Indiana Tribüne, Volume 29, Number 180, Indianapolis, Marion County, 24 March 1906 — Page 7
Jndiana Tribüne, 2tl März IOOG.
7
Durch Lcid zur Licbc
lloman von Ida p c i s l: c r (Schluß.) Die leise'Selizkcit ihres BlickeZ derglomm mehr und mehr, da er den Spuren dieses Sieges nachzuforschen begann, von dem mit einem schmutzigen Wassersee überstandenen Teppich bis zu dem zerstörten Schrank hin, dessen Inhalt nur noch ein Grus feuchten Zunders war; von den angeschw'ärzten, versenkten Büchern, zu den stark versebrten Bildern und den Skeletten der Kränze . . . Und über dem allen die Restvernichtung durch die Nässe. Ihr Siez ! Sie hatte ihm ja nichts gerettet, im Grunde gar nichts; denn alles andere hätte er sich ersetzen können ... Wenn er jetzt käme ? Der Gedanke half ihr empor. Mühsam richtete sie sich auf. Dann rief sie nach Ulrich, dringend, wie um Hilfe. Er soll:e kommen, ihr Hüteramt übernehmen. Das konnte er. Ulrich! . . . Ulrich! ..." Und immer wieder. Der feige Schuldige kam' nicht. Außer sich schwankte sie zwischen den rußbeschmutzten, rosigen Wänden umher. Von Sekunde zu Sekunde wurde ihr die Folter ihres Armes bemerkbarer und dazu auch sein halb entblößter und peinlicher Anblick. Von Fieberschauern geschüttelt, mit schmerzenden Auen tappte sie sich durch das Rauchdämmer der ausgebrannten Stube nach dem Fenster hin. Ihr Tritt versank in dem vollgesogenen, lachenüberflutheten Teppich wie im moosigen Moorgründ einer überschwemmten Wiese. Ihr wurde unsäglich schwach zuMuthe. Ach, unter ihren Füßen gab es noch so viel, Arbeit. Und sie konnte doch nicht mehr! Sie hob wieder zu rufen an mit vorgeneigtem Kopf in den Hof hinab. Ulrich!... Ulrich!..." Der Verlangte, Ersehnte war wie vom Erdboden verschwunden. Ulrich!... Bitte, Ulrich!..." Da traf von rückwärts her ein tongebrochener Aufschrei ihr angespannt lauschendes Gehör. Er ! sagte sie sich unter einem zuckenden Herumfahren. Roch unterschied sie durch Dunst, Dunkel und den Rauchnebel hindurch nichts, als die Umrisse einer winzigen, zierlichen und die einer größeren Gesialt aber die heisere Stimme, die zum zweitenmal in einem irren, ungläubigen Laut dem jäh überkommenen Entsetzen Einhalt erzwingen zu wollen schien. Er ja. er! Er riß sein blasses, stummes und zitterndes Kind an sich, als sei es hier noch vor einer furchtbaren Gefahr zu schützen. Wie blitzgetroffen stand er auf der Schwelle. Wer hat mir das gethan?" Die wild hervorgestoßene Anklage in ihrem wüthenden Schmerz trieb ihm Elisabeth näher. Sie besaß wieder Kraft, eine formlich stählerne Kraft, trotzdem sie sich wie eine Verbrecherin fühlte. Halblaut, als wäre ein Kranker oder Sterbender zugegen, begann sie sich zu verdammen. Ulrich war allein ich habe ihn nicht gehütet da ist er von außen hier hereingedrungen und 'hat mit dem Feuerzeug gespielt. Es kann nicht auders sein. Ich habe ihm nicht nachzcfragt ich liebe ihn nicht ich habe nicht nach ihm gesehen so ist es geschehen..." Schrittweise schob sie sich immer näber, so. daß nur die Profillime ihres Körpers die unverletzte von seinem Blick getroffen werden konnte. O. wenn er ihr doch den Weg freigeben möchte, ehe er die Zerrüttung ihrer Erscheinung bemerkte. Am besten war es, sie schlich sich seitlich an ihm vorbei mit den starren, entgeisterten Augen sah er sie noch nicht. Verdorben," murmelte er ihr nach und schritt mit schlaff herabhängenden Armen in das