Indiana Tribüne, Volume 29, Number 195, Indianapolis, Marion County, 11 April 1906 — Page 5

Jndisna Tribüne, k. Tlpril

4

imroc löncs.

Cint Scschichtk, von Margarethe v. Bcrhm. Hoch auf den Bergen ist ein einsanier Plaö, mit Gebüsch und Gestrüpp bewachsen; gclbblühcnder Ginster und rother gingerhut, Himbeerstauden und Stcrchschnabel werden uuS dem wunderlichen Moose geboren, darinnen eS herb und süß nach Erde, Pilzen und Äeeren riecht. Felöblöckc, braun, feucht und Wie zerrissen von der Zeit, stützen morsche Tannen, die ein Unwetter ge knickt und quer über den Boden gewcrfen bat, so daß ihr grauer MooSbehang den Stein deckt. Von der Hc!ie, fast angeklebt an die Bergwand, lugt eine braunglänzende .Hütte, von Weitem wie ein Bogelnest anzuschauen, hinab in's Thal, Vang ist der Weg von hier bis zu den Gehöften des Dorfes, und so kletterten wir den Weg hinan bis zu der niederen Thür und der ausgetretenen Schwelle und pochten leise, leise an das morsche Holz, der Antwort von innen gewärtig: Knusper, knusper Knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?" Statt der Heze jedoch öffnete uns ein Mann mit schlohweißem Haar und kräftiger, noch jugendlicher Gestalt, der uns ernst und freundlich, wie es die Art der Bergbewohner ist, zum Ruhen einlud. Die Einrichtung der Stube war wunderlich, genug; denn in einer Ecke gewahrte ich einen Kinderwagen, an der Wand darüber eine Zither und an -einem Ragel einen zerrissenen, verwaschenen alten Frauenrock, eine Schnur Wachsperlcn darüber. Ein Strohsack diente als Lager. .Ihr wohnt einsam hier,- sagte ich. .Ja, aber hier hör' ich die wilden Vögel schreien antwortete er. O Herr Sie brauchen nicht zu erschrecken, ich bin nicht verrückt nur allein!" Mein Blick streifte den Kinderwagen und den bunten Tand. .Daö da sind Andenken," funr er fort. .Und wenn Sie eine Schale Milch annehmen wollen, so erzähl' ich Ihnen die Geschichte. Ich hab' sie lange nicht erzählt, und ich könnte sie sonst verges sen " Das. Rauschen der Wälder brauste durch die offenen Fenster in denkleinen Raum. Der langgezogene Schrei der Gabelweihe verklang in der Ferne. Der alte Mann nickte. Dann begann er in sich hinein zu sprechen, leise und eintönig: .Wir waren zwei, sie und ich, und wir zogen des Sommers im Lande umher. Im Winter blieben wir meist in der Stadt und verdienten uns eine warme Supve, indem wir vernünftige Arbeit thaten, im Sommer kingegcn nahm ich meine Zither, und firchob den Kinderwagen, in dem wir zwar kein Kind, aber unseren ganzen Haushalt mitschleppten. Sie trug einen dünnen, zerrissenen Rock, ein grellblaues Tuch um den braunen Hals und hinterm Ohr eine Blume. Ihr schwarzes Haar war immer unordentlich, ihre Backen fast kastanienbraun, mit einer kräftigen Erdbeerfarbe überhaucht. . Erreichten wir ein Dorf, so versteckte sie sich mit dem Wagen im Walde, während ich hineinging und darin umherspürte. Sie hing ihre Sachen, allerlei buntes Zeug, in die Baumäste über sich, zeigte ihre blitzendweißen Zähne und' wand sich, träge und wild zugleich, im Grase. Sie war nicht meine Schwester. Aber seit wir klew rcaren, zogen wir so zusammen umher wie die lieben Vögel, und weil ein Herr Pfarrer uns Geld schenkte, helratheten wir uns. - Ich selbst ging ordentlich gekämmt und gekleidet, in einer alten, vom Wetter arg zugerichteten, aber sauberen tiroler Tracht. Wo wir hinkamen, begegneten wir zuerst dem Gendarmen, der uns unsere Papiere abforderte, und dessen Gesicht,. da unsere Papiere in Ordnung waren, noch brummiger wurde. Meine Frau kam den Leuten sehr verdächtig vor, während ich vertrauen erweckend genug aussah. Oftmals, wenn ich in einer Schenke spielte, bemerkte ich, daß der Wirth heimlich Jemand hinausschickte, ein Auge auf sie zu haben.. Wollte ich sie zum Essen herein, holen, dann sagte man wohl: .Die muß draußen bleiben, Ihr könnt drinnen essen." Murja sagte nie ein Wort darüber. .Geh nur, Rikol, geh nur, Du bist so schön, ich bin so schmutzig, geh nur!" Wenn sie sich wusch, so steckte sie den ganzen Kopf in einen Brunnentrog, zog ihn triefend wieder heraus, schüttclte sich wie ein junger Hund und trocknete sich in der Sonne. Nach lern gen Märschen rannte sie in einen Bach, bis ihre Füße von dem kühlen Wasser roth wurden, und trat 'dann wieder in den Staub, unbekümmert um den Lehm, der sich zähe um ihre schlanken Knöchel legte. Sie hockte oft stundenlang am Eingang der Schenken, geduldig und dank dar, wenn ich ihr ein Glas Wein hinausbrachte oder ein Stück Brod, an dem sie kaute, während ich mit schmerzenden Fingerspitzen auf meiner Zither gellende, herzzerreißende Töne hervorbrachte, unter deren Wucht meine Hand zitterte. Sie war eö gewohnt, daß man sie häßlich und verdächtig fand, und schlich mit einem wilden Schielblick, der das Welße lbreö Auaes unheimlich alönzen

