Indiana Tribüne, Volume 29, Number 205, Indianapolis, Marion County, 23 April 1906 — Page 7
Jndiaua Triöüne, 23; April 1906
Der jüngste Bruöcr
Soz!lex Nsmau van Ernll Wkchert. (Fortsetzung.) G3 gibt doch aber überall in christlichcn Ländern wohlthätige Anstalten, die dafür sorgen, daß jeder vor der andrsten Noth bewahrt bleibt..Ja. wer mit den chwarzen beten und singen will Warum wollen Sie das nicht?" 2ikU ich nicht heucheln mag. Das Brod, das ich mir so verdiente, würde mir im Halse stecken bleiben." .Man soll aber Gott für seine gutcn Gaben danken." .Dazu haben Andere mehr Grund. Er hat sie allzu ungleich vertheilt. Oder vielmehr Ich weiß nicht, ob da einer ist, der vertheilt. Lieber möcht' ich'ö nicht glauben." Das sind gottlose Reden. Man merkt, daß Sie lange nicht in der Kirche gewesen sind. Dahin hat man doch auch in einem schlechten Rock Zutritt." B)aS soll ich dort? Mich ailf'S Jenseits vertrösten lassen ? Wenn die Leute, denen cö hier gut geht, wirklich d'ran glaubten, daß drüben die letzten die ersten sein werden, möchten sie sich beeilen, ihren Ucbcrfluß abzuwerfen. Sie sind aber gar nicht so ängstlich." . Frau Mathilde bemühte sich, ihn zu bekehren Das langweilte ihn nun erst recht, ic hatte auch eine hochmüthigc Art. diese Dinge an ihn zu bringen, als gehörte sie zu den Begnadeten, die nickt irren könnten. Nächsten onntag wolle man zum heiligen Abcndmahte gehen, sagte sie. Ich erwarte, daß Sie uns begleiten." Er widersprach nicht, aber es kam ihm sonderbar vor, daß so etwas von ihm verlangt würde. Er suhlte sich wie gefesselt. Wanda'S Bilderbücher waren schon zehnmal durchgesehen. Fritz auf dem Knie reiten zu lassen, machte dem Jungen mehr Vergnügen, als jljin. Er holte sich aus der öiüche ein tück Holz und bearbeitete es mit seinem Taschen' messe?. Nun zeigte sich'ö den Kindern, wie geschickt er war. Er schnitzte kleine Puppen heraus. Thiere. Schlitten. Schist'c. Tische und Stühle. Dabei hatte er immer aufmerksame Zuschauer. Es war doch nur pielcrci. ttamt ich Ihnen denn nicht irgendwie nützlich sein. Frau Schwägerin?" fragte er. Lassen ck mich Ihre Möbel aus poliren sie sind schon theilwcife recht blind." Die Schmutzcrei werde im Hause zu groß sein' meinte sie, und cS schickte sich auch nicht, daß man ihn b:i solcher Ar bcit sehe. .Mau könnte glauben, daß wir ic caju angestellt halten, um von Ihrem Auscnthalt bei un& Nutzen zu ziehen." So war eö ihm nun immer eine rechte Erfrischung, wenn er ein Weilchen ungestört mit Friedcrike plaudern konnte. Er verstand sie und sie verstand ihn. Sie hätten einander vielleicht noch besser verstanden, wenn sie sich irgendwo an anderem Orte getroffen, wo sie nicht als Dicnstbotin und er nicht als Bruder des hochgestellten Hausherrn in Frage kam. Bielleicht auch nicht. Daß Beide sich hier einen gewissen Zwang aufzulegen hatten, gab" ihrem Bcrkehr sichere Haltung. Die ernsten Eindrücke von HauS und Schule hatten aus seinem Wesen nicht ganz fortgcwischt werden können ; eS war etwas geblieben, das ihn von dem aus dem Ärbeitcrstande hcrvorgegangencn Arbeiter unterschied. Friede rike wieder hatte etwas vom Lande in die tadt mitgebracht, das sie aus der dienenden Klasse, zu welcher sie jetzt gehörte, doch ein Wenig heraushob, auch in Arnolds Augen. Die einfache Art wie sie sich kleidete und ihr Haar trug, zeigte deutlich, daß sie mit den leichten Personen nicht verwechselt sein wollte, die als Hausmädchen in vornehmen oder reichen Familien eigentlich nur für ihren Putz dichten. So meinten sie einander eine gewisse Rücksicht schuldig zu sein, die ihr Benehmen