Indiana Tribüne, Volume 29, Number 165, Indianapolis, Marion County, 7 March 1906 — Page 5

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Die letzte Hoffnung. Nooelle von ö. Ehrhardt. Mitten im ausgelassenen Treiben des KarnevalsöalleZ im Paulinenschlößchen zu Wiesbaden stand sie allein an eine der Säulen gelehnt, welche die obere Gallerie des mit Guirlanden und vielfarbigen Fähnchen geschmückten Saales stützten. Wie viele der Damen in dieser bunt zusammen gewürfelten, durch Eleganz und Schick ausgezeichneten Gesellschaft, trug sie auch nur Balltoilette, ein mattrosaKleid aus jenem duftigen, so leicht vergänglichen Seidenchiffon, den nur solche Menschen sich leisten können, deren Geldbeutel es verträgt, eventuell einem einzigen vergnügten Abend diese theuere Herrlichkeit zu opfern. Der tiefe Ausschnitt der Taille, die nur durch schmale, perlenbesetzte Achselbänder gehalten wurde, liefe die schönen Formen eines vollen, blendend weißen Mädchenkörpers frei und enthüllte Schultern und Arme so weit, daß man bedauern mußte, den Fortsatz des schlanken Armes durch weiße dänische Handschuhe verdeckt zu sehen. Dem Charakter des Festes Rechnung tragend, hatte sie um die hohe, klare Stirn eine Perlenspange gelegt, die über das goldblonde, wellige Haar fortlaufend an den Ohren in je einer großen rosa Chrysanthemenblüthe endete, zugleich einen reizvollen Abschluß für den Flechtenkranz cm Hinterkopfe bildend. Eine kleine schwarze Sammtmaske verdeckte die Hälfte ihres Gesichts. Es zeigte blaßrothe, herbe Lippen, Lippen, die noch nie geküßt hatten Dem scharfen Beobachter wäre es ein Leichtes gewesen, zu konstatiren, daß sie der Welt des Vergnügens, fc:e sie wie ein erregtes Meer umbrante, nicht angehörte. Es war ein Zufall, dcr sie-an diesen Ort geführt hatte, wo der übermüthige Priz Karneval sein schellenbehängtes flimmerndes Szepter schwang, wo rheinische Fastnachtsfreude lachte. Ihre Augen blickten denn auch ernst, aber mit einer geheimen Sehnsucht auf die tanzenden, lustig schäfeinden Pärchen, unter denen sie allein stand, sich selber eine Fremde in dem eleganten Ballstaat, der zum ersten Mal ihre Person schmückte. Nichts davon gehörte ihr zu eigen, nicht das duftige Kleid, für dessen Existenz sie zitterte, nicht der kostbare Federfächer, den ihre schlanken Hände nervös auf- und zuklappten, nicht die weißen, schmalen Lederschuhe und auch nicht die Perlen undBlumen im goldenen Haar. Es war alles erborgter Glanz. Solche Sachen bringen Glück," hatte die schöne Cousine lachend gesagt, als sie, amüsirt durch die Gleichartigkeit ihrer Figuren, die arme Verwandte, die seit einigen Tagen mit ihrer halb gelähmten Mutter bei ihr weilte, in eine elegante Balldame verwandelte. 2)u wirst heute eine Eroberung machen! hatte sie nach Vollendung ihres Werkes, die Erröthende kritisch musternd, hinzu gesetzt, aber halt den Mann auch fest, wenn Du ihn gefunden hast, halt ihn fest für's Leben, Du bist nur für die Ehe geschaffen und dazu ist's bei Dir hohe Zeit, sonst verpaßt Du den Anschluß." Diese Worte der Cousine, die sich, trotz ihrer 32 Jahre, den Reiz der ersien Jugend bewahrt hatte, rüttelten Renate Heideck aus der stumpfen Ruhe ihres Daseins auf