Indiana Tribüne, Volume 29, Number 155, Indianapolis, Marion County, 23 February 1906 — Page 5
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A4 Der stille arten ""Vf thx btm großen Garten vor der einsamen Toktorsvilla" O lag das Mondlicht; die kahlcn Bäume warfen lange Schatten auf die weiß?n Kieswege. Kein Lüftchen regte sich, kein Laut störte die tiefe nächtliche Ruhe. Um so vernehmbarer waren die hasiigen Schritte, die von der Bahnhofstraße sich näherten. Die Dogge erwachte, sprang auf, kellte drohend. Draußen am Gartenthor wurde die Klingel gezogen. Das klang wie ein gellender Ruf durch die Todtenstille. Nach einer kurzen Frist das Klirren eines Fensters. Wer da?" Herr Doktor! Si? möchten fern men! So rasch als möglich!" Zu wem? Wer sind Sie?" Das Zimmermädchen im Hotel Terminus am Bahnhof. Eine Dame 'ist krank geworden, sehr krank." Warum schickt man zu mir, nicht zum Bezirksarzt?" frug die Stimme droben mit unverkennbarer Bitterkeit. .Er ist verreist." Nun gut! Ich komme!" Es geschah nicht allzuhäufig, daß Doktor Gerhardinger aus dem Schlaf geweckt wurde. Den wohlhabenden Familien in dem Markte Riedhausen mißfiel sein düsteres, wortkarges Wesen. Sie wollten, wenn sie einen Arzt rufen ließen, nicht blos Medizinen und Pulverchen verschrieben haben, sie wollten auch viele tröstliche Versicherungen, daß es ihnen bald besser gehen würde, und Doktor Gerhardinger kargte mit beiden. So hatte der freundliche Bezirksarzt, dem es um Kunden zu thun war, und der immer etwas Angenehmes zu sagen wußte, allmälig den Schweigsamen vollständig verdrängt und nur die Armen wendeten sich an Doktor Gerhardinger, der sie nicht blos umsonst behandelte, der oftmals auch mit brummigem Gesicht und seinem dumpfen Gemurmel einen Thaler in die Hand einer bekümmerten Frau drückte oder seine Haushälterin mit einem Korb voll Eßwaaren- schickte, wenn er kräftige Nahrung verodnet hatte. Aber die armen Leute trugen ihre Schmerzen tapfer bis zum Morgen und hatten nicht den Muth, seine nächtliche Ruhe zu stören, obwohl er äußerst ungehalten werden konnte, wenn er zu spät geholt worden war, oder wenn man gar die Kräuter-Nanni um Rath gefragt, ehe man sich an ihn wendete. In wenigen Minuten war er marschbereit. Herr Doktor! Ja, Herr Doktor! Ich koch' doch noch schnell einen Kaffee!" rief ihm seine Haushälterin nach, die gähnend und schlaftrunken aus ihrer Kammer herauskam. Unsinn! Hab' keine Zeit zu warten!" Er war schon über die Treppe hinunter getrabt und ging durch den lichtübergossenen Garten. In Niedhausen pflegten sich nur selten Fremde aufzuhalten. Das Hotel am Bahnhof durfte allerdings während der Reisesaison auf Besuch rechnen. Bon Riedhausen gelangte man nämlich nach dreistündiger Wagenfahrt in ein Stahlbad, das allmälig sehr in .Aufschwung gekommen war, in dem leidende Damen aus den d:rschiedensien Weltgegendm Heilung und Kräftigung .suchten. Der Abendzug traf spät ein, so daß manche es vorzogen, in Riedhausen zu übernachten und erst am anderen Morgen die Reise fortzusetzen. Die Hotelwirthin stand im Flur und wartete aufgeregt und ungeduldig auf den Arzt. Ach Gott, Herr Doktor, weil Sie ' nur da sind! Wir wissen uns ja gar inicht zu helfen mit der Dame auf Nrnn mer 3. Das Zimmermädchen hat vor einer Stunde ihr Stöhnen gehört und mich geweckt. Wenn es nur keine an.steckende Krankheit ist. sonst verlieren