Indiana Tribüne, Volume 29, Number 167, Indianapolis, Marion County, 9 March 1906 — Page 5

Jndlana Tribüne, 9. März ltfq.6.

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3rapüan Jsnrpfs ilGcutcucr in iöntlt. Eine unheimliche Geschichte, Von Ic!,. Iviida. Ich saß in der gemüthlichen Englischen Taverne im Hamburger Hafen viertel und las eifrig in der Zeitung, die gerade einen heftigen Artikel über die verrotteten, halbwilden Zustände der Negerrepublik Haiti gelegentlich der Lergeroaltigung eines deutschen Kaufmanns brachte. Morgen, Herr Nachbar!" dröhnte es da mit einem Mal in mein Ohr, und ein schircier Plumps auf die mir gegenüber befindliche Lederpolsterbank folqte. Ich blickte auf. ?itj, morgen, Kapi alte Kapitän Karpf, berühmt wegen seiner Seege'chichten, die er meisterhaft zn erzählen nzußtc, stand vor mir, rieb sich die dicken lothen Hände, pustete fcie ein Seehund, und grollte dann zum Kellner: ' Grog, aber steif vorgeholt. Dalli!" .Na, uncn Söhn, wat steiht denn in't Älatt?" rrandte er sich darauf im lLNdeöüblichen Platt, gemüthlich die Wurslsinger faltend, mir zu. Ich lese gerade von der Negerrexublik auf Haiti und der Einkerkerung eines Teutschen. ES muß la drüben doch sehr gesetzlos zugehen." Kapitän Karpf stieß eine Hohnlache ous. Na und ob! Die Bande kenne ich. Glauben Sie, daß die Kerls da mich einmal beinahe aufgefressen hatten?" Obgleich mir Kapitän Karpf ein sehr guter Aissen zu sein schien, glaubte ich dies doch ohne Weiteres nicht. TaS ist rcoh! bildlich zu verstehen?" derseyte ich. Menschenfresser eristiren doch rcohl nur noch an den dunkelsten Punkten des Weltalls, nicht aber in SLestindicn." Bildlich? I bewahre, ganz wörtlich! Einen dunkleren Punkt, als dies Haiti, die? Zerrbild eincS Kulturstaa t'eS, gibt's überhaupt nicht. Ich sage Ihnen, ich bin da beinahe aufgefressen worden." Nicht niözlick, Kapitän! Dann ist's aber rooyl schon lange !?er?" So 'ne dreißig bis vierzig Jahre mag's achterraus sein. TaS ist aber einerlei ; was damals möglich war, ist es noch heutigen TageS; das wird Ihnen jeder Ha!tikenncr bestätigen." Wollen Sie mir Ibr Abenteuer nicht erzählen, Kapitän?" fragte ich neugierig. Woium nich, mien Söhn," meinte der alte Seebär gnädig, legte sich zu rück, zog die Nüstern zusammen, indem er den blauen Nauch seiner Havanna einsoz, und begann : Na, also! Ich war noch 'n ganz junger steil, aber schon Kapitän einer Schoonerbrigg von vierhundert Tonnen, die gerade in Port-au-Prince, der Hauptstadt von Haiti, scgelklar mit einer Ladung Kaffee lag. Mir war's schon jnm Auswachsen gewesen, denn eh' man da drüben seinen Kram zusam menkriegt, das dauert einen schönen Posten Zeit. Amüsiren kann man sich auch nicht. Port-au-Prince war damals ein verfallenes, schmutziges, übelrie chendeö Nest, und . das hat sich in den letzten dreißig Jahren, trotz aller Nachäfsereicn europäischer Fortschritte, auch nicht wesentlich geändert. So ein paar nette junge Leute aus Teutschland sind ja immer dort; das ist wenigstens etwas. So hatte ich mich unter anderen mit einem gewissen Nodenacker angefreundet, der zwei Stunden außerhalb der Stadt, nahe bei den Bergen, ein kleines Haus gemiethet hatte, weil er's in der Stadt nicht aushielt ; aber wir konnten doch nicht den ganzen Tag zusammenhocken und Grog trinken. Also, wie gesagt, ich war längst seeklar, konnte aber von dem betreffenden Zöllner die erforderliche Zoll absertiguug nicht erlangen. Geschmiert war der Kerl schon, doch offenbar noch nicht hoch genug; ich war aber nicht gesonnen, diesem Haifisch noch weitere Bissen vorzuwerfen. So war ich nun schon seit drei Tagen unzählige Male