tten, mnrer mir vrein, wenn wir auf

dem Heuschober eines Wirthshauses Nachtquartier bezogen. Ebenso hatte sie die Gewohnheit, wenn ein Fuhrmann draußen auf der Straße .mit der Peitsche knallte, beide Hände wie zum Schutz über den Kopf zu halten und davonzulaufen.mem Tirfi nicht zu fürchten, Murja," sagte ich dann. . .Du hast Deine Papiere in Ordnung, und Du hast nicht gestohlen; sie können Dir nichts thun." Daß sie zuweilen Mohrrüben im Borbeiwandcrn aus der fetten Ackererde zog und hineinbiß, daß sie alle unreifen Aepfel auflas, die der Wind in den Wegstaub warf, nachdem die Würmer sie halb zernagt hatten, daß sie Aehren abriß und die Körner aß. daö möcht' ich ihr nicht verbitten. Denn oft war sie hungrig. Kein Bursche blickte nach Murja. Ich war daö zufrieden. Und wenn Tanz in den Dörfern war, so stand sie ganz in den Winkel gepreßt, halbzcrdrückl von der Menge, während ich von den Schönsten geholt wurde und den Boden stampfte, daß es donnerte. Einmal traf ich sie. .Komm, Murja," sagte ich mitleidig mit glühenden Backen, .tanz' mit mir!" .Ich will nicht!" sagte sie heiser und zum ersten Mal grollend. .Ich will nicht mit Dir tanzen ich will einen Anderen!" Ihre Stimme klang rauh, sie nagte an ihren Nägeln. , . - .Ist das des schönen ZigeünerS Schatz?" fragte eine Bauerndirne ihre Kameradin. . . Jh, so eine Wilde! 'So eine Wüste! Er aber ist blitzsauber!" ,'" MurjaS Trotz ärgerte mich. Ich faßte die Bäuerin um und drehte mich mit ihr. Als ich wiedererschien, war Murja verschwunden. Ich sand sie'im Hofe, allein. .Waö machst Tu da, Murja?" .Nichts." . . .Was hast Du in der Tasche?" .Laß los sie brechen ja entzwei" Ich rang mit ihr. .Murja, Tu hast Eier aestoblcn!" . , .Warum soll ich keine stehlen?" .Schäme Tich!" .Warum? Geh Du nur. Du schöner Mensch! . Ich. bin häßlich, ich bin nur zum Stehlen gut. Ich bin häßlich, mich liebt Niemand!" Ich lachte. Ich wußte nicht, was sie meinte. Daß Jemand etwas entbehrt, wenn er nicht angelacht und angeschaut wird, das konnt' ich mir nicht denken. .Dich achten sie Alle, mich verachten sie!" Murja spuckte aus. .Ja, ja. Du bist ein blitzsauberer Patron, Du hast ein Gesicht wie ein Bild!" Sie wurde mir lästia mit ihren heftigen Geberdcn, und zum ersten Mal siel mir auf. daß sie schmutzig und verwahrlost sei, und daß die Weiber da drin in der Schenke ganz