Indiana Tribüne, Volume 29, Number 174, Indianapolis, Marion County, 17 March 1906 — Page 5
v- ; v
- , Jndiana Tribüne, 17 März i 6 6
r r. '
V 1 v , V i
Der Doppelgänger. Cln Erlebnis in Westvirginiens Mondschein ler-Eegend. Woi wenigen Jahren lernte ich die prächtigen Bergwälder von West Virginien und ihre interessanten Eingeborenen zum ersten Male kennen. Eine geschäftliche Obliegenheit führte mich dorthin; ich sollte für unsere Firma ein Stückchen Holzschlag zum Kaufen aussuchen und belegen. Aber es war ebenso gut eme abenteuerliche Vergnügungstour, bei der es mirnicht immer geheuer war. An der Wide Mouth - Schlucht derließ ich den Bahnzug, um zu Pferd: in die Vergwälder zu dringen. Ein alter Fremdenführer, der mir hoch empfohlen war. Namens Parker, empfing mich an der Ausstcigestation Wide Mouth. Gap; zwei Pferde hatt: er bei sich, und ein jüngerer Mann war in seiner Gesellschaft. Diesen stellte mir der Alte sofort vor, und zu meiner zeitweiligen Enttäuschung sagte : Es thut mir recht leid, aber mein Zipperlein ist so arg, daß ich Sie nicht begleiten kann. Aber mein Neffe und
- Namensvetter hier wnd nucy gut ersetzen." Wohl oder übel mußte ich schon aus diese Programmveränderung eingehen, obgleich mich ein etwas uubehagliches Gefühl dabei beschlich. Doch mein junger. Führer gefiel mir von Minute zu Minute besser und erwies sich auch als ein unterhaltender Gesellschafter. Wir überquerten einen Fluß, welcher die Schlucht durchströmt, und ritten langsam hügelaufwärts in die Walddämmerung hinein. Goldig glänzte das Laub im Spätherbst, und beständig rutschten um uns leise Blatici zur Erde nieder. Bald umgab uns tiefe Einsamkeit; lange begegnete uns kein menschliches Wesen'mehr. Mein Begleiter erzählte fort und fort von seinen buntgewürselben Erlebnissen als Holzschläger in diesen Gebirgen, als Cowboy" im Nordwesten und als Freiwilliger in Cuba. Ich lauschte mit großem Interesse, war aber doch froh, endlich wieder einmal andere Stimmen zu vernehmen. An einer Biegung des Weges, wo wir abstiegen, um die Pferde in einem kleinen Strom zu tränken, begegneten wir zwei jungen Bürschlein, die allem Anschein nach Brüder waren, echte Vertreter der halbwilden, wenigstens in gewisser Beziehung gesetzlosen Gedirgler W noch immer zum guten Theil ein Produkt der Ungerechtigkeit sind, welche ihre Vorfahren in den Colonialzeiten zu erduldenhatten. Ich war stets neugierig darauf, diefe Menschen ein wenig näher kennen zu lernen. Die beiden Jungen zeigten sich gleichzeitig scheu und leutselig, während sie mit Parker Neuigkeiten, besonders über den Zustand des Pfades oberhalb und unterhalb dieser Stätte, v austau, chten. Der Dialekt, welchen ' sie sprachen, war kein so weit abweichender, wie man ihn manchmal in viel bekannteren Gegenden sprechen hört. Mein Führer bot' dem Jüngeren und verhältnißmäßig Gesprächigeren einen Schluck aus seiner Feldflasche, aber der Aeltere wehrte seinem Bruder sehr schroff, von dem Anerbieten Gebrauch zu machen. Das läßt Du bleiben. Bück", stieß er heftig aus; vergißt Du, daß wir niemals mit Fremden trinken dürfen?" Ich blickte erst Parker etwas unbehaglich an; denn ich glaubte einen Augenblick, daß er irgend eine Regel südlicher Etikette gebrochen habe. Er schob langsam die zurückgewiesene Pulle in seine Bluse und schaute dem Sprecher scharf in's Gesicht. Ich glaube, dahinter steckt etwas Besonderes," sagte er gedehnt; Du bist zu jung, um so klug und so unhöflich zu sein." Auffallend gut errathen erwiderte das Bürschlein trotzig, ich brauche wohl nur noch zu sagen, daß Buck und ich Söhne vön Sam