Indiana Tribüne, Volume 29, Number 193, Indianapolis, Marion County, 9 April 1906 — Page 5
ctOjidjt ober Zufall?
Ein lirisrerltbnilj, von llubolf Immann Der Sommer des Jahres 188., den ich in einem freundlichen kleinen Orte am Südtzarz verlebte, war ungewöhn. lich regenreich, 'iele Familien wußten nicht recht, ob sie noch dableiben oder Kieder abreisen sollten, und selbst im Juni mußte man wiederholt die Oefen heizen, um die kalten Gemächer wohnlich zu machen. Der Regen trosf, und die Wildbäche rauschten; es klang poetisch und romantisch, aber die Wirklichkeit war greulich. Im Gaslhause des Herrn Schüler, wo man sehr gut aufgehoben war, fehlte es trotz des kühlen Wetters nicht an Gästen, die sich bei der Ungunst der Witterung enger aneinander anschlossen, als es sonst wohl geschehen wäre. Hervorzuheben waren ein Oberst a. D., der die zarte Damenwelt ganz auffal lend bevorzugte; ein Stiefelfabrikant aus Frankfurt, der mit sechs erwachsenen Kindern erschienen war, sehr prahlerisch auftrat und sich bei Tische triumphirend umsah, wenn er den Pfropfen einer Champagnerslasche knallen ließ; ein Baron, der den Jagdjunker herausbiß und erstaunliche Hel denthaten vollführt haben wollte; ein hypochondrischer Oberlehrer, der als wandelndes ZiranlheitSarsenal Mitleid erregte ; eine schwärmerisch veranlagte, gar zu sentimentale Frau Rath. Diese und mehrere Andere regten zu Charakterstudien an und gaben Stoff zu interessanten Betrachtungen; doch an diesem Klatsch, der' natvllich nicht fehlte, betheil.igte ich mich nicht, da ich meine Beobachtungen meistens für mich behielt. Ausländer waren wenig da; ein Schotte, der mit seiner Flauerschien und trotz seiner roth eingebundenen Reisebücher und Sprackführer kaum zwei dusche Worte herauszuquetschend vertan . verschwand schon nach zwei Tagen ?ieder; er hatte die Kellner in unglaublichste Verwirrung verseht, indem er . oft die Worte verwechselte und Häringssalat bestellte, wenn er Schlagsahne haben wollte. Er erzählte mir ganz offenherzig, daß er in Teutsche land reise, weil es billiger als daheim sei, aber die schwierige deutsche Sprache zu lernen, machte er keinen Versuch und erlitt dadurch manchen Verdruß. Gegen Ende Juni traf eiue englische Familie ein, die aus einem älteren Herrn bestand, der einen graumelirten Bart trug und recht leidend erschien, einer üppigen, noch in den Zwanzigern stehenden Brünette, die, wie die Herren der Badegesellschaft sofort behaupteten, mit herausfordernden Blicken um sich warf, und einem blinden, ' etwa achtzehn Jahre zählenden Mädchen. Man rieth hin und her, in welchem verwandtschaftlichen Verhältniß die beiden Damen zu einander standen; bald, kam die Wahrheit an den Tag. Die Blinde, die ein sanftes, sehr zar tes Antlitz besaß und einen ungesunden, schwächlichen Eindruck, wie ihr Vater, machte, war die Tochter erster Ehe, und die kecke Schönheit die zweite Frau. Vor den Augen der übrigen Gaste lebten diese drei Personen in recht harmanischen Beziehungen. Die Tochter vergötterte den Vater, der gewiß sein armes Kind zärtlich liebte, und die schöne Frau, die recht selbstbewußt auftrat, zeigte sich an der Tafel, obschon sie ein bischen kokettirte und zuweilen lodernde Blicke um' sich warf, als besorgte und aufmerksame Hüterin und Pflegerin der armen Blinden wie ihres kranken Mannes. Mit rührender Selbstaufopferung schlug sie jede Theilnähme an Ausflügen ab; ihr Gemahl, sagte sie, sei noch zu leidend, und die blinde Stieftochter käme überhaupt nicht in Frage. Es hieß eines Tages, die schöne Fremde sei nach dem nicht weit entfern ten Nordhausen gefahren und dort in den Anlagen mit