Indiana Tribüne, Volume 29, Number 168, Indianapolis, Marion County, 10 March 1906 — Page 7

JnSiana Tribüne, März iwoG

1

w

Durch Lcid zur Licbc llomatt von Id a P c i s l: e r (Fortsetzung.) xjxau Lenz trat neben sie und hielt ihr auf flacher Hand das Armband entgegen. Liebe Dame, da schickt Ihnen Frau Görner die vergessene Spange." So... wirklich." Mit einem gleichgiltigen, matten danke" nahm die junge Fremde den kleinen, echten Reis wieder an sich und streifte ihn über den ein wenig defekten Handschuh ihrer Linken. Frau Lenz blieb neben ihr stehen. Können Sie mir können Sie mir wohl sagen, wo ich hier eine einfach:, ruhige Schlafstelle bekäme?" fragte die Fremd: da plötzlich mit ihrer dünnen, verschleierten Stimme. Ich weiß nicht recht " Frau Lenz überlegte. Eine echt christliche HilfZWilligkeit regte sich in ihr. Ich brauche Ruhe," die Fremde weinte leise. So reisemüde kann ich nicht vor ihn treten... ich muß frisch sein und stark." Ich wüßte Rath," schlug Frau Lenz vor. Wenn Si mögen, kommen Sie auf ein paar Tage zu mir. Ich bin mutterseelenallein ... da stört Sie niemand. Ein Gastbett hab ich auch " Sie wollten " Freilich. Aber ich wohne halt Keller...das heißt, so schön hoch und freundlich, wie in einem Souterrain. Wenn Sie da möchten ? Ter Keller schien nicht zu schrecken. Sie wollen wirklich V Kommen Sie nur." Frau Lenz nahm die Plaidrolle auf. die neben der Ermatteten in der Mauernische lag. Es ist so kalt an die Füße. Nicht?" Die Fremde nickte und schritt ohne Einwendung und Bedenken neben der ihr bescherten Beschützerin her. der gastfreundlich angebotenen Zuflucht entgegen. Frau Lenz lamentirte über das Wetter und den angerichteten Schaden. Nicht wahr, die frische Luft thut gut?" fragte sie zutraulich. Ich bin nicht krank," wehrte die Fremde. Ich bin nur angegriffen und ermüdet." Frau Lenz behielt ihren leisen Zweifel für sich. Gerade dachte sie auch an anderes. Ach wir hatten übe? den Kirchhof gehen können... es ist Der beredte Abscheu in den raschen Ausrufen brachte die gefällige Frau augenblicklich von dem Vorsatz ab. Ich kann ja gegen Abend noch hinüber. Desto ungestörter sind Sie." Ach ja ungestört." flüsterte die Fremde mit oer Sehnsucht eines heimwehkranken Kindes. Schlafen schlafen!... Und dann, wenn ich mich erholt habe " lächelnd träumte sie vor sich hin. Mit einemmal ernüchterte sie sich an einem leisen Schreck. Q, o ich habe ja vergessen " Was denn?" Ich habe mir das Adreßbuch nicht geben lassen. Da weiß ich ja nicht, wo " verlegen hielt sie inne. Sie können das ja noch jeden Tag, liebe Dame." M ist wahr." Nasch getröstet schritt sie wieder weiter. Und so bleibe ich auch ruhiger," hielt sie sich vor. Ermattet langte sie hinter ihrer Führerin in dem einsamen Hause an. Eben glitt Elisabeth May durch den Korridor. Ihr klarer, reiner, allzeit eigenthümlich ernster Blick kreuzte sich mit dem verträumt verzagten der Eintretenden Es lag kaum mehr als hö liche. stumm fragende Beachtung in ihm, und doch mochte er der vorübergleitenden Fremden wehe thun. Sie kräuselte die Lippen, als habe Hochmuth sie vorletzt, und senkte die Lider. Eine bängliche Unruhe kam sie an. Sie schrie leise vor abergläubischer Furcht, als auf der dunklen Treppe ein miauendes, schnurrendes Etwas dich! an ihr vorüber huschte. Es ist ja nur unser Puß," beruhigte Frau Lenz. Ein gescheites Thier, und gar nicht kaßenfalsch." Sie stand schon unten und öffnete. Auf ihr einladendes bitt recht schön!" trat ihr kleiner, feiner Gast in das freundliche, schmücke Heim, in das Putzstübchen der Besitzerin. Wie nett Sie es haben!" Frau Lenz lachte geschmeichelt. Ach ja, wenn