Indiana Tribüne, Volume 29, Number 176, Indianapolis, Marion County, 20 March 1906 — Page 5

3m ötranöfioröc.

(kettle roa 6. VJasna. Die kleinen Regentropfen, dem Äuge kaum sichtbar, glitten lautlos hinab auf baS Wellengelräusel, daS rauschend am Strande nagte. Gelblichgrnn dehnte sich die glutl) ; es war, als ob sie leise athme. Nur weit draußen über der Sandbank tauchten weiße, eiligesiämme empor, um geheimnißvoll schnell wieder zu verschwinden. Am Horizont ein graues Verdämmern, und über Allem ein regloser, schweigsamer Himmel. Ter Regenlag verstärkte noch die Eintönigkeit der weiten Fläche. Unbeweglich ragten die zahllosen, unregelmäßig ausgestellten Strandkerbe au? dem Sande. Ter schwerwüthige Hauch einer ausgestorbenen Stadt lag aus diesen gleichförmigen Gebilden aus Weidenru!h:n, Brettern und rothweiß gestreifter Leinwand. Den weit sich dehnenden Lorstrand schloß im Rucken, von den Hotels des Badeortes überragt, eine halbhohe, mit Dornengestrüxp bewachsene Düne ab. Zwei der Körbe waren im rechten Winkel dicht aneinander gerückt. .Also der Vorletzte waren Sie?" Ein halblautes, ein wenig spöttisch klingendes Lachen folgte diesen Worten. Gewiß, meine gnädigste Iran Ba renin, der Borletzte," lautete die ruhige Antwort. Nach einer kleinen Pause setzte der Sprecher, Negierungsassessor von Barndorf, mit Achselzucken hinzu: Ich sehe eben schlecht " Merkwürdig," meinte die Baronin und blickte verloren in die Weite, das sieht man Ihren Augen nicht an. Ich sage schon nicht , blauen Augen denn das gilt heutzutage beinahe für ein Kompliment. Und der Rittmeister hat den ersten Preis errungen?" Jawohl, Herr von Salten schoß am besten mit der Pistole; zur Flinte sind wir gar nicht mehr gekommen. Ich glaube, es war Niemand so enttäuscht wie er, als bekannt wurde, daß Frau Baronin-nicht die Preise vertheilen würdet Er sah sie bei diesen Worten schalf an. Gewiß, das kann ich mir denken. Uebrigenö Sie wahrscheinlich auch, Herr von Varndorf?- versetzte sie. Eigentlich nicht," antwortete er kurz. So, so." Sie schien belustigt. Run, wenn Sie schon so offen sind, dann sagen Sie mir auch den Grund." Man blamirt sich nicht gern vor der Frau, die man verehrt." Ja. das ist richtig," stimmte sie bei, das thut man in der That nicht gern. Aber warum schössen Sie denn überhaupt mit?" Weil Sie es gewünscht hatten." Ah, allerding?, das hatte ich vergessen." Sie schwiegen Beide. . (5r sah unmutig vor sich hin. Darf ich mir eine Frage erlauben, die mich schon lange beschäftigt?" bc gann er nach einigem Zügern, indem er einen Kiesel aushob und ihn in'S Wasser warf. Bitte, wenn die Frage nicht trivial ist. Ich nehme an, Sie verstehen, was ;dj damit-meine." O nur zu gut," betheuerte er mit ingrimmigem Lachen. Seien Frau Baronin überzeugt, daß ich mir diese urage nicht erlauben werde." Run also, dann bitte," kam eö gelassen aus ihrem Munde. Ihr Herr Gemahl, der Baron Hainhoks, war doppelt so alt wie Sie, als er vor einem Jahre nahe an die Fünfzig starb, nickt wahr?" Sie nickte langsam, ohne ein Wert zu sagen. Run also, diese Verschiedenheit der Jahre oder" er beugte sich vor und sah sie mit zusammengezogenen Brauen an habende JhrenMann qeliebt? Sie hi'gegnete seinem Blick nicht und antwortete auch nicht ; thr schwelgen wurde ihm peinlich. Er empfand, daß sie damit die Absicht verfolgte, ihn über die Ungehörigkeit seiner Frage aufzuklären. Und dieses Mißbehagen steigerte sich noch, als s,e den Gegen stand der Unterhaltung unvermittelt wechselte. Sie lieben also auch den Regen am Strande so wie ich," begann sie in glelchmuthlgem