wir ja unsere ganze Kundschaft. Im Bad drin wird das gleich herumerzählt. Die gönnen -uns so das bischen Einnähme nicht. Schweigend stieg Doktor Gerhardinger die Treppe empor, schritt den Flur entlang an den Zimmerthüren vorüber, vor denen verschiedene Damenstiefelchen standen. In Nummer 3, wo die Kranke lag. waren die Laden geschlossen, eine Nachtlampe qualmte. Die Luft war dumpf und es roch nach - Petroleum. In der Ecke, in der daS Bett stand. war es dunkel. Man hörte schweres Athemholen, dumpfe Schmerzenslaute. Der Arzt stieß die Fenster auf und ließ die milde Nachtluft herein. Nehmen Sie die Lampe fort! Bringen Sie besseres Licht und leuchten Sie!" -be fahl er in seiner kurzangebundenen Weise dem Zimmermädchen, das schlaf trunken gehorchte. Das Gesicht der Fremden war nicht zu sehen. Sie hatte sich ganz in die Kissen "eingewühlt. Nur eine rothblonde Flechte hing wirr herab und die blassen Hände lagen auf der Decke. Als nun der helle Lichtschimmer auf sie fiel, erwachte sie aus der Fieberbetauoung. Sie suchte sich aufzurichten, blickte erschrocken in das bärtige Gesicht
!S II--I 5 loncUetto von Emma Haushoscr-Flcrl: & & des Arztes, der sich zu ihr. herabneigte unö ihr Handgelenk' umfaßte. Mit einem jäyen Lucke fuhr sie empor, ihre Lippen öffneten sich wie zu einem Schrei; abwechselnd hob sie die Arme; in wilder Angst waren ihre großen, weitgeöffneten Augen auf den Mann aericktet. der vlöklick, ,urllck, prallte und beherrschungslos. in fnu sterem Entsetzen die kranken, in Fiebei glühenden Züge anstarrte. Ein paar Selunden lang tauchten ihre Blicke in einander, verstört und todesbang, hart und grollend. Fort, fort!" hauchte sie, schwer um Athem ringend. Er soll fort! jjch fürchte mich vor ihm! Er darf mir nichts zuleide thun. Ich bin so arm und krank!" Durch die hagere Gestalt des Arztes flog ein Zittern. Er, der Schweigsame, Unbewegliche, war so erregt, daß er kaum sprechen konnte. Mit krampfhafter Hast, knöpfte er den Ueberrock- zu, den er geöffnet hatte, suchte nach seinem Hut, ohne ihn zu finden und murmelte: Telegraphiren Sie in den nächsten Ort um meinen Kollegen. Ich kann diese Dame nicht behandeln. Ich kann nicht und ich will nicht!" ' Aber die Wirthin,- die mit Spannung auf seinen Aussvruch geharrt hatte, hielt ihn am Nockärmel fest. Um Gottes willen, Herr Doktor. Sie werden doch nicht fortgehen! Sagen Sie doch wenigstens, was der Fremden fehlt. Eine Schwerkranke können wir pch nicht im Hi?tel behalten! Mein lüttmn hat gleich erklart, wenn die Geschichte langer dauert, dann muß . die Dame in's Krankenhaus. Mein Gott! Sie wissen ja, wie die Herrschaften sind. Es bleibt uns niemand über Nacht, wenn es sich herumredet, daß eine Schwerkranke in der Nahe liegt." Die Dame hat starkes Fieber. Ich vermuthe eine Lungenentzündung. Das geht natürlich nicht voy heut' auf morgen vorüber." brummte der Arzt zwifchen den Zähnen. Also muß sie in's Krankenhaus! Am besten gleich, ehe die Leute hier aufwachen, nicht wahr, Herr Doktor?" drängte die Wirthin, da sie ihr geschäftliches Interesse bedroht sah, mit rücksichtslos lauter Stimme. In's Krankenhaus hier!" wiederholte er mit emem unwillkürlichen Entsetzen. Nun ja. wenn Sie sie nicht behalten, bleibt nichts , anderes übrig! Also in's Krankenhaus!" fügte er grimmig hinzu und rannte mit finsteren Augen, die Zahne in den grauen Bart pressend, aus dem