Indiana Tribüne, Volume 29, Number 204, Indianapolis, Marion County, 21 April 1906 — Page 5
Jndiana Tribüne, 21. April 1900;
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Einc seltsame i 5'pclutlattun . Erzählung von g. M a v r c ix
rmand Durieu hatte in seinem bescheidenen Mansardenzinimerchen seine Morgentoilette beendet und trat nun an das Fenster. Er zog den weißen Vorhang zurück und öffnete die Fensterflügel.Wie gebannt blieb er stehen. Nur getrennt durch eine schmale Gasse der inueren Pariser Stadt, stand gegenübe: ein anderes Haus, und in diesem bot stch den Blicken Durieus ein entzückendes Bild. In dem Rahmen eines Mansardenfensters, umgeben ron duftigem Blattgrün, sah er ein eifrig mit einer Stickerei beschäftigtes junges Mädchen sitzen. Ein Maler hätte seinen schöneren Kopf, keine schönere Figur malen können. Jetzt sah das Mädchen auf. erblickte den jungen Mann, erröthete und senkte sofort die Augen wieder. Aber Arrnand Durieu hatte gesehen, daß es ein Paar leuchtende, blaue Augen waren, die vortrefflich .zu . dem goldblonden Haar und zu dem weißen, rosig angehauchten Gestchtchen mit seinem 'lieblichen Oval paßten. - Als Armand Durieu sich räusperte. sah das junge Mädchen noch einmal zu ihm herüber, und er grüßte sie durch eine Verbeugung, die ste mit einem liebenswürdigen und doch zurückhaltenden Kopfnicken beantwortete. Als er aber dann fortfuhr, sie anzustarren, zog sie den weißen Vorhang an ihrem Fenster vor. so daß ihre Gestalt vollkommen verborgen war. Armand Durieu trat vom Fenster zurück, sah erschreckt nach seiner Uhr und beeilte sich, um noch rechtzeitig nach dem Burecu des Rechtsanwalts, bei dem er als Schreiber angestellt war, zu kommen. Er ging wie im Traum hjrch die Straßen, er setzte sich wie im Traum an seinen Platz und schrieb wie im Traume allerhand Auszüge aus Gutachten und' juristischen Erklärungen, und zwar so schlecht' daß er die Sachen sämmtlich noch einmal schreiben mußte. Seine Unaufmerksamkeit trug ihm einen scharfen Verweis des Bureauvorstehers ein, und Armand sah ein, daß dieser Verweis gerecht war. Er konnte aber kaum die Stunde erwarten, bis er am Abend wieder nach seiner Mansarde zurückkehrte, weil er, hoffte, er würde die liebliche Erscheinung am Fenster gegenüber wiedersehend Aber er täuschte sich; der Vorhang war und blieb zugezogen, und selbst als es finster wurde und Lampenlicht hinter den Fenstern jenseits der Straße erschien, sah man nicht den kleinsten Schatten auf dem Vorhang sich ab zeichnen. Armand Durieu war erst am Tage vorher in die neue Wohnung einge zogen, und kannte daher noch nicht die Gepflogenheiten der Nachbarschaft. Aber acht Tage spater wußte er dar über, Bescheid. Das schöne Mädchen, rnii ucui ci cuuuu iuyiy uutu wechselte, rn'eß- Marion Element und l Sm . r l Sm 7Cf?& sl 1 Ct war d:e Nichte der Frau Thibaudler, der kinderlosen Wittwe eines kleinen Staatsbeamten. Frau Thibaudier lebte mit ihrer Nichte sehr zuruckge zoaen. machte mit ihr nur in den Abendstunden vor Einbruch der Dunkelheit einen Spaziergang über die Boulevards, und den ganzen Tag über faß Marion bei ihrer Stickerei.. Die Frauen der Nachbarschaft erzählten sich, sie sei eine Künstlerin im Sticken, und ihre Produkte wurden ixt den großartigen Magazinen der Voulevards theuer bezahlt. Marion erfand nämlich auch die Muster. Zweimal wöchentlich ging sie, begleitet von ihrer Tante, zu den Proben des Kirchenchors, dem sie angehörte. Sonntags sang sie auf dem Kirchenchor und ihre herrliche Stimme war tn der ganzen Gemeinde bekannt. Armand ging natürlich auch in die Kirche, um Fräulein Marion singen zu hören, und als er dann nach Hause kam, war es um ihn geschehen. Er liebte Marion bis zur Raserei. Einige Zeit danach fand er. als er des Abends nach Hause kam, auf