Indiana Tribüne, Volume 29, Number 175, Indianapolis, Marion County, 19 March 1906 — Page 5

Die glückliche. CrzZhlvng von Ludwig Habicht. Die Saison in Nizza hatte ihren, Höhepunkt erreicht. Aus aller Herren Länder waren Diejenigen herbeige strömt, denen es vergönn! ist, dem nordischen Winter zu entfliehen, und die nun in einem milden Klima, unter einem sonnigen Himmel Erholung oder Zerstreuung suchen. Nizza besonders ist. seitdem eö in französischen Aesiy gekommen, ein winterlicher Vergnügungsort ersten Ranges geworden; die Reichen und Vornehmen aller Welt scheinen sich hier ein Stelldichein geben zu wollen. (5s gehört zum guten Ton, den Herbst in Paris und den Winter an der Niviera zu verleben. Eine Nachtfahrt, und man ist in Nizza angelangt. Hier wird nun während der Saison ein Glanz und Luus entfaltet, der jeder Beschreibung spottet un) förmlich berauschend wirkt. In den Schaufenstern liegen all' die Herrlichkeiten, die den Parisern die Sinne verwirren, und für Vergnügungen aller Art ist in hinreichendster Weise gesorgt. Die Langeweile, dieses schrecklichste aller Uebel für den verwöhnten Reichen, ist hier ein unbekanntes Ding. Welch' fesselndes, anmuthiges Schauspiel gewährt nicht schon in den Nachmittagsstunden die berühmte Promenade des Anglaiö! Die eine Seite dieser Straße ist von Palästen eingefaßt, während die Promenadenwege ein ewiges Grün schmückt, und das nahe Meer einen erfrischenden Wind herübersendet. Hier tummelt sich in den NachMittagsstunden Alle, waö auf 3!ang und Reichthum Anspruch macht. Die prachtvollsten Equipagen rollen auf und nieder, und ihre Insassen wetteifern mit einander, die neuesten und, wenn es beliebt, auch die ausfallendsten Moden zur Schau zu stellen. Die a men besonders sind eifrig bemüht, durch die glänzendsten Toiletten und die kostbarsten Brillanten Aufsehen zu erregen und ihre Mitschwestern, wenn irgend möglich, zu verdunkeln. Cs gehört schon ein ungewöhnlicher Reichthum oder viel Geschmack dazu, aus diesem glänzenden Gewühl emporzuragen und die Anderen zu überstrahlen. Alle lechzen darnach; aber nur wenigen Auöerwählten gelingt eö. Zu diesen Glücklichen gehörte diesmal eine reiche Russin. Wenn Fürstin Rosninski mit ihrem von vier prächtigen Orlowtrabern gezogenen Kabriolet auf dem Korso erschien, dann lenkten sich die Blicke Aller auf die schöne Frau, die mit großem Geschick und sicherer Hand die Rosse selbst zügelte. Schon durch ihr Gefährt würde die Dame allgemeineS Aufsehen erregt haben ; aber auch ihre Erscheinung war wohl geeignet, die Bewunderung der Männer aus sich zu ziehen. Fürstin Nosninöki mochte wohl die für viele Frauen verhängnitzvollen Dreißig überschritten haben, und dennoch zählte sie noch jetzt zu den Sternen ersten Ranges, und Jung und Alt lag huldigend zu ihren Füßen. Seltsam genug, die Fürstin war zu einer Zeit schön geworden, wo andere Frauen schon halb verblüht; erst mit dreißig Jahren hatten ihre scharfen Lüge einen weicheren Ausdruck erhallen; aller Trotz, alle jugendliche Härte war daraus verschwunden, jetzt erst kam das Sehnen und Träumen ein Hauch von mädchenhafter Schwärmerei, den sie früher nie gekannt hatte. ES war die Schönheit des Herbstes, die so viel Farbe und Poesie im Gefolge hat. Fürstin Roöninski wußte nicht allein durch ihren Reichthum und ihre pikante Schönheit, sondern auch durch ihren Geist zu blenden; kein Wunder, daß die Schaar ihrer Verehrer mit jedem Tage größer wurde, und all' ihre Mitschwerern sie um die Erfolge beneideten. die sie davontrug. Man nannte die russische Fürstin nur 'die Glückliche," denn ihr war ja Alles zugefal len, was ein eitles Frauenherz nur zu begehren vermag Rang, Reichthum, Schönheit. Unter den zahllosen Bewerbern um die Gunst -der schönen reichen Frau hatte endlich Einer den Sieg davongetragen, ein französischer Marquis, der Träger eines alten Namens. Henri de Grenaud zählte kaum fünfundzwanzig Jahre, und dennoch war er in heißer Gluth für die beinahe zehn Jahre ältere Frau entbrannt, und zu seinem unnennbaren Gluck theilte bald die Fürstin seine Gefühle.

