Indiana Tribüne, Volume 29, Number 154, Indianapolis, Marion County, 22 February 1906 — Page 6
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6 ö ? Novelle von 2 sVrmm icmttt --0-0'-0''C''9 0&0OOO'Ö mSchloßpark von Lubin herrschte außergewöhnlich reges Leben. Die gesanimte Intelligenz der Umgebung war einer Einladung des alten Barons Lubinsky zu einem Gartenfeste gefolgt. Alles was von Rang und Ansehen war, kam der Einladung nach. Die Gutsherren der Umgebung, die Honoratioren aus Ezerlany und Malkowicz, dazu aus GrodeZ und Lemberg Offiziere. Beamte und sonstige Notabilitäten. Alle mit ihren Damen. Stundenlang währte die Auffahrt der vielgestaltigen EquiPagen aber auch das landläufige Bauerngefährt fehlte nicht. Zu Pferde und auf Stahlrosjen kamen auch viele der bunt zusammengewürfelten Gesellschaft. AlleParterreräumlichkeiten des alten Schloj'es waren von der Schaar der Gäste besetzt. Auch auf der Terrasse hatten viele Platz genommen, während die zarteste Jugend im herrlichen Park lustwandelte und stch mit Ballspiel und Krocket die Zeit vertrieb. Eben war auch Graf Fcodor Landorow, der Ezerlanyer Gutsherr und Fabrikbesitzer, in seinem Wagen vorgcfahren. Der prächtige, kraftstrotzende Mann, dem man es kaum ansehen konnte, daß er schon nahe an Fünfzig war, sprang mit jugendlicher Behendigkeit von seine;Gefährt, strich sich den schwarzen Schnurrbart in die Höhe und betrat, heiter lächelnd und von allen Seiten lebhaft begrüßt, den großen Saal. Da herrschte bereits eine sehr animirte Stimmung. In polnischen Eesellschaften thauen die Herzen rasche? auf. man bringt sozusagen die höhere Temperatur schon mit sich. Richtig, da saß sie wieder, die Gräfin Pernitzky, die Veteranin unter den heirathsfähigen Töchiern des Kreises. Sie thront bei allen Gesellschaften obenan, fälli durch eine von ihrer Umgebung sehr abstechende, mäßige Schönheit auf und durch extravagante Haarfrisuren, die sie zum Ueberfluß auch noch stark mit Blumen zu dekonren pflegt. Graf Landorow hatte die Frisur der Pernitzky die hängenden Gärten der Königin Semiramis genannt, und seit jener Zeit hieß sie selbst die Semiramiö von Malkowicz sie hatte jedoch ihren Salomo noch nicht gefunden. . Da war auch die alte Fürstin Zurka mit ihren sämmtlichen fünf Töchtern, bt, außer ihrem fürstlichen Titel, sehr geringe körperliche Vorzüge und ein? noch geringere Mitgift besaßen und darum hartnäckig in Rogsan residirten bei der alten Durchlaucht, statt an der Seite stattlicher Eheherrn verstreut in den Schlössern des Landes. Aber Graf Landorow hatte für all' diese alten Bekannten, die sich zu jeder Gesellschaft mit der gleichen Pose einfanden, kein Auge. Er sah nur sie. die gefeierte Frau, die Schönsie der Schöiien, die er schon so lange anbetete, die stolze Henna von Radak. Doch er konnte nicht so leicht bis zu ihr vordringen. Graf Feodor ist beliebt. - Da muß er einen Gruß wechseln, hier die Hand drücken, dort sich nach dem Befinden erkundigen, dann wieder über sein: eigene Gesundheit Auskunft geben. Auch mancher Bruderkuß muß gewechseit und so mancher Allasch getrunken werden wie das unter Polen nun -einmal althergebracht ist. Plötzlich