Simpson sind, welchen der Hilfsmarschall Jim Bassett vor fünf Jahren erschoß!" Schon huschten die Finger des Sprechenden nach seiner Hüftentasche; aber er hielt plötzlich ein, als aus Parker's Blufe ein Revolver aufblitzte. Ich faßte nach dem Schießeisen, um womöglich eine Tragödie zu verhindern; aber er stieß mich mit seiner freien Hand zurück. Besser, ich habe ihn im Schach , sagte er, als er mich. und dann befahl . er: Hände hoch. Sonny, und auch Du, Buck! Sie gehorchten ihm. Und nun, Herr M ", sagte er. zu mir gewendet, klären Sie, bitte, diesen jungen Rauhbauz darüber auf. wer lch.bm! Ich versicherte sehr nachdrücklich, daß er der Neffe und Namensvetter des weithin bekannten alten Fremdenführers Dan Parker von Wide Mouth Gap sei, der ihn mit als Stellvertre ter mitgegeben. Die Hände des Anklägers, die er über seinem tfopf hielt, zitterten et was; aber festen Auges und 'offenbar noch nicht überzeugt blickte er Parker an. Dan Parker ist em Ehrenmann. sagte er heiser, aber kein Parker hat jemals wie Jlm Bassett ausgesehen. Ja, der ist bedeutend hübscher als
die meisten Parkers.erwiderte mein
Führer, halb beistimmend; aber mich hat man stets den Schönsten meiner Familie genannt, und ich bin oft für Bassett gehalten worden, was in die sen Gegenden recht unangenehm ist." Ueber das Gesicht des jüngeren der Burscken aina ein nervöses Grinsen. Sam, diesmal hast Du Dich verguckt." sagte er zu seinem Bruder. Das nenne ich vernünftig gesprochen," sagte Parker, und wenn Du versprichst, auch Deinem großen Bruder den Kopf zurechtzusetzen, so will ich Euch Beide diesmal gehen lassen." Den Äevolver senkend,, fügte er hinzu: Du kannst Dein Pferd besteigen, Sam, und nach Wide Mouth Gap reiten und meinem Onkel Dau herzliche Grüße von mir überbringen. Aber vergiß ja nicht, ihm zu versichern, daß Du mich und meinen Schutzbefohlenen in bester Gesundheit zurückgelassen hast, ehe Du irgend etwas davon erwähnst, daß Du mich mit Jim Bassett verwechselt hast. sonst ist er imstände 'und schägt Euch Beiden alle Knochen entzwei." Nun, Du hättst mich erschießen können und bast's nicht aethan,"
prahlte Sam, sich '. auf sein Pferd schwingend, ich bin Dir also eine Geleaenbeit sckiuldia. Aber bei allen Heiligen! Ich werde Jim Bassett eines Tages kalt machen, ob er in Deiner Haut oder in einer anderen steckt." Me ne Gelüste nach emer naveren Bekanntschaft mit diesen Gebirglern war bereits völlig geuillt. Wng Gott, in iedem nördlichen Staat wa ren diese Racker unverzüglich unter Friedensbürgschaft gestellt worden," sagte ich, als wir den Ritt fortsetzten. Dieser 3 im Bassett. mit dem te verwechselt wurden, war wohl ein Bundes -Hilfsmarschall, welker ven Vater dieser Jungen in Nothwehr erschoß." Gan; ritftia. erwiderte Parier; Simvson war ein Mondschein-. " r I . . .... . , Scknavvsbrenner und wurde aetodler. als seine Bude ausgehoben wurde und er sich zur Wehr setzte. Ich glaube übrigens, selbst ein Nordländer wird es begreiflich finden, wenn ein Junge Verlangen trägt, Den zu todten, der seinen Bater getodtet hat. Freilich, fatal für mich, daß ich .diesem Jim Bassett so ähnlich sehe Nach einigem Nachdenken fugte er. hinzu: Hatte ick, aewukt. daß ich nach fünf Jahren noch ihm so sehr gleiche, so hätte ich keine Lust aebabt. Sie über die e Berge zu führen. Anderen mag dieselbe Verwecksluna Passiren, und ste mögen rascher mit ihrem Schießeisen sein. Das Liebste Ware mir; wenn feie nach Wide Mouth Gap zurückritten und einen anderen Führer nähmen! Und werden Sie auch zuructtehrcn?" frug ich. .Davon ist keine Rede.' 3w mochte gern einen alten