Der Marquis war stolz darauf, daß die viel bewunderte und viel umwor bene Frau ihm vor allen Anderen den Vorzug gegeben hatte; und er stand auf dem Gipfel der Seligkeit, als sie einwilligte, ihm die Hand zum ewigen Bunde zu reichen. Man war über die Herzenswahl der viel gefeierten und ' vlel umworbenen Frau allgemein ver wundert, denn der Marquis ragte weder durch seine ptrsönllche Erscheinung noch durch seinen Reichthum über die Anderen empor. Henri de Grenaud konnte kcum ein hübscher Mann genannt werden; er war wohl schlank aebaut, aber nur von Mittelgröße, und sein unregelmäßiges, von einigen Blatternnarben ' entstelltes Gesicht Ware sogar unschön gewesen, wenn nicht ein paar dunkle, prächtige -Augen alle gutgemacht hätten. Wie viel schwärmerische Gluth,' wie viel edle Begeiste rung leuchtete aus diesen, von 'langen Wimpern überschatteten Sternen! Weun auch die vornehme Welt NizzaS Anfangs nicht. wenig über die seltsame Laune der schönen Frau gespöttelt hatte, man söhnte sich doch rasch damit

ans. ES war ja damit wieder ein neues Band der französisch-russischen Allianz geknüpft und der Beweis geliefert, daß diese beiden Nationen ein nnwidekstehlichei Zug immer näher zusammen sühre. Man nannte die Verlobten die zärtlichen Vertreter deS russisch-fran zösischen Bündnisses. MarquiS de Grenaud kümmerte sich freilich nicht viel um Politik, und die jetzige Slaatsverfassung seines Vaterlandes war durchaus nicht nach seinem Geschmack. Wenn er auch mit seinen Ansichten nicht gern hervortrat, .konnte er doch den Royalisten niemals verleugnen. Der Marqus hatte überhaupt wenig von einem modernen Franzosen ; in ihm steckte noch etwas Ritterliches aus einem vergangenen Jahrhundert; er war, wie einst seine Vorfahren, noch bereit, für irgend eine Idee, für etwas, das er hoch und heilig hielt, Gut und Veben zu lassen, und gerade dieser schwärmerische Zug. der unserer und besonders der französischen Jugend völlig abhanden gekommen ist, hatte

die Fürstin mit unwiderstehlicher Ge-' walt an den Marquis gefesselt. Henri war so ganz anders als all' die witzelnden, selbstgefälligen Herren, die sie bisher umflattert, und die sich nur deshalb so eiflig um ihre Gunst bewar bcn, weil eö ihrer Eitelkeit geschmei chelt hätte, über ihre Nebenbuhler end lich den Sieg davonzutragen. In dem Marquis war von dieser lächerlichen Eitelkeit nicht die Spur; er gab sich stets, wie er wirklich war: schlicht und einfach. Er wollte durch seinen Geist niemals glänzen, und dennoch verrieth jede seiner Aeußerungen, daß er wirklich Geist besaß. Ah, und was die schöne Frau mehr als alles schätzte, Henri hatte in seiner Brust ein Herz, das im Getriebe der Welt noch nicht abgenutzt worden, das noch wahrer, tiefer Empfindungen fähig war, und das jetzt mit all', seinem heißen Fühlen für sie allein nur schlug. Sie wußte eö. daß sie die erste, wahre, grenzenlose Liebe in diesem edlen, vornemuen Herzen geweckt hatte, eine Liebe, die nie mehr erlöschen konnte; sie brauchte ihr Alter nicht zu fürchten Henri gehörte ihr an. heute und immer In aller Stille sollte die Hochzeit gefeiert weiden, so wünschte eö wenigflenS der Marquis. Wie auch die Für stin sonst Glanz und Pracht liebte, sie fügte sich gern in den Willen des geliebten Mannes, ja es war ihr ciu förmlicher Genuß, ihm irgend ein Opfer zu bringen. Der Marquis besaß in der Bretagne ein Besi.tzthum mit einem kleiuen, alterthümlichen Schloß; dort wollte man, fern von dem Geräusch der großen Welt, die Honigmonate