Indiana Tribüne, Volume 29, Number 192, Indianapolis, Marion County, 7 April 1906 — Page 7

Jndiana Tribüne. 7. April 1900.

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Siebenschläfer I o -c o 4C . o ' o ' t S l 0 ttt a xt ' $ von S S Agnes H arder . O o oooooooooooo lFortsetzung.) Sie traten in die wundervolle Hofkircke. das kleinere Ebenbild der Hagia Sofia. Da waren sie! Justiman und Theodora, die klugen Kindcr dieser Welt, die eine Fieberlaune dem Siebenschläfer so nahe brachte, daß er mit ihnen dertehrte, als schritten sie mit ihren grauanen, vorsichtigen Füßen noch, heute über die von ihnen gemißhandelte Erde. Ute erschauerte unter dem kalten Vlick dieser steinernen Augen. SBie feucht es hier überall ist, wie feucht und wie verlassen! Sehen Sie!" In San Vitale stand das Wasser in den tieferen Theilen einen Fuß hoch. 6? muß fort. ' Wir bringen ihn von Bologna direkt in die Heimath. Die Meinen sind sckon in Venedig. Ich, schreibe ihnen noch heute Abend, daß ich mit Ihnen gehe, Ute." Das ist ein Opfer. Ich kann das nicht annehmen. Jmmanuel würde es vielleicht nicht recht sein." Er ergriff ihre Hand. Sie waren ganz allein in der großen Kirche. Nur die Augen des byzantinischen KaiserPaars sahen zu ihnen, verwundert, daß immer wieder Germanen kamen und durch die Kirche gingen, die ihrem Triumph gedient hatte, und über diese aufrechtgehende Rasse. . Ute, Sie wissen, daß Sie alles verlangen können von mir. Sie wissen. warum ich hier bin. So zart war mein Gewissen nie, daß ich dem Siebenschläfer nachgehe, als wollte ich Abbitte leisten wegen einer Dummenjungengefchickte." Sie machte ihre Hand ängstlich frei. Ich habe niemand etwas zu bieten, ich sagte es Ihnen schon damals, niemand." Ich fordere ja auch nichts. Nehmen Sie die Tage an, die ich Ihnen gebe. In meinem Leben kommen sie nicht wieder. Ich will auch nicht, daß sie sich wiederholen. Ich bin noch immer der, den Sie kannten und den Sie derachteten. Recht oder Unrecht? Darüber denke ich nicht nach. Es ist mein Weg. Kümmern Sie sich nicht, aber benützen Sie mich. Sie sind ganz sicher was rede ich Sie fürchten sich ja nicht. Denken Sie, ein harmlos Wahnsinniger spräche zu Ihnen, dem sein Wahnsinn aber zehnfache Kraft gibt. Nutzen Sie die Kraft. Dann überlassen Sie ihn der kalten Dusche und der Zwangsjacke." Ute zitterte am ganzen Körper. Das ist nicht Liebe." Nein. Könnte ich Sie hier nicht in meine Arme reißen? Sind Sie nicht in diesen Tagen immer in meiner Gewalt gewesen? Liebe! Denken Sie. mir genügte, was Sie für jenen empfinden? Anohrte würde mich versiehn. Aber ich will Anohrte nicht. Es ist Wahnsinn. Mich hat er tugendhaft'gemacht. Noch einmal, nützen Sie die Zeit. Wenn die Vernunft zurückkommt, dürfte es zu spät sein." Erich." sagte sie leise. Er zitterte, als er den Namen hörte. Ich weiß, daß ich in Ihrer Gewalt bin. Aber Sie haben recht, ich fürchte mich nicht. Es weiß niemand, wie gut er ist, oder wie schlecht, ehe das Leben es ihm Zeigt." Tante Rorchen erwartete sie auf dem Bahnhof. Sie war ruhig und fast geschäftsmäßig. Als sie Erich sah. meinte sie trocken: Du fast Dich wohl angesteckt? Ich rathe Dir zu einem Seeaufenthalt. Italien, scheint es. braucht eine Nachkur." Tu irrst. Ich fahre mit dem nachsten Zug nach Gumbinnen." Er brachte sie nach dem Wagen, tllßte Ute die Hand und trat zurück. Sie drehte sich noch nach ihm um und winkte. Er fah es nicht. Auf seiner Hand lag eine Thräne. War sie aus seinem oder aus ihrem Auge gefallen? Schade, er würde es nie erfahren. Er würde auch nie vergleichen können, denn seine Augen würden wohl trocken bleiben fortan. 