einem sportsmäßig gekleideten Landömann gesehen worden; aber das konnte doch auch ein naher Verwandter, vielleicht gar ein Bruder gewesen sein, und da sie am Abend wieder erschien und Niemand darnach zu fragen hatte, verstummte auch das wahrscheinlich sehr unnöthige Gerede bald wieder. Die schöne Frau war in der That für die anderen Gäste so gut wie unnahbar; sie gab sich in irgend wie vertraulicher Weise mit Niemand ab, nur in ihren Augen flackerte etwas Unstetes, und unterweilen, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, zog so etwas wie ein Wetterleuchten über ihr prachtvolles Profil. Eine? der Gäste, ein Buchhändler, der sie eines TageS mit ihrer Stieftochter im nahen Wäldchen traf, behauptete, es wäre ihm vorgekommen, als ob eine Tigerin mit einem kranken Reh spazieren gegangen sei ; aber man sagt ja, daß die Apotheker und die Buchhändler, unterweilen nicht ganz frei von schrullenhaften Einfällen sind. Die Physiognomik ist bekanntlich eine Kunst, die leicht zu Trugschlüssen führt. Es gib! Menschen mit Verbrechergesichlern, welche die liebevollsten Gutten und die fürsorglichsten Familienväter sind, und mancher Adonis übeik trifft an Nohheit den gemeinsten Stallknecht. Der früh gealterte und gebrochene Gemahl der schönen Frau schien sich trotz der herrlichen Waldluft und der prachtvollen Julitage, die endlich auf die Regenperiode folgten, nicht sonder lich zu erholen. Er entwickelte der guten Küche ungeachtet wenig Appetit, sprach wenig und zeigte kaum ein bischen Ledersfreude': seine dann und wann
in's Grünliche spielende Gesicherte verrieth irgend ein 'inneres Leiden, das der ärztlichen Kunst spottete. Der Badearzt, Doktor Krummholz, der eines Tazcö aus Wunsch der schönen Frau zu ihm gerufen wurde, erzählte später achselzuckcnd, er habe bei der Untersuchuna niclits in hohem Grade Anaegriffencö oder leidendes finden können; es seien Symptome vorhanden, daß die Leder nicht ganz ordnungsmäßig fungire, auch das Herzgeräusch sei nicht völlig normal, aber andererseits deute nichts auf eine akute Krankheit. Allerdings habe er nur kurze Zeit dcmPatien-! ten widmen können. die schöne Gemahlin habe aus unnothiger Aesorgniß, ihr Mann könne sich erkälten, so gedrängt, aber wahrscheinlich werde er doch ein zweites Mal gckclt werden, und dann werde er keine R'ücksichten nehmen und! sorgsamer und langsamer nachforschen. Es kam so, wie er gesagt hatte, er wurde eines Nachts bei einem plötzlichen Hustenanfall des Leidenden herbeigerufen. sprach sich aber am nächsten Tage mit sichtlichem Widerstreben, auf die Sache näher einzugehen, nur oberflcchlich und unbestimmt aus. Ich kannte aber meinen Pappenheimer; der Arzt gehörte zum Geschlecht der Strengvertraulichen,- die es für dringend erforderlich hallen, unter dieser Maske auch die gleichgiltigsten Dinge zu erzählen. Als ich ihn am nächsten Tage bei einem Glase Bier traf, frug ich ihn in der geheimnißvollen Art, die er so liebte, wie es mit dem Engländer stehe. Mich inte ressirte die Familie, und ich hatte eine eigene Ansicht über Die schöne Frau, deren Charakter zu bestimmen die gesammte Badegesellschaft beflissen war. Natürlich ganz im Vertrauentheilte mir . Doktor Krummholz mit, bei dem Alten sei doch Vieles in Unordnung, große Störungen seien in vielen Organen vorhanden, und das Gesammtbefinden sei kläglich. Ich kann es nicht beweisen," setzte der Doktor im Flüstertone hinzu, gar nicht, aber ich bin moralisch davon überzeugt, der Mann leidet an den Folgen irgend eines langsamen Giftes, vielleicht eines schwer' entdeckbaren Pflanzengifteö." ... Unsinn!" unterbrach ich ihn. Wir leben zwar nicht . in der , besten der Welten,' aber auch nicht gerade in romanhaften Zuständen. Haben Sie ihn oder sie nicht gefragt, ob er nicht die unfehlbaren englischen Pillen, Balsamtinkturen und so weiter gebraucht hat oder noch heute gebraucht? Die Engländer .sind .auf.. Patentmedizinen versessen ; und was in diesen Univer-salheilmittelnsteckt,weißkeinMensch.