Indiana Tribüne, Volume 29, Number 167, Indianapolis, Marion County, 9 March 1906 — Page 6
Jndiana Tribüne 9. März 1906.
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Europaische Nachrichten.
F. ovinz Wrandenvurg. Berlin. Dr. Otto Schiernmg. Generalstabsarzt der Armee, ist zum o. Honorarprofessor der hiesigen Universität ernannt worden. Hier erscheint gegenwärtig eine neue russische Zeitung, die Russische Stimme" (Nußkij Golos). Gedruckt wird dieselbe in zwei Auflagen, von denen eine speziell für Rußland bestimmt ist. Redakteur desBlattes ist Puzikowitsch, ein Veteran unter den russischen Publizisten, der zu den Freunden des verstorbenen Romanschriftstellers Dostojewski gehörte. Einen jähen Abschluß hat die Ehe des Plätterelbesitzers Schirm aus der Holzmarktstr. 34 gefunden. Als Schirm' letztens heimkehrte, fand er seine junge Frau vergiftet in der Wohnung vor. Die Lebensmüde hatte Lysol getrunken. Sie wurde sofort nach der Klinik am Mariannen - Ufer gebracht, erlag jedoch dort den Wirkungen des Modegiftes. Das Motiv zu dem Selbstmord ist in einer Eheirrung zu suchen. Als Leiche wiedergefunden wurde der seit einiger Zeit vermißte 43 Jahre alte Cigarrenfabrikant Max Dahlgrem aus der Chorinerstraße 77. Der Mann entfernte sich aus der Wohnung, um zum Abendbrot einzuholen, während unterdessen sein Bruder, der ihn im Laden besuchte, das Geschäft versah. Von diesemAusgang kehrte er nicht wieder zurück. Letztens landete man seine Leiche an der Weidendammer Brücke. Wahrscheinlich ist er in einem Anfall nervöser Ueberreizung in's Wasser gegangen. Vor kurzem schoß der Kaufmann und Mehlreisende Richard Röberin seiner Wohnung mit einem Revolver auf seine Nichte, die Buchhalterin Elisabeth Buley, und traf sie in den Hals. Dann richtete er den Revolver gegen sich und verwundete sich schwer. Röber wurde nach der Charit6, Fräulein Buley nach dem Moabiter Krankenhause gebracht, wo sie bald darauf starb. Es besteht der Verdacht, daß Röber die Ersparnisse der Nichte für sich derbraucht habe und bei der Verheirathung der Dame nicht imstande gewcsen wäre, ihr das Geld wiederzugeben. Auf entsetzliche Weise hat sich in der sächsischen Gesandtschaft in der Voßstraße 19 der 28jährige Kammerdiener Robert Faust das Leben genommen. Bei dem großen Empfange, der in der sächsischen Gesandtschaft stattfand, hatte sich Faust derartig benommen, daß ihm die Stellung gekündigt werden sollte. Faust zog es jedoch vor. in den Tod zu gehen. Er holte sich das Jagdgewehr seines Herrn auf sein Zimmer, lud es mit Wasser und schoß sich die Ladung in den Mund hinein. D:e Wirkung war eine furchtbare. Der Kopf des Selbstmörders wurde vollständig m Stucke gerissen. P l ö tz e n s e e. Eine Revolver offäre, die sich hier abgespielt hat, beschäftigt die Polizeibehörden. Der 22jährige Buchhalter Paul Gasmann aus der Bredowstraße 4 hatte mit Mehreren Bekannten in dem Restau rant Kronprinz" ein Theaterstück ausgeführt, und als die Mitwirkenden später das Lokal verließen, krachte plötzlich ein Revolverschuß und Gas mann stürzte getroffen zusammen. Die Kugel war ihm in den Kopf gedrungen. Der junge Mann wurde in das Moabiter Krankenhaus eingehe fett. Ueber den Urheber des Schusses konnte nichts ermittelt werden. Da Gasmann keine