anders waren. .Ich sprang jn'S.Hauö zurück und spielte einen lustigen Marsch, und als ich mitten im besten Spielen war, forderte mich der Ortöschulze auf, im Winter bei ihnen im Dorf zu bleiben. Ich sei ein ordentlicher Kerl er biete mir eine gute Stelle als Taglöhner, und neben bei könne ich meinem Beruf mit der Zither nachgehen. Von der Murja war keine Rede, und ich dachte, ich würde sie schon einschmuggeln können, war sie doch mein angetrautes Weib. Die Auesicht aus Ruhe, Sattesscn und warmen Herd im Winter, überHaupt auf ein steleS und anständiges bürgerliches Leben lockte mich nicht wenig nach dem Umherstreifen in der weiten Welt.' Ich gab vor, mir'S überlegen zu wollen, und rannte hinaus zu Murja, die auf der Schwelle faß. .Bist immer n:ch allein?" sagte ich zur Einleitung, aber bereits zitternd vor Freude und Aufregung. .Ich? Ja. Mich rührt Keiner mit der Zange an. Ich bin ein Scheusal, ich!" Anstatt ihre, schlechte Stimmung zu bemerken, platze ich mit der Nachricht heraus : Was würdest Tu sagen, wenn wir hier bleiben? Sie haben mir eine Stelle angeboten ein Dach und Arbeit und Essen Dir?" Uud Dir," sagte ich hastig, denn das war nicht wahr. .Hier? Und immer sitzen und sitzen im Hause und spinnen?" .. .Murja,. eS ist ein großes Glück! Wir werden satt zu essen haben Du brauchst keine Eier mehr zu stehlen, Du darfst es nicht, sonst werden wir wieder hinausgejagt auf die einsamen Straßen " Sie lachte. .Tu bist so schön, sie wollen Dich behalten mich möchten sie in's Wasser werfen, ja, aber ich gehöre zu Dir, wenn, ich auch häßlich bin ; Du kannst mich garnicht loswerden" .Murja," bat ich, .sei nicht so wild! Sieh, alle Leute werden mich ehren, mehr, als wenn ich ein Vagabund bleibe, dem die Gendarmen die Papiere abfordern. Ich werde so gut wie ein Herr sein, und Keiner hetzt mehr die Hunde auf mich." .Und dann werd' ich einsam in der Hütte sitzen wie jetzt auf den Schwel. len, wenn sie schön mit Dir thun" ' Du mußt nicht immer an Dich denken, Murja." .Ja, bleib Du nur hier und laß Tich ehren in den dumpfen Häusern, wo die Bauern Deine Herren sind; aber ich will nicht Magd sein, ich will unter dem freien Himmel wie die wilden Vögel nisten!" .Sie that einen gellenden Pfiff durch die Finger und . steckte den Blumenstengel, den sie hinterm Ohr trug, in den Münd. Nach Alt der. Menschen.

