Indiana Tribüne, Volume 29, Number 197, Indianapolis, Marion County, 13 April 1906 — Page 5
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Frei! Wenn Sie ein Sparbank'Deponent sind und $300 oder mehr in der Bank haben,-so können Sie einen prächtigen künstlerischen Kalender von diesem Jahre absolut frei haben, ohne irgend elche Ausgaben für Sie. Der Druck des Kalenders ist in echten Farben, Gravüre in BaS Relief, hübsch be festigt auf dunkler hübscher Matte. DZ Subjekt ist betitelt In Gesell, schast", von dem berühmten Gemälde von Greiner und der Gegenstand ist ein reizende- juneö Mädchen, das gerade im lBegriff ist. ihren ersten Ball zu besuchen. Ihr reizende Ge' ficht erglüht vor Aufregung und ErWartung. Ihr Rosenknospen Mund erscheint in einem bezaubernden Lächeln und die prächtigen Krausen ihres Ge wandeZ treten in herrlicher Weise in dem Bilde hervor. Wenn Sie 8300 oder mehr in einer Sparbank haben, so brauchen Sie nur Ihren Namen und Adresse einzusenden und der Kalender wird Ihnen frei und unentgeltlich zugesandt. ES liegt nichts Verstecktes in dieser Offerte der Ka. lender ist frei für Sparbank'Depositoren. Sie können diese? Bild in keinent Kunftladen für weniger als 82 kaufen und eö ist greife der Mühe werth, ein solches Zierstück im Hause oder Laden zu haben, wenn Sie eö haben können ohne einen Cent dafür zu bezahlen. Wir schicken diesen Kalender nicht an Jedermann, aber wenn 6ie $300 oder mehr in der Sparbank haben, so sind Sie zu einem solchen berechtigt, frei ohne Unkosten. Mit dem Kalender senden wir Ihnen volle Einzelheiten über die Indianapolis Composite Brick Fabrik. Gesunder Menfchenver stand. Dies ist eine Anlage, welche. an Ihren gesunden Menscheoverstcnd appellirt. Sie entspricht allen Bedürfnissen eines konservativen Investors. Was zuthun ist. Jedermann, d:r schwer für sein Geld arbeitet, sollte darin vorsichtig sein, wie er eö verausgabt. Das ist Einficht. Spekuliren Sie nicht das ist Thorheit. Ehe sie kaufen, holen Sie alle Ein zelheiten ein. Seht die Backsteine besichtigt die Photographlem der im Betriebe befindlichen Maschinerien holt Briefe von ähnÄchen Firmen, die erzählen, wie profitabel sie vas Geschäft gesunden haben. Wir sind begierig, Ihnen Alle? frei ohne Berechnung zu liefern, so daß Ihr Entscheid ,nur eine Sache deZ guten Urtheils fein wird. Sie müssen ver stehen, daß das, was wir hier gesagt haben, mehr oder weniger eine allge "meineDarftellung ist. Wir wünschen, daß Sie uns schreiben. Scheuen Sie nicht die Mühe. Wir werden Ihre Anfragen prompt beantworten und Ihnen die allergenauefte Information geben, die unZ zu Gebote steht. Ihre Börse in der Straße fallen zu lassen, ist nicht die einzige Art Geld zu verlieren. Sie können dies sicher aber so gut thun, wenn Sie eine Gelegenheit zu einem Gewinnst nicht ergreifen. Kultiviren Sie Selbstvertrauen. Sie find es sich selbst schuldig Diese Thatsachen. Proben und Daten einzuholen. KeinErperiment. Herr Paul Tafel. C. E. in dem Municipal Journal und Engineer sagt: DU Composite Brick-Jndustrie hat die Experimental.Periode hinter sich und die Lage lhreö technischen Betriebs ist solche, welche eS den Fabrikanten ermöglicht, erfolgreich mit ähnlichem Material von der Thon oder Concrete Industrie zu konkuriren. In Europa und speziell in Deutsch, land wurden Tausende von Privat Wohnungen, .'SSulhäuse? und Hospi tüler, ja selbst Regierungsgebäude wüh. rend der letzten zehn oder zwanzig Jahre , erbaut, und die Thatsache, daß diese! ben dem Zahn der Zeit und dem Wet ter auf'S Beste Standgehalten haben, beweist die Richtigkeit der Theorie, daß Sand. Cement und Kalk, in gewissen desinitiven Theilen gemischt, zu Back steinen gepreßt und gehärtet, unter Dampshochdruck, ein ausgezeichnetes Baumaterial giebt. Directoren: Louis Morgan. Carl L. Rost I. T. Clliott. John G. Koeppen. William Emefting. ChaS. S. SymonS. Laurence ElkuS. Indianapolis Composite Brick Co. 524-527 State Life Bullding. Indianapolis.