Tonfall, dann brauche ich mir kein Bedenken auskommen zu lassen, dan ich cit vorhin ausforderte. mich zu begleiten. Er lachte kurz. Es ist doch etwas Schönes um diese Sicherheit der Weltdame." Sie schien seinen Spott nicht verstehen zu. wollen, so fuhr er denn fort: Nur daß das Fundament, auf dem dieser stolze Bau" er betonte die beiden letzten Worte errichtet wurde, sehr hohl ist." Meinen Sie?" Natürlich; denn, Frau von Hain hosf" er reckte sich wenn die Män ner aufhören wurden, den Frauen diese ihren freiwillig eingeräumte Stellung zu gewähren, so aus eigener Kraft tonnten sie die doch nicht behaupten und dav wir, wenn alle fräste ohne Rücksicht spielen, die Stärkeren sind, ' werden Frau Baronin doch auch nicht betrelten." Und wenn ich eö doch thäte?" Ja, du lieber Himmel" er zog die Schultern in die Höhe der Be weis ist nicht leicht zu erbringen. . Paul Lindau hat darüber einmal eine Novelle geschrieben ich habe den Titel vergessen in ihr siegt freilich die junge Dame; sie hotte sich allein zu ihrem Gegner, einem Junggesellen, in die Wohnung begeben. Er wagte sie

aber nicht einmal zu küssen. DaS kam

nden, well" Nun weshalb denn?" fragte die Äaronin. Sie scheinen mir Ihre Beispiele nicht gerade glücklich zu was) en. Weil die Prämisse falsch war. Er iebte die junge Dame.. Und freilich. wo das Herz mit in Frage kommt, da st die Sachlage verschoben. Fällt das aber fort,' und ist die Gelegenheit so, daß auf die Umgebung keinerlei Rück tcht genommen zu werden braucht und von ihr keine Störung zu befürchten st, so wäre der Beweis nicht schwer zu iesern." Ds heißt natürlich, Sie trauten ihn sich zu." Gewi." Ich glaube eö nicht." Verneinen ist keine Kunst," versetzte er barsch. Sie richtete sich aus. Ein schneller Blick glitt über ihn weg. und ein feines Roth überflog ihre Züge. Bitte, ich ertheile Ihnen Vollmacht. Wir sind hier allein, es ist Nicht zu befürchten, dan uns bei , dem Regen Jemand stören wird." Er sah sie lange an. eine Blicke bohrten sich gleichsam in ihr Gesicht. Tann pfiff er durch die Zähne. Frau Baronin wissen ;a," sprach er mit tieser, veränderter Stimme, daß eö um mich gerade so bestellt ist wie um den Helden in der Lindau'schen Novelle." Er lehnte sich in seinen Korb zurück und schloß die Augen. ie lachte spöttisch. Zagten Sie nicht eben, daß verneinen keine Kunst sei?" Huten sich! Wie barock. Nun drohen Sie gar. Nein, mein Herr von Barndorf, für etwas weniger unvorsichtig hätte ich ie doch gehalten. Man blamirt sich ja bekanntlich nicht gern." Cr sprang mit einem Satze aus. Also Sie wollen es!" Noch ehe sie ihm Antwort geben konnte, hatte er sie umfaßt und in die Höhe gerissen. Er preßte sie an sich und bedeckte thr Gesicht mit Küssen. Im ersten Augenblick von der Gewaltsamkeit des Angriffs betäubt, hatte die Baronin regungslos in seinen Armen gelegen; dann, ihrer Lage klar vewulzt, versuchte sie sich freizumachen. Mit den Armen stemmte sie sich gegen seine Vruzt, den Kopf wandte sie zur :eite. Aber er 1 ten sie nicht los. Hoho," knirschte er keuchend, Gewalt gegen Gewalt !" Dann riß er sie mit ssch in den Strandkorb. fassen Sie mich los, was thun le!" rang es um aus ihrem Munoe. Aber er hörte nicht darauf. Stürmisch bedeckte er iie mit seinen Küssen. Noch einmal strengte sie ihre Kräfte an. Herr von Barndorf, lassen Sie Mich!" Plötzlich fühlte sich die Baronin be freit. Rittmeister von Salten trat vor sie hin. Barndorf war aufgesprungen. Athemlos stand er dem Anderen gegenüber. Einen Augenblick kreuzten sich haßerfüllt die Blicke der beiden Geaner. Dann fragte der