dem Tisch seines Zimmers einen Brief vor. Er kam von Frau Thibaudier. und die würdige Dame schrieb Armand, sie bäte ihn um eine Unterredung. Sonn tags nach der Kirche sei sie für ihn zu sprechen. Es liege im beiderseitigen Interesse, daß diese Unterredung rech! bald stattfinde. Welche Gedanken dieser Brief in dem jungen Manne erregte, welche Hoffnungen in ihm wach wurden! Wollte Frau Thibaudier mit ihm' wegen ihrer . Nichte sprechen? Hatte sie seine Liebe bemerkt, oder war es nur irgend eine Geschäftssache? Wie langsam schlichen die Stunden dahin, bis der Sonntag kam: Aber er kam endlich doch herauf, so goldig und strahlend, wie nur ein Herbstsonniag in Paris sein kann. Armand Durieu ging in die Kirche und berauschte sich wieder an dem Gesänge Marions. Als er die Kirche verließ. traf er mit der Gellebten einen Augen blick zusammen und wurde durch einen . stummen Gruß von ihr beglückt. Eine
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halte Stunde später saß er in dem
Zimmer der Frau Thibaudier und betrachtete mit außerordentlichem Interesse das Gesicht der alten Dame, die mit ihren scharfen Zügen und der . i -s r -. W icn jgaolcniänaie keineswegs einen besonders liebenswürdigen Eindruck machte.. Meine , Nichte ist nicht anwesend." begann Frau Thibaudier. wir können deshalb ganz unaemrt sprechen. Sie ist ausnahmsweise mit meiner Erlaubniß von einer Freundin aus dem Kirchenchor zu Tisch gebeten worden. Ich habe S:e .um oitc Unterredung er sucht. Herr Durieu, weil- ich hoffe. durch dieselbe eine Unbequemlichkeit für mich zu beseitigen. Dadurch, daß Sie unser Gegenüber geworden sind, bin ich gezwungen, möglicherweise meine Wohnung, die ich seit länger als zwanzig Jahren inne habe, zu verlassen. Sie interesstren sich für meine Nichte, und ich fürchte, auch meine Nichte mmmt an Ihnen mehr Interesse, als nöthig ist. Ich habe mich nach Ihren Verhältnissen erkundigt und erfahren, daß Sie ein Mann sind, dem sich nur Gutes nachsagen läßt. Aber Sie haben kein Vermögen. Eine ausuchtslose Liebelei mit meiner Nichte kann ich nicht dulden, und zu einer Heirath ist keine Aussicht; denn abgesehen davon, daß Sie nicht in der Lage sind, eine Frau zu ernähren, kann meine Nichte nur dann heirathen, wenn sie mir zehntausend Franken zurückzahlt, die sie mir schuldig ist. Ich bin nämlich nicht die rechte Tante Marions, sondern nur eine entfernte Verwandte. Als die Eltern Marions bei einem EisenbahnUnglück beide um's Leben kamen, habe ich mich der Kleinen angenommen. Die Eisenbahngesellschaft' zahlte bis zum vierzehnten Lebensjahre Marions eine kleine Rente, die aber knapp ausreichte, um das Kind zu ernähren. Ich habe Marion eine gute Bildung zu theil werden lassen, sie erzogen, seit dem vierzehnten Jahre lediglich auf meine Kosten, und als sie vor wenigen Monaten mundig wurde, hat sie mir eine Anerkennung über eine Schuldsumme von zehntausend Franken mit den noch lausenden Zinsen ausgestellt. Der Mann, der Marion heirathen will, muß mir diese Summe zurückzahlen. andernfalls muß Marion sie abarbeiten. Das kkine Gehalt, das sie als Sängerin des Kirchenchors bekommt. dient gerade dazu, den nothdursngsten Lebensunterhalt sur sie zu bestreuen. Der Ertrag ihrer Stickereien fällt mir ZU und dient zur Verzinsung und allmäliqen Tilgung der Summe, die mir Marion schuldig ist. Das Mädchen ist schon und begehrenswerth, und wird wohl einmal einen Freier finden, der sie von mir auslöst und mir ihre Schuld bezablt. Dann mag sie helra then. Solange icn aber ihre Glaubigerin bin, hat sie nicht das Recht, nack Belieben zu heirathen, und sie wird es auch nicht thun." Ihre Nichte ist also Ihre Sklavin, Madame!" rief Armand empört. Sie ist Ihre Sklavin, und zwar vielleicht auf Lebenszeit. Sie haben aus angeblichem Mitleid