Indiana Tribüne, Volume 29, Number 203, Indianapolis, Marion County, 20 April 1906 — Page 6
Jndiana Tribüne 20. April 1906.
1 T . !
1 i
Vrr ,-Sxicjcmo pCBCllcttt DOIX Morih tjmi'iictdjcnbad; t i o i l Freiherren ton Berka standen auf der Seeterrasse des Hotel C & rGuiot n'ßugano. Ist das nun nicht schön?" rief Bar?n Ctio, der Bater, und seine dunkeln Auzen blickten mit fröhlichein Aufleuchten über die blaue Seefläche hinüber nach den mit frischem Schnee bekrönten comer Bergen, die sich leuchtend gegen den sonnigen Frühlingshimmel abzeichneten. Wirklich recht chic!" ließ sich FreiHerr Heini, der Sohn, vernehmen, indem er sein Monocle vor das linke Auge klemmte. Neben der hohen, breitschulterten Gestalt des Vaters stand er, ebenso groß, etwas schmächtiger, jenem gleichend, nur in die Blondheit seiner Mutr überseht. Mit der überlegenen Kritik seiner vierundzwanzigjährigen Lebenserfahrung blickte er auf die schöne Welt hinab, für die sein merkwürdig jugendlicher" Vater sich zu begeistern noch immer fähig schien trotz der achtundvierzig Jahre, die der Sohn ihm doch nachrechnen konnte. Und hast Du nun eigentlich Verkehr?" fragte Heini, das Monocle wieder fallen lassend. Ist .Gesellschaft' hier?" Im Hotel du Parc findest Du auch das, was Du .Gesellschaft' nennst Abends zum Konzert können wir ja einmal hingehen. Ich habe mich besonders an eine hier angesessene italienische Familie angeschlossen. Signor Madriano ist in Rom Chef eines ange sehenen Bankhauses, verlebt den Frühling aber stets in seiner schönen Villa hier. Er ist ein Mann von vielseitiger Bildung, Du wirst ihn kennen lernen; seine Tochter vertritt ihm die Hausfrau, die lange todt ist." Schön?" fragte der Sohn, indem er eine Cigarette anzündete. Ich denke, das ist Geschmackssache." erwiderte der Vater ein wenig gehalten, nicht unser heimisches Gretchen-Genre Südländerin, übrigens sehr talentvolle Vildhauerin." Dann ist es nicht mein Genre; ausübende Künstlerinnen sind mir ein Greuel." Eine seine Röthe huschte über die Stirn des älteren Berka. Ich kann nicht leugnen, daß mir die Kunst dieses jungen Geschöpfes Zmponirt." sagte er warm, um so mehr, als sie dabei die liebenswürdigste Hausfrau zu machen weiß. Und bei dem Reichthum des Vaters gefäll! es mir. daß sie etwas zu leisten sucht, arbeitet, anstatt ein müßiges Salonleben zu führen." Ja, das ist Geschmackssache. Eine Frau, deren Händen ich ansehe, daß sie irgendetwas arbeitet, ist für mich überHaupt schon keine Frau mehr, und eine Bildhauerin muß ja ganz verdorbene Nägel haben. Uebrigens hast Du recht, es ist eigentlich ganz interessant, einmal in einen italienischen Haushalt hineinzusehen, zumal in einen reichen. Man hat dann etwas zu erzählen, wenn man im Kasino ausgefragt wird. Die Kameraden haben mich ohnehin kolossal beneidet, als ich vom .Alten' Urlaub bekam und Deinem Rufe folgen konnte." Sie hatten die Terrasse verlassen und waren zum See hinabgestiegen. Der ältere Berka sah verstohlen nach der Uhr.. Es ist zu r)eitj zum Gehen," sagte er, wir wollen ein Boot nehmen, wenn es Dir recht ist." Er winkte einem Ui am Strande lungernden Schiffer. Dieser sprang sofort m sein mit zierlichen rothen Polstersitzen ausgestattetes Boot. Nach Cavallino!" Si. Signore barone!" Ach. man kennt Dich hier schon?" fragte Heini. Ich fahre oft über den See," erwiderte Baron Otto. Unter dem weißen Sonnendach, das das Boot beschattete, nahm er den Hut ab. Der Seewind legte ihm das wellige dunkle Haar über die Stirn und zerrte ein paar graue Faden daraus hervor. Heini blickte darauf hin. Wahrhaftig, Papa, Du fängst an grau zu werden," sagte er erstaunt. Der andere nickte. Ja, ich weiß, das ist eine weise Erinnerung der Natur an's Altwerden. Ich neige ohnehin dazu, das leicht zu vergessen." Ein wehmüthiger Ausdruck flog über sein gebräuntes Gesicht; um feine Lippen lag ein Zug von Resignation, der ihn plötzlich älter erscheinen