qualmende, triefende Chaos vor. So konnte sie nun unbemerkt slüchten. Aber da war Ophelia, die sich, freigegeben von den Väterhänden, nun an die Entweichende anklammerte, ein flüflerndes Stammeln auf den Lippen, sie und ihren Papa nicht allein zu lassen mit dem Fürchterlichen, das hier geschehen war. Elisabeth besaß weder Muth noch Willen genug, sich von den krampfhaft festhaltenden Fingcrchen zu befreien. Widerstandslos trat sie die paar gewonnenen Schritte zurück und lehnte sich gegen den Pfosten der Thür. Sie zog mit der Linken, ehe sie sie sacht um das furchtsam an sie gedrückte Kinderköpfchen legte, erst den Shawl der Portiere um ihren Oberkörper. Pein und Trauer gaben ihrem Gesicht über dem rosigen Seidenglanz völlige Blutleere und das Ansehen einer drapirten Wachsbüste. Nur in dem fieberisch schimmernden Goldbraun der Augen war Gluth und Leben und alle Unruhe ihrer Seele. ' Ihr entging kein Athemzug, kein Seufzer keine Bewegung des herumtastenden Mannes. Und ihr war, als würde mit jeder Sekunde eine frische
Wunde an ihm blutender, unheilbarer. Ihre Pulse begannen wieder zu jagen. Nun hatte er alles durchsucht, durchfühlt, wie mit der schmerzlichen Unsicherheit eines halb Erblindeten. Und wie ein solcher strebte er euch' dem Ausgang zu. Dabei stieß seine Hüfte an einen freistehenden Sockel, der das 'zierliche Figürchen einer Melpomene trug. Sie schwankte und fiel, da er sie nicht hielt, in Zunder und Nässe hinab. Unter einem grollenden, verzweifelten Auflachen setzte er den Fuß auf seine Göttin und trat sie noch tiefer in das unsaubere Lager hinein. Und als käme ihm zugleich mit einem plötzlichen Sichbewußtwerden des ganzen Verlustes auch die Raserei eines Sinnlosen, hob er die leere Säule hoch und warf sie in den erblindeten Spiegel. , In das Getöse des Anpralles und das rasselnde Klirren der fallenden Glastrümmer mischte sich ein lautes, trostloses Aufweinen Ophelias. Herr Voß !" rief Elisabeth warnend und eindringlich. Da ließ er ab von weiterer Zerstörung und kam an die beiden heran. Es ist wahr," murmelte, er ergeben, warum soll ich die armseligen Reste meiner verlorenen Welt kann mir jede bezahlte Faust vollends vernichten.
... Weshalb weinst Du, Ophelia?" Er nahm sie wieder an sich, mehr mechanisch, als zärtlich. Für Dich ist doch nichts verloren gegangen." Es ist so schrecklich hier... und meine Stirn thut weh." Noch weckte das seine ewig rege, v'äterliche Besorgniß nicht. Er dachte nicht daran, seinen Liebling aus dieser Atmosphäre von Qualm und Grauen zu bergen. Er starrte zurück, wie in eine Gruft, eine mitleidslos mit seinem theuersten Eigenthum sich füllende. Aber Papa! Wir haben ja noch so viel anderes ." . Das sanfte Vorwärtsweisen verfing nichts im Gegentheil. Ophelia gewahrte es an einem verächtlichen, grenzenlos muthlosen Verziehen seiner Lippen; einem Zug, der ihrem kindlichen Verständniß ein zu schweres, wenn auch nicht fremdes Räthsel war und ihrem kleinen, sonnigen Herzen bittere Last. Rathlos und verzagt wies sie weiter. Und denke doch wenn Tante Lisa nicht war und sie das schreckliche Feuer nicht ausgegossen hätte !" Erregt schlugen sich die Fingerchen zusammen. Da hätten ja alle unsere schönen Sachen sterben müssen, und die Vögelchen und die Blumen... Komm zu ihnen, Papa. Komm fort von hier! " Still!" bat er plötzlich laut, rasch und -wie erwacht in das fortdrängende Bitten des allein sprechenden