Rittmeister in ruhigem Tone: Darf ich um eine Er klärung bitten, Herr von Aarndorf?" Nein," antwortete tu?z und scharf der Andere. Ter Rittmeister machte eine kleine. hochmüthrge Verbeugung. In Gegen wart der Frau Baronin verzichte ich darauf, Sie mit demjenigen Worte zu belegen, das Ihrer Erbärmlichkeit ge bührt!" Der Assessor zuckte zusammen. Seine Blicke flogen zu Frau von Harnhofs. Er wollte etlvas sagen, unterdrückte eö aber. Tann verbeugte er sich gleichfalls. Aus demselben Grunde bleibe ich Ihnen die gebührende Antwort schul dig. Auf nachher!" Ter Rittmeister trat auf die Baronln zu. Darf ich Sie fortführen, meine gnädigste Frau?" Er reichte ihr den Arm. Sie wich einen Schritt zurück. Sie wollte sprechen, abir sie wußte Nicht was. Im Augenblick durchblitzte sie die ganze Unmöglichkeit der Lage, die sie selbst herausbeschworen hatte. Hilfe suchend, schaute sie zu Barndors hrn über; der hatte sich aber abgewandt. wJch, ich" Sie brach ab. Wie Jener sie im Arm gehalten, und da ein An derer, daß dieser es gesehen, ließ die Scham glühend heiß rn ,hr aufsteigen. Ohne ein weiteres Wort zu sagen. wandte sie sich ab und eilte davon. Die Herren verließen den Strand auf verschiedenen Weaen. Der Asses sor sute einen Bekannten auf. Dann telegraphirte er an sein Korps in der nahen Univer ltätöstadt. Die Baronin war am. Abend im Hotel nicht mehr an der Tafel erschie nen; auch das. Frühstück hatte sie nach einer roenig crauiaiiajen acyl am anderen Morgen auf ihrem Zimmer eingenommen. Um zehn Uhr war ihr von der Kammerjungfer ein großer Strauß mit einer Karte vom Rittmeiste? überbracht worden. Blumen und Karte lagen unbeachtet auf dem Sijaje.- - Seit einer Stunde schon wanderte sie rastlos auf und ab. Ihre Gedanken schwirrten durcheinander, und dennoch kam sie zu reinem Entschluß. Die beleidigenden Worte, die gestern zwischen den beiden Männern gefallen waren, hatte sie zwar gehört, aber Scham und Aufregung hatten sie davon abgehalten, dem (sinn rener Worte Beachtung zu schenken. Erst in den schlummerlosen Stunden der Nacht war ihr die Erinnerung daran und damit die Bedeutung des Wortwechsels zum BewutZliein gerommen.

Die Beiden würden also im Zwei :npf einander gegenübertreten, übel' gte sie. Das hätten sie in Folge ner anderen Veranlassung wahrscheinift auch gc:han. Sie wußte ja, daß mischn; ihnen eine zwar verdeckte, aber Heftige Nebenbuhlerschaft ..bestand. d,e nur auf eine Gelegenheit zum Aus bruch der Feindseligkeiten wartete. Als ob sich noch nie zwei Männer einer Frau wegen duellirt hätten. Das war doch ein so einfaches Rechenexempel,

nur das Nefultat bebagte ,hr nicht. und zwar um so weniger, je mehr sie daran dachte, denken mußte. Was lhr Aarndorl von dem Wett' zchießen erzählt hatte, drängte sich immer wieder in ihre Gedanken. Darnach war der Ausgang kaum zweifelhaft. Sie versucht ihrem Denken eine andere Richtung zu geben. Das Bild. das ihr soeben vor Augen getreten war, wollte sie bannen. Aber es gelang nicht. In ihrer Mädchenzeit war 1 ie einst zeitig vormittags in das Zimmer ihres Bruders getreten. war schon ausaeaanaen. Als sie verwundert um heigeblickt hatte, war ihr aufgefallen, daß der vistolenkasten fehle, der sonst auf dem Rauchtisch seinen Play hatte. Eine Stunde später 'brachte man den Bruder, izx war todlenbleich. mit einer Singet in der Brust. Jetzt war er ein Krüppel, der seiner siechen Lungen wegen seit langem schon im Süden weilte. Sie blieb stehen. In nervöfer Erregung ballte die Hand das Taschentuck. Sollte es hier auch so kommen? Und das war ja noch der günstigere Zall. Der