ließ. Na, Gott sei Dank, zu den ganz Jungen gehöre ich nun auch nicht mehr, bemerkte Heim. Du?" Ein erstaunter Blick des Vaiers floa über das.kurzgeschorene blonde Haupt des Sohnes. Du, mit Deinen beneidenswerthen vierundzwanzig Iahren?" Na. ich meine, blos, ich habe fünf Hinterleute und bin jetzt fechs Jahre bei dem Regiment. Im nächsten Winier brauche ich überhaupt nicht mehr zu tanzen, da ist junger Nachwuchs genug da, der sich für unsereins anstrengen kann. Berka der Aeltere sah prüfend in das Zunge Gesicht vor ihm. Wenn das Tanzen Dich schon, nicht mehr. freut. solltest Du Dich nach einer Frau um sehen. Eine nette Häuslichkeit bietet doch schließlich mehr als der ewme Ge
seuscyastströdel, und in Deinem Ätter wurd ich schon Dein Vater wir VerkaZ heirathen meist früh." Berka der Jüngere bemühte sich, eine tiefe Denkerfalte zwischen seine blonden Brauen zu ziehen. Gott, weißt Du. Papa, prinzipiell hätte ich ja nichts einzuwenden, aber die Sache ist doch rasend unbeauem." Unbequem?" Baron Otto verstand ihn nicht. Ich meine, so Kourmachen und alles, was drum und dran hängt. Die Mädel aus der Gesellschaft, die dabei doch allein in Frage kommen, sind so langweilig; wahrhaftig, ich ireiß immer nicht, was ich mit ihnen reden soll!" Baron Otto lächelte, aber n sah dabei mehr wehmüthig als humoristisch aus. Vielleicht findest Du doch einmal eine, bei der sich das von selber macht und die Unterhaltung zum Vergnüqen wird anstatt zur Last." Bei .unseren' Mädeln schwerlich." meinte Heini. Das Boot hatte den See durchquert. Links blieb Lugano zurück mit seinen häuserbesetzten Bergterrassen, hinter denen die ferneren schroffen Felswände aufsteigen; vor den Fahrenden senkten sich die grünübersponnenen Berge steil in die klaren Seefluthen. In einer Bucht zwischen Felsenwänden, von denen allerlei qelb und weiß blühendes Gerank herabhing, lagen ein paar Häuser hart am See, die ein von dem röthlichen jungen Laub der echten Kastanien beschattetes Plakat als Trattoria bezeichnete. Nach einer eleganten Sommerfrische sieht das hier nicht r,u bemerkte Heini. Was wollen 'rir eigentlich da machen?" ,Asti spumante' trinken und den Wasserfall besehen." erllärte Baron Otto, und sie kletterten einige Steinstufen aufwärts. Hinter den Häusern war ein Terrassenplatz mit Sieintischcn und Bänken, die aber zu dieser Stunde alle leer waren. ' Komm nur mit, wir gehen erst zum Wasserfall." Baron Otto schritt voran und einen schmalen, zwischen üppigem Buschwerk Qufwärtsführenden FelsenPfad aufwärts. Von beträchtlicher Höhe herab stürzte sich das Wasser brausend in eine fast senkrecht abfallende Felsenschlucht dicht neben dem Wege und übersprühte diesen sowie die darauf Wandernden mit einem feinen Regen von Wasserstaub, auf den, die Sonne alle Regenbogenfarben malte. Heini prallte unwillkürlich vor der feuchten Stelle zurück. Sein Vater schrittunbekllmmert um den Sprühregen weiter, denn, umspielt von den leuchtenden Farben des Regenbögens, kamen ihm zwei Menschen von oben herab entgegen, die er lebhaft begrüßte. Mein Sohn." stellte Baron Otto vor, Signor Madriano." Heini verbeugte sich. ,Er warf einen kritischen Blick auf die Dame. Sie hatte ein länglich-rundes Gesicht, wie aus gelblichem Elfenbein geschnitten, ein Paar große, tiefdunkle Äugen, von langen Wimpern halb verschattet, und einen brennend rothen Mund in dem blassen Gesicht. Nein, hübsch ist anders. dachte Heini zuerst. Sie gingen zur Trattoria und tranken Asti spumante." Marietta Madriano saß neben Heini. Sie sprach zu ihm wie zu einem alten Bekannten. Sie hätte so viel von ihm durch seinen Vater gehört, sagte sie, und es freue sie, deutsch mit ihm zu reden; sein Vater spräche immer italienisch, da könne sie ihre mühsam erworbenen Sprachkenn!nisse nicht anbringen. Sie sah dabei lächelnd zu Baron Otto hinüber. Das wußte ich gar nicht," sagte Heini erstaunt, daß Papa so gut'iialienisch spricht."