-Sie mögen nicht ganzUnrecht haben," meinte der Doktor nach kurzem Nach denken; auch fiel mir die kolossale Menge von Flaschen und Fläschchen UAd Schachteln auf; aber ich werde nachforschen." Und wie steht es mit dem Familienleben?" frug ich. Welchen Eindruck hat die ganze Lage aus Sie gemacht?" Doktor Krummholz zuckte die Achseln. Der Alte vergöttert zwar seine schöne Frau, zx betrachtet sie als eine Rarität, aber dabei ist er doch auch rechthaberisch und widerhaarig, und da er in hohem Grade hinfällig ist, muß der Verkehr mit ihm schwierig sein. Sie pflegt in sorgsamer und liebreicher Weise Mann und Tochter, das ist Alles. Glauben Sie mir, für diese blühende Frau, die ihr Leben dcch auch noch etwas genießen will, muß es eine schwere, ja eine schreckliche Aufgabe sein, immerdar die Krankenwärterin zu spielen. Wieselten kommt die Familie ein paar Schritte , in den Wald hinaus, wie wenig betheiligt sie sich an der gemeinsamen Freude! Man muß gerecht sein, die Frau ist nicht zu beneiden; und die Blinde scheint nicht minder leidend zu sein als ihr Vater." Unzweifelhaft sind sie reich?" warf ich ein. Der Arzt nickte. 'Bei ihnen ist Alles solide. Unzweifelhaft eine reiche Familie." Ein paar Tage darauf hatte ich ganz zufällig eine Gelegenheit, die fchöne Frau zu beobachten. Es war in der Abenddämmerung ; sie war die Chaussee hinabgegangen, die nach Wieda führt. Da, wo der Wald beginnt, der Sachsa von Wieda trennt, stand Jemand, dem man auf den ersten Blick den Fremden ansah. Wahrscheinlich war es ein Engländer seine Kleidung ließ darauf schließen einer jener internationalen Gesellen wie sie sich in den Bädern zur Sommerzeit so häufig herumtreiden. Er hatte ein hübsches, etwas nichtssagendes Allerweltögesicht und schien recht robust, von Beefsteak und Porter wohlgenährt, zu sein. Bei einem heimlichen Stelldichein hatte ich sie also ertappt!. Sie gewahrte mich nicht, da ich die Landstraße verlassen hatte und quer über die Wiesen ging, auf denen schon die Abendnebel brauten. Die Zusammenkunst war kurz und bot weiter kein Interesse ; war es derselbe Fremdling, der schon in Nordhausen mit ihr gesehen worden war? Gewiß war es, daß er aus' sie gewartet hatte und ihren Spuren gefolgt war. ' Ich forschte am nächsten Tage in Wieda nach und stellte fest, daß ein Herr zwei Tage dort im Weißen Roß" gewohnt habe, ein Fremder, der mit stark ausländischem Accent deutsch sprach. Er. war mehrmals allein spazieren gegangen, doch bald wieder abgereist, nach Hamburg, wie er gesagt. ' Wenn mich nicht Alles täuschte, stand ich vor einem kleinen Geheimniß. Die Lösung erfolgte freilich in unvor hergesehener Weise.' ,
v Im Anfang August erkrankte Herr Nichols, so hieß der Gemahl der schönen Frau, schwer. Er kam gar nicht mehr zum Vorschein, auch seine Tochter war bald nicht mehr sichtbar, und nur die schöne Frau erschien hier und da, um hastig ein Mahl zu sich zu nehmen und dann sofort wieder zu verschwinden. Doktor Krummholz ging mit sorgenschwerer Miene drei- bis viermal jeden Tag zu den Fremden; da er nicht im Stande war, lange ein Geheimniß bei sich zu behalten, wußte ich bald, um was es sich handelte. Ein starkes gastrisches Fieber raunte er mir zu; wir wollen es dabei lassen. um Herrn Schülers Gäste nickt zu verjagen. Soll