Zorn, den sie gegen Barndorf hegte, verschwand vor diesen Erwägungen mehr und mehr. Anfangs hatte sie in ihrem Innern gegen diesen Mann gewüthet. Er war roh gewesen, im höchsten Grade brutal und gegen sie, die seiner, wie aller Männer, so sicher zu sein glaubte. Stolz und Scham hatten sich gegen die leise Anklage gewehrt, daß sie die schuld an ) einem Aus bruch trage. Die Selbstrerwürse kennen wieder, immer stärker. Ja, ja," stöhnte sie laut. Ich, ich" Sie sank auf einen Sessel. Aber sie sprang wieder auf. Nein, nein, ör hatte kein Recht dazu, es anders als einen Scherz aufzufassen. War es denn aber vvn ihr als Scherz gemeint gewesen? . Was hatte sie überhaupt dabei gedacht, als sie ihm die Lrlaubniß gab, alö sie ihn so geradezu heraus jawohl, heraus forderte? Daß er es nicht wagen würde? Um also einen so kleinlichen Triumph zu feiernd Oder war es etwas Anderes gewesen? Nenqierde Trotz gegen ihn? Gegen ihn, der sich bisher so tadellos betragen hatte? o, wie es seine treuherzigen blauen Augen ver hießen. Und dann plötzlich dieser gewaltsame Gef hlSaubruch. -e schauerte zu sammen, da sie an die Gluth seiner Küsse dachte. Einen Augenblick schloß sie die Augen. Ein leises fächeln flog über ihr Gesicht. So mag die Ver zweislung küssen, wenn sie von ihrer Liebe auf ewig ?lbschied nimmt. Und er liebte sie. Deshalb sollte er nun sterben? . (5S wurde ihr auf einmal zur Ge wißheit, daß das Duell mit seinem Tode enden würde. Das durfte nicht ein: Was aber thun? Ihm sa:n, daß er lim Nicht duelliren soll' . Er konnte ja gar nicht anders als diese Zumuthung ablehnen. llt dem Rlttmeiiter spie chen, ihn bewegen, die Beleidigung zu rückzunehmen? Mit welcher Bearün dung denn, da er sie in des Anderen Armen gesehen und gesehen, wie sie sich gewehrt Ihm die ganze Wahr heit berichten? Aber das wäre geradezu lächerlich. In welchem Lichte würde sie ihm da erscheinen! Und könnte er ihr nicht erwidern, daß Barndorf trou dem kein Recht gehabt habe, sich so zu t.. o or"-?- - q ... . -.. . veuagenr er es ja in eer 4.rjQi auch nicht halte. Natürlich würde Jener ihr das entgegnen. Selbstver ständlich ganz selbstverständlich. -An diesen Gedanken klammerte sie sich, ihn wiederholte sie immer von Neuem. Schien doch darin für sie die Berechtigung zu liegen, auf Kosten deö Anderen zu schweigen und die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen, ohne daß r p ? j r r :ri - i - Iie lim Diopnmie. Noch einen Augenblick sann sie fin ster vor sich hin. Er oder ich,- murmelte sie, so mag er ci denn sein. Vielleicht wird es auch gar nicht so schllMM. Sie klingelte. Kleiden Sie mich an," befahl sie der eintretenden Kammerjungfer. Ich will ausgehen." Als sie das Hotel verließ, traf sie Barndorf. Er grüßte tief. Der erste Groll erwachte wieder inihr. Mit hochmütigem Dank schritt sie an ihm vorüber. Sie wandte sich rechts ab nach dem einsameren Theil deö Strandes. . Die wenigen Spaziergänger, die ihr beaeq neten, wandten sich verwundert um. Man war gewöhnt, sie immer in Be gleitung. mehrerer Herren zu sehen. und heute so allein.'' Die Leute schüt kellen die Köpfe. Woö hatte das nun wieder zu bedeuten? Die in jeden Badeort rege Klatschsucht hatte die Baronin bisher immer mit scheelstem Blick betrachtet. Eine junge Wittwe das zeigte . die Halbtrauer die allein reist. Nun, man konnte sich schon denken, daß . Die Sonne streute ihr Gold über die blauende Fluth. Ein frischer Erd

geruch entstieg dem Boden. In klei

