Indiana Tribüne, Volume 29, Number 157, Indianapolis, Marion County, 26 February 1906 — Page 5

Im Sanatorium.

Von Gertrud Angely. , Doktor Erxleben sieht am geöffneten Fenster seines Studirzimmers und blickt in den kalten, klaren Herbstmorgen hinaus. . Der Gärtnerkommt mit seiner Karre näher und lüftet leicht die Mutze. Morgen, Herr Hofrath, 'n bischen kalt heute! Aber die Sonne kommt durch. -Wir müssen die Liegestühle wohl alle nach der Wartburgseite schasfen, da bleibt sie am längsten." Jawohl, Jahnke, sorgen Sie dafür. Zxranz kann helfen, ich brauche ihn jetzt nicht." " Mit einem Frösteln schließt der Hofrath das Fenster. Die gegenüberliegende Thür hat sich geöffnet und einen leisen Zugwind verursacht. Der Postböte kommt mit gewichtigen Schritten herein. Ein Mann, der sich seines Werthes bewußt ist. Sein Erscheinen bildet hier oben auf der Falkenburg das Ereigniß des Tages. Man lauert ihm schon auf der Landstraße auf. Man umschmeichelt ihn, man nennt ihn lieber Herr Wendt", und er läßt sich das mit einem Schmunzeln gefallen. Aber er bleibt unbestechlich. Alles muß seine Ordnung haben. Erst bekommt der Hofrath seine Briefe, und dann kommen seine Patienten heran. 'n bißchen viel heute, Herr Hofrath! Acht Briefe und 'ne Menge Druckfachen. Da bekommen wir das Haus wieder voll zum Winter." Damit geht er ab. Der Doktor sieht die Briefe durch. Poststempel Königsberg. Noch einmal derselbe Stempel. War nicht für heute eine Patientin da oben aus Ostpreußen angemeldet? Ja richtig, aber der Krankenbericht fehlte noch. Er lehnt sich in seinen Stuhl zurück und erbricht das erste Schreiben. Hohenholz bei Königsberg. Sehr geehrter Herr Hofrath! Vergeben Sie einer alten, müden Frau, der ein hartes Schicksal vieles genommen, wenn sie sich heute vertrauensvoll an Sie wendet. Unser langjähriger Hausarzt Dr. Pirch wird Sie I eingehend über das Leiden meiner EnMin, Jutta von Halden, unterrichtet haben. Ich komme nun zu dem bewährten Psychiater mit einer dringenden und angsterfüllten Bitte. Machen Sie mir das Kind gesund. Herr Hofrath! Meine lebensfrische Enkelin heirathete vor deri Jahren den Sohn unseres Gutsnachbarn, Kurt von Halden. Das Glück schien einmal in Gebelaune und sein ganzes Füllhorn über diese beiden Menschenkinder auszuschütten. So meinten die Unbetheiliaten. Wir sahen tiefer. Ein dllsteres Ereigniß aus den Kinderjahren hatte Kurt zu einem ernsten, grübelnden Manne gemacht, den nur die Liebe zu Jutta vor Trübsinn bewahrte. So schlössen sie den auf gegenseitige Liebe gegründeten Bund sür's Leben. Für's Leben! Ach, wie grausam kurz kann es manchmal sein! Ein Jahr darauf fiel Kurt in einem Duell mit seinem Schwager. Jutta glaubt noch heute an ein Jagdunglück, und wir wollen sie dabei belassen, nicht wahr? Sie kehrte dann zu mir in die alten BerHältnisse zurück, und allmählich wan delte sich ihre leidenschaftliche Trauer in eine anhaltende Schwermuth, die nicht mehr weichen wollte. Besonders, wenn die Herbststürme draußen der Natur ihr Sterbelied singen und die Erinnerung an jene grausigen Tage neu beleben, verstärkt sich ihre Melancholie. Im vorigen Jahre sollte der lachende Frühling Italiens ihr Herz mit neuer Hoffnung erfüllen, aber es war wohl noch zu früh. Wir kehrten bald wieder heim. Nun sind wir noch nicht weiter als damals. Und Jutta ist noch so jung. Kaum vierundzwanzig Jahre! Ist es da nicht hart, an ein in der Blüthe geknicktes, vielleicht zerbrochenes Leben zu glauben? Herr Hofrath, ich habe so viel Rühinens von Ihnen geh'öri. Nun