auf seinem Bureau gewesen, ohne daß es mir gelang, ihn abzufassen. Am vierten riß mir die Geduld. Ich konstatirte, daß er anwesend sei und holte unseren Konsul, der mlr nur achiel zuckend folgte, weil, wie er sagte, der Präsident der Republik die Hamburger nicht ausstehen könne, und "der Zöllner dies genau wljse. Wahrscheinlich hatte der schwarze Halunke schon durch die Eiscnstangen seines unverglasten Bureaufensters uns ansteuern seyen, denn kaum standen wir an der großen elzernen Thür, als diese aufsprang, und mein Zöllner, eine Eigarrette zwischen die wulstigen Lippen geklemmt und einen splegel. blanken Bibi auf dem Wolltzaar, tzerauetrat, und ohne Rücksicht auf den Konsul uns die Thür wieder vor der Nase zuschlug, abzchlol; und den Schlus sel in die Tasche seiner großkarrirten Hose steckte. Ich sah mir meinen Mann genauer ZN. Die ganze Takelung vom ersten Pariser Segelmacher; Lackstiefel wie Jn Paar Plättenen, weine Weste und langer Gehrock, dazu rothe Kraratte und grüne Glacehandschuhe. Daß ihm so 'n ganzer Knüll von Ringen und Petschaften und allem Dod und Deubel über den Leib baumelte, und er eine ungeheuere Handspake mit Goldknopf bet sich führte, war selbstverständlich. Na, mit einem Wort, der Kerl war bildschön, sage ich Ihnen! ' Da ich das Niggerfranzösisch nich.

verstehe, unterhandelte der Konsul mit

ihm. Ich sah aber gleich, dan Hier mit. Französisch oder Hochdeutsch nichts zn machen sei, und als er uns mit int glaublicher Frechheit einfach stehen las sin wollte, sprach ich selbst ein paar Worte Hamburger Platt mit ihm, wobei ich ihm ein wenig mrncben die eesegel griff, so daß der blanke Bibi herunterrollte, und zwar dahin, wohin er unvermeidlich gelangen mußte, wenn er einmal von oben kam nämlich in den Treck. Dies Platt verstand er uun sofort ; und ohne Zweifel hätte ich meinen Zollschein erhalten, wenn nicht zum Unglück in diesem Augenblick drei Generäle mit fünf Soldaten vorbeimaischirt wären. Da fing er an zu brüilcn. und sämmtliche Gcneiäle und Soldaten umringten mich und zogen vom i'.oer. Gegen so viel hohes Militär konnte unsereins natürlich nicht an, und sie hätten mich unbedingt mitgenommen, wenn jcyt nicht der Konsul energisch gewesen wäre und mit der Hamburger Flotte gedroht hätte. Ob sie. wirklich an die Hamburger Flotte glaubten, weiß ich nicht; jedenfalls verzichteten sie darauf, mich abzuführen. Mein Zöllner aber, der die Hamburger wohl genauer kannte, war wieder üppig ge worden, hielt eine wüthende Rede, fuchtelte mir mit seinem Knüppel, allerdings vorsichtig, unter der Nase herum und marschirte dann stolz wie ein Spanier ab, gefolgt von der be waffncten Macht." . Da ist nichts zu machen, Kapitän," tröstete der Konsul, morgen scye ich'ö eher durch. Ja, wenn wir Engländer oder Franzosen oder auch nur Dänen wären ! Aber so, ohne Flotte ! Heute steckt hier 'was in der Vuf't. Ich wette drauf, daß irgendwo ein Wudufest ist, so 'ne geheime Opferorgie, bei der der Neger in die Berge geht, alle Kulturtünche abstreift und wieder völlig zum Wilden wird." Und dann erzählte cr mir Näheres über diesen von der Goldküste importirten Fctischdienst. Kann man das nicht 'mal zu sehen kriegen?" fragte ich neugierig. Beileibe nicht! Tann, sind Sie ein verlorener Mann. Die Feier geht von streng verbotenen geheimen Gesellschaften aus; man munkelt aber, daß selbst die dazu gehören, welche die Hüter des Gesecs sein sollen." Schade," meinte ich, sonst hätte ich heule wenigstens