man ein bischen auf Ordnung hält und so allerlei zum Herumsiellen hat Aber bitte, machen Sie es sich bequem, so, als waren Sie zu Hcrase. Ich koche gleich einen Kaffee." Sorgsam legte sie ihr Hutgebäude ab. Und, daß Sie wissen, bei wem Sie sind ich heiße Frau Lenz." Und ich" die Fremde zögerte einen Moment Lonny Jordan. Am liebsten ist es mir,, Sie -nennen mich Frau Lonny." Lieber Himmel, also doch!" Frau Lenz schlug die Hände zusammen. Ein halbes Kind noch und schon Frau?" Lonny Jordan warf den Kopf zurück, als sei ihre eben behauptete Würde angezweifelt. Jawohl, eine Jrau!" Den Ton der Bestätigung durchzitterte ein leises Weh, und in den grauen, an ziehenden Augen glitzerte etwas, wie Erbltterunz. Liebe Güte, noch so blutjung." Bin längst kein Kinönehr. Ich

siehe schon im achtzehnten Jahre." Sie

streifte den leichten Mantel ab. So. ohne Hut und in dem lichten, reizenden Sommerkleid sah das zarte Persönchen erst reckt knospenhaft aus. Daran änderte auch Ut müde Zug um die starken Brauen nichts, der von Leidei: und Erfahrung zu wissen schien. SiZ richtete sich nun hauslich em, sorglos wie ein Wandervogel, der sich jeder fremden Stätte anzupassen weiß. Unaufgefordert nahm sie den einen der beiden breiten Fensterborde m Beschlag und kramte das Durcheinander aus ihrer Handtasche aus. Dann saß sie leidlich aufrecht daneben, knabberte eine Kleinigkeit von einem umwickelten Ehokoladenrest und studirte ihr Gesichtchen in einem Taschenspiegel. Ein paar Minuten spater sank ihr matt der Arm auf den Sims. Ohne Widerstand ließ sie auch den Kopf nachfolgen und schlief in der unbequemen Lage ein. Sie athmete mit tief heraufgeholten, schweren ü.en, wachsweiß das kindliche Antlitz.' Aber in ihm lag die Wonne des ersehnten Ausruhens. Frau Lenz trank ihren extra starken Kaffee allein. Sie hatte nicht das Herz, den Erschöpfungsschlummer ihres jungen, zutraulichen Gastes zu stören. 4. K a p i t e l. m anderen Morgen lächelte die Sonne schon wieder heiß und unbehindert über der versehrten Gegend. ' Die schmelzenden Schloßenreste wurden von dem Erdreich aufgesogen. Nur in Gräben und im Schatten trotzte das gefrorene Unheil noch seiner Auslösung.. Der schmale, von dem Wetter betroffene Landstrich machte einen traurigen Eindruck, als wäre ein Kampf durch ihn getobt, Saaten vernichtend, Bäume entlaubend, Blumen knickend. Und wie manches kleine, daseinsfrohe Leben mochte mit ausgelöscht worden sein. Arno Voß stand an einem Vorderfenster seiner Wohnung. Er gewahrte weder das Sonnenlicht, noch die Versehrung. Sein Blick, todt für die Außenwelt, war nach innen gerichtet, in die qualvolle Finsterniß, die seine Seele lähmte. Ophelia war kran5. Jenes tückische Uebel, das seine Ovfer wie ein sprunggeübtes Raubthier anfällt, das dem Grabe so viele junge Menschenblüthen überliefert, hatte sich über Nacht auf den lieblichen Körper geworfen. Fieber, Phantasien, Erstickungsaugst peinigten ihn. Genesung oder Tod! Sie standen beide dem kleinen Lager gleich nahe. Aber es gab Momente, wo des letzteren brutale Macht sein unverdrängliches Siegel auf die heiße Kinderstirn zu zeichnen schien, wo die Vorahnung der gänzlichen Vereinsamung sich wie ein eisiges Band um das aufgeschreckte Herz des verstörten Mannes legte. Er hatte das ganze Haus alarmirt, seine selbstgeschaffene Einsiedelei verwünschend, die ihn nun so peinlich der Hilfswilligkeit seiner Nächsten preisgab. Er hatte alles gethan, was ihm seine Sorge zu thun dorschrieb. Frau Lenz war nach einem Arzt geent, nach einer barmherzigen Schwester. Der Wagen, der die beiden hergebracht hatte, blieb, jede Minute zur Verfügung, in der Nähe. In den