Frei!
Sie MrQsctjafl. t Kumoreskr, von Paul v. Schönthsn. Lili die Tochter eines durch Fleiß und Glücksfälle zu Wohlhabenheit gelangten Geschäftsmannes, befand sich in einem Gemüthszusland, der sich ans Niedergeschlagenheit und Ausregung zusammensetzte. Das kleine Fräulein besitzt ein sehr herziges, einnehmendes Wesen, auch veisxricht sie schön zu werden, und es kann nicht fehlen, daß sie einmal, in nicht zu ferner Zeit, von einem braven, Menschen, der sich
in sie verliebt hat, begehrt und heimgeführt wird. Tas wäre zum Beispiel Herr Woldemar Beistel ganz wohl im Stande. Wer ist Herr Veistel? Der Sohn angesehener Eltern, ver-. mögend, dreiundzroanzlg, Jalire alt, zum Studium der Jurisprudenz bestimmt und aus unüdcrroindl icher Abneigung gegen ein trockenes Studium" fahnenflüchtig geworden, zur Zeit Komptoirist bei der Firma C. W. Gilde mann; so hieß Lilis Vater. Herr Veistel nahm im Bureau allerdings eine bevorzugte Stellung ein, seiner Herkunft und persönlichen Verhältnisse wegen ja, er erlaubte sich sogar, die Tochter seines Chefs im Stillen zu vcrehren. War er auch von jeher ein bischen leicht," so stak dock ein Stück Poesie und Romantik in iym. Aber Fräulein Liü von der zunächst die Rede sein soll war sehr unglücklich. Nicht dieses Flirts wegen, nein, etwas ganz Anderes lastete aus ihrer reinen Seele. Schulsorgen! Klein-ili soll ja eine hochgebildete Dame werden und vergessen machen, daß Papa und Mama in Bezug aus Wissen und Schulbildung manche Lücke zu verdecken haben. Daran waren die früheren unzureichenden BildungSmiltel und Schulen schuld, nun da es anders, besser ist, soll in Bezug auf Lili nichts versäumt werden. Herr Güdcmann hatte mit dem Ausdruck eine? unerschütterlichen Enlschließung erllärt: iesoll so lange in die schule gehen, bis sie alle Nebenflüsse auewcndig kann!" Ach die Geographie wäre es ja gar nicht, damit könnte man zur Noth noch fertig werden, sogar das Ausziehen oer Quadratwurzel,. in dem die Mama den Gipse! weiblicher Biloung und Gelehrsamkcit erblickt und worüber sie sich gelegentlich mit den Worten äußerte : Es kann einem zungen Mädchen gar nicht schaden, wenn sie die Quadratwurzeln ordentlich herausgehen kann" selbst diese Schwierigkeit aus der Arithmetik hatte Lili glücklich über wunden, aber das Deutsch," der Aussay, die Stilübuugcn! Das war ihre schwäche, die Quelle ihrer Kummer nijje, uno gelegentlicy oer Ursprung ihrer Thränen. Man verlangt aber auch zu viel von den jungen A!ädchen. Man denke : - Erklärung der Charaktere der Personcn in Schillers Bürgschaft.Wörtlich so lautete das Thema, welches Fräulein Lilis Klasse wie ein tödtlicher Streich traf. Alle kannten das schöne Gedicht, dieses hohe Lied der Freundeötrene, aber iitVr die Charaktere" der handelnden Personen hattcn ne noch nicht nachgedacht. Wozu auch? Um der Wahrheit die Chre zu geben, Lili hatte sich vielleicht am allerwenigsten damit beschäftigt, es fehlte ihr Alles zu derlei unersprieß liehen Untersuchungen, die Lust und um eö galant auszudrücken, der philosophische Sinn. Sie stand vor einer für ihre Kräfte unlösbaren Aufgabe. Wie kann man überhaupt den Charakter eines Menschcn schildern, den man gar nicht kennt! .Ihr Stolz verbot ihr, außer dem Hause Hilfe zu suchen, eine geschicktcre Freundin zu Natle zu ziehen höchstens die Eltern durften von ihrer Roth etwas erfahren. Die gute Mama an die, als sie ein Mädch? war, Ausgaben dieser Art nie tieran getreten