helfen Sie auch meiner Juta, und seien Sie überzeugt, daß die Dankbarkeit einer einsamen Frau Sie immer begleiten Wird. Mit vorzüglicher Hochachtung . . Ihre sehr ergebene Elisabeth von Wertern." Doktor Erzleben läßt den Brief sinki. und ein gerührtes Lächeln umspielt seinen Mund. Welche Todesangst spricht aus diesen Zeilen! Machen Sie sie gesund!" Unser Wissen ist Stückwerk, meine liebe Frau von Wertern. aber was an mir liegt, soll geschehen." Dann erbricht er das Schreiben deö Doktor Pirch. Ein sachlicher Krankenbericht. Aber aüch ihn hat die Sorge diktirt. Beide Briefe' werden in dem Notizbuch verwahrt,' in denvaus einem sonst unbeschriebenen Blatte Jutta von Halden, geb. von Wertern, Hohenholz bei Königsberg" vermerkt ist. Dann klingelt der Hosrath, nachdem er einen Blick in 'den Spiegel gewarfen hat, der ihn, wie stets, befriedigt. Er weiß, daß er gut aussieht, aber er stellt diefe Thatsache immer wieder gern fest. Ich lasse Frau Oberin bitten!Fräulein Arnim ist eine sympathische Erscheinung, Ende der Dreißiger, mit lebhaften, braunen Augen und leicht ergrautem Haar. Guten Morgen, Herr Hofrath, Sie wünschen?" Ach, guten Morgen . meine liebe Frau Oberin. Wollen Sie Sorge tragen, daß eins 'der - Wartburgzimmer für eine Frau Halden, die wohl mit

dem Mittagszuge ernmm, reiervnl

wird. Sie liegen sonnig und haben die beste Aussicht, und die zunge Frau bedarf einer . freundlichen Umgebung. Sie hat ein schweres Schicksal gehabt. Die Wartburgzimmer sind alle beW erwidert Fräulein Arnim unter heißem Errotben. Sie errothet im mer, wenn sie mit dem Doktor spricht. und er ist ihr dankbar dafür. Bis auf das kleine hier über dem Ihren, das ja frei bleiben soll, damit Sie nicht gestört werden! In diesem Falle kommt das nicht in Betracht. Die kleine Frau soll das Zimmer haben." Noch einen Abschiedsblick dann geht die Oberin. Der aus Berlin kommende Schnellzug fährt in die, Bahnhofshalle ein. Der Gepäckträger nimmt Jutta von Halden die kl eineHandtasche ab, und ein großgewachsener, vornehm aussehender Herr händigt ihm den GePäckschein aus. Ein kurzes, leises Lebewohl, Onkel Heinrich, es war so lieb von dir, daß du mich auf der langen Eisenbahnfahrt begleitet hast!" Dann schließt der Diener, dessen Mütze die Aufschrift Kuranstalt Falkenbura" trägt, den Wagenschlag, und langsam rollt das Gefährt die Anhöhe hinauf. Thränen stehen in Jutta's Auqen. Ein Frösteln durchschauert sie. Der Sommer ist gegangen, der Herbst ist da. Dann kommt ein langer, tröstloser Winter. Und sie ist allein. Immer allein. Und so wird es bleiben. ein langes Leben hindurch. Sie sieht auf zu den Bergen, von denen ihr Hilfe kommen soll Hilfe und Trost. Hier soll sie wieder an das Glück glauben lernen. Glück! Ach, du flüchtige Göttin mit den Seifenblasen! Ein Windhauch, und sie zerstieben, und dahinter lauert die große Leere. Die Falkenburg ist eine Anstalt für Nervenleidende. Nervöse aller Art werden hier behandelt. Auch gegen Melancholie und Neurasthenie zieht Dr. Erxliben siegreich zu Felde. Aber geradezu Wunderkuren macht er an hysterischen Frauen. Das Geheimniß seines Erfolqes ist seine Konsequenz und Energie, vielleicht auch seine strahlende Licbenswürdigkeit außerhalb seines ärztlichen Berufes. Im Ganzen ist es eine Anstalt für leichte, hoffnungsvolle Fälle. Die Lage ist großartig. Das Sanatorium liegt mitten im Thurmger Walde. Jetzt hält der Wagen, Fraulem Arnim nimmt den neuen Ankömmling in Empfang und führt ihn in das sonnige Wartburgzimmer. Ach, wie hübsch! Soll