sonst so stillen Räumen seiner Behausung herrschte eine ihm. widerliche Unruhe, ein Kommen und Gehen, Fragen und Suchen. Neugierige Theilnahme drängte sich, Rath und Beistand anbietend, in seinen vernachlässigten. herrinlosenHausstand, über dessen Lücken und Leere heute kein sonniges, unbesorgtes Kindeslächeln hinwegtäuschte ach, vielleicht nie mehr. . Er preßte die Stirn an das Fensterkreuz, daß es knisterte. Seine Seele schrie nach Rettung und-glaubte an keine. Da riß ihn ein schluchzender Laut empor; er kam aus dem Nebenzimmer. Mit lautloser Raschheit war er drüben. , Eben bog sich die Schwester über das kleine Bett, das dicht an das Fenster herangeschoben worden war. Was will das Kind?" Pa " kam es entsetzt und verwirrt aus der wunden Kehle. Er schob seine Linke unter das glühende Köpfchen, dessen Augen ihn halb bewußt und hilfeflehend suchten. Ich bin hier, Lia." Die Kleine warf sich zu ihm herum. Die Frau fort." stammelte sie beängsiigt. Sie läßt mich immer fallen tief, tief in einen Graben und wo es so heiß ist." Du träumtest, Liebling. Du liegst ja in Deinem Bett, und die gute Frau gibt acht, daß Dir nichts geschehe." Ophelia sah ihn unter zitternden Wimpern hervor verständnißlos an. Dann bäumte sie sich mit der Kraft des Fiebers in die Höhe und klammerte sich an ihn. Alö die Schwester sie sanft zurückzulegen versuchte, drang ein furchtsames Wimmern über die vertrockneten Kinderlippen. Die kleine Kranke brachte die dumpf empfundene Noth ihres sonst so strotzend gesunden Körpers mit der Anwesenheit der Fremden in Zusammenhang und versuchte, sich vor ihr zu retten Lassen Sie," bat Arno Voß. Das fremde Gesicht erschreckt sie." Zögernd trat Schwester Helene außer Sehweite des Kindes. Unter röchelndem Athem blieb Ophelia noch Minuten hindurch an dem Vater hängen. Als ihre Finger sich l?sten und- er die leichte, fiebernde Gestalt

sorgsam nsedergseiten'ließ. wandte sich ihr ausdrucksloser Blick in alle Ecken. Dann schien ihr unter dem Schutz der bekannten Züge über ihr Beruhigung zu kommen. Als jedoch, nach einer halben Stunde, die vorgeschriebene Einwickelung erfolgen mußte und die Schwester sich der Schlafenden näherte, wiederholte sich die aufregende Szene. Ophelia wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die Berührung der Fremden. Weder sanftes Zureden, noch erfahrenes, geschicktes Zugreifen erreichten den gewünschten Erfolg. Und gegen Gewaltmaßregeln protestirte .Arno Voß aus Befürchtung vor einer Verschlimmerung. Peinlich berührt gab die geduldige Schwester ihre vergeblichen Bemühungen auf. Wäre hier im Hause nicht jemand, von dem sich das Kind unter meiner Anleitung besorgen ließe?" fragte sie dringend. Elisabeth May!" stieß der Gefragte hastig hervor. Ohne zögerndes Ueberlegen war ihm der Name auf die Lippen getreten und mH einem durchklingenden Vertrauen an die Hilfsfähigkeit der Genannten. So gestatten Sie, daß ich die Dame um den kleinen Liebesdienst bitte." Ungeduldig aneifernd, winkte er ihr schon mit Hand und Wimpern. Und wo " Unten, rechts." Aufathmend eilte Schwester Helene hinaus. Arno Voß wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er harrte mit so verzehrender Unruhe auf das Erscheinen des Mädchens, als hinge von ihm Tod oder Leben, seines Kindes ab. Schrecklich lange Minuten dehnten sich hin. bis die Erhoffte kam. Ihm war, als müsse er hinunterstürmen, ihr seine rathlose Verzweiflung in die herbe, gelassene Seele zu schreien, damit sich die Zaudernde beeile. Nun sie eintrat, flog ihr sein leidenschaftlicher, erregter Blick, wie eine sprühende, vorwurfsvolle Frage entgegen, besänftigte sich jedoch gleich a..