waren fand, daß das Thema sehr glücklich gewählt sei, und daß es einem gebildeten Mädchen aus gutem Hause durchaus nichts schaden kenne, wenn sie wie sie sagte: ein bischen Philosophie treibe, und die Kunst, Charaktere zu beurtheilen, fleißig übe, man könne das auch in Gesellschaften brauchen." Der Vater, der sich cr innerte, vor Iahren in einem Gesellig keilSverein eine äußerst komische Paro die auf die' Bürgschaft" gehört zu haben, die den Titel des Schiljer'schcn Gedichtes für ihn unvergeßlich machte fand die Aufgabe zwar schwierig, aber ganz dem theuren Schulgeld" angemessen und dem Range des Lyceums, in dem die Tochter des HliU' ses den höheren wissenschaftlichen Schliff erhalten sollte. Sie soll sich nur plagen!" schloß er, ich hab' mich auch plagen müssen!" ' Damit spielte er nicht auf seinen Cchülerfleiß an, sondern auf seine Mühen und Erfolge auf dem Gebiete des Handels mit Cement und Dachpappe. Aber man wird zugeben, daß es wahrscheinlich leichter ist, Cement zu verkaufen, als die Seelen dichte, rischer Gestalten zu ergründen und zu glossiren. Der Termin der Ablieferung rückte heran und Lili. hatte noch keine Zeile zu Papier gebracht. Was thun? Sie konnte sich krank melden, aber man wird doch wieder gesund, zumeist wenigstens. So konnte nur eine Galgenfrist geschaffen werden. Einmal mußten die Charaktere der bewußten Herrschasten ja doch untersucht und beschrieben werden, weil sich' , der
Aussatz- und Literatur-Professor einbildete aus gar keinem anderen Grunde. Drei Tage lagen noch vor der Katastrophe. Morgen ist unser Jour nxe," sagte die Mama zu Lili, ich werde es so rinnchten daß das Gespräch auf dieses Gedicht tommk, pan'.cin bischen aus, und merk' Dir, ws Tu hörst; wir verkehren' ja, Gott sei Dank, nur mit den gebildetsten reisen ; besonders der Lie.tcnant Bernigheim ist sehr geistreich und hat eine Unmasse Bücher verschlungen. Was der Alles gelesen hat das geht nicht aus eine Kuhhaut!"
Und der .Jour fixe fand wirklich statt, auch der Lieutenant erschien. Das Gespräch drehte sich um höheren Klatsch, die legten Konzerte und dergleichen. Die Hausfrau war ein bischcn nervös, sie wartete nur aus eine passende Gelegenheit, das Gespräch aus das bewußte Thema zu führen; ein paar Mal war sie schon nahe daran, da playtc dann Einer mit einer Wendung hinein, die ihr Borhaben wieder vereitelte und die Anknüpfung fiel in's Wasser. Endlich, nachdem ihre nervöse Ungeduld fast den Höhepunkt erreicht hatte, gab sie eö auf, eine ungesuchle Gelegenheit abzuwarten. Eine der Da:ncn batte die Aeußcrunz fallen lassen: Nein, Rührstücke seh ich mir nicht an, wenn ich in S Theater geh' (Man hatte eben von der letzten Premiere gesprochen) will ich lachen!" Lilis Mama konnte sich nun nicht mehr zurückhallen. Clj," entgegnete sie, ein wenig mit dem Stolz eines geläuterten Geschmacks, es gibt auch ernsthafte Dich--tungen, die furchtbar fesselnd sind, zum Beispiel Schillers Gedicht von der , Bürgschaft'.Ah," lächelte ein junger Arzt mit parodislischcm Auslug: Zu Dionns, dem Tyrannen, schlich- Dämon den Dolch im Gewände !" Wie schön!" schwärmte die Haus frau, ich finde diesen Charakter so edel!" Lili spitzte die Qhren; bei einem Backsischchcn darf man ja ein solches Bild noch gebrauchen. Welchen Charakter?" frug der Lieu. tcnant, den des Tionys, oder des Damen?" Die modern schöngeistige Gattin eines erfolgreichen Börsengenies wartet die Entscheidung nicht ab, sondern fuhr