11. K a p i t e l. Hause depe Wäre sie lsammenge blieben, so hatte sie noch vierzehn Tage mit ihnen in Venedig und Bozen verbracht. Nun , hatte sie an nichts anderes gedacht, als an das allernächste. Es war ja auch wirklick gleich', ob man ihr einen Kuchen buk und eine Ehrenpforte flocht, oder nicht. Tante Rorchen hatte einigemal unterWegs Andeutungen gemacht, daß sie da? heim manches verändert finden würde, aber immer wieder geschwiegen. Als Ute am Gartenthor abstieg, sagte sie: Nimm's nicht zu schwer, Kind. Ich habe mit Absicht nicht rübergeschickt. sagen lassen, daß Du kommst. Sieh es Dir an und mache reinen Tisch." Verwundert ging Ute dem Haus zu. Was -war denn? Neues Unglück in den Ställen, in der Wirthschaft? Aber nein. Käsewurm war schon an den Wagen geritten und hatte sie begrüßt. Dessen Gesicht verbarg nichts. Sie be-schleunigte-ihren Schritt unwillkürlich. Da horte sie von der Terrasse her lau-

""Wie hatte nicht nach

schnt, daß sie käme.

mit Meyhöfers 31

tes Lachen. Sie blieb einen 'Augenblick hinter einem rothblühenden Prunus stehn. Die Terrasse wurde wenig benutzt. Sie war sehr sonnig. Nun sah sie, daß eine roth uud weiß gestreifte Markise sie beschattete. Ihr Vater saß dort neben einer fremden Frau, deren helle Schleppe auf die Steinstufen fiel. Ein Sektkühler stand vor ihnen. Eben füllte Herr von Bär die Kelche von neuem. v Besuch! Wie unangenehm gerade heute! Aber sie behielt vollständig ihre Pflichten als Hausfrau in Gedanken. Ruliz schritt sie auf die offene Thür des Gartensaals zu. Herr von Bär sprang auf. Ute? Zum Tonnerwetter, kannst Du denn nicht depeschiren?" Sie war schon die Stufen heraufgekommen. Nun erkannte sie dre schöne Radlerin. Sie wa? doch ein wenig befremdet, aber noch ganz arglos. Willst Du mich nicht vorstellen. Papa?" Frau von St. Lille, die so freundlich war, meine Einsamkeit ein wenig zu theilen, als Du mich allein gelassen hattest. Eine Bekanntschaft aus Helgoland." Die schöne Frau sagte einige französische Phrasen. Ute antwortete tadellos, soviel gewandter und flüssiger, daß die Dame es vorzog, trotz des schönen französisch Namens zum Deutschen zurückzukehren. Aber Ute zog sich zurück, sie sei müde von der Reise. Erstaunt sah sie sich um. Der große Gartensaal, das Zimmer, in dem ihre Mutter gelegen, schien in eine Trödelkammer verwandelt. Auf dem Diwan der Kranken lagen große, weiche, stark parfümirte Kissen, Konfektschalen standen auf kleinen Tischen neben einer Flasche süßen Kapweins. Die Thür nach dem Schlafzimmer der Mutter war offen. Mit einem Sprung war Ute auf dieser Schwelle. Ihre Augen flammten. Dies Zimmer, so bequem es lag. wurde nie benutzt. Jetzt standen unzählige Büchschen und Döschen auf der Toilette. Alle Schränke und Schubladen waren geöffnet. Da legte sich eine dürre Hand auf ihre , Schulter.- Die Krottinsche stand hinter 'ihr. Ten Kopf wendete sie nach der Terrasse. Doch warnend legte sie den Finger auf die Lippen. Ute folgte herauf, in ihr eigenes Zimmer. Hier fand sie Anohrte. Mit einem'' Schrei flog das leidenschaftliche Mädchen auf sie zu und schloß sie in die Arme. Ich weiß, daß Du kommst. Ich war drüben, als die Tante fort war. Sie mag mich nicht, und ich sie nicht. Sein Vater hat mir gesagt, daß er da ist. Aber Du Du" sie stieß sie plötzlich von sich und maß sie mit funkelnden Augen. Deine Lippen sehn aus, als ob sie geküßt hätten." Besinne Dich, Anohrte." Die