sich der Kiemen angenommen, als sie hilflos und verlassen war, und Sie beuten sie jetzt aus! Was Sie mir da sagen, mein Herr, ist eine Unverschämtheit." erklärte Frau Thibaudier ruhig, und ich mußte Ihnen eigentlich die Thur zeigen. Ich will Ihnen aber nur noch bemerken, daß ich von einer kleinen Pension lebe und in keiner Weise verpflichtet war, diese noch mit Marion von ihrem vierzehnten Jahre ab zu theilen. Ich. habe Opfer für das junge Mädchen gebracht, und das Recht, zu verlanaen, daß man mich entschädigt. damit ich den Rest meines Lebens etwas behaglicher gestalten kann. Wenn Sie nicht verliebt wären, würden Sie einsehen, daß ich ein gesetzliches Rech auf das Geld habe, das ich für Ma rion aufwendete. Aber mit Leuten, die verliebt sind, ist nicht zu rechten. Hoffentlich haben Sie aber noch so viel Einsehen, sich selbst zu sagen, daß Sie Marion durch eine aussichtslose Liebe schädigen und unglücklich machen Wenn Sie meine Nichte also wirklich Heben, werden Sie innerhalb der n'ächsten Woche die Mansarde da drüben verlassen." Das werde ich nicht thun!- rief Armand mit dem ganzen Aufwand von Heroismus, dessen ein jugendlicher Liebhaber fähig ist. Aber ich werde Mittel und Wege finden, Marion aus ihrer Schuldknechtschaft zu befreien. Das schwöre ich Ihnen. Und damit stürmte er davon. Armand Durieu war eigentlich von Beruf Weingärtner und stammte aus Langon, einer Stadt, die mitten in den Weinpflanzungen im Gebiete vois Bordeaux gelegen ist. Eincn der dortigen Weinberge besaß sein Vater. Armand hatte eine gute Erziehung genossen war ein äußerst geschickter Weingärtner und auch in den kaufmännischen Geschäften gewandt. Als sein Vater starb, führte er den Veirieb selbstständig weiter. Bis zu seinem dreiundzwanzigsten Jahre wußte er es mch anders, als daß er nach dem Tode der Mutter der Erbe des Weinberges und des Hauschens rn Langon sein wurde in dem die Familie wohnte. Indeß hatte ihm seine Mutter mit dem eiae thümlichen Mißtrauen, welches ältere Frauen besitzen, niemals einen richtigen Einblick in die Verhältnisse des Besitzes und Vermögens gewahrt. Als Frau Durieu vor einem Jahre starb, erschien plötzlich der Weinhänd-
ler Rioux aus Boröeaux und zeigle'elne Schuldverschreibung vor, laut deren er
der Bentzer des Welnoerges oer ÄUrieus war. Der Schein enthielt eine Verpfändung dieses Weinberges, und um die Verpfändung zu lösen, dazu hätte nicht nur die Rückzahlung der gegeliehenen Summe, sondern auch noch die der im Laufe von zwanzig Jahren aufgelaufenen Zinsen und Zinseszinsen gehört. Vor zwanzig Jahren hatte nämlich der Vater Armands bei Rioux fernen Weinberg verpfändet, und die, Mutter hatte die Genehmigung dazu durch ihre Unterschrift ertheilt. Der Vuraermeisser von Lanaon, an den sich Armand um Hilfe wandte, meinte, dieser Niour sei ein Wucherer. Armand solle vor allem unter den PaPieren, die seine Mutter zurückgelassen hatte, nachsehen, ob sich nicht darunter Quittungen über Zahlungen an Rwux fanden. Es fand sich auch eine Quitunq aus den letzten fünf Jahren, in welcher von einer Nestschuldsumme die Rede war, die an Rioux gezahlt worden war. Dies schien darauf hinzuweisen, daß die Schuld bereits getilgt sei. Der Bürgermeister neth Armand daher, sich einen tüchtigen Rechtsanwalt zu nehmen, und das war ohne Zweifel Herr Dupaty in Paris, der das Departement als Abgeordneter in der Kammer vertrat. Dupaty bereiste gerade seinen Wahlbezirk, und der Bürgermeister trug ihm selbst den Fall ArmandRioux vor. Er ahnte nicht, daß er der Sache des unglücklichen Armand damit inen außerordentlich schlechten Dienst erwies. Rioux war der. Mann, dem alle Welt verschuldet war, und der im Wahlbezirk daher immer so kolossalen Einfluß besaß, daß Dupaty ihm seme Wahl verdankte und vollständig von hm abhangig