liebenswürdiger machte. Friedcrike ließ sich auf den Umgang mit dem Tischler, der nun einmal im Hause war. um so lieber ein. als die Köchin sich gern als eine böse Sieben aufspielte. . der man nicht viel in die Nähe kommen durfte, ohne angeschnoben zu werden. Selbst die gnädige' Frau hatte Angst vor ihr. Friedcrike wurde mit den Kindern auf die Straße geschickt. Dabei konnte er sie nicht gut begleiten. Aber er fragte gelegentlich : Haben Sie auch einmal einen freien Sonntag?" .Alle vierzehn Tage," antwortete sie. Es ist wenigstens so abgemacht. Aber oft genug wird nichts daraus. Es kommt etwas dazwischen, oder ich will auch nicht. ' Wenn nicht gut Wetter ist, mag ich gar nicht ausgehen ; man bringt nur seine Kleider zu Schanden." Wohin gehen Sie denn, wenn Sie ausgehen ?" Ach ich gehe so spazieren und sehe mir die Häuser und die Leute an." Aber Sie kehren doch auch irgendwo ein?" . .Manchmal bei einer Berwaudten aus meiner-Gegend, die hier an einen Schmied in der Nesfclblatt'fchen Eisengießerei verheirathet ist am anderen Ende der Stadt. Mit der bin ich auch schon !m Theater gewesen. Aber eö ist dummes Zeug, was Sie da reden, und ich begreife nicht, wie die Menschen sich so zum Narren machen können, damit andere über sie lachen." Sie werden doch wohl auch einmal ein Glas Bier trinken oder zu Tan; gehen." ,?!ein, das kommt nicht vor. Mit wem sollt' ich In so ein Lokal ! Ach nem, da kann einem was begegnn!." D!e anderen Mädchen fürchten sich doch Nichts Ja, das sind auch solche. ..."
Tanzen Me nicht gern?Ja, zu Hause auf Hochzeiten oder Kindtauful. Es gibt da auch mitunter ein anständiges Tanzvergnügen im &nxge, das die Bauern einrichten Da hab' ich recht gern getanzt. Hier aber ist das nicht so. Es finden sich wttdfrrmde Menschen zuammui, uno man weiß niemals, an wen man kommt." Das ist nicht so schlimm. DaS Mädchen muß nur einen Begleiter mit haben, der auf gute Ordnung sieht." Sie lachte. ,2o sollt' ich den her. bekommen?" . ' Wenn Sie nnr wollen zehn für einen!" ' Ja. das glaub' ich! Die wären auch da-iach." Er zögerte eine Minute hin und sah sie inzwischen prüfend an. den Kopf rasch hebend und wieder senkend. Fricdenke stand ihm gegenüber am Tifch ; sie hatte den kleinen Buben aus dem Arm und daSshawlartige Tuch, in das sie auf der Straße ihn nnd sich zum Schutz gegen den scharfen Wind zu wickeln pflegte, noch über der Schulter hängen mid faltig um die Füßchcu des Kleinen herumgezogen. Ein Maler hätte da das Modell zn einer Madonna gewittert. Dem Tischler kam dcrglci chcn nicht in den hin ; daS Mädchen war ihm aber' noch nie so anmuthig er schienen. Wissen Sie was, Nickchcn," sagte er, in allem Ernst, wenn Sit mit mir gehen wollten " Sie machte die Augen groß auf. Zum Tanzen?" Ja, zum Tanzen. Oder auch mei netwegcn nicht zum Tanzen, sondern. . . Man kann ja auch sonst irgendwo hin gehen. Einmal so, einmal so." Sie schüttelte den Kops und schmunzelte.. Warum nicht?" .Ach-!" Bin ich Ihnen nicht gut genug ?" Na, das gerade " Warum also nicht, Niekchen?" Sie kicherte. Wenn uns der Herr Geheime Rath begegnete oder der Herr Major angefahren käme das wär' ein paß." Vah ! Die Stadt ist groß. Nach, stcn Sonntag was?" Ich dank' Ihnen recht schön, daS thu' ich nicht. Es ist nichts für uns Beide. Geh'n Sie nur allein, da amü sircn Sie sich besser." Wenn ick Ihnen aber sage - Sie gab ihm mit den Angen einen Wink: Wanda horchte aufmerksam. Das kleine Fräulein hatte denn auch nichts Eiligeres zu thun, als zu Mama zu laufen und ihr zu berichten : Der Onkel möchte gern am Sonntag mit der Friederike fpazicrcn gehen, aber