meine Unterhattung gehabt." Ja, damit ist es hier allerdings öde genug bestellt," seufzte der Konsul schwermüthig. Nun hatte er wohl so 'n Gefühl, daß er mir etwas zu Liebe thun müsse, und so fügte er gutmüthig hinzu: Wissen Sie was, Sie sollten 'mal 'nen kleinen Ritt in die Umgebung machen, Kapi tön. Können Sie reiten?" Na, und ob!" rief ich, denn ich dachte daran, wie unzählige Male ich als Junge unser altes Butterpferd nach der Schwemme und zurück geritten hatte. Seh?n Sie 'mal an," meinte er, dann können Sie heute Nachmittag meinen Hengst kriegen. Er hat früher Ihrem Freund, dem Zollinspektor, gehört und ging mit seiner Stute zusammen an der Deichsel. Er läßt sich aber ebenso gut reiten als fahren." Hengst?" fragte ich etwas beklommen. Der Konsul lachte. Das braucht nicht bange zn machen. Er ist ein ganz sinniger Knabe, der Niemand was zu l'eibe tyut5 Sonst würde ich ihn Ihnen auch gar nicht geben." Schön!" sagte ich und gab Befehl, mich neun Uhr Abends vomand in der Jolle abzuholen, und darauf ließ id) mir vom Konsul den Gaul ausliefern. Es war ein nettes, kleines, schwarzes und was mich sehr beruhigte fetteö Thier. Er hieß Abraham." Du hast keine Mucken, Abraham," sagte ich. und klopfte ihm auf den blanken Hals. Und Abraham beschnupperte mich vertrauenerweckend, als ob er sagen wollte: Wir werden uns schon gut mit einander vertragen, Ka pitän!" Der Konsul steckte mir noch 'ne kleine Flasche in die Satteltasche, drückte mir die Borderflosse, und ich segelte dann los. ES ging fein, sage ich Ihnen! Alle meine beglückenden Erinerunngen an das Butterpfcrd wurden wieder lebendig, und ich hatte blos gewünscht, daß ich Fritz und Krischan, meinen jüngeren Brüdern, die mich stets sehr bewundert hatten, so hätte etwas vorreiten können. Ich fing an, mich mit Haiti auözusöhnen. Donnerwetter,"' dachte ich, wie wär's, wenn Du nun einmal Kurs u Freund Rodcnacker. nehmen würdest? Der gute Kerl würde eine diebische Freude über so 'ne kleine Visite haben. Schön! Ich fiel also acht Strich nach Steuerbord ab. Ich konnte ganz dreist nach dem Kompaß steuern, denn das Fahrwasser hatte er mir genau beschrieben. Die Sonne stand noch über dem Horizont. Eine frische Seebrise wiegte die Kronen der Kolos- und Königspalmen. Die 5iaffee-. Zucker- und Tabakpflanzungen sahen aus, daß es einen Hund hätte jammern können; dafür aber erfreute die verballhornte Natur desto mehr. Man sah wundervolle Savannen und Büsche, umschwärmt von Schmetterlingen und Kolibris. Dann kam wieder Mahagoniwald, kolossaler Bambus, Mangos, riesige Affenbrodbäume. Ich könnte Ihnen die ganze Botanik aufzählen, wenn ich mehr auf so'u Kram eingefuchst wäre !

Dazu im Hintergrund immer die großartigen blauen Berge. Berge sind NUN immer so 'n Alt Magnet für mich gewesen, obschon eö an dem schönsten Platz der Welt, bei uns in Hamburg. außer dem Hamburger Berg, wenn man Blankensee nicht mit zurechnen will, ja keine , gibt. Ich mußte mir also, ehe ich Rodcnackev anlief, erst 'mal ein bischen die Berge besch'n. Abraham hatte nichts dagegen; im Gegentheil, er lief immer willig weg, obgleich er mächtig schwitzte. Der gute, fette Kerl that mir leid, und da ich ebenfalls schon einige ecks gekriegt bttc. so bescklon ich. an einem schat' tigcn, klaren Bacheine. Liertelstund: vor Anker zu gehen. An dem Bache hockten Negerinnen. Jede hatte ein Stück Wäsche vor sich auf einem Stein, und schlug und riet mit einem anderen drauf los, daß eö nur so knallte. Daß ihr Mnndwerl dabei ging wie 'ne Mühle, ist selbstverständlich. Abraham wurde an einen