Indiana Tribüne, Volume 29, Number 166, Indianapolis, Marion County, 8 March 1906 — Page 5
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??Zäh!ung von C. (55cll.Ziilburgkr. Drei ! Gin Athemzug der Gi-cjnng hob meine Willst. Ich irarf dem impefan ten Gebäude in der Leipzigerstraße, aus dessen erteil mit den sandsleinernen Karyatiden ich soeben getreten war, einen Blick innigsten Hasses zu. Tas war der Crl. wo ich drei Jahre meines Lebens in elender Knechtschaft zugebracht, drei Jahre, vielleicht die der schöpferischsten 'Jugendkraft, gecxfeit hatte, damit die Kunstrun)schau" ihren Leserinnen allerlei Dilcttantcn!rain vo:seyen könne, Lorlagen für Stickereien, Hol;brand, Glas mosaik, Qel-, Aquarell und Porzellan Malereien, für Kerbschnitt, Lederpunzen und tausend andere Kunstarbeilen, mit denen die höhere Tochter Inhalt in ihre müßigen Tage zu bringen versucht. Der Ecdankc des Herausgeb.'rs, alle diese Tilettantenbestrebungen an einer Centralstellc zu vereinigen, das Mög liche und Unmögliche zu bringen, wenn es nur irgendwie eine. neueJdcc" enthielt, war entschieden genial und fand volle Würdigung beim Publikum. Die Abonncntcnzahl stieg mit jedem Quartal, und jetzt, nach kaum sechsjährigem Bestehen, wurde die Kunstrundschau" in vier Sprachen übersetzt und durfte mit Recht als einzig in ihrer Art ungesehen werden. Aus der Stellung einer bescheidenen Mitarbeiterin, die hin und wieder ihre neuen Ideen" einsandte-, war ich in die Redaktion berufen worden, denn man hatte mein Talent, das heißt die Unverfrorenheit meiner örsindunggäbe anerkannt. Mit tausend Irenden war tch aus meiner winzigen Provinzstadt nach Berlin übergesiedelt, hatte mich mit Feuereifer in die Redaktionsarbeiten gestürzt und w?.r schnell, was Einfluß und Honorar betraf, gestiegen. Obgle' '1 aller Grund vorhanden war, mich st )r glücklich zu fühlen, gewöhnte ich es mir nach dem .Borbilde meiner Kollegen und Kolleginnen an. die Einrichtungen der Zeitung, die Anordnungen des Chefs zu bemäkeln, wegen Ueberbürdung zu klagen und mich ganz als adgebetzte Sklavin zu fühlen. Ich konnte einfach die Reihe von guten Tagen nicht mehr -ertragen. Eine Lappalie hatte" nun den Kelch zum Ueberjchäumen gebracht. Die Einsendung einer Adonnentin, ein imitir teS Münzengefäß," das heißt ein alter Topf, auf dem mittelst Glaserkitts ' Knopfe, Perlen, rostige Nägel und Stahlfedern, abgebrochene Schrauben, alte Schnallen und andere Scheußlichleiten befestigt und sauber mit Goldbronze überstrichen waren, wurde von dem Verleger zur Vcrösfcntlichung bestimmt, wogegen sich mein sehr zur Unzeit erwachsendes Kunstgesühl auflehnte. Ter Herausgeber bestand auf seinem Willen, ein Wort gab das andere, und schließlich, ich wußte selbst kaum, wie eö geschehen, hatte ich zor nig die Sachen auf meinem Pult zusammengeräumt, Jackct und Hut angelegt, und eine Minute spater befand ich mich auf der Straße. Frei! Noch einen legten Blick auf das Fenster mit den stilvoll altdeutsch bestickten Stores, hinter denen ich drei Jahre gesessen, und dann schnell in die Pferdebahn und hin zu der imitier lichen Freundin am Kurfürstendamm, um sie von der Wandlung in meinem Geschick zu unterrichten. Wie hübsch ist Berlin, wie hell und freundlich, wie viel Daseinsfreude, Chic, Eleganz pulsirt in seinen breiten Straßen. Früher ist mir das nie so aufgefallen, da sah ich nur die müden Kämpfer um's tägliche Brod; immer sieht man nur seinesgleichen. Wie enl' zückend die diesjährige Herbstmode erscheint; dieses kleine, mit Spitzen bedeckte Cape auf den Cchultern jener schlanken Dame ein solches könnte auch mir reizend stehen. Aber nein, ich bin ja jetzt stellenlos, bin gezwungen, zu sparen, muß mich mit den Herrlichleiten vom Frühjahr, die ich auf dem Leibe haöe, behelfen. Die gegenüberliegende