strich sich mit der Hand über die heiße Stirn. Es liegt so in der Luft hier, Ute." Sie lachte. Ich sah Dich unten auf der Terrasse. Du kommst zu früh zurück. Du kannst auch zu gut französisch für eine Frau von St. Lille." Ute war flammend roth. Wo ist Fräulein Schwabe? Sie ist doch Hausfrau, wenn ich nicht da bin." Die gute Schwabe ißt schon seit acht Tagen auf ihrem Zimmer. Ich blieb gleich bei der Großsche. Gott sei Dank, der Raudons Krottinus besucht uns nicht mehr in der Nacht." Die Frau, die arme Frau, sie hat keine Ruhe im Grab," murmelte die Krottinsche und sah sich scheu um. Der Gedanke an, die Herrin war wieder in ihr lebendig geworden. Ute stützte beide Hände sckwer auf den Tisch. Dann ging sie hinüber zu Fräulein Schwabe. Sie mußte lange klopfen. Dann sagte sie ihren Namen, und dann hörte sie. wie drinnen ein Tisch von der Thür fortgeschoben wurde. Das alte 'Mädchen hatte sich verbarrikadirt. Hilflos stand sie vor Ute. Ich konnte es nicht ändern. Kind. Da fiel mir ein. wie ich es in. Frankreich gemacht hatte, bei dem Bankier in Paris, wenn die Frau auf Reisen $ng und er seine Anfälle bekam. Ich stellte den Tisch vor die Thür und drückte auf die elektrische Klingel, wenn sich eiwas rührte." Ute schwieg. Müde ging sie wieder in ihr Zimmer, sie wußte ja, sie war allein. Und als sie nun ihrerseits die Thür verriegelt hatte, weinte sie sich aus. Und es schien ihr. ihre Thränen dürften nie aufhören zu fließen. Denn auch jetzt weinte sie nicht um sich, sondern um das lange Leben ihrer Mutter, das sie nun verstand, von dem die Schleier fielen, die ihr Kinderherz darum gelegt. Es schien ihr, sie sei in dieser Stunde eine Waise geworden, und als sie endlich aufhörte und die Thränen nur noch nach innen, auf ihr heißes, zuckendes Herz fielen da war die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter vollkommen. Auch, die Augen hatten nun den gleichen Ausdruck. Die Zuversicht in ihnen war erloschen. Sie wartete im Gartensaal. als sich die Fremde zurückgezogen, bis ihr Vater kommen würde. Sie war todtmüde. Aber sie setzte sich auf keinen der Stuhle. Auftecht stand sie mitten im Zimmer. Es dauerte lange. Sie hatte Zeit.. Ihre Yüße schienen wie festgewurzelt. Endlich ajng. die Thür. .Du, Ute? Komm zu mir, ich habe emiges mit Dir zu besvrechen. Was

für eine kindische Thorheit.so ohne AnMeldung in's Haus zu fallen! Du weißt, ich hasse Sentimentalitäten. Ich denke, ich habe genug unter ihnen gelitten. Ich habe Dich bei Frau -von Lille entschuldigt, da Du nicht zu Tisch kamst. Du aber um Gottes willen, Ute. wie siehst Du aus?" Sie sah ihn fest an. Vater, in diesem Haus darfst Du Mutter nicht' beschimpfen. Ich verlange es, verstehst Du? Verzeih, wenn ich unkindlich spreche. Ich hoffe, es wird nie wieder nöthig sein. Nie wieder " Am nächsten Tage reiste Frau von Lille ab. Herr von Bär brachte sie selbst nach Königsberg. Die Krottinsche scheuerte im Gartensaal und in dem anstoßenden Schlafzimmer und ging mit brennenden Kadickzweigen in jeden Winkel. Ihr Gesicht war finster, und ihre weißen Haare flatterten wirr um ihren Kopf. Ute arbeitete den ganzen Tag mit Käsewurm. Anohrte war nicht in sehn. Sie strich um das Pfarrhaus wie eine Schwalbe, der man das Nest abgestoßen hat. Es kamen finstere Zeiten. Im Gutshaus war schlecht Wetter. Wenn Herr von Bär zu Hause war, was freilich selten vorkam, so hörte man den ganzen -Tag seine scheltende Stimme. Die Krottinsche verkroch sich vor ihm. wie ein scheues Thier, das ober doch keine