die nur das hören, was sie gern hören

wollen, nahm ich ihre Hand: .Alzo Du willigst ein?" .WaS fragst Du mich?" .Weil ich Dich gern habe, Murja ; weil Du ein gutes, treues Geschöpf bist Sie sah mich'von der Seite an und nickte hastig mehrmals hintereinander. .Ich sag: es denen drin, daß wir bleiben?" Ja. ja." In meiner Herzensfreude streichelte ich ihr widerspenstiges Haar und ging mit ihr an den Straßenrain, wo ihr alte? Kinderwagen stand mit dem blechcrnen Kochtopf, dem Korb mit ihrem bunten Tand und den Papiertüten mit Kaffee- und Zuckcrrestcn. Siehst Tu, Murja,- begann ich ihr auseinander zu seyen, .Du wirst Schuhe und Strümpfe tragen und am Feuer sitzen, ohne daß Du an den Straßenecken in München den lieben, langen Tag Zündhölzchen feilzubieten brauchst. Ich verdiene genug." .Weil Du hübsch bist. Wenn ich hübsch wäre, würde ich noch mehr verdienen als Du." .Ich bin nicht zum Vagabunden ge. boren. Mein Vater war Mausfallen' Händler, aber mein Großvater Vermalter auf einem Gut, bis sie ihn hinauswarfen, weil er die Tochter des Herrn liebte. Ich hab' oft eine Sehnsucht ge habt, wenn wir einsam auf den unendUchen Wegen wanderten, Murja, Sehn sucht nach einem rauchenden Schornstein und nach einer. Familie ich meine, nach der Gemeinschaft von Menschen, wie sie in einem Dorfe oder in der Stadt zu finden ist. Wilde Vögel sind kühn und frei, aber sie haben keinen Verstand und werden schlecht. So möcht' ich nicht fein." .Bin ich schlecht?" fragte Murja. .Du kannst es werden. Hast Du nicht schon Eier gestohlen? Und ein Dieb ist ausgestoßen von den Menschen und sieh ich bin ehrlich, Murja." .Geh jetzt nur und laß mich draußen! Der Sonnenschein ist besser als öuer Herdfeuer, und wenn im .Herbst die Nebel brauen im Wald und es kalt ist unter dem gelben Vaub und droben am Himmel der Weih kreischt, dann ist mir wohl, Nikol wohl!" Sie jauchzte auf und warf sich. in's Gras, die Halme ausraufend. So, that sie, wenn ihr wohl war. Ich näherle mich ihr. .Geh fort!" sagte sie, nach mir schlagend, .ich hab' Dich lieb.gchabt, eh' die Anderen Dich schön fanden.' Nun werd' ich verachtet, und Dir wirst geehrt. Ich kann Tich nicht mehr leiden!" '. - langsam ging ich der Schenke zu, wo man meiner Entscheidung.yärrte. , .Ich will bleiben," sagte ich,' .'und mein Weib mit mir." . Es gab Achselzucken und Stirnrunzeln. .Natürlich, natürlich," sprach der Schulze, .uud eö ist anständig rott Euch, daß Ihr so reder. Ein Anderer hätte sie' zum Teufel hm, hm," ver besserte er sich, .ich meine " Die Bauern kratzten sich hinterm Ohr. .ES ist eine gar Kuriose'und schaut aus wie .eine Zigeunerin aber" - . ' .Ich halt' zu ihr," sagte ich. .Wer mich hat, hat meine Murja." , Und Ihr seid noch verliebt in sie?" .Verliebt? Das bin ich niemals gewesen. Ich hab' sie eben immer gehabt. Ich bin so aufgewachsen." .Ihr seid ein ganz sclider Mensch," sagte der Schulze, .und ich verwende Euch im Steinbruch. Abgemacht! Herr Wirth, eine Halbe! Und sür Euere Murre, oder wie sie heißt, kann Arbeit in der Spinnerei geschafft werden." .Nein, nein," wandte ich hastig ein, .die darf nichts thun. Sie stirbt, wenn sie in der geschlossenen Stube sitzen muß!" Wir tranken eine Halbe und noch eine Ganze. Ich saß so warm und behaglich unter meinen zukünftigen Mitbürgern, als seien sie meine Brüder. Ich vergaß, daß die Stunden flössen, und daß es dunkelte. Ich vergaß auch Murja. Künftig würde ich ein armer, aber seßhafter Mann sein, mit Pflichten und Rechten., Meine Stimme würde etwas gelten und die Gendarmen mir nicht mehr in den Weg treten. Und ich malte mir mein Leben aus, wie nur ein verstoßener,' frierender, hungernder tiroler Musikant eö thun kann. Denn heim, in meine Berge, dahin war'S weit. Zwischen meinem Thal und hier" gingen viele Ströme und ragten viele Felsen. Erst als es spät ward, ging ich,' Murja zu suchen, damit wir auf dem duftenden Heu zur Ruhe gehen könnten. Aber ich fand sie nirgends. Ich rief, ich pfiff, ich schrie. Jede Spur von ihr war verloren. Sogar der Kinderwagen war verschwunden. Unsägliche Angst befiel mich. WaS thun? Wohin mich wenden? Die Dorsstr'aße lag so still und schwarz, kein Hund schlug an, kein Vogel zwitscherte; die einzige Laterne des Dorfes warf ein trübes Licht quer über die Gasse. .Murja, Murja!" Ein Bauer, bereits mit der Nacht' mütze angethan, steckte den Kopf zum Fenster heraus und ersuchte mich, nicht so zu schreien. Da plötzlich huschte ein Schatten um die Ecke, verfolgt von einem zweiten, noch größeren Schatten. Plötzlich fühlte ich meinen Hals umklammert. ES war Murja. Ich sah sie lachen, und ihre Zähne blitzten, als wollte sie mich beißen. , ; Der zweite Schatten legte eine Hand auf ihre Schulter.