verleben. Auch die Fürstin, die sonst so gern in den Strudel der rauschendslen Vergnügungen untergetaucht war, sehnte sich jetzt nzch Einsamkeit, und die beiden Vie bcndcn schwelgten schon in bemVorgenuß jener seligen, stillen Tagedie 'sie dort in dem weltverlorenen Schlößchen erwarteten. Nur noch einige Wochen, und die glänzende und doch so ermüdend langweilige Welt war hinter ihnen versunken. Der Marquis kannte die Vergangenheit der Fürstin ; sie hatte in traulicher Stunde ihn. Alles selbst erzählt. Sie war jung vermählt worden ; man hatte ihr Her; dabei nicht gefragt. Der Vater war ein reicher Kaufmann gewesen, dessen Vermögen nach Millionen zählte; seiner Eitelkeit hatte eö geschmeichelt, die einzige Tochser mit einem Fürsten zu vermählen; ni'ch das junge Mädchen war durch die Aussicht auf eine glänzende W:ltstell'lng ein wenig geblendet worden. beider sollte daS Glück der Fürstin nur kurz sein; ihr Gatte wurde der Theilnahme an einer Verschwörung gegen dak Veben des Zaren bezichtigt : ob mit Recht, vermochte sie nicht zu sagen. Ihr Mann besaß zuviel Feinde und Neider, deren Zahl sich noch vergrößert, seitdem er die Tochter eines Millionärs heimgeführt hatte, und so mochten seine Gegner nicht eher geruht haben, als bis es ihnen gelungen war, den verhaßten Mann zu vernichten. Fürst Nosninöki wurde auf Lebenszeit nach Sibirien verbannt; aber seine Gattin- erhielt die Nachricht, daß er schon aus dem Transport dorthin verstorben sei. Der Tod eines Mannes, den sie nie geliebt, und der ihrem Herzen sremd geblieben war, halte die juuge Frau nicht allzu tief erschüttern können; seitdem waren mehr als fünfzehn Jahre verflossen, und ihre Ehe erschien ihr selbst nur noch wie ein ver worlener Traum, an'den sie nicht gern mehr erinnert wurde. Nach dem Hinscheiden des Vaters hatte die Fürstin ein unruhiges Wandelleden geführt, und wie sie auch mit äußeren Glücksgülern gesegnet worden, eine wahre Befriedigung, eine tief' innere, beseligende Ruhe hatte sie bisher nicht gefunden. Jetzt endlich winkte ihr der Hafen an der Seite eines Mannes, der ihr mit jedem Tage theurer wurde, je mehr sie Gelegenheit sand seinen inneren Werth zu erkennen. Der Marquis war noch mit seinem Kopf, 'mit seinem ganzen Herzen ein echter' Edelmann, der mit ritterlichem Sinne seiner rnrählten Königin zu huldigen verstand, da es ihm nicht mehr vergönnt war, für einen König Blut und Leben zu lassen. Das HausBour-, bon, dem seine Ahnen so treu und schwärmerisch , angehangen,' war ja er. loschen. . Die Fürstin war ja reich, und nun träumte sie schon jetzt mit dem geliebten Manne davondie Ländereien zurückzuerwerben, die den unglücklichen

Jndiana Tribüne,

Ahnen während der Revolution v:rloren gegangen. Wir wollen dort im Norden, in Deiner geliebten Bretagne, ganz für uns ein kleines Königreich gründen und unseren getreuen Unterthanen gütige Herren sein,- hatte sie ihrem Verlobten mit glücklichem Lächeln gesagt, während dieser hinzugefügt: Aber nicht wahr, daS kleine Schlößchen lassen wir so, wie es jetzt ist? ES weiß so viel von vergangenen schöneren Zeiten zu berichten.