war, wenn es sich um eine Wiederwahl handelte. Dupaty übernahm den Prozeß Armands gegen Rioux in der ausgesprochenen Absicht, seinem Gönner und Wahlmacher kein Leid anzuthun, sondern den Prozeß bis in's Endlose zu verschleppen. Sein Gewissen aber trieb ihn an, den seines Erbes beraubten Armand wenigstens einigermaßen zu entschädigen, und so nahm er ihn als Schreiber' m seme Advokatenstube nach Paris mit. Hier that Armand Dienste gegen germaes Entgelt und hatte die schönste Gelegenheit, abzuwarten, was aus seinem Prozeß werden wurde. Dupaty selbst 'war überzeugt, daß Rioux von den Durieus längst befriedigt worden war, und die Quittung, in welcher von einer Restzahlung gesprochen wurde, genügte wahrscheinlich auch vor einem Gerichtshof als Beweis. Wahrscheinlich hatten weder der verstorbene Durieu noch seme Frau sich Quittungen über frühere Abzahlungen ausstellen lassen, und darauf bauend hatte Rioux sich widerrechtlich in den Besitz des Weinbergs und des Häuschens des verwaisten Armand gesetzt. Dupaty hatte mit diesem Prozeß übrigens eme gute Waffe gegen Rioux in der Hand. Wenn dieser bei den nachsten Wahlen nicht seinen ganzen Emfluß für Dupaty einsetzte, konnte der Advokat den Prozeß' energisch gegen ihn betreiben. Er wäre also nach seinen Begriffen thöricht gewesen, dieses Zwangsmittel gegen Rioux aus der Hand zu geben. So standen me Angelegenheiten, als Armand am Tage nach seiner Unterredung mit Frau Thibaudier eine Besprechung mit feinem Chef Dupaty erbat. Er ersuchte um Auskunft darüber, ob es nicht möglich sein würde, sein Anrecht auf rne Ergebnisse des Prozesses zu verpfänden oder zu verkaufen. Dupaty meinte, das ginge durchaus nicht an; der Prozeß stehe schlecht, da Rioux sich bereit erklärt habe, einen Eid zu leisten, daß die Quittung, die von einer Restsumme sprach, gar nichts mit der Verpfändung des Weinberges zu thun habe. Es hätte sich dabei um ein. ganz anderes Geldgeschäft gehanbttt, das nebenher lief und das auf Drängen Rioux' endlich durch eine Restzahlung semen Abschluß gefunden habe. Man müsse verhindern, daß Rioux zum Schwüre käme, denn sonst sei alles mit cinemmale vorbei. Wie aber jetzt , die -Verhältnisse lägen, würde nicht ein Mensch fünf Francs auf das etwaige Resultat des Prozesses an Armano borgen. Um seine letzte Hoffnung ärmer, zog sich Armand zurück. Er war in Verzweiflung. Was nun thun? Marion aufgeben? Nimmermehr! Als er am nächsten Morgen an das Fenster seiner Mansarde trat, um zu Marion hinüberzusehen, fand er das Fenster, hinter dem das junge Mädchen saß, mit , hellgrünem Papier von innen verklebt, so daß wohl Licht hineinfiel, man aber nicht vow außen hineinsehen konnte. Das war die erste Geaenmaßregel Frau Thibaudiers. Sie beraubte ihn des Anblicks der Geliebten. Am Sonntage konnte -er zwar einen stum men Gruß mit ihr, wechseln, als sie in Begleitung ihrer Tante vom Kirchenchor kam, aber Frau Thibaudier warf dem Störenfried- einen so bösen Blick zu, oay der jung Mann überzeugt war. er habe das 'Schicksal Marions nur noch verschlechtert. Er ahnte es wohl. daß er in d:m Kampfe gegen Frau Thibaudier denKLrzeren ziehen würde. Wie gewinnt man zehntausend Francs aus ehrlichem Wege? Das war die Frage, die Armand sich taglich hun dertmal vorlegte. Aber er fand keine Antwort darauf. Eine Erleichterung gewahrte es ihm wenigstens, oak er Mit Marion m Ver
Bindung bleiben konnte. Ei "Nach-
