Indiana Tribüne, Volume 29, Number 196, Indianapolis, Marion County, 12 April 1906 — Page 6
Jammers Sanatorium.
i Eine lustige Ccfchichte von Alwin Körner. Noch was von Wichtigkeit, Vorenz?" fragte der Kommcrzienrath Hammer sichtlich abgespannt seinen alten Privat sekretär, mit dem er die Vormittags post soeben erledigt hatte. Nein," entgegncte der alte Vertraute deS wackeren Fabrikbesitzers, der mit Loren; schon bekannt gewesen war, als er selbst noch als Werkmeister in der großen Jordan'schcn Fabrik gearbeitet hatte. Der Alte war dort ein trotz seines FlcißeS schlecht bezahlter Buchhal ter gewesen und hatte mit Freuden ein gewilligt, in Hammers Dienste zu treten, als dieser thatkräftige, eisern slei ßige Mann sich selbst eine kleine Fabrik gründete. Durch ein paar wesentliche Verbesserungen an . den Maschinen, die er baute, war Hammers Unterneh men damals schnell zur Älüthe gelangt. In kurzer Zeit hatte er die . Konkurrenz überflügelt. Seine Ma schinen genosfen den besten Ruf, auch im Auslande, und hatten ihm ein Vermögen erworben. Natürlich war auch der Titel dann nicht ausgelieben, und so konnte er mit Befriedigung aus ein Leben voll Arbeit zurückblicken, daö wie selten eines mit reichem und ehrlichem Erfolge gekrönt worden war. Dafür hatte ihn das Geschick mit mancherlei Kummer in der Familie heimgesucht. Zwei Kinder wurden ihm an der Schwelle des Erwachsenseins dahingerafft, und sein Weib, das ihm die sorgenvollen Jahre seines Emporstrebenö durchaufopfernde Liebe und ausdauernde Selbstverleugnung leicht gemacht hatte, war diesem Schlage nicht gewachsen gewesen. An einer innerlichen, unheilbaren Krankheit war sie dahingesiechr. Es hatte nicht an guten Freunden gefehlt, die dem Vereinsamten alsbald mit Vorschlägen zu einer zweiten Ehe gekommen waren. Er war ja noch ein Vierziger, kräftig und gesund und was die Hauptsache war: reich und angesehen. ' Aber gerade diese letzten beiden Münde, die ihm Erhorung selbst bei jungen und vornehmen Schönheiten gesichert hätten, waren es, über die er nicht hinwegkommen konnte. Seine verstorbene Frau war ein schönes Mäd chen, allerdings mit geringer Bildung, aber voll natürlicher Begabung gewesen, das ihn, den einfachen Arbeiter, um seiner selbst willen gemocht hatte. Bei allen diesen liebenswürdigen, hochgebildeten Damen mit den prachtvoll frisirten Köpfen und den sanft und hingebend strahlenden Augen wurde er den Gedanken nicht los, daß sie sich auch nicht einen Pfifferling aus ihm machen" würden, wenn er noch der einstige Werkmeister und nicht der riiche Kommerzienrath Hammer, Ritter pp. wäre! Und so hätte er sich bis heute zu keiner neuen Verbindung ent schließen können, wie woht ihm die Annehmlichkeiten einer trauten Häuskichkeit schwer entbehrlich waren. Um so höher war aber die Fürsorge gestiegen, die er für das Wohl seiner Arbeiter hegte. Alle modernen Wohlfahrtseinnchtungen, die sich als zweckmäßig erwiesen, traf er in seiner Fabrik als einer der Ersten. Er hatte Kranken und Pensionkkassen gegründet, hübsche Arbeiterfamilienhäuser bauen lassen, kümmerte sich um die Erziehung der Kinder seiner Leute und unterstützte die Befähigten durch namhafte Beiträge, damit sie ihren Anlagen gemäß ausgebildet werden konnten. Vor Allem aber sorgte er für die Gesundheit unter sei nem Personal. Abgesehen davon, daß er ihnen tagsüber statt des leidigen Branntweins im Sommer Kaffee und im Winter Bier verabreichen ließ, 'hatte er einen tüchtigen Arzt verpflichtet, der eine Art sanitärer Kontrolle iiber sein kleines Heer übte, um bei allen aufkeimenden Leiden gleich die nöthigen Vorkehrungen zu ihrer Ve rämpfung treffen zu können. Haupt sächlich stellten sich iu der Fabrik Krankheiten der