und öffneten ihr gleichsam die Augen. Und da war es 'ihr erschreckend zum Bewußtsein gekommen, daß die Jugend im Begriff stand, sie für immer zu verlassen, ohne ihr auch nur ein lichtes Erinnern in die dunkle, einsame Zukunft mitzugeben. Trotz des öden Einerleis ihres Daseins hatte sie kaum gefühlt, daß die schönsten Jahre ihres Lebens verrannen'. Wie dies elende Bewußtsein heut an ihr wühlte und zerrte, heut, wo sie ein einziges Mal Gelegenheit haben sollte, einen Zipfel vom entflatternden Gewände der Glücksgöttin zu erhäschend Manch einer der Herren, die ohne bergende Maske und höchstens einen Domino über den Frackanzug geworsen hatten, trat, ein paar neckende Worte auf den Lippen, an die Einsame 'heran, aber ihr fehlte die Leichtigkeit des Wortes, die durch eine schlagfertige Erwiderung fesselt und so stand sie bald wieder einsam. Sie wartete. Sie klammerte sich verzweifelt an die letzte Rettungsplanke. Noch war der, der auch ihr gefiel, nicht gekommen, was nutzten ihr die Anderen? Plötzlich schob ein Arm sich kühn in den ihren. . Du bist viel zu schön, um allein zu sein!" sagte eine halblaute, sympathische Männerstimme. Sie fühlte ' einen aussetzenden Schlag ihres Herzens. Das war er, nun kam das Glück. Sie wandte ihm das Haupt zu und blickte ihn an. Ihr schien's, als kenne sie ihn seit Jahren. Sehr vornehm sah er aus. arok und

schlank, nicht mehr 'ganz' jung, baäJ hatte a auch nicht für sie gepaßt, em paar Schmißnarben im mageren, klugen Gesicht, braune, lächende Augen über der Hakennase, um den Mund unter dem kurz gestutzten röthlichen Schnurrbart einen leisen Zug von Hochmuth. ,Sie fühlte sich ihm verwandt, die Beamtentochter ahnte den Mann ihrer Kreise.' .Wer sagt Dir. daß ich schön bin?"

gmg sie, ein leichtes Jtttern rn ver Stimme, auf seine Bemerkung ein. Unter dem Blick, der ihre ganze Gestalt überflog, rötheten sich ihre Wangen. Ihre- nackten Schultern brannten wie unter sengendem Feuer. Du müßtes schon ein zerbrochenes W"F htm baben' um häßlich ZU sein!" bemerkte er lächelnd. Gottlob verbirgt die neidische Maske nicht allzu ,viel und ich sehe Deiner Demaskirung mit Ruhe entgegen." Sie lachte, während langsam ein Strom von Lebensfreude zu fließen begann, heiter auf. Auch ihre Zähne waren tadellos und rechtfertigten nur seine Behauptung. daß sie schön sei. Ja, noch war sie es. sie sagte sich's selbst mit einem befreiten Aufathmen, noch war es Zeit! Komm, laß uns tanzen!" Ein Schreck befiel sie. Konnte sie denn überhaupt noch tanzen? Aber durfte sie ihm ihre Befürchtung eingestehen? Was würde er von ihr denken? Er hatte sie schon umsaßt und zog sie in das Gewühl. . Selbst einer gewandten Tänzerin wäre es schwer gefallen, hier ihre Künste zu entfalten, immer wieder mußte das Paar im Gedränge anhalten. bis sich eine Lücke für es öffnete, so fiel ihre Unsicherheit ihm nicht auf. Sie wanderte jetzt. Freude im Herzen. Arm in Arm mit ihrem Gefährten umher, lachend und plaudernd, sie war nun keine Fremde mehr in dieser Welt des Frohsinns, sie war auch eine von den Frohen, die ihren Antheil hatte an der Tafel des Lebens. Ganz neue Seiten ihres Lebens offenbarten sich, blühten auf unter der Wärme, welche die Augen des Mannes