Freund in, dieser Nachbarschaft aussuchen, nachdem ich doch einmal so weit gegangen bin." Gut, dann gehe ich auch mit. versetzte ich. Im nächsten Augenblick war ich über meine eigene Entschlossentheit verwundert; aber ich blieb dabei. Parker erhob weiter keine Einrede. Wir reisten 24 Stunden lang ohne ein besonderes Abenteuer, prüften das i , , c vi- mjCA "tu siammyvtz, uno oie 'Jiaaji erzuquen wir uns am Lagerfeuer Geschichten und thaten uns gelegentlich aus der Feldflasche Bescheid, so lange wir wach waren. Mein Führer gefiel mir sogar noch besser, als zuvor. Aber bei der ermüdenden Arbeit und den derben Rationen sehnte ich mich doch nach einer Abwechslung, und ich war froh, als ich am andern Nachmittag durch einen leichten Rauchwirbel die Nähe eines Blockhäuschens entdeckte. Varker schien nur mit Rücksicht auf mich damit einverstanden zu sein, daß wir uns demselben zuwende ten. Der Hausherr saß, ein Pfeifchen rauchend, vor der Thur. Abgestie gen, abgestiegen,"' bewillkommte er uns, freut mich, Sie zu sehen. Mein Frauchen macht gerade Abendbrot. Pst!" rief er, sich erhebend, über die Schulter ihr zu, ich denke, wo genug für Zwei ist, läßt sich leicht auch genug für Vier machen. Damit führte er die Gäste nach ei nem Schuppen, wc die Pferde untergebracht wurden. Dann setzten wir uns Alle vorerst auf die Bank, und und der Hausherr und mein Führer hatten, ein so eifriges Gespräch über neuerliche Bergwanderungen, daß sie anscheinend oas Abendbrot ganz ver gaßen, das ziemlich lange auf sich wari fi.r. tvx i . r- 1 ich iicjj. u uueln verneine im zgatvdunkeln, wie eme Frauenaestalt. dun kel wie eine Zigeunerin, von einer Schönheit, wie man sie bei diesen rasch alternden Gebirglerinnen gewöhnlich nicht vermuthet, und mit glanzend schwarzen Augen, leise auf dieSchwelle tarn, aber rasch umkehrte, als sie mei nem Blick begegnete. Endlich hörten wir eine helle Stimme: Abendbrot fertig". Wir traten ein und thaten ihm alle Ehre an; aber die es bereite!, war verschwunden. Unser Gastgeber er führte den Namen Frost, that aber sein Bestes, denselben nicht zu rechtfertigen sagte, sein Mädel" sei nun einmal scheu gegen Fremde, trage aber gern dazu ber, es ihnen behaglich zu machen. ' - : Nach dem .Abendessen' wutay-i die Pfeifen angezündet, und.dss öteMen von Abenteuern nahm)seineü ort gang. - " - ' :tV "
In metner Muolarett nahm lcy eilt
keinen Theil daran und war schon halb eingenickt, aber meine Aufmerksamkeit wurde wieder sehr wach, als Frost plötzlich, in einer Geschichte innehal-! tend, Parker auf das Knie klopfte und ausrief: Ei der Tausend, ich habe mich schon lange gefragt, wem Sie eigentlich ähnlich sehen; jetzt hab ich's: Sie sind fast das Ebenbild von Jim. Bassett!" Das haben Mir schon Manche gesagt," erwiderte Parker, seine langen Beine nach dem öerdfeUer ausstreckend. ein -Leben wäre kein Wai.cyoarenfell werth, wenn er sich wieder hier blicken ließe, ohne ein Aufgebot bei sich zu .haben," sagte Frost weiter. tv n f r r". . jt )as tu za i.eyr MilNNi zur Micu. Hm, vollkommen ist die Aehnlichkeit aber, doch nicht," setzte Frost beruhigend hinzu, und sollte irgend ein Narr Sie mit ihm verwechseln, so sinden Sie hoffentlich Zeit, den Irrthum richtig zu. stellen." Herr Frost," warf ich ietzt ein, sur meinen Theil durchaus nicht beruhigt, ich habe gute Gewähr dafür, daß mein Freund Parker heißt; aber wenn er auch Jim Bassett wäre, so hoffe ich doch, daß Sie, Herr Frost, als guter Bürger nötigenfalls " Jim Bassett würde keinen Beistand brauchen," versetzte er, meinem halb ausgesprochenen Gedanken sogleich ausweichend, so