Indiana Tribüne, Volume 29, Number 198, Indianapolis, Marion County, 14 April 1906 — Page 5
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Unter Den SMsWrKlmden ZZovrlle von M.'S. i?rrnau.
Goldig übersluthelc die helle Frittzlingsmorgensonne das stattliche Herren schloß Vangentiiia), das, in den edelsten gothischen Formen ausgeführt, rnii sei nen zahlreichen, wie in loderndes Feuer getauchten Fenstern, seinen Zinnen, (5rkern und Thürmchen inmitten reicher landschaftlicher Umgebung hoch die Thalsenkung überragt, auf deren sanft abfallenden Hängen sich smaragdgrüne Wiesen und keimende Felder ausbreiten, begrenzt vom mächtigen Forste, dessen dunkelgrüne Laubmassen sich ringsum erstrecken und bis an den großen, sorgsam gepflegten Schloßpark reichen, der, im vollen Lenzesschmucke prangend, dem staunenden Lluge stets neue entzückende Bilder bietet. Das frischgrüne Laub der verzweigten alten knorrigen Stämme, welche aus den weiten ökasenflächen verstreut stehen, zittert leise im frischen Morgenwinde, und fröhlich wiegen sich Finken und Amseln auf den Zweigen, um dann hinzuflattcrn zum dichten Buschwerk, das bedeckt vom köstlich duftenden Blüthenmeerc die Parkwege einsäumt bis hin zum ausgedehnten Weiher, der, in bläulichem Glänze ersckimmernd, weiße Silberstreisen zeigt, wenn die leicht bewegte Fläche von den ruhig dahinziehenden stolzen Schwänen durchfurcht wird. Sinnend neigt sich über das zierliche Cisengatter des Weihers eine hohe Mädchengestalt, wie traumverloren in die kristallene Fluth blickend, die daö reizende Bild in Reinheit widerspiegelt. DaS knirschende Geräusch von Schritten läßt sie umblicken, und Staunen und Ueberraschung prägen sick deutlich in ihrem Antlitze aus, als sie die sich rasch nähernde Gestalt des auf sie Zukommenden erkennt. Sie, Graf Lobenstein!- begrüßt sie den Verneigenden, der vor sie soeben getreten. W3 führt sie denn in unser einsames Langeubruch, das einem Weltmanne doch so wenig Interessantes zu.bieten im Stande ist?" Ich könnte sagen, ein glückliches Ungefäherfchafft mir das Vergnügen, Sie hier zu treffen, gnädiges Fräulein, doch will ich Ihnen gegenüber offen sein und gestehen, daß ich nur gekommen, weil ich wußte, Sie hier zu treffen!Das wußten Sie, Herr Graf?" Allerdings ! Kurz nach Ihrer Abreise aus der Residenz erfuhr ich den bedauernswerthen Unfall Ihres Herrn Papas und Ihren Entschluß, fortan bei ihm in Langenbruch zu bleiben, und Und Sie kamen in der bestimmten Absicht" Sie hier zusprechen," ergänzte er. Nachher," fuhr er fort, werde ich mir erlauben, Herrn Baron von Langenbruch meine Aufwartung zu machen, falls sein Befinden gestattet, eine Bitte an ihn zu richten, die ihn seines kostbarsten Schatzes berauben soll, und mich zum " Ich fürchte, Herr Graf," unterbrach sie ihn hastig, daß der Zustand Papas keine anfregenden .Gespräche erlaubt, da der Arzt dringend Ruhe anempsoh' len, und die leiseste Aufregung von verbängnißvollen Folgen begleitet sein könnte!" Ich vernehme dies zu meinem innigsten Bedauern, Baronesse, und nun bleibt mir noch eine Mission übrig! Es ist wenig, und doch so viel, einige Worte nur, die " Die, wie ich glaube, Sie mir doch auch in der Residenz hätten sagen kön nen!" " Nein, gnädiges Fräulein, in der Residenz war es unmöglich, denn wenn wir uns da sahen, waren stets Dutzende von Augen auf uns gerichtet." Sie befremden mich, Graf Lobenstein, sollte denn Niemand hören, was Sie mir zu sagen hatten?" Meine Worte würde ich vor alter Welt gesprochen haben, aber Ihre Antwort wollte ich allein hören." .. Meine Antwort? Ist die Frage so verfänglicher Natur?" Baronesse, sollten Sie die Frage nicht schon seit dem Tage, wo ich Ihnen vorgestellt zu werden die Ehre hatte, aus jedem Worte, jedem Blicke, jeder Bewegung