Athmungswerkzcuge ein. Hammer hatte daher auf den Rath des Arztes vor ein paar Jahren in einem hochgelegenen, waldreichen Ort des nahen Gebirges ein geräumigeö Haus erbauen und bequem ein richten lassen, worin alle die seiner Arbeiter Erholung und Genesung sin den sollten, die im Dunst und Staub und Qualm der Fabrik an ihren Lun gen Schaden gelitten hatten. Dieses Sanatorium .war seine Freude wegen der guten Einwirkung, die eS ausgeübt hatte; aber die Leitung und Verwaltung desselben hatte ihm im Laufe der paar Jahre schon viel Verdruß bereitet. Die Damen, die er nach einander als Vorsteherinnen dieser seiner Anstalt engagirt hatte, waren alle nicht lange auf dem reichlick dotir ten Posten geblieben. Theils hatte er sie wegen schlechter Wirthschastöführung entlassen müssen, theils hatten sie eine passende Gelegenheit zur Verheiratung gesunden. Auch jetzt, zum Beginn der diesjährigen Kurzeit, hatte er wieder nach einer neuen Kraft Umschau halten müssen. .Die Angelegenheit ging ihm durch den Kopf. Wie ist's, Lorenz?" fragte er. .Ist die Dame angetreten in Fichtenstein?" Heute Mittag trifft sie ein! Die Schlüssel sind im Schulzenamt. Ebenso die erste Rate des Wirthschaftsgeldes! . Soll mich wundern, wie wir mit ihr fahren. Reichlich jung ist sie noch!" ' .Hm darnach geht's nicht! Die Aelteste, die wir hatten hieß sie nicht Schmiedecke? war die Schlimmste!" .Ja, der alte Geizdrache, der unse xtu armen Winkelmann hat hungern
lassen! via, der Reuen habe tcy geschrieben, wie Sie nzch der Seite hin
denken!" .Daö ist aut, Loren,;! Hat denn der Doktor übrigens schon bestimmt, er für den Mai hinauf soll?" .Noch nicht. Er kommt nachher wohl noch mit vor!" .So? Na, dann ordnen Sre nur Alles mit ihm. Ich muß jetzt zur Magistratssitzung!" .m lch hätte gern ge ehen, wenn Sie dabei gewesen wären! Vielleicht hätten Sie sich auch bewegen lassen, auszuspannen, auf ein paar Wochen nur! Sie sehen wirklich nicht gut aus!" .Ich fühle mich auch erschöpft. Aber das geht vorüber, Alter! In meinen Jahren! Wo soll man zetzt auch hin? Italien ist viel zu weit auf ein paar Wochen!" .In Fichtenstein soll es schon ganz nett sein! Morgen ist der erste Mai. Laut Prospekt der Kurverwaltung fängt da die Saison an !" .Ja, mit Heulen und Zähneklappern! Nicht wahr, Doktor?" wandte er sich an den eben eintretenden Arzt, der, nachdem er sich orientirt hatte. lachend erwiderte: .Ein bischen windig ist's oben aller dings noch. Deshalb meine ich auch, wir lassen unsere Patienten noch vierzehn Tage hier. Zumal für die Frau vom Werkmeister Wenzel ist die Luft jetzt noch viel zu scharf. Aöer für Sie, Cerr Ontnwflri? tirnff Mfoti (nfrfti IVItlltlkt klllHlf UIIVtl VIUfk Bedenken wirklich fort. Sie sind nichts werter, wie nervös überreizt durch ihre unvernünftige Arbeitswuth. Da ist Fichtenstein jetzt wie für Sie geschaffen. Der Wald im Aufknospen außer den immer grünen Nadelbeständen; noch kein Fremdenlärm, keine Table d'hote, kein Kmkonzert! Wenn Sie nicht nach dem Süden wollen, gibt'8 gar nichts Besseres!" .Außerdem sehen Sie gleich einmal, wie der Umbau ausgefallen ist! Und wie wir mit der neuen Wirthschaftsdame fahren!" warf Lorenz ein. .Natürlich!" sagte lebhaft der Dok tor. .Nehmen Sie ihr einen sürchterlichen Eid ab, daß sie sich nicht unterstehen soll, nach kaum genesenen BuchHaltern oder Monteuren, die ich ihr hinaufschickcn werde, zu angeln, wie nun schon zwei ihrer Vorgängerinnen!" '.Hm schmunzelte der Kommerzienrath, angesteckt durch die lustige Art des Doktors, .das wäre gar nicht so übel! Nur dürfte sie mich nicht kennen! Bis jetzt hat sie mich ja noch nicht gesehen und die Fichtensteiner werden mich auch schwerlich im Gedächtniß haben! Wissen Sie was, Doktor? Sie