sie will nicht." Da wirst Du Dich wohl verhört Habens verwies die Nätbin. Nein, Mama, gewiß nicht. Der Onkel spaßt nur so." Er sagt aber: in allem Emst, Mama." Darauf wurde nicht geantwortet. Warum will die Friedcrike mit dem Onkel nichti'pazierrn gehen, Mama?" Weil sich daS nicht fchickt." Warum schickt sich das nicht. Ma ma? Die Friedcrike kann doch mit uns spazieren geben." Die Näthiu knöpfeltc mit den Lip pen. Hör doch einmal: Deine Puppe schreit." Ach, die kann gar nicht schreien. ES gibt aber Puppen, die schreien können. Meine Freundin Eilli hat eine ; aber ihr Großpapa ist auch sehr reich. Ma ma, kans mir auch so eine Puppe, die schreien kann." Zu Weihnachten vielleicht, wenn Du sehr artig bist." Nun lies sie sehr glücklich zu Friede rike. Ich bekomme zu Weihnacht' eine Puppe, die schreien kann, wenn ich sehr artig bin." Der Onkel mußte das dann noch einmal hören. Frau Mathilde nahm sich vor. Arnold bei nächster Gelegenheit anzudcuten, daß ihr ein so vertraulicher Verkehr mit ihrem Hausmädchen gar nicht ge falle. Zu ihrem Manne sagte sie: Dein Bruder hat doch recht üble Gewohnheitcu angenommen. ES ist der Kinder wegen nöthig, daß er bald unser HauS verlaßt." Ewald hat mich morgen zu sich gebeten antwortete er, wir werden daS Weitere dann besprechen." Arnold ging auch aus. Er besuchte den Bruder Major gleich am Tage nach der ersten Begegnung, fand Niemand zu Hause, eine Stunde später nur die Schwägerin, die übcr ihren Schneider sehr ungehalten war, weil er wegen der neuen Nobe nicht Wort gehalten, wnrdc zum Abend eingeladen, erhielt eine Absage und wieder eine Einladung, zum Frühstück, bei dem er denn wirklich beide antraf. Frau Sarah goß ihm allzu reichlich von dem schweren Wein ein und war dann keineswegs erbaut von seiner unfeinen Lustigkeit. Ewald nahm ihn in sein Zimmer, gab ihm eine Eigarrc und schickte ihn bald fort, da ein Gc sprach nicht recht in Gang kommen wollte. Du lebst wie die Made im Svcck, mcrr ich." sagte Arnold ihm beim Abschied. . Der Vergleich ist wenig gcschmack. voll," meinte der Major, aber ich habe ja ungefähr so viel ich brauch?." Wenn man sich bei Dir umsieht. Brüderchen ' Das'gehört alles meiner Frau. Du mußt auch eine reiche . Frau heirathen." setzte er scherzend hinzu. ,.Ja. ich ! Ha. ha. ha!" Ein hübscher Mensch ! Du mußt nur nicht glauben, daß Du nichts aus Dir machen kannst. Immer in die Höhe sehen ! Wenn wir Dich erst ai die Beine gebracht haben Aber so weit ist'S noch nicht." Und wieder ein langweiliger Nach mittag. Fruderikc war in der Küche bei der Kinerwäsche beschäftigt. Viel-
leicht hatte eS die 'gnadige Frau absieht lich so eingerichtet, daß sie nicht in die Stube kommen durfte. Gegen Abend fragte sie ihn selbst, ob er nicht einmal
auswärts ein Glas Bier trinken wolle ; sie müßten zu einem Souper. Damit war er ganz zufrieden. .Ä5cnn Sie etwas Geld brauchen " Ich danke. Fran Schwägerin. Ewald hat mich schon ganz gut versorgt." Aber gehen Sie in ein recht anständigcs Lokal." Versteht sich. Wenn man Geld in der Tasche hat. ..." Und trinken Sie auch nicht zu viel." Dazu gehört bej mir schon etwas ha. ha. ha!" Er lachte, aber es gefiel ihm gar klickt, daß die Gnädige ihm in etwas steifem Ton. wie er meinte. Verhaltungsmaßregeln gab. Eigentlich hatte sie doch Recht ; er mußte jetzt vorsichtig sein. So trottete cr denn eine Weile durch die belebtesten Straßen, sich einen von dcn Bicrpalästcn auszusuchen. Er blieb auch hier und dort vor den großen Fenstern stehen und guckte durch die Spiegelscheiben, oder wartete, bis die breite GlaSthür sich öffnete, um einen