Zimmer, die Treppe hinab, auf die einsame Straße, über die nun erste Morgendämmerung emporzog. Wie' eine Flucht war's. Aber wäh rend er eilig dahinnrannte, gejagt von wilden, leidenschaftlichen Gefühlen, die das fieberkranke, von dem rothen Flammenhaar umringelte Gesicht in ihm aufgewühlt, verurtheilte er zugleich mit scharfer Kritik sein eigenes Thun, war er sich bewußt, daß er sich einer ungeheueren Pflichtverletzung schuldig machte, ein Verbrechen auf sein Gewls sen lud, weil er einen hilflosen Kranken im Stiche gelassen. Was ihn' forttrieb von jenem Lager. war starker als seine Berusstreue, star ker als die Schulung eines langen an Aufopferung reichen Lebens; es war eine Wallung, die aus der Tiefe seines ö?rzens. seines persönlichen menschllchrn Empfindens heraus ihn mit einer Gewalt überkam, daß er am liebsten geflohen wäre bis in den fernsten Wald, in die dunkelste Einsamkeit, um nur fortzurücken von ihr, die stöhnend da oben in dem Gasthauszimmer lag. Von ihr, die sein Weib gewesen, die ihn treulos verlassen, die sein Leben gestört, ihn zu dem Sonderling gemacht hatte, daß er sich voll Weltekel und Menschenhaß. fern von der He: math. in den stillen Weltwinkel ver krochen. Unwillkürliäz, von der starken Macht der Gewohnheit gezwungen, trat er doch in feinen Garten und rannte hier auf den deswegen, zwischen den kahlen Beeten auf und ab, während die Sonne erwachte. Verwundert über dieses seltsame Gebühren ihres Herrn folgte die große, graue Dogge seinen erregten Schritten. Die Erinnerungen. die der alte Mann seit fahren zu verdrängen, zu vergessen gesucht, sie standen wieder vor ihm. so nah. so schmerzlich, so unverwunden herb, als hätte ihn gestern erst der Schlag getroffen, der -jedes weiche Gefühl und jede Lebensfreude in seinem Herzen be täubt und vernichtet hatte. Er wußte wieder, wie zärtlich er daS junge Weib geliebt, das er auS Armuth und Noth in seine Arme, in sein Haus genommen. Sie war sehr jung gewesen, kaum achtzehn, eine Doppelwaise, die binnen . einiger Wochen ihre beiden Eltern an einer tückischen .Krankheit verloren, die sich wie eme Verzweifelte über den Sarg der todten Mutter ger)orfen hatte, entsetzt von der Qual des Sterbens, entsetzt von dem furchtbaren Leben. Ihre Verlassenheit. ihr Jammer hatten ihn gerührt.
AuS Erbarmen, aus Mitleid.' aus den
besten, edelsten Empfindungen heraus war der Entschluß emporgewachsen, ihr seine Junggesellenfreiheit zu opfern, damit sie ein Heim hatte, in das sie sich flüchten konnte. Erst allmälig, als sie wieder aufblühte in Ruhe und sorglosem Behagen, hatte er gesehen, wie schön das junge Weib war, das er in selbstloser Gute zu sich genommen. Die späte Liebe hatte immer stärkere Fäden um sein Herz geschlungen, ihn völlig durchsonnt mit Glück, als wäre ihm Jugend und Frühling erst beschicken worden, als sein Bart schon ergraut war. 6te hatten emiam aeievt tn 1 einem elterlichen Hause in einem stillen Landstadtchen am Jnn, in dem schon oer Vater als Arzt gewohnt, wo jedermann ihn kannte und der gute Doktor Gerhardinger" in jedem Heim als helfender Freund betrachtet wurde, den man nickt blos bei Krankheiten, auch bei allen seelischen Kümmernissen und Sorgen zu Rathe zog. Ihm hatte d:e Abgeschiedenheit behagt; diese kleine Welt, in der er so viel nützen und trösten konnte, war ihm reich, interessant und fesselnd erschienen und