über sie ausstrahlten. Im Fluge lernte sie alle Künste der Frau, den Mann, der. ihr gefiel, zu fesseln. Und doch blieb eine herbe Mädchenhaftigkeit wie ein zarter Hauch über ihrem schelmischen. leb haften Wesen. Sie schwieg beharrlich über ihre Lebensverbältnisse und das bestärkte, den Mann in seiner Ansicht, daß er es mit keiner der vielen abenteuerlustigen Dämchen, sondern mit einer Dame der Gesellschaft zu thun 'habe. Nur eins befremdete ihn. ihr, Alleinsein in diesem Saale, für ein junges Mädchen eine gewagte, Sache, die ihn immer wieder mißtrauisch machte. Bist Du ohne Begleitung hier?" fragte er endlich, sie aufmerksam betrachtend. Sie wurde zwar roth, aber sie sah ihn durch die Spalten der Maske mit so ehrlichen blauen Augen an, daß er keinen Zweifel an der Wahrheit ihrer Antwort hegte, die lautete: Nein, ich bin mit einer Verwandten hier, einer jungen Wittwe aber sie wollte nicht, daß ich mich wie eine Klette an sie hänge, sie meinte, es kenne mich doch Niemand hier und ich solle die Maske nicht ablegen wenn, ich Schutz brauchte, sei sie ja sür alle Fälle im Saale aber ich brauche ja keinen!" setzte sie mit einem reizenden Lächeln hinzu. Er war beruhigt und gab sich nun willig dem Zauber hin, den sie vom ersten Moment an auf ihn ausgeübt hatte. Er stand gerade an jener Scheidegrenze im Leben des Mannes, wo die Würfel fallen, ob er Junggeselle bleibt oder so zu sagen vor Thoresschluß noch eine Lebensgefährtin wählt. Die Zeit der galanten Abenteuer lag hinter ihm, wenigstens meinte er das heut', da ihm bei Renatens Anblick immer wieder der Gedanke aufstieg, sie sei eines jener Mädchen, das man nur zur Frau zu begehren wagt. Er begann, nachdem sie sich im Nebenzimmer gemüthlich auf der roth gepolsterten Wandbank an einem der kleinen Tische niedergelassen hatten,, sein Inkognito so weit zu lüften, daß er sich als Regierungsrath aus Frankfurt am Main vorstellte, worüber sie eine solche Freude empfand, daß sie impulsiv ausrief: - Und ich bin eine Regierungsrathstochter! Wie drollig!" Er athmete förmlich auf, nun er genau wußte, welchen Kreisen sie entstammte. Gleich und gleich gesellt sich gern!" erwiederte er, ihren strahlenden Blick festhaltend, komm, laß uns auf die Gleichheit anstoßen." Er hob ihr die Schale mit perlendem Sekt entgegen. Die Gläser stießen aneinander mit einem hellen, klingenden Ton. Nimm die Maske ab, bitte! Nur einen Moment! Ich möchte Dir so gern einmal tief in's Auge sehen." Es war innige Zärtlichkeit, die .durch seine Stimme vibrirte und das Mädchen griff gezwungen, nach der verhüllenden Maske. Ein glühendes, reizendes Gesicht zeigte sich seinen aufleuchtenden Blicken. All' die bitteren Linien, die ein schweres Schicksal hinein gezeichnet, hatte die Hand des Glücks hinweg gewischt, es war das Gesicht der siebzehn, jährigen Renate, ehe die Sonne ihres Lebens untergegangen war. Als sein glühender Blick sie zu verwirren begann, nestelte sie rasch die schützende Maske wieder um ihr blondes Haar. Eine Weile verharrten si? in süßem Schweigen, beide der seligen Gewißheit ihrer Liebe hingegeben. Wie darf ich Dich nennen?" M sterte er endlich heiß, mir ' Dein Vornamen sage' mir." . ; -; Sie nannte ihn flüsternd.