Blick hineinzuwerfen. Er war gekleidet wie die Herrcn. die ab- und zugingen, aber cr hatte das Gefühl, daß cö ihm an einem Tifch mit ihnen doch nicht recht wohl werden konnte. Endlich trat cr in eine mit größtem Luxus ausgestattete, in clck trifchcm Licht strahlende Halle ein, die ihm weniger gefüllt schien, und setzte sick hinter einen Pfeiler. Sogleich schwebte ein Kellner in Frack und weißer Binde auf ihn zu. setzte ein Glaö Bier auf den gedeckten Tifch Sie befehlen doch?" und schob ihm die Speisekarte zu. Er fing sie an zu lesen, wurde aber durch die hohen Preise abgeschreckt. Eine Mark fünfzig, eine Mart fünfundsicbenzig, zwei Mark das ist ja unverschämt für so etwas." Er schielte nach den anderen Tischen hinüber ; die Portionen schienen ihm winzig klein. Dafür sein-Geld ausgeben.... Es stand ein Korb mit Brödchcn vor ihn Er griff zu und verspeiste eins nach dem andern. Haben Sie schon gewählt mein Herr?" - Nein, ich danke schön." Aber dann, mein H:rr der Korb verschwand. . Noch ein GlaS gefällig?" Was kostet denn so eins?" Dmwg Pfennige.Dreißig Pfennige? man ja anderwärts zwei. Dafür hat Aber nicht echt. Ucbcrhaupt Sie scheinen sich an die unrechte Stelle verirrt zu haben." Das kann wohl sein." Der Tischler griff in die Tasche und warf 'einen Thaler zum Wechseln auf den Tisch. Nund herum wurde man fchon aufmerksam. Ich schicke sogleich den Zahlkellner." Äcinctwcgcn." Auf das Trinkgeld wartete der vergcblick. Arnold drückte sich schen hinaus ; cS kam ihm so vor. als ob hinter ihm gelacht würde. Die sind aevfcncrt. dachte er. Zwcl Mark für )o ein Stückchen Fleisch Unsinn. Dafür arbeitet un. sereincr den ganzen Tag. Er merkte nun erst, daß cr in ein vornehmes Restaurant. statt.in eine richtige Bicrhalle gerathen war. Nach der schaute er nun aus. Dort die Nundbogcnfenstcr mit den Butzenscheiben aha! Er trat ein. Tifch an Tisch besetzt, dicker Tabaksqualm, klappende Seidel, laute Unterhaltung, herumlaufende Kellner. Mit Mühe fand cr einen leeren tuhl im fernsten Winkel. Darauf setzte er sich, nachdem er die anderen Herren am Tisch um Erlaubniß gebeten hatte. Sie achteten gar nicht auf ihn. Kein Mensch achtete aus ihn. auch nicht einmal ein Kellner. Er saß eine halbe Stunde mit trockenem Munde, so viel er auch winkle. Entschuldigen Sie, Herr " wandte cr sich endlich an seinen 'Nachbar. bekommt man hier denn nichts zu trinken, wenn man fremd ist?" Aber so rufen Sie doch. Kellner! Der Herr wünscht einen ieidel." Gleich, gleich." Der dienende Geist huschte fort, alle alle zehn Finger in den Henkeln leerer Gläser. Arnold wartete noch zehn Minuten, dann stand er auf und ging fort. Die Hitze war unerträglich, der ganze Aufenthalt langweilig. An der Ecke befand sich ein Tabaksladen. Er trat ein und kaufte Eigarrcn drei für zehn Pfennige. Dann versuchte er'S noch an einem dritten Ort. Da bekam cr sehr bald Bier, aber die Herren in seiner Nähe zeigten sich ungemüthlich. Sie rückten fort, so weit eS der Platz erlaubte, und endlich sagte einer, der neben cincr Dame saß, ganz entrüstet : Aber was paffen Sie denn da für. ein entsetzliches Kraut? Man kann unwohl davon werden. Und dieseS fortwährende AuSspcien uner träglich." Arnold drückte die tief eingebrannte Eigarrc auf der Tischplatte aus, was wlcdcr Mißfallen zu errcgcn fchien. Wischen Sie doch die Ferkelei da ab." rief der Herr, der eine breite Schmarre auf der Backe hatte, dem Kellner zu. Arnold bezahlte und entfcrnte sich. Den Stummel setzte er draußen wieder in Brand. Er hatte von dem vornehmen Amü sement ganz genug für heut und machte sich auf den Rückweg. Auö einer Kellcrthür torkelten ein paar Männer in Arbcitcrkitteln. Die Kellcrfcnster warcn erhellt und es standen da auf Querbrcttern in mehreren 3!eihen über einander die bekannten' vierkantigen' und runden Flaschen mit den kurzen Hälsen und den buntfarbigen Aufschriften. Er blieb stehen und betrachtete sie schmunzclnd. DaS waren alte Freunde. ES roch auch so süßlich lieblich von .der Thür her. Er überlegte eine Weile, ob er hineingehen solle. Es schien ein janj anstündiges Lokal zu sein, wenn