mit der unerwünschten Aeußerung dazwischen: Ich liebe. Hauptmann über Alles, sein ,Hannele!' dreimal habe ich's gesehen; wenn -man selber mit den Kindern so viel durchgemacht hat; meine 'Gra war ja im vorigen Jahr zum Auslöschen Das ist so lebenswahr, ich habe immer dabei geweint; genau wie bei meiner Eva, dieses Ficder, dreiundvierzig hat sie einmal habt.Die Hausfrau hätte der HanneleEnthusiastin am liebsten ein donnerndes Still!" zugerufen, zum 'Glück überließen sie die Anderen ihrer Schwärmerei, ohne sle zu schüren und so war doch noch nicht Alles verloren. Lilis Mutter kämpfte vcrzweislungsvoll und ließ nicht locker. Und dann, wie er den Freund bringt und dem König sagt, er soll ihn erwürgen, wenn er nicht wieder kommt!" ruft sie, gewaltsam an das frühere Thema anknüpfend. Die Herren nickten mit stummer Gleichgiltigkcit, die Damen schwiegen und dachten: Was hat sie denn nur? Und nachdem die kurze Frist verstrichen war, die die Bürgschaft"-Lobrednelin der Gesellschaft gelassen hatte, und keiner etwas äußerte, schwärmte sie weiter: Auch daö ist ein Charakter. wo findet man heutzutage einen solchen Freund nicht?- ' In diesem Augenblick näherte sich daö Stubenmädchen der Hausfrau unauffällig und flüsterte ihr eine kurze Meldung in's Ohr. Die Meldung, B man jicij zu Htti etzen könne. Dagegen gab es keinen Protest. Die lernte Hoffnung schwand. Mutter und Tochter wechselten einen betrübten Blick des Einverständnisses und der Einzug in's Speisezimmer wurde in's Werk gesetzt. Aus dem Spielzimmer kamen die älteren Herren herbei. Der Hausherr faßte Lui am Kopf und küßte sie. indem er sie an seine Brust zoa. auf die Stirn. Er spielte vor den Leu ten gern den zärtlichen Bater. Indem er einer einzigen 'Tochter die e Lieb kosung zu Theil werden ließ, frug er halblaut: Weißt Du schon was von der .Bürgfchaft?'" Das junge Mädchen verneinte, 2u mehr war nicht Zeit, denn die Gäste. verriethen einen gewihcn Eifer in dem Bestreben, sich zu Tisch zu setzen. Daö Haus Gudemann war bekannt dafür, daß man da auf eine ausgezeichnete Be wirthung rechnen konnte. Einige mein ten hinterrücks: Es ist auch das Einzige, was man dort findet!" Es gab ein delikates' Raaout in Muscheln, dann Fisch. Braten und so i - -: . ni..L.(i r lutuci. niucii;iumng !iey zu wünschen übrig,' weder der Hausherr. noch die Hausfrau verstand es, den G."undton anzugeben und eine Stim mung herzustellen. Die Gespräche spannen sich.so mühsam weiter. Lilis Mama war auch ein bischen verstimmt. Der Geist" des Lieutenants hatte nicht gehalten, was sie sich davon versprach, und die BankierSfrau mit ihrer Han-nele"-Vereyrung hatte ihr die Sache auch noch verdorben; überhaupt, ar so gefährlich" schien es mit der Bil dung bei diesen Herrschaften auch nicht (in whi 31; r:. kl-. U HU. 4Vl vtfflltl quiiiu IC vlUC(
BeimRehbraten erfüllte Lilis Papa
seine Baterpflicht. Während eine fast vollständige Stille eingetreten war, und nur die Kauwerkzeuge in Aktion gesetzt waren, 'icgann Herr Güdemann plötzlich: Ich kann mir nicht helfen, mir geht heute den ganzen Tag ein Schillcr'sches Gedicht durch den Kopf, nämlich .Die Bürgschaft!' " Ter Lieutenant und der Doktor fahen sich an. während sie das zarte Rehfleisch zwischen den Zähnen zermalmten, auch einige der Damen nahmen einen Aucdruck der Ucberraschung an und Frau Güdemann wurde seuerroth su;: .1.1 r- ... im v?jcimi. ie oucrie liai uoer oen Teller mit Preißelbeerkompott herab und that, als hätte sie nichts gehört. Ti . , ' ? -V"" v 'Ullnn Ivar ein meajen enttäuscht darüber, daß sein Auöspruch einer allgemeinen Theilnahmslosigkeit begegnete und beeilte sich, seine interessante Mittheilung zu kommenliren. 