- Und das soll es unö in den langen WinterNächten erzählen," halte sie darauf mit der Seligkeit eines Kindes entgegnet. a, sie war noch einmal iuijn aewor. den; sie halle ihle sechzehn Jahre wiedergefunden, und der Frühling, den jede wahre, grenzenlose Liebe in das Herz zaubert, jauchzte und jubelte durch ihre Brust. Man hatte sie stets die Glückliche genannt nun war sie es wirtlich. Nur noch wenige Wochen, und die glänzende und doch so ermüdend langweilige Welt war hinter ihnen versunken. Wie langsam die Stunden des Alleinseins dahinschlichen! Sie lebte ja nur noch, wenn der heißgeliebte Mann kam, und sie in seine trcnen, herrlichen Augen schauen und die Gefühle deutlich lesen konnte, die ihn allein beseelten. Auch heute zählte die Fürstin wie so oft die Minuten bis zu seinem Erscheinen. Sie hatte ihren Sessel in die Nähe des Balkons gerückt und schaute mit zerstreuter Miene auf das Landschaftsbild, das sich ihr bot, und das sonst ihr Entzücken erregt hatte. Die Villa, die sie bewohnte, lag in einem prächtigen Garten ; hohe Palmen wicg ten sich vor ihr im Winde, die Mandelbäume blühten, und ein blauer Himmel lachte hernieder, als wollte er mit dem tiefen Blau des Meeres wetteifern. Die Fürstin blickte auf die Uhr. Noch zchnMlNUtcn, und ermußtekomwen. Da wurde sie aus ihrem Sinnen und Sehnen durch den Eintritt ihrer Zofe aufgescheucht. $n fremder Herr wünsche die Frau Fürstin zu sprechen. Er hat seinen Namen nicht genannt," fuhr das französische Kammerlätzchen mit geläufiger Zunge fort-; .aber er hat mir gesagt, er sei ein alter Bekannter der Frau Fürstin, nd sie werde ihn sicher herzlich willkommen heißen." Noch war die Fürstin unentschlossen, ob sie nicht dennoch den Fremden abweisen fo4lc, da trat derselbe schon in's Zimmer, er war der Zofe ohne Weiteres auf dem Fuße gefolgt und machte jetzt gegen die Letztere eine befehlende Handbewezung, daß sie sich entfernen möge, und diese, von dem sicheren Auftreten des Fremden verblüfft, zog sich auch wirklich ohne Weiteres zurück. Die Fürstill schaute ganz verwundert und ein wenig entrüstet auf den Fremden. 'Ich finde Ihr Benehmen mehr als zudringlich," wollte sie kühl-ver-weisend sagen; aber der alle Herr ließ sich durch ihre abweisende Haltung nicht stören ; er breitete die Arme nach ihr aus und rief mit bewegter Stimme : Feodorowna, erkennst Du mich wirk' lich nicht wieder? Fünfzehn Jahre des tiefsten Elends haben freilich aus mir einen Greis gemacht, aber ich hoffe doch, daß mein Bild in Deinem Herzen nicht ganz erloschen ist!" Die Fürstin trat entsetzt einen Schritt zurück. Was wollte der Mensch? Hatte sie es mit einem Irrsinnigen zu thun? War es nicht das Klügste, die Klingel zu ziehen und ihre Leute herbcizurufen? Sie wollte rasch ihren Entschluß ausführen; aber der Fremde trat ihr rasch hindernd entgegen. Feodorowna, muß ich Dir erst sagen, wer ich bin? Daß ich Dein Gatte, den man in der niederträchtigsten Weise auf Lebenszeit nachSibirien verbannt hatte, und dem es endlich gelungen ist, von dort zu entkommen !" Was reden Sie da, mein Herr? Mein Mann ist damals auf dem Trans Port nach Sibirien gestorben, ich habe davon die amtliche Nachricht erhalten, und Sie werden alfo begreifen Dennoch bin ich Dein angetrauter Gatte nnd der Todtgesagte. Ich begreise, daß Du im ersten Augenblick der Ueberraschung an mir zweifeln mußt; aber laß mich ruhig erzählen, wie eö damals gekommen ist, und dann wirst Du wohl glauben, daß ich Dein schwergeprüfter Mann bin, der endlich das Glück hat, sein theures Weib wiederzusehen! O, Feodorowna, wie habe ich mich nach dieser' Stunde gesehnt!" Ein leises Schluchzen erstickte die Stimme des Fremden;, er vermochte seine Rührung nicht länger zu verbergen, und während heiße Thränen über seine Wangen rollten, sank er in den nächsten Sessel. ' Verwirrt, keines Wortes mächtig, starrte die Fürstin auf den Greis. War dieser Mensch wirklich