lange er sein Schießeisen Hantiren könnte. . Dann führte er uns, da Parker sich mit einem gewaltigen Gähnen erhob, nach unserem .fcaf gemach, nachdem er uns noch gastlich zu nöthigen gesucht hatte, seinem guten Whisky tüchiig Bescheid zu thun. Auf einer Leiter gelangten wir in ein Dachstübchen, das mit allem möglichen Hausrath geziert war, von Speckseiten und getrockneten Kräutern bis zu bunten Frauenkleidern. In der Mitte aber stand ein großes Bett; wir nahmen nur Röcke und Stiefel ab und legten uns hinein. Parker schnarchte bald; ich dagegen war weniger schlafr:g, als ich es vor der Unterhaltung Über den Doppelgänger gewesen. Schließlich jedoch verlangte die Natur ihr Recht. Hufschlag störte mich aus meinen Träumen auf; aus dem Bett kriechend, sah ich durch das offene, fcheibenlose Fenster Frost im Mondlicht davon sprengen. Sollte ich Parker wecken? Nein, ich wollte von ihm nicht als Feigling venacht werden. Wer weiß? Vielleicht war Frost's Gattin erkrankt, und er brauchte schnell, einen Doktor. Vielleicht ging er, trotz seines respektablen Aussehens dem Mondscheinlereigeschäst nach, was ging das uns an? " Ich schlief wieder ein, wurde, aber nach einiger Zeit auf's Neue aufgerüttelt und diesmal durch Parker'sStimme! Im flackernden Lichtschein füllten hohe Männergestalten, grimmig dreinblickend, die Dachstube, während Parker, auf dem Rand des Bettes sitzend, sie theils sckalt, theilts höhnte. Halt's Maul, Jim Bassett!" rief Einer. . Herr Frost," fuhr Parker fort, als er auch, unseren Gastgeber erblickte, Sie haben doch selber gestern Abend zugegeben, daß ein Narr dazu gehörte, mich mit Bassett zu verwechseln." Mein Frauchen schwor mir, daß Sie Der seien, der ibren Bruder Deot tödtete,. als ibres Papas Brennerei avsiehoben wurde," erwiderte Frost mürrisch. und ich hätte Sie ohne diese gcnzen Umstände darauf erschießen kennen; aber ich wollte drei nicht meuchlings thun und wollte Jhn:i f lcgenheit gto. zu zeigen, daß Sie Parker sind, wenn sie können." Das kommt darauf an, was Sie darunter verstehen," gegenredete Partu verachtungsvoll. Niemand kommt mit Empfehlungsbriefen in diese Gebirge. Aber auch Niemand, der so schlcu ist, wie man von Basset: allgemein sagt, würde seinen Kopf in eine Fallschlinge stecken, die gerade noch an ihm vorbeigeschlüpft ist, und das äü? ich gethan, wenn ich Bassett ware." Dann wandte, er sich mir zu: Bitte. Herr M . erzählen Sie doch diesen Herren das gestrige Abenteuer mit den Simpson - Jungens!" Das that 'ich im Brustton der Ueberzeugung und erzählte auch wieder vom alten Dan Parker selber, der doch gewiß seinen Neffen kennen müsse, und dessen Wort gut genug fei. Die Aufgehegten begannen zu zweifeln, und Parker blickte sie lächelnd an. Und wie unwahrscheinlich ist es auch," fügte ich hinzu, daß Jim Bassett, wenn er schon hierher käme, noch einen Frem- . , " jr . i oen mii ungiulliiq mauzen wuroe. Da drängte sich eine Frauengestalt zwischen die Gruppe: es war Frost's zigeunerhaft aussehende Gattin. Das hat er mir gethan!" schrie sie leidenschaftlich, und er sagte, ich sei ihm das Liebste auf der Welt! Er machte mir den Hof, bis er fand, wo die Brennerei war; dann kam er mit dem Aufgebot und erschoß Dave. O, ich könnte Jim Bassett wiedererkennen, und wenn er grau und runzlig wäre und " Parker sprang auf und stand seiner, die Faust ballenden Anklägerin unmittelbar gegenüber. Er war bleich, aber so gefaßt wie zuvor.- So", sagte er. sSie würden Jim Bassett, Ihren Geliebten, ganz gewiß wiedererkennen". Plötzlich zog er ihre Hand in die seinen. Mir gerade in' Auge geblickt!"