auch nicht ,o, wie bk Geheime Näthin
i b"udiii ganc. cil cgcii war kein schluck Branntwein über scmc Lippen gekommen. Und die trockene Kehle. . . . Waö weiter? ES wunte ja Keiner, wer er fei. Nur ein Achttlchen! Er war ja gar kein Trinker, nur hin und her einmal. . . . Das wird man so bei der Arbeit gewohnt. Ack. dnmmeö Zeug? ich bin mündig. Er stieg die Treppe hinab. Da im Keller war er nun zu Hause. Der Wirth in der blauen Schürze, und das chänkermädel und die Gäste, er sah sie zum ersten Mal und war doch gleich mit ihnen vertraut. Hier wußte er zu fordern und zu bezahlen. Es gab auch warme Würstchen, an denen er sich satt essen konnte. Und wie gut schmeckten sie ! Mit den Leuten im Keller kam cr rasch in daS munterste Gespräch. Es siel ihm gar nicht ein. verbergen zu wollcn. daß cr auch ein Arbeiter sei. Die Hände weisen es aus." sagtccr. Stoßt Euch nicht an meinem Nock ; den hab' ich ehrlich von der Verwandtschaft geschenkt bekommen. Ja. in dem hat vor mir ein richtiger Geheimer Nalh gesteckt, und wer weiß, wem er noch gut genug ist. wenn ich ihn mal in der Noth beim Trödler lasse. Pah. bei uns kommen solche Zeiten und solche Zeiten. Bis wir unsere gerechten Forderungen durchfetzen. kann'S noch eine Weile daucru. Al?cr oben webt schon cin anderer Wind merkt Ihr was? Es werden auch solche' Zeilen kommen, wo ein Mensch mit gründen Gliedern nicht mehr wegen Mangel an Arbeit seinen Nock wird versetzen müssen, um leben zu können. Gleiches N'ccht für Alle ! Dazu müssen wir aber erst die Mehrheit im tcichstag haben, und die bekommen wir. wenn wir nicht locker lassen und allmälig auch denen aufdem Lande ein Licht aufstecken." 0 fchwadronirtc cr weiter, als cr im Zuge war. Sie erfuhren, daß er Berten heiße nnd von Hamburg ausgewiesen sei. Er trank mehr, als er vertragen konnte, wars Geld auf den Tisch und erklärte, daß cr die ganze Gesellschaft freihalten werde. Immer nobel, wenn man's dazu hat !" Einer von den Gästen, ein Maurcr, sagte, daß cr zu cincr StreikVersammlung gehen wolle, und forderte ihn auf. mitzukommen. Er war so gleich bereit dazu. Da der Weg weit fein sollte, nahm cr eine Droschke für sich und den guten Freund. Aber es muß wie das Donnerwetter gehen !" Unterwegs wurde cr wieder nüchtern. Es dämmerte ihm. daß cr in seiner Lage sehr unklug gehandelt habe und sich jetzt zur größten Thorheit verleiten lasse. 'Nun konnte er aber doch nicht mehr zurück. Er schämte sich, seinem Begleiter, der sich Eduard Blank nannte, .zu gestehen, daß er aus der Droschke am liebstcn wieder ausgestiegen wäre, bevor sie ihriel im fernsten Nordosten der ladt errelchtcn. Er hatte sich im Ketter doch zu forsch aufgespielt. Endlich gelangte man zu einem Vergnügungslokale, an das in den Garten hinein cin großcr Saal angebaut war. Die Thüren standen offen und waren mit Gruppen von Arbeitern umlagert, die sich in lauter Weife unterhielten. Fortwährend kamen Leute ans dem schon überfüllten Raum hinaus, während andere wieder einzu dringen versuchten. Blank schien Allen bekannt zu sein; cr wurde mit Ede" angeredet. Wie steht's