ich hier wohnen?" Herr Hvfrath hat es so angeordnet. Nun bitte ich gnädige Frau, sich ein wenig zur Table Tliote zurecht zu machen, wir sind gerade beim Essen. Nach ein paar Minuten öffnet Jutta die Thür zum Speisesaal, in dem an drei langen Tafeln die Gäste der Falkenburg sitzen. Eine großeStille folgt ihrem Eintreten. Fllnfundsiebzig Auqenpaare sind auf sie gerichtet, mit Wohlwollen. Ihr junges, liebreizendes Geucht, ihre vornehme Erschernung. die tiefe Traucrkleidung siegen auch hier. Man wird sich ihrer annehmen, sie soll es gut haben! Die Oberin führt sie an ihren Platz. Darf ich Sie mit Ihren Nachbarn bekannt machen, gnädige Frau? Frau Geheimrath Krieger, Fräulein Meister, Frau von Meinhard, Herr Doktor Tschernow Frau von Halden aus Königsberg." Leichte Verbeugungen, dann ist die, Ordnung wiederhergestellt. Sie sind Königsbergerin, gnädige Frau?" fragt Fräulein Meister, ein nicht mehr junges, intelligent aussehendes Mädchen. Mein Bruder steht dort bei der Artillerie, vielleicht kennen Sie ihn?" Du lieber Gott, ja, sie kannte ihn! Ein äußerst fader Mensch, sie hatte häufig in früheren Jahren mit ihm getanzt. Resignirt schiebt Jutta ihren Teller beiseite. Sie sieht ein, daß dieser Bruder erst abgethan sein muß, ehe sie weiter essen kann. Frau Geheimrath Krieger erzählt eine langathmige Geschichte von einem Vetter, der vortragender Rath im Ministerium ist. aber da sie immer von diesem Vetter erzahlt, so hört Niemand mehr hin. Juttas Augen suchen den Hofrath. Oben an der Tafel sitzt ein elegant und distinguirt aussehender Mann, ungefähr Mitte der Vierziger, mit einem kleinen Schnurrbart, der durch seinen schwarz geränderten Kneifer scharf zu ihr herüber sieht. . Jutta stellt fest, daß es der Hofrath ist, und wendet sich dann Frau von Meinhard zu, die schon seit einiger Zeit auf sie einspricht. Sie werden Ihr Wunder erleben, gnädige Frau! Der Doktor ist ein reizender, ganz charmanter Mann. Und Kuren hat er schon gemacht! Es ist zum Staunen. Ich bin nun zum drittenmal hier. Bei mir hat sich nämlich nach der Influenza" Jutta hat sich voll Ergebung Frau von Meinhard zugewandt und ist entschlössen, deren ganzen Krankenbericht anzuhören, als die Oberin ihr' mit feinem, humoristischem Lächeln zunickt. Bitte, Frau von Meinhard, über Krankheiten darf nicht gesprochen werden!" Dann erhebt sich der .. Hofrath und mit ihm die ganze übrige Gesell schast. Er geht auf Jutta zu Sein Gang ist nicht frei von Koketterie

Doktor Erzleben machte eö Ihnen bei. uns gefallen, gnädige Frau!" Damit reichte er ihr, die Hand, eine lange, schmale, wohlgepflegte Hand. Um fünf Uhr bitte ich, sich in mein Sprechzimmer zu bemühen, es fliegt gerade unter dem Ihren!" Noch eine Verbeugung. Dann wendet er sich zum Gehen. Umsonst, er wird von einem Kreis von Damen umringt, denen er Rede und Antwort stehen muß. Und trotz der gutgespielten Verzweiflung, die er

durch Auaenauffchlagen und Achfelzucken zu verstehen gibt, ist ihm dies Geplänkel mit so viel netten Damen nicht unlieb. Ja, er hatte etwas entbehrt, wenn sie ihn ruhig hätten gehen lassen. Wahrend er einen nazewelsen Backfisch, der sich gegen die verordnete Massage auflehnt, mit dem liebenswürdigsten Lächeln zurechtsetzt, j&eobachtet er Jutta, die mit zusammengezogenen Augenbrauen seinem lebhaften Gestikuliren und seiner etwas lispelnden Sprechweise folgt. Die beiden Augenpcrare begegneten sich eme Sekunde. Dann wird sein Antlitz plötzlich ernst. Er läßt seine Bewunderinnen stehen und geht davon. Sehen Sie. meine