sagie 'er befehlend, damit Alle sehen können, daß ich nichts verberge!" Er sah sie mit einem unbeschreiblichen, durchdringenden und beherrschenden Blick an. Und jetzt", fügte er hinzu,
sagen ie man wird mich nach Ihrem Wort hängen oder gehen lasen bm ich 5hm Bassett oder nicht?" Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen und sagte, schwer athmend: Er ist nicht der Mann für den ich ihn hielt!" Dann schlang sie die Arme um Frost's Hals und verlor die Besinnung. Dle Möchtegern - Rächer verzogen sich still.' Bald erhellte, die Morgen-' dämmerung das Gemach. Zu meiner Verwunderung schien Parker weniger erregt, als nach dem ersten . Verwechslungs - Abenteuer. Herrgost, wenn sie an ihrem Irrthum festgehalten hätte." sagte ich beim Aufstehen, was dann?"' Ich wußte, sie würden' mich nicht hängen, wenn es auf ihr Wort ankam," erwiderte er, arme Seele!" Beim Frühstück, das wir ohne qroßen Appetit genaßen, bediente uns Frost wieder allein. Denken Sie nicht ungütig von meinem Mädel," sagte er, sie hat eben sehr an ihrem Bruder gehängt." Warum sollte ich?" erwiderte Parker kurz, sie hat mein Leben gerettet." Wir ritten weiter, und spät Nachmittags hatte ich das Ende meiner Tour erreicht. Am Bahnhof, eines Kentuckyer Grenzstädtchens trennten wir uns. Ich fuhr nach Louisville, und er, nachdem. er die Pferde zum Rücktransport nach Wide Mouth Gap aufgegeben, nach einer benachbarten Stadt, wo sich ein Werbeämt der Bundesarmee befand. Da wir jetzt in Sicherheit sind," bemerkte er noch zum-Abschied, so will ich kein Geheimniß mehr daraus machen, daß ich Jim Bassett bin. So ganz verblüffend kam diese Enthüllung für mich nicht mehr. Aber das hätten Sie mir schon etwas früher anvertrauen dürfen," protestirte ich. . Das hatte lch auch gethan, sagte er lächelnd, aber Ihre Betheuerungen wären vielleicht nicht so überzeugend gewesen, hätten Sie dieselben nicht in gutem Glauben gemacht. Es kam mir nicht vor. als ob (sie zum Lugner gebaut, wären." ' Mit herzhaftem Händeschütteln verabschiedete er sich. Ein Abenteuer in Venedig. . , Bon Alice Bender. - Äber Papachen, den glotzenden Glatzhans soll ich heirathen? Das ' ri f . i r. -1 1 . kann vocy mcyl vein rnu jni yaile Elli lachend auf die'feierliche Rede des Bakers erwidert, ihre zusammengeschnürten Malsachen ergriffen und,, als wäre nichts geschehen, mit fröhlichem Adieu ihren Weg zur Kunstschule angetreten.:Der Vater sah ihr noch ganz verblüfft nach, als leise die 'Seitenthür sich öffnete und die Mutter eilig hereinkam. Nun, was sagte sie?" fragte sie hastig. Adieu, sagte sie." Der Vater faltete die Hände über dem Bauche und drehte die Daumen umeinander. . So? Hast du denn dem Kinde gesagt, was für ein Glück es für sie ist? Wie sorgenlos sie an seiner Seite wäre?". Fünfundzwanzig Minuten . hintereinander, darauf nannte sie ihn- glotzenden Glatzhans" was übrigens famos bezeichnend ist und verschwand." Ach, laß doch deine Späße bei. so ernsten Sachen!" rief die Mutter gereizt. ..Na, eigentlich soll eine, Verlobung wohl eine heitere Sache sein; aber wie du -meinst. Im Uebrigen, was nützt das Reden! Elli hat nein gesagt, und wir werden doch etwa keine Zwangsversuche machen wollen." Zwangsversuche, waS das für Ausdrücke sind. Soll Elli vielleicht eint alte Jungfer werden? Das ist nun der-dritte Antrag, den sie ausschlägt, als wäre sie eine Märchenprinzessin, zu der die Freier in Schaaren zu pilgern haben. . Man bleibt nicht immer zwanzig. Gestern las ich erst in einer Heirathsstatistik, wie wenige Beamtentöchter einen Mann bekommen." Das' ist .statistisch festgestellt," summte der Vater, indem er an seinen Schreibtisch ging und die Papiere, die er in dem Bureau brauchte, in seine Aktenmappe zu legen begann." Das Mädel ist hübsch und begabt, sie nimmt's höllisch ernst mit ihrem Malen,sie wird sich schon im Leben zurecht finden. So oder so. Gewaltsam lasse ich mein frisches Mädel nicht unter die Haube bringen," fagte er dann, und ein bischen bekommt sie ja doch mal von uns." 