Die Signonna ist sehr nachsichtig," mei.'te Baron Otto. Marietta schilttelte den Kopf. Dann verabredete man sich für den Atend zum Konzert im Parkhotel, und Signor Madriano und seme Tochter bestiegen das zierliche, von weißlivrirten Matrosen geruderte Boot, das neben der Berka'schcn Hotclgondel schaukelte, und fuhren über die glitzernde Seefläche. Die beiden Verkäs blickten ihnen nach Ansehen kann man es ihren Händen gerade nicht, daß sie Thon' knetet." bemerkte Heini, aber hübsch ist sie eigentlich auch Nicht." Hübfch? Nein, aber schön ist sie, sagte Baron Otto. Findest Du? Na ja, vielleicht so Wie 'n Museumsstück. Am Abend trafen sie sich wieder im Hotelgarten, wo eine Bersaglierikapelle konzertirte. . Varon Otto sprach mit demBa?Zier über Politik und hörte dabei, wie die Stimmen Heinis und Mariettas inelnanderklangeu. Nachdem der. erste Theil des Konzerts vor über war, stand er auf, bat die anderen, sich nicht stören zu lassen, und wanderte hinaus in den See. Er fand es heute unerträglich heiß unter der Veranda. Er schritt am Kai entlang. Auf den Steinbänken unter den Bäumen saßen Mütter mit Kindern, Liebespaare. Menschen, die halblaut miteinander sprachen. Varon Otto blickte auf die dunkle Seefläche, über der die Lichter des jenseitigen Ufers in Gruppen blitzfen wie Familien von Leuchtkäfern. Etwas höher an der Berglehne schimmerke ein einzelnes Licht, einsam.' verloren im Nebel. Sein Blick schweifte von den plaudernden Menschen zu den schimmernden Lichtern und blieb an dem einzelnen, verlorenen Lichte haften. Einsam wie ich!" seufzte er. Einsam sein. ja. das war das Laos.
das ihm bevorstand, einsam, verloren im nordischen Nebel mit der Sehnsucht nach dem Süden im Herzen. Er nahm den Hut ab. Der Nachtwind kühlte seine Stirn. Baron Otto runzelte die Brauen. Was für thörichte Sentimentalitäten das sind!" rief er sich selbst zur Ordnung. Ich werde Heini das Gut
übergeben, werde reisen, fremde Erdtheile sehen und dann, wenn ich müde bin, bei den Kindern ausruhen und mich freuen, daß sie glücklich sind. Was will man denn mehr als älterer Mann als die Menschen, dir man liebt, glück lich zu sehen die man liebt," wiederholte er halblaut. ' Es war ihm dabei weh um's Herz. Er schüttelte den Kopf. Es nützte doch alles nichts; gegen sich selbst wenigstens muzzte er ehrllch sein. Ja, er liebte Marietta, er liebte sie still, still, sein Herz sollte nicht so stürmisch schlagen, er wollte und würde keine Thorheit begehen und etwa vergessen, daß er dem Alier nach Mariettas Vater hätte sein können. Deshalb gerade hatte er ja Heini kommcn lassen. Wenn der einzige Wunsch, den er sich gestattete, in Erfüllung ging, dann würde sie seine Tochter und Heini ganz übermenschlich glücklich werden. Aber er hatte es sich doch nicht so schwer gedacht, seinen jungen Sohn zwischen sich und sie zu schieben. Wie schön waren die Abende gewesen, die er mit Signor Madriano und Marietta zu dreien verbracht hatte. .Eine Sehnsucht erfaßte ihn wie nach einem verlorenen Paradies, und d.inn spürte er wieder Lust, sich selbst auZzulachen, weil er so tief litt unter etwas, das er doch selbst heraufbeschworen hatten Er näherte sich wieder dem Garten des Parkhotels. Dieser war nach dem Kai hin durch ein Gitter abzegrenzt. Die elektrischen Lampen, die hinter den grünen Bäumen leuchteten, tauchten den Garten in einen magischen Lichtschimmer, und die von keinem Lufthauch bewegten, regungslosen Gruppen der Koniferen und