sah er sich vor der kleinen Martha von Lubinsky. dem reizenden Haustöchterchen, der Einzigen des alten Barons. Die kleine Baronesse hatte heute scharfen Dienst. Sie stand an Stelle der fehlenden Hausfrau, mußte die Honneurs machen und überall nach iem Rechten sehen. Hier fehlte es an Mein,, da an Kaffee, dort an Thee oder Kognak es mußte ja für so mancherlei gesorgt werden, womit die Mensehen raschestens ihre Nerven ruiniren oder sich mindestens einen gelinden Magenkatarrh holen. Für alles wußte Martha mit richtigem Geschick zu sor$tn und fand auch noch Zeit, jedem der Gäst: ein liebes Wort, zu sagen. Man fand sie allgemein entzückend in ihrer Hausfrauenrolle. Auf einmal erblickte sie den Grafen Landorow. Grüß' Gott, Onkel Feo." rief sie ihm fröhlich, entgegen es war ja ihr Onkel und Pathe zugleich, an dem sie von Kindheit auf mit inniger Liebe hing. Run reichte sie ihm auch ohne weiteres ihre Lippen zum Kusse hin. zupfte ihn aber zugleich, wie zur Strafe, am Schnurrbart. Ist das Quch recht, böser Onkel, so spät zu kommen? Ich glaubte schon, die ekliche Papierfabrik lasse Dich wieder nicht los. Hast wohl wieder Verdruß mit Deinen Direktoren gehabt?Nein, kleine Grasmücke, gar keinen Verdruß." antwortete ebenso heiter der Graf. Das Papier fabrizirt sich ja fast von selbst. Aber Du weißt ja. ich brauche etwas lang zu meiner Toilette. So ein alter Herr wie ich " - .Aha. Onkelchen, wir kokettiren schon wieder mit unserm Alter. Geh' doch, Um... so ein fescher Mann, kaum ein paar graue Haare auf dem Kopfe und :immer noch so lebhaft und elegant, weit unehr als die andern jungen Leute."
Ja, ja, Zuckermädcl, aber dZe Jahre!" Auf's Herz kommt es an, Goldonkel. Und wir wissen 's ganz genau, das Deine ist noch vollkommen in Ordnung und funktionirt prächtig." 'Martkia zwinkerte bekutunasvoll mit den Augen nach der Gartenseite öes Saales zu. Onkelchen, sie ist hier." Wer denn?" frug Landorow, indem er ganz erstaunt that. Na. thu' nur nicht so, Böser. Deine alte Liebe, tk schöne Henna! Sie sieht heute brillant aus. Aber paß' besser auf, Onkel. Graf Brodsky macht ihr stark den Hof. Weißt Du, der reiche Gutsbesitzer aus Krakau! Nun aber muß ich 'fort, in den Garten, mich nach den Gästen umschauen. Du weißt ja, ich spiele beute Hausmütterchen." Die drehte sich blitzschnell um und war bald in der Masse der Gaste verschwunden. - Graf Lanoorow blickte seinem Pathenkinö eine Weile vergnügt nach und wandte sich dann der Saalecke zu, wo Herma von Radak saß. Im Momente hatte sie Graf Brodsky gerade verlassen, so daß er ungestört mit ihr plaudern konnte. Ah. Herr Graf, lassen Sie sich auch wieder einmal sehen? Sie werden ja immer seltener. Wollen Sie vielleicht dadurch 'das Verlangen nach Ihnen wecken?" Graf Landorow verschlang mit den Augen das reizende Frauenbild. In sein Gesicht kam ein weicher Zug, wie der Abglarz eines schmerzlichen Gefühls ungestillten Verlangens. Haben Sie meine Abwesenheit vielleicht empfunden?" frug er mit vibrirender Stimme. Gute Menschen fehlen uns immer, und man kann nie genug von ihnen um sich haben. Sie wissen ja, Graf, ich halte Sie für einen cuten Menschen." Ach ja, gut. Was