errathen haben, sollten Sie wirklich noch nicht wissen, daß ich, seit ich Sie gesehen, stets nur an Sie gedacht habe, an Ihre unergründlichen, so schönen Augen, die jetzt so kalt und abweisend bl'.cken, wo mich die Crwartung der Beantwortung meiner Frage in fieberhafte Erregung versetzt; sprechcn Sie, Baronesse, antworten Sie auf meine Frage, ob Sie mein Weib, mein süßes, heißgeliebtes Weib werden wollen?" Hastig entzog sie ihm die Hand, die er feurig ergriffen, und kalt, ohne jede Erregung sagte sie: Ich begreife nicht, Graf Loben stein, daß Sie derartige Fragen an mich rieh ten können, wo Sie ja doch wissen, daß ich das einzige Kind eines alten nunmehr gelähmten Mannes bin. Oder halten Sie mich für so pflichtvergessen, daß ich jetzt vor ihn hintreten könnte, ihm zu sagen vermöchte: Ich weiß, Vater, daß Du trank und elend bist, weiß daß ich Deirr-einziger Sonnenstrahl. Dein Glück bin. daß ich mir gelobt, lein:n anderen Gedanken zu haben als Dich, aber ich gehe trotzdem von Dir,. schlage Verpflichtungen und Versprechungen. ,in den' Wind, um einem fremden Manne zum Traualtar, in das liebeleere, rauschende Getriebe der Großstadt zu folgen! Konnten Sie das dirklich verlangen, Graf Lobenstein?--.Ja und tausendmal ja! ' Das Recht
der Liebe ist, stärker als starre Pflicht. Es wäre geradezu ein Verbrechen,, so unsäglich viel Liebreiz, .Schönheit, Jugend an die traurige Entsagung eines Krankenbettes zu fesseln." Halten Sie ein, Gras! Zwischen unseren Ansichten von Pflicht, Pflichtaefühl und kindlicher Pietät, liegt eine Kluft, die noch so schöne Worte nie überbrücken werden, und ttberdieß muß ich noch bemerken, daß ich durchaus kein so großes Opfer bringe, keineswegs Herz und Glück mit Füßen trete, wenn ich Ihren so ehrenden Antrag zurückweisen muß, Graf, da ich an das Gefühl der Liebe nicht glaube, und Ihnen somit also auch nicht Ihre Gefühle so zu erwidern im Stande bin, wie es zu einem Bunde für's Leben nothwendig wäre. Doch zürnen Sie mir nicht, Gras Lobenstein, und suchen Sie mich zu vergessen. Nur eines versprechen Sie mir noch, daß Sie mein Freund bleiben wollen. Darauf geben Sie mir Ihre Hand!" Dabei hatte sie ikrar ihre kleine Hand gereicht, die er icdoch nicht ergriff. Er war zu tief getroffen worden, nicht nur, daß jedes Wort ihn wie ein Peitschenschlag getroffen, daß feine Eitelkeit schwer verletzt worden war, noch ein weiterer Punkt kam in Ve tracht. Der Reichthum der Baronesse sollte seine zerrütteten Verhältnisse heben, sein gräfliches Wappenschild wieder vergolden. Er zweifelte zwar durchaus nicht daran, daß er in der Residenz bei so manchem Millionär gar - gerne als Werber gesehen würde, aber hier, wo Reichthum, Jugend, Liebreiz, Geist und Ebenbürtigkeit vereinigt war, hatte er zu besitzen gehofft, weil er das schöne Mädchen auch liebte, allerdings in dem Sinne, wie er zu lieben sähig war. Und nun Alles
u mchte geworden, durch ihren Starr inn, wie er sich insgeheim grimmig aate. O, er haßte sie in diesem Augenblicke, die stolze Varenesse, die seine kühnen Pläne, seine weitgehenden Hoffnungen vernichtet, aber er bezwäng sich gewaltsam, und während eö in lhm kochte, blieb er äußerlich gelassen und sich tief verneigend, sagte er: Ich bedauere unendlich, gnädiges Fräulein, Ihre kostbare Zeit so egoistisch in Anspruch genommen zu haben und bitte mich gütigst entlassen zu wollen." Dabei schien er die so herzlich dargereichte Hand gar nicht zu sehen und als sie ihn fragte, ob er nicht eine Erfrischung zu sich nehmen wolle, dankte er frostig, und als Beide, dem Ausgange z'.'schreiteno, am Weiher anlangten, empfahl er sich mit einer ehrerbietigen Verneigung und verließ den Park. Jutta schritt dem Schlosse zu. Aus der teppichbelegten Treppe meldete ihr ein Diener, daß, in