liebe Frau von Halden," klagtFrau Gehe?mrath Krieger, so macht er es immer! Mit einem Male wird es ihm zuviel" . Oder er schämt sich seiner Albernheit," wirft Jutta hart ein. Aber, aber, aber . . . Frau Geheimrath ist außer sich. Das muß sie sofort Frau von Meinhard erzählen. Diese junge Frau! .. Es ist fünf Uhr. Jutta ist von einem Spaziergange nach der Wartburg heimgekehrt. Sie kühlt ihre brennenden Augen, dann vertauscht sie ihr Reisekostüm mit einem enganschließenden, eleganten Tuchkleid und begibt sich in's Sprechzimmer. Doktor Errleben erhebt sich von sttnem Sessel. Ich muß sehr bitten. qnädlgeFrau. in Zukunft pünktlicher zu sein, ich warte seit einer halben Stunde!" Jutta schlagt die großen, blauen Augen erstaunt zu ihm auf. Wie? Ist dieser Mann, der mit der ruhigen Würde eines erfahrenen Arztes auf sie zukommt, derselbe, der tm Eßsaal so fade scherzen konnte? Sie steht einen Augenblick rathlos. Ich bitte um Verzeihung, ich dachte" ... Er ist entwaffnet und sieht freundlich zu ihr herunter. Da bemerkt' er, daß sie geweint hat. Armes Kind, sagte er leise. Sie senkt das von schweren, aschblonden Zöpfen umrahmte Köpfchen, und heiße Thränen fallen auf ihre verschlungenen Hände. Er führt sie sorgsam zum Sessel und nimmt ihr gegen-. über Platz, dann sieht er ihr scharf in die Augen und fragt in beschwichtigendem Tone: Ihr Vater starb ein paar Monate vor Ihrer Geburt? Auch ihre Mutter habe Sie kaum gekannt?" Nein, ich wurde be: meiner Großmutter erzogen." Und blieben dort, bis Sie betratheten?" .Ja. Das heißt, ich war inzwischen ein paar Jahre in Königsberg in Pension. Ihr verstorbener Gatte war Gutsbesitzer?" Ja, Goldbach ist Majorat. Es ist ein Nachbargut von Hohenholz, das meiner Großmutter gehört. Jetzt fällt es einer Seitenlinie zu, da mein Mann und seine Schwester' kinderlos gestorben. sind. . Und Geschwister haben Sie auch nicht?" Nein, ich bin ganz allein!" Er erhebt sich und streicht ihr leicht mit der Hand über den Kopf. So, mehr brauche ich nicht zu wisen," sagt er dann in verändertem. gleichgültigem Tone. Nun darf ich mich wohl noch überzeugen, ob Herz und Lunge gesund sind!" Jutta ist wieder in ihrem Zimmer. Von unten herauf tönt das Plaudern und Lachen der Patienten auf den Liegestühlen. Es ist dunkel und kalt draußen. Aber sie sind abgehärtet. Ein Student, der die Folgen eines' Gelenkrheumatismus hier überwinden oll, erzahlt eme Anekdote nach der anderen, und man belacht ihn dankbar. Auf der Falkenburg hat er sein Publium gesunden. Jutta kann sich nicht nt schließen, hinunterzugehen, obgleich der Hofrath ihr gerathen hat, sich an die harmlose Jugend, die im Speisesaal einen ganzen Tisch für sich allein beansprucht, zu halte. - Frau von Haldens Erscheinen macht Aufsehen im Sanatorium. Man spricht von ihr in einem mitleidigen Tonfall, man beschäftigt sich mit ihrer Vergangenheit, und man ist einstimmig der, Meinung, daß so viel Liebreiz, Anmuth und Grazie schwerlich zum zweiten Male in einem Menschen vereinigt seien. Sie fühlt dieses aufdringlicheWohlwollen, und es wäre ihr sehr unbequem. wenn das gewissenhaste Einhalten ihrer Kur sie nicht stark in Anspruch nähme. Sie muß lachen, wenn sie denkt, mit welchen Mitteln man ihre Schwermuth bekämpfen und ihr neuen Lebensmuth einflößen möchte. Ob all das viele Wasser dazu wohl nöthig ist? Aber der Doktor ist unerbittlich. ' Morgens, wenn sie in den besten Träumen liegt, erscheint im weiß- und j schwarz-karirten Kleid, appetitlich und

rosig, Frau Schröder und reibt dt er.