ist gut? Ich möchte Ihnen anders erscheinen, ganz anders." Aha," machte die schöne Frau, Sie wollen wohl wieder von vorne ansängen." Der Graf seufzte hörbar. Sie hören sie wohl nicht gerne, diese alten Geschichten!" Sorgen Sie nicht dafür, daß sie immer neu bleibt, sonst wird sie zu langweilig. Uebrigens, offen gestanden, lieber Graf, sehen Sie mir absolut nicht so aus. als wollte Ihnen das Herz darüber entzwei brechen." Die schöne Frau ließ dabei ihren Blick über die kraftstrotzende, gesunde, volle Gestalt des imposanten Mannes gleiten. Graf Landorow ließ sich in einem Fauteuil neben ihr nieder und faltete die Hände, wie zum Gebet. Herma, wie lange soll das noch weitergehen?" So lange, bis Sie vollkommen vernünftig sind. Ich habe Ihnen ja längst schon offen meine Meinung gesagt und Sie gebeten, diese gräßliche Idee aufzugeben. Ich achte Sie, ich verehre Sie. ich schätze Sie über alles, es ist mir sogar ein Bedürfniß, mich von Zeit zu Zeit mit Ihnen auszuplaudern, auch mal tüchtig zu zanken das ist aber auch alles. Denken Sie doch nicht mehr daran, und sprechen Sie nicht mehr davon. Wahrhaftia. Graf Landorow. ick
'würde an Ihrer Stelle keinem Wagen nachlausen, der mich doch rncht aufnehmen will." Hm," machte der Grf, das hätten Sie mir ja deutlich gesagt. Freilich höre ich das nicht zum ersten Mal. Ich glaube, vor sieben Jahren haben Sie mir diese Rede zum ersten Mal qehalten. Nun sagen Sie mir, schöne Herma, wje steht es eigentlich mit dem Grafen Brodsky?" Aha. da soll's hinaus? Nun, ich will aufrichtig sein. Vorläufig ist gar nichts zu sagen, weder ja. noch nein, es liegt eben nichts Bestimmtes vor. Eines aber ist gewiß: Brodsky ist' ein sehr netter Mensch... Nur ruhig, Graf Feodor, keine Aufregung. Ich weiß schon, was Sie sagen wollen... Ganz gewiß, ein netter Mensch sind Sie auch, sogar ein sehr netter! Aber etwas hat Brodsky. was Sie nicht besitzen: Originalität! Der Herr hat sich eine Ursprünzlichkeit zu wahren gewußt, die in unserer heutigen, alles nivellirenden Zeit einfach köstlich anmuthet. Ich habe schon von vielen seiner originellen Streiche gehört, die mich auf das höchste amüsirt haben. Der reizendste ist vielleicht die Affäre mit seiner Braut; soll ich sie Ihnen erzählen?" Sie Würden.mich sehr dadurch verpflichten, gnädige Frau; man kann ja nie auslernen." . Nun also: Vor paar Jahren war Graf Brodsky mit einer sehr reichen Dame aus Lemberg verlobt. Diese Dame, eine überaus elegante Mondaine. liebte das Kartenspiel ebensosehr wie Brodsky selbst. Im Kumt ZakoPane nun geriethen einmal. Braut und Bräutigam in dieselbe Spielgesellschaft. Es wurde Bakkarat zu den höchsten Einsätzen gespielt. Brodsky saß tief im Glück, und ehe die Nacht vorüber war. hatte er seiner Braut ihr ganzes Vermögen abgewonnen. Andern Tags sandte er ihr den vollen Betrag in Begleitung des Verlobungsringes zurück und ließ ihr nur so viel sagen, daß zwei Spieler in einer Ehe zu viel wären. Sie möge sich einen vernünftigeren Gatten suchen, er hoffe auch eine andere Frau zu finden." Da hatte er aber auch recht." rief Graf Landorow aus, es ist nicht gut. zwei verrückte (äule vor einem Wagen zu spannen."