Baum gezurrt, während ich mich ge müthlich in'ö Gras streckte, nachdem ich mir des Konsuls kleine Bultel aus der Satteltafche geholt datte. Was darin war, sah aus wie Wasser. Da gehört nichts mehr zu, sagte ich mir, unr nahm einen den Urnsländen angemes senen Zug. Heilige Kreuzstengestag. brannte das! Ich merkte schon, es war ganz junger Rnm. Der Konsul dachte wohl, ich sollte- mir das Trinkwasser damit mischen. Der Mann hatte ja auch keine Ahnung, daß es da nur Waschwasser gab. Ich blieb also nothgedrungen beim Ungemischten, was mir einstweilen ausgezeichnet zu bekommen schien. Dabei schrie ich mir mit den Weibern, die mir immerhin angenehm mer sind, als das Männerpack, dummes

Zeug zu. wodurch ich ihnen ein unendllcheS Vergnügen bereitete; und sc vertrödelte ich eine hübsche Zeit. Endlich erinnerte ich mich an meine Sehnsucht nach den Bergen und ging wieder unter Segel. Mit Bergen geht'S einem aber oft wie auf See, Die Peilung stimmt nicht; man ist viel weiter ab, als man glaubt. Plötzlich wurde es dunkel, und ich ritt noch immer auf flachem Boden. Nee, sagte ich mir, das geht nicht, denn nach Neun mußt Du an Bord sein. Nun man lieber wenden und Nodenacker aufsuchen. Ich ging also bei, die Brassen durchzuholcn; aber, was meinen Sie wohl: mein Abraham wollte nicht! Wollte partout nicht! Ich holte durch', was die Enden hergeben wollten. Hals nichts! Ich stieß, ihn in die Flanken, ich haute ihm über'ö Gallionbild. Hals nichts! Und mit einem Mal sauste cr mit mir ab, daß mir Hören und Sehen verging. Wenn das man gut geht, dachte ich, und klammerte mich mit allen Gliedmaßen an, die ich an 'dem infamen, Gaul anbringen konnte. So ging's bis in die .Puppen; ich hätte nie gedacht, daß ein so fettes Pferd solche Fahrt hätte laufen können! Und nun kam das tollste. ES war stick dunsel geworden, und ehe ich's mich versehe, nimmt mein Abraham KurS vom Wege ab und rennt zwischen die Bäume mitten in einen Wald hinein. Ich dachte an den seligen Absalom und dankte meinem Schöpfer für meine kurzen Haare; meinen Kleidern, der Haut und sogar einigen Knochen wurde freilich unangenehm genug mitgespielt. Viel Fahrt machten wir nicht mehr, aber halten ließ sich der alte Kasten doch nicht ; er war wie versteuert darauf, mich mit unheimlichem Zielbewußlsein in die Wildniß zu verschleppen. Jetzt starrten hohe Felsenwände um uns, so 'n richtiger Hexenkessel, und dann ging eö patsch, patsch! Dicke Tropfen klatschten mir in's Gesicht. Keuchend und schnaubend arbeitete Abraham sich mühsam vorwärts. Wir steckten in einem Sumpf! Wenn der Landungsplatz schöner gewesen wäre, hatte ich mich nun gut ausbooten können; aber was sollte ich mitten in solchem düsteren Pfuhl anfangen, wo wahrscheinlich 'ne Masse Schlangen und Skorpione 'rumkrochen? Ich blieb also ruhig an Bord ; um so mehr, da mir allmälig durch das Stoßen und Schütteln nach dem jungen Rum ganz hundsmiserabel zu Muthe geworden war. Ein eigenthümlicher, einförmiger, dumpfer Ton ging mir dabei durch den Kopf. Kam der nun drinnen vom Rum, oder draußen von wo anders her? Erst meinte ich das erstere; nach und nach fand ich, daß er von draußen aus der Schlucht vor mir kam. Tonnerwetter, dachte ich, das ist ja beinahe wie in St. Pauli. Trommeln sie da, oder was ist da sonst los? Nun hörte man auch so 'ne Art dumpfes Plärren und dazwischen Heulen. Das sind wohl Brüllaffen, die sich in ihrem Urwald amüsiren, meinte ich in meiner Unschuld. Abraham aber hatte inzwischen Grund gekriegt und kratzte noch 'mal mit mir aus. 'Na, nun ist es mit dem Aussteigen nichts mehr, nun geht's ja wohl mitten unter die Brülläffen, seufzte ich. Und lichtig, so ähnlich ward eS denn auch ! Mit einem Mal bin ich mitten in der Hölle. Ein großes, den Wald be. leuchtendes Jeuer, wahnsinnig da herum hopsende Teufel, dann der Spektakel immer mit dem dumpfen Trommelton . hindurch das Alles kreiste mir vor Augen und durch die Gehörnerven. Mein dicker Hengst stürmte aus einen anderen angepslöckten Gaul zu. Er tanzt förmlich um diesen herum, drängt sich wiehernd an ihn, beschnuppert ihn, dreht sich aus