Bewegung des gefürchteten Feindes aus den Augen verliert. Er hatte ihr, als sie ihm einmal in den Weg kam, einen Hieb mit der Reitpeitsche gegeben. Ihr eines Auge war seitdem entzündet und eitrig. Am schwersten aber traf der Zorn des Herrn Käsewurm und Ute. Sie sollten Geld schaffen. Sie mußten es doch haben. Ihm selbst waren ja die Zügel des Regiments allmälig hinterlistig aus den Händen gekommen! Wenn Ute nach Italien gehn konnte, um sich mit jungen Herren zu amüsiren. mit ihnen allein zu reisen und aller Sitte schamlos in's Gesicht zu schlagen, so mußten die Goldfüchse natürlich da sein. Aber er konnte an den nothwendigsten Dingen Noth leiden. Am besten wäre es, die ganze Klitsche zu verkaufen. Der Henker mochte heute noch Landwirth sein, wo man sich schindern sollte wie ein Tagelöhner, und nicht .einmal wie der sein sicheres Deputat hatte. Ute antwortete nichts. Sie bestritt schon seit Jahren gleich der Mutter die eigentliche Wirthschaft aus dem Ertrag der Meierei und der damit zusammenhängenden Schweinezucht. Darum hatte sie den damaligen Verkauf der Kühe auch nych nicht verschmerzt, obgleich sie so viel Jungvieh aufzog, wie nur möglich. Zu dem Ersatz gehörten eben Jahre. Die wirklichen Einnahmen. die der Verkauf des Getreides und der Remonten brachte, flössen vollsiändig in Herrn von Bärs Tasche, so nothwendig Käsewurm sie auch gebraucht hätte. Ich denke. Fräulein Ute. der Herr will, daß ich gehe," sagte er eines Tags. Er scheut sich nur. es mir so in's Gesieht zu schreien, wie den andern, die ihm nicht mehr passen." Käsewurm! Aber das ist doch nicht möglich! Denken Sie doch an Mutter." Thu ich auch, ich denk auch an Sie, Fräulein Ute. denn die Lebendigen kommen vor den -Todten, so will es unser Herrgott. Aber man hat doch seine Ehre im Leib, und auf der läßt man nicht mit Füßen treten." Es wird besser werden. Bat?? ist jetzt so aufgeregt. Wir wollen ihn wieder auf Reisen schicken, wie vor einem Jahr. 'Das hat damals so gut geholfen." Wenn der gnädige Herr reist, braucht er einen größeren Geldbeutel, als die paar blauen Scheine, mit denen Sie ausgekommen sind, Fräulein Ute. Nein, besser wird hier nichts mehr. Und ich möchte auch nicht ganz zusammenbrechen sehn, worin meine Lebensarbeit steckt. Die Hälfterwiese sollte schon drainirt werden, als ich herkam. In diesem Jahr schwimmt mir nun das Heu wieder weg. Und so ist es immer. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß. Scheschitten wird in ein paar Jahren ein Dreckloch sein. Aber ein neues Reitpferd ist gekauft auf der Trakehner Auktion, das könnte der Kaiser reiten." Ute richtete sich auf. Wie Sie wollen, Kascwurm. Aber ich kann Sie nicht hindern. Ich bleibe auf meinem Posten." Sie wollte an ihm vorbei nach der Thür. Da hörte sie. wie er sich räusperte. Fräuleinchen Kindchen. Ich bleib all da. Vom Hof -muß er mich erst jagen. Aber blos für Sie, daß Sie es wissen, blos für Sie." Die Thränen liefen ihm aus den Augen in den grauen, struppigen Bart. Der harte Ernst wich aus ihren Zügen. Und um Ihrer selbst willen. Käsewurm. Ich kenne Sie doch. So eine ganz verfahrene Karre, das ist ja Ihre heimliche Lust." Er schüttelte den Kopf und seufzte. Und dann war es zwischen ihnen wieder beim alten. Ein paar Tage darauf stand Ute neben dem Kadaver des schwarzen Krottinus. Sie hatte das Thier abstechen lassen. Es war über zwanzig Jahre alt und nun auch zu der leichtesten Arbeit nicht mehr zu gebrauchen. Der Krottinsche zuliebe, die abergläubisch au dem gleichnamigen Pferd hing, das als jähriges Fohlen mit .aus Litauen gekommen war, hatte sie noch gezögert. Nun war das Thier blind geworden. Da hatt? sie das Mitleid