denn?" fragte er. Es wurde ihm geantwortet, die kleinen Meister hätten Angst bekommen und VermlttcluugSvorschlage gemacht, die großen aber wollten nicht heran. Die Meinungen darüber, ob man'S aushalten werde, zeigten sich getheilt. Sprich Tu. Edc." rief man ihm von allen Seiten zu. Im Saal stand die Meng? Kops an Kopf. Doch machte man Blank so weit Platz, daß cr sich nach dem Tisch am anderen Ende durchzwängen konnte, wo die Leiter der Versammlung saßen. Er zog Betten nach sich und stellte ihn dort vor. Sein 'Name war ihnen nicht fremd. Er wurde gefragt, ob er sprechen wolle. Das verneinte cr. Die Polizei habe sicher cin Auge auf ihn. Die Helme der überwachenden Schutzleute waren fichtbar; man ließ seinen Grund gelten. Er erhielt aber einen Stuhl und mußte sich an den VorstandStisch setzen. Mehrere Redner ließen sich nun vernehmen. Blank schlug vor. alle Verhandlungen abzubrechen, auf seinem Stück zu bcstehen und in vierzehn Tagen die Arbeit niederzulegen. Er fand Beifall, aber auch von einem Häuflein älterer Leute heftige Opposition. Ma suchte sie hinauszudräugcln, was jedoch nicht gelang. Einer Prügelei konnte vom Vorsitzenden nur mit 'Mühe Einhalt gethan werden. Der Tumult brach von Neuem los, als ein anderer Redner sich in Schimpfredcn gegen die Zahmen und Querköpfigen erging. Nach seiner Meinuug sollte man nicht einmal den Kontraktbruch scheuen und sofort die unvcrschämte Erklärung dcr Arbeitgeber mit dem Streik beantworten. Er hatte den Satz noch nicht beendigt, als der Polizeibeamte die Versammlung für aufgelöst erklärte. ES dauerte noch eine Weile, bis dcr Saal sich geleert hatte und auch der Garten geräumt war. Arnold ging mit Ede Blank und einigen Tischnachbarn ganz zuletzt hinaus. Dieselben verabredeten, in einem Keller anzusprechen und zu berathen, was wcitce zu thun sei. Sie forderten Arnold auf, mitzukommen. ES muß schon spät' fein," sagte cr. wenig geneigt dazu. Einer halte eine Uhr und zog sie aus der schmierigen Westentasche. Etwas nach zehn." Zum Teufellries Arnold, ich habe 'keinen Schlüssel. Wenn ich mich nicht beeile, schläft auch dcr Portier schon," Ede fragte nach der Wohnung. Bis dabin ist'S eine gute Stunde, Du kommst immer zu spät. Wir trinken erst noch eins auf den Schreck.- Er hatte den Anderen zu verstehen gegeben, daß Arnold Geld habe und freigebig sei ; deshalb redeten sie nun auch eifrig ju. Mtal, ganz
fatal," sagte cr mürrisch. Was mach' ich nun abcr, wenn ick nicht in's Haus hineinkomme?- Alle die Verdrießlichleiten, die Um daraus bci seinem Bn,, oer uno cer cnwagcrln erwaaizcn könnten, gingen ihm im Kopf herum.' Es wird doch wohl nicht das erste Mal sein." meinte Heinrich Vrandcr, daß Du cinc Nacht im Kcllcr oder im Freien verbringst." Ja. abcr. Das ist gar nicht nöthig," sagte Ede. In meiner Schlafstelle steht gcrad' zusättig noch cin Bett frei. Das kannst Du haben. Brüderchen." Wenn das ist Na dcnu,lustig !" Arnold widerstrebte nicht weiter. Am andern Morgen machte er sich ohne weiteren Aufenthalt heraus, doch nicht so früh, als cr beabsichtigt hatte, da der Rausch erst ausgeschlafen sein wollte. Es war seine Hoffnung gcwesen, unbemerkt in fein Zimmer schleichen und sich dort in'sÄett legen zu können, als ob cr die Nackt gar nicht fortgewesen sei. Er befand sich in recht katzcnjämmerlicher Stimmung, trat in einen itel ler ciu, aß einen sauren Häring und trank' einen SnapS. Das. meinte er. werde ihm besser thun als ein Topf Kaffee. Er fand die Thür nach feinem Stübchen offen. Friedcrike wirthschaftete darin mit Besen nnd Schaufel. Sie sind schon auf, Niekchen ?" stammelte er verlegen. Sie wissen wohl nicht, was es au der Zeit ist," antwortete sie spitz. Die Uhr hat acht geschlagen." Sie stützte sich auf den Besenstiel und musterte ihn mit nicht gerade freundlichen Blicken. 