Fensterscheibe gibt mir mein Bild zurück das-einer hübschen, tadcllos eleganten jungen Dame. Ich nicke meinem Ebenbilde zu: Es ist noch nicht so schlimm, wir werden schon durchkommen! Nun macht es mir geradezu Freude, den Gedanken an meine beschränkten Verhältnisse weiter bis in jedes Detail auszuspinncn. Allerdings, meine bei. den schönen Zimmer mit dem großen Balkon in dem Gartenhause der Pots damerstraße werde ich aufgeben müssen, dazu langt's nicht mehr ein einfaches Zimmerchen, ein Dachstübchen irgendwo im Osten oder Norden. Aber gerade in dem Dachstübchen, hoch über der gemeinen Wirklichkeit der Dinge, wird sich mein Genius um so herrlicher entfalten. Das Dachstübchen war ja von Alters her die Durchgangsstation des Genies. Und ich bin so talentvoll! Der Leserkreis hat es mit liebens würdigen Briefen, der Verleger mit wiederholten ansehnlichen Gehaltsznlagen bestätigt. Wenn ich den Pinsel ergreife und nur mit ein paar Strichen die Skizze für ein Aschentellerchen, einen Briefbeschwerer entwerfe, so hat die Sache Reiz und Ehic, und wenn ich die Feder ansetze, um zu beschreiben, wie geschickte Hände mit geringer Mühe und ohne Kosten- (eine der Lieblingsphrasen der .Kunstrundschau-) aus einem alten Stiefelabsatz eine xt'f
zende Brosche herzustellen vermögen, so' klingt das' so durchaus annehmbar und selbstverständlich, daß es allen Kr.nstlicbhaberinncn in den Fingern zuckt, da Experiment auszuführen. Meine mütterliche Freundin ist etwas erstaunt, mich zu sehen. Aber, Kiud, wo kommen ie jetzt her, mitten i Xt N,t,,!'kpn?" viiQiio uKijr Bureaustünden ; wie Sie mich hier sehen, bitt ich Freisräulcin, die .Kunslrundschau liegt für immer hinter ini?." Die lluge Frau sieht mich forschaib an: Hat man Ihnen den Stuhl vor die Thür gesetzt, oder hal;n Eie" Ich erzähle, glücklich, mit kunstvoller Steigerung: Und nun, liebste Frau, bin ich frei, frei! Ach, Sie glauben nicht, welcher Zauber in dem Worte liegt !- Aber, beste EllenSie freuen sich gar nicht so, wie ich erwartet hatte. Haben Sie mir nicht selbst gesagt, ich sei eigentlich zu schade für solche feste Stellung, und wenn ich als Herrin meiner selbst die Schwingen regen könnte, so würde ich weit Besseres - Schon wahr, aber es ist doch ein schönes Fixum, ein für eine Dame sogar erstaunlich hohes Honorar, was ie aufgeben, und ie haben sich in den letzten Jahren doch recht sehr verwohnt,- meint sie bedenklich.Der Ton reizt mich ein wenig. Mit glühenden Farben schildere ich meine Dachstubenidylle, doch sie unterbricht mich: Aber, Kind, was wird er nun zu der Sache sagen?" Dle gleiche Frage habe ich seit nun einer Stunde mit aller Energie zu unterdrücken versucht, sooft sie sich hervordrängen wollte. Sie wissen doch, liebste, verehrteste Frau, daß wir mit einander fertig sind, er wird nichts davon erfahren." Als ob ein solcher Zeitungsmensch seine Fühlfäden nicht überall hatte und nicht ganz genau wüßte, .aö in einer so bekannten Redaktion wie der Ihrigen vorgeht noch dazu, wenn es sich um Sie handelt. Wissen Sie, daß er das Aufgeben dieser Stellung Ihnen recht gut als ein Zeichen des Entgegenkommens auslegen könnte?" Als ich am Zoclogischcn Garten schon den Fuß auf das Trittbrett der Pferdebahn gesetzt habe, erinnere ich mich meiner reduzirten Verhältnisse und beschließe, den Weg bis fast zum Potsdamer Thor zu Fuß zurückzulegen. Das Wetter ist köstlich, und es ist so reizend, im Gehen den Zukunftsplänen nachzuhängen. Im Restaurant von Fredrichsen pflege ich mit zwei alteren Kolleginnen zu Mittag zu essen. Beide sitzen schon an unserem reservirten Tisch. .Nun