' .Gehört dieses Frauenzimmer zu Euch?" wurde ich gefragt. 'Cs.ist meine.Frau. Aber" ..Folgt mir!" Was war zu machen? Eine halbe Stunde .später saßen wir Beide hinter Schloß und Riegel, weil Murja im Hose des Holderbauern beim Hühner stehlen betroffen worden war. Was habt Ihr zu sagen, Nikol öaric?" Ich? Nichts. Nur daß ich eö nicht begreife " Die Schande drohte mich zu ersticken. Schmerz und Zorn tobten in mir. Meine schöne Zukunft! Vernichtet! Alles vernichtet! .Er stellt sich dumm." sagte der Schulze.. Der Polizeidiener gab mir einen heimlichen Stoß. Meine Frau mit großen Augen, die sie nicht niederschlug, lachte sie mich noch immer an erwiderte auf die Frage des Schulze'n, daß sie allerding die Absicht gehabt habe. Hühner zu stehlen. .Wußtet Ihr von dem Diebstahl?" ward ich gefragt. . .Nein," antwortete sie rasch für mich. .Ich hab' es gethan, ich allein" ' .Das wird die Untersuchung ergeben." .Murja!" sagte ich, .ungerathencs Geschöpf! Du hast uns Alles verdorben!" Und ich begann zu weinen. .Lauter Komödie! Abgefeimtes Volk !" brummte der Schulze. Daß er sich in mir so schwer getäuscht, daß ich ihn in seiner Güte betrogen hatte, das rechnete er mir noch besonders an. .Ist es erlaubt, daß ich meinem Weibe einige Fragen stelle?" bat ich schüchtern. . , Statt jeglicher Antwort packte mich der Polizeidiener am Arm,. und bald saß ich im sicheren Gewahrsam. Was aus Murja geworden wußte ich nicht. , Bestrast! Mit Gefängniß, mit Zuchthaus vielleicht! Ich unehrlich ge worden, ein Dieb! Gott, wie ich mich schämte wie ich mich schämte! , Die Blätter fielen von den Bäumen, als man Murja freiließ. Ich selbst war der Hehlerei nicht überführt und entging deshalb ihrem Schicksal. In der nahen Kreisstadt war sie abgeurtheilt worden, und dort holte ich sie ab im 'Herbst, matt und krank' an Leib und Seele, ganz gebröchen, viel zu unglücklich, um Lärm zu schlagen oder sie 'u züchtigen, wie ich mir'S im ersten Zorn vorgenommen hatte. Ich war gleichgiltig geworden. Mit schlaffen Gliedern schleppte ich mich. zu ihr, als man ihr die Freiheit wiedergab, und ich mochte wohl elend zcnüg' aussehen denn sie schrak zusam-men:-Murja war blaß von der engen Lufi" wie sie erklärte; aber sie lachte übet's ganze Gesicht, sorglos und leichtsinnZg als käme sie aus einem Palast 'anstatt aus dem Gefängniß. " Sle schwenkte ihr Bündel in der einen Hand, stemmte die andere in die Hüfte und sagte: .Wie geht's?" Wir. hatten, seit jenem Abend kein Wort mit eiUandcr sprechen können. Als wir damals von der Polizei durch' Dorf geführt wurden und Alle meine Stande sahen und man uns verhöhnte, da glaubte ich, es sei ausgeredet zwischen ihr und mir .Komm nur mit," sagte ich letzt, sie rauh an der Hand reißend, .hier drin nen in. der Stadt, wo Du Deine Schmach gestanden, rühr' ich kein Stück Brod mehr an. Wir wandern, wir laufen, bis wir todmüde auf's Stroh sinken und schlafen, und so fort, und so fort, daß,wir nur nicht denken müssen." .Ja, wir wandern!" rief sie leichtherzig. Sie riß ein Blatt von einem Busch und zerkaute es. .Das schmeckt nach Freiheit ! Fast hätt' ich mir im Gefängniß den Kopf an der Wand zerstoßen' wie ein wilder Vogel im Käfig aber eö ist nun vorbei. Warum freust Du Dich nicht?" Schweigend und mit langen Scyritten verließ ich das Weichbild der Stadt, begleitet von Murja, die unterwegs ihre Toilette vervollständigte. Sie knüpfte das blaue Tuch um ihren Hals, schlang eine Reihe Wachsperlen um den rechten Arm und pflückte einen Strauß wilder Blumen, um ihn in ihrem rothwollenen Gürtel zu befestigen. Endlich standen wir auf offener Landstraße, und die Dächer der Stadt, verschwammen im Sonnendunst der Ferne. Sommerfäden glitzerten und zitterten im Licht und flogen uns in die Augen, so daß Murja blinzelte. Ich packte Murja an beiden Schullern. Warum hast Du das gethan?" fragte ich kurz, stoßweise. .Was?" Murja!" .Also Du willst es wissen? WaS lag mir an den jämmerlichen Hühnern, die ich nur nahm, weil sie schreien und mich verrathen würden. Und verrathen wollt' ich sein denn das war der Zweck" Ich starrte 'sie an, ohne zu verstehen. .Sie wollten aus Dir einen Betrüger machen, den sie achten un ehren, und mich mißachteten und haß ten sie, weil ich häßlich bin und Du schön bist ich hätt' zusehen müssen, wie sie Dich mir stückweise genommen hätten. Da beging ich den Diebstahl. Ich beging ihn, weil ich wußte, daß dann Alles aus war, und daß ich Dich dann wieder ganz für mich hätte.". Meine Hände drängten nach ihrem Halse. Darum ließ ich sie loö und legte die Hände auf den Rücken.' . ) ' v . ' '