schreiben mir einen Einlaßschein, Lorenz unterstempelt ihn und ich lebe einmal drei Tage als Werkmeister Schmidt oder Lchmann im Fichtensteiner Sanatorium Eine bef sere Orientirung gibt's nicht, was?" .Das ist ein Opfer, was Sie da bringen wollen, Herr Kommerzienrath!" meinte der alte Lorenz. .Ach. Unsinn! Entweder hat man's gut dort Dann ist's kein Opfer! Im Gegentheil! Oder man hat's schlecht! Na und dann ist 's eine Wohlthat für die Anderen, die nach mir kommen und wirklich gepflegt werden müssen!"' .Natürlich !" sagte der Doktor. .Die Hauptsache bleibt aber, daß Sie dem armen Wurm alle etwa vorhandenen Heiratheraupen aus dem Kopfe tteU den. Ich darf sonst Junggesellen und Wittwer nicht eher wieder hinaufschicken, bis eine würdige Urgroßmutter, die mit dem Leben abgeschlossen hat, die Wirthschaft leitet!" .O, ich werde ihr schon auf den Zahn fühlen! Und der Teufel soll sie holen, wenn sie Absichten hat!" .Sie wollen ihr doch nicht selber den Hof machen, Herr Kommerzienrath?" .Wer weiß!" lachte der und griff dann nach Hut und Stock. .Ich muß fort, Doktor! Es ist die höchste Zeit. Ordnen Sie nur Alles mit Lorenz und vergessen Sie meinen Schein nicht, damit ich auch angenommen werde in Fichtenstein." Zwei Tage später zog an dem schmucken Berghause in Fichtenslein ein älterer Mann in solidem dunklen Stoffanzug die Klingel. Ein weibliches Wesen erschien als bald in der Hausthür, bei dessen An blick der Einlaßbegehrende einen kleinen Schauder durch seinen Körper rie seln fühlte. Ein ausgesuchter Magenbitter hätte keine stärkere Wirkung hervorrufen können als dieses freundlich grinsende Bulldoggengesicht. .Herrgott, ist die häßlich!" dachte der Gast. .Die laß ich pholcgraphiren, um den Doktor zu beruhigen!" Tann aber schlug er tapfer in die ihm dargebotene Rechte der rothhaarigen Dreißigerin und trctt über die Schwelle. .Sie sind doch der angemeldete Herr Werkmeister Lenhardt?" erkundigte sich der holde Hausgeist. .Ganz recht, der bin ich!" - .Na, dann herzlich willkommen! Wie lange werden Sie denn hier blei den? Vier Wochen?" .Um Gottes willen!" meinte ent. setzt der Werkmeister mit einem ver zweifelten Blick in die Wasserblasen Augen der Fragenden. .Das ist schade!" sagte sie. .Wer sich ordentlich erholen will, darf unter vier Wochen nicht fort! Sie sehen ja freilich gar nicht richtig krank aus!" .So?" fragte lachend der - Werkmeiste? und trat in das helle, freund' liche Zimmer im Erdgeschoß, das ihm die Holde geöffnet hatte. .Ich sehe nicht .richtig kranl aus? Ja ja. die
Doktors, Fräutetn, die Doktors!, Ich habe es zuerst auch nicht glauben wol len. Aber die wissen ja Alles besser!" .Gar nichts wissen sie!" polterte sie erzürnt. .Meine Mutter Gott hab' sie selig! hat ein halbes Jahr gekurt und Keiner hal'S finden können von den gescheiten Herren, was ihr eigentlich fehlt, bis der Schäfer von Halmrode gekommen ist: der hat's in acht Tagen geschafft mit Einnehmen und Besprechen! Nein, auf die DoktorS gebe ich gar nichts!" .Die ist ja drillant!" dachte der Kurgast. .Hier muß unbedingt unser Doktor 'mal her und sich den Star stechen lassen! Na wenn sie nur gut kocht und nicht knausert! Reden mag sie, was sie will. Schließlich sind unsere Leute ja nicht auf den Kopf gefallen! Und wegheirathen wird sie wohl auch Keiner ! Dafür garantir' ich." .Wie ist's denn mit dem Mittagbrod, werthes Fräulein?" erkundigte er sich laut. .Sie haben wohl tüchtigen Hunger, was? Na, nur Geduld. Ich werde gleich decken!" .Was gibt's denn?" .WaS auf den Tisch kommt!" .Na, bitte, werden Sie nur nicht gleich grob!" .Das hab' ich von meiner MutterGott hab' sie selig! die konnte die dumme Fragerei vorher auch nicht lei den 's wird Ihnen schon