Feinde besessen, kann man wohl annehmen, daß er das Opfer einer Verwechselung geworden ist. T?"MtV 1 ,k?,,.k. O v Königsberg. Ein aufregen der Vorfall hat sich im Hause Wall'sch Gasse No. 3 abgespielt. Der Restau rateur Robert Leopold bat nack vor hergegangenem Streite mit einigen Gasten die bei ihm thätige Kellnerin hierauf seine Ehefrau schwer verletzt In der Annahme, er habe beide Versonen aetödtet, schoß er sich alsdann zwei Kugeln in den Kopf. Nach Auszage der verwandten des Leopoldschen Ehepaares hatte der Gastwirth Streit mit einem Gaste aebabt. wobei er dem Gaste ein schweres Vierglas an den Kops warf. Die zur Schlichtung des Streites herbeieilende Kellnerin wurde vom Wirth thätlich angegriffen und geprügelt, nachdem der Gast da! Lokal verlassen hatte. Nunmehr bt aab sich Leopold in seine Wobnuna stürzte sich auf seine Ehefrau und mikyanoelte sie. Erst als die Frau ohnmächtig wurde und aus niedreren Wunden blutete, kam der Ehemann zur Besinnung und richtete, wohl in der Annahme, seine Frau getödtet zu haben, den Revolver gegen sich. Gumbinnen. Ein . sckwere Unfall ereignete sich vor der Barriere des Eisenbahnüberaanaes amGoldaver Thore. Unlängst fuhr ein Sonderzug .mit Japanern nach Jnsterburg durch, und am genannten Eisenbahnübergange hatten verschiedene Personen Aufstellung genommen, um die Durchfahrt des Zuges zu. beobachten. In der Nähe des Weller'schen Hauses wa, um dieselbe Zeit auf dem Felde de, Kutscher Quitschau des Gastwirthz Holz aus der Goldaperstraße mit dem Aufladen von Stroh auS einer Miete auf einen Wagen beschäftigt. Als nun der Äua beranbrauste. wurden die j Pferde unruhig und gingen durch. Der Kutscher wurde eine Strecke mit-
geschleift, wobei er sich Verletzungen im
Gesicht zuzog, und mußte oann oie Leine loslassen. Die Pferde rasten nun den Weg an der Bahn entlang, wobei sie in die Menschenmenge an der Barriere hineinstürmten und verschiedene Personen niederrissen, verletzt wurden hierbei: der penstonirte Bahnbeamte Hopp aus Norutschatschen, der Invalide Koch, ebenfalls aus Norutschatschen, der Hausbesitzer Wieser, der Hofinspektor Tonnius, der Kaufmann Madschuck und der Schmiedemeister Britt. Koch wurde so schwer verletzt. daß er in s Lazarett aufgenommen werden mußte, Tonnius und Madschuck mußten in ihre Wohnungen gebracht werden. K a r k e l b e ck. Von dem kürzlich verschollenen hiesigen Fischerboote ist aus Rußland Pappensee die Nachricht eingetroffen, daß ein Boot am Strande angetrieben rst. Es wurde denn auch als dasjenige des damit verunglückten Seesischers Austermann von hier recognoszirt und es ist anzunehmen, daß die vier Insassen, Fische? Martin Austermann und die Fischersöhne Martin Blußies, Jurgis Alwicks und Jurgis Mickeleit. sämmtlich von hier, aus See bei Ausübung der Dorschangelfischere! ihren Tod gefunden haben. Lohen. Ein dedauerlicher Unglücköfall ereignete sich in der Bahn hofstraße. Um das Strohgesäß auf seinem Wagen in Ordnung zu brinaen, hielt derBesitzer Grigo sein Fuhr werk an und ließ, ohne die Pferde abzusträngen, die Leine lose auf dem.Gefährt liegen. Als er sich ausrichtete sich mit seinen Kleidern zu schassen machte, zogen die Pferde plötzlich an. und er stürzte rücklings vom Wagen aus das Steinpflaster, wobei er eine so