aber schnell, erzählen Sie; die ganze ,Kunstrundschau' steht aus dem Kopfe. Es geht ja einfach gar nicht ohne Sie. Ist es denn wirklich Ernst?" , BlMlger-Ernst.- Indem ich auf dem Menn unter den zwei Suppen wähle, fällt mir ein, daß ein stellenloses Mädchen kein Anrecht auf ein Diner von einer Mark fünfzig Pfennige exklusive Getränk und Trinkgeld hat. Ich speise heute nach der Karte meine Damen, bedenken Sie doch meine zerrütteten Verhältnisse! Kellner, Sauerkohl und Pökelfleisch und einen Schnitt Helles das ist billig und sättigt.Wir lachen so herzlich, daß an einem benachbarten Tisch ein paar Herren auf uns aufmerksam werden, diese zer rütteten Verhältnisse sind entschieden sehr amüsant. Dann geht es an ein Plänemachcn für meine Zukunft, und wir alle sind darin einig, daß es mir bei meinen mannigfachen Talenten gar nicht fehlen könne. Sie Glückliche können sich jetzt auf's Ohr legen, während wir armen Kuliweiber noch drei Stunden im Joche arbeiten müssen,- sagt neiderfüllt das stets abgespannte Fräulein Kramer, als wir uns vor der Thür der Kunst-rundschau-trennen. Wohlig strecke ich mich auf die Ehaiselongue und thue einen langen. langen Schlaf. Als ich erwache, regnet es.' Von meinem überdachten Balkon aus sehe ich in die triefenden Gärten, beobachte, wie unter dem linden Schauer die Bäume immer grüner und frischer werden, förmlich srühlinghaft. Ein wonNiger Regen; so sehr hat mich noch kein Regen in meinem ganzen Leben erfreut. Und wenn er aufhört, so hindert mich nichts, einen köstlichen Spaziergang' durch den erfrischten Thiergarten und die sauber gewaschenen Straßen zu machen. Ich bin ja nun frei! Aber ich bezwinge Dieses Gelüst, setze mich artig an meinen Schreibtisch und verfasse ein Feuilleton, mit dem ich außerordentlich zufrieden bin, und das ich sofort an eine Berliner Zeitung schicke. Ich habe meine helle Freude an mir. Arbeiten, ohne es zu müssen, selbst am Abend wie brav ich doch bin ! Als am anderen Morgen Frau FicdIYr mit dem Kaffee, erscheint, findet sie mich noch im Bette. Herrsch, Freilein, nu iö aber die allerhöchste Zeit!" Mit Haltung setze ich ihr auseinander, daß ich von jetzt ab überhaupt an keine Zeit gebunden sei, und kündige zugleich die beiden Zimmer. Meine Wirthin, bei der ich fast zwei Jahre wohne, macht mir. eine kleine Rührszene. Ach Jotte, Freilein, dat halten Se ja jar nich aus in so'n kleines Zimmerchen. Un wie wollen Se dat machen, wenn Se mal Ihre vielen Bekannten einladen wollen, 'un wie wird dat mit alle Ihre hübschen Sachen', Ihre Bilder. Ihren Thee-
tisch, den chinesischen Schirm. denSefje! un mit dat viele gemalte Polzellan, dat Se sich anjeschasst haben wo wollen Se dat alles in dat eine kleine Zinnnerchen unterbringen?" Cie hat recht, die gute Seele, und damit das Dachstübchen wirtlich nur ein Uebelgang zu erhöhtem Luxus bleibe, heißt es. sich zusammennehmen. Den ganzen Morgen sitze ich mit der Feder in der Hand und schreibe an alle möglichen Zeitungsredaktionen. Ich staune selbst über die Fähigkeiten, die ich mir zutraue. Der einen Zeitung biete ich regelmäßige kunstgewerbliche Essais, der anderen Lckalplaudereien, einer dritten Modenberichte an, auch bin ich bereit, die verschiedensten Provinzblätler mit Berliner Plaudereien in zwangloser Folge zu unterstützen. Einer chremolithocfraphischen Anstalt offerire ich eine Serie von aquarellirten Tischkarten, einer anderen illustrirte Postkarten einer dritten Blumenvorlagen, die ich schon vor drei Jahren gemalt habe. Nur eine Sorge bedrückt mich, wie ich all' den Anforderungen, die man nun von so verschiedenen Seiten an mich stellen wird, genügen soll. Nachmittags mache ich Besuche ein wahrer Triumphzug. Nie zuvor habe ich gewußt, wie beliebt ich eigentlich bin. Jedermann ist entzückt über den schnellen Entschluß, mit dem ich die Sllavenketten ' abgeschüttelt habe, Jedermann bietet mir seine Dienste an. Und wenn ich irgend etwas für Sie thun kann, mein liebes Fräulein Mittelstadt- sind die beim Abschied immer