schmecken!" .Das wollen wir hoffen!" sagte der Gast und trat an'S Fenster, um sich an dem lieblichen Waldbilde zu erfreuen, während jene alsbald anfing, mit Tellern zu klappern, Messer, Gabel und Löffel zu ordnen, überhaupt jenes unharmonische Präludium zu erzeugen, das dem Ohr des Hungrigen doch die schönste und stimmungsvollste Musik beucht. Es dauerte auch nicht allzu lange mehr und der kräftige Duft einer Jleischsuppe zog ihn vom Fenster fort zum Tische, der recht appetitlich gedeckt war. Die Bouillon mundete ihm vorzüglich und als er darnach eine mächtige Portion Braten mit Kartoffeln und den im Gebirge heimischen Preißelbeeren unter dem Aufgebot seiner ganzen riesigen Eßlust bezwungen hatte, erschien ihm der waltende Geist dieser Räume nicht mehr halb so häßlich wie beim Empfang. Auch ihre Stimme klang viel melodischer, als sie sich jetzt erkundigte, wie er mit ihrer Kochkunst zufrieden sei ; als ob ein Wunder mit ihr vorgegangen sei, so zart und angenehm drang sie ihm auf einmal in die Ohren, fo daß er ganz verwundert umschaute, um der eben wieder Eingetre tenen fröhlich und dankbar zunicken zu können. Aber da stand eine ganz Andere im Thürrahmen; eine schlanke Wohlgestalt mit einem feinen von blonden Locken überschatteten Antlitz, aus dem ein paar große, ruhige Augen ihm mit wohlthuendem Antheil entgegenstrahlten. Er schnellte vom Platz empor und fühlte, wie ihm langsam das Blut in Wangen und Stirn stieg. .Aber daö sind Sie ja garnicht!" stotterte er dabei. .Ich dachte" .O, entschuldigen Sie nur, Herr Lenhardt," sagte sie lächelnd, .daß ich bisher noch nicht dazu gekommen bin, Ihnen willkommen zu sagen. Ich hielt es für meine Pflicht, am Herde auszu halten, damit Ihnen der erste Imbiß nicht versalzen oder verbrannt auf den Tisch kommen sollte. Für Kranke muß man doppelt gewissenhaft sein! Aber nun werde ich daö Versäumte nach holen: Lassen Sie es sich recht wohl gehen bei unö. Vor Allem: Werden Sie gesund!" Dabei reichte sie ihm ihre weiße schlanke Hand und drückte ihn sanft wieder in den Lehnstuh! zurück. .Ist das ein herrliches Geschöpf!" dachte der Werkmeister. .Und ich Esel habe das häßliche Frauenzimmer vorhin für sie gehalten. Offenbar das HausMädchen, an das ich gar nicht gedacht habe! Da werden meine armen Kran ken schöne Augen machen!" .Also Sie sind das Fräulein Mar tin?" sagte er dann laut. .Jetzt gefällt eö mir noch einmal so gut hier!" Sie lachte belustigt über das ihr höchst treuherzig erscheinende Kompli ment. .Ach, haben Sie sich vor dcr Ehriste! gefürchtet?" fragte sie. .Die ist aller dings grundhäßlich, aber ehrlich und fleißig. Und das geht hier voran! Jetzt aber kommen Sie. ' Ich will Ihnen Ihr Zimmer zeigen, damit Sie ein bischen ausruhen können vom Weg! Sind Sie sehr krank gewesen?" .O, eS ging," erwiderte er. .Ein bischen Katarrh und Ueberarbeitung!" .Sie werden sich hier schon erholen. Nehmen Sie sich nur recht in Acht. Abends ist die Luft sehr rauh bei unö! Da dürfen Sie nicht zu lange im Freien sitzen. Es wäre gut, wenn Ihr hochherziger Chef sich dazu entschlösse, eine gedeckte Veranda anzubauen ! Ich hoffe, wenn er uns einmal aufsucht, das von ihm bewilligt zu bekommen!" .Das wild er sicher nicht abschlagen! Aber ist nicht schon eine Veranda da?" .Ja, aber sie liegt nach Norden und ist daher für Kranke schlecht zu benutzen Unser Zimmernleister hier hat daranicht gedacht, wie er das Haus gebaut jat!? .So? dann allerdings!" Sie önren während des Gesprächs eine Treppe hinaufgestiegen, und sie öffnete iiftrx nun eine der sauber und bequem eingerichteten Logirstuben. .Hier machen Sie sich' gemüthlich!" sagte lie. Den Kaffee bringt Ihnen die Christel nachher hinauf! Oder wollen ät ihn unten trinken?"