ihr Gatte und kein elender Belrüger? Sie halte den Fürsten nur gekannt als einen statt, lichen Mann in den besten Jahren, eine wahre Hünengestalt, mit einem Antlitz voll Trotz und Energie, und.vor ihr stand jetzt ein Greis mit schneeweißem Kopf- und Barthaar, der körperlich und geistig wie gebrochen erschien, und in dessen welkem Gesicht Noth und Entbehrungen aller Art mit unauslöschlichen Zügen eingcgraben waren. Der Fremde bemerkte, was in dem Jnneren der Fürstin vorgehen mochte, und er begann mit trübem Lächeln: Du zweifelst noch immer? So lasse Dir mein Schicksal erzählen, und dann wirst Du wohl begreifen, warum aus demGatten, der. Dir damals so rasch verloren aina. der elende Greis aewor-

IS , März iu

den ,st den Du letzt endlich wiedersiehst!" Die Fürstin regte sich nicht: sie blieb wie angewurzelt aus ihrem Platze stehen, nur ihre Augen schweiften immer wieder über die Gestalt des Fremden hinweg, als müsse sie sich überzeugen, ob sie nicht irgend ein Trugbild äffe. Du weißt, daß ich durch die Umtriebe meiner Feinde in's Verderben gestürzt wurde,- begann der Fremde eine Erzählung, ohne die Erlaubniß der Fürstin abzuwarten. Auf dem Transport nach Sibirien erkrankte ich so schwer, daß ich kein Lebenszeichen mehr von mir zu geben vermochte, und mich Alle für todt hielten. Es war mitten in einem. Walde; man wollte schon ein Loch graben und mich dort einscharren. ,Ach, wozu wollen wir uns die Mühe geben, der Boden ist ja ganz hart gefroren! Werfen wir die Leiche vom Wagen, die Wölfe werden sie schon sreiien !' , Sollen w;r da nicht wenigstens seine Ketten mitnehmen?' fragte ein Anderer. ,Du hast Recht!' Und man löste meine Ketten. .Ich glaube, der Mann lebt noch,' ließ sich jetzt ein Begleiter vernehmen. , Warum nicht gar! Und wenn auch! Sobald wir ihn vom Wagen werfen, krachen ihm 'alle Nippen im Leibe, und es wird ihm die Vufi vergehen, noch einen Athemzug zu thun.' Ich hörte Alles; aber ich lag wie in einem Starrkrampf und vermochte kein Glied zu rühren, nicht die Lippen zu einem Laut zu öffnen. Wirklich warf man mich vom Wagen und so unsanft, daß der elende Bursche schon Recht hatte ; ohne meine frühere Riesenkraft hätte diese Alutalität mir sicher das Leben gekostet, wahrend ich jetzt dadurch gerettet wurde. Ich erwachte von dem schweren Fall aus meiner Erstarrung ; aber ich war jetzt mitten, in dem ein amen Walde allein und verlassen, und ich wurde sicher, wie die Schurken gesagt hatten, eine Beute der Wölfe, denn ich vermochte mich nicht von der Stelle zu schleppen. . Wie lange ich so hilflos gelegen, weiß ich nicht; die Sonne neigte sich bereits dem Untergange zu, da hörte ich den. Tritt eines Menschen. Ich versuchte, mich etwas in die Höhe zu richten und einen Hilferuf auszustoßen. Die Tritte kamen näher; es war ein Bauer, der im .Walde Holz holen wollte; er bemerkte mich, und gutmüthig, wie all' unser niederes Volk ist. erbarmte er sich meiner; er gab mir -auS seiner Schnapsflasche zu trinken, und ich erholte mich so weit, daß ich mich in seine Hütte schleppen, kennte; wenn mir die Kräfte versagten, trug er mich zuweilen auf seinem Rücken, obwohl ich ihm eine schwere Bürde war. o war ich noch einmal dem Tode entk0NNen,.und ich durste 'schon.hosfcn, mit. Hilfe des gutmüthigen Burschen meine Flucht in's Ausland bewerkstelligcn zu können, sobald ich mich nur so weit erholt hatte, um die Anstrengungen und Gefahren i bestehen, die mich bei diesem Versuch erwarteten. Ich n?ar beinahe genesen, da kam der Bauer