wiederkehrenden Worte. Am dritten Morgen meines Rentierenlebcns wache ich etwas niedergeschlagen auf. Ein gleichmäßiger feiner Regen rieselt hernieder, und mein Tagesprogramm dabei heißt, die Redaktionen verschiedener Kunst- und Frauenzeitungen ' abzuklappern, um meine Mitarbeit anzubieten. Tleberall werde ich. mit größter Zuvorkommenhcit empfangen, überall versichert man mich, daß man bei der nächsten passenden Gelegenheit mit ganz besonderer Freude jia meiner erinnern werde. Trotzdem überkam mich ein leiseö Gefühl der Demüthigung, das sich bei jedem Besuche verschärfte cS war das erste Mal, daß ich gleichsam mit inei ner Person hausircn ging! Abgespannt kam ich gegen Abend heim und warf mich in meinen feuchten Kleidern auf die Ehaiselongue. Wie Raskolnikow, wenn er von seinem gräßlichen und zwecklosen Umherlaufen nach Hause kam, fuhr es mir durch den Sinn. Zum ersten Mal sah ich meine
Lage ohne Enthusiasmus an. Gespart hatte ich trog meiner hohen Einnahme nur äußerst wenig, vielleicht so viel, um zwei Monate in der gewohnten Weise, vier Monate unter größten Einschränkungen leben zu können. Gelang es mir. nicht, in Berlin einen ausreichenden Verdienst zu finden, so heißt das so viel als Rückkehr nach Heilstadt, einem Städtchen von kaum dreitausend Einwohnern, zu einer alten Großtante, bet der tch, seitdem lch ver waist war, gelebt hatte. Die' Zinsen eines ganz geringen Kapitals ermöglichten es mir, der selbst in bescheidensten Verhältnissen lebenden Dame eine kleine Pension zu zahlen, die jedoch so niedrig war, da mein Ausenthalt dadurch nicht den Eharakter etner Wohl that verlor. Nur nicht Berlin verlassen, nur nicht ohne bestimmten Beruf, in der Abhängigkeit leben! Solange ich denken konnte, war mein Streben darauf hinausgegangen, selbstständig aus eigenen Füßen dazustehen. Die vielen Briefe, die ich gestern geschrie den, würden Erfolg haben, eine anae messene Beschäftigung müßte ich sinden. Fieberhaft durchdachte ich, was ich geschrieben, erwog ich die Chancen, die sich mit bieten würden, rechnete zusam men, was mein Pinsel, was meine Feder mit im Monat eintragen müß ten. Nur nicht zugeben, daß ich es ntcht vermochte, aus eigener Kraft etwas zu sein denn was würde e r dazu sagen! Wie in einer Versenkung verschwand plötzlrch, was mich noch soeben beschäft,gt hatte; Kunstrundschau, Bewerbungsbriefe, ekelhafte Rechendempel, das Dachstübchen und er, Kurt. stand vor mir: das erste Sehen in der Abendgesellschaft bei Vaurath Dcckmann, seinen leuchtenden braunen Augen, mein wetges Kleid, die lange. lange vertiefte Unterhaltung, die uns so selbstverständlich erschien, uno über die die ganze Gesellschaft stch amüsirte. Und dann das Begegnen bei dem Wohlthätigleitöfest in der Flora, wo wir uns zwischen holländischen Kaffee schänken und französischen Sektpavil lonS fanden und in dem Gewühl die anderen chne großes Bedauern ver loren, der Augenblick köstlichen Aus ruhens hinter dem riesigen Azaleenarrangement. Ter kleine Theeabend bei mir, alles japanisch, Service, Tischzeug. Lampenschleier, ich selbst in dem japanischen Prinzessinnenkostum, das kurz zuvor auf dem Maskenball bei Wanzerows so viel Glück gemacht hatte: Und wieder sahen wir uns, in Gesellschaften, im Theater, auf. der Eisbahn. Tann kam das Frühjahr und damit das entscheidende Wort, der erste Händedruck, der erste Kuß, unter Lindendlüthenduft und Mondschein, so romantisch, wie man es in Berlin gar nicht für möglich halten sollte, und so süß, so süß! Und gar bald von seiner Seite das Drängen: Laß unser Glück öffentlich sein, werde meine Frau, lebe nur für mich- und von meiner die Bitte: .Gönne mir noch einen Tropfen heimlichen (ZlückeS Alles ist so schön, wie eS ist, Besseres