blühenden Kamelienbäume sahen in dem grellen Licht seltsam unnatürlich aus wie eine gemalte Theaterdekoration. Unter den blauen Ranken der Glycinen, die die Veranda umzogen, sah Varon Otto Mariettas weißes Kleid. Heini stand hinter ihrem Stuhl und beugte sich zu ihr. Varon Otto starrte die Gruppe an und wandte sich dann mit einem tiefen Seufzer ab. Es war wie eine Theaterszene, was er da 'sah, ein Bild aus der Tragikomödie seines Lebens. Schließlich mußte er doch unter die Veranda zurückkehren und die Rolle in der Lebensfarce, die er selbst inszenirt hatte, zu Ende führen. Sie sehen blaß aus, Signore. Barone," redete Marietta ihn an. Fühlen Sie sich nicht wohl?" (Fr gab sich Mühe, zu lächeln und liebenswürdig zu sein. Am späten Abend, als er mit Heini am Kai entlang dem Hotel de l'Europe zuschritt, sagte dieser: Tu hast eigentlich recht, Papa, sie ist wirklich eine äußerst chike und aparte Person hm, ja, und reich, sagst Du, sind die Madrianos auch?" Sein Vater antwortete nicht, und er fuhr fort: Ich bin neugierig, was für einen Eindruck die Häuslichkeit dieser Leutchen mir morgen machen wird." Baron Otto zuckte die Achseln. In Heinis Ton lag etwas, was ihn unbeschreiblich ärgerte; aber er fühlte sich nicht sicher genug, um auf dieses Thema weiter einzugehen. So sprachen sie von anderen Dingen. , ' Gegen Abend des nächsten Tages betraten Vater und Sohn den terrassensörmigen Garten, der zur Villa Madriano emporfllhrte. Sie schwiegen beide. Jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Auf halber Höhe blieb Heini stehen und blickte auf den See hinab. Nett gelegen, die Geschichte hier," bemerkte er. Er strich mit den Fingern über den knospenden Schnurrbart, sah ein wenig gedankenvoller aus als gewöhnlich, lächelte ein bischen und sagte: Komische Idee eigentlich, aber was meinst Du wohl, wie eine Frau, wie diese Marietta zum Beispiel, sich unter unseren Regimentsdamen ausnehmen würde?". Wie ein Schwan in einem Hühnerho ." Heini horchte. Na. hör' mal. Papa, unsere Damen würden sich nicht bei Drr bedanken. Verlanae ich auch'nicht." Ja, aber laß mal mit Dir reden, Papa." Heini schob den Arm in den seines Vaters und blieb wieder stehen. Sieh mal, ich merke doch, weshalb Tu mich eigentlich hast herkommen lassen, und die Kleine ist ja wirklich nicht übel." Die Kleine?" wiederholte der Baron in fraaend vorwurfsvollem Tone. Na ja, oder die Große, wenn Du da-Z lieber willst. Aber ehe man sich weiter engagirt, wäre es doch vernünftig, eine kurze Vorfrage zu erledigen, und darum bitte ich Dich, mir zu sagen. ob Du Dick nach den Verhältnissen und der gesellschaftlichen Stellung der Familie ernstlich erkundigt hast?" Baron Otto sah seinen Sohn mit einem unöefinirbaren Ausdruck an. Bist Du eigentlich der Aeltere von urs beiden, oder bin ich es?" fragte er. Sei nicht böse, Papa, aber ich weiß, daß Du sozusagen Idealist bist." Beruhige Dich. Du vorsichtiger Mann; die Grundlage, auf der dieses Haus sieht, ist fest und erweckt Ver trauen
Na, wenn Du mir das fernst, dann