.Es wird mir ein biscken einsam
sein! Wenn ich nicht unbescheiden er scheine, möchte ich bitten, daß ich mit Ihnen zusammen" .Warum haben Sie nicht noch Gescllschast mitgebracht? Ich habe mich auch gewundert ! Erst sollte doch noch eine Frau Wenzel mit kommen und ein Herr Thiele? Das wäre für mich auch angehmer gewesen!" .Sie brauchen sich vor mir nicht zu fürchten, Fräulein Martin!" .Das thue ich auch nicht. Wer sich sein Brod verdienen muß, darf nicht kleinlich sein in solchen Sachen! Aber eö wäre besser gewesen! Nun, Sie können ja nichts dafür! Und wenn es Sie froher macht, kommen Sie nachher nur getrost herunter zum Kaffee !" Damit schloß sie die Thür und überließ den Kurgast seinen wunderlich erregten Gedanken Nun war er schon eine volle Woche ,n Fichtenstein und fühlte sich so wohl und geborgen wie lange nicht in seinem Leben. Fräulein Martin wzr sich gleich geblieben in ihrer freundlichen Sorgsamkeit ihm gegenüber, ohne freilich die geringste Spur von Vertraulichkeit, die er heimlich und unbewußt anstrebte, aufkommen zu lassen. Sie wachte über ihn wie eine richtige Pflegerin, achtete aus die Dauer seiner Spaziergänge und die Jnnehaltung der Schlafenszeit, richtete sich, so weit eö anging, nach seinen Mittagswünschen und freute sich über die zunehmende Frische seiner Gesichtsfarbe. Ab und zu las sie ihm auch gehörig den Text, wenn er bei Tische nicht genügenden Appetit entwickelte oder zu lange in der schnell scharf werdende Abendluft blieb. Und diese Predigten klangen so ehrlich und warmherzig und standen ihren ehrbaren dreißig Jahren, die ihr übrigens nur ein Barbar glauben konnte, so allerliebst, daß ihm ganz eigenartig heimisch zu Muthe wurde in ihrer Nähe und er sich manchmal im sträflichen Nachdenken darüber ertappte, auf welche Weise ihr anmuthender Unwille wieder einmal heraus zu beschwören sei. .Heute müssen Sie mir eine Cigarre gestatten, Fräulein Martin!" sagte er, als Ehristel den Kaffee hinausbrachte und er am gewohnten Platze des kleinen, langsam aufsprießenden Gartens Platz genommen hatte. .Aber, Herr Len'-udt!" bemerkte Fräulein Martin entrüstet. .Das geht gegen die Hausordnung !" .Die gilt nicht im Garten!" .Das wäre noch besser! Der Kommerziemath würde schöneAugen machen, wenn er erführe, wie leicht ich es nähme mit den ärztlichen Vestimmungen!" .Larifari! Kein Wort würde er sagen! Und schöne Augen machen kann er gar nicht, der alte Junge!" .Sie reden nicht gerade respektvoll von Ihrem Brodherrn, trotzdem wohl weit und breit Keiner so für seine Beamten sorgt wie er!" sagte sie vorwurfsvoll. .Ach Gott, was thut er denn groß? Er läßt unö wieder gesund machen, wenn wir uns abgerackert haben ! Das ist nicht mehr wie recht und billig!" Sie sind sehr häßlich heute, Herr Lenhardt; gar nicht so nett wie sonst. Es thäte mir leid, wenn meine Mutter doch Recht behielte" .Worin?" Sie wurde ein wenig verlegen wegen der' Fortsetzung und bemerkte .daher nicht einmal, wie er wirklich das hochnothpeinliche Verbrechen beging und sich zum Trotz gegen .Paragraph 8" der Hausordnung eine Cigarre anzündete, ein Kraul übrigens, daö bedeutend besser duftete, als bei einem Werkmeister mit neunhundert Thalern Einkommen zu erwarten war. ' .Worin Recht behielte?" fragte er nochmals und sog mit Behagen den schnell in der Frühlingsluft aufgehen den Rauch in die Nase. Nun" begann sie zögernd, .sie wollte mich nicht herlassen. Es wäre nichts für mich, sagte sie, weil weil" Weil?" Ich