Freilich hatte er recht." gab die schöne Frau zurück, indem sie sich von ihrem Sitze erhob. Zwei Unsinnige passen ebensowenig zusammen, wie zwei Vernünftige, wie wir beide es sind. Und darum, lieber Graf Feodor, lassen Sie sich endlich rathen, und suchen Sie sich eine andere, ich tauge nicht für Sie." Damit raffte sie ihre Schleppe auf und eilte, lustig kichernd, davon. Graf Feodor sandte ihr einen halb erstaunten, halb schmerzlichen Blick nach, bis die schöne Gestalt sich im Gewirr der Gäste verlor . . . Aus dem schönen Gartenfeste wurde schließlich ein lustiges, unge-bundencs Trinkgelage, so recht nach alter Väter Sitte. Man mag die Feste arranguen, wie man will, ihnen beliebige Namen 'geben und modischen Aufputz ein paar Stunden hält es vielleicht vor. Die Leidenschaften lassen sich zurückdämmen, das wilde Blut sich zügeln und in vornehme Formen pressen schließlich aber dringt sie doch durch, die ungebundene, ungeberdige Freude am Dasein, die sich immer dort einstellt, wo gute Polen bei eineyi leidlichen Glase Wein siö) zusammenfinden. Und wie gut sind diese Stimmungen für Kummer und Lust. Eine solche Stunde übertönt alles im Menschen, gleicht die Kümmernisse aus. zerstreut die Sorgen und hält alle Gefühle vom Uebermaß zurück. Auch Graf Landorow ließ sich von der allgemeinen Stimmung gerne mitreißen. Er hatte es ja so sehr nöthig, etwas Schreiendes. Schmerzendes in seinem Innern bekämpfen, betäuben, von äußerer Lust übertönen zu lassen. Der schöne Traum langer Jahre war ja in Nichts zerflossen, eine süße Hoffnung für immer zerstört. Da gab's nur einen Trost scherzende Worte und rothen Wein, und von beiden hatte man ja heute hier die Fülle. Der Abend war gekommen. . Das zitternde Mondlicht stahl sich durch bis hohen Baumkronen. Im Parke war es einsam und still. Nur hin und wieder drang aus dem Schlosse der Lärm, das Schreien und Lachen der fröhlichen Gäste. Graf Landorow war in den einsamen Park hinausgetreten. Er hatte nun genug von Wein und Menschen. Es drängte ihn, ein Stündchen mit sich allein zu fein. Der Park mit seinen magisch beleuchteten Gängen, seinen lauschigen Winkeln, zog ihn mächtig an. Er ging immer weiter, in Gedanken versunken. Als er am griechischen Tempel, der am oberen Ende des Schwanenteiches so ruhig und friedlich da lag. vorbeikam, war es ihm, als wäre ein Seufzer zu ihm herausgedrungen. Rasch entschlossen trat er in den Tempel ein. Nichtig, dort auf der Steinbank kauerte jemand, hatte die Hände vor's Gesicht gepreßt und schluchzte herzbrechend. Graf Landorow war kaum eingetreten. als er auch schon wie angewurzelt stehen blieb. Vor Erstaunen konnte er lange kein Wort .hervorbringen. Martha.".-rief er endlich. Du hier? Und ganz in Thränen zerflossen!" Er schlug die Hände zusammen. Ja. Goldkind, was soll denn das bedeuten?" Martha sprang auf und flog ihm in die Arme. Ach. Onkelchen." schluchzte sie, 'ich bin so unglücklich." Meine Martha unglücklich! Aber das ist ja gar nicht denkbar. So erkläre Dich doch! Sprich Dich aus! Deinen Thränen kann ich ja nichts entnehmen. Bin da der Meinung, unser Goldkind befände sich dort, wo es am Lustigsten zugeht, und nun finde ich sie in diesem melancholischen Tempel, ganz in Thränen zerflossen! Ja, Kind, was gibt es denn ?Was schmerzt Dich