ihrer stillen, ernsten Ruhe, an ihrer intensiven Opferwilligkeit, die nichts sah und hörte, als das Kind. Besonnen und aufmerksam kam sie den leise geäußerten Wünschen der etwas seitwärts siehenden Schwester nach. Ovbelia filt in matter Verwunderung still und starrte blöde m oaS aPrZI athmende, weiße Gesicht Iber sich. Als' eS ihr um ein paar Spannen entrückte, griff sie mit beiden Händen aufhaltend in die Luft. Bei der Lia bleiben!" Elisabeth erschrak bis in's Herz vor der veränderten, sonst so wohllautenden Kinderstimme. Ich bleibe." versprach sie rasch. Der unbefangene Tonfall gelang ihr mühsam. Sie gab ihre Linke in die fest zugreifenden, kleinen Finger und ließ sich auf den von der Schwester verlassenen Sitz gleiten. Bewegungslos beobachtete sie den sichtbaren Kampf des Kindes mit der über ihm kreisenden Bewußtlosigkeit. Diese, oder der ersehnte Schlaf, gab endlich den auf- und abzuckenden Lidern Ruhe. Vorsichtig ließ Elisabeth noch zehn Minuten verstreichen. Dann versuchte sie. sacht ihre Linke zu befreien. Kaum, daß ihre Finger sich bogen, da schreckte Ophelia auch schon wieder auf. Nicht fallen lassen!" raunte sie heiser. Nicht fortgehen der große, harte Schnee erschlägt Dich ja." Elisabeth zwang ein Lächeln in ihr Gesicht und versicherte abermals, daß sie bleibe. Und es war nun nicht mehr nur Veruhigungsmittel. Sie war entschlossen, diesen Platz nicht zu verlassen, solange zu befürchten war, daß der verschleierte Fieberblick sie vermissen und suchen würde. Halblaut verständigte sie sich darüber mit der Schwester und bat sie, den gefaßten Entschluß den beiden Frauen zu übermitteln. - Schwester Helene war zu einstchtsvoll, um sich , durch die unverschuldete Ablösung gekränkt zu fühlen. Sie erklärte sich zu demAuftrag bereit, machte aber auch aufmerksam, daß sie sich nun vorläufig übrig fühle und sich ihren Kranken in der Stadt zu widmen wünsche. Falls man ihrer bedürfe, könne man ja wieder nach ihr senden. Im übrigen sei Fräulein May vollkommen geeignet, die einfachen Jnstruktionen des Arztes zu erfüllen. Arno Voß widersprach dem nicht. Er nahm Elisabeths Opfer an, weil er fühlte, daß ihr Herz sie dazu antrieb, nicht das bischen herkömmliche, gefällige Nächstenliebe. Und er hoffte, seit sie neben seinem Kinde' saß. Es war jenes verzweifelte, abergläubische Hoffen, das sich an die unzulänglichsten Merkmale hält. Hier nun kettete es sich an die merkwürdige Neigung Ophelias für das ruhig ernste, früh gefesiete Mädchen. Schweigend winkte er Gewährung. So instruirte .denn Schwester Helene ihre Vertreterin noch einmal genau und empfahl sich. Elisabeths Herz klopfte in unruhigen, starken Schlägen. Sie hatte sich kein Recht angemaßt.- die eben erledigte Maßnahme zu entscheiden, aber sie hatte heiß gewünscht, die Schwester wäre ihr zur Seite geblieben. Nun, so allein, lastete alle Verantwortung auf ihr. Ach. und sie ahnte, was das hieß. Ihr bangte dabei nicht um ihre Kraft, die würde schon ausreichen aber sie litt um den gefolterten Mann. Stille im Zimmer. Nur Ophelias rasselndes Athmen und . ihre Seufzer. Ab und zu. wenn Handreichungen im