barin, -die der Frau Thibaudier feindNch gewinnt war, machte sich em Vergnügen daraus, den brieflichen Verkehr zwischen Marion und Armand zu verMitteln Brieflich gestanden sich die jungen Leute ihre Liebe und schworen sich ewige Treue. Der Bureauvorsteher bei Recktsanwalt Duvaty aber meldete eines Tages einem .yes, Daß der junge Durieu aus icrn besten Weae sei. den Verstand au verlieren. Er sei nicht mehr imstande, auch nur die einfachste Arbeit zu verrichten, und fortwährend böre man ibn murmeln: Zehntausend Francs, zehntausend Francs!" Dupaty zuckte die Achseln und meinte. man solle mit dem iunaen Manne Geduld haben, sein Vrozen sei ibm jedenfalls zu Kopf gestiegen. man wunderte sich im Bureau bei Dupaty daher gar nicht, als eines Tasl.es Armand Durieu nicht erschien. Nach drei Tagen fragte man in seiner Wohnung an und erfuhr, er se: verschwunden, nachdem er alle seine kleinen chuloen bezahlt habe. , . Auf dem französischen Postamt in Fort-de-France, dem Hauptort der westindischen Insel Martinique, erschien eines Taqes ein junger Mann und fragte den Schalterbeamten, ob er ihm sur tausend Francs Eincentimemarken und für tausend Francs Fünfcentimesmarken verkaufen könne. Der Schalterbeamte erklärte, so viel Marken besäße das Postamt überhaupt nicht; er wolle den Vorsteher herbeirufen. Dieser kam und bat den Fremden, in sein Bureau einzutreten. Wir haben im ganzen für etwa dreihundertFrancs Eincentlmemarken und sur ebensoviel Fönfcentimes-Marken." erklärte er. Das ist unser aanzer Vorrath, und wir können uns nicht vollständig davon entbloßen. Sie sind aber verpflichtet, Herr Vorsteher," versetzte der Fremde, mir jede beliebige Zahl von Marken zu verk2ufen, soweit Sie' solche überhaupt besitzen. So lautet das Gesetz." Sie haben recht, aber unser ganzer Postbetrieb leidet, wenn wir alle Marken eines bestimmten Werthes hergeben. Ich müßte mir wenigstens aus St. Pierre Marken kommen lassen." Der Fremde lächelte. Auch dieses Postamt der Insel Martinique besitzt keine Freimarken zu einem und fünf Centimes mehr. ' Ich habe sie sammtlich aufgekauft. Ehe Sie aber neue Maiken aus Paris beziehen, dauert es ungefähr drei Monate. Sie können in der Zwischenzeit nicht ohne Marken der fehlenden Sorten bleiben, und werden Umdrucke machen müssen, indem Sie zum Beispiel die Marken zu zehn Cenllmss 5 nehmen uno uc Mil oem ÄUsdrüö ,5 Centimes' und ,1 Centime' i. f . f. ... 1 . tvr-.r versehen. Es wird Ihnen gar mchtö anderes übrig bleiben, denn ich besiehe kraft des gesetzlich mir zustehenden Rechtes darauf, die vorhandenen Marken zu kaufen." Mein lieber Herr, nehmen Sie Vern'urrft an!" bat der PostVorsteher. Es macht dem Amt außerordentliche Um ständlichkeiten. erfordert einen großen Bericht nach Paris, und außerdem weiß ich wirklich nicht einmal, wer mir hier den Ueberdruck in .Fort-de-France herstellen soll." Ich wäre in der Lage, Ihnen aus zuhelfen. mein Herr. Hier haben Sie die sorgfältig hergestellte Platte, um ganze Bogen von hundert Stück Briefmarken auf einmal zu Überdrucken und mit der Aufschrift .5 Centimes' ooer ,1 Centime' zu verseben." Der PostVorsteher betrachtete den fremden mik unverhohlenem Erstaunen. Ja. mein Herr, wer sind Sie denn eigentlich und was beabsichtigen Sie mit der ganzen Sache (sie lausen sämmtliche Briefmarken der beiden untersten Kategorien auf, bieten mir dann diese Platte zum Ueberdruck an und" Und wenn Sie fünfhundert Briefmarken mit dem Ueberdruck versehen haben, bin ich gern bereit, Ihnen diese abzunehmen und Ihnen dafür die früheren Marken wieder auszuhändigen. rvi.t - S jiz einzige eomgung, vk iuj uuvu stelle, ist. dan einige von den Ueberdruckmarken von mir verwendet werden dürfen, um damit Briefe nach Paris zu frankiren." .Ick sebe nock immer nicht ein, was Sie wollen." erklärte der Postvorsteher. Und ich kann daraus nicht eingehen ebe ick nickt wein " Der Fremde unterbrach ihn. Nur aut. Mein Name ist Armand Durieu. Ich bin Franzose, wie Sie, und um ' - , . . Y ijC zu oeruyigen. will ai "l" gen, daß ich mit Erfolg dieselbe Sachl - ( J . c ' vereiis auf (suaoeloupe uuv in Pierre gemacht habe, ebenso aus vtt union und in ??ranzösisch-Guiana." Damit