'chon acht? Ja, ich wollte. ...ich konnte nicht " Das ist doch abcr nicht recht, Herr Berken, daß Sie gleich die ganze Nacht fortbleiben. Und wie sehen Sie denn aus ? Sie. sind wahrscheinlich gar nicht in'S Bett gekommen. Die Kleider wenigstcns hat Ihnen keiner rein ge macht." Nciu, Rickchen. Aber geschlafen geschlafen hab' ich doch cin paar Stunden clend genug. Was konnt' ich thun ? Das Haus war zu " Ich hab' auf Sie unten im Flur eine lange Weile mit dem Schlüssel in der Hand gewartet, weil ich doch nicht wollte, daß Sie den Portier weckten, der immer gleich Gerede macht. Aber Sie kamen ja nicht." Sie? Ach! Ja, hätt ich mir das vorstellen können Es ist mir sehr fatal wahrhaftig. Aber wie'ö denn so geht Ist'S bemerkt worden, daß ich die Nacht ?" Die Herrschaften sind selbst erst spät nach Hause gekommen und gleich schlasen gegangen. Die gnädige Frau schläft noch, der Herr Geheimrath hat nicht gefragt. Wie kann er sich denn das denken?" Es ist gut, Niekchen sagen Sie nichts. Wozn sollen sie'S erfahren? Es kann wohl einmal ohne unseren Willen so kommen daS ist noch nichts Böses. Sagen Sie nichts." Er trat an sie heran und griff ihr mit der Hand unter das Kinn. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte d?s Branntmc'ms. Die Herstellung des Branntweins ist vor dem Jahre 1300 unbekannt gewesen; erst gegen das Ende des 15. JahrHunderts wurde sein Gebrauch in Europa allgemeiner. Die ersten Bücher, in denen der Branntwein erwähnt wird, empfehlen ihn als ein Vorbeugungsmittel wider viele Krankheiten und als eine Essenz, um jung und schön zu bleiben. Im Jahre 1582 wurde er von dem Rath in Frankfurt a. M. verboten, weil die Barbirer angezeigt hatten, daß er bey den damaligen Sterbensläuften sehr schädlich sey." Dieses Verbot wurde aus derselben Ursache im Jahre 1605 wiederholt. Als man dann in der Folgezeit begönnen hatte, den Branntwein nicht mehr aus Wein- oder Vierhefe zu bereiten, sondern dazu auch Roggen, Weizen und Gerste verwendete, entstand vielfache Besorgniß, indem man diese BeNutzung der Getreidearten als unverantwortlichen Mißbrauch auffaßte. Man befürchtete eine Verfälschung des rheinischen Branntweins dirrch den Getreidebranntwein und behauptete, daß die Traber dem Viehe, besonders den Schweinen, höchst schädlich seien, woher dann bei den Menschen der entsetzliche und ansteckende Aussatz entstehe. Aus dieser Ursache wurde in Kursachsen die Bereitung des Branntweins nur aus Wein- und Bierhefe gestattet. Von allen geistigen Getränken hat aber kein einziges eine fo ausgedehnte Verbreitung gefunden, als der Branntwein, und in welchen Erdwinkel man auch hinkommen mag, überall findet man ihn in der einen oder anderen Gestalt. Wo er vor Ankunft der Europäer in anderen Erdtheilen nicht bekannt gewesen ist. hat er nach ihrem Eindringen durch seine verderblichen Wirkungen zum Untergange ganzer Volksstämme beigetragen. Gedankensplitter. Wenn Uc Hungrige zulangt, sagen die Catten: .Er hat keine vornehme Gesinnung! Wir überwinden eher einen parken Gegner, als elne eigene Schwäche. q Jeder führt zweierlei Maß und Gewicht; eines für sich, eine für alle anderen. Mancher glaubt schon deshalb ein Men, schenkenner zu sein, weil er mehr schlechte al gute Erfahrungen gemacht hat. Der Fächer ift ein so zierlich Ding, und doch so geeignet für Winke mit dem ZaunPfahle. , Ein Csel überschreit zehn Nachtigallen.