fühlte auch halb und halb, daß eö wohl wahr sei ! Aber das reichliche Gehalt übertönte meine Bedenken. Nirgends hätte ich so viel ich habe nämlich einen Bruder, der noch zwei Jahre erhalten werden muß, ehe er selbst für uns sorgen kann! Darum besann ich mich nicht lange und dachte: Mit den Herren willst Du schon fertig werden, wenn sie auch ein bischen anders sind, als die, mit denen wir früher verkehrten !" , Hm und nun spüren Sie doch, daß" . O, gar nicht, bis jetzt wenigstens. Wie Sie. kamen und so nett und ruhig und solide waren: Sie glauben gar nicht, wie mir das Muth gemacht hat! Ich schrieb auch gleich an Mama! Aber wenn Sie so anfangen?" Ja, was habe ich denn Schlimmes gesagt?" - .Sie haben mir verrathen, daß Sie undankbar sind! Und Undankbarkeit wohnt in einem Hause mit anderen Eigenschaften, die ich bei .Ihnen nicht vermuthet hätte!" .Glauben Sie doch daS nicht ! Warum vertheidigen Sie überhaupt den Kommerzienrath so, den Sie ja gar nicht einmal kennen?" .Von Angesicht nicht! Aber aus seinen Werken ! Wer so für die Seinen sorgt, muß eine Seele von Mensch sein! Und ich glaube, er hat auch ein llebeö Gesicht! UebrigeüS werden wir das morgen sehen " .Kommt er etwa?" .Nein, aber ein Bild von ihm!" ;
Alle Tausend, davon weiß ich ja gar nichts!" .Das inrd wohl auch nicht gerade Nöthig sein!" .Da haben Sie wieder Recht ! Aber man darf doch fragen, woher Sie das Bild bekommen? Schickt er das etwa selbst?" .Und wenn cr'S schickt, brauchten Sie noch lange nicht so boshaft darnach zu fragen. Aber beruhigen Sie sich nur.' Ich habe eine Kousine bei Ihnen in S...., die hat es bei seinem Photo graphen bestellen müssen, damit wir eö in daS Speisezimmer hängen können und jeder seinen Wohlthäter vor Augen haben kann! Sie freilich " .Na, Sie werden ja sehen, ob daö Gesicht gerade so sehr lieb ist!" .Ich hoffe es!" .Was verstehen Sie eigentlich unter einem lieben Gesicht?" Ein anderes wie Ihres!" .Hm also meine arme Larve können Sie nicht leiden?" Seit ich weiß, wie Sie einen so gütigen Menschen wie Ihren Brod' Herrn beurtheilen: Nein!" Das nenn' ich deutlich! Aber vorher hab' ich Ihnen gefallen?" Lassen Sie mich in Frieden mit solchen Fraaen!" Es war auch nur Scherz, Fräulein Martin. Denn so sehr Sie mir auch gefallen, so beschränkt bin ich doch nicht, daß ich daran, dächte, mir von Ihnen einen Korb zu holen! Wie man in Ihren Kreisen über einen armen Kerl von Werkmeister denkt, weiß ich ganz genau!" Dabei glitt ein prüfender Blick über ihr langsam erreichendes Gesicht, daö sie tief über die Stickerei beugte. Eine kleine schwüle Pause trat ein. Dann erhob sie sich. Ich bedauere, die Unterhaltung abbrechen zu müssen, Herr lenhardt ; ich muß in die Küche!" sagte sie ein wenig zittrig. Das ist ein höflicher Vorwand, der Sie der Fatalität überheben soll, mir Recht geben zu müssen!" .Ich weiß nicht, waö ich Ihnen gethan habe, daß Sie mich plötzlich sc quälen!" gab sie. mit den aufsteigenden Thränen kämpfcnd zur Antwort. .Daß ich nicht hochmüthig bin, sollten Sie doch längst gcmcrtt haben. Mein Groß vatcr war auch nur ein Handwerker und mein Vater war stolz darauf, es trog, dem bis zum, Rath gebracht zuhaben" O Fräulein, bestes Fräulein, sc geben Sie mir Hoffnung?" .Der Scher; steht Ihnen nicht, Herr Lenhardt. Ich höre eö Ihrer Stimme an! Aber trotzdem: Sie wissen ja. für wen ich zu sorgen habe! Davon könnte ich nicht lassen! Also" .Aber wenn ich " .Daö würde . meine Mutter nicht annehmen und