auf Frcicrsfüßen. . Auf der St. Petersburger Gemäldeausstellung .kam es zu einem sonderbaren Vorfall, der viel Heiterkeit erregte. Alle Besucher der Ausstellung schienen ganz außergewöhnlich zerstreut und nicht der Bilder wegen, sondern zu gegenseitig scharfer Betrachtung hingekommen zu sein. Namentlich fiel dem unbefangenen Besucher die ganz enorm hohe Anzahl von Generälen in der Ausstellung auf; ganz absonderlich aber war das Gebaren der Generäle, die unermüdlich durch d'.e Ausstellungsräume wanderten und etwas zu suchen schienen. Einige entwickelten dabei sogar'jugendliche Lebhaftigkeit, in--dem sie wiederholt die Treppe zur oberen Galerie hinauf und wieder herunter eilten. Fast dasselbe Gebaren zeigte die Damenwelt. Den Schlüssel zu diesem komischen Verhalten gab folgende in der Nowoje Wremja" erschienene Anzeige: Eine entzückende Brünette von leidenschaftlichem Temperament wünscht die Bekanntschaft eines Generals zu machen, den sie bei ihren Spaziergängen häufig auf dem Liteini und der großen Morskaja trifft. Ich werde um 3 Uhr Nochmittags aus der Gemäldeausstellung in der großen Morskaja sein und einen Hut mit gelben Rosen tragen." Die gutenGeneräle waren auf den Scherz hineingefallen, doch die entzückende Brünette fehlte auf der Ausstellung, und die Rekognoszirungen der Generäle verliefen ebenso resultatlos wie im letzten Kriege, und so verließen sie das Schlachtfeld, ohne den Feind gesehen zu haben. Tit Kontignitätscntschädigung. Ueber die Vorgeschichte der bayerischösterreichischen Kontignitätsentschädigung" Oesterreich hat an Bayern bis auf den heutigen Tag jährlich 100.000. Gulden zu zahlen, weil es ftiner nach den napoleonischen Kriegen eingegangenen. Verpflichtung, einen Zusammenhang zwischen dem rechtsund linksrheinischen Bayern herzustellen, nicht hat nachkommen können wird noch folgendes mitgetheilt: Durch den Reichsdeputationshauptschluß von 1803 waren die pfälzischen Besitzungen des 1799 verstorbenen bayerischen Kurfürsten Karl Theodor, soweit sie auf der linken Rheinseite lagen, an Frankreich und. soweit sie rechtsrheinisch waren, mit Heidelberg und Mannheim an Baden gefallen. Trotz der sehr reichlich bemessenen Entschädigung, die Bayern durch Würzburg, Augsburg, Vamberg, Freising u. s. to. erhalten hatte, konnte es sein pfälzisches Gebier nicht verschmerzen und trachtete, als es auf dem Wiener Kongreß die heutige Rheinpfalz zurückbekommen hatte, durch Rückerwerb des Restes den Zusammenhang zwischen .feinen beiden Landestheilen herzustellen. Oesterreich, das damals auf die Sympathien Bayerns großen Werth legte, sicherte die Erfüllung der bayerischen Wünsche sowohl in dem Vertrage von'Ried als auch in einem ' zweiten geheimen Vertrage vom 23. April 1815 zu. Das Aachener Protokoll von 1818. dem sogar Oesterreich bcitrat. machte aber einen Strich durch die Rechnung und verewigte die Zahlung der im Vertrage vom 6. Juni 1814 ausbedungenen Jahresrente. Jahraus jahrein haben die bayerischen Abgeordneten jene 100.000 Gulden im Budget figuriren sehen. Weitaus den meisten war deren Geschichte unbekannt, aber zu Ende des vorigen Jahres gab der Finanzminister, im Finanzausschuß der Reichsrathskammer eine Darstellung des Sachverhalts, mit dem sich jetzt auch die österreichische Staatsschulden, kommission befaßt hat. (SZgtlitt,nlici,e Assnssuttg. Herr T i n t e r l (am Stammtisch): . . . Wie gesagt, meine Brigitta ist wohl manchmal ein bisserl scharf. aber gut, herzensgut. Erst gestern hat f mir wieder g'sagt: ,Geh, Du derbarmst mickt' Qatrn freilich. .Na, wie war es auf der Soiree 'bei Geheimraths?- Da geh' ich so rasch nicht mehr hin,' die sind. Temperenzler, Vegetarianer und Nichtraucher."

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