Renate!" wiederholte er innig. Ein Zittern durchlief ihre Gestalt, sie lehnte sich halb ohnmächtig an das rothe Plüschpolsier. Wann darf Ich Dich wiedersehen. Renate?" flüsterte er. sich zu ihr herab neigend, Du sprachst vorhin den Wunsch aus, mal echt rheinisches Karnevalsleben kennen zu lernen. Willst. Du Deine Verwandten bitten, den Rosenmontag mit Dir in Mainz zu verbringen und darf ich Euch dort im Holländischen Hof" zum Diner einladen?" Das Mädcben nickte bejahend, sie wußte, die Cousine 'würde gern zu dieser Fahrt bereit sein, sie fühlte, es war ihr Verlobungsdiner, zu dem er sie einlud. Aber mußte sie ihm nicht vorher Klarheit über ihre Person verschaffen? Vielleicht hielt er sie ihrer Toilette nach für ein reiches Mädchen. Sie war zu ehrlich, ihn zu täuschen. Gerade 'etzt war die Anknüpfung gegeben. Ich habe auch meine Mutter hier!" erzählte sie etwas zaghaft, sie ist gichtkrank und soll die Bäder hier gebrauchen meine Cousine ermöglichte ihr das. indem sie uns zu sich einlud, denn Sie wissen ja. die Pension einer preußischen Beamtenwittwe langt nicht für eine Wiesbadener Badereise." Gottlob, nun war es gesagt, nur daß ihre Zeit bier morgen eigentlich abgelaufen sei. hatet sie verschwiegen. Erschrocken schien er nicht, nur ein klein wenig befremdet. Ihre Eleganz hatte ihn allerdings nicht die arme Beamtentochter errathen lassen, aber seine Gedanken in Bezug auf die kostbare Toilette kamen der Wahrheit ziemlich nahe. Als sie in seinem Benehmen keine Veränderung bemerkte, wurde sie wieder ganz heiter und unbefangen. Ein lustiges Wortgeplänkel entspann sich zwischen ihnen, immer wieder in dem Thema Liebe gipfelnd, das sie naturgemäß am meisten fesselte. Schließlich verlangte Renate zu wissen, wie oft er sich verliebt habe. Richtig verliebt war ich nur zweimal!" gestand er amüsirt, aber das ist schon lange her." Warum hast Du keine von beiden geheiraihet?" forschte Renate lachenden Auges. Ein flüchtiger Schatten flog über seine niedrige Stirn. Die eine hatte eine anderen lieb und die Andere die konnte ich nicht gut heirathen, denn 'sie war Schreibmaschinistin bei einem mir befreundeten Rechtsanwalt und na als Regierungsassessor konnte ich mir meine Frau doch nicht von der Schreibmaschine weghclen." Es war sur Renate ein Glück, daß in demselben Moment ein Gläsergeklirr und. der zornige Aufschrei einer Frauenstimme die Aufmerksamkeit des Regierungsrathes nach dem Nebenzinimer ablenkte. So bemerkte er nicht ihr jähes Zusammenzucken, das Erlöschen ihrer eben noch -so strahlenden Augen. Sie faßte sich schnell mit übermenschlicher Beherrschung. Nein, das konntest Du allerdings nicht!" bestätigte sie und um ihren Mund lag jetzt derselbe hochmüthige Zug wie um seine Lippen, sie war wohl auch nicht aus guter Familie!" fügte sie hinzu in einer letzten Hoffnung. O doch, sie war eine Offizierstochter! Aber Du hast ja keine Ahnung, Kind, lüic eine solche Stellung ein Mädchen herabzieht, was für Demüthigungen sie schweigend einstecken muß. jeder Blutstropfen in mir hätte sich empört bei dem Gedanken, daß meine Frau mal von Krethi und Plethi nichtachtend behandelt wurde, mal jahrelang eben keine Dame mehr war in den Augen der Welt, der ich angehöre es mag ein Vorurtheil sein, denn jede ehrliche Arbeit schändet keinen Menschen, aber das Vorurtheil existirt nun einmal und es entsteht kein Glück daraus, setzt man sich daüber hinweg." Renate hörte schon kaum mehr auf seine Worte. Sie starrte an ihm vorüber in die Ferne. Sie sah eine kahle, schmutzigeKontorstube.sie sah den dicken Holzhändler, der an den schmutzigen Nägeln kaute und auf die Dielen spuckte, sie dachte an die Herren, die in Abwesenheit des Chefs mit ihr verhandelten und dabei die Cigarre im Mundwinkel behielten, an ihre dreisten Blicke, ihre plumpen Schmeicheleien all die Demüthigungen dieser neun Jahre stiegen vor ihr auf, es wurden ihrer immer mehr, manche hatte sie längst vergessen gehabt, jetzt waren sie wieder da, wie Geier, die sich auf ein verendendes Thier stürzen, das ihnen unwiderruflich verfallen ist. Auch sie war ihrem Schicksal verfallen, "das sie zurückzwang in's Dunkel, aus -dem die letzte Hoffnung der entschwindenden Jugend sie heute empor gerissen hatte. Langsam erhob sie sich, die Maske deckte ihr Gesicht so weit, daß dem Manne nür der müde, starre Zug um ihren Mund auffiel. Er wunderte sich nicht darüber. Sie hatte ein wenig hastig getrunken, davon kam dann diese plötzliche Abspannung. Keine. Ahnung tauchte in ihm aus; daß er mit seinen letzten Worten einen Mord begangen hatte an dem MLdchenherzen, das zu gewinnen sein sehnlichstes Bestreben war. ' Ein paar Minuten spater schritt Renate neben dem Geliebten durch die dunkle, siernenlose Nacht.