'Cs ift auch eines der gelungensten Gedichte dieses Dichters," sagte er, wenn man nimmt, diese Charaktere, hm?" - Dieses lim" war an seinen Nachbar gerichtet, den Lieutenant. Der nickte schweigend, kaum von seinem Braten aufsehend und der Arzt nahm sich endlich die eit, nachdem er einen Schluck Wein getrunken hatte, etwas zu erwidern. Ja!" s?gte er, wir haben voihin schon darüber gesprochen es ist selten,' daß in einer Familie eine solche Uebercinstimmung des literarischen Geschmackes zu finden ist besonders Schiller tritt eigentlich schon ein bischcn in den Hintergrund, ich meine bei der Jugend" Bei unserer Tochter nicht!" rief Herr Güdemann, im Gegentheil, sie untersucht gerade jetzt die. Charaktere der .Bürgschaft!' " Die Frau des Börsianers sah ihren Gatten an, und gab ihm ein Zeichen überlegener Ironie ; leider begegneten sich die Blicke dcs Chepaars Güdemann nicht, sonst hätte der Hausherr erkennen müssen, daß seine Gattin beharrlich abwinkte. Es war sehr natürlich, daß die Gäste sich im Stillen weidlich wunderten, als die Bürgschaft" sich geradezu als eine Güdemann'sche Familienangelegcnhcit erwies. 'Niemand errieth den Zusammenhang, und - man schien es auch bei der stillen Berwunderung bcwenden lassen zu wollen. Der HaueHerr war innerlich erbost über die Indolenz seiner Gäste. Sie machten nur den Mund auf, um seinen Rehbraten zu verzehren, die Charaktere jener edlen Menschen, die Schiller in dem berühmten Gedicht unsterblich gemacht hatt schienen ihnen völlig gleichgiltig zu sein. Wie tief standen sie in Bezug auf Bildung umer seiner jugendlichen Tochter! Diese Erkenntniß hatte etwas Versöhnliches, aber es verdroß ibn, daß sein Plan fehlschlug, und er sühlie sich ein bischen blamirt, auch .hatte er nicht wissen können, daß ihm leine Gattin, mit demselben Mißerfolg bereits zuvorgekommen war. Jedenfalls war das Thema für heute erledigt. Die Hoffnung auf den Jour fixe blieb unerfüllt, Lili befand sich in der. früheren Lage, und mit schweren Sorgen ging sie an diesem Abend zu Bett. Auch der zärtliche Papa überlegte noch.. indem er sein Lager ausgesucht hatte, was zu machen sei, und er schlief erst ein. als ihm ein rettender Gedanke der Gedanke, wie Lili zu retten war durch den mit Cement- und Dachpappeangelegenheitcn erfüllten Kopf schoß. Am nächsten Vormittag ließ er den bevorzugten Komptoiristen Woldemar Veistel 'in sein Privatbureau rufen. Ich werde Sie jetzt in das Korrespondenzfach einführen, Herr Veistel," begann er, wir wollen sehen, wie Sie sich zurechtfinden. Hier gebe ich Ihnen einen Brief zu beantworten, der einen intelligenten Korrespondenten erfordert!Herr Güdemann hielt einen Geschäftsbries irf der Hand, während er dem früheren Juristen die angenehme Mittheilung seiner bevorstehenden Nangerhöhung machte, und er fuyr fort: Tas ist kein gewöhnlicher Geschäftsvrief aber Sie sind der Mann dafür geben Sie sich Mühe Also bitte, Herr Veistel, machen Sie sich ein paar Notizen." Der junge Komptoirist zog ein Papier auö der Tasche und legte es auf das Stehpult, um dem Diktat des Chefs zu folgen. Also begann dieser: In höflicher Beantwortung Ihres Geschätzten -vom 21. dieses, beehre ich mich Ihnen mitzutheilen, daß die