oa Armand ein sorgfältic verschlossenes Portefeuille . aus seinei Tasche und breitete vor dem erstaunter Postvorsteher ganze Bogen von Briefmarken aus. welche Ueberdrucke zeigten. Plötzlich schien dem Beamten ein p ' ' ' f- u c Xiiaji auszugeyen. ' uno cinumm ler!" saate er. Nickt in dem Sinne, wie Sie vielleicht vermuthen, aber ich beabsichtige durch die Manipulation, die ich mache. Werthe zu schassen, die mir einen hübschen Ertrag abwerfen, wenn ich sie Zv Paris auf den Markt bringe. Es ist nicht Geldgier, die mich treibt, und . , i r v JC lueun vsie geneigi nno, nuuj uuuyu n; werden Sie vielleicht gern berei sein, mir Ihre Hilfe zu Theil werden zu lassen.
Bitte, sprechen Sie," rief der Post-
Vorsteher, die Geschichte scheint mir so nteressant, daß ich begierig bm. 'sie ennen zu lernen." Run erzählte Armand Durieu seine Lebensgeschichte, daß er . zehntausend. Francs verdienen müsse, um die Gelebte aus der Sklaverei ihrer ErzieheIn zu befreien, und daß er in der Verzweiflung auf die Markenspekulation verfallen sei; , .. Der Postmeister hatte kem Franzose sein müssen, .um nicht von der Liebesgeschichte Armands und Marions gerührt zu werden, und ganz ausgeregt rief er: O dieses elende Weib, diese Thibaudier! Ich kenne sie nicht und werde sie wohl nie in meinem Leben se?en, aber ich hasse sie und kann mit Ihnen fühlen, mein Herr. ' Aber was brachte Sie denn darauf, aus so gechickte Weise mit unseren Kolonialmarken zu operiren?" Vor dem Laden eines BriefmarkenHändlers stehend, hörte ick die Unterredunq zweier Herren mit an, aus der ich erfuhr, daß außerordentlich hohe Preise von Sammlern für Marken bezahlt werden, die nur in wenigen Ezemplaren vorhanden sind und ihre Eigenart einem Zufall verdanken. Ich erkundigte mich naher nach den Verhältnissen und faßte dann meinen Plan. Ich verließ das Bureau des Rechtsanwalts Dupaty, in dem ich beschäftigt war, schrieb meiner geliebten Marion, daß ich in spätestens zwei Jahren wiederkehren und sie befreien würde; ich sei überzeugt, sie würde mir die Treue bewahren. Darauf ging ich zu einem Landsmann aus Lanaon, der m emer der Pariser Vorstädte einen Weinausschank hat. Diesen bat ich, mich ohne Entgelt als Kellner anzunehmen. Er war da mit zufrieden, und lch lernte in einem Vierteljahr so viel von der Bedienung der-Gäste, daß mich mein Landsmann weiter empfehlen konnte, und ich Unterkunft :n einem besseren Restaurant fand. Ein Jahr lang übte ich mich' dort rn memem neuen Beruf, bis ich, gestützt auf meine Zeugnisse, mich als fertigen Kellner ausgeben konnte. Dann nahm ich Dienste als Steward aus einem französischen Dampfer, der nach Reurnon ging. Jeden Pfennig, den ich während meiner Kellnerthätigkeit einnahm, ersparte ich. Ein kleiner Lotteriegewinn von fünfhundert Franken half mir mem Kapital auf fünfzehnhundert Franken bringen. Mit diesen ging ich nach dem frarlzosischen Postamt 'in Neunion und handelte genau so wie hier. Ich zwang den Vorsicher, mir die Marken zu emem und fünf Centimes zu verkaufen und, um den Betrieb aufrecht zu erhalten, dann Ueberdrucke herzustellen. Von diesen Ueberdrucken kaufte ich sämmtliche Bogen auf; ebenso erwarb ich von dem Drucker die fertige Druckplatte, Für die Ueberdrucke gab ich alle ursprünglichen Marken zurück und ließ mir den Rest in baar auszahlen. Ich habe von Reunion aus dem berühmtesten Briefmarkensammler der Welt, dem Baron Ferrari in Paris, die Mittheilung gemacht, daß ich der alleinige Besitzer von fünfhundert Stück Ueberdruckmarken zu einem und fünf Centimes für Reunion sei. Ich schickte ihm Proben von ungestempelten und gestempelten Marken ein, da der Postmeister in Reunion die Freundlichkeit hatte, eine Anzahl von Marken, die ich auf einen Brief klebte, abstempeln zu lassen. Und Baron Farrari bot