Itslknischc Vogelsteller. Tcheutzlicher Massenmord von nützliche Si und seine Flgen. Im Frühjahre, mit den ersten zarten Blüthen und Knospen, mit dem ersten schämigen Grün kehren in Deutschland die befiederten Sänger aus dem Süden zurück, aber ste treffen immer spärlicher ein, denn bose und verschlagene Feinde belauern sie auf ihren Zügen, und ungezählte Millionen der nützlichen. harmlosen Geschöpfe fallen diefem unersättlichen Feinde zum Opfer dem Menschen. Die Vogelschutzbestrebungen haben in Deutschland und in anderen Ländern bereits nicht zu unterschätzende Resultate erzielt. In manchen Ländern jedoch, ganz besonders in Italien, herrscht mit Bezug auf den Vogelschutz heute noch eine Barbarei, gegen die anzukämpfen eigentlich Pflicht einer jeden civilisirten Nation ist. Der Massenmord der Zugvögel, wie er in Italien
gang und gäbe, ist um so verwerflicher,' als sich vielfach ganze Bevölkerungen an diesem scheußlichen Morden der beschwingten Sanger bethelllgen. Keine Vogelart wird verschont, und keine Art des Fanges ist zu brutal und heimtückisch, als daß ste nicht angewendet würde. Die Heerstraßen der Zugvögel sind den Vogelstellern bekannt. Man besetzt ganze Landstraßen mit Pfählen, auf denen Leimruthen angebracht sind, an denen die müden Wanderer kleben bler den. Dann werden große Netze aufgespannt, in deren Maschen sich die Vögel fangen und angstvoll flattern, bis sie von dem erbarmungslosen Mördei durch einen Hruck auf die Brust getödtet werden. In buschigen Gegenden werden Stellnetze aufgestellt und man veranstaltet ein förmliches Treiben. Es geschieht dies ganz besonders auf verfchiedene Drosselarten, die immer durch das Gebüsch streichen, wenn sie aufgescheucht werden. Große Schwärme von wandernden Vögeln werden durch .Lockvögel dazu veranlaßt, die gefährlichen Platze, die durch Lermruthen und große Schlagnetze vorbereitet sind, aufzusuchen Das Abscheulichste bei dem orqani--sirtcn Vogelmord in Italien ist di: Behandlung der Lockvögel. Die armen Thiere werden mit glühender Nadcl geblendet, in einem ganz engen Käsig bei schmaler Kost in kühler Haft c:ehalten. Kommen sie dann in's Freie, so wirkt die wärmende Sonne auf sie, und sie schmettern ihre LiebeSlilder vor Schmerz und Sehnsucht mit solcher Inbrunst in die Lüfte, daß sie ihre Leidensgenosscn zu Hunderttauscnden in'ö Verderben locken. Die teuftische Unsitte, daß man namentlich Buchfinken blendet, um sie zu stärkerem Gesana. zu veranlassen, ist heute übrigens auch noch in Holland verbreitet. In einem kleinen, kaum acht Zoll im Geviert haltenden Käfig sitzt der arme Vogel und schmettert sich seine kleine Kehle wund. Solche geblendete Lockvögel werden in Italien vielfach verwendet. Ihrem Sirenengesang fallen die nützlichsten Vögel zum Opfer. Alle denn was Federn trägt, ist in Italien ein Leckerbissen. Die armen Schwalben werden nicht nur dezimirt, sondern fast vertilgt, man merkt es heute schon in Deutschland, daß sie anfangen, seltener zu werden. Und hundert Paare dieser liebenswürdigen und nützlichen Vögel vertilgen mit ihren Jungen in drei Monaten 46.200.000 Insekten die .Schwalbenesser ahnen vielleicht nicht, welchen Schaden das für die LandWirthschaft bedeutet. In Italien werden jährlich ungefähr 10.000.000 In-, selten fressender Vögelchen vernichtet. Der Schatz des lrmeu. In einem bescheidenen Laden un weit der National-Gallerie in London., in dem ein kleiner Markenhändler sichnur mühsam sein Brot erwirbt, wurde jüngst ein kostbarer Schatz, das Meisterstück eines flämischen Malers entdeckt. Sachverständige sind der Meinung. daß es sich zweifellos um eine der bedeutendsten Arbeiten des Sam met-Brueghel" handelt, das das Thema vom schmalen und vom breiten Wege" zum Vorwurf hat. Man sieht etwa 100 Figuren darauf, die zum großen Theile historische Persönlichkeiten darstellen, darunter Kopeknikus, Luther, Zwingli. Erasmus, Galilei. Das Bild ist in allen Einzelheiten wundervoll durchgeführt - und zeigt ganz den weichen, harmonischen Ton, der dem Maler seinen Beinamen verschafft .hat. Das Bild gehörte einem einfachen Händler in Stuttgart, der sich an seinen in England lebenden Sohn um Hilfe wandte, und als dieser ihm seine bescheidenen Ersparnisse gab, ihm zum Lohne das Gemälde schickte. Es war die einzige Kostbarkeit, die er besaß, und er schätzte sie sehr hoch.. wenngleich er' den wahren Werth seines Besitzes nicht kannte. Dem jetzigen Eigenthümer des Bildes sind bereits 518,000 von einem Museum geboten worden; aber er hat das Angebot ab gelehnt. . Der Gesundheitszustand der deutschen Arm e e ist infolae der in ibr durüaeführten vorbeugenden -Hygiene vorzüglich.' In den letzten drei .Jahren starben an Tuberkulose zümBeispiel in Frankreich 10.000 Angehörige der Arrnee. in Deutschland nur 300! Ebenso wie die Tuderlulose sind auch Typhus und andere Infektionskrankheiten erÜblich zurückgegangen.