Kindermundes hinein. Ein Stutzen und Sinnen war über ihn gekommen. Elisabeth Elisabeth May hat dem Feuer Einhalt gethan als wenn ihm das jetzt erst klar würde! Er begann die Anstrengung zu ahnen, zu überdenken; die übermenschliche Anstrengung, die hier nöthig gewesen war, sein Heim einem so starken Feinde zu entreißen. Seine Gestalt richtete sich unwillkürlich hoher auf. Sein verschleierter, todter Blick bekam Leben, ja Glanz aber auch Befremden, als er sich voll und forschend auf das erschöpfte, blutlose Mädchcngesicht richtete. Sie konnte.: mein Bestes nicht retten, aber Sie haben uns so viel bewahrt und ich wage kaum zu überdenken, welche Anforderungen Sie dabei an Ihre körperliche und geistige Kraft stellten.Es war nicht so schwer," wehrte sie halb erschreckt, balb beglückt ab. Sagen Si: uns doch . . . oder nein. Ich bin von Sinnen Sie fühlen sich ja krank und frierend von dem Fürchterlichen " seine Augen streiften ihre Umhüllung. Rein." bedeutete sie einfach. Mein Kleid ist versehrt.Warum so scheu auch jetzt noch? ' murmelte, e? wie verloren in ihren Anblick. Es lag etwas zwischen ihren zusammengezogenen Brauen, das ihrem gezwungenen, farblosen Lächeln Hohn sprach, etwas wie Trotz und Härte gegen sich selbst. Ihre Zähne setzten ein paarmal .knirschend aufeinander, wie in innerem Krampf. Sorge und Spannung begannen Besitz von seinem Gesichtsausdruck zu nehmen. Elisabeth fühlte sich schwach werden. Ophelia muß in andere Luft..." Und Sie." Mit einigen raschen Schritten war der auflebende Mann neben den Fenstern und riß die klirrenden Flügel zurück. Dann erst führte er das von dem Rauchgeruch halb betäubte Kind in das entferntere Wohnzimmer. Willig ließ sich Ophelia in die Hängematte legen, aber daö heftige Veeiltsein ihres Vaters rüttelte sie aus ihrer Apathie. Du, Pap? Tante Lisa!" Ich hole sie Dir nach." versprach er unter kurzem, bedrängten Athem, für immer, so Gott will," setzte er vnhörbar hinzu, so daß es nur wie ein langgezogener, verlangender Seufzer klang. Ungestüm raffte er einen weichen Shawl vom Babipuppenlager empor und war hinaus, ehe die müde, kleine Herrin dieses Reiches seinem Thun nachzufragen vermochte. Wie er hastete! ... Er war eben aescklaaen worden. hart, grausam beraubt aber es gab noch 'etwas, das ihm. dem Weltflüchtenden. Menschenmeidenden diese stunoe, oiese uno keine andere, mehr,
versprach. Er durfte sie sich nicht verTrtrn fcon TnTT ff?,in l?7N kück-
Vtin yvtyv ti4v rfvvn. . . . w sichtsloses Begehren, das nicht durch seine Sinne Gluth erhielt, spannte ihm jeden Nerv. Ah sie lehnte noch da! ' Ja. Gepeinigt in solcher Situation, und doch nicht über sich gewinnen könnend, die weniger Sekunden seines Fernseins zu heimlichem Entfernen auszunützen. Er übergab ihr das schützende Tuch. Sein weiches, aufforderndes Bitte" dabei überhauchte ihr bleiches Gesicht mit einer rosigen Wärme. Jedoch löste sie sich noch nicht aus ihrer Maskerade. auch dann nicht, als er sich halb von ihr abwandte und weiter in das Boudoir vorschritt. , Seine Ahnung wurde gewisser sein Blick auf das Mädchen zurück durchdringend. Unnachgiebig trat er. anstatt in das Entree. nur an eines der Fenster hin. Ich bleibe bei Dir umhülle Dich! heischte seine harrende Geberde. Wie hypnotisirt befolgte Elisabeth diesen unausgesprochenen Willen Dabei verstörte sich ihre unbewachte, kämdfende Miene jäh an einem Nachgeben :n den wüthenden