starke Gehirnerschütterung erlitt, daß er bewußtlos liegen blieb und Mittels Tragkorbes in das " hiesige Kreislazarett geschafft werden mußte. Tilsit. Vor kurzem ist der Agent und Journalist Paul Staake in den Flammen umgekommen. Die Feuerwehr fand bei ihrem Eintreffen die halb verkohlte Leiche des Staake auf dem brennenden Sofa liegen. Der Sofatisch war umgeworfen und die Petroleumlampe lag zerschellt auf dem Fußboden. Der Verunglückte ist sehr spät mit schriftlichen Arbeiten beschaftigt gewesen. Man kann annehmen, daß er hierbei eingeschlafen sei und im Schlaf die Lampe umgeworfen habe, wodurch die Möbelstücke .und seine Kleidung in Brand gesetzt wurden. Provinz Wcskpreußen. D a n z i g. Verliehen wurde: Dem Wirthschaftsinspektor Kegel zu Narkau der Kronenorden vierter Klasse, dem pensionirten Küster Korioth zu Oliva das Kreuz des Allgemeinen Ehrenzeichens, dem Schneidergesellen Heinrich Siegemund Hierselbst und dem früheren Schiffszimmermann bei der hiesigen Werft Masuck das Allgemeine Ehrenzeichen. Briefen. .Der Altsttzer August Kabbe aus Engelsburg, welcher zum Begräbniß eines Verwandten hierher gekommen war, fiel nach dem Begräbniß beim Abendessen plötzlich um ünd war todt. Ein Herzschlag .hatte seinem Leben ein Ende gemacht. Dir schau.' Vor einiger Zeit wurde auf dem hiesigen PersonenBahnhofe der 24jährige MolkereigeHilfe Domke aus Bacenhütte, der in Molkerei Liessau beschäftigt war, beim Ueberschreiten der Geleise durch eine Güter - Maschine, welche vom RangirBahnhofe kam, überfahren und sof.ort getödtet. Flatow. Zwischen hier und Vandsburg waren Eisenbahnarbeiter mit dem Umkippen der mit Sand beladenen Lowries beschäftigt. Hier wurden schwere Hebel benutzt. Einer dieser Hebel, der zurückschnellte, zog den Arbeiter Brzezinski in die Höhe und schleuderte ihn ungefähr 6 Meter weit davon. Dabei stürzte der Unglückliche mit dem Kopf so auf das Schienengeleise, daß er eine lebensgefährliche Verletzung erlitt Später verunglückte auf derselben Strecke und auf ähnliche Weise der Arbeiter Murach. Dessen Verletzungen waren so schwer, daß er bald darauf gestorben ist. M o ö e r. Eine außergewöhnliche Rohheit legte der Malergehilfe Wladislaus Czarnecki von hier an den Tag. Er war mit seinen Kollegen in ein' Gasthaus zum Tanze gegangen, wo sich zwischen mehreren Personen ein Streit entspann. Im Verlaufe des Streites schlug Czarnecki mü ; et nem starken Bierseidel dem Maler'aeHilfen Zielinski derartig auf den Kops, daß dieser mehrere tiefe, klaffende Wunden 'erlitt. Zielinski wurde in , rs ? r;;i em Kranrenyaus uoergeiuyri. P e l p l i n. Hier starb am Herzschlag der Prälat Domkapitular Dr. Zucht. Julius Zucht. Jubilarpriester, päpstlicher Hausprälat, Ritter des Kronenordens dritter Klasse, Pro synodalerammator, Professor am Kle rikalseminar, war, 1826 zu Mehlsack aeboren. , Bei Ausproörrung und Anwendung von Fleckmitteln be folge man stets die alte Regel, das in Frage kommende Mittel vorher auf ei nem werthlosen Stückchen Stoff, das aber in Beschaffenheit und Fa:be dem zu putzenden Gegenstände entsprechen muß, zu versuchen. Besitzt man kein Stückchen von gleichem Stoff, so mache man vorher einen Reinigungs-Versuch an einer nicht irr die Augen fallenden Stelle des Bezugs oder Kindes usw.