übermannt. Die Krottinsche hatte zugesehen. Nun kauerte sie neben dem Kadaver und hatte den Kopf des Thiers in ihrem Schooß, während der Knecht die Schleife holte, um es fortzufahren. Die Pferde weigerten sich aber und bäumten auf. Sie riechen das Blut." fagte die Krottinsche zu Ute. die neben ihr stand, ich rieche es auch. Du mußt es büßen. Ute. Ich wollte sehn, wie er sterben würde. Wie das Blut fällt, das ist das Zeichen. Es darf nicht tröpfeln und sickern. Hui, wie er zustieß! Hui. wie es vorbrach! Wie ein rother Feuerbogen. Und der Krottinus wieherte und lief umher, und der rothe Bogen sprang mit ihm mit, wie der Schwanz an dem Stern, der über der lurischen Nehrung stand, als meine Tochter noch ein Kind war. Krieg, sagten sie." hat es bedeutet. Und ist auch eingetroffen. Tod, Ute, sage ich. und Du mußt es büßen. Denn es fällt immer auf die L3mmer, wenn der Wolf umgeht. Da kommt er da " Sie zeigte auf Herrn von Bär. Im Augenblick war sie hinter den Weiden verschwunden. Bär griff indessen selbst zu und führte die Pferde mit der Schleife an. Sie wehrten sich und warfen die Köpfe herum. Aber seine Hand war von Eisen. Er blieb da, bis aufgeladen war. Verächtlich stieß er mit dem Fuß nach dem Kadaver. Wenn ich denke, was mein Herr Schwiegervater sich von dem Fohlen versprach! Gerade soviel, wie ich mir von der Verbindung mit seinem hochehrenwerthen Haus. Pferde und Wei ber schlagen nicht immer ein." Vater!" Eine dicke Ader lag auf seiner Stirn. Sein Gesicht war roth. Sie fühlte, er hatte getrunken. Das that er jetzt öfter, allein für sich, in seinem Zimmer. Vater, ich dachte neulich daran, ob Du nicht einmal eine Zeitlang von Scheschitten fort möchtest. Es ist Dir damals so gut bekommen." Er sah sie mißtrauisch an. Und Ihr wäret mich los, nichts Ihr mit Eurer sonderbaren Moral. Dem Thunichtgut, der sich mit Schauspielerinnen einläßt und zum Raufbold und Sträfling wird, läuft ein ehrbares Mädchen durch ganz Europa nach. Aber dem Vater werden Moralpredig' ten gehalten. Nicht einmal das vierte Gebot hat Dir die verrückte Person, die Schwabe,. beigebracht. Aber das wird anders werden. Ich werde Euch zeigen, wer hier der Herr ist. Weißt Du, wie alt ich bin? Achtundvierzig! Sieh mich mal an! Muskeln, was? Ich laß mich noch nicht auf den Großvaterstuhl setzen und mir Abends meine Klietersuppe geben. Verreisen? Nein. Fräulein Neunmalklug. Das nicht. Aber etwas anderes." Er ging. Dann, als er die große Blutlache sah, an der das Pferd vorhin zusammengebrochen war, sagte er in gänzlich verändertem Ton: Was sagst Du denn zu meinem Krottinus? Pfcrdeverstand hast Du ja." Dein Krottinus?" Ja. ich habe meinen Trakehner so genannt. RaudonS Krottinus, wie der Räuber, der alte Weiber und Kinder gruseln macht." Vater, das hättest Du nicht thun sollen. Die Krottinsche -" Wird das Maul halten, sonst kriegt sie eins über das andere Auge. Das hat man von den neuen Gesetzen, daß man die Bagage nicht einmal vom Hof jagen kann. Und der Adam kommt nun auch zurück " Der Adam? ' Der hat ja eine Stelle als Reitknecht, wenn er frei kommt, zweihundert Mark Gehalt und zwanzig Mark für jedes Pferd., das er zureitet. Seine Großmutter hat ihm ja den Hof verboten." Und die hat natürlich hier zu kommandiren! Die Altsitzer kann ich behalten, und die anstelligen Jungen gehn wo anders hin! Du kannst der alten Hexe aber