denn? Gelt, hier sitzt es, im Herzen! Aha. ich schein' es getroffen zu haben: Also verliebt sind wir! Hätt' ich mir ja denken können. Mit neunzehn Iahren darf so was schon vorkommen. Nun gut, Engelchen willst Du dem Onkel auch sagen, wer der Glückliche ist?" Arthur Ringhof." Ah. der junge deutsche Nachbar! Kein übler Geschmack. Nun, wie steht denn Eure Sache?" Martha brach von neuem in Schluchzen aus. Ach, das ist es ja eben. Onkel, gar nicht steht es mehr, 's ist aus zwischen uns. ganz aus." Ei, ei, so rasch ist das gegangen! Was ist denn eigentlich zwischen Euch vorgefallen?" -So hör' doch nur, Onkelchen: Vor einer .Stunde ist alles passirt. Wir waren vollkommen einig, Arthur und ich. und etwa vor einer Stunde Ihr habt Euch drinnen gerade so gut amüsirt hat Arthur den Papa aufgesucht und ihm alles rundheraus eingestanden: daß wir uns lieben, daß wir ohne einander nicht leben können, und auch nicht leben wollen ..." Selbstverständlich," machte der Önkel gutmüthig, wie das ja seit Jahrtaufenden immer heißt, kurz: " Kurz. Arthur hat um meine Hcind angehalten. Papa war natürlich furchtbar überrascht und auch recht zvr'nig ich hab's gut gehört, denn sich habe natürlich gelauscht. Dann sagte er, wir wären alle beide noch viel ju jung und unerfahren für die Ehe; außerdem müsse er sich auch noch ,Hie Verhältnisse überlegen, ehe er sich InU scheide, genug Arthur möge sichn? gedulden, eine Antwort könne er ihm heute nicht geben. Darauf ist aUj Arthur dringender geworden und kühner er scheint sich mit Euch gut airWtrt zu haben und verlangte von Papa
einen sofortigen Bescheid. Er sei kein
ino meyr uno wisse den Ernst der Sache vollkommen zu würdigen. Entweder er bekomme gleich das Jawort oder denke nur, Onkel, was er gesagt hat! er verzichte überhaupt. Das gefiel natürlich Papa nicht, ein Wort gab das andere und schließlich, was geschah? Arthur sprang auf. eilte aus dem Zimmer, setzte sich auf seinen Wagen und fuhr davon. Mich hat er keines Blickes gewürdigt." Dann begann sie wieder, herzbrechend zu weinen. Aber. Goldkind, wer wird denn gleich so sein! Die Sache ist doch nicht so schlimm. Gewiß hat der junge Herr ein Gläschen von Eurem Rothwein getrunken. Nur ein Gläschen. Das genügt. Ich bitte Dich, laß ihn später nie Nothwein trinken, wenn Ihr einmal verheirathet seid. Denn daß Ihr Euch heirathet. ist doch aewiß. ftä werde schon mit Deinem Papa sprechen und auch mit Herrn Arthur." Nein. nein, nein!" Und sie stampfte energisch mit ihrem kleinen Fuße auf. Bemühe Dich nicht. Onkel. Ich habe mir die Sache überlegt. Ich mag ihn ja gar nicht. Ich will ja gar nichts von ihm wissen. Ich hasse ihn, ja. ja, ich hasse ihn." Dann umschlang sie wieder den Hals ihres Onkels, barg ihr Köpfchen an seiner Brust und ließ ihren Thränen freien Lauf. Graf Feodor streichelte ihr schwarzes Haar, küßte sie zärtlich und sprach ihr besänftigende Worte Zn's Ohr.. Endlich ließ sie sich beruhigen, trocknete ihre Augen, und sie suchten, heiter plaudernd, als wäre nichts vorgefallen, die Gesellschaft wieder auf. Nicht lange danach begann man, sich zum Aufbruch zu rüsten. Eigentlich nur ein Theil der Gäste. Die junge Garde beiderlei Geschlechts schien fest von der Absicht durchdrungen zu sein, sich dauernd festzusetzen und auch noch den nächsten Tag im Lubiner Kastell bei Rothwein und Goldwasser, Spiel und Tanz, zu verbringen. Die Gastereien im Schlosse des Barons Lubinsky waren ja nie von weniger als achtundvierzigstündiger Dauer. 'Graf Lern dorow zählte zu denjenigen, die es .vorzogen, schon am Abend nach Hause zurückzukehren. Er war so nachdenklicher Stimmung, gewissermaßen elegisch geworden im Laufe des heutigen Abends. Er konnte die Stunde nicht fröhlich mitgenießen. Die Pferde seines leichten Jagd Wagens griffen wacker aus. Es war ein herrlicher Abend. Das volle Mondlicht verklärte die sonst so melancholische, eintönige galizische. Ebene. Die Luft war kühl und von entzückender Frische. Der Park war durchfahren, rechts und links lagen in nächtlicher Ruhe die großen Fischerteiche, und in der Ferne ragte der mächtige Schornstein der Ezerlanyer Papierfabrik gespensiifch in die Höhe. Feodor Landorows Gedanken wurden immer kühler, nüchterner. Imme? klarer wurde es ihm, was der heutige Tag ihm gebracht. Seit vielen Jahren war er mit all seinem Hoffen und Wünschen an den Lippen der schönen Frau Herma gehangen. Er hatte ihr gehuldigt und hatte gewartet. Er hatte sie umworben und sich in Geduld geübt und nun war auf einmal alles klar zwischen ihnen. Vorbei . . . Freilich, sie war eine kluge Frau. Sie hatte recht, vielleicht zu klug für ihn vielleicht auch zu berechnend! Rechnete sie mit dem größeren Vermögen des Grafen Brodsky? .Mit ihm konnte er sich freilich nicht messen, er. der arme, papierfabrizirende Graf! Und in Krakau oder in Wiea lebte es sich freilich lustiger als in Czerlany, wo es außer dem Krebsfang im großen Fabrikssee keine weiteren feudalen Zerstreuungen gab... Ganz ehrlich emPfand er in dieser Stunde, daß es vielleicht doch besser so war. Mit achtundvierzig Jahren bricht das Herz nicht mehr aus unglücklicher Liebe. Man ist nüchterner, resignirter. Und doch! Wie einsam kam ihm heute sein schönes Haus mitten im Czerlanyer Parke vor. So einsam wie Noch nie. Wie .kahl die Zimmer und dazu noch dieses Uebermaß von Räumlichketten. Achtzehn Gemächer! Für jeden nur' denkbaren Zweck ein besonderer Raum. Wozu das alles ihm, dem einfamen Mann. Freilich, als er das Haus einst nach dem Tode seines Vaiers bezog, hatte er ja gehofft, in diese Räume frisches Leben zu bringen. Er wuHte es ja recht gut, wie öde und kahl alles bliebe, wenn dem Hause die Frau fehlte. Doch die Jahre schwanden dahin, und wenn auch die Kraft unvermindert geblieben, die Zuversicht wurde immer schwacher. Und nun war auch seine letzte Hoffnung zerstört, der Traum seiner reifsten Jahre in Nichts verflossen. Vorbei... Drei Tage lang nahmen ihn wichtige Angelegenheiten in seiner großangelegten Papierfabrik gefangen. Sein Geschäftsleiter hatte den ganzen Orient bereist, Belgrad. Bukarest. Sofia besucht, war selbst am goldenen Horn geWesen und nun, mit reichen Aufträgen in der Tasche, zurückgekommen. Da hieß es jetzt tüchtig arbeiten, denn Landorow setzte seinen Stolz darein, zu hören, daß der gräfliche Papierfabrikant seine Kunden prompt, reell und gut bediene. Am dritten Tage .endlich erinnerte er sich der kleinen Martha und seines Vnsprechens, ihr in der bewußten Herzensangelegenheit beizustehen. Er ließ an--spannen und fuhr nach Lubin. Baron Lubinsky war auf dn Jagd.