Zviniernovelle
Von HanS Vethqe. , I. Er lehnte an einer der kühlen Mar morfäulen, die den Saal umgaben, und sah in das Gewimmel. Es war ein Wirrsal ohnegleichen. Rauschende Gewänder in Seide und Brokat. Perlen und blitzende Steine. Blumen, Blumen, unendliche Blumen auf Schultern und Häuptern, und viel veilchenduftendes Frauenhaar. Und dann die wangen gerötheten Gesichter. Die einem mit dem reinen Glanz der Jugend, andere, auch noch junge, mit den Mienen der Menschen von Welt, die ihre Erfahrun gen hatten, und dann ältere, die so gern jung hätten scheinen mögen, die sich aber von den Genüssen dieses Daseins zu sehr hatten fassen lassen, als daß sich der Zug früherer Reinheit in ihren Gesichtern hätte erhalten können. Endlich müde, abgebrauchte, die gar nicht mehr Lust hatten, anders zu scheinen, als sie waren. Trümmer einstiger Pracht, grausam zerpflückte Blumen. Auf dem Glänze tag der Schimmer einer Fülle elektrischer Lampen. DaZ eintönige Stimmengesurr, bisweilen durch ein lauteres Aachen oder einen Zuruf unterbrochen, wurde von den Parisiennetlängen einer Streichkavelle übertönt, zu denen sich die Paare mit schnellem Athem drehten. Und er stand ganz einsam im Schat ten eines PalmengewüchseZ. an der weißen aule, und sah dem Getümmel zu. eht fiel sein Auge bei einer Wen dung. Vie sein Kopf machte, in einen rechts von ihm auf weißem Grunde hängenden Krlstauspiegel, der, an den Rändern breit geschliffen, in einen Rolokoraymen gefaxt war. Er munte lächeln, als er sich in dem Clase sah. Er kam sich in diesem Aufzug so komisch vor. Er haßte diese glänzenden Feste, diese Massenvergnügungen, wo man nicht zu sich selber kommt, aneinander vorüberhastet, von einem zum andern schwärmt, ein paar gleichgültige Worte redet, nur um überhaupt etwas zu sagen, die Bekanntschaft von hundert neuen Menschen macht, die man morgen, nein, nach ein paar Stunden schon, wieder vergessen hat. ohne noch je recht ihren Namen gewußt zu baden; wo man einzig dazu ist, zum Lobe der bangenden Ballmüttcr zu leben, indem man sein bestimmtes Pensum heruntertanzt und vielleicht noch etwas mehr Wie er das alles verachtete. Er tanzte ungern' und begriff nicht, wie die Leute dieses Herumspringen schön finden konnten. Er fand es kindisch. Wo er sich wohl fühlen sollte, mußte es anders her gehen. Wenige, die sich verstanden, in bedaqlicher istube, in der das Licht der Tischlampe womöglich durch einen grünen Schirm gedämpft war. in der das prasselnde Feuer aus dem Kamin rothe Streiflichter ans den Teppich warf. Dazu eine ungezwungene Unterhaltung oder eine Erzählung oder der Vortrag eines schönen Liedes, das mochte er. Und wenn dann die Frauen das Rauchen ge statteten, erreichte die Behaglichkeit für ihn den Höhepunkt. Dann zündete er sich eme Eigarette an, sog mit einem in neren Wohlgefühl den aromatischen Tust in sich auf und nun flogen ihm die Gedanken nur so zu, und die Worte gingen ihm noch einmal so leicht von den Lippen. Aber was sollte er hier? Er fühlte sich hier befangen. In diesen Trubel paßte er nicht. Seine Augen gingen schon eine Weile suchend durch den Saal. Jetzt schienen sie gefunden zu haben, wonach sie verlangten. Sie wurden ein wenig größer und nahmen ein lebhaftere? Leuchten an. Auch kaute er mit nervösem Ungeduld an semem Schnurrbart, und sein Kopf reckte sich etwas nach vorn. Das Mädchen, auf dem sein Auge lag, ging