umgänglich waren, die ihrem verschworlenen Halse weh thaten, ein peinigendes Aufweinen. Mit Sekundenpünktlichkeit verrichtete Elisabeth ihren Liebesdienst. Er hatte noch kaum zwei Stunden gewährt und ihr war doch, als habe sie schon Ewigkeiten hier gesessen, auf die kranken Athemzüge lauschend und den gedämpften. friedlosen Schritt, der sich bald entfernte, bald näherte und durch seine Unrast ihre Nerven erregte. Langsam, langsam näherte sich der Nachmittag. Der eine der beiden herbeigerufenen Aerzte erschien zum zweitenmal. Elisabeths Augen wichen nicht von seinem gleichmllthigen, undurchdringlichen Gesicht. Er gewahrte es. Ich würde sagen: hoffen wir," meinte er diplomatisch, denn eine Ersiickungsgefahr ist ausgeschlossen. Jedoch liegen andere Symptome vor, die ein vorzeitiges Beruhigen noch verbieten. Wenn das Fieber noch steigt" er hob die Schultern und zog die Brauen hoch; den Satzschluß ersparte er sich. Eine Stunde später die gleich: Diagnose des zweiten Arztes.. Dann wieder die bleierne Stille, das beschwerte Athmen, das immer wieder anhebende Hin und Her des wortlosen Mannes. Keines dachte an Speise und Trank. Von unten kam keine Nachfrage mehr. Man war nun also dort schon besonnen genug, sich der Ansteckungsgefahr wegen. Zurückhaltung aufzuerlegen, s? theilnahmsvoll man sich auch anfangs geberdet hatte. Gegen Abend endlich brachte Frau Lenz eine Tablette mit belegten Brötchen und Thee. Sie roch stark, nach Pfeffermünzplätzchen und kam auf Strümpfen. Mit einer Leichenbittermiene fragte sie nach Ophelias Befinden. Arno Voß antwortete nicht. Unhörbar schlich sie' sich in das Krankenzimmer. Gütiger Gott, was soll aus dem Menschenscheuen werden, wenn ihm sein Prinzeßchen stirbt, dachte sie für sich. Der kann sich ja da bald einsargen und beqraben lassen. Theilnahmvoll kopfschüttelnd betrachtete sie das glühende Kind. Fräulein Lisa." machte sie dann halblaut aufmerksam, ich habe Abendbrot gebracht." Danke, Frau Lenz." Aber sie müssen es da auch nicht stehen lassen." Elisabeth winkte abwehrend mit der Hand. Wenn Sie hungrig die Nacht durchwachen, wird Ihnen über und über schwach Der Herr ist auch so thörickt." as traf. Bekümmert konflatirte Elisabeth sich, daß der. Ruhelose den ganzen Tag noch keinen Bissen genossen hatte. Ich will bitten, daß er ißt." flüsicrte sie hastig. ' Nun, da wird er es von ihr wohl auch' verlangen, überlegte Frau Lenz. Befriedigt nickend ging sie. Es zog sie zu ihrem Gast, der beinahe die ganze Zeit des Besuches wie ein Murmelthier verschlafen hatte und dem nun ein wenig Eß- und Plauderlust anzukommen schien. Auch hatte sie bei den beiden Damen unten noch allerlei zu thun. Lieber Gott, das ganze Haus war ja heute in Unordnung! Auf der Treppe traf sie mit dem noch oben gehenden Konrad Treu zusammen. Willkommene Gelegenheit, ihm von der allgemeinen Unruhe auch seinen Antheil abzugeben. Unweit von ihnen zwang sich Elisabeth indeß zu einer endlichen Anrede. Herr Voß bitte." Geräuschlos wie -ein Schatten und ebenso düster glitt er heran. Ich wünsche, daß Sie essen." Er machte eine Geberde der Ungeduld. . Ich bitte darum." drängte sie von neuem flüsternd. Beinahe finster sah er sie an. Mir widert vor Speise ... und ich bedarf keiner." So bitte, überwinden Sie sich." Unmuthig wollte er zurücktreten. Doch sie 'blieb tapfer. Ich werde nicht eher etwas genießen, bis Sie es thun." Er stutzte, zögerte und murmelte ei-