schlafsten Glieder mit Spiritus ein. TNfca Vntvk V.!.. C.!l ?? C - uw uiz Jen sur oas icylennadelbad und die abendliche Packung verabredet. Nach dem Kaffee kommt die Consultation beim Hofrath. Nun, gnädige Frau, wie war die VlCLCQl i . Danke, leidlich." ..Leidlich? Sie sollen einmal zu mir sagen: Doktor, ich habe prächtig geschlafen! Ich habe mir überlegt, wie schön es hier ist, wie gut es alle mit mir memen, und wie bald der Herbst davongeht und der Frühling kommt." Wie ist es mit dem Gewicht?" Ach Gott, Herr Hofrath, ich soll vier Pfund zugenommen haben, die Waage ist liebenswürdig!" -Oder der Bademeister", bemerkt er lächelnd. Aber warum so skeptisch? Sie sehen schon viel wohler aus. Nun wollen wir das schmerzende Köpfchen elektrisiren. Ist der Strom zu stark? Einen Augenblick, er wird gleich schwächer!" Ter elektrische . Strom erzeugt so starke Kopfschmerzen, daß Jutta zusammenzuckt. Da streicht er über die mißhandelte Stirn. ..Armes Kleines, thut'S so weh?" Sie zuckt zusammen und sieht ihn ängstlich an. Er reicht ihr die Hand. Danke, gnädige Frau, wir sind fertig." Frau von Halden hat einen Freund gefunden. Er ist Primaner und einer der Kränksien der Anstalt. Er ist in beständigen Nöthen und wendet sich mit all, seinem Jammer an die, junge Frau.' Sein Zimmernachbar ist abgereist, und nun soll er da oben ganz allein schlafen. Jutta tröstet ihn und verspricht, mit dem Doktor zu sprechen. Aber das ist nicht so leicht. Der Schwärm seiner Anhängerinnen ist schwer zu durchbrechen. Eben jetzt tönt das laute Lachen des Hofraths bis hierher. Er kann so herzlich lachen, und sie hört es gern. Es ist jedoch seltener geworden. Sie soll viel spazieren gehen und bittet den Primaner, sie zu begleiten. Der möchte gern, aber er darf nicht. Seine zwei Stunden auf dem Liegestuhl sind noch nicht abgelaufen. So macht sie sich allein auf den Weg. Doktor Erzleben erblickt Jutta, wie sie den Laubengang entlang geht. Er verabschiedet sich mit vielen, wortreichen Entschuldigungen und sehr geschmackvollen Verbeugungen von semen Vewunderinnen. Ein kleiner Blick in den Taschenspiegel, ein kurzer Ruck an der Weste, dann pfeift er seinemHund und folgt ihr. An der AusgangsPforte treffen sie zusammen. Vermuthlich wollen Sie spazieren gehen?. Ich werde mich anschließen, gnädige Frau." - .Seine Selbstverständlichkeit erweckt ihre Opposition. Er merkt es und lächelt. Aber die Autorität des Arztes siegt, sie fügt sich schweigend. In Ihrer Heimath sitzt man jetzt im geheizten Zimmer und trinkt Grog, nicht wahr?" - Nein, man jagd Eisbären!" In demselben Augenblick thut ihr das rasche Wort leid und sie bittet ihn um Verzeihung. Sie weiß, er hat es gut gemeint, aber sie 'ist noch so schrecklich empfindlich. Jedes Wort thut ihr weh. Er streift ihr Antlitz mit- einem nachsichtigen Lächeln. Dann, nimmt er ihre Hand. Sie sind ein Kind und zwar ein sehr liebes. Aber Kinder sind manchmal vorlaut!" Sie entzieht ihm ihre Hand und streichelt seinen Hund. Ein schönes Thier!" Ja, etwas muß man doch haben, woran das Herz hängt!" Man kann auch sein Herz an zu vieles hängen, und dann darbt man doch!" Er stößt einen leisen Pfiff aus und sieht sie scharf von der Seite an. Doch jie spricht ruhig weiter: Ich habe aus der nur meine Großmutter. Wenn sie einmal stirbt, bin ich ganz allein.... Da schießt nun so ein Mensch mitleidlos den an-deren-todt und bedenkt nicht, daß er damit einen Doppelmord begeht!" Aber gnädige Frau, Ihr Gatte ist doch auf der Jagd verunglückt!" . Lieber Herr Hofrath, lassen wir das. Ich bin kein Kind mehr, wenn Sie es auch eben meinten. Mein armer Mann wurde von seinem Schwager im Duell erschossen. Der Schatten. der auf seine Kindheit fiel, hat schließlich auch seinen 200 veruriaazl. Kurt hatte eine einzige, geliebte Schwester."