kann uns nicht werden und ich, ich kann mich selbst nicht aufgeben.- Und wieder etwas später seine ernste Forderung : Werde endlich mein Weib ! und meine Gegenforderung: Laß mich meinen Beruf babei behalten. Ich bin nicht mehr eine Frau wie die anderen, kann nicht zwischen Leinenschränken und Kochtöpfen mein Leben hinbringen." Und in dem Kämpfen um das, was jeder für sein Recht hielt, er in dem Begehren, das Wesen, das er liebte, ungetheilt für sich behalten zu wollen, ich in dem Wahn, meine Selbstständig keit auch in der Ehe zu behaupten, wuchs die schmerzliche Erkenntniß von der gähnenden Klust unserer Anschauungen auf. Noch ein trostloser Versuch, sich trotz alledem zu finden, dann ein trotziges Scheiden. Und jetzt was ich einem geliebten Manne nicht zu Liebe thun, konnte, hatte ich ans Laune gethan, meinen Beruf von mir geworfen. Die Taae gingen bin eder einzelne quätcrd ln;;q, in ihrer Gammtheit jedoch beänzstigend schnell. Unruhig erwartete ich die Antworten aus mein: Briefe. Die meisten blieben aus, einige enthielten in höflichster Form eine Ablehnung, in nur sehr wenigen machte man mir leise Hoffnungen und verlangte Probearbeiten zu sehen. Ueberall Ueberproduktion, Angebot von Arbeit, für die keine Verwendung war. Eine chromolithogravhische Anstalt war bereit, Vorlagen für Fayencemalerei in Verlag zu nehmen. Ich malte sie mit größter Hingebung, um sie drei Tage später als ungenügend in der Ausführung- zurückzuerhalten. Der Probearbeit eines Berliner Feuilletons für eine Provinzialzeitung fehlte der aktuelle Reiz," man verzichtete aflf weitere Beiträge aus meiner Feder; eine Plauderei für eine Berliner Zeitung erschien nicht pointirt" genug; offenbar hatte man etwas Pikantes erwartet. Eine Frauenzeitung erwarb ein paar kurze kunstgewerbliche Artikel ; zwei gemalte Wandteller, nach meiner Ansicht und der aller guten Freundinnen wahre Prachtwerke, hatte man in einem Geschäft zum kommissionsweiscn Verkauf angenommen und wirklich für einen lächerlich niedrigen Preis verkaust. Nun saß ich in meinen großen Zim mern, verfaßte kurze Feuilletons, zaghaft und ohne Stimmung, und quälte mich mit allerlei kunstgewerblichen Entwürfen. Dazwischen schrieb ich Briefe über Briefe an alle möglichen Redaktionen, Verleger, Geschäfte. Ich studirte die Zeitungen und sandte meine Adresse ein, wenn irgend eine Offerte meinen Fähigkeiten auch nur im Geringsten zu entsprechen schien. Von meiner Thätigkeit an der Kunstrundschau- her war ich an das Zusammenarbeiten mit Anderen gewöht. Damals hatte ich oft genug über den Trubel gescholten, der mich an einer ruhigen Sammlung hindere ; jetzt siel mir die Einsamkeit auf die Nerven. Es fehlte mir der erfrischende Gedankenaustausch mit Menschen, die meine Interessen theilten. Ich sehnte mich nach' einer Unterbrechung der Arbeit, nach einer Anerkennung. Und diese Arbeit, der ich mich aus innerer Unruhe uvd Verzweiflung mit doppelter Heftigkeit hingab, wuchs mir über den Kopf. Ich mußte es einsehen, daß alle Berliner Zeitungen nicht ausreichten, meine Plaudereien zu drucken, alle Verleger nicht, um meine Entwürfe für Majolika und Holzbrand zu veröffentlichen wenigstens wenn nicht bald der Anfang dazu gemacht würde. Nun fing ich an, die Hände in den Schooß zu legen. Meine Arbeit war ja doch zwecklos. Halbe Vormittage konnte ich müßig auf der Ehaiselongue liegen und gedankenlos abwechselnd die Stuckornamente der Zimmerdecke und meine Fingernägel studircn. Kleine Nähereien und Flickereien, die ich sonst im Handumdrehen neben meiner Berufsarbeit besorgt hatte, zog ich künstlich in die Länge, nur um überhaupt Beschäftigung ivl haben: dicke Nomanbände arbeitete