ich auch nicht! Und nun stören Sie mir meinen Frieden hier nickt weiter. Ich bin froh, daß sich Alles so gefügt hat!" .Ich auch!" sagte der stattliche Mann leise und blickte dem zum Hause schreitenden, herrlichen Mädchen nach. Daraus schlürfte er mit Behagen sei. nen kalt gewordenen Kaffee aus und entfernte sich dann durch die GartenPforte, um draußen im Walde seinem übervollen Herzen durch ein paar Jauchzer Luft zu machen. Am anderen Morgen trat ihm Fräulein Lenore schlicht und unbefangen, als hätte sie daö gestrige Gespräch total vergessen, entgegen. .Sie sind gestern wieder über die Zeit geblieben, hat Ehristel mir gesagt !" drohte sie ihm schallhaft. .Ich werde das doch 'mal Ihrem Chef berichten!" .DaS thun Sie nicht! Da kenn' ich Sie viel zu gut, Fräulein Martin Außerdem könnt ich mich bitter genug revanchiren " . .Wie so denn?" Ich würde erzählen, wie hübsch Sie sind! Viel zu hübsch für eine solche Stellung!" Herr Lenhardt, bitte, Sie vergessen sich!" .Ja. sehen Sie ! Zwei Ihrer Vor gängerinnen haben nämlich von den heraufgeschickten Kranken schon Männer ergattert ! Daher ist der Kommerzieurath nach dieser Seite besonders mißtrauisch!" Ein Packet für Fräulein Lenore Martin! Bitte um fünfzehn Pfennige!" unterbrach ihn der Postbote, die Thür zum Speisezimmer öffnend. .Und hier ein Brief für Herrn Lenhardt!" .Ab," sagte das Fräulein. .Jetzt werde ich sehen, wer Recht hat !" Und hastig schnitt sie den Bindfaden vom Packet und schälte das Bild aus den Papier- und Papphüllen, während ihr Pflegling am Fenster stand und seinen Brief studirte. Aber nur einen einzigen Blick warf sie auf den stattlichen Kopf mit den energischen Zügen und dem Zug von Güte um die Mundwinkel. Dann wurde sie blaß und stieß einen leisen Schrei auö. Jener sprang vom Fenster herzu und fing die Taumelnde auf. Sehen Sie," sagte er lächelnd, wie gräßlich er aussieht! Sie falle da.vor in Ohnmach!!" O, Herr Kommerzienrath!" stam melte sie nur noch. Dann senkte es sich wie Nebel auf ihre Sinne. Und nur auf ihren Lippen spürte sie es einmal heiß und innig wie ungestüm Liebe küßt Heiter und frisch, wie er jahrelang nicht ausgesehen, war der Kommerzienrath endlich zurückgekehrt. Er summte vor sich hin trotz der schlechten augenblicklichen Geschäftslage. Er be'
wlltigte Zulagen, zu oenen ver ant Lorenz den Kops schüttelte, und sah über Versehen hinweg, die auf keinen Fall ungeahndet bleiben durften. Es mußte ihm wirklich ausgezeichnet in Iichtenstein gefallen haben. Aber bis jetzt hatte er ncch kein Wort davon ver lauten lassen und Lorenz war viel zu bescheiden, als daß er so ohne Weiteres darnach gefragt hätte. Wenn nachher der Doktor kam, würde so wie so davon die Rede sein. Und so lange tonnte er schon warten, trotz seiner Wißbegierde. Gegen elf Uhr erschien denn auch der Jünger Acökulaps. Erfreut schüttelte er dem Heimgekehrtcn die Hand. Sie sehen brillant aus, Herr Kommerzienrath! Man erkennt Sie kaum wieder! Mindestens zehn Jahre jünger sind Sie g:worden in Fichtenslein!" Finden Sie wirklich, Doktor?" .Thatsächlich! Ohne Schmeichelei! Wo haben Sie gewohnt?" .Das wissen Sie doch!" Und wie sind Sie zufrieden?" Ausgezeichnet!" So kocht sie gut?" .Ich habe nirgends besser gegessen!" Daö ist ja vortrefflich! Hoffentlich hält sie auch aus!" Daran glauben Sie nur nicht, Doktor!" .Nicht?" fragte erstaunt Papa Lorenz. .Sie ist viel zu hübsch für den Posten!" .Ah!" meinte der Doktor. .Sie meinen, die schnappt uns wieder einer weg?" .Hat schon geschnappt!" beschick ihn der Kommerzienrath. .Sie hat oben einen kennen gelernt. Der will sie von der Stelle weg heirathen!" .)