den Hinterbeinen, wahrend der andere wie toll vorn und hinten ausschlägt. Mir wurde, offen gestanden, angst und bange bei diesem Manöver, weshalb ich eö als eine Erlösung betrachtete. älö etwa ein Dutzend der schwarzen Satans hinzusprangcn, die Pferde zur Ruhe brachten und mich auflecht an's Feuer transportirten, wo sie auf mich ein.brüllten. ohne daß ich ein Sterbenswörtchen von ihrem verdammten Kauderwelsch verstand. Der Tanz hatte aufgehört. Ein ganzer Berg von betrunkenen Negern, mit blutunterlaufenen, glühenden Augen, fletschenden Zähnen und vor Aufregung am ganzen Körper fliegend, umzingelte mich, Männer und Weiber. Ich konnte also meine Neugicr schön befriedigen, denn ich war offenbar, dank Abrahams Instinkt, mitten in daö geheimnißvolle Wudufest hineingerathen! Was hatte der Konsul gesagt? Ich wäre dann ein verlorener Mann! Pfui, Kuckuck noch einmal! Na, dachte ich, eö wird so schlimm nicht werden, wollen 'mal sehen, ob wir unZ nicht doch noch aus dieser Geschichte mit Glanz herausziehen können! Vorerst wurde es freilich nichts weniger als gemüthlich. Was ich am Feucr schmoren sah," Kapitän Karpf zog mit einem Mal sein joviales Gesicht in ernste Falten und setzte, sich borbeugend, mit Jlüsterstimme hinzu war ein Mensch! Wahrhaftig, eö war ein geschlachteter Mensch!" Tann kehrte die alte Fröhlichkeit wieder in seine rothen, dicken Züge zurück. Na, kurz und gut, die Sache zeigte sich unangenehm. Der Tanz, das Gc-tränk-Alut mit Tasia vermischt hatte die Bande ohnehin verrück: ge-

macht, und mein Erscheinen brachte die Raserei auf den Gipfelpunkt. Beim Wudu wird als erster Vorsitzender oder Präsident ein sogenannter Papaloi cdcr Papaccor gewählt, dem eine soqenannte Mamaloi zur Seite steht. Vor dieses würdige Paar schleppte man mich, und wer mich mit einer nähren Himmelswsnne am kräftigsten beim Kragen genommen hatte, war nun denken Sie 'mal an! mein Freund, in Zöllner. Trotz seiner total ver änderten Toilette fand ich meinen Mann heraus, und bedauerte nur, fcafi er leine Vatermörder mehr trug, zwischert die ich mich ein wenig hineinfassen konnte. Der Papaloi und die Mamaloi waren zwei riesige, Grauen erregende Gestalte::; ich will Ihnen nicht übel machen, und unterlasse daher cin:nähere Schilderung ihrer Persönlichkelt. Sie hatten schnell über mein Sch'.säl entschieden; ein TriumphqcHcuI zeigte, wie wohlgefällig der Spruch anj genommen wurde. Ene ich wie!) dessen versah, waren mir die Kleider halb vom i'cifce gerissen, und ich lag mit angezeichnet gut gebundenen 'Händen und Füßen am Boden. So trug man mich abseits und warf mich wieder hin. Tarauf wurde hart neben mir ein zweites Feuer entzündet, dessen Rauch der Luftzug mir in's Gesieht trieb, daß ich fast daran erstickte. Tann trnij man einen Oelkrug herzu und stellte über dem Feucr ein eisernes Gestell auf. . Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich es an, und ein Schauer lief über meinen Rücken es, war ein regelr?chter"'Bratspieß! Nicht weit ven mir bliyte etwas im Jeuerschein, ein breites langes Messer, das wohl dem Kerl gehörte, der das Feuer schürte, und daö wahrscheinlich demnächst durch meine Kehle gezogen werden sollte. Wenigstens lieber da, als lebendigen Leibes geröstet zu werden! dachte ich. Na, mein junger Freund, meine Gcfühle in diesem Augenblick werden Sie sich so üngesähr ausmalen können. Ich lag da hilflos diesen Wütherichcn vrcisgegeben, und kein Huhn oder Hahn würde nach mir krähen. Jeder würde glauben, daß ich auf meinem unbefonnenen Ritt in die Wildniß von dem Gau! abgeworfen und verunglückt sei. So fern von meinem alten Hamburg, von den Freunden und Bekannten und auch von meinem Schiff und meinen braven Leuten! So in der Blüthe meiner Jahre, so niederträchtig abscheiden zu müssen. Aufgefressen zu werden wie ein Spanferkel! Nein, daö war wirklich ein biöchen viel auf einmal! Mittlerweile schien eine neue Polka um das große Feuer nothwendig geworden zu sein, wohl damit daSMahl, zu dem ich die Gerichte liefern sollte, gebührend eingeleitet werde. Das hätte mich nun ehren können, wenn mix dabei nicht allerlei fatale Gedanken gekommen wären, wie zum Beispiel, ob der Zöllner vielleicht aus Rache meine Hand verzehren würde, die seinen Pariser Bibi des Glanzes beraubt hatte, oder ob meine Leber etwa wie die eines Hechtes oder einer Gans als Dclikatesse von dem Papaloi und der Mamaloi beansprucht werden würde. Aber als ordentlicher Seemann blieb ich nicht in der Theorie stecken, sondern faßte die Situation auch praktisch auf. Je:)t oder nie, dachte ich. steckst Du den Leckermäulern ein falsches Signal auf ! . Der zurückgebliebene Kerl, offenbar mein Wächter, ging zeitweilig seitwärts zum Holzholen; zwanzig Schritt ab blinkte das Messer; am Waldrand grasten Abraham und daö andere Pferd friedlich neben einander. Es war mir jetzt klar geworden. Dieses zweite Pferd mußte die Stute des Zöllners sein, mit der der Hengst früher in Stallgemeinschaft gelebt hatte. Wenn Abraham schon einmal durch sie zu einem so durchgeherischen Instinkt getrieben worden war, warum nicht zum zweiten Mal? Weiterab weideten noch andere

Pferde. DaS war mißlich. Indessen, was Half'S? ES gab nur die eine Möglichkeit zur Rettung! Zuerst mußte ich meine Bande loswerden. A.er wie zu dem Messer ge langen? Ich konnte mich vielleicht hinwälzen; aber das wäre ein zeitraubendes und daher gefährliches Vergnügen gewesen. Jetzt war ich dem Winde dankbar, der die Feuerzünglein gegen mich trieb. Ingeniös benutzte ich dies. Ich zerrte die Handfesscl so stark auseinander als ich eS konnte und ließ dann die erreichbarste Flammenspitze dagegen spielen. Ein paar Rucke noch, und krach! war sie an der Brandstelle durchgerissen. Allerdings sengten meine Handwurzeln auch nicht schlecht dabei an; in diesem aufregenden Momente spürte ich aber noch wenig davon. Nun konnte ich die Beinlaschung mit den Fingern so weit auseinander bringen, daß das Brennen hier ohne Berwundung rasch zu bewerkstelligen war. Ich blickte um mich. AlleS tanzte wie verrückt weiter; wo mein Feuerwerker war, konnte ich wegen des Rauches und der Gluth nicht sehen. Wie eine Schlange wand ich mich auf das Vesser zu, nahm es zwischen, die Zähne, und kroch auf Händen und Füßen, was das Zeug halten wollte, auf die Gäule los. Nun schoß ich empor. Ritsch!. war die Stute, und ratsch! der Hengst abgeschnitten. Huhoi ! huhoi ! gellte da der Ruf meines Wächters und in langen Sätzen kam der Bursche unter fortwährendem Alarrngeheul wie ein dunkler Schatten dahergesaust. Gleichzeitig verstummte das Tam-tam und daö Tanzplärren. . Jetzt