jedesmal. wenn er sem Haus betrat, yatte ein freudiges Lächeln seine Züge erhellt. Er hatte czeglaubt, aucy sie wäre wunschlos glücklich, weil er es war; bis sie eines Tages mit glühenden Wangen, mit einem seltsam erregten. angstvollen Ausdruck vor ihm gestanden war und ihn angefleht hatte: Jen möchte fortreisen! O bitte geh' mit rmir nach Italien, ooer nacy Pari. ode? wohin Du willst! Nur heraus aus dieser Stille, aus diesem Einerlei!" Ibm war's wie em Scherz, jeden falls wie eine flüchtige, kindische Laune erschienen. Er dachte nicht daran, zu reisen; es' verlangte ihn nicht sor:. Sein Leben war so ausgefüllt mit Pflichten: er fühlte sich unentbehrlich , r .... , mnnr." . i I unter i einen neoen yjtiiDurgcin; iuic ein Unding wäre es ihm erschienen, wenn jemand im Städtchen krank geworden wäre und nicht nach ihm hätte rusen können. Wahrhaftig, er fand es nicht einmal nöthig, ihren unsinnigen Vorschlag in Erwägung zu ziehen. Es fiel Doktor Gerhardinger ja allerdings aus, daß sie ungewöhnlich ernst und nachdenklich war, nie mehr, lachte und sang, manchmal geistesabwesend vor sich hinstarrte und wie aus weiter Ferne zurückzukehren schien, wenn er sie anredete. Ihr verändertes Wesen, ihre dauernde Verstimmung ärgert! ihn; einmal hatte er ihr wirklich den Kopf zurecht setzen müssen und sie zornig angefahren: ob sie - den Jammer denn föcn vergessen habe, den sie . einmal durchlebt, weil sie undankbar sei für die friedlichen. Tage, die ihr beschieden seien! Er erinnerte sich, wie sie das Wort friedlich" mit einem ganz düsteren Klang, in einem schwülen, fragenden Ton wiederholt und ihn dabei so merkwürdig angesehen hatte, wie in stummer. heimlicher Qual. Aber er. er war ja immer noch blind gewesen, für das, was die Nachbarn langst natürlich sich in die Ohren raunten; er hatte nichts geahnt! Auf einem benachbarten Schloß hatte im Sommer ein jünger Musiker gewohnt. Mit ihm war sie einigemal gesehen worden auf einsamen Wegen durch die Wiesen. Seine Worte hatten ihr wohl den Frieden geraubt, ihr ein so ruheloses Sehnen erweckt, daß sie die Stille nicht mehr ertrug, daß sie fliehen wollte vor ihren eigenen schuldigen Wünschen. Eines Abds, als Doktor Gerhardinger von emer weiten Fahrt zu einem Kranken zurückgekehrt war, brannte kein Licht im Wohnzimmer. Die Maad. nach btz er rief, brachte verlegen die Lamp- herein. Sein Blick fiel gleich auf einen Brief, der auf dem Nähtischchen lag. Verzeihe mir, wenn Tu kannst! Ich weiß, ich bin undankbar, ich bin schlecht! Aber alles Kämpfen und Quälen ist nutzlos. Eine Gewalt, die stärker ist als ich. reißt mich fort. Und wäre es in mein Verderben ich muß ihr folgen!" f Wie ein Blitz aus heiterem Himmel hatte ihn oer schlag getroffen, grausam, vernichtend, niederschmetternd Sein ganzes Leben hatte er zerstört. Er konnte nicht mehr ausharren in dem Helm, in dem ihn jedes Stück an die Treulose erinnerte, - er konnte die Menschen nicht mehr sehen, die ihm seinen Schmerz, seine Schmach am Gesicht abgelesen hätten. Das Grauen vor einer taktlosen Frage, die Scheu seines verwundeten Herzens vor einer Berührung, trieben, ihn fort in die Fremde, fort von allem, was ihm lieb gewesen, von dem Haus, in dem er aufgewachsen, von dem Garten, in dem er als Kind gespielt, von dem Wirkunaskreis. den er als Mann sich geschaffen. Sie hatte so viel m ihm zertreten, daß er nun den Rest preisgab