Vertretung des tausarztcs, soeben Herr Professor llinger'auö der Residenz- angelangt und das gnädige Fräulein fragen lasse, ob er ihr seine Aufwartung machen könne. Heiß war eS in ihrem Antlitze aufgestiegen, als sie den Namen Ellinger vernahm. Vorigen Winter war eS gewesen, gelegentlich eines glänzeriden Festes, als sie diesen Namen zum ersten Male gehört. . Leidenschaftlich dem Tanze ergeben, hätte sie sich köstlich unterhalten und unermüdlich war sie im bunten Wirbel der dahinfliegenden Paare zu sehen gewesen. . Eben hatte sie Graf Lobenstein auf ihren Platz zurückgeführt und sich cntfernt, um eine Erfrischung zu besorgen, als sich eine hohe, markige Gestalt mit ernstem Denkerantlitze, das, den Eindruck deS. Ungewöhnlichen machte, so geistig erstrahlten die feurigen Augen, näherte, sich als Professor Ellinger vorstellte und um den nächsten Tanz bat. Gerne war sie bereit, seinem Verlangen zu willfahren. Schon waren sie angetreten, als Graf Loben stein zurückkam und fast ungestüm sagte: Pardon, mein Herr, ich habe für diesen Tanz ältere Ansprüche, da mir denselben das gnädige Fräulein bereits zugesagt!" ES war eine Unwahrheit und es drängte sie, dieser zu wideisprechen; aber schon wandte sich der ernste Mann an sie und fragte: Verhält eS sich thatsächlich so, gnädiges Fräulein?" Allerdings, ich habe vergessen, daß ich den Tanz dem Herrn Grafen bereits früher versprochen," kam es wie stockend aus ihrem Munde, gerade daS Gegentheil dessen, was ihre Wahrheiteliebe sie zu sagen drängte. Es war aber, als ob die dämonischen Augen deS Grafen Lobenstein sie mit unwiderstehlicher Gewalt dazu zwangen, und ehe sie sich noch bewußt werden konnte, wie 'beschämend für sie diese Lüge sei, hatte Professor Ellinger bereits ihren Arm aus dem seinigen gleiten lassen und ohne den Grasen eines Blickes zu würdigen, sich verbeugt und entfernt. Fast wären ihr die Thränen . in die Augen gestiegen , vor Zorn und Scham über sich selbst und sie fühlte recht gut, daß Ellinger es bemerkt haben müsse, daß sie ihn belogen halte. Der ganze Frohsinn A?ar durch diesen Zwischenfall geschwunden, daS ganze Vergnügen gestört. Als sie ihn nach dem Tanze an einem Pfeiler lehnen sah, regte es sich mächtig in ihr, hinzugehen und ihn durch eine Aufforderung von ihrer Seite, für den vorigen Tanz zu entschädigen. Sie war auf ihn zugeschritten und nur noch wenige Schritte von ihm entfernt, als er ihr Kommen bemerkte, sich verächtlich abwandte und den Saal verließ. . - , ' Glühend ver Scham, stand sie nun
ha. Crrst iefet war ibr da Nesckämende
der Situation, klar zum Bewußtsein gekommen 'Merkwürdiger Weise richtete sich ihre zornige Beschämung nicht gegen sich, wo sie doch unzweifelhaft die Schuld trug, sondern gegen den Mann, der eS gewagt, sie so zu verletzen, und als ihr einige Tage darauf, bei einer kleinen Festlichkeit im Hause ihrer Tante, der Baronin Mühlhorst, diese den ebenfalls gekommenen Professor Ellinger vorstellen wollte, hatte sie, ehe dieser noch den Satz, daß er bereits die Ehre hatte, sich vorzustellen," vollenden konnte, sich mit schneidendem Höhne für die Ehre bedankt, indem sie . laut genug, daß es auch die Umstehenden hören konnten, sagte: Ich verzichte auf die Ehre, diesem Herrn vorgestellt zu werden." .Keine Miene hatte in dem starren Antlitz damals gezuckt, nur erdfahl war es geworden und mit eigenthümlich tiefer Stimme, in der es wie tiefe Erregung über diesen verächtlichen Schimpf kaum hörbar zitterte, hatte er eisig kühl um Verzeihung gebeten, daß er es gewagt, um diese Ehre anzusuchen." Mit tiefer Verbeugung hatte er sich dann verabschiedet und war gegangen. O, wie hatte sie es seit jener Zeit oft und bitter bereut, was sie gethan! Und jetzt erwartete er sie im EmpsangSsalon, sie