ich ehrliäi sein, so muß ich sagen: Typhus. Er ist schwach und eigensinnig, und ich fürchte daS Scklimmstc." Zwar lum über meine Lippen keine Andeutung der wahren Narur der Krankheit deö Fremden; aber trotzdem flüsterten sich die Kellner bald das offene Gclicimniß zu, und die Badegaste ergriff ein panischer Schrecken. Der Oberst o D., der das den Nichols benachbarte Zimmer inne hatte, verschwand zuerst; der Nimrod-Baron folgte ihm und ging auf seine Güter im Thüringischen, und der Oberlehrer strebte gleichfalls seinen Penaten zu. Mehrere Andere folgten; nur eine kleine Schaar Auserwählter blieb im Gasthaus. Der Wirth machte gute Miene znm bösen Spiel und ließ im Uebrigen die englischen Fremden ganz gehörig bezahlen. Sie sind ein vorurtheilsfreier Mann," sagte er eines Tages zu mir, und machen sich nichts aus der fatalen Krankheit, die meine Gäste verscheucht. Wollen Sie nicht das schöne große Zimmer des Obersten beziehen? Sie haben daö Vorrecht darauf, denn Sie baten mich schon früher darum; damals hatte ich es leider dem Herrn fest versprochen. Ich will es Ihnen nicht höher als Ihr jetziges anrechnen. Ich sähe es gern, wenn das Zimmer besetzt wäre, da es neben den Gemächern der Familie Nichols liegt. Das Publikum würde daraus ersehen, daß eS mit der , Epidemie' nicht so schlimm ist. Wollen Sie?" , Da ich in Bezug auf Ansteckung? gefahren und andere drohende Erfcheinungcn etwas der Vorherbestimmungstheorie huldige und gegen Bazillen einigermaßen unempfindlich bin, nahm ich daö Anerbieten an. Ich war im ganzen Hause der Einzige, der Englisch verstand, und so kam es, daß ich im Verlaufe der Krankheit mit der schönen Frau mehrmals zusam menkam und von. ihr angeredet und einer Unterhaltung gewürdigt wurde. Eines Abends es. war gegen Ende August ging ich mit ihr eine, kurze Strecke die Allee entlang. Spätrosen blühten in den Vorgärten, der wilde Wein hatte sich röthlich gefärbt, und die Apothekerstochter, eine ältliche Jungfrau, die eine nicht unangenehme Altstimme hatte, sang nebenan das auch meiner Begleiterin wohlbekannte Lied von der letzten Scmmerrose. Das paßte für die Situation; wir blieben Beide wie auf Verabredung stehen und horchten den Tönen. - Das Eis,' welches das Herz der schönen Frau gepanzert hatte, schmolz ein ganz klein wenig, wie eö 'schien: sie ließ mich einen flüchtigen Blick in ihre trüben Verhältnisse, in das unselige Geschick ihres Lebens thun. O, mein Herr!" sagte sie auf deutsch, denn die Engländer glauben nun einmal, daß diese Anrede in Deutschland die beliebteste ist, und dann fuhr sie auf englisch fort: Ich danke Ihnen für die sympathischen Worte, die Sie vorhin äußerten. Ach, ich bin so unglücklich! Mary, die Blinde, wird immer stiller und ungeselligcr; sie pflegt ihren Vater mit bewunderungswürdiger Energie, obwohl sie selber so schwach ist; sie setzt ihr eigenes Leben ein, um das ihres Vaters zu retten. Aber ich bin wie todt für sie. Sie reicht ihm die Medizin und wacht bei. ihm; ich fürchte, daß sie bald ebenso krank ist wie Herr Nichols. Vorstellungen, Bitten, Beschwörungen meinerseits nützen nichts; gestern wurde sie am Krankenbette vor Erschöpfung ohnmächtig. Was soll ich dagegen thun? Daö Schicksal ist über mich hereingebrochen, und die Welt, die so wenig von meiner Lage ahnt, wird mich am Ende verantwortlich machen." Thun Sie Ihre Pflicht, gnädige Frau," erwiderte ich, verabsäumen Sie nichts, und stellen Sie den Aus gang dem Schicksal anheim." Mir bleibt ja nicht Anderes übrig. Meine ganze Ehe ist ja nichts als ein stetiges Martyrium der strengen Pflicht." Sie lachte kurz auf. Wes halb glauben Sie wohl, daß