that ich etwas, was mir heute noch leid thut, wenn ich daran denke, aber es galt mein Leben, Verehrtester, und da mußte ich die Humanität außer Acht lassen. Ich wollte der Stute nur einen tüchtigen Schlag geben, aber in Folge der Mißhandlungen und Knebelung konnte ich mit dem Arm nicht kräftig ausholen; so mußte ich denn zum Messer greifen und dem armen Thier einen Stich dorthin versetzen, wo es am fettesten war. Was ich erwartet hatte, geschah: eS schlug vor Schmerz hinten aus und raste dann, wie vom Satan geritten, davon, und mein Abraham, auf den ich dank seinem niedrigen Deck noch eben hatte hinaufkrabbeln können, hinterdrein." Kapitän Karpf hielt hier einen Augenblick in seiner Erzählung innc und klopfte, noch in der Erinnerung ganz aufgeregt, mit seinen fleischigen Fingern auf die Tischplatte. Dann fuhr er fort: Wenn Sie meinen, daß ich von der nächsten Stunde das Geringste weiß, so irren Sie sich gründlich. Ich war doch kein EirkuLbereiter, wissen Sie; aber was ich jetzt that, das macht mir kein Elown so leicht nach! Auf ungesatteltem, Pferd und nicht 'mal festgebunden, so bin ich durch Wald und umpf und Tod und Teubel gesaust wie ein Taifun, und mir war zu Muth, als ob ich ein Begiüßungstelegramm von den Theilnehmern des WudufestcS an den Präsidenten wäre. Und ich bin nicht heruntergefallen; ich bin nicht über Bord gegangen, Herr! Wissen Sie, was das heißt?" Kapitän Karpf hatte mich an inem Rockknopf gefaßt und schrie mich wahrhaft an. in der überquellenden Erinnerung an seinen glorreichen Ritt. Großartig! Großartig!" brachte ich nur in stammelnder Bewunderung hervor. ' . Oder vielmehr doch!" fügte der Kapitän, sich wieder zurücklehnend, fast wehmüthig hinzu. Daö will sagen, vielleicht war eS eine unbewußte Ueberlegung gewesen. Als ich nämlich wieder zu mir kam, geschah dieö durch 'ne Art von Explosion. Nach dieser Explosion hörte ich in der Ferne Hufgetrappcl immer weniger, immer weniger-und ich lag auf einem die ganze Straße sperrenden Dreckhaufen, in beiden Händen ein kleines Büschel Pferdehaare. Ich hatte also Grund zur Annahme, daß ich heruntergefallen wäre. Das hatte ich aber nun sehr schön abgepaßt, denn ich lag mitten in der Stadt, dicht beim Hafen, und um mich herum war eö düster und eine heilige Stille. Von Verfolgern konnte ich nichts bemerken; gegen meine Reit kunst hatten die Kerls natürlich nicht ankönnen' Was sollte ich jetzt thun? Hatte es einen Zweck, zum Konsul zu gehen und mich zu beklagen? Ja, was hätte der wohl machen sollen ohne Kriegsschiffe, wie wir sie, Gott sei Dank, heute haben? Kriegten die Kerls mich, so war ich auch mitten in der Stadt verloren und wahrscheinlich würden sie dafür sorgen, daß ich mit meinem Schiff überhaupt nicht aus dem Hafen käme. Also selbst ist der Mann, und 'dann brauche ich auch keine Zollabfertigung! dachte ich. Schön. Ich also nach dem Hafen gehumpelt, so gut ich noch konnte. Obgleich eS fast Zehn war, lagen meine braven Kerls noch geduldig mit der Jolle am Quai. Erst kannten sie mich nicht, und einer rief mir zu: Swienhund, mal bat Tu weiterkümmst!" Ich nahm ihm das nicht übel, denn ich sah mir gewiß nicht mehr sehr ähnlich. Dann aber war ihre Herzensfreude und ihr Mitleid groß, und gerührt versprach ich jedem einen Kümmel. Da pullten sie aus wie der Deubel. Boot ahoi!" schrie mein Steuermann von Bord aus ganz angstlich, denn er dachte wohl, da käme das Boot eines haitischen Kriegsschiffes angeflitzt. ' (Schluß folgt.) , ,,

Nseiflistsaörikaiion. Eine Hauptindusiric Nürnberg? und deren Cntstehung.