Schmerz. Während sich ihre Linke an den zuckenden Mund preßte, damit kein unwillkürliches Wimmern sie verrathe, rieselte knisternd die durchhitzte Seide an ihrem Korper hinab. Das feine, kaum wahrnehmbare Geräusch war das vorbedachte Signal für den abgewandt Stehenden. Er kehrte sich um, behutsam, aber unbeirrbar. Nun war nichts mehr zu verbergen. Sein Erschrecken war so heftig, daß es ihr in der Minute alle Scheu und Qual verscheuchte. Ob! Oh!... Also so entsetzlich ist Ihre Verletzung! ... So stark und muthig Ihre Standhaftigkeit! Furchtbar . . . Aber ich will einen Arzt Nicht doch!" bat das überführte Mädchen beinahe lachend. Es sieht schlimmer aus, als es ist. Wirklich. Ich belfe mir unten lieber selbst. Bitte." Mühsam zerrten die zitternden Finger nachbebend im Schreck über den seinen den Shawl in die richtige Lage, um den entblößten Arm zu decken. Da halfen seine Hände, noch ungeschickte?, versagender, als die ihren. Ich wollte doch Ihr Eigenthum schützen." flüsterte sie, als habe er geschölten. Aber mit solcher Gefährdung Ihres Lebens!" rief er außer sich. Ich hatte eine so große Schuld an Sie . . . und wenn ich das auch im Augenblick der Gefahr nicht wußte " Schuld? Sie an mich ?" entzog er ihr betroffen das Wort. Sie sah neben ihm in's Leere, wie in ein Paradies hinein. Seit jenem Abend, an dem Weding starb am Bettchen Ophelias " . Schuld !" sprach er ihr da noch einmal nach. Da ich Ihnen jenes zurückgewiesene Recht anbot? oder daß Sie es ausschlugen ?" Beides! rief es leidvoll in ihr. Bitte!" heischte er, mit dem Flimmerlicht eines Fiebernden im Blick und Antwort. Ihre bedrängte wahrhafte Seele rang darnach, die Erwiderung so zu geben, wie ihr Herz sie hatte. Und in langsamen, halblauten Worten verrietb sie sich, unter der Macht solcher Stunde'. Ja. Vorerst Schuld, durch das Em pfangen solchen Angebotes es steht vor einem Leben, wie das meine, ja wie ein Wunder. Ich war zu schwach, zu feig, zu verschüttet, um darnach zu grei sen. Und doch legte Gott Hilfskräfte in jedes, auch in das schwächste Veschöpf ich sollte Ihnen die meinen nicht vorenthalten, sollte gewähren, was verlangt wurde für Ophelia . . . Und wenn auch dann die Sonne noch einmal schien für Sie so brauchten Sie mich immer noch nicht zu hassen ich hatte aufgepaßt, und Ware gewiß. aucy oyne '.'iussoroerung, verstandig ge nug gewesen und dankbar, zu gehen Zu gehen ? Sie treulos?! wandte er, wie im Zorn sich erregend, ein. ..Zu aeben warum?... Wenn mir noch einmal die Sonne scheint? . . . Ach so! ; Er sah plötzlich wie in Sieger aus. Und wenn ich sage, daß ich ihr Lich! für mich kommend ahne! .Doch so grenzenlos verschieden bon dem, das mir schon einmal geleuchtet, von dem auch, welches Sie gemeint? Und daß ich daran erstarke, im voraus schon, daß ich hösfe und glaube, daß es mich jene mir genommene Welt verschmerzen laßt auch in der Einsamkeit eines unbesuchten Heimes, eines unbetretenen Parkes! Dort, wo ich auch heute nochmals mit Ophelia war, wo wir gestern Abend bei einander standen und das friedenversprechende Lallen der Quelle belauschten. Es wird uns nicht trügen, uns drei. Ich glaube daran ... O, ich habe solches Verlangen " jäh hielt er inne. Taumelnd war ihre erschütterte Gestalt von seiner Seite hinweggeglitten, angesunten gegen die vorherige Stütze. Das wachsbleiche Gesicht mit dem versagenden Ausdruck ungeheurer Spannung erinnerte ihn an ihren körperlichen Schmerz, der doch gerade jetzt nichts, gar nichts über sie vermochte. Ich bin brutal in meinem Bergessen, meinem Verlangen . . . Kommen Sie lassen Sie sich beistehen oder Hilfe holen." Hilfe holen beistehen : . . Nahezu verständnißlos sahen ihm die angestrengten Augensterne, die eben noch mit ganzer Seele inbrünstig seine Worte eingesogen zu haben schienen, in das unruhige, wie in Selbstpein verzogene