Bald waren sie vor ihrer Hausthür angelangt. Sie trug die - Schlüssel bei sich, für alle Fälle, hatte die Cousine ihr bedeutet, sie hatte die Zumuthung.ohne sie fortzugehen, entsetzt abgewehrt jetzt war ihr gar nicht mehr der Gedanke gekommen, sie zu suchen. Ter Schlüssel steckte im Schloß. Renate wandte sich abschiednehmend zu ihrem Begleiter. Also auf Wiedersehen am Rosenmontag in Mainz!" flüsterte er. sich über ihre Hand neigend. .Auf Wiedersehen!" murmelte sie tonlos. ' Ihre Hände lösten sich. Er wollte zurück treten, aber der Ausdruck ihres Gesichts, der flimmernde Blick ihrer Augen bannte ihn auf der Stelle. Renate!" Es klang fragend, leicht erstaunt. Da warf das schöne Mädchen sich an seine Brust und küßte ihn heiß mit glühenden Lippen. Und er wiederte diesen Kuß in dem Emporwallen der mühsam zurückgedrängten Leidenschaft so gluthvoll, wie nur je ein Mann das Weib seiner Liebe küßt. Ein paar Sekunden lag sie besinnungslos in seinen Armen. Dann ab:r. als erwache sie plötzlich, riß sie sich von ihm los und flüchtete in's Haus, dieThür klappte zu. der Schlüssel drehte sich im Schloß, wurde algezogen er stand ganz allein in der stillen Straße. Am Rosenmontag wartete er vergeben in dem eleganten Hotel zu Mainz auf Renatenö Erscheinen. Die saß zur selben Stunde, wie seit neun Jahren, an der Schreibmaschine und tippte einen Mahnbrief an einen säumigen Holzlieferanten. Glühende Kohlen. Skizze von Th. 33. Gall. Nun klingelt es fchon wieder," sagte die Frau vom Hause ärgerlich. Hoffentlich wirst Du Dich nicht sprechen lassen. Karl! Von unseren Freunden oder Verwandten kommt um diese Zeit bestimmt Niemand, und rein oeschästliche Angelegenheiten gehören wirklich nicht in die Privatwohnug. Ueberdies ist knapp eine Viertelstunde vergangen, seit Du die Fabrik verlas sen.- Du mußt Dir, Du mußt mir wenigstens einige wenige Stunden während des Tages gehören lassen und in zehn Minuten steht das Mittagessen auf dem Tisch!" Dr. Foregger sah auf aus dem Buche, worin er eben zu lesen begonnen.' Zugleich nahm er die Visitenkarte entgegen, die ein Diener in diesem Augenblicke in das Zimmer gebracht. Die Stirn des- Großindustriellen legte sich in galten, -als er die Karte las) Einen Moment schien er unschlüssig, was er thun sollte. - Es betrifft die Angelegenheit Beate, von der wir erst vorhin spra'chen. Du weißt, die Mutter de5jungen.' Mannes schrieb schon heute früh einen so herzzerreißenden Brief. Nun kommt sie selber, um " : 'ÄZenn es das ist. lieber Mann, dann freilich!" versetzte sie aufstehmd. um das Zimmer zu verlassen. Aber nicht wahr; das Milagessen darfst Du mir nicht darüber vergessen?" Nein, gewiß nicht, Beate!" Sie strich mit der Rechten über das schon grau melirte Haar des Gatten und flüsterte leise, sein Haupt herunterneigend, damit sie die Stirne küssen könne: ..Sei nicht zu streng! Es ist eine Mutter, die für ihren Sohn bittet! Wir haben auch Kinder, und wer kann wissen, ob nicht " Er nickte ihr begütigenden Blickes zu. Die Frau trat ein. Es war eine hohe, stattliche Erscheinung trotz des müden, zaghaften Ganges, mit dem sie sich vorwärts schob. Sie wankte mehr, als sie schritt. Sie schlug den Schleier zurück. Er enthüllte verweinte Augen und gramverwebte, aber noch immer schöne Züge. Bitte, nehmen Sie Platz!" Sie horchte auf. Der warme, herzliche Ton, mit dem diese Aufforderung gesprochen worden, kam ihr offenbar unerwartet. Ueberrascht blickte sie auf und nun sah sie in ein theilnahmvolles Antlitz und gute, Zuversicht verheißende Augen. . Oh mein Gott." hauchte sie. Sie jagen mich nicht hinaus als Mutter eines Schuldbeladenen? Soll das heißen, daß Sie Mitleid haben mit meinem wehzersleischten Herzen, und darf ich wirklich hoffen, daß mein