.isietfte," keuchte . ich," .schltmmer als eine Diebin! . Nicht aus Hunger hast Du gesündigt, sondern aus Eifersucht! Mein Leben verdorben, aus Eifersucht!" Bah," sagte sie, .seit wann haben Heimathlose einen ehrlichen Namen und so weiter? Wenn man doch glaubt, daß wir stehlen, warum sollen wir's nicht thun? Mir ist es eins Du bist dumm!" ' .DaS heftet sich an unsere Sohlen wie schwere, nasse Erde beim Wandern und wird immer schwerer und Dich soll ich nicht hassen?" .Hassen?" wiederholte Murja und sah mich groß an. .Warum? Ich hab' Dir doch nichts gethan." Da schwieg ich. Am Himmel schrie der Weih ich sah ihn dahinschießen und dann in der Luft ruhen ' .Geh!" sagte ich. ' .Ja, aber" .Was willst Du noch?" .Ja. wirst Du mich nicht prügeln?" .Dich?" Sie mochte die unendliche Verachtung herausfühlen, die in dieser einen Silbe lag, denn sie wurde roth. 'Früher hatte ich für meine Gefährtin eine Zuneigung empfunden, halb Gewohnheit und halb Wohlgefallen, manchmal mit einem Blitz von Leidenschaft, den ihre Wildheit in mir entzündete. Jetzt war'S kalt und leer in mir. ; Sie hatte mich verloren. . Mit der, Kälte, kommt die Gleichgiltigkeit, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Ward ihr klar, waS sie mir angethan? Sie versuchte es hinwegzulachen der sonnenhelle Herbsttag trieb mich völlig zur Verzweiflung. Begegneten wir einem' Fuhrmann, so hätt' ich mich vor ihm verstecken mögen, und forderte ein Gendarm uns die Papiere ab, so stand ich mit niedergeschlagenen Augen zitternd vor ihm, den Angstschweiß auf der Stirn.. Murja durfte keine Aepfel auflesen, so sehr sie auch hungerte. Als Wir Abends spät in ein Dorf famen, mußte ich an den Verdienst denken. Abeich spielte nicht Zither, ich verdingte mich, Unkraut zu jäten am anderen Tage, und erhielt dafür Nachtessen und Nachtlager. Dcr Bauer reichte uns einen braunen Topf und zwei 'Vlechlöffel in den Holzschuppen hinauf, wo eine Streu von welkem Laub unser harrte, und da saßen wir dernr im Mondschein, der sich durch eine Oeffnung im Gebälk drängte. . .Komm,, iß!" sagte ich zur Murja. . Sie schüttelte den Kopf. Von mir abgewandt, blickte sie hinaus, in die Helle ,3ß!" : .Nein, nein!" . Sie, die sonst Alles verzehrte, was irgend eßbar war, die ewig Hungrige, sie wollte nicht essen! ' .Sei 'vernünftig, Murja," sagte ich weicher. ...... ... ' Doch sie antwortete mir nicht mehr Erst, alö ich mich auf meine Streu streckte, kroch sie in einen dunklen Winsei weit weg von mir, und grub sich in die Blätter ein. Dann rührte sie sich nicht mehr die ganze Nacht. Ich schlief wie ein Todter und erwachte nicht vor vier Uhr, al der Hahn vks Bauern gellend krähte. Darob fuhr ich aus dem' Traum in Todesangst: '.Murja! Die Hühner!" ' Den Blick, den Murja auf mich warf, den werd' ich nie vergeffen. Unsere Arbeit war in einem halben Tage gethan. Murja schasste hastig und viel, wobei sie stöhnte und keuchte.' WaS sie vollendet hatte,, mußte ich noch einmal nacharbeiten; sie hatte eben keine glückliche Hand; was sie anrührte, gedieh nicht. Um zwölf Uhr kam der Bauer zu uns gerannt,eine alte, -zerknitterte Zeitung in der Luft schwenkend. Eine Stelle darin war, blau angestrichen, und dort ständ fett gedruckt : .Achtung ! Hühnerdiebin!". .Heißt Du nicht Murja?" schrie er mein Weib an. Sie nickte. .So mach', daß Du fortkommst mit sammt Deinem Kumpan! Also Ihr seid's das da daö da" .Ich hab' Euch nichts gestohlen!" rief Murja trotzig. Möcht' nichts von Euch!" Ich legte, ihr die Hand auf den Mund. Wählend der Bauer uns zwang, den Wagen und unser Bündel auszupacken, und während er unsere Taschen untersuchte, schwieg ich, denn ich hatte das Recht nicht, es ihm zu verweigern. Endlich dursten wir weiter gehen. Und zum ersten Mal an dem Tage redete sie mich an : .Du würdest wohl gern bleiben, bei Leuten in einem Dorfe immer noch?" .DaS ist vorbei," sagte ich, .Du weißt eS." Sie gab dem Kinderwagen einen Stoß, daß er weit vor sie her durch den Staub rollte, und lief ihm dann wieder nach. Dieses kindische Spiel trieb sie wohl zehnmal. Abends zündeten wir uns ein Feuer aus einem verlassenen Meiler im Walde an, um unsere Suppe zu kochen und uns zu erwärmen ; denn herbstliche Nebel Durchkälteten uns bis auf' Mark. Meine Glieder schmerzten, ich streckte mich ln's Moos. Lebensfreude 'und Lebensmut h waren todt in mir Die Gluth leckte bis zu mir herüber, ich schloß die Augen. Murja kauerte im Flammenschein und starrte mich nn --"- Plötzlich .fühlte ich ihren Athem an meinen ..Schläfen. Ich fühlte ihren Arm auf meiner Brust. ...Nikol!". . .., ;