eineö-Tages mit verlegener Miene und mit den Worlen zu mir: ,Jch kann Dich nicht länger behalten, meine Frau will'S nicht und meine Schwiegerinutter noch weniger. Die Weiber fürchten, daß wir eine harte Strafe, bekommen, wenn man Dich bei mir findet, und so wirst Tu verstehen' Was wollte ich machen? Ich mußte mich fügen der Bauer begleitete mich noch ein Stück, beschrieb mir den Weg, und nun wagte ich auf gut Glück meine Wanderung. Vielleicht gelang es mir doch, allen Gefahren zu entgehen. ES sollte nicht sein. Schon am folgenden Tage wurde ich von herumstreichenden Kosaken aufgegriffen und an die nächste Etappenstation abgeliefert, und nun wurde ich doch nach Sibirien geschleppt. Ich gab einen falschen Namen an, weil ich hoffte, dadurch nicht in die Abtheilung der zu lebenslänglicher Verbannung Verurtheilten gebracht zu werden, und man fragte auch nicht weiter nach meiner Vergangenheit; für die Beamten genügte es, daß man einen Entsprungenen wieder eingesangen hatte. Wie furchtbar ich dort in der Verbannung gelitten, das will ich Dir nicht schildern, eö würde Dir nur das Herz zerreißen," fuhr der Fürst mit leiser Stimme fort, und seine cingesunkcnen, müden Augen schweiften dabei zu seiner Gattin hinüber, von der er voraussetzte, daß sie ihm noch immer ein herzliches Andenken bewahrt habe. Nach Jahren grenzenloser Qual gelang es mir endlich, dieser kalten Hölle zu entsliehen. Ein Freund, dessen Theilnahme mein Schicksal erregt hatte, brachte mich glücklich, unter tausend Gefahren, nach Amerika. Tort habe ich ein. ganzes Jahr gearbeitet wie ein Tagelöhner ich wollte nicht als Bettler und in Lumpen vor Dich hintreten und wirklich erwarb ich mir soviel, daß ich die Ueberfahrt bezahlen und nach Europa zurückkehren konnte. Von Freunden hatte ich ersahren, daß Du diesen Winter in Nizza verlebtest, daß Du Wittwe geblieben und mir die Treue bewahrt hast. O, welche Seligkeit haö' ich dabei empfunden! Und nun bin ich hier, geodorowna, und in Deinen Armen, geliebtes Weib will ich all' das "Zlend ver gessen, das ich erduldet habe, und ich weiß. Du Edle, Gute wirst e mich vergessen machen!" Er wollte auf die Fürstin zueilen und sie zärtlich in seine Arme schließen, aber diese hatte bleich

und verstört der Erzählung gelauscht, und auf ihrem beweglichen Antlitz zeigte sich deutlich die grenzenlose Verzweislung. die ihr Inneres durchwühlte. ES war, als ob der Wahnsinn an ihre Schlafest pochte, und wie Hilfesuchend schweiften ihre Blicke umher. Da bemerkte sie den Marquis in der Thür, und mit dem Aufschrei : Henri, Henri!" stürzte sie an die Brust des geliebten Mannes. Feodolowna, mein theures Weib, was thust Du?" rief der Fürst er'schrocken auö; er sprang aus und näherte sich seiner Frau, als wolle er sie von dem so plötzlich aufgetauchten Eindringling hinwcgziehen. Aber diefe jammerte ganz verzweifelt: Henri, Henri, mein Play ist bei Dir; ich habe mit dem Manne dort nichts zu thun er hat leine Rechte an mich!" Keine Rechte! Feodorowna, das kannst Du sagen? Bin ich nicht Dein angetrauter Gatte? Und wenn man mich damals todt gesagt hat, so siehst Du, daß ich noch lebe, und daß Dein Platz an meiner Seite ist!" Und nach diesen Worten wollte er die Fürstin halb mit Gewalt von der Brust des fremden jungen Mannes hinwegreißen. Tiefe klammerte sich aber um so fester an -ihren Verlobten nnd rief in leidenschaftlicher Erreauna aus: Henri, schütze mich vor ihm! Ich habe ein Recht, mich' als seine Wittwe anzusehen, die Behörden haben mir seiucn