... Und leise, während sie sich ermüdet auf eme Bank nleoerläßt, erzäblt sie eine lange, traurige Geschichte von einem Knaben, der im Uebermuth seiner Schwester das Auge ausgeschlagen hat, so daß sie nun.trotz eines künstlichen, für immer entstellt war, von seiner leidenschaftlichen Reue, von bitteren Selbstvorwürfen, von seiner Liebe zu dem Nachbarskind. ... Doktor Errleben, der sich an einen Baum gelehnt und mit seinem Stock Figuren in den Sand gezeichnet hat, ; entledigt sich schweigend seines Havelocks und hüllt ihre fröstelnde Gestalt sorgsam darin ein. Sie wehrt sich, j aber es hilft ihr nichts. Dann fährt j sie fort: Erst als' meine Schwägerin .nach einer Halsoveration den berühmten Chirurgen der. Klinik Professor. Ber-

ner heirathete, lebte mein Mann aus und fand den Muth, auch für sich ein Lebensglück zu suchen. Die Ehe meiner Schwägerin war' nicht glücklich, und das zehrte an Kurt. Ein paar Wochen vor seinem Tode starb seine Schwester plötzlich. Ein ' Brief an meinen Mann klärte diesen darüber auf, daß sie-freiwillig aus dem Leben r -r i . - .

?cmeo. le muß ihm auch ihre Gründe mitgetheilt haben. Kurt war von da an ein gebrochener Mann. Dann reiste er zur Beerdigung nach Berlin, und ein paar Wochen darauf" Mein Kleines, mein armes Kleines, nicht weinen! Sie sind jung.-das Leben liegt vor Ihnen. Auch Ihnen streut es noch seine Rosen. Sie sinden noch ein neues, reiches Glück." Nein, nein, Herr Hofrath. Mein Glück haben sie damals mit meinem Manne davongetragen. Ich will ihm oie reue hatten. Treue, mein armes Kind, in 5lbren Jahren? -Und. einem Todten? Meinen Sie, daß das möglich ist?" Sie sieht ihn lange sinnend an. dann bedeckt eine belle Rötbe ibr Ant- ,, lltz. Einem naßkalten, unfreundlichen November ist ein klarer December gefolgt. Die Lieaestüble find lanast in die große, geheizte Wandelhalle geschafft, wo auch das -Billard steht. Doktor Tschernow und der Hofrath lind eifrige Spieler. Gegen Abend treffen sie sich dort. Dann sind alle Liegestllhlk von Damen eingenommen. Aber es ist leerer geworden auf der Falkenburg. AZeihnachten sieht vor der Thür, und da hat schon manchen Patienten die. Sehnsucht nach Hause getrieben. Es ist auch nicht mehr so amüsant. Doktor Errleben ist erüschieden, ein anderer aeworden. seitdem Jutta in ihrer schlichten Weise einmal . . r. i tr (vr.i . :. gcauße yai, oay oie noeiung u mcler Damen eine ungesunde Kost für ihn sei. . Die beiden sind sebr aute freunde geworden. -Sie gehen viel zusammen spazieren, und er versieht sie mit Lektüre aus seiner Bibliothek, die er sorgfältig auswählt. Darüber vernachlässigt er entschieden 5?rau Gebeimratb Krieger und Frau von Meinhard. Ja, man munlelt sogar, daß er dieser emmal ganz derb die Meinung gesagt habe. Aber das ist wobl Verleumdung. Thatsache ist nur, daß auch sie zeit ewiger Zeit von Abreise spricht und merklich kühler zu Jutta ist. Doktor Errleben sitzt an seinem Schreibtisch und blickt, in Gedanken verloren, vor sich hin. Es ist sehr still im Hause. Die helle Mittagsonne hat die Patienten in's Freie gelockt. . Nur über sich hört er leichte Tritte. Jetzt steht sie wohl am Spiegel und ordnet