in einer bitteren Selostvernlchtung. Er hatte die Scheidungsklage bei Gericht einreichen lassen, und außer den paar Zuschriften, die ihm d:r Rechtsan walt zuschickte, nichts mehr von ihr gehört. Sie war längst frei gewesen von dem Band, daS sie selbst so leichtsinnig enrzwei gerissen, sie konnte neuen Mögachtelten des Glucks begegnet sein - er wußte es nicht. Und nun hatte ein seltsames Verhängniß sie gerade hierher r frrr v , r . suyreir raunen, an oen einkamen jn, in den er sich verkrochen: nun hatte das Schicksal es wie in einem dämonischen viachegclujte gewollt, oatz sie hin zu fammenbracb. "
Der Garten lag jetzt im vollen Son-
nenlicht; es duftete nach den ersten Veilchen, leises Vogelzwitschern klang durch das kahle Gesträuch. Auf der Bahnhofstraße war es noch so still, daß man jeoen xaut horte. Doktor Gerhardinger borte unwill kürlich auf. War das nicht das langsame Rollen eines Wagens? Vom Gartenende aus. wo das Sommerhaus auf etwas , erhöhtem Platze stand, konnte man die Straße, den Weg in das Dorf übersehen. Ein trauriges Gefährt bewegte sich da vorwärts vom Bahnhöfe her. ' Man hatte, in Ermangelung einer Tragbahre, die Kranke mit ihren Kissen und Decken auf einen Bretterwagen gelegt und schaffte sie so n das Kranken haus. Er stieß einen dumpfen Schrei aus, halb wie ein Hohnlachen, halb wie ein Wuthschnauben: In den Krankenstall!" murrte er finster. Mit einer tiefen Falte zwischen den Brauen, mit se t zusammengepreßten Lippen blickte er auf die'trauriae Staffage in der sonnigen Morgenlandschaft. Er hatte oftmalS beim Bürgermeister, bei den Gemeindevorständen über den schrecklichen Zustand des Krankenhauses Klage gefuhrt; er hatte mit Eingaben, mit mündlichen Vorstellungen, mit einem Appell an den Lokalpatriotismus versucht, Abhilfe zu schaffen. Aber die Leute im Dorfe waren alle ortsans'ässig, hatten ihr Haus, oder ihre Hütte, oder doch ein Unterkommen; das Kran kenasyl kam für sie. nicht in Frage; Fremde kamen , nicht nach Riedhausen und für die paar Landstreicher und Bettler, die etwa hier bettlägerig wurden, fanden sie das ihnen gegebene Obdach gut genug. Der Bezirksarzt, dem die Anstalt unterstellt war, ließ alles beim alten, um sich mit den Gemeindevorständen nicht zu verfeinden. In dem einzigen kahlen Raum der weiblichen Abtheilung, in der sechs Betten standen es sah wirklich aus, als Ware es ehemals ein Stall gewesen lag eine Gewohnheitstrinkerin, die man immer wieder im Straßengraben auflesen mußte, eine halbblödsinnige Bettlerin, die nicht mehr gehen konnte, und vor Kurzem hatte eine Bötin, die an der Schwindsucht dahinsiechte, hier einen Platz zum Sterben gefunden. Doktor Gerhardinger. der das elende Weiblein einigemal aufgesucht, hatte jedesmal gezankt und gebrummt über den Mangel an Reinlichkeit und Lüftung, aber die Krankenschwester, die als Pflegerin angestellt war, räucherte lieber die Stube mit .Wacholderdampf aus, wenn der Geruch unerträglich würde, als daß sie ein Fenster öffnete. Ein furchtbares Schicksal für eine Fremde, in Riedhausen krank zu werden! Es war ja eigentlich Mord, wenn man die feiner empfindende, leidende Frau in diese Atmosphäre brachte! -'?7och immer stand der alte Mann unbeweglich und kämpfte das Mitleid nieder, das sich wie ein warmer Hauch über sein von Empörung und Schmerz verhärtetes Herz breiten wollte. Mit schrecklicher Klarheit sah