Tod bescheinigt. Wie konnte ich ahnen, daß der Unglückliche noch einmal lebend vor mir austauchen werde !" Feodora, wer ist der Fremde?" stammelte der Marquis verwirrt. Der ganze Vorgang stürmte so unerwartet auf ihn ein, daß er kaum wußte, was er denken, was er sagen sollte. Ich bin Fürst Roninski," sagte der Greis, und seine Gestalt richtete sich stolz empor, der Gatte dieser Frau, die sich jetzt von mir abwendet, wei! ich arm und hilflos, ein vor der Zeit ergrauter Mann, vor sie hintrete. Ah, und der Gedanke an mein theures Weib hat die furchtbare Nacht meines Lcbeus erhellt, mich in den fünfzehn Jahren grenzenloser Qual aufrecht erhalten, und jetzt hat diese Frau, die ich all' die Zeit über nicht aufgehört habe, wie eine Göttin zu verehren und anzubeten, den traurigen Muth, mirzu sagen, daß ich keine Rechte an sie habe, daß ich snr sie todt bleiben müsse, weil es meinen Peinigern damals gefallen hat, mich zu den Gestorbenen zu zäh len!" Und der Fürst stieß ein von Schmerz und Hohn gemischtes Lachen aus. Feodora. ist es die Wahrheit? Ist es wirklich Dein todt gesagter Mann?" begann der 'Marquis, und er blickte zärtlich fragend in das unruhig zuckende Antlitz seiner Verlobten. Ich weiß nicht er sagt cS und ich will es auch glauben: aber er war längst todt für mich. Du, Henri, Du allein lebst in lncinenl Herzen!" Und die Fürstin umschlang ihren Bräutigam in leidenschaftlicher Erregung. Ich werde hart dafür gestraft, daß ich an die Treue eines WeibeS glauben konnte!" rief der Fürst voll Bitterkeit aus. Ah, und meine Freunde hatten mir anvertraut, daß Du Wittwe geblieden seiest und mein Andenken zärtlich bewahrt hättest, und jetzt finde ich Dich in den Armen eines Anderen! Ist das nicht zum wahnsinnig werden? Ak boze rnoj! O mein Gott !" setzte er in seiner Muttersprache hinzu, nnd wie vernichtet von der Erkenntniß, die ihm geworden, brach er in heftiges Schluchzen aus. Die Augen des Maramö wanderten von seiner Braut zu dem unglücklichen Manne und blieben einige Sekunden auf ihm haften. All' das großherzige, ritterliche Empfinden, das in ihm lebte, kam jetzt zum Durchbruch, und ohne zu schwanken, sagte er mit tief bewegler, aber fester Stimme,: Feodora, der Mann hat ältere Rechte an Dich, es wäre graulam, ihm das letzte zu raub?, das er noch besitzt, den Glau den an Dich. l'ebc wohl ! wir müssen uns auf immer trennen" Henri, sage das nicht! Ich kann nicht mehr ohne Dich leben, ohne Dich athmen! Du jagst mich in den Tod, wenn Du mich diesem Manne nberlieferst!" Ich muß es, unsere Ehre fordert es!" Dann hast Du mich nie geliebt, nie so geliebt, wie ich Dich liebe!" Doch, Fevdcra! Meine Liebe ist noch größer sie kann entsagen" und sich sanft aus ihren Armen windend, velließ sie der Verlobte mit einem leisen, letzten Lebewohl. Sie wollte dem Marquis nachstürzen. ihn zurückholen; aber der Fürst packte sie mit all' der Kraft, die ihm noch geblieben war. Wahnsinnige! Hast Du nicht gehört, daß er chrenhaster, vornehmer denkt als Du?" Ja, Wahnsinnige!" schrie sie ganz verzweifelt auf, und sich gewaltsam von dem alten Manne losreißend, stürzte sie in ihr Schlafzimmer. Bald darauf krachte ein Schuß. Der Fürst eilte in das Gemach, und er kam noch zurecht, um seine sterbende Gattin in seinen Armen aufzufangen, und ihr brechendes Auge schien noch mit einem Blick des Vorwurfs sein Antlitz zu streifen. Die Unglückliche gab keinen Laut mehr von sich sie hatte gilt ge-' troffen mitten in's Herz. TaS lebendige Räthsel. Wie lange, kannten Sie denn Ihre Frau, als Sie heiratheten, Grimm?- Ich? Keine Minute, kenne sie auch jetzt noch nicht ganz und mag sie gar nicht weiter ken nen lernen I