'Dein Mädel! Ich habe sie wohl nicht lieb? Aber dergleichen verstehen wir. Frauen, eben besser. Unverheirathete Frauen sind immer mehr oder weniger verschroben." Na. Mutter." der Vater lächelte, das wollen wir nicht so schroff hinstellen, in dieser Hinsicht bist du ein bischen' einseitig." ' - Unmodern, willst du sagen, .siel die Mutter hastig ein. Das'wyß ich ja schon." ' ' - Na. Mutter, laß gut sein. Ich kann.'.doch scklieklich . nicht dafür, dak
der Hans jo'n .vtöcyen Fijchaugen unv nur wenig Haare noch hat und ihn das Mädel nicht mag trotz seines Jahreseinkommens von zwölftausend Mark!" Und mit einem Lächeln ying er den altgewohnten Weg, zum Bureau. Er war eigentlich froh, daß sein Liebling noch im Hause blieb. , Aber auf dem Rückwege vom Bureau war ihm längst nicht mehr so behaglich zumuthe. Jetzt würde es wieder ein so schweigsames Mittagbrod geben, wo sie alle drei wortkarg die Bissen herunterschluckten. Zu seinem Erstaunen aber hörte er schon, als er die Wohnungsthür aufschloß, Ellis Lachen und die Stimmen von Mutier und Tochter in lebhafter Unterhaltung. Nanu, sollte sie etwa doch?" dachte er und eilte unruhig in das Zimmer. Da flog ihm Elli lachend um den Hals, und aus dem Lachen und Durcheinanderreden von Mutter und Tochter begriff er endlich, daß Tante Julchen hier gewesen war und Elli zu einer Reise nach Venedig eingeladen hatte. Tante 'Julchen war des Vaters Schwester und wurde im intimen Familienkreise .DaS reisende Ackckott. Ackchott" genannt, weil sie immer umherreisie und jeden Satz mit Ach Gott, ach Gott!" was sie Achchott, achchott" QUssprach anfing und beschloß. Achchott, achchott," sagte der Vater lachend, wann soll denn die Reise losgehen?" Uebermorgen," jubelte Elli und umhalste ihn von Neuern Achchott, achchott," hatte Tante Julchen gefagt, ich will doch schließlich, ehe ich sterbe, auch mal das vielbesungene Venedig sehen. Aber allein wage ich mich nich t in das Banditenland, und Elli ht auf der Schule Jtalienisch gelernt und ist bescheiden, da will ich denn ein Opfer bringen und ihr das Glück einer solchen Reise verschaffen." . Als dann nach Tisch Vater und Mutter allein waren, erfuhr der Vater, daß 'die Mutter Tante Julchen ihr Herz ausgeschüttet habe und diese versprachen hatte, während der Reise auf. Elli einzuwirken, unmerkbar von Hansens Vorzügen zu sprechen und außerdem zu versuchen, ob sie nicht auf der Reise irgend eine ehrenhafte Bekanntschaft machen könnte, die Achchott, ackchott. du wirst sehen, sie kommt als Braut zurück," hatte Tante Julchen zum Abschied gesagt. Papperlapapp'," brummte der Vater 'darauf. Aber ich bin ohne Sorge. Das Mädel weiß schon, was es will, und Venedig wird es beglücken, gleich?iel. ob Achchott. Achchottchen" für sie aus Freiersfüßen geht oder nicht. La bella Venezia." murmelte er halblaut. Und schweigend, nach Jugend-