Bestellung aus dreißig Fässer prima Cement ordnungs. mäßig notirt wurde und wird die Sendung übermorgen per Fracht an die aufgegebene Adresse efpedirt werden. Haben Sie daö?" Jawohl, Herr Güdemann!" bestätigte, Woldemar Veistel. .Also weiter: Gleichzeitig beehre ich mich, Ihnen die gewünschte Charatteristik der Figuren in Schillers Bürgschaft' im Veischluß zu überreichen. Der junge Korrespondent ' machte große Augen. Cement und Bürg schaft!" Wie kam das zusammen? Herr- Güdemann that, als bemerke er seine Ucberraschung nicht und schloß, indem er ein sehr beschäftigtes Wesen annahm: Und nun schreiben Sie den Leuten die erbetene Auskunst, man muß den Geschäftsfreunden in der Provinz solche Gefälligkeiten erweisen. Sie kennen ja die ,Bürgschaft' Friedrich Schiller was?-
Gewiß, Herr Güdemann!" sagte sei Komptoirist, und da er sich durch eine Geberde des Chefs entlassen sah, zog er sich mit seinem Auftrag zurück. Am Nachmittag brachte er den Brief zur Unterschrift, den ersten Brief, den er im Cement- und Dachpappehaus E. W. Güdemann zu schreiben bekommen hatte. Der Anfang war ungefähr dem Diktat entsprechend, dann kam die wunderliche Angelegenheit der Bürg schaft." Woldemar Veilh hatte sich gedacht: Man muthet einem lustigen alten Studenten nicht umsonst Derartiges zu und im Text des Briefe hießeö: Gleichzeitig beehre ich mich, Ihnen hiermit die in Ihrem oben citirten geschätzten Schreiben gewünschten Ansfünfte über die in der Bürgschaft' vorkommenden Firmen zu ertheilen: Dionys war tyrannisch und als Wütherich bekannt, sehr rachsüchtig, so dan er schon das Traacn eines Dolches mit dem Tode bestrafte, doch im Grunde, wenn man ihn zu nehmen wußte, ein: gute Haut und geneigt zu verzeihen. Dämon, enthusiastischer Anarchist und Tyrannenmördcr, gewissenhaft in Bezug auf Familienrücksichten, Vorliebe für Familienfeste, zum Beispiel Hochzeit seiner Schwester. Mann der Formen. Muthig und von großer Körpcrkrasl, als Freund zuverlässig und immer noch zur rechten Zeit zur Stelle, wenn einer seiner verpfändeten Freunde an's Kreuz geschlagen werden sollte. Besitzt Vorliebe für das Erwürgtwerden, für große Fußtouren, stets zum Sterben bereit, wenn ihn nicht Familienangelegenheiten abhalten. Ter ungenannte Freund ist furchtbar schweigsam und umarmt nur. Durch Schmerz und Freude leicht zu Thränen zu rühren, ungeheuer phlcgmatisch, so daß sein Phlegma den König mit Bewunderung erfüllt und zur Gründung eines Vereins veranlaßt. In der angenehmen Erwartung Ihrer ferneren Ordres empfehle ich mich Hochachtungsvoll
Gut, gut," entschied der Ehef lassen Sie mir den Brief hier, ich werde am Abend noch eine Nachschrift beifügen Sie werden sich fchon machen. . geben Sie sich nur Mühe, lieber Veistel!" Herr Veistel schied aus dem Privat kcmptoir seines Chefs mit dem freudigcn Gefühl eines auf dem Felde der Chre dekorirten Kriegers. Korrcspondcnt" das war schon was Anderes wie Komptoirist und auch in Fräulein Lilie Augen mußte er dadurch im Ansehen steigen. Noch am selben Nachmittag empfing Lili auö den Händen ihres Vaters den Entwurf zu ihrem Aufsatz. Ich habe mir die Sache im Komptoir überlegt," sagte er, und die Schlagworte diktirt, . . . . jetzt kannst Du, wenn Du ein bischen eine Sauce dazu machst, daö Zeug bald fertig haben; da!" Lili die gar nicht gewußt hatte, wie sie es anzustellen hatte, um die Cha raktere zu beschreiben, war zufrieden, wenigstens einen Anhalt zu haben, und sie machte