!" sagte Papa Lorenz bedauernd. .So'n Pech!" ereiferte sich der Doktor. Sie würdcn's ihm kaum verdacht haben!" bemerkte Hammer, fein lächelnd. .Wann geht sie denn?" fragte Lorenz. So wie Ersatz da ist! Lassen Sie nur gleich heute wieder annonciren!" .Sofort, Herr Kommerzienrath!" .Aber zuverlässig ist sie doch, bis sie geht?" erkundigte sich der D?ktor. Sie können sich, glaub' ich. auf sie verlassen!" beschick ihn Hammer. Dann ging der Doktor Papa Lorenz hatte indeß die Annonce aufgesetzt. .Ich habe diesmal geschrieben ,nicht unter vierzig,' damit uns das Unglück nicht noch einmal passirt!" sagte er mürrisch. .Es ist ja kein Unglück, Lorenz! Gönnen Sie ihr doch das bischen Freude, daö ihr blüht!" ' .Ich kenne sie ja gar nicht! Außerdem: Wer weiß, was auf sie wartet in der Ehe!" .Na, na, Lorenz!" '.Ach was, ich bin ärgerlich! Ich könnte den Kerl vergiften, der uns das wieder eingebrockt hat ! Konnte sie denn nicht ,nein' sagen?" .Das hätte mich sehr unglücklich ge macht, lieber Lorenz!" sagte lächelnd Hammer. Der Alte sah ihm einen Moment lang zweifelnd in die Augen. Dann sprang er plötzlich auf und faßte nach der Hand des Fabrikanten. .Ich blinder Hesse!" sagte er ge- . rührt. Meine innigsten Wünsche, lieber Herr Hammer! Nein, wie mich das freut!" Ja, ja, eS ist ein sonderbares Haus, unser Sanatorium! Die Nächste holen Sie sich, Lorenz!" .Ich werde lieber , nicht unter fünfzig' schreiben!" brummte der Alte. Cine Gautikr-Ncliquic. Der berühmte französische Dichter Theophile Gautier kam erst wieder in seine Vaterstadt TarbeS als greiser Mann, die er schon als ein dreijähriges Kind verlassen und seitdem nicht wiedergesehen hatte. Gautier hörte während dieses Aufenthaltes zu seinem Erstaunen, daß man in Tarbes mit einer gewissen Pietät den Touristen, denen cs etwa einfiel, die Stadt y besuchen, im Gymnasium die Schulbank und den Schultisch zeigte, wo er gesessen hättc. Gautier beschloß, doch auch die wundersame Reliquie anzusehen. Er gab sich auch nicht durch die leisesten Andeutungen zu erkennen und erklärte dem Rektor, der ihn selbst führte, nur, er sei ein begeisterter Bewunderer der Werke Gautiers. Es interessirte Gautier nicht wenig, zum ersten Mal in diesem Leben die Schulbank seh:, die doch mindestens jene hätte sein können, auf der er gesessen. Wie flieg aber sein Ergötzen, als Ler Rektor zu erzählen wußte, welch' ein vorzüglicher, fleißiger Schüler der kleine Theophile, der jetzt so berühmte Dichter, gewesen sei. Schließlich zeigte man dem .Bewun- ' derer der Werke Gautiers" auch noch die Stelle, an der er in den Schultisch mit einem Federmesser den Namen .Gautier" eingefchnitten hätte. Ein Philister meinte Gautier oft hätte sich wahrscheinlich daö Vergnügen gemacht, seinen Namen zu nennen. Er aber ging, wie er gekommen war, und vielleicht zeigt man noch heute in Tardes die Schulbank und den Schultisch Theophile Gautiers. . Irischer ßumor. .Frieden ist Alles, was unser Land braucht," rief im Parlament Phelim O'Toole aus, .und Frieden müssen wir haben, sollten wir bis auf's Messer darum kämpfen!" Eine Exportfirma Irlands versendet einen ihrer Artikel ln Schachteln, auf denen der Empfänger ermahnt wird, .die Schachteln nicht eher , zu öffnen, als bis. er die darin eingeschlossene Instruktion geftsen hat." - - . - ' . X.