-Sohn Sie hatte flehend, Barmherzigkeit suchend, die gefalteten Hände erhoben. Ihr Sobn hat schwer gefehlt, das sieht fest, denn er zeigte sich des Vertrauen, das 'man in ihn gesetzt, in keiner H'msicht werth. Sie werden darum auch die Entrüstung begreifen, die mich erfaßte ganz plötzlich, im ersten Augenblick, da ich die Ueberzeugung gewann von dem, was sich zugetragen. Das war gestern aber inzwischen ist eine Nacht verstrichen! Ich habe Ihren Brief erhalten, der, ich gesteh' es offen mir sehr nahe ging! Außerdem habe ich selber alles - Für und Wider sorgsam zu Rathe gezogen! -- Danach zeigt sich der Vorfall für den; der ernst und' gerecht prüft, doch wobl in veränderter Gestalten!.

5üie Thatsache freilich, das Unrecht Jlzres Sohnes, bleibt bestehen, allein die Ursachen, durch die es überhaupt mög. lich wurde, erscheinen in einem anderen Lichte. Und zu durchaus nicht ganz geringem Theil berühren sie auch mich und mein Verhalten. Ich hätte mir sagen müssen: da befindet sich unter Deinen Angestellten ein junger Mann, der schmuck, von angenehmer Umgangsform und aus guter Familie ist. Er wird bestimmt den Verführungen der Weltstadt stärker ausgesetzt sein als jemand anders. Hüte ihn und gieb Acht, daß er nicht entgleise." Nein, nein! Bürden Sie nicht eine Schuld auf sich, die anderen zur Last gelegt werden muß!- Alles, was Sie sich aufhalsen möchten ich, ich ollein muß es tragen! Ich sah Erich's Hang zu Vergnügungen, ich wußte, daß er die Nächte durchtollte und da mußte ich mich doch fragen: woher nimmt er das Geld, solche Ausgaben zu bestreiten? Allein ich war zu schwach! Sie wissen, mein Mann ist todt;' ich besitze nur dies einzige Kind! Ueberhaupt sonst eigentlich nichts gar nichts auf der Welt! Oh. tmnn ich Ihnen erzählen dürfte, wie sich nach einer so glücklichen, hoffnungsreichen Jugend mein Leben, als ob ein Fluch darüber ruhte, von Jahr zu Jahr trostlofer gestaltete!" Bitte, meine gnädige Frau," sagte er ermunternd. Ihm war es zwar, als ob die Portieren raschelten, der sichere Beweis, daß Beate dahinter stand, um ihn zu rufen. Aber er konnte es nicht über's Herz bringen, die bedauernswerthe Frau hier, die eben all ihr Leid von sich zu werfen trachtete, fortzuschicken, bevor sie diese Erleichterung gefunden. Sie stand bisher, den Arm gestützt auf den Sessel, den er ihr sofort beim Eintritt geboten. Jetzt erst setzte sie sich auf seine erneute Aufforderung. Ich bin die Tochter eines hohen Staatsbeamten. Meine Eltern waren sehr wohlhabend und so ließ sich mein Vater früh pensioniren. Wir wohnten in Freienwalde " Er fuhr zusammen. Kennen Sie dies wunderherrliche, mit allen landschaftlichen Reizen ausgestattete Städtchen?" Ganz oberflächlich! Wenigstens glaube ich mich zu erinnern. Aber fahren Sie gefälligst fort!" Und sie erzählte. Er freilich hörte kaum auf die Worte, die an sein Ohr schlugen. Mit schaffendem Auge schüttelte er die Jahre von der gramgedrückten Frau und dachte- sich die Furchen fort aus dem Antlitz, in das sie jetzt der Kummer gezeichnet) Dann wandte er sich ab, damit '.sie nicht die tiefe Bewegung erspähe, die sich auf seinen eigenen Zügen aufprägte. So!" saqje sie, sichtlich erleichtert, als sie zu Ende gekommen. Ich darf wirklich hoffen, daß Sie meinem Sohne verzeihen und ihn " Jawohl!" versetzte.