ich durch, ohne nachher zu wissen, was ich gelqen hatte. Der Ekel über mich und meine Drohnenezistenz mischte sich mit der Angst vor der Zukunft. Noch suchten mich meine Bekannten auf, bedachten mich mit zahlreichen Einladungen und halfen mir. Zu kunftspläne zu schmieden, aber schon glaubte ich in ihrem Wesen eine leichte Reserve zu spüren. Was. sollte man schließlich in der Gesellschaft mit einem stellenlosen Mädchen' anfangen, das nicht' mehr durch Munterkeit, nicht mehr durch neue Toiletten ein Aequivalent für genossene Gastsreundschaft bot! Auch einige der früheren Kolleginnen sahen sich zuweilen nach mir um. Es ging ganz gut ohne mich in der Redaktion; Niemand ist unersetzlich, das ist eine alte, aber immer wieder bittere Wahrheit! Mein selbst, verschuld-tes Mißgeschick machte mich ungerecht, ohne Grund witterte ich Zurücksetzung und erwartete besondere Theilnahme auch' dort, wo ich am wenigsten ein Recht hatte, sie zu crwarten, von ihm. Es erschien mir als eine Grausamkeit, .daß er sich jetzt nicht um mich kümmerte. Ich war Unglücklich und in Sorge war das nicht Grund genug, um Alles, was zwischen uns lag, zu vergessen? Er würde, ja er müßte mir schreiben. Bei jeder einlaufenden Post wartete ich ängstlich auf einen Brief, und meine Enttäuschung, meine ungerechte Erbitterung wuchs UNd wuchs, Immer weiter rollten die Tage, immer mehr schmolzen meine kleinen Ersparnisse zusammen, immer mehr steigerte sich die Angst vor dem, was
werden sollte, tfch habe mir vollkom
men klar gemacht, daß, wenn nicht durch ein Wunder meine Einnahmen sich plötzlich heben würden, auch von der Dachstubenidylle keine Rede sein könne, und daß es für mich nur enen einzigen Ausweg gebe, die Rückkehr in meine kleine Stadt. Davor graute mir aber ganz besonders. Zwecklos irrte ich durch Berlin, als sollte mir wie im Märchen irgend ein Netter in der Noth plötzlich entgegenlaufen. 5lbel immer trug dieser Reüer dieselben Züge. Auf einen Brief, den ich nachträglich kieschriebcn, hatte, ich besondere Hoffnungen gefetzt. ES handelte sich um eine Anstellung in einer Anstalt für künstliche Reproduktionen. Wurde diese Aussicht zu Schanden, so blieb mir nichts mehr zu hoffen. Mit fürchterlicher Pünktlichkeit traf der Absagebrief ein. ES litt mich nicht zu Hause, ich stürmte durch die Straßen, ohne mir klar zu machen, daß es stark dunkelte, und wohin ich meine Schritte lenkte, immer weiter, weiter, um. der Angst in mir Herr zu werden. Die letzten acht Tage hatte ein abscheuliches Regenwetter geherrscht, alle Wege wären zu dickem Morast aufgeweicht ; noch jetzt hing schwerer, grauer Nebel wie Spinnweben in der Luft. Ich merkte es kaum, daß ich die Stadt hinter mir gelassen und den Thiergarten erreicht hatte. Mechanisch verfolgte ich einen Weg, in dem die Geleise der Pferdebahn sich nnr hier und dort deutlich aus dem Schlamme abhoben. Das trübe, rothe Licht der Laternen spiegelte sich im unruhigen Zickzackmuster in den Pfützen; wie schwarze Wände aus aufgeschichtetem Reisig bauten sich die entlaubten Bäume zu beiden Seiten aus. Etne breite Ehau see, aus der die Pferdebahnen einander in kurzen Zwischenräumen folgten, durchschnitt den Weg, und jetzt wußte ich plötzlich, wo ich mich befand. Nur noch ein paar hundert Schritte, und ich stand vor einem Hause, einem wohlbekannten, stattlichen Hause. Mein He5z klopfte heftig, ich mußte mich gegen einen Baum lehnen, um mich zu beruhigen: ich fühlte,' daß meine Wangen heiß crrötheten. Das Haus, in dem cr wohnte, Knrt! Tort in dem ErkerZimmer des zweiten Stockwerkes, dessen Fenster jetzt wie dunkle Flecke in dem Mauerwcrk standen, waren wir an einem sonnigen Sonntagmorgcn zu einem entzückenden kleinen Frühstück zusammengewescn, Tcckmanns, Wangerowö, Fräulein Hagen und ich. Blühende Blumen standen auf dem Tisch, der Sekt perlte in den Gläsern. Ich wußte, das Ganze war nur arrangirt worden, damit er mir sein Heim zeigen könne? und doch erfaßte mich eine bohrende Eifersucht, als ich sah, wie die