ich mich mit Nichols vermählte? Ich mußte ihn heirathen, um meinen Vater zu retten. Doch das sind Angelegenheiten, die Sie nicht interessiren dürften. Er zahlt doppelt so viel Jahre als ich. Er liebt mich, ja, wie eine seltene Orchidee in seinem Gewächshaus das ist Alles ich bin verschachert worden." Sie stieß da offenbar in großer Erregung hervor. Dann bot sie mir guten Abend-und schlüpfte in das Haus. " schon wenige Stunden spater nahte die Katastrophe. Doktor Krummholz hatte mir bereits am Tage vorher mitgetheilt, die cntscheidenden Stunden würden nicht lange mehr auf sich warten lassen. Ein tüchtiaer, gesunder Schlaf, und Herr Nichols sei gerettet. Tritt dies nicht ein,". sagte der Arzt, .so ist meine
unst machtlos.' Glücklicher Weise ist grau NicholS die verständigste Pflegering und es ist hier eine Stille eingetreten, die für den Kranken Vortheilhaster als für Herrn Schüler ist." Ich habe oft gehört," bemerkte ich, daß eine heftige Störung, ein Schreck während eines solchen Schlafes, unmittelbar tödtlich wirken kann." Ja, das ist richtig, aber hier nicht zu befürchten. Frau Nichols zahlt gut, und Herr Schüler thut Alles, was in seinen Kräften steht. Sie wissen, eine Leiche im Haus ist für den Wirth, der auf Sommerfrischler angewiesen ist, keine angenehme Zugabe." Als ich im Gasthaus die Treppe hinaufging, stand oben der Arzt. Er schläft," wisperte er, und wenn nun Alles hübsch ruhig bleibt in der Nacht, kann er morgen früh als gerettet er wachen. Sie wohnen ja jetzt nebenan ; wir rechnen auf Ihre gütige Nachsicht. Schießen Sie diese Nacht in Ihrem immer keinen Revolver ... Das versprach ich lächelnd, und wir schieden. Ich schlich mich nach dem Abendbrod vorsichtig in mein Gemach, zog die Hausschuhe an und nahm einen Band von Nückert vor, Die Weisheit des Brahmanen," die ich für die Sommerfrische immer mitnehme, um Stoff zum Sinnen und Nachdenken in stillen Stunden zu haben. Aber diesmal teilte ich für Rückerts gehaltvolle Poesie nicht die rechte Auf-' merkfamkeit. Ich dachte viel zu viel an das traurige Loos der schönen jungen Frau, die ein widriges Schicksal an eine unsympathische, geistig wie körperlich kranke Familie gekettet hatte; ich dachte an das blühende Menschen leben, das sich dort dicht nebenan sorgte und quälte in der Atmosphäre der Krankenstube, während ein heißes Verlangen nach Glück und Liebe in ihr! schimmernden Augen lag. In ganz anderer Beleuchtung sah" ich nachdem heutigen Geständniß Frau Nichols an. Was den Badegästen früher als Kokettcrie erschienen war, erwies 'sich nun als nichts weiter denn Lebenslust und üppige Kraftfülle der Jugend. Wie oft mochte das in Gesundheit förmlich strahlende junge Wesen sich schon ge selmt haben nach Luft und Freiheit! Lebte sie nicht wie in einer Gefängnißzelle zusammen mit dem alten Schwäch ling und der bedauernswerthen blinden Stieftochter, die keinen Begriff davon hatten, was eine gesunde Natur verlangte, die nicht wußten, daß es außer ihrer Welt noch eine andere gab. die roll süßer Freuden ist, eine Welt, durch die der Sonnenschein der Empfinduug fluthet! Ich war unter diesen Betrachtungen ausgestanden und blickte neugierig nach der Thür, die mich von der Familie NicholS trennte. Ein Kleiderschrank war, wie üblich, davorgeschoben wor den; aber das schmale Spind verdeckte kaum zwei Drittel der Thür; Raum genug war für mich da, neben den SaMnk'zn treten unv'daS Ohr an die Breitet zu legen. Und jetzt merkte ich auch, daß'ein Loch vorhanden war, in dem früher ein Astknorren gesessen haben mochte. Bei genauerer Musterung war auch -nicht zu verkennen, daß ein feiner Lichtstreifen