er die armselige Herberge vor sich; er hörte das Schreien der Alkoholistin. das Lallen der Vlödsinnigen. das Husten der Lungenkranken, das eintönige Beten der stumpfsinnigen Pflegerin eine Hölle für ein armes, fbberkrankes, von Angst gequältes Geschöpf. Dantes Hölle!" schrie er auf, und plötzlich rannte er aus dem Garten, daß die Dogge, die sich zu seinen Füßen gelagert hatte und eine kleine Morgensiesta hielt, entsetzt aufsprang. Zurück! Wodan! Zurück!" Mitten durch die Wiesen lief er; nur an dem Feld mit der Wintersaat, die schon in frischem Grün emporsprießte. machte er einen Bogen, sprang über einen Graben und erreichte den Wagen nit der Kranken, ehe derselbe m die sckmuniae. bolveriae Landstraße einbog. die'in das Dorf führte. Nicht dorthin!" befahl er athemlos. Nicht in die Baracke. Zmir! In mein Haus! Eine Schande war's! Besser ließe man sie im Freien, als sie in die Keuche zu. werfen!" Die Männer, die den Wagen-führ-ten. schauten ihn verwundert an. Der ,k V.. $,.,4 (.iimrnt trf firtft' (illl UU VCJll XJUU VlUllurnv. (t0"'Vuv mir's auch schon denkt; aber die Frau im Hotel Terminus hat ja nur g'rad g'macht. daß die Fremde weiterkommt! Wüst Hü!" ..Doktor Gerhardinger lief auf demselben Weg zurück, den er gekommen .war. während der Wagen umdrehte und in derselben Richtung, aber auf der schmalen Straße langsam zur DoktorsVilla fubr. Die Haushälterin, die eben den Kaffee in die Wohnstube trug, erschrak so, daß sie fast die 'Kanne hätte fallen lassen. als ihr Herr ihr mit aufgeregter Hast zurief: . Rasch, ein ' Bett uberzieyen im Fremdenzimmer! die Fenster öffnen. daß Sonne hineinkommt! Ich heize selbst den Ofen, bringe die Warmflasche! Ja. Herr Doktor, kriegen wir. denn nen Besuch? Ja, wen oenn i" Eine Wildfremde, eine Kranke! Fragen Sie nickt! Eilen Sie sich! Man hat , hat sie im Hotel auf die Straße geworfen!" Er hatte alle seine bitteren Erinne rungen vergessen, vergessen, wer die Obdachlose war. die man auf dem elenden Karren fortschleppt. Er sah nur medr ein hilfsbedürftiges Menschen kind, daö man dem Verderben preis gab,: dem er Schutz schuldete, Erhar men,' Rettung, wenn er konnte.
Eine Viertelstunde stdter war sie in
dem sauberen, stillen Zimmer untergebracht. Erschöpft, gleichgiltig gegen ihre Umgebung lag sie in den Kissen. Aber sie athmete doch erleichtert auf. weil das schmerzliche Rütteln und Stoßen des Wagens ein Ende genommen. Tagelang blieb sie ohne Bewußtsein. Wenn der Abend kam, dann wurde sie von schweren Fieberträumen gequält; dann blickte sie mit entsetzten Augen auf den graubartigen Mann, der an ihr Lager trat und stöhnte: Jetzt kommt er wieder! Er will mich strafen! Schützt mich vor ihm! Nicht wahr, er darf mir nichts zuleid thun! Sie klammerte sich verzweifelt an die Haushälterin, die sie mit nüchternem Zu spruch zu beruhigen suchte. Ader aehn's, Frauerl! Das ist ja der Herr Doktor! Er bringt Ihnen eine Medizin! Der thut Ihnen nichts! Sein'S doch g'scheit!" Es waren auch nur kurze Momente, in denen eine Erinnerung durch ihr sieberumnachtetes Gehirn zu zucken schien. Meist ließ sie sich die Nähe des Arztes ohne Furcht gefallen und that gehörsam, was er ihr befahl, ja sie fühlte, ob er sie mit seinen geschickten Handen aufrichtete oder die Dienerin und sie wartete sichtlich mit Ungeduld auf seine Wiederkehr, wenn er sich einmal zur Ruhe gelegt und die Nachtwacke der