Ich erwiderte rem Wort, weil tch nicht konnte. Da lachte sie auf, hell und leichtsinnig wie gewöhnlich. Dann hörte ich ihren seltsamen, unregelmäßigen, ' hastigen Schritt, ich hörte trockene Zweige unter ihren Füßen brechen sie entfernte sich. . DaS Feuer erlosch. Ganz allein und ganz einsam war ich; es war wie ein Grab über der Erde, ohne einen Laut, ohne eine Regung. Schatten sanken von den Tannen herab, wie schwarze, schwere, hochgerafste Tücher. Ohne. Gedanken lag ich da, unbekümmert, ob die Zeit stillstünde und ich mit ihr Mit einem Mal erscholl ein gellender Vogelschrei über mir, ein Schrei, wie ihn die wilden Vögel thun, wenn sie einander rufen und ich -stand auf den Füßen. Halb aus Instinkt ging ich dem Ruf nach nnd halb aus Ncugicr. Wie das gellte und zitterte! Das Blut gefror mir in den Adern. Auf einem Felsenvorsprung, der sich über eine jäbe Kluft lehnte, entdeckte ich Murja. Den Vogel sah ich nicht. .Da bist Du!" schrie sie mit ihrer, heiseren, bedeckten Zigeunerstimme..Ich hab' Dich in meiner Sprache gerufen verstehst sie doch noch?" .Murja, bist Du toll?" .Schreiben kann ich nicht. Und Du sollst wenigstens wissen, warum ich das thue, was ich gleich thun werde. Du willst ja immer das Warum wissen. Du hast gesagt, daß Du mich hassest war nicht nöthig wußt' ich schon vorher und vergessen kannst Du auch nicht. Ich bin eine Andere als Du; ick bin ein wilder Voael. so hast Du mich oft genannt. In deinen Augen bin ich mit Schande bedeckt, weil ich eine Diebin bin; so lang' Tu mich hast, bist Du auch ehrlos. Und ich hab' mich noch nie im Leben geschämt aber Du schämst Dich" .Murja," rief ich, ihr nachkletternd, .komm! Was willst Du da oben?" .Du haft einen Vater gehabt," schrie sie wild. .D'rum bist Du ehrlich. Der war besser als wir. Doch mir liegt die Schlechtigkeit im Blut! Ich will Dich nicht schlecht machen, wie ich. bin! Als ich einmal in' der Kirche wär, hat der Pfarrer etwas gepredigt von dem verfaulten Apfel, den man nicht in einen Kasten mit dem guten legen dürfe aber da jagten sie mich aus der Kirche, die Elenden, weil ich barfuß war ' Ich erreichte Murja. Ich wollte sie fassen. ' . .Bleib!" rief ich athemloö. .Bleib! Was willst Du hier?" Sie glitt mir unter den Händen fort. .Was ist an einem Ding, wie ich bin, gelegen? Die Vögel fallen aus der Lust und sind todt" : Wieder durchschnitt jener entsetzliche Schrei die Nacht und vor mir rollte . ein Körper über den Felsen hinab .Murja!" schrie ich. MH& Mifi tiiit