ist's ja gut." Baron Otto schwieg, aber die Entsagungsfreudigkeit, in die er sich während oer schlaflosen Nacht und lm Laufe dieses Tages hineingearbeitet hatte, war plztzlich verschwunden. Es kam ihm vor, als beginge er einen Verrath an Marietta, wenn er ihr seinen Sohn zuführte. Sein Herz bäumte sich aus gegen den Zwang, den er selbst sich auserlegt hatte. lr hatte Heim am liebsten beim Arm ergriffen und wäre mit ihm den Gartenweg hinabgelaufen, weit weg aus dem Bannkreis der Madnanos, aber er durfte sich nicht lächerlich machen, durfte seine Empfinoungen nicyl rerraiyen. und am Ende Heini hatte als vernünftiger Mensch, der die Pläne seines VaterS durchschaute, ja nicht so unrecht, wenn er sich nach den Verhältnissen von Maricttas Familie erkundigte. Daß der Baron sich sagte, er selbst würde mit vierundzwanzig Jahren nur Marietta allein und in ihr das begehrcnswertheste Weib der Welt erblickt haben, das war eine personliche Empfindung. Heim hatte eben mehr von der norddeutschen ruhigen Gemüthsart seiner Mutter. In Gedanken sah der Baron das Bild seiner verstorbenen blonden Freu neben Mariettas lebensprühendem Kopf. Die Erinnerung durchzuckte ihn, wie oft er unverstanden und ungeduldig neben ihr hlngeschrnten war, wie er unverstanden und mit wehem Herzen jetzt neben Heini hinschritt. Da rief eine tiefe, klangvolle Stimme von der obersten Terrasse herab: Vuona sera, Signori!" Er blickte auf. Tort stand Marietta in einem weißen Gewand, das sich in schönen Linien ihrer königlichen Gestalt anschmiegte. Unwillkürlich flog. Varon Ottos Blick zu seinem Sohne. Ein freudiges Lächeln huschte über Heinis Gesicht, in leichten Sätzen sprang er über die Teppichöeete hinauf, den 'dreiten Weg abkürzend. Mit einem Gemisch von Aerger und Zufriedenheit sah sein Vater ihm nach, ohne ihm zu folgen. Das junge Paar kam ihm, Seite an Seite von oben herabschreitend entgegen. Papa mußte in einer unaufschiebbaren Geschäftsangelegenheit noch einmal nach der Stadt," sagte Marietta. Ich erwarte ' ihn in einer halben Stunde zurück." Heini fragte, ob sie ihm nicht einstweilen ihr Atelier zeigen wolle. Sie schüttelte den Kopf. Das sei gegenwärtig nicht präsentabel, behauptete sie. Aber nach der Gloriette wollen wir gehen, da können Sie auch etwas von meinen .Handarbeiten' sehen," fügte sie hinzu. Leichtfüßig schritt sie zwischen Vater und Sohn auf den schattigen Wegen dahin. Baron Otto hörte wieder die beiden jungen Stimmen ineinanderklingen und ging schweigend nebenher wie der Schatten der Glucklichen, dachte er. Die Gloriette stand auf den? höchsten Punkt des Gartens, ein phantastischcr kleiner Tempel mit weißem Säulengang rings um den tiefroth gehaltenen Mittelbau. Wirres Rosengerank, mit rothen, weißen und gelben Blüthen bedeckt, umspann Säulen und Dach und griff hoch hinein in die dunkeln, dichtbelaubten .Zweige alter Bäume, die den Tempel umstanden. Ein sauber gehaltener Kiesweg führte im Halbrund herum und fchloß nach der Seeseite mit luftigen, epheuumsponnenen - Arkaden, die das schöne Landschaftsbild wie Nahmen umschlossen. Zwischen dem sauberen Weg und dem Tempel aber wucherte eine grüne Wildniß von großen Blättern, schilfartigen Büschen mit phantastischen blauen Blüthen und feingefiederten Farnen in üppigem Gewirr wie ein Stück ungezügelter Natur mitten im kultivirten Garten. Aus der grünen Umschlingung der Farne und Schilfe hob sich eine weiße Marmorherme, ein Kopf von überlegenem, ruhig heiterem Ausdruck; die schlanke Gestalt einer jungen Nymphe schmiegte sich an die Herme und schlang, sehnsüchtig aufblickend, ihre Arme um den Kopf. ..Oho." rief Heini, das ist ja etwas ganz Besonderes was soll es eigentlich sein?" Pan und Nymphe." antwortete Marietta, eine Personifizirung der Natur und dessen, was die sehnsüchtige Mcnschenseele hineinlegen möchte." Heini runzelte die Brauen. Was die sehnsüchtiqe Menschenseele" wiederholte