alten Frau überlassen hatte. Er pflegte sie mit unermüdlicher Aufopferung. Sie war ihm eine Patientin, die er dem Fleder abringen wollte; sie war ihm ein Fall von Lungenentzündung," und er gehorchte nur mehr dem Gebot: das Leben zu erhalten, so lange ein Athemzvg sich regte. . - Aber das Fieber bekam immer mehr Gewalt über den zarten Frauenkörper; das Thermometer stieg und stieg. Höchste Lebensgefahr! Ich surchte das 'Schlimmste!" erklärte der Arzt, als die Hotelwirthin, die, den Handkoffer und Reisekorb der Fremden schickte, sich nach deren Befinden erkundigen ließ. Er fühlte, daß eine neue, schwere Forderung an ihn herantrat, nachdem er sich einmal entschlossen, selbstlos seine Pflicht zu thun. Er durfte sie mcht allein hier sterben lassen. Er mußte ihre Angehörigen benachrichtigen. So peinliche Verwicklungen ihm auch dadurch entstehen konnten, die Menscken, mit denen sie zusammen lebte, hatten ein Recht zu erfahren, wie es mit ihr stand. In der Nacht, während er allein in dem todtensiillen Hause bei der stöhnenden Kranken wachte, öffnete er mit finsterem Gesicht den kleinenKoffer, zwang seinen Widerwillen gegen diesen Eingriff nieder und kramte unter den weiblichen Toilettegegenständen, um nach einer Adresse, nach irgend einem Schriftstück zu suchen, das ihm darüber Aufschluß, geben konnte,, wo sie zuletzt 'gelebt hatte. Er fand endlich eine kleine Brieftasche, in der zwei Hundertmarkscheine steckten und eine Visitenkarte. Hilde Gerhardinger, München, Leopoldstraße 1213." Also sie trug noch seinen Namen! Der Elende, der sie von ihm fortgelockt. hatte ihr nur ihr Leben gestört, ihr und ihm, und ihr nichts als Ersatz zu bieten gehabt! Sie hatte kein neues Heim, kein neues Glück gefunden! In scheue? Hast schob er das Blatt wieder in die Hülle zurück. Niemand sollte den Namen lesen. Niemand durfte erfahren, wen er aus Erbarmen hier aufgenommen. Sie war eine Fremde, sie mußte eine Fremde für ihn sein, auch vor den Augen der Welt. Unwillig schüttelte er d:n Kopf und stieß einen dumpfen Zornlaut zwischen den Zähnen hervor. Wenn sie hier in seinem Hause die Augen schloß, dann konnte er ja den Namen nicht verhehlen; dann wurde seine alte Schmach, sein alter Schmer auch hier offenkundig. Eine. Weile faß er mit starrem Gesicht und brütete vor sich hin. Tann nahm er die Visitenkarte, zündete sie an und warf sie m den Ofen. Wer konnte ihn zwingen, zu sagen, wer sie gewesen? Die Spur war verlöscht. ' Und er. er wollte schweigen. Mußte er me Menschen rufen, die es an den Tag bringen konnten, wie die Kranke hieß? Während der ganzen Nacht rang er mit sich. Am Morgen hatte lein Pflichtbewußtsein den Sieg davongetragen. Er schickte an die Adresse, die er vorgefunden, ein Telegramm. Bitie. die Anverwandten, die Anoehöngen der bei Ihnen wohnenden Dame zu benachrichtigen, daß dieselbe unterwegs krank geworden, mit schwerer Lungenentzündung hier liegt. Sie müßten eiligst kommen; Zustand bedenklich. Der Arzt von Rledhausen, Doktorsvilla auf dem Hochblchel." Auf die Depesche kam keine Antwort Nach ein paar Tagen traf eine unorthographisch geschriebene Karte em: So viel ich weiß, hat die Frau Gerhardinger. die seit einem Jahr auf dem Zimmer bei mir wohnt, keine Anverwandten.' Es ist nie ein Brief gekommen. Bei den paar Leuten, die sie öfters besucht haben, bin ich gewesen. ES that ihnen leid, daß sie krank ist. o,ber reisen können sie nicht. Dazu hätten sie kein Geld. Die Frau Gerhar dinger hat sich auch lang gespart auf die Reise in das Bad. Sie hat Stun den gegeben. Bei den Eltern von ihren Schulerinnen hab ich gefragt, aber e5 weiß niemand etwa? Näheres über sie. Sollte die Frau sterben,-so bitte ich um Nachrht, damit mein Zimmer