sollte ihm ent gegentreten. Gewaltsam faßte sie sich und trat anscheinend ruhig ein. Professor Ehrhard Ellinger, ein etwa dreißigjähriger Mann, der trotz seiner Jugend bereits Universitätspro fessor war, und 'wegen seiner Geschicklichkeit als Arzt einen großen Ruf geuoß, erhob sich bei ihrem Eintritts und sagte: Vor Allem, gnädiges Fräulein, gestatten Sie mir eine Erklärung meines anscheinend unberufenen Hierseins. Aber da Professsor Aehr, 'der jetzt Herrn Baron von Langenbruch behandelte, nun selbst erkrankte, wurde ich von ihm ersucht, seine Stelle zu vertreten, und dürfte.sich mein Aufenthalt hier aus circa vierzehn Tage erstrecken." Ich heiße Sie willkommen, Herr Professor, und werde ungesäumt Befehl ertheilen, die Fremdenzimmer für Sie in Stand zu setzen," hatte sie freundlich erwidert. Er hatte sich dankend verneigt und sagte nun: Bitte nun, gnädiges Fräulein, mich, so weit . Sie es vermögen, in die Einzelheiten des bebäuerlichen Unfalles einzuweihen, und mir die Zeit anzugeben, wann sich derselbe zutrug, da derartige Mittheilungen bei der Untersuchung, die ich erst vornehmen werde, von oft schw.erwiegender Bedeutung sind, und ich bis jetzt nur im Allgemeinen unterrichtet bin.". .. Er hatte kühl und gelassen gesprorhen, als entsinne er sich der vorgefal'lenen Begebenheiten im Ballsaale und während des Festes ihrer Tante nicht im Entferntesten, und auch sie zwang sich, ihm gegenüber sehr gelassen zu erscheinen, nur ein leichtes Beben ihrer Stimme verrieth, daß sie erregt sei, als sie nun die erbetene Auskunft ertheilte. Vor drei Tagen wurde ich telegraphisch aus d Residenz abberufen, da Papa schwer erkranlt sein sollte. Hier angekommen, theilte man mir mit, daß Papa am Schribenstande neue Pistolen ausprobirte und eine derselben beim Laden von dem Diener so Unglücklich gehalten wurde, daß die Kugel, als die Waffe unvermulhet sich entlud, meinem Papa in die Brust drang, zwar noch an demselben Tage von Herrn Professor Behr entfernt wurde, die Verletzung aber nach dem Aussvruche Ihres Herrn Kollegen lebenslängliche Lähmung nach sich ziehen dürfte!" Hoffen wir das Beste, gnädiges Fräulein, noch habe ich den Herrn Baron nicht untersucht, weiß aber aus Erfahrung, daß mein geschätzter Herr Kollege, so tüchtig und gewissenhaft er ist, manchmal doch etwas zu schwarz sht. Bitte sich aber keinen trügerischcn Hoffnungen noch hinzugeben," fuhr er fort, als er sah, wie es hoffnungöfreudig aufblitzte in ihren Augen, da die Enttäuschung dann um so bitlerer wird. Ich werde mich jetzt zum Herrn Baron begeben und Ihnen in wenigen Minuten ein bestimmtes Urtheil über etwaige auftretende üble Folgen, so weit dies in menschlicher Berechnung liegt, geben." Dann war er in's Krankenzimmer geschritten und sie zurückgeblieben. Wie langsam, quälend langsam, nur die Zeit dahinschlich! Endlich erschien der Arzt. . Was ich, gnädiges Fräulein, vorhin nur anzudeuten wagte, kann ich jetzt mit so ziemlicher Sicherheit feststellen, nämlich die Thatsache, daß es mir.gelingen wird, in absehbarer Zeit den Herrn . Baron völlig herzustellen, da die ja nun schon vorgestern, entfernte Kugel an den Nippen abgeglitten ist und, ohne edlere Theile zu verletzen, im Rückgrat stecken geblieben war" Allerdings, führte er weiter aus, wäre sie auch nur um' Haaresbreite tiefer eingedrungen, wäre Tod oder immerwährende Lähmung unausbleiblich gewesen!" . Wie es auf sie einwirkte' diese in so ruhigem .Tone gegebene MittheiIung; es quoll plötzlich in ihr auf, so warm und dankbar, als müßte sie ihn sür diese Beruhigung, ja überhaupt fttr seine. Gegenwcrrt ihren Dank ousspre' chcn, inniger als es. in der Natur dcr Sache lag, so übermannte sie das Gefühl, und dieser Regung folgend, dankte sie in wenigen, aber warmen Worten.