ien, schräg auflaufenden Wellen beaumte die See den weißen Sand im iaht, als ob Perlenschnüre aneinander erieben würden. Den rou-7rou des Meeres" hatte dieses Spiel der Wellen Äarndors einmal genannt und eö mit dem durch daö Gehen hervorgerufenen O . C -I. r . n i ein! cmuiujcu ,yier ieioenen unier leider verglichen. Da war sie schon wieder mit ihren Gedanken bei ihm. f! ! r ! i 1 T. . ri . m ... j - cic lujuu völliger aus. 'plötzlich blieb sie stehen. Natürlich würde es in diesem kleinen Neste bekannt werden ging es ihr durch den Kopf natürlich würde man es mit ihr in Verbindung . bringen. Finster zuckte es ihr über's Gesicht. Warum hatte er sie vorhin auch nicht angeredet; vielleicht wäre irgend ein Ausweg zu finden gewesen. Hatte er es nicht gewagt? Und warum ie ihn nicht.'' Aber vaSwarja unmög' ich. Nun, später, wenn die Sache vorüber sein würde; unter den Augen der ttutc lejzruthen zu lausen, huui ie feine Vust. Also fort, fort, h?atc noch ! (5n!sä1osscn machte sie Kehrt. Dieser Aucwcg erschien ihr wie eine (5r llaiung. Sie stand vor dem Spiegel. Die Rechnungen waren beglichen, die Koffer gepackt, lim fünf Uhr ging der nächste, um echt Uhr ein zweiter Zug. Sie janc ici stir oen ersteren entfmieoen. 6s war noch viel zu zeitig. In ihrer Auflegung hatte sie getrieben und gedrängt, um nur fortzukommen. Und nun mußte sie ich selbst sagen, daß es thöricht sein würde, jetjt sehen auf den Bahnhof zu gehen. ste waren Alle erstaunt gewesen, die Bekannten, die Nachbarn, der Wirth, der Oberkellner, als sie an der Table-d'hole laut erklärte, dan sie ab zureisen gedenke. Machend hatte sie die Behauptung erfunden, daß sie es stets so mache, und dcn alten Mönchsspruch hinzugefügt: Wir kommen zusammen und kennen unö nicht, wir leben zusam me!, und lieben uns nicht, wir sterben zusammen und betrauern unö nicht.'or den leyten Worten hatte sie gestuN, cS kam ihr einen Augenblick rermessen vor, sie gerade jetjt zu sagen, dann sührte sie dcn Spruch aber doch zu Ende. Man hatte von den verschiedenen Seiten zugleich Einspruch erheben wollen. Dadurch war die Unterhaltung sehr lebhast geworden. Eine der Lautesten war sie selbst gewesen, ganz gegen ihre Gewohnheit. Ihr Gegen über, ein altcr, pensionirter General, hatte daö Glas erhoben und zu ihr gelagt: Frau Baronin glänzen wie die Sonne beim Abschied am schönsten, um so herber wird der Verlust für uns." Daß Barndors und galten fehlten, dazu noch zwei andere Herren, nähere Bekannten derselben, schien auer ihr Niemand zu bemerken. Vielleicht hat ten sie ihr Ausbleiben mit einem grö tzeren Cliisjlng erklärt. ' Der Assrssnr hatte seinen platz ihr schräg gegenübergehabt. Wie oft waren seine Blicke von dort zn ihr geglitten. Möglicher Weise würde er morgen oder übermorgen nickt vielleicht nie mehr dort sitzen. Das hatte sie plötzlich verstummen lassen. Noch vor dem Kassee war sie aufgestanden und hatte den Saal'verlassen. Daran dachte sie, während sie in den Spiegel schaute, um sich die Aän der ihres Kapotehütchens zu knüpfen. Sicher schrieb er jetzt Briefe, die Briefe, die nur ankommen, wenn ihr Schreiber aus dem Leben geschieden ist, und die an die liebsten Personen gerichtet sind. Ob auch'an sie einer darunter sein wülde? Kaum. Und der Rittmeister ebenso. Die Sekundanten unterhandelten, dcr Arzt wurde ver. ständigt, der Wagen bestellt. AIS ob sie das nicht Alles ganz genau wuzzle. Welch' eine Jaree! Sie blickte ihr Spiegelbild scharf an. mit kalter Neugierde. Sie hatt? Ränder unter den Augen der Schleier wurde es decken. . 