Ei falscher Käme Vcarbeitug der Sra pyilstist!,üllc:t Jeder ca Flsrida In, teressater Versuch Sie Cumberländer raphitgrube Tie Faber sch Firma ' Die Nürnberger Vleisiiftfabritation nahm ihren Ursprung im 16. Jahrhundert, wö in Italien zum ersten Mal zu Schreibzwecken längliche Stäbchen aus Graphit geschnitten, und diese dann mit Holz überzogen wurden. Daß diese Graphitstifte irrtümlicherweise Vleistifte genannt wurden und sich diesen unrichtigen Namen bis zum heutigen Tag erhalten haben, lag daran, daß man dazumal den Graphit wegen seiner bleiernen grauen Farbe, seiner Abfärbefähigkeit und seines metalli schen GlanzeZ noch für eine Art von, Bleierz hielt, bis erst vor etwa hundert Jahren ein deutscher Mineraloge die Eigenart des 'Graphits erkannte und ihm auch diesen Namen gab 'von jenem griechischen Wort, das Schreiben" bedeutet. Die Zedern, 'aus welchen die Bleistifthüllen hergestellt werden, kommen , nicht vom biblischen Libanon, sondern ausschließlich von Nordamerika, vornehmlich aus Florida, das mit -seiner glühenden Sonne, aber auch immer feuchten Luft den besten Voden für' Zedern bietet und ihnen ein weiches, astfreies Holz und das wohlthuende Aroma gibt. Andere Zedersorten, auch die vom Libanon, sind hart, ästig und haben einen durchdringend unangenehmen Geruch. Man. hat vor geraumer Zeit in dem Orte Stein bei Nürnberg den interessanten Versuch gemacht, einen Zedernwald in deutscher Erde anzupflanzen; das Ergebniß war, daß der Vaum zwar dasselbe Aussehen, auch das röthliche Holz wie in Amerika bekam, dagegen war der Duft ganz Tanne. Die Bearbeitung des kostbaren Holzes, von welchem sich der Centner auf $2.50 stellt, ergibt, ehe es für den Bleistift die richtige Form bekommt, nicht weniger als drei Viertel Abfall, den die Arbeiter umsonst als Brennholz mit nach Hause nehmen dürfen, während das feine Sägemehl von den Bauern als Streu für's Vieh gekaufi wird. Die Bearbeitung des Graphits, geschieht in der Weise, daß man ihn zuerst schlemmt und dann durch Beimengung von Thon verhärtet. Die erste bekannte Graphitmine lag in Cumberland, England, und in der Mitte des 18. 'Jahrhunderts, als die Bleistiftmachere! immer weiter um sich griff, und die Cumberländer Grube noch immer die einzige ihrer Art war, galt Graphit, für so kostbar, daß 1 Pfund auf $40 zu stehen kam und die Grube regelrecht von Räuberbanden angegriffen wurde und durch Soldaten vertheidigt werden mußte. Heute wird Graphit von Bayern, Spanien, Mexiko, Ceylon, Sibirien und Nordamerika geliefert, die größten Massen kommen aber aus Böhmen. Wohl O5 Prozent aller gefertigten Bleistifte sind aus. böhmischem Graphit hergestellt. Die berühmte Faber'sck: Firma entstand im Jahre 1760, hielt sich aber lange in so bescheidenen Grenzen, daß die fertigen Produkte von Stein, wo die Werkstatt lagnach Nürnberg und Fürth in einem Korbe getragen wurden. Bemerkenswerth ist, daß Blei- und Farbstiftfabriken innerhalb Deutschlands nur in Bayern ezistiren; es sind 26, von denen 23 allein auf Nürnberg kommen. ' Insgesammt beschäftigen sie 10,000 Arbeiter und erzeugen im Jahre rund 250.000.000 Stück. Was den Verbrauch an Rohmaterial betrifft so verarbeitet allein die Faber'sche Aktienfabrik ?ur Zeit im Jahr 54.000 Centner Zedernholz und 2200 Centner Graphit. ' Wohlhabender Armer." . Im Krankenhause zu Moabit in Berlin, so schreibt ein dortiges Blatt, siarö leßthin der 73 Jahre alte Tienlt,mann Karl Böhnfeld. Seit 30 Jahren hatte er feinen Stand am Oranien-' burger Thor, seit länger als 20 Iahren wohnte er in einem Keller. Hier hauste er als Junggeselle in Stube und Küche, die, außer ihm, niemand betrat. Böhnfeld klagte und jammerte stets über feine Laze diß es jeden erbarmen nmß!e. So 'hat!e denn auch die ArmendireZtion Mitleid mit ihm und' gewährte ihm eine Unterstützung, bis sie vor zwei Jahren eines Besseren belehrt wurde.. Der Dienstmann hatte oeplaudert, daß er Sparkassenbücher besitze. 5Z)as wurde der Armendirektion anr zeigt, die ihm daraufhin nicht nur di? Unterstütz:' na entzog, sondern auch di? aezahlten Beträte zurückverlangte und deshalb ein Sparkassenbuch übe r ji r,7F Mark sperrte. Nachdem Tode Vöhnfelds kamen seine Verwandten, um sich den Nach laß anzusehen.' Zu '-.ihrer Ueberraschung fanden sie unter, einein Haufen Papiere. Sparkassenbücher über ?usammen einig? tausend Mark. Der Alte hatte übrigens die Gewohnheit, alles, was er auf der Straße Wzzzxi sah und einstecken konnte, mitzunehmen. So lagen denn in der Stube in buntem Durcheinander: acht Centner Papier, 48 alte Portemonnaies, zerbrochene Nippsachen. ' Lederriemen, Cigarrenspitzen, Tabakpfeifen und an-deres.

NanSt Ml Tish I Mingo.