was wie eine Entschuldigung. Im nächsten Augenblick war er nebenan und holte die Platte mit dem Imbiß. Er setzte sie auf den Tisch in Elisabeths Nähe, lud sie mit den Augen ein. heran zu kommen, und nahm stehend ein Brötchen. Ebenso fügsam erhob sich Elisabeth, that das Gleiche und blieb zwischen Tisch und Bettchen neben einem Sessel, um ihre Aufmerksamkeit heimlich zwischen Vater und Kind theilen zu können. . Jedes beobachtete das andere, ohne es merken zu lassen. Er aß mühsam und fast mit Ekel. Sie. trotz der Beklemmung mit sich entwickelndem Appetit. Ihr Blick wich dabei kaum von Ophelia. Trotzdem empfand sie die Anstrengung, die ihn die aufgezwungene, flüchtige Mahlzeit kostete. (Fortsetzung folgt.) (ßinfadj. Was thue ich nur, damit meine Dichtungen an'ö Lichi kommen?" Halt' sie darüber!" . . B r a n d flecken, die durch zu heißes Bügeln entstanden, ohne daß die Fasern zerstört sind, bestreicht man mit in Wasser aufgelöstem Borax und bügelt dann die Stelle trocken. Oder man bestreiche den Fleck mit einem Brei aus Thonerde, Zucker, Stärke, Gummi und Wasser und lasse ihn trocknen.

Europäische Nachrichten.

Provinz Scyresten. V r e s l a u. Der Arbeiter Karl Kubitzky stürzte im städtischen Hafen infolge eines Krämpfeanfalles die mehrere Meter hohe Uferböschung hinab und blieb in einem Kahn besin nungslos liegen. Infolge der bei dem Absturz erlittenen inneren Verletzungen verstarb er bereits auf dem TransPort nach dem Allerheiligen - Hospital. Die Leiche wurde in die Anatomie geschasst. Als Nachfolger des verstordenen Prof. Dr. Alfred Schaper ist der Privatdozent für Anatomie an der Universität Greifswald Dr. Hermann Triepel als erster Profektor an das anatomische Institut der hiesigen Univcrsität berufen worden. B e r n st a d t. Ein schwerer Unglllcksfall mit tödtlichem Ausgange ereignete sich in der Namslauer Vorstadt. Der auf dem Dominium OberMühlwitz bedienstete Knecht August Ruschel kam, als er vom Bahnhofe her neben dem mit Kohle beladenen Wagen ging, wahrscheinlich, alser den im Gang befindlichen Wagen besteigen wollte, so unglücklich zu Falle, daß die Räder über des Unglücklichen Arme und Kopf hinweggingen, sodaß der Tod nach kurzer Zeit eintrat. Groß -Selten. Als der etwa 20 Jahre alte Sohn des Gutsbesitzers Schaller von der Tanzmusik heimkehrte, übersiel ihn ein polnischer Dominialknecht. Er stach ihm das Messer in die Brust und entfloh. Der Gestochene schleppte sich noch eine kurze Strecke und brach infolge des Blutverlustes zufammen. Er starb nach wenigenAugenblicken. Der Grund zurThat ist Eifersucht. Der Mörder wurde verhaftet. Kuepper. Letztens schlug mit einer Kartoffelhacke im Streit der Landwirth Peißrich . seinen Bruder. Man fand später den Mörder erhängt in einem Wäldchen in der Nähe des Thatortes. Der Ermordete. Theodor Peißrich, war der jüngere Bruder des Mörders. Letzterer hatte schon vor mehreren Jahren eine ähnliche That an seinem jüngsten Bruder verübt, sodaß dieser nach zwei Tagen starb. Das Gericht hatte damals Nothwehr angenommen. Leo b schütz. Im -82. Lebensjähre entschlief der Kaufmann Karl Rucop, Ehrenbürger unserer Stadt. Er war seit dem Jahre 1853 ununterbrochen Stadtverordneter. '. N e i ch e n b a ch. Die hiesige kaufmännische Fortbildungsschule (Handelsschule) feierte ihr övjähriges Jubiläum. Schmiedeberg. Hier erschlug der Maschinenführer Ludwig den Vorarbeite: Brause im Streit mit einem Holzpantoffel. Z