Gesicht ... Das Wunder! Das Wun-
der! flehte es in Elisabeth. Was galt jetzt die Qual ihres Armes? . . . O, noch einmal das Wunder! Da bat er .wiederum dringend: Kommen Sie!" Ein klägliches Frieren schüttelte ihren Körper. Weitab, weitab schon wieder die reiche Gnade, deren sie durch tief bereutes Zagen und Entsagen schon einmal verlustig geworden war. deren weiches Flügelwehen ihre verlassene Seele soeben wieder gestreift hatte . . . Und nun nur dieses fernabliegende. wenn auch tief besorgte: O, kommen ,V Es machte ihre entschwundene Herbigkeit wiederkchten. Schlimm, wenn ich nicht mehr zu ertragen vermöchte, als diese oberslächliche Wunde!" wehrte sie schroff und wandte sich zu gehen. .Dabei war ihr, als schritte si: in einen Schatten hinein. der immer dichter und dichter weroeno, wie crn erwürgendes Ungeheuer an ihr in die Höhe zu wachsen drohte. Jedoch die zwei einsamen Menschen, die von niemand in der ganzen Welt ein Fünkchen Wärme, Glück und Frieden für sich mehr erwarteten, als emes durch das andere, litten in dem Augenblick beide gleich. Denn er empfand und wußte jetzt nur eines mit aller Kraft: daß es marternd fei und entscheidend, wenn sie ihn also und jetzt schon verließ. Sie wollen nach unten? . . . Wo Sie niemand vermißt und gewiß auch nicht erwartet, nicht einmal aufrichtige Teilnahme! . . . Fühlen Sie nicht, wie undenkbar es für mich ist, wenn Sie mich nach solchem Opfer so ohne weitees verlassen!" Sie nickte unwillkürlich und sah noch halberloschenen Auges nach ihm zurück. WaS soll ich noch?"- fragte sie flustern d. Roch mehr Opfer bringen " stieß seine ausdruckslose, kranke Stimme kurz und Ungetüm hervor; und als er ein wenig zauderte, schien ibre Gestalt sich ihm zuzudiegen, ohne daß sie doch die Füße rührte mein Weib werben. Ophelias Mutter." Run veränderte Elisabeth in nichts ihre Haltung. Zitternd nur schoben sich unter dem Tuch ihre Hände ungeseben ineinander. Wie eine Last schien sich d.is Glück auf sie zu senken, so demüthig tief hielt sie Schulter und Kopf. Er war ihr so nahe, daß sein stoß'.reiset Athm ihre entfärbte, junge Wange erhitzte. Doch ehe er zum zweitenmal fragte, von Zweifeln beeinflußt, tssiete ihre gesunde Hand nach der seinen und, obwohl sanft und schmiegsam, so doch auch mit der wohlthuenden Energie ihres zielbewußten, festhaltenden Zugreifens. Gehen wir zu Ophelia."' Schmale, nervöse Finger umstrickten die ihren wie mit unlösbarer Fessel und zogen sie einem unruhig schlagenden Herren näher. Nicht Ophelia allein u?ird sich an diese Hand halten gedenke daran, daß ich diesmal zuvor Dich bat, mein Weib zu werden. Und daß ich ein Kranker bin. der nie mehr völlig genesen, ein Schwermüthiger, der auch in Frieden und Glück kein (autes Lachen mehr haben wird, ein Einsamer, der Welt und Menschen meidet auch ferne? " Ich denke daran!" Jubel und Beu'lmmerniß klangen in ihrem raschen Einwurf . zusammen. Und nun in Hast und Zagen weiter und anders. Und ick, denke daran und ich 'mahne daran, daß