4111V VIUW Man hat sie nie gesunden. Es war wie ein Rätkiel. das nie oelöii wurde. Und ich? Ich kniete vor ihrem alten Wagen und ihren armen Siebensachen dort. Die Schmach war gestorben mit ihr, und doch hat es mich wie mit Furien in der Welt umhergejagt, und wenn ich den Schrei der wilden Vögel hörte, so packte mich ein nagendes Sehnen nach Murja; mir war, als hätte ich sie gar nicht recht gekannt, als. hätte ich eine Brille aufgehabt, die einem Allee verzerrt erscheinen läßt . Ich hab' sie gerichtet. Ich selbst. Härter als der Fels, von dem sie siel, wie die wilden Vögel fallen. Später, meine Herren, gerieth ich in die Hände , eines Mannes, der aus mir seinen Diener machte. Dann ließ er mich unterrichten und machte aus mir eine Art Sekretär und Tausendkünstler. Man ehrte und achtete mich und zuletzt sloh ich vor alledem zurück in die Armuth Und ich möchte den Tag zurückerkaufen, wo ich mit Muja, schuldbeladen, als Dieb gebrandmarkt, mei ner Straße zog." Der alte Mann hielt inne. Sein Gesicht, das heute noch Spuren einstiger Schönheit zeigte, wurde vom Abend' schein röthlich überhaucht. ' Er reichte uns die Hand und .sagte noch wie entschuldigend: .Ich hab' lange gesprochen und lang ist die Reue. Am längsten währt die Ehrlichkeit, sagt das Sprichwort. Meine hat mich ein Menschenleben gekostet." ' . . praktisch. Kollege (auf dem Amt erzählend): .Sehen Sie,' meine Herren, ich nehme jeden Tag in der Küche zwanzig Kaffeebohnen aus der Büchse, außerdem fünf Stückchen Zucker und eine Fingerspitze Thee. Das sammle ich dann in drei großen Düten und schenke die jedes Jahr meiner Frau zum Geburtstag." S mnrer schneidig. Leutnant: .War wirklich pyramidale Leistung, gnä' Fräulein!" K l a v i e r v i r t u o s i n : .Es hat allerdings auch jahrelanger Uebung bedurft, bis ich soweit kam." L e u tn a n t : Kamt mir's schon denken, wie's angreifen muß. den ganzen Tag auf der Drahtkommode Griffe zu kloppen!" ' In Londoner Barbier--st u b e'n finden sich jetzb auch Attomodationen' für solche Männer, welche sich selbst rasiren wollend '.Die zuvor-

rommenoen fflgaros halten' unter Änderem auch die Rasirutensilien in Ordnung und unterweisen die Unerfahrenen, die, die Kunst, des Selbfirasirens, lernen wollen. , , , , . f . ..

.' i,

Jka Hr.