am Arm ihres Tänzers lang sam um den Saal und fächelte sich Kühlung zu. Sie trug ein Kleid aus himbeerfarbener Seide, das Hals und Nacken offen ließ. Ihre Haut schien zart wie Sammet und war so blendend blaß wie die Narzissenblüthcn, die schwankend auf ihren jungen Schultern lagen. Und die ' Formen waren so weich und stolz zugleich wie der Aus druck lhres unverschleierten Auges. Die Stirn war bleich. Nur in den Wan gen lag eine sanfte Röthe, so sanft und heimlich, tok sie aus den jungen Apfel blüthen glänzt. Sie sprach wenig und schien nie zu fragen. Jetzt legte sie ihren entblößten Arm auf die Schulter des Mannes, neben dem sie schritt, um den Tanz wieder aufzunehmen da setzte die Musik das Spiel ab. Er sagte ihr Worte des Bedauerns und führte sie auf ihren Platz, wo sie sich mit einer kurzen Neigung des Kopfes von ihm trennte. Die Augen des Mannes an der Mar morsäule starrten immer noch auf sie. Da setzte die Musik wieder ein mit emem prickelnden Walzer von Strauß. Er zupfte flüchtig an seiner Weste. trat aus dem Schatten hervor und durchquerte das Parkett. Nun bemerkte sie ahn. Sie fuhr leise zusammen, und ihre Brust hob und senkte sich schneller, so daß die Narzissen in ein leiseö Zittern kamen. Er drana noch rechtzeitig zu ihr, ehe ein anderer kam. Sie erhob sich. Er fragte: Ader Sie sind wohl schon ver pflichtet?" Sie entgegnete nichts darauf. Sie nahm seinen Arm. und nun tanzten sie. Es tanzte kein andere? Pagr gleich ihnen. Viele Augen richteten sich mit Be , wunderung, mehr noch mit Neid auf sie. ' Sie sprachen kein Wort. Sie suhl
ten sich, sie spürten ihren Athem unr I schwiegen. Er merkte, wie sie zuweilen ; bebte und wie ihre Brust stürmisch ar. seiner schlug. Er hätte ihr am liebster ins Ohr geflüstert: Ich habe dich lieb", und auch ihr war es, als müsse sie e thun. Aber sie ließen es beide. Ei war ihnen schon so oft so ergangen. Sie wußten, sie liebten sich, und wenn sie sich fern waren, waren sie kran! nacheinander. Aber die erlösenden Worte sanden sie nicht. Es waren zwei wunderliche Menschen. Sie schämten sich, ihre Regungen laut werden zu lassen. Sie empfanden so heiß. aber sie waren zu verstockt, ihre Empfindun gen in Worte zu kleiden. Ihr war, als müsse sie weinen. Warum waren sie sich gegenüber auch in Worten so ungeschickt? Er war es doch sonst nicht. Und es stahl 'sich auch wirklich eine Thräne aus ihrem blanken Auge. Aber sie ver ging schnell, und keiner hatte sie be merkt, auch er nicht. Als die Instrumente verstummten, hatten sie noch kein Wort weiter ge wechselt. Aber er hatte, während sie an seiner Brust gelegen, einen Entschluß gefaßt: Es sollte ein Ende wer den. Waren sie denn thörichte Kinder? Wollten sie sich denn durchaus hinquä len, bis es zu spät wurde? Bis sie sich verloren hatten?
Er fragte sie. als er von ibr Abschied nahm: Darf ich moraen kommen. Sie mm Reiten abholen?" .Ja bitte." .Um welche Zeit?" .Nun Nachmittags nach vier." Sie gaben sich die Hand, dann schieden sie. Er schritt aur Garderobe, liek sich seinen Pelz reichen, setzte eine Eigarette in Brand und ging in die schneehelle Winternacht hinaus, in der die endlosen Sterne klar, klar an einem dunkelblau n Himmel, standen. II. Nachmittags Punkt halb fünf ritt er bei ihr vor. Es war eine klingend: Kalte. Der frisch gefallene Schnee knirschte unter den Hufen des Gauls, über dessen Fell sich eine Reifkruste