ihr reiches, blondes Haar. Und nun vertauscht sie den Morgenanzug mit dem eleganten Voilekleid, dessen Rauschen er bis hierher zu hören meint. O, er weiß genau mit ihren Gewöhnheilen Bescheid. Warum sie nur immer schwarz trägt! Mein Gott, sie ist doch im ganzen viel heiterer geworden; und er merkt es genau ein sonniges Leuchten geht bei seinem Erscheinen über ihre Züge. Aber sie verschweigt thm etwas! Es lastet noch ein Druck auf ihr. den sie ihm nicht verrathen will. Sie weicht ihm manchmal so scheu aus, wenn er m seinen Gesprächen persönlicher wird. Nun ist es still da oben. Die Thür geht, und ihr leichter Schritt wird auf der Treppe hörbar. Er erhebt sich hastig und reckt die Arme in die Höhe. Jutta Kind was hast du aus mir gemacht!" Dann verlaßt er sein Zimmer und trifft in der leeren Vorhalle mit ihr zusammen. Wer ist heute mcht zum Elektrisiren gekommen?" Ach, Verzeihung, Herr Hofrath, ich war so müde, die Nacht war schlecht gewesen. Da hab' ich's nnfach verschickn." Na, na, meint er zweifelnd. Wollen wir es nachholen?" Ich glaube, ein Spaziergang wird uns ebensogut sein. Kommen Sie mit?" Gern, wenn Sie versprechen, Gummischuhe anzuziehen und diesen kleinen UmHang mit. einem warmen Mantel zu vertauschen!" Sie fügt sich. Sie ist sehr gehörsam geworden. Eine Widerrede würde auch zu Nichts fuhren. Das weiß sie. Entzückend sieht' sie aus n dem Pelzmantel und dem Mützchen,, unter dem ihr seines Gesicht keck und unternehmend hervorsieht. So geht sie tapser vor ihm aus dem glatten, schmalen Weg. Er verzehrt sie mit seinen Blicken. Die so lange verhaltene Leidenschaft bricht sich Bahn. Jutta, ich liebe dich!" Er reißt sie in seine Arme und küßt sie heiß und innig. Emen Augenblick laßt sie es geschehen und schließt überwältigt die Augen. Ihr Kopf ist an seine Schulter gesunken. So stehen sie eng äneinander geschmiegt, sie haben mt Welt um sich her vergessen.. Dann lost Txi sich plötzlich aus feinen Armen, und ein weher Zug breitet sich über ihr Antlitz. Herr Hosraty, wie konnten Sie?" Dann erstickt ein Schluchzen ihre Stimme. - . ' Mein Leben gehört Kurt, ich habe es ihm in einer heiligen Stunde ver-sprochen!- . . .- -

n seinen Augen blitzt es aus. Also das ist ihre Zurückhaltung! Ein Versprechen bindet sie an den Todten!

Gegen, einen Schatten hat er alle die I ?m i . : . Zonale gttampst! Endlich lächelt, er mühsam. " ... Die Todten stehen nicht auf, Jutta! Sie haben kein Recht auf unser Leben. .Ihnen gehört unser Mitleid und unsere Trauer. Wir wollen sie beweinen und .ibnen ein dankbares Erinnern bewahren. Unser Dasein gehört ihnen nicht mehr! Sieh, m?tt Qfi l& t.(. Ts: i : iuj lyuuc am VVll UlClUCt Frau erzählt und meinem Knaben. Auch sie waren mein köstlichster Besitz. Und doch habe ich wieder gelernt, das Leben lieb zu gewinnen und in meiner Arbeit Ersatz zu finden, nachdem der Tod sie mir geraubt. Nun bin ich ein alter Mann und strecke noch einmal, meine Hand nach dem Glück aus.' Aber meine Kraft ist unverbraucht. Sie soll dich halten und stützen. Ich will dich auf Händen- tragen, Jutta; mein kostbarstes Kleinod sollst du sein." Dann hält er überwältigt inne. Ich habe dich so unbeschreiblich lieb!" Ihre großen Augen sind träumerisch in die Ferne gerichtet. ' Sie athmet tief auf. Du willst mich halten und stützen du willst den Vann von' mir nebmen: an oemem großen vcrzen toll icu , . v geiunoen! Ach, ich vanle dir! V V VV MVHiV W V j mir so fest vertraute?" .Sucbe ibn ienseits der Sterne. Jlnr rr 5nm? nir rrm TnM nr; Jutta, suche ihn im ewigen Frieden.. rcf'rL. 