sich sogleich an die Ausarbeitung, indem sie die Seiten ihres Diariums Mit ihrer schonen Steil schrif't beschrieb. Slzcnra Charakteristik der in Schillers Ge dicht Die Bürgschaft" auftretenden Personen. Arrsvbcitnng. , 1. DionyS. Derselbe war bekannt und gefürchtet als rachsüchtige? Tyrann und Wüthe rich, so daß er wegen jeder Kleinigkeit außer sich gerieth. Aus das Tragen eines Dolches hatte er die Todesstrafe gesetzt, doch wenn man ihn zu nehmen wußte, zeigte er seine gute Saut und verzieh gern.' ' 2. Dämon. Derselbe war Enthusiast, Anarchist und Tyrannenmördcr. Er besaß dazu alle Eiaenscharten. nun Beispiel Muth und große Körperkraft, auch besaß er gute männliche Formen, die. ihm große gllfztouren möglich machten, denen er sich der Freundichast wegen unterzog. Derselbe besaß eine Vorliebe für Familienfeste, zum Beispiel für die Hochzeit seiner Schwester, die er für. sein Leben gern mitmachen wollte. obwohl er letzteres bereits verwirkt hatte. Der König hatte ihn von dieser Feier abhalten wollen und gedroht: daß er cS am Kreuze bereuen solle. Doch umsonst ! Dämon war als Freund sehr zuverläsflq und Mann. von Wort. Er stellte sich immer noch zur rechten Zeit ein, wenn einer seiner Freunde hingerichtet werden sollte, und war stets zum Sterben bereit, wenn ihn nicht wichtige Familienangelegenheiten zurückhielten. Äian könnte nur jeder Schwester einen solchen Bruder wun schen! . . 3. Der Freund. Der Dichter hat den Namen desscl ben verschwiegen. Er selbst ist schweigsam und spricht in dem Gedichte gar nicht. Doch ist er durch Schmerz und Freude leicht zu rühren und das Meiner. ist ihm meist näher wie das Lachen. Dabei zeichnet er sich durch ein unerrechtes Phlegma aus, und die größte Gefahr läßt ihn kalt. Ter König ist ein großer. Bewunderer dieses Phlegwas und bittet die Freunde, mit ihm einen Dreibund, zu ergründen. " ' So, nun war's gethan; aber, Lili hatte kein frohes Gefühl dabei, hatte sie sich doch mit fremden Federn ge-
schmückt, aber tröstete sie sich eS jind ja Papas Federn! Darüber waren etwa acht Tage vergangen. Herr Woldemar Veistel ivurde zu dem Ehef gerusen, der stirnrunzelnd auf seinem Luthcrstuhl vor dem Schreib tisch thronte. Es thut mir sehr leid, Herr
Veistel," begann Herr Güdemann, aber die Auskünfte, die, Sie neulich an den Dingsda wegen der , Bürgschaft' geschrieben haben, waren durchaus nicht entsprechend, und haben Unannehmlichkeiten über - mein Haus gebracht. Mischen Sie sich nie wieder in solche Sachen ! Wenn Sie eS nicht können, so sagen Sie's, werde ich mir's selber machen, aber das war gar nichts werth gar Nlchtö!" Aber, Herr Güdcmann, ich" Gar nichts wenn ich Ihnen sage ungenügend hat sie darauf bekommen. das arme Mädel!" stlcn der gekränkte Vater in seinem Eifer heraus. Woldemar Veistel war nicht auf den Kopf gefallen, auch wenn er der Jurisprudenz keinen Geschmack abgewinnen konnte. Sosort errieth er den Zusam mcnhang. Und dabei erinnerte er sich einer kurzen Unterhaltung mit Lili, in der sie ihm einmal ihre Schwäche angedeutet hatte. Aber für sie, für das süße, heimlich geliebte, verehrte, vcraötterte, um nicht zu sagen, angebetete Mäde! hatte er die Bürgschaft" zergliedern sollen. und mit ihr macht er sich, ohne es zu ahnen, einen schlechten Scherz! Diese Entdeckung erfüllte ihn mit gelinder Verzweiflung. Herr Güdemann erkannte, dasz er sich verschnappt" hatte und in dem Bcstreben, die letzten Aeußerungen vcrgessen zu