a lenze.' Den Tod durch Kolenozydgasvergiftung fanden Mutter und Tochter der Familie Nietz. Dem Hauswirth war es aufgefallen, daß in der Wohnung der Frauen seit einiger Seit niemand sichtbar wurde, und als ihm auf fein Klopfen nicht geantwortet wurde, ließ- er die Thür gewaltsam öffnen. Den Eintretenden bot sich ein schrecklicher Anblick. Die 70jährige Mutter lag entseelt in der Nähe des Ofens, wahrend die Tochter im Bett gestorben war. Frovinz osen. Posen. Der Bibliothekar an der hiesigen Kaiser Wilhelms - Bibliothek, Dr. W. Fabricius, ist an die Marburger Universitätsbibliothek verfetzt worden. Bromberg. Vor einiger Zeit wurde der Sohn des Direktors der Vlumwe'schen Maschinenfabrik Akt.Ges. Zschalig in dem nahen Prinzenthal mit seiner Braut auf dem Sofa sitzend todt vorgefunden. Der herbeigerufene Arzt stellte bei beiden Vergiftung durch Cyankali fest. Der Sohn diente bei einem Pionierbataillon und befand sich auf Urlaub bei seinen Eltern. Das Mädchen, Anna Schober. war das Kinverfräulein und hatte mit dem Sohn die elterliche Wohnung betreten. Es liegt Selbstmord aus unglücklicher Liebe vor. G u il d e n a u. . Dem Dienstmädchen Ernestine Kreuz ist für 40jährige treue Dienstzeit Don der Kaiserin das goldene Kreuz verliehen worden. K r o t o s ch i n. Vor einiger Zeit ist der Arbeiter Liöka von hier, ein bekannte? Raufbold, schwer verwundet in der Kalischer Straße aufgefunden worden. Liöka, der den Thäter nicht nennen konnte, befand sich bereits auf dem Wege der Besserung, als sich bei einer Rauferei die noch nicht ganz geheilten Wunden und damit eine Ader am linken Arm öffneten, sodaß er nach wenigen Augenblicken starb. , Unter dem Verdacht, den Liska verwundet und damit dessen Tod verschuldet zu haben, wurde ein Lehrer aus Margarethendorf verhaftet. Er gestand die That, die er in der Nothwehr begangen haben will, ein. Pawlswitz'. Kürzlich würde der Schrankenwärter Kelm von dem aus Lissa nach Ostrowo gehenden Zuge ! überfahren und getodtet. Kelm befand sich auf dem Heimwege von Kankel. Eine Wittwe und fünf kleine Kinder beweinen den Tod ihres Ernährers. - Retschin. Der Regierungspräsident in Posen hat den Kaatz'schen tzheleüten hur Feier ihres 60jäbrigen

Ehestandes das Geschenk des Kaisers von 50 Mark bewilligt. S o b o t k a. Das vier Jahre alte Kind des Wirthes Roch Pawlak wurde von der Göpelwelle der Drehmaschine erfaßt und so schwer verletzt, daß es nach einiger Zeit verstarb. Frovinz Sachsen. Magdeburg. Letztens wurde der Ranairer - Emmer aus Biederitz auf dem Elb - Bahnhof gegenüber der Tauentzienstraße beim Zusammenkuppeln von Eisenbahnwagen übersahren und getödtet. H o b e ck. In jugendlichem Uebermuth versuchte der 16j'ahrige Arbeiter Karl Dorn aus Gommern auf einem Ochsen zu reiten; dabei fiel er herunter, wurde von dem Thiere getreten und trug so schwere Verletzungen davon. daß er alsbald starb. Hornburg. Vor einiger Zeit hatte sich der Handelsmann Fr. Bartels sen. heimlich von Hause fortbegeben, ohne daß sein Aufenthalt ermittelt werden konnte. Letztens ist sein Leichnam in der Ilse unterhalb des Bahnhofs Börßum aufgefunden worden. Ob Unfall, Selbstmord oder Mord vorliegt, ist nicht ermittelt worden. Langerhausen. Unlängst stießen innerhalb des hiesigen Bahnhofes bei dichtem Nebel zwei Güterzüge zusammen. Rangirmeister Keßler