durch dieses Guckloch fiel. Ich beugte mich ein wenig herab und strengte mein Auge an. Jctzt konnte ich daS Krankenzim mer, in dem der alte Nichols lag, ganz genau überblicken. Ein Aettfchirm, der seitwärts geschoben war, hinderte die Lampe, ihr Licht auf das Bett fallen zu lassen, in dem Herr NicholS anscheinend fest schlief. Regungslos kauerte Fräulein Mary NicholS in einem Lehnsessel; nun stand sie auf und kniete auf dem Tcppich vor dem Lager nieder, indem sie ihr Antlitz am Rande deS BetteS in die Kissen barg; augenscheinlich betete sie lange und anhaltend.. Nach einer Weile öffnete sich geräuschlos die nur angelehnte Thür, die in daö Neben gemach führte, und die schöne junge Frau trat ein. Sie zog die Uhr und sah nach, wie spät es sei. Dann ergriff sie ein nahes Tischchen, auf dem Flaschen und Gläser in ganzen Massen aufgehäuft waren, und schob es näher an'.s Bett. Vielleicht dachte sie, eS sei nun bald Zeit, dem Schlafenden irgend eine Erfrischung zu reichen, vielleicht geschah das Näherrücken des Tischchens nur mechanisch, ohne besonderen Grund. Blitzschnell schoß mir in diesen, Augenblick der Gedanke durch den Kopf, daß eine große Gefahr drohe. Wenn Fräulein Mary sich erhob, was jede Sekunde eintreten konnte, dann mußte sie das Tischchen, ein zerbrechliches und zierliches Geräth, unfehlbar umwerfen. Es war gar nicht anders möglich! Das Tischchen war zu nahe an das Lager deö Kranken gerückt Iborden! Mehr als ein Dutzend Flaschen und Fläschchen, eine silberne Klingel, eine schlanthalsige Wasserslasche, ein Thermometer, einige Schälchen und noch mehrere andere Glasgeräthe standen dicht zusammengeschoben und' aufge-. thürmt auf dem Tische das Alles mußte- zusammen und durcheinander mit wildem Getöse in das Zimmer hineinfallen, wahrscheinlich gerade dahin. wo lein Teppich mehr lag. Der entsetzliche Lärm, der dadurch entstand, mußte den Kranken jäh aus seinem Schlafe reißen, der doch durch nichts ge stört werden sollte. Ein. fürchterlicher Streck würde den Patiencen durchzucken und dadurch vielleicht ein Rücksall, wohl gar eine plötzliche Katastrophe eintreten! Frau NicholS blickte noch einmal in träumerischem Sinnen auf ihre, Uhr und verließ leise wieder daS Gemach. Jchjlw ;n zitternder ff-W"
was sollte ich thun? Sollte ich zu ihr eilen und sie aus daö Versehen aufmerksani machen, das sie aus Gedankenlosigkeit begangen hatte? Oder lag vielleicht eine bestimmte Absicht vor? Der Gedanke schoß mir bliyschnell durch den Kopf. Doch was konnte ichhun? Wenn ich bei den Nachbarn anklopfte, stand Fräulein Mail) ohne Frage auf, und es war geschehen, was verhütet werden sollte. Was für ein Recht hatte ich überhaupt, micki in die Angelegenheilen dieser Familie einzumischen? Mußte ich dabei nicht gestehen, daß ich den Lauscher und Späher gespielt un' das Krankenzimmer beobachtet hatte? Die Lage war für mich äußerst peinlich. Und doch, ich konnte es nicht mehr ertragen, ein Unglück nahen zu sehen, ohne helfend einzuspringen'. Mochte werden, was da wollte, ich beschloß, mein Zimmer zu verlassen und leise an die Thür der Frau Nichols zu klopfen. Eben wollte ich mich erheben, da stockte mein Schritt. Zu spät ! Fräu lein Mary Tjatte sich erhoben und ganz so, wie ich es bestimmt ausgerechnet, das Tischchen umgeworfen, von dessen Nähe sie nichts ahnen konnte. Mit gellem Aufschrei trat sie in die Glasscherben zurück, denn der Fall hatte