kokette, schwarze Frau Wangerow die Rolle der Wirthin so fatal echt spielte, diese Rolle, die nur mir, aber nicht als Rolle, sondern als Wirklich keit zukam. Heute dagegen stand ich im Nebel vor seiner Thür und sehnte den Zufall herbei, der ihn mir entgegenführen könnte. Ich schämte mich, und inmitten aller Scham erfaßte mich eine brennende Sehnsucht, meinen Kopf an seine geduldige Schulter legen und mich so recht von Herzen ausweinen zu können. Ich wandte mich zu der nur zwei Minuten entfernten Stadtbahnstation und ging unter den kahlen Kastanienbäumen auf der schwimmenden Ehaussee auf und ab. Es war die Zeit, in der Kurt von der Redaktion zurückkehren konnte. Einen Zug nach dem anderen wartete ich ab und achtete nicht darauf, daß der Nebel sich in kleinen Perlen an meinem Haar niederschlug und mir die Wangen feuchtete. Die Vorübergehenden starrten mich an und tausch ten Bemerkungen aus, ein freches Wort eines Herrn schlug an mein Ohr, aber eö machte mir keinen Eindruck. Kurt mußte ja kommen, mußte wissen, daß ich ihn brauchte. Durchgenäßt und abgespannt kehrte ich nach Hause zurück und brach, in einen Sessel gekauert, !n krampfhaftes Schluchzen, aus. Warum mußte mir, gerade mir Alles fehlschlagen? Manches hatte ich gelernt, in Manchem mich früher mit Erfolg bethätigt, aber setzt wandte sich das Glück von mir, ich war nicht fähig, mir durch eigene Kraft zuch nur daS Nothwendigste zu erwerden und in meiner Verstörtheit erwartete ich dort Hilfe, wo ich sie früher hochmüthig verschmäht hatte, beim Manne. Warum ich, gerade ich? Aber nein, ich war eö nicht allein, das war JrauenloS im Allgemeinen, nur eine winzige Szene in der großen Tragödie. Tausende und Abertausende kämpften mit mir den gleichen Kampf, zber unter unendlich härteren Aedinzungen. Jene rangen um den Bissen Brod, der sie vor dem Hunger schützen sollte; ich strebte nur darnach, in freiere Verhältnisse zu kommen; ich hatte noch ein Heim, ein bescheidenes ;war, aber doch eins, das mich vor der Sorge um's tägliche Brod schützte. Ich, war die Beneidenswerthe jenen gegenüber und dennoch stürzten meine Thränen unaufhaltsam. In jener Stunde gedieh der Entschluß in mir, auf die letzten acht oder zehn Tage, die ich noch in Berlin zu verleben hatte, so lange, meine Wohnung einmal gemiethet war) zu verzichten und sofort in mein Provinzstädtchen, zu der alten Großtante zurückmkehren. Ich sührte diesen Entschluß uö wie Jemand, der sich vor einem kalten Bade fürchtet und plötzlich mit beiden Beinen hineinsprinat.
, Meine Avichiedsonese waren geschrieben, auf Besuche hatte ich ttr zichtet, um nicht wieder wankend zu werden, meine Koffer waren gepackt. Der Thzetisch und der Sessel, der große Teppich wie das Prunkstück eines Wandschirmes standen in Sackleinwand genäht aus dem Korridor, um von dem Spediteur abgeholt zu werden. Müde von der ungewohnten körperlichen Arbeit des Packens, setzte ich mich auf den zuletzt fertig gewordenen Kofser und übersah mein Werk. Morgen in der Frühe sollte es fortgehen, wohl für immer. Mir war zu Muthe, als hätte ich in der Verzweiflung Cyankali getrunken, und wünschte nun, es ungeschehen machen zu können. Da ein energisches Klingeln an der Korridorthür, ein bekannter Schritt, eine bekannte Stimme! Ich überlegte nichts, riß die Thür auf und stürzte ihm geradeswegs in die Arme. Kurt, Kurt, Du kommst zu mir!" Mein Kopf lag an seiner Schulter, wie ich eö mir gewünscht hatte, fld während ich das heftige Schlagen seines Herzens spürte, war eS, als wenn alles eigene Wollen damit zusammenströmte, alles, was mich beängstigte, untersänke in dem Gefühl großer, stiller Glückseligkeit! Auf einem vollgcpackten Reifekorb saßen wir eng aneinander gedrückt. Du großes, dummes, liebes Kind, bist Du nun endlich mürbe geworden?DaS klang gar nicht sentimental, gar nicht romanhaft, aber doch sehr, sehr