machen, fand er kein anderes Mittel als das, den armen Veistel noch härter anzulassen und zu erschrecken, damit er wenigstens verwirrt werde. es thut mir leiv, fuhr m Güdemann fort, aber ich babe mich getäuscht habe zu viel von Ihnen gehalten; für die Korrespondenz sind' Sie eben noch nicht reis das ist nicht nur so, daß man sich hinsetzt und schreibt; na, Sie haben ja auch noch Zeit, cS gibt noch andere Sachen für Sie zu lernen. Das Korrcspondircn Sa f ai Tam ! a vf kr2 a ,4 V 1 m a vu iu cii cic iiunuuiy iwu) vic zzitigci davon!" Mit diesem demüthigenden Bescheid war der bestrafte Missethäter entlassen. Sollte er wirklich Recht haben?" monologisirtHerr Veistel, als er sich am Abend nach Komptcirschluß auf der Promenade erging ich könne keinen Brief schreiben?" Und ehe er den Gedanken noch ausspinnen konnte, erblickte er drüben, jenseits des Fahrdammes die Frau feincs Ehcss und an ihrer Seite Lili. das süße jungfräuliche, blonde Geschöpf ! Er blieb, durch einen Baum etwas n eS e r$ t f4ffiri urtN Crtti Sn 04 oISöm rinrfi yiviui, jinjiti uhv uij iiti tiuu), so lange das Goldhaar Lilis in der Abendsonne glitzerte, so lange er ihren , . . -..- 1 rolycn schirm leuchten fan. Die nrneit ihrer reizenden Gestalt erkennen konnte. Dann eilte er nach Hause und schrieb ohne Konzept oder Entwurf einen lan gen Schrcibebrief, in welchem cr sich als unbewußten, unfreiwilligen Missethäter bekannte und die äußerste Reue zeigte. Wären ie nicht die Tochter meines Chefs hieß es zum Schluß so würde ich das,, was ich hier zu meiner Entlastung sagte, durch ein Geständniß erhärten, welches unter den obwaltenden Umständen unterdrückt werden muß, durch daö Geständniß, Fräulein Lili, fcrtfc ick ht in dem bedanken an Sie mein Glück finde, meine ErHebung und möchte ich hinzufügen, lcider auch meine stille Trauer. Denn. Sie, mein innigverehrtes Fräulein,, sind ein unerreichbarer Stern für mich, eine Luftspiegelung meiner Phantasie, ein Juwel, das man nur aus der Ferne bewundern darf, wenn ich auch nicht des. Dichters Worte : Die Stcm?. die bcgckirt man nicht, ylan freut sid? ibtcv Pracht, zu den meinen machen möchte. Oh, man begehrt sie, mit heißem, frommen Verlangen und gebietet seinem Herzen vergeblich Stillschweigen! das, und vieles Andere hätte ich zu sagen und mit heiligen Eiden zu betheuern, wenn Sie nicht die Tochter meines Ehess wären, mein innigverehrtes vergöttertes Ideal!" Noch an demselben Abend gelangte Woldemar VeistelS LiebeSgeständniß in LiliS kleine Hände. . Am anderen Vormittag wurde der degradirte Ex-Korrespondent wieder zum Ehef gerufen' Herr Güdemann sah den jungen Marni wohlgefällig an und mit väterlich wohlwollendem Ausdruck begann er: Mein lieber Veistel, ich habe mir die Sache überlegt hm und gestern Abend habe ich die Ueberzeugung geWonnen, daß Sie im Korrespondenzfach doch nicht ganz ungeschickt sind. Sie haben Anlagen dafür, nur ein bischen mehr Zurückhaltung müssen Sie sich angewöhnen, im Anfang meine ich. Wir wollen es also versuchen. Hm, haben Sie am Sonntag Nachmittag was vor?" O nichts, gar nichts" rief Herr Veistel. Gut, dann essen Sie gefälligst bei uns wir werden uns freuen. Um zwei Uhr, präzise!" Der reaktivirte Korrespondent des HauseS E. W. Güdcmann verbeugte sich stillbeglückt, ein Mehr .warden ernsten, prosaischen Bureäuräumen nicht angemessen. Und am Sonntag speiste et bei seinem Chef. Er saß Lili gegenüber. Da Nachfolgende laßt sich errathen.