sagen, diesmal ist es anders gekommen. Ter Adam ist mit dem Pferd gestürzt und liegt im Lazareth. Ein schlimmer Bruch. Das Reiten ist vorbei. Er hat an mich geschrieben, ob er nicht zu den Remonten könnte. Er wird als Halbinvalide entlassen." Nimm ihn nicht. Vater, ich bitte Dich. Gewiß nehme ich ihn. Und nun genug davon. Na, was sagst Du?" Der Reitknecht hatte das Pferd vorgeführt. Es stand prachtvoll auf seinen vier Füßen. Nun ließ Herr von Bär es in den verschiedenen Gangarten bewegen. Ute nahm ihre ganze Aufmerksamkeit zusammen. Tadellos. Aber er scheut. Ich würde ihn nicht reiten wollen." Herr von Bär lachte. Er war ganz heiter geworden. Sollst Du auch nicht. Die Hand Zwingt ihn. Komm her, Raudons Krottinus. Das gnädige Fräulein, scheint es, wird Dir keinen Zucker bringen. Warte ab. auch für Dich wird sich eine zarte Hand finden." (Fortsetzung folgt.) Der Vater des englischen Premiers CampellBannerman legte den Grund zu 'seinem Vermögen, indem er in seinem Geschäfte in Glasgow das damals unter dem Namen prigging" bekannte Unterbietungssystem abschaffte. Campell führte das Zahlenmarkrrungs-. System ein und verbot feinen Ange, stellten, von dem festgesetzten Preise etwas nachzulassen. Diese Neuerung erwies sich als großer Erfolg.

Der blonde Vochstudent. Humoreske von Wilhelm Georg. Aus der Küche, die durch .eine Schältervorrichtung mit dem Speise'zimmer des Restaurants Erbgraf" verbunden war, drang lautes Lachen heller Mädchenstimmen, unterbrochen von einem frischen J?dler, herüber an das Ohr des Mittagsgastes, des alleweil verdrießlichen Assessors Knittel. Er war einer von den vielen Junggesellen, die nicht geheirathet hatten, weil sie den Anschluß versäumt! Das Resultat dieses Versäumnißurtheils". wie es Knittel in einem Anflug bitterer Ironie nannte, bildete Menschenscheu, Weiberfeindschaft und Gries grämigkeit. So kam es, daß sich der Assessor mit der Zeit zum Sonderling ausbildete, der nur seinen Dienst kannte, seinen Portwein in ziemlich großen Quantitäten trank, dabei Zeitung las und Cigaretten drehte. Seitdem ihm sein Freund, der Frauenarzt Wettnar, auf den er bisher große Stücke gehalten, weil der Doktor trotz zahlloser Schlummerkissen, gestickter Westen und dito Tabaksbeutel alles von zarter. Patientinnenhand an den Schönheiten des Junggesellenlebens festhielt, gestern diskret andeutete, daß ein Frauenarzt mit solche? Praxis eigentlich" verheirathet sein müßte seitdem er diesen furchtbaren Entschluß seines besten Freundes kannte, dämmörte in ihm eine griesgrämige Stimmung herauf von nie gekannter Güte. ' Er schalt auf die Suppe des Erbgrafentraiteurs", die er Extraktbrühe" nannte, räsonnirte auf den Spargel, bei dem man erst seine Zähne mit neuen Plomben füllen lassen müsse, tvenn man ihn kauen wolle, und nannte die pikante braune Hasensauce Patentsauce", die heute nur den einen Vorzug habe, daß er sie thatsächlich schon noch schlechter genossen. Das sei aber nicht in der Provinzialhauptstadt gewesen, der er jetzt anzugehören das Vergnügen habe, sondern in Rodenstein, einem durch ein Amtsgericht gestraften Nest in der Heide. Und dann dieses Lachen in