mir für Ueberlassung der gesammten Marken zehntausend Franken unter der Bedingung, daß nicht eine einzige von den ungebrauchten Marken zurückbleilÄ und etwa in andere Hände gelange. Der Baron hat den Ehrgeiz, eine Briefmarkensammlung zu besitzen, wie kein anderer Mensch, und Seltenheiten aufzuweisen, die in der ganzen Welt sonst nicht existiren. Dieses Geschäft mit Ferrari habe ich im Laufe eines halben Jahres, während ich als Steward auf verschiedenen . Dampfern fuhr, 'schriftlich erledigt. Die zehntausend Frnnken liegen für mich sicher in einem Pariser Bankhause. .Baron, Farrari hat mich aufgefordert, ihm weitere derartige Seltenheiten zu schassen. Hier bei Ihnen, Herr Postmeister, in Fort-de-France, ist meine letzte Station Wenn ich auch hier die Ueberdruckmarken erlangt habe, dann suche ich Stellung auf einem Schiff, das nach Frankreich zurückgeht, und aus dem Erlös der Marken von Guadeloupe. St. Pierre. Grnana und Martinique hoffe ich ein Kapital zusammenzubekommen, das mir gestattet, meine Marion zu heirathen. Die zehntausend Franken, die bereits in Paris liegen. sind natürlich dazu bestimmt, sie von ihrer Tante loszukaufen.Der leicht erregbare Franzose, der auch in dem Postmeister von Fort-de-France steckte, war ganz begeistert von der Erzählung Armands. Innerhalb zweier Tage hatte Armand auch in Fort-de-France seinen Zweck erreicht. Sein Portefeuille barg eine Anzahl von Ueberdruckmarken, die das Entzücken jeden Sammlers bilden mußten und von denen es weitere Stücke niäzt gab. O . Fast genau nach einjähriger Abwesenheit von Paris und zwei Jahre nach seinem Verschwinden traf- Armand wieder in der französischen Hauptstadt ein. Er 'wendete sich jetzt nicht an den berühmten Sammler direkt, sondern an einen Agenten, und durch diesen gelang eö ihm,' die eigenartigen Briefmarken, die er mitbrachte, für den Preis von vierzigtausend Franken auf.den Markt zu bringen-. ,
VaS Erscheinen der yjlaxttn xxtt tiu derartiges Aufsehen hervor, daß das französische Ministerium der Posten und Telegraphen beschloß, derartige Manipulationen ein für allemal unmöglich zu machen, indem fortansämmtliche Postanstalten der französischen Kolonien mit einer derartigen Menge von Briefmarken ausgestattet wurden, daß ein großes Vermögen dazu gehört hätte, eine Markensorte' dollsiändig aufzukaufen. Außerdem erging die Verfügung an die Kolonialpostamter. daß Marken nur zu dem Höchstbetrage von hundert Franken an ein und dieselbe Person abgegeben werden dürsten. (Thatsächlich.) Wie das im Leben meist ist. stellte sich nun, da Armand den ersten großen Erfolg errungen hatte, auch das Glück auf anderem Gebiete ein. Als Armand zu Dupaty kam, erzählte ihm dieser entrüstet, welch ein Schuft Rioux sei, und wie sehr er sich freue, Armand wiederzusehen, da jetzt der Prozeß mit aller Energie wieder aufgenommen werden könne. Riouz hatte nämlich bei der inzwischen erfolgten Wahl seine Sympathien einem andererr Kandidaten zugewendet, der sehr viel Geld. , ausgab, um seine Wahl zu ermöglichen, und beinahe wäre Herr Dupaty um seinen Posten in der französischen Deputirtenkammer gekommen. Sein energisches Vorgehen veranlaßte Herrn Rioux. schon nach vierzehn Tagen sich mit Armand zu einigen und ihm gegen eine einmalige Abfindunassumme von zweitausend Franken sein Häuschen und seinen werthvollen Weinbcra wieder zu überlassen. In das kleine Häuschen zu Langon zog bald darauf Armand mit seiner, Frau Marion ein. und nur die' kunstvollen Stickarbeiten, die Marion in' ihren Mußestunden anfertigte, und die Erzählungen Armands von seinen Fahrten als Steward in den fremden Gewässern erinnerten hin und wieder daran, alif welch absonderliche Weise die beiden Glücklichen vom Schicksal zusammengeführt worden waren. ' Altcr Wettbewerb der -Frauen.