erinnerungen im Gedächtniß kramend, rauchte er seine Cigarre. ' .' Achchott, achchott," sagte Tante Julchen, als der Zug über die lange Eisenbahnbrücke zwischen Mestre und Venedig fuhr und Elli schon die Thürme der Lagunenstadt sah, wenn die Gondeln nur nicht so schaukeln!" Bald fuhr der Zug in die Halle. Ein Stimmengewirr von Sprachen all Lander nmsummte ste, und bald standen sie auf der Bahnhofs treppe, an deren unterster Stufe wie ein dichter InEin Abenteuer in Venedig 2 sektenschwarm die fchwarzen Gondeln umherschwirrten. Mit Entsetzen .sah Tante Julchen auf die schwankenden, zierlichen Fahrzeuge, während Elli traumverloren die weiße Marmorklrche am anderen Ufer und den Kanal, in dem sich märchenhafte Palastsassaden spiegelten, anstarrte. Es dauerte lange, bis Tante Julchen den entscheidenden Schritt in die Gondel that, und sie war so verwirrt, . daß sie sich widerspruchslos zu dem Grand Hotel gondein ließ, statt nach dem mit gut und billig" angeführten Gasthof, den sie sich schon in Berlin ausgewählt hatte. Aber sie bereute es später nicht; denn die Terrasse des Hotels wurde Tante Julchens Zufluchtsort. Dort saß und sah sie mit Entzücken um sich. Aber eine Gondel betrat sie nicht wieder, und in das Labyrinth" der engen Gassen wagte sie sich nur wenige Male. Von der Terrasse aber, sonmnumfluthet. beobachtetesie entzückt das Treiben auf dem Canale arande, befreundete sich mit anderen Hotelgästen, zugleich nach emer guten Partie für Elli spähend. Elli war den ganzen Tag unterwegs Erst wollte die Tante sie zwar nicht allein gehen lassen, aber dann siegte ihr ökonomischer Sinn. Elli wenigstens fi. r . . t f. ouic 1 mti wie mogiicy von ver iottbaren Reise haben; schlimm genug, daß sie selbst so wenig von den Herrlichkeiten sah.' So fand sich Elli nur zu den May'.zeiten ein. Des Vormittags durch miste ste die ?ladt und freute sich der Kunstschätze; am Nachmittag fuhr sie zum Lido.und wanderte am Strande, immer denselben Wea- nach Malamocco zu, wo sie , nur wenigen Menschen begegnet. Bebend sah sie die märchenhafte Farbenpracht, mit welcher- me untergehende Sonne die .leise schaumende Adria schmückte. Und sie dachte an die grauen Tage daheim, wo das enge Leben zwischen Aktenstaub und entsagendem- Berechnen dahinging und die Menschen vergaßen,- welche Herrlichkeiten die Erde barg. Wenn sich die violetten Schleier der ' c . rnrv " Dämmerung uoer oas .ceer legren, kehrte Elli zurück Wenn sie auf-dem flinken Vävöretto zurückfuhr, dann
hatte' sie Muscheln und Seesterne in den Taschen und Lebensfreude und Glück im Herzen; - ihre Augen leuchteten; ihre Jugend wirkte ordentlich ansteckend," wie der Herr Geheimrath an der Table d'hote desHotels krächzte. War es Zufall, daß ihr auf dem kleinen Dampfer stets der Maler segenüber saß, dem sie jeden Nachmittag draußen am Strande kurz vor Malamocco begegnete? Schon ganz von fern erkannte sie stets die einsame Gestalt, die ihr am Rande des Meeres entgegenkam. Eines Tages wurden sie miteinander bekannt. - Er begann das Gespräch in einem holpernden Italienisch, und sie radebrechte ihr Schulitalienisch, bis sie
lachend erkannten, daß sie beide Deutsche waren. So wurde über die erste Verlegenheit hinweggelacht, und bald war es eine selbstverständliche Thatsache. daß sie beide hier jeden Nachmittag spazieren gingen, von ihren Träumen und Lebeiiswunschen sprachen, wahrend die weiche Seeluft sie umwehte. Inzwischen suchte Tante Julchen auf der Hotel - Terrasse durch das Lorgnon nach emer guten Partie. Aber es wollte sich nichts finden. Die meisten Gäste waren Hochzeitsreisende, und von den Elnzelreifenden kam auch Niemand in Betracht. So ein mittlerer, honetter Kaufmann, der sein gutes bescheidenes Auskommen batte". fand sich eben nicht im Grand