'Meine Fluckt ist feige," kam cS plötzlich schwer von ihren Lippen. Und dabei starrte sie sich immer noch an, unbeweglich. Sin tblänenloses Schluchzen durch zuckte ihren Körper. Entschlossen ging sie zur Thür, die zum ?!ebenraum südrte. und öffnete sie handbreit. Anna, erkundigen Sie sich, ob Herr von Bärndorf da ist; wenn ja, so laue ich ihn bitten." Sie blieb mitten im Zimmer stehen und wartete. Ein Wort nur wollte sie ihm sagen, ein Wort zum Abschied. Nach awePMiwteii kam die Zofe zu rück und meldete, Herr von Aarndorf habe das HauS vor Kurzem verlassen. Einen Auacnblick überlegte ,,e. Schreiben? Sie konnte es zetzt nicht, sie fühlte sich dazu nicht im Stande. Tann sagte sie ruhig: ES ist gut. Ich gehe auf den Bahnhof, benutzen Sie den Omnibus und geben Sie auf daö Gepäck Acht." -Als die Baronin den Bahnsteig be trat, grüßte sie der Portier ihres , cm . . l. - .yoici. er ver ,vran -saaioinii behilflich sein körne, fragte er, es fei noch eine halbe Stunde Zeit, erst müsse noch.ein Zng einlausen, dann erst könne ivmt Qmiiin Stifiotnprt - (jm. tjuiiiiiiii ninviyvi. Sie wies ihn an. der Zose beim Gepärt zu. helfen, und setzte sich auf eine der Bänke, die in der Mitte deö Bahnsteiges aufgestellt waren. Sie sah den ankommenden Zug in einer großen Kurve einbiegen, fauchend ... . . . . . t . rollte die Maschine heran, zwei, orei - .v -i r r f. o rceiue nauchwoilen silen sie nvru aus, dann stand iie leise röchelnd still. Die Aufregung hatte die Baronin verlassen, nur einen dumpfen Druck

fühlte sie noch im Kopfe. - Gleichgiltig blickte sie auf .das Getriebe ringsum. Plo;'Urt) zuckte sie zusammen.

.Yerr von Barndors war an ihr eilig vorbeigeschritten. Er trat an ein Koupe des nächsten Wagens, öin Herr svrang lerab. und scheitelte dem Assessor sichelnd die Hand. Sie sprachen ein paar Worte mit einander. Da wurde das Gesicht deö soeben . Eingetrvffenen ernst. Noch einmal drückte er Jenem i die Hand, dann wandte er sich in den ! kibtheil zurück und hob etwas heraus, etwas schweres. Ah," entfuhr eö der Baronin. Diesen länglichen Kasten aus hellgelbem Eichenholz mit den funkelnden Metallbeschlägen kannte sie ja. Bei ihrem Bruder auf dem Rauchtisch, da hatte ein gleicher gestanden. Der fremde winkte einem Gepäckräger. Warten Sie vorn am Aus gang, wir kommen nach," hörte sie ihn agen. Der Mann nahm den Kasten und entfernte sich. Der Fremde schob den Arm unter den seines Freundes; sie wollten gehen. Die Baronin trat dicht vor sie hin. Barndors fuhr zurück, dann griff er nach dem Hut. Einen Augenblick, Herr von Barn dori " sagte sie unausiällia iie war ganz ruhig geworden. Er -reichte ihr den Arm und führte sie etwaö zur Seile, der Andere ging langsam vor aus. Sie machte sich los und blieb stehen Sie wollen sich schießen," sagte sie und sah ihn voll an. Er lächelte bitter.. Wenn ich nein sagte, würden Frau Baronin es mir doch nicht glauben..Nein," bestätigte sie kurz, aber es darf nicht sein." Ei verbeugte sich, ohne ein Wort zu erwidern. Ich will nicht abreisen mit dem Gedanken an ein Unglück, mit dem Bewußtscin einer Schuld." Wenn von Schuld gesprochen w!rden soll, meine gnädigste Frau, so bin ich derjenige, der sie allein auf sich geladen hat. Ich durste mich nicht hinreißen lassen, selbst nicht durch Ihren Spott. Nur die Verzweiflung überkam mich plötzlich, weil ich die Gewißheit zn haben glaubte, daß dan ich der gnädigsten Frau nichts gelte." Das letzte hatte er leiser gesprochen, wieder lauter fuhr er jetzt fort : Und deshalb lassen Sie mich darum bitten, mir nicht mehr zu zürnen." Bisher war sein gesenkter Blick auf dem Boden hin und her geglitten, nun sah er ihr zum ersten Mal frei in das Gesicht. Ihre Augen wurzelten einen Moment ineinander, die ihren flehend, die seinen fragend. Herr von Aarndorf," bat sie. r sah wieder weg. Wollen Frau Baronin, daß ich als Feigling er' scheine?" meinte er ruhig. Aber ich glaube, wir quälen uns Lassen Sie mich Ihnen eine glückliche Reise wun schen und und gestatten Sie, daß ich meinen Freund aussuche er wartet!" Seine Stimme bebte leicht. Er machte eine Bewegung nach der Seite. Nun gut, reichen Sie mir den Arm, so werde ich dem Rittmeister die Wahrheit sagen." Er trat dicht vor sie hin, seine Airgen blitzten.