ich armselig bin. Armselig an Gut und Güte, an Lust und Witz, an Gaben und Anmuth " Still!" gebot er da fast heftig. Du hast Dich mir aeqeben. Du darfst Dich nicht an dem versündigen, das mem darfst nicht verschmähen, was ich mcht anders wünsche ... Ich ich liebe Dich, so wie Du bist. Elisabeth." Da lief sie vor ihm her. Arno Voß fragte und verlangte nichts mehr. Nun durfte sie ihm nicht mehr untersagen, ärztlichen Beistand herbeizuholen. Und während er ging, glitt sie vor der liegenden Ophelia nieder, dem kleinen. matten, verlassenen Schönheitswunder flüsternd ihre Heilsbotschaft vorsagend. Ich werde Deine Mutter!" Und wie im Fieber immer wieder dasselbe in langsamen, zurechtgelegten Silben, weil ihr Herz fortwährend nur wußte: ich werde sein Weib! Ende. Heldenthat eines Mädch e n s. Ter Gemsenjäger Kurbli aus dem Torfe Scarl im Schweizer Kanton Graubünden war an einem Donnerstage nach einem 3221 Meter hohen Berge aufgebrochen, um einen alten Gemsbock zu jagen, der ihm schon mehrere Male entgangen war. Als er am Freitag Abend noch nicht zurückgekehrt war, machte sich seine 20jährige Schwester in der Morgendämmerung des Samstags auf, um ihn zu suchen. Sie fand ihn in einer Höhe von 2000 Meter bewußtlos auf einem vorspringenden Felsgrat. Kurbli war in eine 60 Fuß tiefe Spalte gestürzt und hatte sich den Oberschenkel gebrochen; unter größten Anstrengungen gelang es ihm aber, auf eingehauenen Stufen, wieder heraufzuklettern. Nachdem er dann noch unter furchtbaren Schmerzen einen halben Kilometer weit gekrochen war, kam er nicht weiter. Seine Schwester zerschnitt ihren Bergstock, schiente ihm das ge brochene Bein und trug ihn auf ihrem Rücken zum Thal hinunter. So ret tete sie dem Bruder das Leben. ,
Vtt Mols. . .
Erzählung aus dem russisen Bauernleben. Von M. Steiner. Iwan Miiritsch! Haltet ihn den frechen Dieb! Haltet ihn! Haltet ihn!" Mit diesen Rufen stürmt eine Rotte von Männern und Frauen, bewaffnet mit Knütteln und Besen, hinter einem Burschen drein, der soeben im Schutze des Nadelwaldes verschwindet. Fluchend bleiben die Verfolger siehen, denn der Winterabend, der sich bereits über das sibirische Grenzdörfchen herabfenkt, macht ein Suchen im Walde unmöglich. Iwan hat das Zuruckbleiben der Anderen bemerkt; er macht mit fliegendem Athem Halt und wischt sich mit dem breiten Handrücken den Schweiß von von der Stirn. Elendes Gesinde! ! murmelt er. Ihr sollt mich nicht fangen! Haha! Und die Ziege soll mir nun ganz besonders munden, mir und der Maruschka!" Die Kmee zittern ihm vom Laufen, er setzt sich auf den schneebedeckten Waldboden und stützt das Haupt in die braunen Hände. Da knackt es in den Awemen der Bursche fährt wild herum. Ein Äerfolger? Nein, ein Mädchen zer lumpt wie er, nicht gerade schon, aber schlank gewachsen, mit langen, blonden Zöpfen und ienem erdduftenden Liebreiz, der so oft den Naturkindern eigen. Des Burschen wilder, böser Blick wird weich wie der Blick eines Kindes. Maruschka!" srgt er sonst nichts. Aber in dem einen Worte offenbart sich eine ganze Welt von Liebe. Iwan Mitntsch, Du hast gestohlen!" Ihre Stimme ist mild und schüchtern wie die Stimme eines Menscben. der sein Leben lang gehetzt und gestoßen wurde. Der Bursche schweigt trotzig und Maruschka fahrt fort: Warum hast Du gestohlen, Iwan gerade heute?" Gerade heute. Maruschka! Hat test Du mir nicht versprochen, heute mit mir zu ziehen? Und ich