Er hatte sie erst ein wenig erstaunt engeblickt, dann war es wieder tun seine Mundwinkel gezuckt, so spöttisch, wie sie es schon kannte und wie sie eS so verletzte. Und spöttisch klangen auch seine Worte, als er sie nun unterbrach : Wofür fühlen Sie sich denn so warm zum Danke verpflichtet? Bis jetzt habe ich ja noch nichts weiter gethan, als den Herrn Baron untersucht, und das schreibt mir mein Beruf vor, das mußte ich auch thun, um mich vom Stande der Krankheit zu überzeugen! Sollte ich aber thatsächlich," sügte er finster hinzu, Gelegenheit haben, Ihnen, gnädiges Fräulein, einen Dienst zu leisten, der vielleicht mit unerläßlichen Dankbezeugungen verknüpft sein sollte, so ersuche ich dringend, mir gegenüber nicht das Wort Dankbarkeit zu gebrauchen, da ich selbst dieses hasse, und es übrigens sowohl mir, als gewiß auch Ihnen, Baronesse, durchaus nicht angenehm sein dürfte, Sie zu Dankbarkeil gegen mich verpflichtet zu wissen!" Ich werde in einem solchen angedeuteten Falle natürlichJhrem Wunsche entsprechen, Herr Professor, aber jetzt fühle ich noch die Verpflichtung, Ihnen die Erklärung abzugeben, daß ich es seh? bedaure, gelegentlich einer Festlichkeit in der Residenz Sie durch ein nicht taktvolles Benehmen verletzt zu habend Verletzt? Gnädgeö Fräulein, das ist ein Irrthum, da war das Ihnen vielleicht unangenehme VedauerungöPflichtgefühl ein überflüssiges Opfer, da ich dem damaligen Vorfall ganz die Bedeutung beilegte, die 'er verdiente, und denselben auch beinahe fast wieder vergessen hatte," klang es geringschätzig und spöttisch von seinen Lippen. Dunkle Scharlachröthe überflog ihre Wangen und Thränen der Scham und des Zornes funkelten in ihren schönen Augen, als sie auch diese Beleidigung ruhig hinnehmen mußte. Also offener Hohn, daß sie vielleicht geglaubt haben konnte, sie hätte auf ihn auch nur den geringsten Eindruck gemacht ! Ein heftiges Wort der Entgegnung schwebte auf ihren Lippen, aber auch jetzt noch gelang eö ihr anscheinend ruhig zu bleiben, während ihr doch das Herz in wilden Schlägen die Brust zu sprengen drohte. Mit leiser, bebender Stimme frug sie: Ist es edelmüthig von. Ihnen, daß Sie mich stets hart angreifen, mich beleidigen, wo Sie doch wissen, daß ich Ihnen, als Gast, nicht mit gleichter Münze dienen kann?" Er war bleich geworden unter dieser, wie er sich sagen mußte, gerechtfertigten Beschuldigung und wollte ein Wort dcr Rechtfertigung erwidern, kam aber nicht mehr dazu, denn kalt fuhr sie nun fort: Uebriger.S werde ich trachten, Sie so wenig als möglich durch meine Gegenwart zu belästigen, und irgend welche Wünsche in Bezug auf Bedürfnisse oder Abänderungen jedweder Art bitte ich meiner Tante, Baronin Mühlhorst, die '.heute noch eintrifft, vorzudringen. Was nun die Wohnräumlichkeiten anbelangt,.so steht der linke Flügel zu ihrer ausschließlichen Verfügung, desgleichen selbstverständlich auch die Dienerschaft." Mit einer leichten Neigung des schonen Hauptes war jie gegangen, ohne den. leidenschaftlichen Blick zu sehen, der'ihr aus dunklen Männeraugen gefolgt, und, der ihr gewiß gesagt hätte, daß.dieser kalte,-ernste Mann mit' dem finsteren, unschönen Gesichte von einer Leidenschaft verzehrt wird, die zu verbergen, zu unterdrücken nur Übermenschlicher Anstrengung, nur einem eisernen Willen gelingen konnte.