Hotel zu Venedig. Darum begann Tante Julchen, wahrend in der lauen Mondnacht von den Serenadenaondeln die weichen italienischen Melodien zur errasse emporklangen, von Hansens biederem Wesen, von seinen allerdings etwas hervortretenden, aber, ach. so treuen Augen zu sprechen. Elli antwortete nichts darauf, denn sie spähte nach den Gondeln, die das Serenadenboot umkreisten. Aus einer von ihnen blickten bekannte Augen zu ihr hinauf. In Ellis Elternhaus flogen zwei Briefe. Achchott. achchott." stand in dem einen, das Mädel ist hier so ausgeblüht, daß ich alte Frau sie immer ansehen muß. Mir wird ganz unbehaglich. wenn. ich ihr den Hans an-, preisen soll. Aber ich thue es jeden Abend, denn Schönheit vergeht, und eine solid fundirte Ehe ist etwas nicht zu Unterfchätzendes. Sonst habe ich trotz eifrigen Suchens nichts gefunden.. Auf Reisen kann man ja nicht vorsich-' tig genug sein. Wie viele Hochstapler gibt es, achchott, achchlTtt!" Der andere Brief war fehr kurz. Da stand nur: ' Geliebte Eltern! Wenn Ihr doch hier wäret und sehen könntet, wie schön das Leben ist. Es umarmt Euch und. die ganze Welt in Liebe Eure Elli." ' Und Vater und Mutter lasen die Briefe und sahen' fchweigend vor sich, hin. Sie hatten Sehnsucht nach ihrem Mädel. Nun kam der Tag der Abreise immer näher,' und schließlich hieß es: morgen.- Elli war zum letzten Mal nach dem Lido gefahren, und die Tante' faß in der Sonne und dachte, wenn ihr verstorbener Mann eine solche Reise erlebt hätte, und daß sie morgen in eine schreckliche Gondel steigen müsse, um zum Bahnhof zu kommen. Sie berechnete, wie viel Trinkgeld sie hier im' Hotel geben müsse, und daß sie morgen um diese Zeit schon bald auf. dem Brenner wären und daß nun Elli doch nicht verlobt zurückkehrte. Der Abend kam, die Gondeln- steckten die Laternen an und tanzten wie Irrlichter auf dem stillen Kanal. Tante Julchen fuhr aus ihrem Sinnen auf. Wo blieb Elli heute? Sie sah sich um, sie war jetzt die Einzige auf der Terrasse, es mußte schon spät sein. Da umschlangen sie hinterrücks zwei Arme, eine heiße Wange schmiegte sich an ihr runzeliges Gesicht, und eine jubelnde Stimme flüsterte: Tante Julchen, nun bin ich Braut!" Und dann stand Elli vor ihr und neben ihr ein fremder, so feierlichglücklich aussehender Mann. Und Tante Julchen. sah wortlos die Beiden an, die Thränen stiegen ihr in die Augen, und erst nach langer Zeit brachte sie ein Achchott, achchott" heraus. ' Am Abend saßen alle drei auf der Terrasse. Elli suchte gar nicht nach' Gondelttdie das Serenadenboot umkreisten, aber Tante Julchen warunruhig. Endlich platzte sie heraus, ob, denn das Malen auch einkömmlich" sei. Und als dann der neue Neffe sie uch über diesen' Punkt beruhigt .und ihr erzählt hatte, daß er über ein großeres eigenes Vermögen verfüge, mur Melte sie ganz glücklich: , Achchott,' achchott, .solch Mädel, solch Mädel, ganz allein, ganz allein ! Und die beiden Glücklichen lachten fcnd leerien ein Glas Asii aus daS Wohl vonsTante Julchens Heiraths-. Kandidaten.' und Tante Jnlchen mußte' mit anstoßen. In Hause aber aß die Mutter , unh las immer und immer wieder ein Teleramm. Und draußen lief ein Qater zm.Fruhlingsregen umher und erflehte egen für sein bräutlicheS Kind. Erlöst. .Herr- (nachdem der. Zug den Bahnhof verlassen hat, mit. em Operngucker zum Fenster hinaussehend): Wer war denn der Mann, der Sie nach' der Bahn begleitet hat? Frau! Es ist mein Schwiegersohn; fe;. hen Sie'ihlr noch? Herr: Jawohl: eben macht er einen Satz und Ärst die. .Müde in die Lust! . r:
