Indiana Tribüne, Volume 29, Number 154, Indianapolis, Marion County, 22 February 1906 — Page 7

Jndiana Tr büne. 22 Februar i9oo

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r Im Herrenhaus von E Luckinühlcn. Ilornan von Marie Diers VVTTTTTTTTTTTTTTTTT7TTT7 (Fortsetzung.) . 19, K a p i t e l. s kam ein langer Brief in Luckniühlm an. Der Junge war da! Der Junge war da! GroßVaters erster Enkel. Und Wolfgang sollte er heißen. Und siebeneinhalb Pfund wog er. Und hatte ein Grübchen irn Kinn und ganz helle, lockige Härchen auf dem Schädel. Und einen famosen Brustkasten und eine Stimme wie ein Kommandeur. Des TagZ schlief er, des Nachts brüllte er. Und das ganze Haus stand auf dem Kovf. Das war das erste. Dann kam Eva. die viel gelitten hatte, aber nun in seligem Mutterglück sich zusehends erholte. Sie nährte ihn selbst, den herzigen Buben. Aber sie war sehr energisch, viel energischer als der Papa. Sie litt es nicht, daß Wolfgang außer der Zeit aus seinem Wägelchen genommen wurde, und wenn der arme Kerl sich halbtodt brüllte. Zum allerletzten Schluß kamen die Taufpläne und, kurz erwähnt, die Vegegnunq mit Hans Wilhelm. ' Als Ruth, die den Brief las, zu diefer Stelle kam, wurde Herr von Pontom vor . Schreck plötzlich brennendroth. Was war denn das wieder? Tauchte der Mensch aus der Vergessenheit wieder auf? Ihm wurde so siedendheiß, daß er emporspranz und den Rock aufriß. Kann man denn nie etwas thun, das einem nicht in alle Ewigkeit nachläuft? Das, wenn man es glücklich begraben und vergessen hat, plötzlich wieder seine anqarme aus der Tiefe streckt? - Zu der Taufe fährst Du nicht!" fuhr er seine Tochter an. Ruth war blaß geworden. Sie zürnte Erich heftig. Was that er ihr .an? Was wollte er damit? Rein, ich fahre nicht," entgegnete sie. Götz von Pontow sah sie an. Da sti?g plötzlich die Scham über sich selbst ihm wie eine heiße Welle zu Kopf. Was für eine lumpige Rolle spielte er denn mit seinen ewigen HinVerhalten und Aengsten und nun wieder mit diesem Verbot? Wie hätte er das bei einem andern genannt? Die plötzliche Seelenangst trieb ihm den Schweiß aus den Poren. Pfui! Was hatte er gethan! Und was wollte er nun wi:der thun! Laß mich ein klein bischen allein, Ruth." sagte er mit belegter, fast unverständlicher Stimme. Ja! Er mußte mal ein Weilchen für sich sein und die ganze Sache klar vor sich hinstellen wie auf einem Schachbrett. So! Run war er allein, nun konnte das Denken losgehen. Aber die Gedanken ließen sich nicht so ohne.weiteres kommandiren. Die liefen ihm wohl noch zehn Minuten lang durcheinander, geschüttelt und verwirrt durch die aufgeregten Empfindungen. Endlich hatte er den Sachverhalt so einigermaßen klar. Er hatte Ruth nicht hergeben wollen, durchaus nicht. Und darum hatte er einen freier nach dem andern fortgejagt. Aber Hans Wilhelm von Hack: hatte er eigentlich nicht fortgejagt den hatte Olga Beer fsrtgeschwrndelt. Olga Beer ... Er stöhnte. Wer ließ ibn dieses Wesen vergessen, das ihm sein Kind gekostet hatte! Mi! beiden Fäusten stützte er den Köpf, als würde er ihm zu schwer von all dem Denken. Run stand die Sache aus dem Grab wieder auf und sah ihn an... innen vollen ,ag uns eine enölos lange Nackt ließ sich Götz von Pontow von seinen Nöthen martern. Dann war er fertig. Alles konnte er thun, sein eigenes Dasein und sein Liebstes darin konnte er auf's Spiel setzen ja. er mußte es! aber diese Last weiterschleppen, das ging nicht mehr, so wahr er Ehre tin Leib hatte und ein Pontow war! Da ließ er sich Ruth ans sein Zimmer .rufen, blickte ihr tapfer in die Augen, wie er als junger Leutnant in die französischen Feuerschlünde hineingesehen hatte, und sagte ihr fest und stark: ca.. it. ix. crsix. f ti-i i jiuiy, uf i)ulz xiuy ciuuiui veuuycu: Dann aber, ward sein Gesicht heiß, und er sah sie nicht mehr an, während er lhr Wort für Wort Mit selbstquale rischer Genauigkeit den Vorgang jenes regnerlsazen Abends erzählte. Ruths Augen wurden immer weiter und starrer. Was sie da vernahm ' das änderte ia ihr ganzes vergangenes Leben Er war hier gewesen und man hatte sie und rhn umeinander betro gen Er war lein leicht Vergessender, kein Lebenskünstler." Umsonst hatte sie sich erbittert umsonst war er gegangen. Umsonst alles umsonst. Der Lebensinhalt vieler Jahre um sonst ... Da schlugen ihr die Flamm'en in'S . Gesicht. Papa! Wie Du gehandelt hast, ist schlecht ist schlecht schrie sie ihn an.

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Tann wandte sie sich um und stürmte

hinaus, die Thur flog hinter ihr in'S Schloß. Und Götz von Pontow stand und sah seinem Kind nach, das ihn verfluchte. das er sich selbst zum harten, und czerechten Richter gezogen hatte. innen ganzen Taa blieben sie einander fern. Und dieser Tag blieb dem gleich, an dem Jürgen sich erschossen hatte. Das zweite Kind verloren! Und die beiden andern? Ach denen denen galt er doch nicht viel. Hatte er oenn t versucht, ihnen etwas zu gelten? Was thut man nur mit einem Leben, das so ganz leer geworden ist? Aber am andern Morgen kam Ruth zu ihm, ungerufen. Als sie ihn ansah. stockte ihr Fuß. Sein Gesicht schien länger geworden zu sein, die Haar? grauer. Xit Augen waren wie emgesunken und mit dunklen Rändern umgeben. Er sah elend aus, wie nach einer schweren Krankheit. Bei diesem Anblick hielt Ruth ihr Herz nicht mehr, das schon die ganze Nacht dem Vater entgegengeschlagen hatte. Aufweinend warf sie die Arme um seinen Hals und schluchzte an seiner Schulter, als wolle sie vergehen. Ein Ruck ging durch seine Glieder. Dann faßte er sie mit beiden Armen, drückte sie an sich und hielt sie fest und stumm an sein Herz gepreßt. Ueber sein verwittertes Gesicht liefen ihm die Thränen unaufhaltsam in den Bart. Ruth ließ ihn gar nicht los. Ihr war, als habe sie ein tausendjähriges Unrecht gutzmnachen. Ich meinte es ja nicht so!" schluchzte sie endlich an seinem Hals. Und ich habe es die ganze Nacht über schon gewußt, daß Du alles nur gethan hast, frei Du Mich so lieb hast. Und nun grame Dich auch nicht. Du siehst ja furchtbar elend aus. Wer weiß, ob ich Hans Wilhelm auch genommen hätte. Vielleicht war alles am besten so!" Nem, nein." stotterte der alte Herr. Wie ein täppischer Bär tätschelte er ihr den Kopf, den Nacken und druckte ste dann wieder an sich. Und die Haare habe ich Dir auch abgeschnitten da mit sing's an brachte er mühsam heraus. Dieser schreckliche Druck in der Kehle ließ ihn ja kaum sprechen. Ruth lachte unter Thränen. Nem. Papa. Es fing viel früher an. Mit Viktor Hagenreuter, der die Treppe runterflog, weißt Du noch?" Ja. Aber Ruth, das war doch nicht etwas so Schlimmes?" Nem. das war nichts Schlimmes. Papa. Und das andre auch alles nicht so sehr. Aber weißt Du. was ich mir gedacht habe? Wir fahren jetzt beide zur Taufe." Ja," sagte Herr von Pontow. .Das wird schon das Beste sein." Btt den junaen Pontows tzatte man dtn sogenannten klemm Salon zur Taufkapelle umgestaltet. Aus emer Wandnische war die Statue einer dort postirten Amazone entfernt und mit .Zlattpflanzen und Blumen ein stlmmungsvoller Hintergrund geschaffen. Davor stand em kleiner Altar,'' weißbcdeckt, mit Tauffchale und.zwei Bronze-1 leuchtern. ü -r, An diesem Ehrentag des jüngsten Pontow war die Familie wieder versammelt. Philipp Marius im Talar vollzog selbst die Taufhandlung. Anna-Beate hatte sich in den Gesi6)tszügen kaum verändert, seit sie ihr Vaterhaus verlassen hatte. Nur ihre Au gen schienen ausdrucksvoller, strahlender. Aus ihnen sprach der verborgend Glanz eines beglückten und ausgefüllten Daseins. Um den Jungen, den Wolfgang, war sie von erster Stunde an herum, als sei er in der That die ausschließliche Hauptperson. So mütterliche Hände wie Anna-R?ate hit keine sonst." sagte wa ln erue? eiunoe zu lyrem Mann. Was wird sie ihren eigenen Kindern einst für eine Mutter sein." Ja. ja!" lachte Erich, über Wolfgangs Wagen gebeugt, in dessen dicke Fäustchen hinein. Strenge Dich an. Junge. Tu kriegst bald ein Kousinchen. Denn ein Mäd.l ist es. damit die Sache paßt. Daß Tu Dich von der nicht unterkriegen läßt, verstanden?" Hans Wilhelm kam erst im letzten Augenblick. Kaum daß er Zeit hatte, in seinem Logirzimmer Toilette zu machcn. Als er eintrat, war die Taufgesellschaft schon versammelt und stand schweigend auf dem teppichbelegtcn Boden. der jeden Schall der Schritte auffing. Blumen und Wachskerzen gaben der Atmosphäre eine seltsam feierliche Stimmunc?. Im Halbkreis sollten sich die Pathen stellen: Rutb. eine Schwester von Eva und er. In der Mitte saß Eva in einem Sessel und hielt ihr Bubchen in dem' langen Spitzenkleid auf dem Schooß. Erich trat rasch auf Hans Wilhelm zu und zog ihn heran Da sah er Ruth wieder. s War das wirklich Ruth? Er begrüßte sie stumm. Nein, das war doch Ruth von Pontow nicht, das junge Geschöpf, dem einst Trotz und Wildheit duch die feine Haut glühten? Diese hier schien größer geworden, schlanker, ernster oder was war es sonst? Gewißlich eins: fremder. , Er hörte nicht viel von Philipps edel gehaltener, warmer Rede. Er sah in die Lichter hinein und trauerte leise. Er trauerte noch einmal um die selige, herrliche Zeit, um die Tage sinnbethörender Leidenschaft, um die Jugend, um die man sie und ihn betrogen hatte.

Als er das Bündelchen auf den Arm bekam, fing es laut an zu schreien und mit den Händchen um sich zu fuchteln. Er machte keine große Anstrengung. eS zu beruhigen, aber es weckte ihn aus seinen Träumen, und er sah sich zum ersten Male seines Freundes Buben an. Brav so! In dem Kerlchen steckte ja Temperament! Wie er sich beim Schreien mit dem kleinen Körper ordentliche kleine Schubse gab vor lauter Wuth, wie sich sein Gesicht verzerrte und blauroth färbte und er so cus ganzem Herzen heraus brüllte! Von irgendwoher langte ein weiblicher Arm und nahm der ungeschickten Kindermuhme das Bündel fort. Gleich darauf hörte Hans Wilhelm ein beruhigendes Summen hinter sich, das Geschrei nahm allmälig ab, nur ein paar ärgerliche Tönchen verriethen, daß der junge Mensch sich mit seiner Lebensanschauung noch nicht ganz in Harmonie gesetzt habe, sich aber doch schon darauf einlasse, den Billigkeitsrücksichten Rechnung zu tragen. Hans Wilhelm fühlte sich wenig da durch blamirt. Er sah das Bündelchen, als es wieder in seinen Gesichtskreis rückte, ein bischen spöttisch an. Mein Sohn, Du wirst Deinem achtbaren Vater viel Freude machen! dachte er. Wirst die Pflichten eines St?-.ts-bürgers bald begreifen. Er stand stocksteif da. als ihm das Bündelchen wieder zugeschoben wurde, so daß die weiblichen Arme es der nächsten Pathin, Ruth, zureichen mußten. Auf Ruths Arm eine kleine Friedenspause, dann ging das temperamentvolle Geschrei von neuem los. Ruth hatte noch nie ein kleines Kind im Arm gehalten, in ihren Bauernhäusern lief sie vor Wickelkindern davon. Jetzt wollte sie den wilden, kleinen Kerl, ehrenhalber, gern beruhigen, aber ihr Auf- und Niederschaukeln und kleines Tänzeln schien ihn noch immer wüthender zu machen. Und über alles hin tönte ungestört des jungen Hofpredigers weicher, klarer Bariton. Er hatte schon mehr Kinder getauft und nahm ihr Wuthgeschrci nicht so wichtig, wie dies andern Leuten passirte. Hans Wilhelm sahRuths Bemühungen zu und lächelte. Geben Sie ihn mir," sagte er leise. Ruth warf ihm als Antwort einen kurzen, beleidigten Blick zu. Dann schaukelte sie um so heftiger, und um so heftiger schrie d:r erboste Knirps. Da stand Eva leise auf, und mit einem begütigenden Druck auf Ruths Arm nahm sie das ungeberdige Bürschchen selbst an sich. Auf ihrem Schooß beruhigte er sich zu Ruths Aerger beinah in derselben Minute und blickte nun still, nur noch mit zornnassen Aeuglein in die Lichter hinein. Nach der Tauffeierlichkeit mußte Hans Wilhelm noch die ihm Vekannten unter den Anwesenden aufsuchen. Götz von Pontow, die starke Gestalt in Frack und weiße Weste gezwängt, reichte ihm beklommen die Rechte. Ter alte Herr hatte Greuliches durchgemacht während dieser TaufHandlung. Philipps Rede war auch

an ihm total verloren, und das Gebrüll seines ersten Enkels hörte er nur wie durch einen dicken Nebel. Es war ein infames Gefübl, so deni Opfer seines bösen Streichs gegenüberzustehen. Und vergebens fragte er sich: Was nun? Wie wird sich die Sache jetzt gestalten? Ein Stachel saß ihm im Fleisch, der trieb und spornte ihn vorwarts. An Dir ist es! Du hast den armen Jungen da hineingestoßen, nun bole ibn auch wieder bera'is! ' Ja aber wie macht sich das? Hier, im Bann der Konvention, in Frack und weiter Weste, in gesellschaftliche For men geschnürt, da gehört solche toim öerllche Beichte Nicht zu den Dingen, die man handhabt wie Toaste und Komplimente. Und dann er wußte ja nicht einmal. was Hans Wilhelm damals gesagt worden war. Und das Ding war alt, verjährt, vielleicht vergessen von ihm. Jedenfalls längst überwunden. . Gut. Also nichts sagen. Die Sache lausen lassen. Ja. aber wirkte Hans Wilhelms Standpunkt hierbei bestimmend? Wenn Tu jemand be stiehlst, und der andre überwindet den Verlust, vergißt ihn wohl gar gibt Dir das die Bercchtigung. Dich los und'ledia von alle? Schuld zu fühlen? Hat übcihaup! irgend ein Mensch außer Dir Deiner Seele Recht und Unrecht in seinen Händen? Du bist eben Tu allein. Und was Du thatest, kann kein andrer weiß oder schwarz machen. Es ist gethan und bleibt gethan in alle Ewigkeit, und nur Dein eigenes Wollen und Handeln kann oie x.at aowersen oder kann sie vermehren. Keine bequeme Erkenntniß, wahrlich! Während rings alles in Andacht und Rührung verschmolzen, plagte sich rrf i . tr i . . . w ' ' 0J von Pvniow, oer oocy alle Ursache hatte, nebst Erich und Eva der Beglückteste zu sem, mit diesem uner träglichen Zustand. Als ihn der junge Doktor Hacke jetzt f " r i . t 1 1 oegrunie, lag iqm em oinerer eschmack auf der Zunge, und er machte . Ti.rrjti ein grimmoeiiziges kdz irai. Hans Wilhelm dachte: Der Alte sieht mich noch geraoe so an wie vor sechs Jahren.' Glaubt er wirklich, daß solche CYlf.... 1.. V jL j. . , luliicn uiuci vc( vuuccucac weiier blühen? Er könnte sich beruhigen!

Bei Tisch erhielt Hans Wilhelm sei-

nen Platz zwischen zwei jungen Damen, Freundinnen von Eva. Die eine war OssiZiersbraut. die andre die Gattin des Stabsarztes Eberbard. Die Braut still und verträumt, die junge Doktorssrau seyr munter und plauderhaft. Ruth von Pontow saß an derselben Tischseite. doch so entfernt von Hans, daß er sie weder sehen noch ein einziges Wort von ihr hören konnte. Darüber mußte er innerlich lächeln. Er durchschaute so einigermaßen Erichs Gedanken, die ihn bei der Äschordnung geleitet hatten: ein prinzipielles Festhalten am Kontrakt also Ruth in unerreichbare Ferne geschoben. Mehr als er wollte, mußte Hans Wilhelm über diese Taktik Erichs grübeln. und allmälig ging das Gefühl der Belustigung in Verstimmung übe. War er denn verdammt, an dieser altenKette, die er von seinem Empfinden längst abgestreift hatte, vor andern Leuten weiterzuschleppen bis in alle Ewigkeit? In einer Welt, wo man sonst nicht mehr viel an Treue und romantisches Ausharren glaubt, hing ihm allein der Schein des Toggenburgerthums an? Man glaubte allenfalls an seinen Zorn, an die Kraft seiner Entsagung, aber nie an seine innere Gleichgiltigkeit. - Was mochte Erich da mit seiner Frau getuschelt und philosophirt haben. als sie die Tischkarten legten! Hätte er ihnen nur sagen können, wie er fühlte! So gänzlich ernüchtert, so im tiefsten fertig. Wäre es noch die Ruth von früher gewesen, vielleicht hätte sich da noch etwas von alter Wildheit ri ihm aufgebäumt. Diese Dame war ihm nichts als fremd. Fremd, fremd fremd! Er war kein Tischherr nach dem Herzen Knigges. Anfangs wohl, aber seine launenhafte Verdüsterung lag nicht innerhalb der Grenzen des guten Tons. Sogar die lebhafte, gutmüthige Frau Doktor Eberhard verzweifelte allmälig an ihm und wandte sich geärgert ihrem andern Nachbar zu. Götz von Pontows spezielles Malheur war es, Hans Wilhelm ziemlich direkt gegenüberzusitzen. Nun hatte er es beständig vor Augen, was dieser Mensch that und trieb. Er selbst gab sich ehrlich Mühe, mit Eva. die seine Tischdame war, liebenswürdig zu sein. Er konnte das, wenn er es wollte. Mochte er auch grauköpfig sein, innerlich und äußerlich verwittert der flotte Leutnant und Damenkavalier alter verschollener Zeiten war doch noch nicht ganz aus seinem Blut. Aber heute ging's nur mangelhaft streifenweise, wie er selbst empfand. Immer wieder und wieder saßen seine Blicke an seinem Gegenüber fest. Wenn Du wüßtest! dachte er. Und dann wieder: Wie würde alles sein ohne diese eine That? Er sah zu Ruth hinüber. Ihr TischHerr plauderte auf sie ein, ein hübscher Artillerist, einer von Erichs Regimentskameraden. Sie schien nur. einsilbig zu antworten, und überdies sah sie blaß aus. Oder täuschte ihn das ungewisse grauweiße Mittagslicht? Oder auch seine eigene Voreingenommenheit? Es war alles möglich. Götz von Pontow ward es immer heißer in seiner engen Weste. In seiner Aufregung stürzte er ein Glas Wein nach dem andern hinunter. Er konnte viel vertragen, aber sein Kopf begann schon zu glühen, und sein Empfinden wurde auch nicht beruhigter. Da sprach ihn seine linke Nachbarin an. E? war ein älteres Fräulein, über die Fünfzig hinaus, eine Offizierstochter, jetzt aber ganz alleinstehend in recht dürftigen Verhältnissen. Eva hatte ihm vor Tisch eilig etwas von ihr mitgetheilt. Sie war einst eine glanzende, gefeierte Erscheinung gewesen. Der Tod des Vaters, schlechte Vermögensverhältnisse hatten in beinah skandalöser eise ibrer damaliaen Vulobung, die dicht vor der Hochzeit stand, ein Ende gemacht. Seitdem war ihr Leben eine Kette von Demüthigungen. Vielleicht darum, weil die Freunde, die sie sich in ihren guten Tagen erwählte, nicht solche waren, die in bösen standhalten. Jetzt war sie verbittert und einsam. Aus Mitleid nahm man sich ihrer an, suchte ihr trauriges Alter, ihr Altjungferndasein im schrecklichsten Sinn, zu erhellen und zu bereichern. -Während sie eine oberflächliche Salonplauderei mit Götz von Pontow eröffnete, sah er ihr in'3 Gesicht. Von einstiger Schönheit fand er nicht mehr viel darin. Sie war hager mit scharfen Linien. Um Mund und Nase spielte bei der geringsten Gelegenheit ein höhnisch bitterer Zug. Er antwortete ihr mechanisch, was es eben auf solches Phrasengeplapper zu antworten gab. Dabei brannte sich 'allmälig eine fixe Idee mit fürchterlicher Gewalt in sein Gehirn. - In dreißig Jahren da war Ruth so alt wie sie. Da konnte sie auch eine alte Jungfer sein. Und aus Mitleid eingeladen werden. Und solche Linien im Gesicht haben In dreißig Jahren! Und solche Zeit ist herum, ehe man es denkt. Was sind denn dreißig Jahre? Und dann war er todt und konnte sie nicht mehr schützen. Und sie spielte eine Figur wie diese Alte hier. War grau mit lauter Schrumpeln und solchem harten, angestrengten Lächeln... Ihm wurde plötzlich so seelenangst, daß er hätte aufschreien mögen. Dem bedienenden Burschen befahl er, ihm Wasser zubringen. Er goß eS .hinun

ter. Von der Stirn wischte er sich den dicken Schweiß. Eva sah es. Papa, ist Dir nicht wohl?" fragte sie ängstlich. Doch. Mach keinen Lärm, Kind. Die Hitze, fax Wein und dann regt mich alten Knochen so etwas auch schon mehr auf. Laß mich ganz ruhig, dann wird's schon besser." , Diese alle Person hat Schicksalsschlage gehabt! dachte er weiter. Das hat sie so heruntergebracht, daß sie nie wieder geehrt und würdig werden kann wie andre, die auch alt werden. Vielleicht auch eigene Schuld, daß sie leichtsinnig und unpraktisch war. Aber was hat Ruth? Weder Schicksalsschläge noch Schuld. Blos einen alten, verrückten, gewissenlosen Papa! Und wenn sie nach dreißig Jahren so sitzt wie jetzt diese hier, so kann sie sich bei mir dafür bedanken! Alles Blut wollte ihm wieder zu Kopf wallen.' aber er legte sich mit Gewalt Ruhe auf. Einmal an den Fingern nachrechnen, was ich ihr gethan habe: erst den Troubadour die Treppe hinunter! Das war keine Sünde, der hatte es doch nur auf Dummheiten abgesehen. . Dann: der Rechtsanwalt mit der Platte wie hieß er gleich? Ich weiß nicht mehr. Das war auch nur, weil ich sie behalten wollte. Es steht doch nirgends geschrieben, daß ein Mann mit einer Platte als. Freier eine Unmöglichkeit ist. Ich hätte mich wenigstenns säuberlich erkundigen können. Aber nichts da! Dann die Haare! Herrgott, war ich ein Ungeheuer. Und dann ach dann sperrte ich sie ja wohl noch ab. ließ sie nicht sehen ja. ja. ich weiß schon! Brauche mir gar nicht alles einzeln anzusagen. Ich weiß schon ich weiß schon! Ich habe Ruth zur alten Jungfer gemacht. Er schaute mit bohrenden Blicken zu ihr hinüber. Sah sie nicht wirklich schon alt und verbittert aus? Ja. gewiß! Der Schmelz der ersten Blüthe war vorüber. Sie war auf dem-Weg zur alten Jungfer! So macht man es, wenn man sein Kind lieb hat! Genau so macht man es! höhnte er sich in verzweifelter Bitterkeit selbst aus. Dann sah er Hans Wilhelm wieder an, der jetzt tief in seiner Verdüsterung steckte. Kinder, ich bin Euer Unglück gewesen! dachte er. Ich hätte lieber sterben sollen statt Leonore. Dann wäre alles, alles anders gekommen! Der Täufling erschien in der Thür, auf dem Arm seiner Wärterin. Er sollte sich den Gästen noch einmal prasentiren, ehe er in seinen langen Nachmittagsschlaf schlüpfte. Das goldbraune Köpfchen lag auf dem Kissen, er sah jetzt dick, gesättigt und in tiefster Seele befriedigt aus. Ein lautes Hurrah begrüßte ihn. Eva winkte der Wärterin, heranzukommen, und nahm noch einmal ihren Jungen auf den Schooß. und er drehte seine leuchtenden Augen dem Großpapa zu. (Forlsetzung folgt.)

Der altkatholische BZ schof Professor Dr. Theodor Weber ist nack längerer Krankheit in Bonn ncstorven. -T.Als Asche heim be f ö r d e r t. Bei dem Rücktransport der japanischen Kriegsgefangenen aus Rußland über 'Hamburg wurden in Berlin zwei Kriegsgefangene, da sie an hochgradiger Tuberkulose litten. angehalten und der Heilstätte des Ro then Kreuzes in Grabowsee zugeführt. wo sie der tückischen Krankheit erlagen. Auf Veranlassung der mpamschen Botschaft veranlaßte der Berliner Verein für Feuerbestattung die Einäscherung der Leichen im Krematorium zu Gotha, und die Asche wurde dann zur Bei setzung in die ferne Heimath abgesandt. Knaben retten Äua. Ein Versuch, den Schnellzug der Pennsyl vania-Bahn zwischen Wilkesbarre, Pa., und Philadelphia zum Entgleisen zu bringen, wurde jungst durch zwei Jungen vereitelt. Sie hatten bemerkt. wie zwei Manner eme Weiche, verstell ten und die Signallichter änderten, und eilten den Geleisen entlang, um den nächsten Bahnwärter zu benachrichtigen. Alle, Drei kehrten zur Weiche zurück und brachten diese wieder m Ordnung, woraus m kaum nner Mi I nute der Schnellzug Heranfuhr. Detektivs verhafteten später zwei Männer. welche der Beschreibung von Seite der Jungen entsprachen. t Ein Packet Tabak als Lebensretter. Auf wunderbare Weije ist kurzlich ein Ar beiter Namens H. W. Nilson in Pierre, Sud,-Dakota, dem Tode entronnen. Er war an einer Bohr Maschine beschäftigt, als seine Kleider von einem Kammrad ergriffen wurden: die Kleider wurden ihm vom Leibe gerissen und trotzdem ei sich nach Kräften wehrte, sah er den Tod vor Augen. Aber auf einmal .stand das Rad still; ein Packet Tabai. das Nilson bei sich trug, war hineingerathen und hatte es zum Stehen gebracht. Die poetische HSlzin. Soldat: .Nee, mit der Bekanntschaft.bin ich ja schön hereingefallen. Dachte ich, ein anständiges Abendbrot zu kriegen, als ich sie heute zum erstenmal besuche ... da liest sie mir ihre Gedichte 'vor!"

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G ( es t US tos Ä W W IRWtHWIH Derjenige passt aufsein Geschäft welcher sofort zu Werk geht Bcrlctzttttgctt, Ncrrenkttngcn, Quetschungen, durch den Gebrauch von tis ( N tvs I St. I Jakobs y i ku rurtren z r erspart 2ett, M'ä wy Geld und wird rasch von yt' (Ä seinem 5lend befreit. (S Preis 25 und 50c. j Wirthschaft 6 tO Ende der Brightwood Straßenbahn Linie. Alle durstige Seelen sind Villkommen Wrn. Stoeff ier SgiIookl. Zd). 202 Nord Noble Straße. NeueS Telephon 2001. Saloon 801 Profpecl, Ecke Wright efte Wirthschast der Südseite. Zimn ISr verilne und Club, ekle vedlennng. Deutsche Wirthschaft . ... fcon ... Gus. Amann, (Nachfolger von Con. tzeeß.) 852 Massachusetts Avenue. Das berühmte Home Brno" stets an Zayf. Die besten Weine, Liquore und Cigarren. Jeden Tag extra feinen warmen LunÄ KorgenS und AbendS. Zu einem Besuch ladet freundlichst ein, U8. Alliailll, 852 Mass. Ave j Dr. LEO HERBERT Wiener Arzt. Haut-, Geschlechts u. Nervenkrankheiteir 120 Oft O5'oZStraße-2ter Floor. NeueS Tel. 44. Evrechstande, 9-11, 24. 78 bend. Dr. Carl Q. Winter Deutscher Arzt. Behandelt ave akute und'chronlsche'Krankheiteu. Sveziell Rheumatismus, Nectum und Frauen'Kranlheiten. Gffice: 14 weft Ghio Straße. Ofsice-Stunden : 1011 Vm. 3-4 Nm. Sonntags : 9.3010.30 Vm. Tel. neu 43. Wohnung: 12?0Madlson Avenue.' Telephone : Alt, 2025. Neu, 9282. vr. j. A. Sutcliffe Wnnd-Vrzt, Osch!echts, Urin- nnl Äeciurn Krankheiten. OlZtt:W OS MlnketStr. Tel. X DfttPGtiobnt llllio Ut rn. still vu Dr. Paul F. Martin, yraktlscher Arzt und Chirurg. Sprechstunden: ii.oo 1Z. so , .30-14.00 täglich. Sonntag :Iuf Verabredung. Willoughby Äbäude,' ZA.Vkord .an Strafe. Tel., Maln 4414. Wohnung: 1205 Nord Ne Jersey Str. Telephon : Maln 85 ; New'estt.

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