Professor Ellinger hatte zehn Tage später die Bemerkung fallen gelassen, daß er eine Ausforderung erhalten habe, sich an einer wissenschaftlichen Erpedition zu betheiligcn, und daß er zugesagt habe, und in wenigen Tagen das Schloß verlassen werde, da ja so wie so seine Anwesenheit nicht mehr so dringend nothwendig sei, und Herr Baron von Langenbruch so weit gesundet, daß er die ständige Gegenwart des Arztes entbehren könne und die gelegentlichen Besuche seines Kollegen, des ProfessorS, genügen würden. Jutta war da blaß geworden wie die Wand, und ein Unwohlsein vorschützend, hatte sie sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. ' Die Baronesse Jutta stand am Fenster ihres Boudoirs und starrte umflorten AugeS hinaus in den Park. ' Der süße Duft des Flieders und Jasmins quoll durch das geöffnete Fenster herein, umkoste schmeichelnd die glühenden Wangen des jungen Mädchens und verwob sich .mit dem feinen Duste ihres HaareS. Und rmmer schwerer, immer berauschender stürmte er herein, und zauberte Vertan gen und sehnsüchtiges Begehrennach Glück und Vieve in ihr Herz. Ja, sie liebte! Heute erst war sie sich klargeworden, heute erst hatte sie die Erkenntniß durchzuckt ; und - AnfangS war ihr es gewesen, als ob ihr das. sinnbethörende Herzklopfen, daS mit dieser Erkenntniß gekommen, die Brüst sprengen wollte, eine heiße Blutwelle war ihr zum Kopfe gestiegen. Warum sich dieses thörichte Herz nur nach Liebe sehnte, so glühend, so verzehrend. War nicht ihr Vater ihr Glück, gehörte nicht diesem ihre Liebe? Und hatte sie nicht stets spöttelnd über eine andere Liebe gesprochen und diese zurückgewiesen, wo sie ihr entgegengebracht worden? Und doch liebte sie nun, mit dieser Liebe! ES wurde ihr unerträglich im Zim mer, sie sehnte sich hinaus, in'S Freies fort.aus.den beengenden Wänden, v';
Einen leichten Shawl um die Schultern legend, schritt sie auf den Balkon und von diesem über die wenigen Stufen in den Park. Plötzlich löste sich aus dem Schatten einer dichtbelaubten Linde die Gestalt eines Mannes ab und trat auf sie zu. Es war Professor Ellinger. Wie wild ihr das Blut zum Herzen strömt?; kaum daß sie auf seinen Gruß zu danken vermochte! Er hatte um die Erlaubniß gebeten, sie bei ihrem Spaziergange begleiten zn dürfen. Mit einem Neigen ihres Hauptes hatte sie diese ertheilt. Schweigend waren die beiden Gestalten einige Minuten neben einander geschritten, Seite an Seite. Endlich unterbrach sie das Schweigen und leise frug sie: Sie wollen uns also in Kürze ver-
lassen, Herr Professor, und fortziehen, I unoerannlen Msayren entgegen, wo doch ihre Kunst und Geschicklichkeit dahier noch so viel Segen spenden könnte. Muß es denn sein, kann Sie nichts zurückhalten?" Bitter lächelnd antwortete er: Allerdings muß es sein, aus Gründen schon, die ich Ihnen nicht enthüllen kann; und warum soll ich von dem Unternehmen abstehen, meine Kraft dem Dienste der Wissenschaft nicht weihen, warum Gefahren fürchten, welche dieses einsame Leben möglicher Weise einem früheren Abschlüsse zuführen können? Anders wäre es, stände ich nicht einsam in der Welt, hätte ich ein Wesen, das um mich bangte, wenn mein Leben in Gefahr, aber so!" Der Schlußsatz war mehr zu sich selbst gesprochen, und dennoch war es Jutta, als läge gerade in diesem ein Bekenntniß einer übermächtigen Sehnsucht nach einem Wesen, das sein ehsames Leben" ausfüllen könnte. Er liebte also, und vielleicht unglücklich, also darum die Bitterkeit in seinen