'der Küche, das einem die Galle in's Blut treiben konnte. Franz," brüllte er den Oberkellner, einen mit tadellosen Wiener Bart-Kotelettes gezierten Ober" an: Franz, wenn das Lachen in der Küche nicht aufhört, dann esse ich im Wildschwein, wo jeder Gast wenigstens menschenwürdig behandelt wird!" Franz, die Kanaille, kam mit der devotesten Miene und meinte schüchtern: Schauen's, Herr Assessor, die süßen, kleinen Mädels mal an und sagen's mir dann, ob dös a Sünd ist, wann' s' lachen, die Kin der!" Der Assessor warf einen bitterbösen Blick naa7 der Richtung, aus der das Kichern klang, und meinte dann, um eine Nuance diskreter im Tonfall: Natürlich, der blonde Kochstudent mit dem schrillen Sopran als Chorführer!" Aber selbst dieses halblaute Selbstgespräch war in der Küche von dem blonden Lockenkopf, der aus dem Schalter hervorlugte, gehört worden. Eine Gluthwelle überzog das schöne Gesichtchen mit dem Stumpfnäschen; ein schnippisches : Nein, wie galant," klang in den Speisesaal, und zu flog der Schalter. Der Assessor hatte die letzten Worte zwar gehört , schenkte ihnen aber keine' Bedeutung; er zündete sich eine Queen-Cigarette an und freute sich, wie sich alle Leute freuen, die gut und reichlich gegessen haben. Beim Duft des Cigarettenqualmes, den er gewohnheitsmäßig durch die Nase blies, kam ihm sogar etwas wie ein schalkhafter Gedanke. Als Franz abserViren wollte, bat er ihn, noch einen Moment zu warten. Zögernd riß er ein Stück Papier aus seinem Notizbuch und schrieb mit dicken steilen Schriftzügen darauf: 1. Korinther 14, 34: Eure Weiber lasset schweigen unter der Gemeine; denn es soll ihnen nicht zugelassen werden, daß sie reden, sondern Unterthan seien, wie auch das Gesetz sagt." So, Franz," befahl der aufgeräumte Assessor beinahe gut gelaunt, legen Sie diesen Zettel auf diejenige Schüssel, die der blonde Kochstudent .in die Hände bekommt; eine Antwort begehre ich nicht, denn an einem Vibelwort soll man ebensowenig wie an einem Kaiserwort, drehen und deuteln!" Franz nickte beifällig, steckte seinen Groschen Trinkgeld ein und wandelte stolz wie einer, der sich einer hohen Mission bewußt ist, mit dem Korintherbrief nach der Küche. Ein und ein halbes Jahr war seitdem verstrichen. Aus dem hageren Assessor war ein wohlbestallter Amtsrichte? geworden, mit Neigung zum Embonpoint, das besonders dann stark bemerkbar wurde, wenn er seine weiße Weste, den Gipsverband", trug, wie der Referendar Lustig in wenig ehrerbietiger Weise das Lieblingsgilet seines Vorgesetzten nannte. Amtsrichter Knittel hatte das Avancement allerdings mit einem Opfer erkaufen müssen, er war aus der Pro vinzialhauptstadt nach dem Heidedorf Rodenstein versetzt worden, wo seine einzige Zerstreuung in der richterlichen Verurtheilung von Handwerksburschen bestand, die beim Betteln abgefaßt wurden, was. im Sommer gar nicht, im Winter höchstens zwei bis dreimal stattfand; die übrige Kit war dem GrundbuchaurZe, dem Skatdre- j

schen im Kasino Zum stolzen Hahn" und einigen Jagdpartien gewidmet. Für die Jagd schwärmte er indessen nicht sonderlich. Da ging er doch lieber zuweilen nach dem kleinen Sekundärbahnhof, wenn der Mittagszug ankam. Da, konnte er wenigstens Menschen sehen. ' Manchmal lohnte sich allerdings auch diese Wanderung nicht, denn außer derBotenfrau, einem Hausirer und einem Geschäftsreisenden verließ oft niemand den Zug, so daß der Bahnhofswirth, der in einem Anfall sträflichen Leichtsinns ein Fäßchen angesteckt hatte, aus Liebe zum Geschäft selbit das größte Quantum zu sich nehmen mußte. Unter diesen Umständen konnte es nicht ausbleiben, daß Amtsrichter Knittel auf allerlei dumme Gedanken kam. Er ertappte sich dabei, wie er mit dem Feuer spielte, jenem heißen, verzehrenden Feuer der Liebe, die er für die Nichte des reichen Wirths Zum stolzen Hahn" empfand. Das Gesichtchen gefiel ihm, der Blondkopf interessirte