natürlich einen ganz . erschrecklichen Larm gemacht. Der Kranke stöhnte tief auf und wollte sich erheben, sank dann aber in die Kissen zurück. Frau Nichols eilte herber und stürzte an die Klingel. Der Arzt kam. Was soll ich weiter erzählen? Herr NicholS war todt, ein Schlag hatte ih getroffen. Seine Züge waren vor Schreck verzerrt Mary lag in tiefer Ohnmacht. Ich verließ noch in derselben Nacht den Ort-und reiste in meine Heimath zurück. ! Fünf Jahre waren seitdem verflossen. Wie schnell doch die Zeit vergeht? Als ich einmal wieder auf einige Wochen in einem holländischen Seebade weilte, fand ich am Strande ein etwa zweijähriges rosiges kleines Mädchen, das von einer Zofe an der Hand geführt wurde; neben ihr stand eine starkknochige normännische Kinderfrau, die einen strammen kleinen Burschen auf dem Arme hatte. Die Kinder klatschten in die Hände und freuten sich über die Schaumkämme, der Wellen und die Muscheln und den im Sonnenschein glitzernden Sand. Ich stand einige Schritte abseits hinter einem Sandhaufen, als eine blühende junge Frau nahte, augenscheinlich die Mut ter, am Arm ihres Gatten. Die Kinder riefen die Eltern auf englisch fröhlich an. Die Frau wandte den Kopf ein bischen; nun erkannte ich pe: es war die immer noch schöne frühere Frau NicholS, meine Bekannte aus dem Gasthause im Harz. Und nun siel mir auch das Gesicht ihres Gatten ein wo hatte ich ihn doch gesehen? Ah die Erinnerung kehrte wieder auf dem Wege nach Wieda. Und dann dachte ich an die Katastrophe, die ich einst miterlebt im Hause des Herrn Schüler, und die seitdem schon hundertmal im Stillen gethane Frage zitterte noch ein mal durch mein Herz: War eS Absicht oder Zufall?" Niemand weiß es außer ihr, die offenbar als Glückliche vor mir stand. Durch den Tod des alten NicholS war sie der Freiheit, dem Leben wiedergegeben worden. Hatte sie diesen Tod beschleunigt, hatte sie das Schicksal in die eigene Hand genommen? Der Schatten eines leisen Verdachtes war damals an mir vorbeigezogen und hatte meine Gedanken gestreift, aber kein Beweis irgend welcher Art lag vor. Mochte sie schuldig oder schuldlos sein, ich vermied eine Begegnung, die mir nur peinlich gewesen wäre und packte meine Koffer. Ich habe sie nie wiedergesehen. Christine Nilsson, die berühmte Sängerin, war in England, wo sie besonderö gerne weilte, und wurde ersucht in einer Armenschule ein Konzert zu geben, damit die kleinen Leute daselbst den unvergleichlichen Genuß haben könnten, ihre schöne .Stimme zu ver nehmen. Wie Christine Nilsson immer bereit ist, mit ihrem Talent Gutes zu stiften, willigt sie sofort ein. Es wird somit ein Abend für das Konzert angcsetzt. Da erscheint der Kapellmeister der Königin Victoria mit dem Befehl, daß die Sängern an eben jenem Abend auf einem Hoflonzert mitzuwirken habe. Statt aber ihre armen Schütz' llnge im Stich zu lassen, erklärt sie, daß sie bereits anderweitig verpflichtet sei. Sie stehe natürlich an jedem anderen Abend zur Verfügung. Der Kapellmeistcr war starr vor Ueberraschung. Alle Vorstellungen, alle Bitten fruchteten nichts; die Sängerin velharrt bei ihrer Weigerung, indem sie natürlich bittet, der Königin die Beweggründe mitzutheilen. Aengstlich kehrt .der Kapellmeister zu der Monarchin zurück, schon auf den unholden- Empfang gesaßt, welcher mit seinem Bescheid zusammcnfallen mußte. Aber die Königin bleibt ruhig. .Madame Nilsson hat Recht," erwidette sie. .Ich billige vollkomm-n die Gründe, welche sie angegeben. Tragen Sie ihren Namen für daö nächste Hofkonzert ein und bitten Sie dieselbe, mir außerdem die Ehre eines Besuches zu gebend Bei dieser Gelegenheit zog die Monarchin ein kostbares, mit Diamanten und Rubinen besetztes Armband von der Hand und überreichte eö der Künstlerin, welche sie seitdem womöglich noch höher schätzte, als es schon ehedem der Ml gewesen. ,
...Ayres Bulletin ..