er. Plötzlich lachte 'er übermüthig. Ach, das ist ja d'er -reine Preisrebus, gnädiges Fräulein, und dabei ist die Nymphe einfach süß, und man möchte ihr nur den Rath geben, ihre Liebenswürdigkeiten nicht an den Alten da zu verschwenden. Und das haben Sie gemacht, gnädiges Fräulein? Alle Achtung, die Nymphe ist geradezu entzückend. Ich war besonders stolz auf den Pan." O, yewiß, es ist ja auch ein sehr schöner Kopf, nur man weiß nicht fo recht, was man sich dabei denken soll." Finden Sie-?" Ihr Blick suchte Baron Otto, doch der stand zwischen den Arkaden und drehte ihnen den Rücken ZU. ' . ZZluf dem Heimweg am Abend sagte Heini zu seinem Vater: Die Marietta ist eine schneidige -Person, und Schrullen. wi- die Vildüa::crei, würde sie sich abgewöhnen, wenn man afür bei ihr die Sportpassion nnd dergleichen kuliivirte. Sie sagte, sie würde gern reiten. sie hätte liier rnr !r;.r.e Gelegenheit dazu. Sie würde eine a:::ci: Figur zu
Pferde machen! Freilich ganz ohne Be denken bin ich noch nicht aber indeß -" Am anderen Tage besuchte Heini einige Bekannte, die er im Parkhotel ausfindig. gemacht hatte. Baron Otto unternahm inzwischen einen langen, einsamen Cpaziergang. An den mächtigen Felswänden des Monte Salvatore vorüber schritt er die Straße hin, die hart über dem See bis zur Schiffbrücke von Melide führt. Aus dem Schatten der Berge trat er hinaus auf die sonnige Landenge, die den See in zwei Hälften zu theilen scheint und durch die Brücke mit dem anderen Ufer verbunden ist, schritt vorüber an blühenden Gärten und hellen Villen, ganz in seine Gedanken versunken, ohne etwas von seiner Umgebung zu' sehen. Erst bei der Chiesa Santa Maria, der alten Rokokokirche mit ihren zerbröckelndcn Treppenterraffcn und halb verwischten Wandmalereien blieb er stehen.' Er liebte diese so verträumt in die blauen Fluihcn blickende Kirche mit ihren Spuren einstiger reicher Schönheit und ihrem jetzigen Verfall. Das Gras wucherte üppig zwischen ihren Stufen, und weiße duftende Narzissen umblühten die herabgefallenen Ornamente rinqsumbcr. Er stiez über die Trümmer und setzte sich auf die niedere Mauer der oberen Terrasse. Er war jetzt einig mit sich. Er hatte Heini überschätzt. Erst als er ihn zufammen mit Marietta sah, wußte er es: Heini verstand Marietta nicht und würde sie nie verstehen; er durfte es daher nicht dulden, daß aus seines Sohnes Bewerbung um sie Ernst wurde. Es galt also diesem Mädchen. das für ihn die Verkörperung aller Poesie und aller Lebensfreude bedeutete. ganz und o.ar zu entsagen. Als Gattin konnte sie ihm des Älterunterschieds wegen nicht angehören, und nun wußte er daß er sie auch als Tochter nicht in seinen Lebenskreis ziehen durfte. Einmal zu dieser Einsicht gelangt, blieb ihm nur eins zu thun übrig: so schnell als möglich abzureisen. Heini wollte er sagen, er habe neuerdings ungünstiges über die Vermögensverhältnisse der Familie gehört. Er war überzeugt, das würde genügen, diesen zu beschleunigter Abreise zu veranlassen. Er würde ihm einen Ausflug an die Riviera vorschlagen. An den Stufen der Kirchcntreppe brachen sich leise plätschernd die Wellen, drüben ragten, von Duft umflossen, die mächtigen Konturen des Monte Salvatore gegen den lichtblauen Hmmel auf. und im Sonnengold glitzerte der See. Baron Otto soq mit dursti-