- er ernst und fest. Ihr Sohn verbleibt in seiner Stellung ich verspreche es Ihnen! Was er gefehlt, ist ausgelöscht aus meiner Erinnerung; kein Mensch wird Kunde davon haben, ebensowenig wie das bis jetzt geschehen! Und daß er nicht etwa von Seuem strauchle, dafür werden wir Beide sorgen, indem wir ihm mit Umsicht und Entschiedenheit den Halt bieten, dessen die Jugend nun doch einmal bedarf, wofern sie ungefährdet durch das Auf und Nieder des Daseins klimmen soll. Passen Sie auf: die Früchte unseres Thuns werden nicht lange auf sich warten lassen! Bald wird Erich wieder brav und strebsam sein, die Verwirklichung aller Wünsche, die Sie gehegt. Selbstverständlich werde auch ich das entsprechend belohnend Seine Stellung wird besser, sem Gehalt größer! : Infolgedessen können Sie sich manches gönnen, worauf Sie augenblicklich zu meinem eigenen Leidwesen verzichten müssen! Jawohl, das werden Sie das müssen Sie thun! Der Kummer, die Sorge hat Sie niedergedrückt. Sie bedürfen einer eingehenden Pflege das sieht Jedermann! Nun wohl: ich werde das Gehalt Ihres Sohnes bereits vom nächsten Monat an erhöhen! Nur mache ich mir's zur Bedingung, daß das Mehr, das er künftig erhält, einzig und allein ,JHnen, seiner Mutter, zugute kommt!" Sie sah ihn wie irren Auges an. ' Das wollen Sie! ' Oh mein Gott, man H5t mir immer erzählt, wie gut und hilfsbereit sie sind! Allein das das wäre zu viel!" Ehe er's verhindern konnte, faßte sie seine Hand und preßte ihre Lippen darauf. Der Mann entzog ihr die Rechte mit schneller Gebärde. . Aber er sprach kein Wort Er hätte es auch nicht vermocht. Todtbleich war er, und mühsam entrang sich der Athem der wie von plötzlichem Kampf gepackten Brust. , ...... Da umschlang die Frau mit beiden Händen nochmals seine Rechte. Alles Empfinden, das ihr Herz durchströmte, war darin ausgedrückt. Und er beließ lange, wie mit unsäglichem Wohlge--fühl die Hand in dieser Umgürtung . . Gehen Sie." sagte er dann leis?; gehen Sie, mit Gott!" Frau Beate's kluges, gutes Gesicht lugte durch die Portieren. Mein armer Mann!" sagte sie, in's Zimmer tretend. Wie hungrig mußt Du sein! Aber nun wollen wir auch endlich zu Mittag essen!" . Noch ein paar Minuten! Ich bin zu abgespannt, zu erregt! Komm,-

setz' Dich zu mir!' Er zog sie neben sich'auf das Sopha und begann: Ich will Dir etwas, erzählen! Eine Episode ajis meinem Leben, die ich nicht gern berühre! Aus einem Grunde, der Dir einleuchten wird! Du weißt, Beate, ich bin aus niederem Stande, recht und schlecht armer Leute ftinb, wie man zu sagen Pflegt! Alles, was ich geworden, danke ich Deinem edlen Vater, dcr mir nicht allein seine Tochter, sondern auch die ses blühende Anwesen und seinen Namen gab " Jawohl, denn sie sind eng verwach sen mit dem. was ich berichten will! Trotz der Dürftigkeit, die bei uns herrschte, wußte meine Mutter es zu ermöglichen, daß ich das Gymnasium besuchen konnte, und da ich schnell begriff, kam ich auch flink vorwärts. Das Städtchen, wo wir wohnten, ist ein bekanntes Stelldichein der Stände, die sich alle Behaglichkeiten des Daseins verstatten können. Mit schroffern Kastengeist scheiden sie sich denn auch von den ärmeren Klassen, ja sogac von der erwerbenden Bürgerschaft. Ich glaube, ich war der erste, der auf dem noch jungen Gymnasium in die höchsten Klassen gelangte, und der Tag war in Sicht, an dem ich mein Abiturientenexamen ablegen sollte." Gewiß, Du bestandest es!" Allerdings! Ich, der einzige