- Das dürfen Sie nicht. Warum nicht?" Ihre Brauen zogen sich zusammen. Weil Sie das kompromittirt, und zwar in höherem Grade als das, was ich Ihnen gestern gethan habe. Keine Frau ist davor sicher, dan die rohe Ge walt des Mannes nicht einmal die Schranken niederreißt. Dagegen hat die Frau keine Macht, und daraus tnsst sie kein Vorwurf ; aber wenn sie selbst selbst ja " Er stotterte und sührte den Salz nicht zu Ende. Ah, Sie meinen, wenn ich erzähle, was ich selbst für eine Rolle dabei ge spielt habe, meine Provokalion, so könnte mir das schaden?" Nicht doch schaden nein, nur falsches Licht unrichtiges Urtheil Pah, nur beim Rittmeister." Auch bei dem nicht," fuhr er aus. So wollte er also nicht das Opfer. vor dem sie so lange zurückgeschreckt, das ihr so. schwer erschienen war. Sie hatte dabei nur an sich gedacht und er nur an sie. Wie beschämend! Ihr Stolz bäumte sich nicht mehr gegen diese Erkenntniß auf: es war eher ein Glücksgefühl, das sie durchdrang. Noch eitie Weile sann sie vor sich hin, dann blickte sie aus und lächelte leise. Also Sie wollen nicht, daß ich L tort trtMAn n.A Mi? thtrti a t 4 (rttajl yiiiu vuinii uiw vui;iitii uyt. Nein!" Gut. Und ich will nicht, daß Sie sich schießen. Vereinigen wir daher Beides. Und nun reichen Sie mir Ihren Arm." Er zögerte und sah sie fraaend an. Doch sie lachte nur, fast froh: Kommen Sie nur, Ihrem Freund wird die Zeit lang werden." Aber Sie wollen doch abreisen." Gewiß, heute Abend mit dem näch. stenZuge." Tann schritten sie zu Dreien der Neuangekommene war der Gerichtsassessor Wegner, ein Korpsbruder Barndorss nach dem AuSgang. Als Wegner sich an den wartenden Gepäckträger wandte, winkte die Baro nin. lassen Sie nur, Herr Assessor!' Sie rief den Portier heran. Hier, nehmen Sie . diesen Kasten und sagen Sie meiner Zofe, sobald sie kommt, sie soll ihn zu den anderen Sachen legen. Wir reisen erst mit dem nachsten Zuae." Dann wandte, sie sich an Wegner. Keine Angst, mein Herr, ieb weih

mit diesen Dingen Bescheid. Er bleibt zu Ihrer Verfügung.-

Dieser, der nicht wußte, was it. sagen sollte, wandte sich an Barndorf. aber der zuckte die Schultern. So fügte sich Jener wertlos. Als sie die große, jetzt leere Glas veranda des Hotels erreicht hatten. fragte die Baronin den Oberkellner, ob Herr von Salten anwesend sei. Jawohl, Frau Baronin." Er wunderte sich, daß sein schöner Gast, der doch abreisen wollte, wieder da war. aber sein Diplomatengesicht verrieth Mit keinem Zuge die Ueberraschunq. Ich lasse ihn aus einen Auaenblick bitten." . Der Oberkellner verschwand mit einer erdergung. Dte Baronin wies aus einen abseits stehenden Tisch. Dort nahmen die Drei Play. Keines von ihnen sprach ein Wort. Als der Rittmeister sie erblickte. stufte er. Die Baronin hatte sich erbeben nd reichte ihm die Hand. Er führte sie an die Lippen. Den beiden Herren machte er eine kurze Verbeugung, die sie ebenso erwiderten. Herr Ziittmeister," begann die Baronin ruhig, aber mit gedämpfter Stimme, ich habe Ihnen noch zu danken für die Hilfe, die Sie mir gestern in einer scheinbar recht prekären