Martha stürzte ihm mit freudigem Ausruf entgegen und warf sich in seine Arme. Endlich kommst Du, Onkel Fco! Ist es auch schön, so lange auf .sich warten zu lassen? Heute waren schon mindestens zwanzig Herren da, die sich nach meinem Befinden erkundigen wollten. Nur der Onkel ließ so lange auf sich warten." Nicht so streng, Eoldkäferchen. man hat auch noch ein kleines Nebengeschäft. Uebrigens, laß mal sehen) wie schauen wir denn aus? Hm. ein wenig bleich und hier um den Mund so ein schmerzlicher Zug. der mir nicht gefallen will. Du grämst Dich doch nicht ctwa'ä?" Aber keine Idee. Onkel Feo, vielleicht sind das noch Ueberblcibsel vom Katzenjammer!" Nach drei Tagen wo denkst Du hin. Mädel!" Doch. Onkel, die letzten Gäste sind ja erst gestern Abend abgezogen. Es waren diesmal einige recht seßhafte darunter, zum Beispiel der Tarnotzky. Ich glaube, der wäre am liebsten noch eine Woche geblieben." Ja. das sieht ihm ähnlich." Dann gingen sie Arm in Arm in's Haus und ließen sich im kleinen Ecksalon nieder. Aus dem Wandschränkchen nahm Martha eine kleine Herzstärkung, die sie ihm mit lieblicher Miene kredenzte. Dein Wohl. Liebling." rief Landorow heiter. Ah, ein prächtiger Tropfen! So. Und nun, Martha. zur Sache: Wie steht es mit Deiner Angelegenheit? Ist Arthur dagewesen?" Nein, Onkclchen, ich habe ihn nicht wiedergesehen. Aber ich sage Dir ganz offen, das ist mir auch recht. Ich will ihn ja gar nicht wiedersehen. Ich mag ihn absolut nicht mehr. Die Sache ist für mich vollkommen erledigt." Na, na. Kind!" Wahrhaftig. Onkelchen. Ganz und gar vorüber. Ich will nichts mehr mit ihm zu thun haben. Nicht einmal sein Name soll vor mir genannt werden." Hm. Martha. wenn das wirklich Dein Ernst ist, so soll es mir ja recht sein, 's ist vielleicht auch besser so." Ganz ernst, Onkel Feo! Und nun sprechen wir von etwas anderem. Zum Beispiel von Dir. Wie steht es denn mit Deiner Herzenssache? Bist Du schon weiter mit der schönen Herma?" Graf Feodor seufzte tief auf. Das ist auch vorbei, mein Liebling. Ich denke nicht mehr daran." Er ließ den Kopf ganz traurig hängen. Martha sprang auf und setzte sich neben ihn. Armer, armer Onkel. Nun muß ich Dich wohl trösten. Sei nur guten Muths, und denk' nicht mehr an diese Schlange. Du wärst entschieden zu gut für sie gewesen." Dann nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden kleinen Hände, zog ihn zu sich .nieder und drückte einen heißen, langen Kuß auf seine Lippen. Dann setzte sie sich auf seine Kniee, umschlang seinen Hals und gab ihm die liebsten, besten Worte des Trostes. Er möge sich doch nichts daraus machen, er brauche ja nur die Hand auszustrecken, unreine Frau zu bekommen, so schön und reich er sie, nur wolle. Und zwischenhinein küßte sie ihn immer wieder, sie hatte es ja von Kindheit auf gethan und immer gerne. Zwischen ihnen herrschte eine Vertraulichkeit, die über alle Vorurtheile hinwegging. Sie hatten ja immer Küsse getauscht, vor anderen und wenn sie allein waren. Aber so wie heute, so süß, so hingebungsvoll hatten sie sich noch nie geküßt. Martha setzte sich dann in die Ecke des Sofas, während Landorow den Kopf in ihren Schooß legte. Wie wohl that es ihm, wie durchströmte es ihn so eigen, wenn sie mit ihren süßen, kleinen Händen durch seine Haare fuhr, seine glühende Stirn streichelte, oder ihn mit ihren weichen Neckereien am Schnurrbart zupfte. . Und wieviel süße Neckereien und liebliche Kosenamen wußte sie ihm in's Ohr zu flüstern. Plötzlich sprang er auf. Martha war über den eigenthümlichen