gen Augen all die Schönheit in sich ein und ein Abschiedswey, das sich fast bis zum körperlichen Schmerz steigerte, erfüllte ihn. Da schwamm eine weiße Narcisse auf den Wellen, die sie fast auf die Treppe hoben, dicht unter dem Platz, den Baron Otto einnahm. Wer hatte sie in das Wasser geworfen? Er blickte auf. O. Signore Barone. Sie sind es wirklich?" Signora Marietta! Wie kommen Sie hierher? Und ganz allein?" Und Sie, Sie sind auch, ganz allein, Barone." Etwas in ihm drängte ihn, schnell ein Ende zu machen. Nur kein Zögern, keine Unsicherheit mehr! Ich kam, um Abschied von diesem Platz zu nehmen, den ich liebe ich muß abreisen Nachrichten von Hause -" Sie sah ihn mit großen, erschrockenen Augen an. Abreisen? Was ist geschehen? Warum müssen Sie fort? Es war so schön, wir waren so glücklich!" Ihr weißes Gesicht erglühte, ihre Lippen zuckten, sie hielt inne, wie erschreckt von ihren eigenen Worten. Ja, wir waren glücklich zu glücklich vielleicht." Sein Blick hing noch einmal. Abschied nehmend, an bcr geliebten Ge stalt, und er fühlte, daß er nicht mit einer Unwahrheit und nicht mit einer konventionellen Phrase von ihr scheiden konnte. Ein Mann in meinem Alter darf die Hand nicht mehr ausstrecken, um das Glück fest zu halten," sagte er leise, und mein Sohn " Ihr Sohn?" unterbrach sie ihn. -Ist er schuld an Ihrem Scheiden? Treibt er Sie fort?" Und während er. beglückt und bestürzt zugleich über ihre Erregung, sie anschaute, als könne er den Blick nicht von ihr losreißen, fuhr sie fort: Ich habe mir doch so viel Mühe um Ihren Sohn gegeben so viel Mühe " Marietta, er paßt ja nicht, p Ihnen!" Das ist auch gar nicht nöthig? er würde doch nicht immer bei unS sein " Bei unS? Marietta. was sprechen Sie.da?" Sie schlug die Hände vor das Gesicht. Nichts, nichts vergessen Sie alles, was ich gesagt habe. O Gott, ich bin so unglücklich!" Er trat dicht neben sie und berührt? ihre Hände leise, zaghaft. Marietta. um Gott, Sie weinen weinen, weil ein alter Mann wie ich Ihre Nähe fliehen will?" Die Hände sanken herab: durch Thränen lächelnd, sah sie ihn an. Sie-1 sind ja eigentlich viel jünger als ihr Sohn. Wissen Sie denn das nicht? Und wissen Sie auch nicht, daß ich hierherkam, nur weil das Ihr Lieblingsplatz ist. und weil ich hoffte " Da vergaß er. daß er sie zur Tochter hatte haben wollen. Seine Arme um-
schlangen sie, ihr Kops ruhte an seiner Brust. Als sie eine halbe Stunde später eine Gondel bestiegen, um nach Lugano zurückzukehren, fragte sie schelmisch lächelnd: Und was sagen wir nun Heini?" Daß rr da5 Familiengut übernehmen und unter den Töchtern des Landes Ausschau halten kann," erwiderte er. Er sah in diesem Augenblick so jugendlich übermüthig aus,' daß sie den Kopf schüttelte und mit einem glücklichen Aufleuchten in den Augen scherzte: Signore Barone, sagten Sie nicht, Sie seien zu alt?" Llkbcrscrischc Auswanderung. Zahl der VmZgrautcn uns Immigrant? in eutlchcn Häsea im Vorjahre. Im Jahre 1905 sind nach Mittheilung des türzlich erschienenen Vierteljahrshefts zur Statistik des Deutschen Reichs über 'deutsche Häfen 306.75?. Auswanderer befördert worden, und zwar 234,787 Fremde und 21,96(3