ge zogen hatte. Ihr Pferd, ein Rappe, wurde schon von einem Reitknecht auf und abge führt. Er sprang aus dem Sattel und über gab die Zügel dem Knecht. Da trat sie aus der Thür. Sie trug ein schwarzes Kostüm und einen flachen Hut, um den ein hinten herabhängender Kreppschlcier geschlungen war. Die Augen brannten groß darunter hervor. Ihr Haar saß in Form eines festen Knotens am Nacken. Sie sah bleich aus. Ihre Züge waren marmorn still, wie immer, wenn sie ihm gegenüberstand. Er zog den Hut. und sie reichte ihm die Hand. Er half ihr auf den Rücken ihres Thieres, dann saß er selbst auf. Nun ritten sie neben einander davon. Sie sprachen blutwenig und das Gleich, gültigste von der Welt. Wohin sie zu reiten beföhle? Sie nannte ein Wälo chen, das etwa eine halbe Stunde vor der Stadt lag. Dann waren sie wieder still. Als sie durch das Stadtthor geritten waren, lag eine weite, schnurgerade Ehaussee vor ihnen. Sie war mit alten Pappeln bestanden, die kahl in die Te zemberluft ragten. Die leitenden hatten einen kurzen Galopp angeschlagen, den sie bis zu dem Wäldchen beibehielte'.:, das nun mit seinen schncebehangenen Tannen, auf denen das Mondlicht wie tifl Märchen schimmerte, dicht vor ihnen lag. Die Ehaussee durchschnitt es. Sie machten kehrt. Es wurde Zeit, das sie an den Hennweg dachten. Und sie schwiegen Nur das (Schnauben und das Getrappel der Pfer de und manchmal ein Vogelruf zog durch die Winterluft kein Laut einer menschlichen Stimme. In seiner Brust todte es. Er hatte sich gestern Abend gelobt, heute ein Ende zu machen. Nun? Er sah erregt geradeaus. Da bemerkte er, wie sich die Lichter der nebel umhüllten Stadt langsam aus der Dunkelheit lösten immer mehr und mehr immer heller und heller. E stieg ihm siedend heiß den Rücken hin auf. Wenn es heute nicht geschah, geschah es nie. Und die Stadt war schon ganz nahe. Er fühlte einen beengenden Schmerz in der Nähe des Herzen. Und dann, nach l:r langen, langen Stille, sprach er die Worte, über die. als sie über seine Lippen kamen, er selbst erschrak: .Sie waren so schön gestern Abend, Anni, so blendend schön ich hätte Sie in die Arme nehmen und küssen mögen. .Warum Da bereute sie'ö schon wieder, noch ehe sie's ausgesprochen: Warum haben Sie es denn nicht gethan?" wollte sie sagen, (sie biß die Llppen zusammen, stieß dem Pferd die Sporen in die Wei chen und sah nach rechts, ihm abge wandt, zu Boden. Dort flogen ihre Schatten über das bläulich glänzende Schneefeld, gespenstisch groß und scharf umrissen: zwei schlanke Thiere, und darauf zwei jugendliche Menschenleiber. Sie etwas vo ihm. und höher als er. Ihr Schleier hinter ihr wagerecht im Winde. Nicht lange blickte, sie so. Sie fühlte plötzlich, wie sich ein Arm um ihre Taille legte. Und sie war gar nicht entrüstet darüber, sie zuckte nicht einmal zusammen, es schien ihr ganz in der Ordnung so. Sie hob den Kops; sie sah seine Augen dicht vor den ihrigen. Sie lächelte und legte nun auch den
Arm fest um seinen Leib, so daß er ihr. Rechte in der seinen pressen konnte. Worte kamen nicht von ihren Lippen. Das verstanden sie nun einmal nicht. Aber diese Lippen suchten einander und fanden sich. Der Schatten auf dem Schneefelt hatte sich verändert. Es war jetzt ein Monstrum , mit acht Beinen und zwei Köpfen, was dort lief. Auf seinem Rücken saß ein seltsam verschlungene, Menschenknäuel. ' Ein Tchlächtcrwitz.