Ausführungen! Und wenn nun eine Fremde Sie bitten würde, abzustehen von ihrem Vorhaben, Herr Professor, wenn ich Sie inständig bäte zu bleiben, was würden Sie dann thun?" Sie wußte selbst nicht, wie sie zu dieser Frage gekommen, wie halb unbewußt war sie aus ihrem Herzen gequollen. Und dabei war bei ihm in allem eine seltsame Veränderung vorgegangen. Wie durch ein Wunder war aus seinem Antlitze der spöttische überlegene Trotz gewichen und leise drang seine Antwort an ihr Ohr, Worte, durch welche eine leidenschaftliche Innigkeit zu beben schien, so weich und verschleiert, wie sie es nie von diesen stolzen Lippen zu hören vermeint : Es ist ein unsäglich süßes Gefühl, eine solche Bitte auö solchem Munde zu hören und erfüllen zu können. Wenn ich nun aber schon aus dem Grunde nicht mehr zurücktreten könnte, daß ich dies einsame, liebeleere Leben bis zum Ekel satt habe, wenn ich Gefahren 'suchen würde, nur , um der grimmigen Pein unerwiderter, glühender Leidenschaft zu entgehen, wie würden Sie dann . urtheilen, gnädiges Fräulein? Würden Sie auch dann noch Ihre Bitte ausrecht erhallen?" Wie todesangstdurchschauert diese trotzigen Augen nur jetzt blicken konnten, so' bange an ihren Lippen hingen, als könnte denen ein Todesurtheil sich entringen, und wie sie bebte, die mächtige Gestalt, in fieberhafter Aus. regung, als wäre sie in ihren Grundfesten erschüttert, die kraftstrotzende Natur, die sich sonst so eisern zu beherrschen wußte! Seine Frage und dieser Blick hatten Jutta nun Alles gesagt, daß er sie liebe, leidenschaftlich bis zum Wahnsinn! Und da war es, als ob ihr dieses unerwartete Bekenntniß,. das sie . blitzesgleich durchzuckt hatte, ihr Herz mit so namenloser, überwältigender Seligkeit füllte, daß es zu zerspringen drohte. Es war ihr unmöglich, auch nur einen Laut aus der Kehle zu pressen, und so blieb eö denn einen Augenblick still unter der Linde, bei welcher sie Beide stehen geblieben waren. Endlich entrangen sich ihren zuckenden Lippen die Worte: Wer selbstsüchtig nur an sich denkt, nur dahin trachtet, dem eigenen Lchmerze zu entfliehen, ist feige, da er nicht darnach fragt, ob der Andere, der ebenso schwer getroffen, eö erträgt, daß er entsagen muß." Ellinger, der. mit athemloser Spannung den Worten gelauscht, konnte sich nicht mehr beherrschen: Jutta," entrang eö sich seiner Brust, mit solch leidenschaftlicher Innigkeit, daß eS sie durchschauerte vom. Wirbel bis zur Sohle; dann hatte er sie an seine Brust gezogen, und widerstandslos ließ sie es geschehen; kurz athmend, mit heftig klopfender Brust, daß er ver meinte, das wilde Schlagen ihres jungen'Herzens zu vernehmen, bei sie ihm den heißen Mund, und nun richtete sie sichrhoch auf, breitete die schlanken Arme wie im Kreuz aus und umschlang ihn, als wollte iz ihn für immer fest, halten und dann brannte Kuß auf Kuß auf seinen Lippen. . . Hart halten sie kämpfen müssen die beiden Glückllchen, bis sie den Widerstand des nun völlig gesundeten BaronS gebrochen und endlich waren sie doch getraut, vereinigt, n demselben Tage, als Graf Lodenstein sich mit der Tochter des reichsten Bankiers der 9esidenz verlobt hatte. Daß Professor Ellinger den Aufenthalt aus dem Herrlichen Schlosse Langenbruch der tu drückenden Gluth der Aequatorialsonne vorzieht, und statt sich mit Wilden herumzuschlagen, lieber mit seiner reizenden Gemahlin . unter den prachtvollen alten Schloßparklinden promenirt, braucht wohl, nicht erst gesagt zu werden.
Die Frar: Zu- DZnentark.