Deutsche. Gegen das Jahr 1904 hat die deutsche Auswanderung, soweit sie über deutsche Häfen erfolgte, zwar um ein Geringes (52 Köpfe) abgenommen, die fremde Auswanderung dagegen stark zugenommen; sie übertraf die seither stärkste im Jahre 1903 um 16.560 Personen, die des Jahres 1904 um 65.691 Personen. Bon den 306.753 Auswanderern gingen 186,854 über Bremen, 119,899 über Hamburg in's Ausland. Neben den .21.966 über, deutsche Häfen ausgewanderten Deutschen gingen weiter 6109 über fremde Häfen (darunter 4337 über Antwerpen.. 1519 über Rotterdam und Amsterdam). Die Gesammtzahl der deutschen Auswanderer betrug also im Jahre 1905: 28.075 (1904: 27.934. 1903: 36,310). An dieserGesammtzahl waren als Auswanderungsgebiete besonders betheiligt: Posen (mit 3039 deutschen Auswanderern). Bayern rechts des Rheins, Hannover und Brandenburg mit Berlin (mit je über 2000). Königreich Sachsen, Westfalen, Rheinland, Westpreußen, Württemberg und Schles-wig-Holstein (mit je über 1000). Ihrem Beruf nach trafen von den deutschen Auswanderern 9810 auf die Landwirthschaft (1904: 10,603), 8682 auf Bergbau und Industrie (1904: 8210), 4271 auf Handels- und Berkehrsgewerbe (4044). Das Hauptkontingent der über deutsche Häfen ausgewanderten Fremden stellten Ungarn (104.521), Rußland (97.080) und Oesterreich (76.820). Bon den deutschen Auswanderern ginaen 26.005, von den 284,787 fremden 249.868 nach den Ver. Staaten. Die überseeische Einwanderung über die deutschen Häfen stellte sich im Jahre 1905 auf 86.961 Personen. Von ihnen kamen 74,352 aus Nordamerika, 662 aus Westindien und Mexiko, 3754 aus Südamerika. 5392 auf Afrika (darunter 1460 Mann deutsche Truppen), 2113 aus Ostasien und 633 aus Australien. Unter den Einwanderern befanden sich 75,909 Personen im Alter von über 12 Jahren, ferner 36.981 Kajütspassagiere, 49,980 Zwischendeckspassagiere. Vrillantbrosche im Gipskopf. In einem der jetzt fo viel gelesenen englischen Detektivromane' entspinnt sich eine wilde und blutige Jagd nach einer Gipsbüste Napoleons, in die ein Verbrecher ein kostbares Juwel einschloß. Vielleicht hat die Lektüre dieser Sherlock Holmes'schen Erzählung den Wiener Dieb, über den nachfolgend erzählt wird, auf den Einfall gebracht, auch seine Beute in einem Gebilde aus Gips zu verbergen. Kürzlich erstattete der Wiener Juwelier Jgnaz Eerstmann Anzeige, daß ihm eine Brillantbrosche im Werthe von 1000 Kronen gestohlen worden sei. Der Verdacht lenkte sich auf den 20jährigen Goldschmiedgehilfen Viktor Stundl, welcher auch nach längerem Läugnen den Dicbstahl eingestand. Stundl war mit dem gestohlenen Schmuckstück , zu einem befreundeten Bildhauer gegangen, hatte es heimlich in die Höhlung eines Gips Pferdekopses gethan und diesen dann wieder in die Stellage mit dem Vorsatze gestellt, den Kopf Mit der Beute bei gelegener Beute zu holen. Als Polizeiorgane den Pferdekopf 'zertrümwerten, fiel die Vrillantbrosche heraus. Drabtlose Telepbonie. Zwei Studenten in Trieft, Oesterreich, Namens Georg Balle und Albert Plisnier, die sich schon feit längerer Zeit mit physikalischen Experimenten beschäftigten, ist es gelungen, einen Apparat zur Uebertragung und Reproduktion des Schalles auf elektrischem Wege ohne Drahtleitung zu konstrüiren. Die vor kurzem im botanischen Garten in Triest unternommenen Versuche waren von recht günstigem Erfolae begleitet. Um den jungen Leuten die" materielle Möglichkeit hierzu zu bieten und über die Anfangsschwierigketten hinwegzuhelfen, hat ihnen das Unterrichtsministerium vorläufig eine angemessene Unterstützung ' bewilligt und sich nach Maßgabe des Fortganges der Versuche deren weitere Förderung durch neuerliche Subventionen vorbehalten. ' Die amerikanischen Wälder werden bei einem Gleichbleiben der- jetzigen Nutzholzproduktion unter Beibehallung des bisher geübten rücksichtslosen Ausbeutungssystems in etwa 60 Jahren vollständig verschwunden sein.
. ? - . i .) f i V