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der vermiethen kann, weil ich darauf angewiesen bin. Achtungsvollst Lina Krumberger. Mit einem Kopfschütteln hatte der Doktor die Karte gelesen und dann auch dieses Blatt, aus dem der Name sem Name stand, vernichtet. Er konnte erleichtert aufathmen. Niemand kam, niemand wußte, wer die Fremde war. Aber als er dann wieder an das Lager der Kranken trat, die nun bleich und elend, wie dem Erlöschen nahe, in doller Theilnahmslosigkeit die Augen geschlossen melt, da erfaßte ihn em überwältigendes Mitleid; er sah nur ein armes, junges Geschöpf, das nach enttäuschungsreichem Herumirren hier verlassen zusammenbrach, nach dem kein Mensch frug, das keine Lücke zurückließ, wenn es in Schmerz und Angst den letzten Athem aushauchte. Ein grenzenloser Jammer mit der Menschheit griff ihm an's Herz. Draußen war ein so schöner Frühlingstag; 'im Garten jubelten die Vögel, und das helle Licht, das Sonnengefunkel, schien förmlich aller Trübsal zu spotten. Er glaubte nicht, daß die Kranke den nächsten Morgen erleben würde, der Puls ging sehr schwach, das Herz war sehr müde.' Er wich nicht von ihrem Lager. Was sie ihm auch angethan, er wollte sie nicht allein sterben lassen. .Der Abend kam; es ward dunkel, die Nachtlampe erhellte nur mit mattem Schimmer das Gemach; vor dem geöffneten Fenster sah man die Sterne blitzen. (Schluß folgt.) Gerecizto ßttmsUmfl. Madam: .Wie. der Schuster hat meine Schuhe wieder mitgenommen? Konnten Sie denn nicht 'mal fünf Mark für mich auslegen?" D i e n stMädchen: Leider nicht, Madam! Ich hatteihm selbst eine Rechnung zu bezahlen!" M a d a m (entrüstet): Das' ist eine Unverschämtheit... meine Schuh: gehen doch vor!Dr. 1 H. ffafc Teutscher Thie.r.Srzt Ofncf: Cchellhouse'sLeih Ttall z?8 est Wbsh Zt. Telephone? 5 Neu, 2326 Alt. Main 1162. Wohnung: 1733 dison Av. Neuer 'Phone SliL5. Dichmann & Grabhorn, ..BitaUantea vu Irtata Sch au - Köficn. ' $UU Ladentische und Cigarreri-Tisöl. 622 Oft Wasdtnaton Lthe. . Neuer leltphon K5Z7 Verlangt - Anzeigen rgtnd welcher Art werden in der Znd'a?a Xrilfia" mit 5c ptx Zeile fflt tU Jnsertton berechnet. SU verkaufe : Bank,,' Life, die dbchften ikizrliche Unkofte für 11000, lnr von 40, für S6 Jahre. $10. Warum anderen so ungeheuere Prämie lezatten i F. D. Shera. gent. 7S9 Xetoton sslaypool. aeriarat ive Frau oder vlädchen für allge meine Hausarbeit. . SRng etwa englisch sprechen kdnuen. Nachzufragen 2215 Nord Jlliuoi traie. V erlangt: Mädchen für aUgemew Haularbeit. UOMI 151 105 e erlangt in derheirathkier Mann für Varte und Frncht'Farm. Man adresftre Geo.Wysona, iZlöVroadwah. !'"-'? : 3u erkaufen: ienl Bauplatz aeturuve,re. wischen Qtgtlanfc, d. ud Crter.lal ettafct, a Ui 11 Fi roß. Ctrl) $800. erd für $77 Jemand der pch ew Haus zu bauen wünscht der kaufe. Cir nicht an Lersan e vertäust die gen tiS verriktheore. Ci C traft rn TxtU tsirk. CJ,Ct;ttfjHaaIr Nischel Licht em ttx CtxO. . 2U;xfraattt Ut Beirret, 12s CisraCstsre. ' .
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