aus Boigtstedt, ein 28jähriger junger Mann, wurde dabei getödtet, Rangirmeister Schmidt aus Riestedt leicht verletzt. M e r s e b u r g. Der 21jährige Vahnarbeiter Otto Sommer aus Spergau wurde aus dem hiesigen neuen Güterbahnhof von einem Personenzuge überfahren; er war sofort todt. N e u h o f. Aus Nahrungssorgen steckte sich der Steinmetz Schmidt eine Dynamitpatrone in den Mund und brachte diese zur Explosion. Schmidt wurde völlig zerrissen. Spicken dor f. Vor kurzem betrat die Tochter des Einwohners Röche die morsche Eisdecke eines Teiches.brach ein und ertrank. Schleusingen. Vor einiger Zeit ist hier Zacharius Schmidt erfroren aufgefunden worden. Letztens wurde auf Veranlassung der Staats-anwaltschaft-die Sezierung der Leiche vorgenommen, da Grund zu der Annähme besteht, daß der Tod nicht nur infolge von Kälte eingetreten ist. Mehrere Verletzungen, die der Körper aufweist, sowie einige andere Umstände lassen vermuthen, daß Schmidt einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. . W o l m i r st e d t. Der Frau Luise Augsberg, geb. Schulze ist für die Rettung des 9jährigen Schulknaben Otto Horn vom Tode des ErtrinkenI die Rettungsmedaille am Bande verliehen worden. Weißenfels. Die Papierfabrik von Oskar Dietrich hat anläßlich des Weihnachtsfesies 10.000 Mark zu einer Unterstützungskasse für ihre Arbeiter gestiftet und zugleich weitere Spenden in Aussicht gestellt. Frovrnz Kcrnnover. Hannover. Beim Eisenabladen schwer verunglückt ist der Arbeiter Reinhold Lührs. Er war auf der Eilers'schen Fabrik in der Straße Entenfangweg beschäftigt, Eisen von einer Lowry in einen Kahn zu bringen. Ein Stapel Eisen bekam das Uebergewicht, stürzte um und fiel dem Lührs auf den Körper. Hierdurch erlitt er eine schwere Brustquetschung und mußte in's Krankenhaus geschafft werden. Grasdorf. Einen Unfall mit tödtlichem Ausgange erlitt der Zimmermann Fritz Müller von hier. Derselbe war mit anderen Collegen mit Abreißen eines Ziegelschuppens irr Ricklingen beschäftigt, als ein Balke zu Falle kam. Müller konnte nicht so schnell ausweichen und der Balken schlug ihm in die Schläfe. Müller wurde in's Krankenhaus geschafft, wo er gleich daraus verstorben ist. Goslar. Aus der Grube Großfürstin Alexandra" stürzte' der verheirathete Bergmann Kühn in den 70 Meter tiefen Schacht; er war sofort todt. Gü m m e x: Beim Holzabfahren verunglückt ist im nahen Holze der Fuhrknecht Fritz Tirka, indem er vom Wagen fiel und stch überfuhr. Das Hinterrad ging ihm über beide Beine, die gebrochen wurden. Der Verunglückte wurde mit der Bahn nach hier und vom Bahnhof aus mit dem Sanitätswagen in's Krankenhaus geschafft. ' Holzen. Als die DampfdrefchMaschine vcm Georg Dempewolf von hier auf dem Hofe des Vollmeier W. Ahlswede in vollem Betriebe war, platzte plötzlich ein Kesselrohr. Durch den ausströmenden Dampf wurden 5 Personen, derzhn und- die Tochter des Ahlswebe, der ArbeAZmcnn W. Mebers und dessen Sch?r - und die Frau deö AnbauerS Aug. Frike, geb. Hesse, lebensgefährlich verbrüht. . I h l i e n w o r i h. Em Unglücksfall ereignete sich hier vor Kurzem Der etwa zehnjährige Schulknabe Karl Doscher, Sohn des Aktuars Döscher, wurde von Kindern in der Wettern todt aufgefunden. Die. von Dr. Koch softrt angestellten Wiederbelebungsversuche waren leider ohne Erkotz. ... - . - . .