wollte wenigstens ein warmes Stück Fleisch mit Dir theilen gerade heute! Maruschka!" Geh!" sagt sie raub, obwohl ihr oie Thränen in den Augen stehen. Stehlen sollst Du nicht! Und meinetwillen erst gar nicht! Ich will's nicht! Und ich komm' auch nicht zu Dir!" Maruschka ich " Geh! Noch lebt die Ziege, ich habe sie in Deiner Hülle gesehen! Wenn Du sie nicht dem Wassilew zurückbringst, geh' ich fort, und Du siehst mich nicht wieder!" Iwan kennt sie, wenn sie so spricht: seufzend erhebt er sich und geht zur
JQUUZ. In der Stube des Dorfamtmanns sind die Bauern mit ihren Frauen versammelt. In ihrer Mitte steht Iwan, mit trotzigen Augen herumblickend. Wassilew. der Besitzer jener Ziege, hat das Wort ergriffen und fährt in eindringlichem Tone fort: Väterchen, höre mich! Ich schwöre Dir bei Gott und allen Heiligen, es ist nicht das erste Mal, daß der Lump gestöhlen hat! Wenn er auch heute die Ziege zurückbrachte, er hat sie wohl nicht recht brauchen können! Wie oft fehlten uns, auch Dir, Hühner, ein Schwein,. Brod, Talg und allerlei! Nimm den Lümmel heute fest, Väterchen, zur Strafe für all das! Nimm ihn fest, denn er ist bestimmt der Wolf, der uns in den Nächten bestohlen hat!" - Iwan ist während der Rede bleich geworden, seine Augen funkeln bei den letzten Worten springt er empor ein Satz und die nervige Faust krallt sich um des Sprechers Kehle. Laut auf schreien die Weiber, aber seine Stimme übertönt sie alle, alle: Ihr Lumpenhunde! Natürlich haha ich war der Wolf! Ja ' ich bin es noch wißt Ihr denn nicht, daß ich hexen kann? Daß ich Wolfsgestalt annehmen kann, wenn es mir beliebt? Haha! Wie Ihr erschreckt! Aber es ist wahr! Und ich werde noch oft Wolf werden und zu Euch kommen in der Nacht!. Eure Ziegen und Hühner, Eure Kinder werde ich fressen ja, wenn ich nichts Anderes mehr finde Euch selbst!Iwan rast. Schaum steht auf seinen Lippen, und nur wie aus weiter Ferne hört er des Amtmanns Worte: Ja, Ihr habt recht, Kinder, der muß sitzen, der ist mehr als gefährlich!" Das wüste Geschrei derLeute umbraust ihn. aber dazwischen vernimmt er ein Flüstern war das nicht Maruschkas Stimme? . Da dicht neben ihm: Ich warte, bis Du frei bist, Iwan ich werde schon inzwischen ein Unterkommen finden vielleicht im Nachbardorf! Ich warte auf Dich!" Wie im Traume hört er, daß der Amtmann befiehlt, seine Hütte mit Brettern zu verschlagen seine elende Bude, in der nicht einmal Mäuse und Natten hausen mögen! Stumm läßt er sich in das dumpfe Loch führen, aus dem er nur herausgeführt werden soll, um nach dem Stadtgesängniß gebracht zu werden. Allmählich wird die Amtsstube leer, denn die Männer haben den gefährlichen Burschen begleitet, und nur die Weiber stehen noch ein Weilchen schimpfend und lamentirend beisammen aber schließlich gehen auch sie, bis auf eine: Maruschka. Eben als der Amtmann als Ledter
zur Thür hmausfchreHen will, richtet sich die schlanke, hohe Mädchengestalt aus der Fensternische empor und steht im unsicheren Licht der Dämmerung vor dem Manne, der unwillkürlich erschreckt zurückfährt. Erschrick nicht, Väterchen." saat sie leise, erschrick nicht, ich werde Dich nicht ermorden! Nur bitten will ich um etwas, Väterchen: Laß den Iwan frei hörst Du? Er wird nicht stehlen! Dafür werde ich sorgen!" Du? Hoho!" Ja, ich! Denn ich habe ihn lieb, Väterchen! Laß ihn frei, er ist nicht schlecht! Ich will es Dir danken! Ich kann auch dankbar sein!"