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Bedeutsame Nominalkon. Der eventuell NaÄfolgcr lei ..Weise vo lthe" in, Kongxeffe. Als ein ueues Zeichen der durch das Volk gehenden Bewegung gegen Trusts, Hochschutzzoll und kapitalistische Kombinationen darf dir. kürzlich für den 60. Kongreß im 11. Ohioer Kongreßdistrikte erfolgte republikanische Nomination angesehen werden. Mit 78 gegen 20 Stimmen siegte bei der NomiNation der Advokat Albert Douglas von Chillicothe gegen Charles H. Grosvenor. den nunmehr 73 Jahre alten Weisen von Athen." der dem Kongresse als Repräsentanz seit 1885 ununterbrochen angehörtund das Heil des Landes stets in einem hohen Tarif und dem Staats-Paternalismus erblickte. Douglas ist ein Befürworter der Tarif-Reform und der Beaufsichtigung und Regulirung der EisenbahnRaten durch die Regierung. Albert Douglas wurde 18p2 in Chillicothe geboren. Er besuchte die öffentliche Schule, graduirte 1872 am Kenyon College. )., sowie 1874 an bei Harvard-Rechtsschule und etablirte sich in Chillicothe als Rechtsanwalt, als welcher tx sich insonderheit in Kriminalfällen eine hohe Reputation erAlbcrt Touzwö. rang. Von 1876 bis 1580 war Douglas, der als ein vorzüglicher Redner gilt, Anwalt von Roß County. Als Kandidat für das Gouverneursamt i. I. 1893 bei der Wahl geschlaqen, war Douglas 18O6 PräsidentschaftsElektor at large und Präsident des Electoral College seines Staates. Baron Siducy Sonnino. Ledenslauf und ttkarakter des neuen itaiie Nischen Ministerpräsidenten. - Der neue italienische Ministerpräsideut, Baron Sidney Sonnino, sieht zum ersten Male an der Spitze des Ka-binettL.,-Er ist am 11. März.1847 in Florenz geboren und entstammt einer englischen Familie israelitischen Ursprungs, welche sich' in Toskana ansiedelte. Er selbst ist evangelischer Konfession. In seinem Aeußeren bekundet Sonnino mehr den Engländer als den Jtaliener. Trotz seines großen Reichthums lebt er sehr einfach. Er widmete sich zuerst der Diplomatie und war in den Gesandtschaften zu Madrid, Wien. Berlin und Paris beschäftigt. Im Jahre 1880 wurde er vom Bezirk San Casciano in - die Kammer gewählt, vo er sich bald durch seine Volkswirthschaftlichen und finanztechnischen Kenntnisse bemerklich machte. Im ersten Ministerium Crispi war er zuerst Unterstuatssekretär ' der Finanzen und . dann Finanzminister. Sein Charakterbild wird von der Jtalie" wie folgt gezeichnet: Nahezu 60 Jahre. Weltmann, aber sehr zurückhaltend, von britischer Kühle, schlanke Figur, mager, grauer Schnurrbart, Pincenez. Sehr reich, besitzt eine seltene literarische Bildung, ist zugleich hervorragender Politiker und feiner Schriftsteller, sehr wirksam auf politischem und volkswirthschaftlichem Gebiete; als Redner etwas frostig, nach Art der großen Engländer; er will eine Versammlung nicht beeinflussen durch ' Bar?n Sidney Sonnino. rhetorisches Feuerwerk, sondern- durch die Kraft seiner logisch aneinandergereihten Argumente. Eine der hervorragendsten Figuren der italienischen Kammer; bis jetzt der geachtetste und gefürchtetste Führers Opposition; besitzt die umfassendste, Bildung die man von . einem Staatsmann wünschen kann;?ist eiuer'dn bedeutendsten Dantekenne? und kennt alle politischen, 'Wirthschaftlichen und sozialen Probleme aller Länder de?. Welt." , . .

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