süß. Warum bist Du nicht früher gekomvnn? Slftiirtoft 71, PYi?t fiict rtffr WMpiV W I VIW t MilWi' letzt warten?" fragte ich ziemlich unloanck. Denkst Du denn, daß eS für einen abgewiesenen Freier eine Kleinigkeit ist, sich zum zweiten Mal zu melden? Leicht ist eö mir nicht geworden, und wer weiß, ob cS überhaupt geschehen wäre, wenn ich nicht zufällig erfahren hätte, daß Gefahr im Verzüge ist. Da bin ich nun " Aber zu spät! Jetzt muß ich ab-, reisen, und wohl für immer." Um in Deine kleine Stadt zurückzukehren, in der die eute sich mit nichts Anderem beschäftigen, als sich zu wundern, wie Du einst schaudernd erzähltest. Erinnerst Tn Dich noüi? .Was thut man bei Ihnen in Heilstadt eigentlich so den Tag über?' wurdest Tu gefragt. ,O, man wundert sich, das füllt die Zeit aus. Man wundert sich, warum die Feder aus meinem dunkelblauen Hute grün ist, und warum mein diesjähriges Zacket lose' hängt, wi2 man sich im vergangenen übcr das fest anliegende wunderte. Man wundert sich, warum ich Hcilstadt verlassen wolle, wo ich doch ein so bequemes Leben führen könne, wahrend ich ja in Berlin arbeiten müsse, und man wird sich von Neuem und endlos wundern, wenn ich je wieder einmal zurückkehre.' Weißt Du es noch, Ellen? Dieser Verwunderung willst Tu Dich aussetzen als stellenloses Mädchen?" Ich muß schon, Kurt, Niemand errettet mich davon " Als ich. Schließen wir. ein Kompromiß. Du reist jetzt ab und läßt die Verwunderung über Dich ergehen und unterhältst Dich inzwischen damit, all' das nothwendige Weißzeug zurcchtzumachen, das eine echte, brave deutsche Frau nun einmal besitzen zu müssen glaubt aber ein biechen nett, nicht allzu heilstädtisch, wenn ich bitten darf. Alsdann kehrst Du zurück, oder vielmehr ich hole Dich, um Dich in Deine neue Stellung einzuführen." Pfui, Kurt, wie prosaisch Du Dich ausdrückst! Schließlich wirst Du auch den Fall einer Kündigung in'ö Auge fassen?" rief ich in einem Gemisch vou Aerger, Scham und Glück aus. Das wird davon abhängen, wie Du Deinen Posten ausfüllst. Offen gesprochen, liebe Ellen, seit unserem Zerwürfniß, das ich übrigens niemalsfür ein ganz unheilbares angesehen, habe ich Dich selbstverständlich niemals aus den Augen verloren. Alle Deine rastlosen Versuche, einen neuen Erwerd zu finden, habe ich verfolgt so etwas spricht sich auch in der Großstadt, wenigstens in den betheiligten Kreisen, herum und habe- mir alsdann gesagt, daß es wohlüberlegt werden müsse, einem Mädchen, das so verteufelt von der Idee des Erwerbenwollens beherrscht ist, die Stellung einer simpeln Hausfrau zuzumuthen. Und doch mochte ich auf diese Haussrau nicht verzichten, denn ich war nun einmal ganz unsinnig in Dich verliebt. Da bin ich denn aus den Ausweg verfallen, mich, selbst an einer Zeitschrift zu betheiligen, einer Halbmonatsschrift für Kunst, und Literatur, die einstweilen zwar noch itj kleinen Ansängen steckt, die wir aber schon tüchtig in die Höhe bringen wollen. Du nnd ich. Verstehst Du? Du wirft Arheit genug finden mit Korrekturlesen und Korrespondenz wie als verständige Beratherin des Ehefs, Deines Herrn und Gatten. ' Deine Stellung als ,Frau Unterredaktemin' soll Dir gewiß nicht allzu leicht werden. Ich habe Dich noch nicht einmal gefragt, ob Du willst, meine Ellen, mein guter Kämerad?" Ob ich wollte! Mit tausend Freuden. . DaS war eine Lösung, so köstlich. o über jedes Wünschen hinaus, da lck ie kaum fassen konnte. Diese Stelung," deren 'Kontrakt 'aus dem knarrenden ' Rersekorb mit Küssen und Freudenthränen besiegelt wurde, ist mir niemals leid geworden,., und ich wünsche nur, sie bis an mein seliges Ende, hoffentlich ' noch diele, viele glückliche Jahre hindurch, zu bekleiden.
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