Wirklich?" Der Mann sieht sie an mit einem Blick, den sie noch nicht versteht. Wie. schön sie ist trotz ihrer Lumpen! Keines der Dorfweiber ist wie sie! Eine Weile steht der Amtmann regungslos, dann plötzlich schlägt er seine Arme um die jungen, weichen Schultern, er zieht das blonde Köpfchen an seine heißen Lippen da was war das? Er taumelt vor seinen Augen sprühen tausend Funken sein Gesicht brennt, wie von einem Faustschlage getroffen aber als er wieder zu sich kommt, ist er allein. Draußen aber zieht die Nacht über das Dorf und den Wald. Die Hütte, welche das provisorische Ortsgefängniß bildet, mit ihren schlecht vergitterten Fensterlöchern, beschließt die Reihe der niedrigen Dorfhäuser. Die Fahrstraße geht in geringer Entfernung daran vorüber; sie hebt sich wie ein fahlgrauer Streifen aus dem hartgefrorenen, leuchtenden Schnee, um sich dann in den klei-. nen Wald hinein zu verlieren, der jüngst dem fliehenden Iwan Schutz gab. Jenseits des Gehölzes zieht sie sich weiter, dem Nachbardorfe entgegen, in das Maruschka flüchten will. Ob sie schon unterwegs ist? Die Nacht ist wohl kalt, aber hell und ruhig, da geht es sich gut über die stillen Felder. Besser als es sich in dem dunklen Gefängniß sitzt, das den Iwan umschließt. Er starrt hinaus in die klare Nacht, morgen wird er aus seinem Stadtkerker nicht einmal mehr auf weites, stilles Feld sehen. Und so Wochen und Wochen sein Leben wird sein wie eine unabsehbare, graue Flache. Und Maruschka Da! Der Bursche springt auf wie ein Tiger! Er preßt das Gesicht an die kalten Eifenstäbe des Fensters und athmet heftig dort auf dem grauen, schlängelnden Wege, da geht eine Gestalt, das Gesicht kann er nicht erkennen, aber er kennt die schlanken Glieder, er kennt den leichten, wiegenden Gang. Mit beiden Händen greift Iwan in die Sprossen, daj sie unter seinem Druck erzittern, und schreit mit der ganzen Kraft seiner Stimme den geliebten Namen in die stille Nacht hinaus. Das Mädchen hat ihn gehört,' sie bleibt stehen und deutet mit dem Arm nack dem Walde, dann geht sie hochaufgerichtet weiter, bis sie hineintaucht in sein Dunkel. In des Bu,schen Seele aber wird es still und licht. Was war das? Ein entsetzlicher Schrei erschallt da noch einer! Die Bauern machen Licht und hüllen sich in die Pelze. Draußen treffen sie zusammen. Da noch ein Schrei schwächer schon er kam vom Walde her! Bang und schweigend macht man sich auf den Weg, der Schnee knirscht unter den harten Sohlen der Männer. Lange suchen sie vergebens im finsteren Walde, da endlich erschallt ein vierter, ganz schwacher Schrei dich! vor ihnen. Gottlob, hier ist der Wald lichter, und nun da alle beugen sich zu dem weißen Waldboden herab, bann. sehen sie einander an entsetzt verstört. Vor ihnen liegt Maruschka in ihrem Blute Kops und Brust zerfleischt daneben Wolfs spuren. Da keucht es heran in rasendem Lauf! Iwan ist es! Seine Hände bluten, denn er zerschlug seines KerkerS Thüren mit jener Kraft, die nur die Verzweiflung geben kann. Mit einem furchtbaren Schrei durchbricht er die Reihen der Bauern dann steht er wie gebannt. Er sagt auch nichts, als plötzlich einix hinter ihm ruft: Der Wolf! Seht. seht, der Iwan ist der Wolf gewefen! Er hat uns ja gedroht! Nieder mit ihm!" Der Aberglaube beherrscht sie nun alle. Jetzt saust ein Feldstein heran' jetzt ein zweiter der Bursche taumelt hellrothes Blut quillt ihm zwischen den Lippen, hervor er bricht zusammen drüben aber, jenseits des Waldes, zieht ein scheues, graues Thier und leckt sich die blutige Schnauze. Eine Geschäftsfrau. Was hat denn Deine Frau gemacht, als Du mit ihrer Mitgift Deinen Hauptgläubiger bezahltest?- .Ihn geheirathet!" - Kolossal. A.: Ja, sagen Sie, mit unserem Freunde, dem Dichter, ist es doch kaum mehr auszuhalten, so hochfahrend ist der,... hat er denn tu nen so großartigen Erfolg gehabt?! B.: Das wissen Sie nicht? Eine Schuhwichse tst nach ihm benannt wor-den!