ihn. Freilich, den hatte er schon irgendwo gesehen. Auf dem nächstenKasinoball ward sie, die blonde Grete, seine Tischdame. Wie sie scharmant zu plaudern wußte, wie sie verstand. Vielliebchen mit ihm zu essen und von draußen, von der Welt zu erzählen! Freilich, sobald das Gespräch auf Br., die Provinzialhauptstadt, kam, brach sie plötzlich ab und wurde verlegen. Nach dem Kotillon gestand er ihr seine Liebe. Werde nur nach dem Kotillon geständig," hatte ihm sein alter Freund, der alte pensionirte Amtsgerichtsrath Luchs, gestein noch gesagt. Ich habe in meiner Eigenschaft als Kasinopräsident die meisten Verlobungen nach dem Kotillon entstehen sehen. Und Knittel that, wie ihm geheißen. Grete wurde ordentlich roth und bat sich Bedenkzeit aus. In ihren Augen leuchtete es dabei schelmisch und übermüthig zugleich. Morgen Mittag sollte er an der Tafel im Kasino, in der zusammengefalteten Serviette, die Antwor: finden. Knittel lachte über die Idee, und war's zufrieden. Die Nacht dauerte ihm zu lang, der Vormittag wurde ihm zur Ewigkeit. Endlich schlug's eins, die Tischzeit im Hahn". Wie ein Geier stürzte er auf seinen Stuhl, riß die frisch gefaltete Serviette aus dem elfenbeinernen Ring und las las seine eigenen Schriftzüae: 1. Korinther 14. 34: Eure Weiber lasset schweigen..." Darunter war von zierlicher Frauenband geschrieben: Es küßt Dich, trotz alledem Der blonde Kochstudent"! An diesem Mittag ist im Hahn" so viel Sekt getrunken worden wie nie zuvor. Und gelacht wurde, daß die Wände wackelten; am lautesten aber waren die Kochstudenten" in der Küche, denen die Mamsell erzählt hatte, wie sie" sich kennen lernten. Das Lachen hat die Grete, selbst als sie stattliche Amtsgerichtsräthin geworden und der erste Schnee in ihr blondes Haar geflogen kam, nie ver-lernt.

Dichter Wrangel. Eine Wrangel - Anekdote, die in weiteren Kreisen noch nicht bekannt sein dürfte, wird neuerdings wieder in Erinnerung gebracht: Ein mit dem Feldmarschall entfernt verwandter Kadett ist Sonntags des öfteren zu Tisch zu diesem eingeladen. Der Marschall bemerkt, daß der Kadett gewöhnlich gleich nach Tisch verschwindet und erst kurz vor der Rückkehr ins Kadettenkorps wieder erscheint. Er läßt ihn durch einen Diener beobachten. Der Kadett wird vom Diener beim Kneipen überrascht. Als er wieder sehr spät erscheint, bittet er Wrangel um Bescheinigung seines Urlaubszettels. Wrangel: Warum so spät?" Kadett: Lieber Onkel, traf eine Tante, die mich aufhielt!" Dann laß Dir von der Tante den Urlaubszettel bescheinigen." Ach, lieber Onkel " Ins Korps zurück! Marsch!" Im Korps fragt der Hauptmann nach dem Zettel. Verloren, Herr Hauptmanu!" Dem Hauptmann kommt das verdächtig vor, er schreibt an den Feldmarschall. Darauf von diesem folgende poetische Antwort: War bei mich, Fraß fürchterlich Fast zu Zwei (Zing fort um Drei. Kam um acht Uhr Wieder retour. Einen Zettel nicht bekam, Weil zu Lügen Zuflucht nahm. ' Sprach wat von Tante, Die nicht ezistirt, , Hatte aber stark tabagirt. Weiter kann ich Sie nichts sagen. Müssen ihn selber danach fragen. Darum. Arzt (zu einem Patienten): Ihr Herz ist ja total in Unordnung; sind Sie vielleicht ein forcirter Bergsteiger?" Patient: O nein, das nicht,. ..aber ich bin schon einige Mal verlobt gewesen!" Stahlgegenstände werden wieder blank, wen man sie mit einem Läppchen, das man zuvor in Oel getaucht hat, abreibt und sie hierauf mit Schmirgel abpolirt,.dem man auch einige. Tropfen Oel beigemischt hi,t. Diese Gegenstände werden wieder firie neu.