Hübsche ScmÄcnbluscn Zn gewählten Mustern Eine Mull Bluse, Fronte mit prächtigem Spihenumsah und gestickten Blumen Dessin, mit Rückenöffnung 83.75 Blusen von persischer Lawn mit gestickter Medaillon Fronte, Spihen. einsah n. feine Faltenreihen 7. 50 Blusen von Batiste, Fronte mit weißen gestickten Blumen Dessins und Gruppen feiner Faltenreihen, der Kragen und die kurzen Aermel in Spihenbesatz, Rückenossnung ; diese Bluse ist in hellblau, ladender und 'rosa, hier.. 5.75 Dritter Stock, Süd Mitte. L.S.AYRES&C0. Washington bei der Meridian Cttaße. Wie man'ö deutet. Als der verstorbene Ex-Gouverneur Joseph A. Gilmore von New Hampshire noch Superintendent der Concord & Claremont Eisenbahn war, schrieb er einem der SektionZ-Chefs, der sich sein' Mißfallen zugezogen hatte, einen Brief von dem der Adressat nur das Datum und die ihm bekannte Unterschrift Gilmores zu entziffern vermochte. ' Einige Zeit später kam- der Mann nach Concord und suchte den Superintendenten in seinem Bureau auf. ftaUo, John," sagte dieser. Wie geht's und was treiben Sie jetzt?" , Well, ich habe noch meine alte Sektion und möchte über dies und das berichten." , WaS?" fragte Gilmore, haben Sie denn meinen Brief nicht bekommen?" Ja. Sie meinen den vom sechzehnten vorigen Monats?" Well, der enthielt doch die Mittheilung, daß Sie entlassen sind.Entlassen?" antwortete John mit guigeschultem Erstaunen. Nein, ich ersah nichts daraus, als daß der Brief vom Hauptquartir kam und von Ihnen unterzeichnet war. Nach läng:rem Studium kam ich auf den Gedanken, es wäre " ein Freipah. Auch von den Condukteuren konnte keiner den Brief entziffern, und sie glaubten mir, daß es ein von Herrn Gilmore selber ausgestellter Paß war und ich bitt inzwischen darauf, unbehindert gereist." "5ohn behielt seine Stelle. Gute Aufklärung. Knabe: Vater, warum steigt denn am Automobil hinten immer soviel Rauch 2" ltrnmpr Ni,s' hntrn UM ff v f man die Nummer nicht sieht.vtohseidene Stösse. Man wäscht sie in gekochtem heißen Seifenschäum wie Wolle und spült mit weichemWasser gut nach. Zuletzt zieht man sie durch Wasser, in das man ein GlaS Spiritus gegossen hat. Gegen gichtische Auftrelbungen der Hände und Fing e r empfiehlt ein englischer Arzt fol.gendes einfache Mittel: Das Glied wird Abends in Leinwand oder Flanell eingehüllt, die mit kaltem oder warmem Wasser gesättigt ist, und dann sogleich mit einem wasserdichten Stoff (Gummitaffeta) umgeben, der die ganze Nacht nicht entfernt wird. Angeblich ist das durch die Haut dringende Wasser das beste Mittel, die harnsauren Salze, die sich um die Gelenke ablagern, aufzulösen. Natürlich muß dies Verfahren längere Zeit fortaesetzt werden. Derft M Sie (Etablirt 1853.) .Jndiana'S größter Laden.. OfternSchleler-Neneste Oknfter Noch eine Partie solcher die am Samstag verkauft wurden ist bei Expreß angekommen. . Aeizende Er-, zeugnisse und exklusive Muster. Spitzen Schleier in allen neuen.Früh lingSFarben und SchattirungenSchleler die gemacht wurden um zu 75c, 11.00 und $1.25 verkauft ,u werden. Wir kauften dieselben zu einem, Preis der eö uns ermöglicht dieselben zu osseriren für. ....39e Ein anderes Assortiment ift w Ehe nille Tupfen Äuster, Ij Yards lang in hübschen Farben ; Schleier die wirklich 50c und 7öc werth sind ; Unser spezieller Preii ift23e WeftVittelgang. PErllS BRY G00DS CO.