Unbemittelte zwischen den Söhnen reicher, angesehener Familien! Nun ist es Sitte auf jenem Gymnasium, daß den jedesmaligen Abiturienten von den Honoratioren der Stadt eine Festlichkeit, verbunden mit einem Balle, veranstaltet wird. Oh. wie ich mich freute, daran theilnehmen zu dürfen! Die eng-, schnürenden Fesseln der Armuth, die ich bisher so oft verspürt, waren abgestreift. Als Gleichberechtigter sollte ich nunmehr unter Leuten scheint??, die bisher himmelhoch über mir gestanden!" W'eiter. weiter!" drängte Beate. Der Abend kam. Erlaß mir die Einzelheiten. Ich war wohl linkisch und ungelenk kein Wunder, denn ich fühlte mich befangen angesichts der gesellschaftlichen Sicherheit, die sonst alle Welt in diesem Kreise zeigte. Nichtsdestoweniger suchte ich mich zu behaupten mit dem Muthe, den die Jugend verleiht. So traten wir zum Contre an; mir war es gleichfalls geglückt, eine Dame zu erhäschen. Eine Tour wickelte sich nach der andern ab, und es kam die letzte, komplizirte, wo sich sämmtliche Paare im Tanze durcheinander mischen. Da mit einem Male wir wollten uns eben zu Reihen zusammenschließen verweigerte mir die Dame, der ich die Rechte entgegenstrecke, ihre Hand!" . Ah!" rief Beate entrüstet. Welche Schmach!" ' ' Das sagte ich mir auch! Noch fühle ich, wie mir die Wangen brannten vor Scham, vor Wuth! Alle Welt war hinzugetreten sie aber stand noch immer da, erhobenen Hauptes, mit herausforderndem Blick, die verweigerte Hand fernab gestreckt. ' Ich wußte es wohl: sie war ein schönes, stolzes Mädchen, die Tochter einer der vornehmsten Familien im Ort. Selbstverständlich erregte die Szene das. denkbar peinlichste Aufsehen, und ältere besonnene Leute . darunter auch mein so guter, humaner Direktor suchten vermittelnd einzugreifen. Vergebens, das Mädchen verharrte in seinem Widerstand! Ich aber eilte hinaus - " Die Erbärmliche! Was mußt Du gelitten haben!" ' Frage mich nicht! Oh. die verweigerte Hand sie verfolgte mich, sie ' schwebte mir vor Augen bei allem Glück, bei allen Ehrungen, die mir später das Leben in so reichem Maße bot! Inzwischen ist fast ein Men schenalter oerflossen rnd nun denke Dir, Beate: jenes Mädchen, das mir damals so weh that es ist die Mutier des jungen Mannes, den ein Wort von mir der ewigen Schande preisgeben könnte die Frau, die soeben lange, mit innigem Dankgefühl, beide Hände um meine Rechte geschlungen hatte die ich nur mit Mühe davon abbringen konnte, daß sie ihre Lippen darauf preßte!" Aber Du hättest ihr doch wenigstens sagen sollen, daß Du es bist, gegen den sie sich einst so hoffärtig benommen!" . .Dr. Foregger schüttelte das Haupt. Nicht doch. Beate! Erwäge nur, wie grausam . das Geschick der Vedauernswerthen inzwischen mitgespielt! Sollte ich all das Weh. das in ihrer Brust aufgespeichert ist, noch erhöhen, indem ich feurige ' Kohlen auf ihr Haupt sammelte?" . Der Mensch, sein eigner Todten grüber.

Von Moritz' Gottlieb Saphik, dem bekannten Humoristen, der 1858 zu Baden bei Wien d?s Zeitliche segnet stammt folgende lehrreiche Senlenz: Mit zwölfe' Jahren' begräbt der Mensch seine lachende Kindheit, mit achtzehn Jahren Mne .rosige .Jugend; mit zwanzig Jähren . begräbt er seine erste Liebe, mit' dreißig seinen Glcuben an die Menschheit; mit vierzigMhren begräbt " er seine Hoffnungen, " mit' fünfzig bereits seine Wünsche; mit sechzig Jahren begräbt er sogar nach und nach seine fünf Sinne,- bis end " lich selber begraben wird.

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