'jci r-. jt.f liuojie qaoein maji, ie langem mitleidig und wehmuthsvoll zu all unseren Kümmernissen!" Der harte Ton einer- Glocke, dringt in ihre Einsamkeit. Sie müssen 'zurück, es ist Mittagszeit. Einige Tage sind in seligem Selbstvergessen dahingegangen, dann ist ein Brief von der Heimath gekommen, und mit ihm sind alle die bangen Zweifel wieder wach geworden. Jutta steht am Spiegel, der ihr' Bild fremd zurückstrahlt, und befestigt einen Veilchenstrauß in ihrem Gürtel. Sie hat die Trauerkleidung abgelegt, weil der Hofrath sie darum bat. Aber sie fühlt sich nicht wohl in dem-weißen Gewände. Zögernd verschließt sie das große Bild ihres Mannes, das bisher auf dem Schreibtisch seinen Platz hatte. Sein Anblick thut ihr weh. Dann steht sie noch einige Minuten am Fenster,' ehe sie sich entschließt hinunterzugehen. Wie ein Einsegnungskind siehst du aus. mit dem heiligen Ernst in deinen Zügen," flüstert Doktor Erxleben ent. zückt. Oder wie eine Himmelsbraut, die has Gelübde ewiger Entsagung thun will." gibt sie traurig zurück. Er sieht sie bekümmert an. Jutta, habe doch Vertrauen zu mir! Schatten schrecken dich, nichts weiter. Aber meine Liebe ist stark genug, sie zu überwinden." Sie seufzt tief auf. Sie möchte ihm so vieles erzählen. Von ihren Gewissensn'öthen, von ihren schlaflosen Nächten. Aber auch von ihrer Sehnsucht nach Liebe und Geborgensein. Doch sein ungestümes Werben ängstigt sie, und so kann sie nur um Schonuug bitten. ' Oben auf ihrem Zimmer faltet sie die 5ände mm Gebet: Führe mich nicht in Versuchung, lieber Gott; führe mick nicht in Versuchung! Ich halte dir doch die Treue, Kurt!" - - - . Jutta Halden ist abgereist. Em Telegramm hat sie noch in später Abendstunde nach Hause gerufen." So berichtet der Hosrgth den erstaunt dreinschauenden Damen, denen die Oberin die näheren Umstände erklärt. Sie ist nicht umsonst eine so aufopfernde Freundin des Doktors. Der hat sich auf sein Zimmer zurückgezogen und starrt auf das Schreiben in seiner Hand. Lieber, lieber Herr Doktor, seien Sie mir nicht böse, daß ich ohne Abschied, ohne Bitte um Verzeihung, - r sti ohne Vanl oavon gereir oin. ben Sie mir. ich konnte nicht anders. Ich leide so schwer, und mein Herz ist in seinen tiefsten Tiefen erschüttert. Der Todte steht 'zwischen uns. Das Versprechen, das ich ihm gab. läßt kein Glück mehr für mich zu, wenn mein Herz auch so heiß darnach verlangt. Wie ein Traum, der zu schön war. als daß er zur Wirklichkeit werden konnte, wird die Erinnerung an Sie und Ihre Liebe in mir . weiter leben. Vergessen auch Sie mich nicht,Herr Doktor, und vergeben Sre'mir! Wenn es Ihnen nun zuerst einsam ums Herz ist. weil das Leben nicht ge halten, was es versprochen, dann denken Sie an eine, die auch kämpft und ringt und die Sie so sehr lieb gehabt hat. Jutta." , Kleine, thörichte Phantastin! Das . Lebett ist lang, und Einsamkeit ist ein' schlimmer Gefährte für Dein: end.' Nein, mein Kleines, Dich seelisch hinzumorden, dazu hat selbst der Todte kein Recht. Einem Schwur, den ein überreiztes Hirn in verzweifelter Abschiedsstunde von Dir forderte, wollen wir unser Glück nicht opfern. Kehre nur auf Dein stilles Gut zurück. Svinne Dick wied in deine traurigen Erinnerungen ein!. Aber, Jutta, ver-' oih nickt, dafe ick auck nock da bin. und daß unsere gegenseitige Liebe mir heilig ist. Ick ringe mit dem Todten und ich werde ihn besiegen. J ' :j' .