Lage haben zn Theil werden lassen. Aber eigentlich hanielte es sich nur um die ungewöhnliche Form für eine recht gewöhnliche Sache. Ich hatte mich nämlich mit Herrn von Aarndorf ver. (Ll It tvvl. Der Rittmeister zuckte aus, aber sie hielt seinen Blick fest. ie werden es," fuhr sie ebne Unterbrechung fort, begreiflich finden, daß ich. obgleich Herr von Varndorf davon durchaus nichts hören will, ihn mm nicht gern vor Ihrer Pistole wlssen mag. Und nach dieser Erklärung. die nur etwas später kommt, weil ich noch Rücksicht auf mein erst vor Kur zem abgelar.fe.neS Trauerjahr nehmen zu müssen glaubte, liegt ja in der That auch kein Grund vor, sich zn schießen." Sie hatte sehr ruhig und selbstbewußt gesprochen. Barndo'f, über seinen Stuhl gebeugt, starrte sie an. Der Rittmeister kaute an seinem Schnnrrbart. Oder, Herr Rittmeister," setzte sie nach einer kleinen Pause ironisch hinzu, hallen Sie eS für eine Beleidigung, wenn zwei Verlobte einander küssen, selbst wenn es der eine Theisein wenig übertreibt?" Er faßte sich. Nein, Frau Baro nin." Tann trat er auf Aarndorf zu. Ich bedauere. waS ich gesagt habe." Die beiden Männer reichten einander flüchtig die Hand. Nach einer allgemeinen Verbeugung entfernte sich der Rittmeister. Nun, lieber Freund," wandte sich die Baronin an Barndorf, haben Sie auch an' dieser Lösung etwas auszuseinen?" Er antwortete nicht sogleich. Wegner entfernte sich rücksichtsvoll. Endlich begann er, schwer athmend: Noch eine 'Frage, Frau Baronin, haben Sie das nur gethan, um das Duell zu verhindern, oder" Nun, vder?" Sie sah lächelnd zu Boden. Oder hat Ihr Herz dabei gesprochen?" Was wäre Ihnen denn lieber?" fragte sie schelmisch. Er ergriff ihre Hand. Marie!" stieß er hervor. Ihre Blicke trafen sich. Ja, ja, lieber Freund," meinte sie I 4 ft C f 11111 A 4 V C frVjt4 JUCIUI. w0U "lUlb UllUj Cll llllltll. Je r'aimajz trop, pour. nc pas tc hair. Mein Zorn und mein Groll und gestern mein Spott, das war wohl die Viebe, ich wußte es nur nicht. Erst vorhin auf dem Bahnhof, da wurde eö mir klar." Und wenn wir-uns nun nicht dort getroffen hätten?" Ja lieber Freund," sie zog die Schultern empor, wenn dann säße jetzt eine Frau im Zuge, die sich die allerschwersten Vorwürfe machen würde und, wie ich glaube, recht unglücklich wäre." Er preßte ihre Hand an sich.' Halt," meinte sie lachend, diese Glasveranda ist denn doch kein Strandfnrh tvtv. Kluge Kinder" gab eö auch schon in Egypten. Die Papyrusfunde in den Ruinen von Oz'yrhynchuS in Unteregypten haben auch den Brief eines Knaben an seinen Valer zn Tage gefördert, dessen Lektüre beweist, daß verzogene Muttersöhnchen nicht erst eine Erfindung der Neuzeit sind. Das Schriftstück muß nach niedrigster Schätzung mindestens sechzehnhundert Jahre alt sein und lautet in deutscher Ueberseyung: Theon grüßt seinen Vater Theon! Es ist rechr schlecht von Dir, daß Du mich nicht in die Stadt hast mitnehmen wollen!' Wenn Du mich nicht nach Alexandria mitnehmen willst, so werde, ich Dir auch keinen Brief schreiben und nicht mit. Dir reden und Dir nicht Lebewohl sagen; und wenn Du nach Alexandria reisest, werde ich Dir nicht die Hand geben und Dich, nie wieder grüßen. Das werde ich thun, wenn Tu mich nicht mitnehmen willst. Mutter hat zu ArchelauS gesagt u ,Jeyt ist er ganz entzwei weil .Vater ihn hier gelassen hat.'. Es wäre recht nett, wenn Du mir Geschenke schicktest am Y2.t wenn Du abfährst. Schicke mir doch, bitte,: bitte, eine Leier. Thust Du'S nicht, dann eise ich nicht und trinke ich nicht." - .

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