Der Wettbewerb, den die Frauen in vielen Betrieben den Männern bieten. ist ' viel älter, als man gewöhnlich. glaubt, und hat schon in längst vergangenen Zeiten gelegentlich die Gesetzgeber beschäftigt. So erfahren wir aus der ältesten französischen Gewerbeordnung. daß unter Ludwig IX., dem Heiligen (1226 bis 1270). die Gewerbe des Spinnens. Webens und Stickens. vornehmlich alle Arbeiten, bei denen Gold und Seide zur Verwendung kommen, ausschließlich den Frauen vorbehalten wurden. Es galten für sie auch die gleichen Vorschriften bezüglich Lehrzeit, Gesellenzeit und Erlangung der Meisterschaft. wie für - die den Männern vorbehaltenen Gewerbe. Später wurden die Frauen auch noch Alleinherrscher im Gebiete des Weißzeugs, und kein Mann durfte ihnen in's Handwerk pfuscheir. Neben den Berufsarten, die den Frauen ausdrücklich vorbehalten waren, durften sie unter besonderen Umständen aber auch männlichen Beruf" ausüben. So waren die Wittwen der Meister berechtigt, deren Gewerbe zu betreiben. Dieses Recht verloren sie jedoch, sobald sie sich außerhalb ihres Standes wieder vermählten. Die Gattin eines Gesellen oder die Tochter eines solchen konnte bei seinem Meister angestellt werden. In der französischen Industrie des 13. und 16. Jahrhunderts spielte die Frau sowohl' in untergeordneten wie in höheren Stellungen geradezu eine hervorragende Rolle. Auch damals waren die Löhne für weibliche Arbeitskräfte geringer als heute; im Verhältniß genommen waren sie aber hohe. Im Durchschnitt genommen betragt der Lohn des weiblichen Arbeiters heute 3s5 von dem des männlichen, während er damals betrug. W,e sapanische Marine hat durch Hebung sämmtlicher im Hafen von Port Arthur gesenkten russischen Kriegs- (und Handelsschiffe einen ganz erheblichen Zuwachs erhalten. Spielten im Löwenkäfig K a r t e n. In Weinheim. Baden, spielte infolge einer Wette der 39jährige Schreiner Beutel in einer Menagerie. umlagert von sechs "Löwen, mit dem Bändige? eine Partie 66. die zehn Minuten dauerte. Er .rauchte dabei kaltblütig und trank, dem Publikum laut zurufend, eine Flasche Wein aus. Die Bändigerin hielt die Bestien in Respekt, die, bis auf einen großen m'ännlichen Löwen, ziemlich .theilnahmsks waren. Dieser war ziemlich unruhig und ließ den kühnen Fremdling, der seine Wette gewann, nicht aus den Augen. Schließlich wurde die ganze Gesellschaft noch photographirt. Verheerendes Erdbeben. Bei dem furchtbaren Erdbeben, von dem kürzlich die Insel Formosa heimgesucht wurde, sind im Ganzen 2677 Häuser eingestürzt und 7000 Menschen getödtet oder verwundet worden. Die blühenden Orte Dabrijo. Raisbiko und Schrinko wurden vollständig zerstört. Der Sachschaden wird auf etwa 90.000.000 Yen (etwa 545.000.000) geschätzt. Die Insel zeigt an mehreren Stellen große Risse. Einer der großten ist 1500 'Meter-lan.und klafft an seiner größten Stelle 350 Meter weit. Die Behörden verrichten ihre Geschäfte entweder unter offenem Himmel oder in schnell zusammengezimmerten Hüt. ten. :