3tt bedeutende Vrfolge aus rechtliche poltttschen, Gebiete. Die. Recht? der dänischen Frau smd im Vergleiche mit denen der Männer sehr beschränkt. Noch bis zum Jahre 1880 konnte der Ehegatte über Vermögen und Verdienst der Frau unkeschränkt verfügen, und erst in diesem Jahre wurde im Reichstage ein Gesetzesvorschlag angenommen, wonach verheirateten Frauen die Verfügung über ihren Verdienst und ihr Vermögen belassen wird. Mündig wird die verheirathete Frau jedoch erst im Alter von 25 Jahren und bis dahin steht das Verfügungsrecht auch jetzt noch dem Gatten zu. Der Mann kann auch heute noch seiner Frau verbieten, an Wochentagen Versammlungen zu besuchen, er entläßt und engagirt die Dienstboten und hat , allein das Bestimmungsrecht über die Kinder. So lautet das Gesetz; es kommt jedoch in den intellizenten Kreisen nur selten vor, daß der Mann diese Rechte auch sirenge ausübt. Mcrlwürdigerweise haben gerade die dänischen Frauen einen großen Erfolg auf politischem Gebiet zu verzeichnen. Im Jahre 1903 kam nämlich ein Gesetz zustände, welches das Kommunalwahlrecht auch auf die Frauen ausdehnte, die das 25. Lebensjahr erreicht haben. Seither üben die Frauen ihr Kommunalwahlrecht aus; es wurden gleich im ersten Jahre im ganzen Lande ebenso viele' weibliche als männliche Vertreter gewählt, und das Skrutinium ergab, daß mehr Stimmen von Frauen als von Männern abgegeben wurden. Die bisherigen Erfolge auf rechtlichem und politischem Gebiete sind unstreitig der regen Thätigkeit der sehr gut organistrten Frauenvercine zu verdanken. Unter diesen' nimmt die Dänische Frauengesellschaft" in Kopenhagen den ersten Rang ein, und eine Abtheilung derselben, deren gegenwärtige Vorsteherin Frau LuiseNörlund ist. der Wahlrechtsverein," wirkt ausschließlich für das politische und kommunale Wahlrecht der Frauen. Ununterbrochen werden Abgeordnete des Reichstages auf der Wahltribüne diesfalls interpellirt und werden eine Menge Adressen beim Reichstage eingebracht. Das Minisierium und das Folkething stehen auch der Frauenfrage wohlwollend gegenüber, und die Regierung hat mehrere Gesetzesvorschläge in der Richtung der Gleichberechtigung der Frauen eingebracht, die vom Folkething wohl angenommen, bisher aber von der zweiten Kammer, dem Landsthing, nicht bestätigt wurden. Der kluge Hund. Von dem klugen Benehmen eines Hundes legt . folgende Begebenheit Zeugniß ab: Nahe der Station Weh?, gelegen bei Mannheim. Baden, die zugleich Haltestelle der Nebenbahn Mann-heim-Meinheim ist, steht ein Schafstall, in dem eine große Schafheerde untergebracht ist und worin zwei Schäfer schlafen. Vor Kurzem wurde von der Heerde ein Waggon auf der Station Käferthal verladen und sollte mit dem Nachtzuge abgehen'. Spät Abends ging E., einer der Schäfer, nochmals mit dem Hunde nach der Station, um sich zu überzeugen, ob auch alles in Ordnung sei.. Einige Zeit darauf kam der Hund in den Schafstall zurück, erfaßte den zu- . rückgebliebenen Schäfer an der Jacke und suchte ihn nach der Thüre zu ziehen. Kein Abwehren half, immer von neuem schnappte der Hund nach den Kleidern des Schäfers und suchte ihn knurrend nach dem Ausgang zu zerren. Schließlich kam dies auffallende Benehmen dem Manne zum Bewußtsein; er stutzte, daß der Hund allein zurückkomme., ging ihm nach und fand auf dem Bahngeleise neben dem verladenen. Waggon seinen Kameraden E. bei vollem Bewußtsein, aber unfähig sich zu bewegen. . Der Mann war, als er nachsah, ob auch die Thüre des oberen Wagentheils gut verschlossen sei, rücklings abgestürzt und hatte durch den Aufschlag auf die Schiene eine Rippe gebrochen, und zwar derart, daß jede Bewegung ihm so gro-ßen-Schmerz verursachte, daß er trotz der grimmigen Kälte und trotz der Gefahr, jeden Augenblick von einem Zug überfahren zu werden, ruhig liegen blieb, ohne sich zu rühren. Der Hund war, als er sah, daß sein Herr nach dem Sturz liegen blieb, sofort ohne Geheiß in vollem Laufe, nach dem einen Kilometer entfernten Schafstall gerannt, um Hilfe herbeizurufen. Kurze Räuberlaufbahn. Der unter, dem Namen Logan Alissard" bekannte Verbrecher Jke Davis von Spearfish, S. D., welcher sich nach dem Vorbilde des Jesse James einem Räuberleben ergeben und dessen Thaten nachahmen wollte, hat es nicht sehr weit gebracht und' ist nach berühmten Mustern in seinen Stiefeln" gestorben. Anfangs dieses Jahres stahl er eine Anzahl Pferde von einer Schafranch. Er wurde von einer Posse verfolgt, und nachdem er am Fuße verwündet war, eingefangen. Trotz der Wunde gelang es ihm nach einigen Tagen zu entfliehen, und er wurde erst nach einigen Wochen wieder eingefangen. Im Gericht wurde der kaum 20 Jahre alte Bursche zu fünf Jahren Zuchthaus verurtheilt." Be! .wem ' Fluchtversuch auf dem Wege zum.'Gesangniß wurde tz von einem Beamten ' erschossen. - 7 .
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