In einer spaßhaften Reise-Beschrei-bung über Berlin (1824) wird folgendes Geschichtchen erzählt, das für die bekannte Theaterliebhaberei der preußischen Hauptstadt von alters her charakteristisch erscheint. Ein Schlächtermeister hatte einen begabten Sohn, der allen väterlichen Einwendungen zum Trotz, durchaus zur Bühne gehen wollte. Endlich gelang es dem Anfänger, bei der königlichen Bühne. anzukommen, natürlich trat er für's erste nur in stummen Rollen auf oder in solchen, in denen sich der Dialog nur auf wenige Worte beschränkte. Allmählich wurde der Vater stolz auf seinen .Künstler" und konnte unter seinen Freunden nicht Worte genug sinden, seine Freude über dessen Laufbahn auszudrücken. Wer sich bei ihm in Gunst setzen wollte, brauchte nur das Gespräch auf den Sohn zu lenken, dann hatte er gewonnenes Spiel. Diese kleine Schwäche des alten Herrn war allgemein bekannt. Eines Tages trat eine Frau in seinen Laden und verlangte für zwei Groschen Wurst. Der Meister nahm eine schöne, lange und dicke Wurst von einem Nagel, ergriff sein Messer und maß mit diesem das Stückchen Wurst für den bescheidenen Preis ab. Als er eben einschneiden wollte, fragte ihn die Frau: .Lieber Meister, ist der Schauspieler Ihres Namens nicht Ihr Sohn?" .Gewiß, das ist ja bekannt!" .Ich hab' ihn neulich spielen sehen " .So ?" Der Meister schob . während dieser Frage das Messer ein bischen weiter hinauf. .Er spielt ganz vortrefflich, finde ich " Der Meister rückte noch weiter mit dem Messer. .Der selige Fleck war ein großer Schauspieler, aber gegen Ihren Sohn kann er doch nicht ankommen " Jetzt schob der Meister das Messer bis zur Hälfte der Wurst. .Man hat soviel Wesens von Jffland gemacht, als er noch lebte er spielte sehr gut, es ist wahr aber Ihr Sohn wird noch ein ganz änderer Künstler werden " Der Schnitt unterblieb und der Meister gab noch ein Stück zu. .Jetzt redet man so viel von dem Ludwig Devrient. er tritt ganz in Jfflands Fußstapfen, doch mit Ihrem Sohn kann er sich lange nicht messen " Der Meister strahlte, warf das Messer hin und reichte .der Käuferin für ihre erlegten zwei Groschen die ganze Wurst mit den Worten in den Korb: .Da, liebe Frau, behalten Sie sie!" Und die kluge Berlinerin ging mit ihrer Drei -'Schauspielerwurst" nach Hause. Bei einem der heutigen hellen Schlächtermeister hätte sie sie wohl nicht bekommen! Ein schlauer Jnge. Der kleine Willy ist Papas Augapfel und verdient's auch. !Kam Äa neulich ein ruppig aussehender Kerl in's Haus und packte. Willy, den er allein sah. am Kragen: .Wenn Du mir nicht sagst, wo Dein Vater sein Geld versteckt, schlag ich .Dir den Kopf ab und freß Dich auf!" ..Ach bitte, thun Sie das nicht, Herr Räuber," bat Willy, .ich will Ihnen sagen,' wo das Geld ist. Es ist alles in der alten Weste, die in 'der Küche ist." Zwei Minuten später flog eine zufammengeschlagene plumpe Masse zur Hausthür hinaus in 'den Rinnstein, wischte sich die Augen aus und murmelte: .Der Junge ist zu gescheit, unmenschlich gescheit. Sagt mir kein Wort, daß der Alte in der Weste drin steckte!" Unmöglich. Ein Schriftsteller, dessen Spezialität Geschichten aus dem wilden Westen bilden, bei deren Lektüre man vor Aufregung Herzklopfen bekommt, erzählt von einem wunderbaren. Kauz, den er einst in jener Gegend traf. Dieser alte Wildtödter, der später dem Autor als Vorwurf für den Hauptcharakter eines Buches diente, das einen großen Erfolg hatte, wohnte allein in einer Hütte. Da keine Frau mitsorgender Hand ihm das Heim behaglich machte, stritten in der Hütte Schmutz und Unordnung um die Herrschast. Der Schriftsteller kam mit dem Einsiedler in ein Gespräch über Kochen und Küchenutensilien. Ich hatte mal ein Kochbuch", bemerkte der Graubart, .aber ich konnte absolut nichts damit anfangen." - .Woran lag das?" fragte der Autor - .Nun, jedes Recept in dem Buch begann mit den Worten: Nimm eine reine Schüssel. .