Ausdruck im Gesichte des Onkels ganz verwundert. Graf Feodor verabschiedete sich ganz hastig, knurrte etwas von dringenden Geschäften, rannte nach dem Stall, wo er selbst mithalf, die Pferde anzuschirren, damit er nur ja rasch fortfahren könne. Landorow war in .furchtbarer Aufregung. Die armen Pferde hatten es zu büßen. Die Peitsche in der Hand des Grafen klatschte nur so auf ihrem Rücken. Brauchten die Thiere von Lubin nach Czerlany sonst eine halbe Stunde, so legten sie heute den Weg in kaum der Hälfte der Zeit zurück. Kaum war er zu Hause angelangt, ertappte sich Graf Feodor vor dem Spiegel. Er mochte wohl mit feiner Musterung nicht ganz unzufrieden sein. Denn er lächelte seinem Spiegelbild ganz freundlich zu. Warum auch nicht? Er fand in der That, daß er trotz seiner lAchtundvierzig ein recht stattlicher, schöner Mann fei, der es mit jedem aufnehmen könne. Dann begann -er sein Haus zu durchwandern, die vielen Zimmer. Säle. ' Erker, die bisher so überflüssig und leer- dagestanden hat? ten, betrachtete seinen herrlichen Park mit den schattigen Laubgängen, den wohlgepflegten Rasenflächen Und prächtigen Rosenhecken. Sollten all diese schönen Dinge nicht endlich einem besseren Zwecke dienen? In HauS und Garten nicht neues Leben, mehr Leben einziehen können? Leben und Jugend, Lust und Freude, durch' so einen klonen.
süßen Engel 'mit rothen Lippen und neckischen Grübchen in den vollen Wangen? Das würde Sonnenschein verbreiten überall hin. Drei ganz? Tage dauerte dieses Träumen. Am vierten endlich war er entschlossen, ließ anspannen und fuhr nach Lubin. Als er durch den ihm so vertrauten Park dem Schlosse zufuhr, klopfte sein Herz lebhafter als sonst, und seine Wangen waren geröthet. Vor dem Portal erwartete ihn bereits Martha und fiel ihm sofort um den Hals. Guter, lieber Onkel, daß Du nur endlich kommst! Wärst Du heute nicht gekommen, ich hätte unbedingt einen Reiter nach Dir ausgesandt." Sie ließ ihn gar nicht zu Worte kommen und küßte ihn ein paarmal herzhaft auf den Mund. Ach. Onkelchen, Onkelchen, wie glücklich bin ich. wie unaussprechlich glücklich! Denk' Dir nur Arthur war heute hier! Es ist alles in Ordnung: Papa willigt ein. und heute Abend feiern wir Verlobung." Durch Landorows Gestalt zuckte es unmerklich. Nur einen Moment. Dann preßte er Marthas Kopf fest an seine Brust. Er beugte sich zu ihr nieder, küßte ihre Stirn, und aus seinem Auge rann leise und unbemerkt eine winzig kleine Thräne in ihr schwarzes Haar. Unerwarteter Vnfticnfl. Im Jahre 1811 reiste der Pariser Vörsenfürst Salomon Rothschild durch eine sehr dünn bevölkerte Gegend Frankreichs und zwar in Ermanglung einer anderen Verkehrsgelegenhei zu Pferd. Er hatte eine große Summe Geldes bei sich, meist in papieren. Als er am Rande eines ausgedehnten Waldes dahinritt. sah er vor sich drei Manner reiten, die ihm dadurch auffällig wurden, daß sie sich häufig nach ihm umsahen. Rothschild kam die Sache verdächtig vor, und er war froh, daß er gute Pistolen bei sich hatte. Der Weg. den die Männer verfolge ten, bog in den Wald ein. Auch Rothschild war, um an das Ziel seiner Reise zu gelangen, genöthigt, diese Abzweigung der Landstraße einzuschlagen, und es entging ihm nicht, daß die vor ihm Reitenden durch allgemeines Umschauen sich davon überzeugten, daß er ihnen folge. Zu seinem größten Unbehagen hielten sie auf einmal ihre Pferde an und erwarteten sein Herankommen. Jetzt," dachte er, werden sie meine Börse fordern." In der That löste sich einer derMänner von den anderen und kam auf ihn zu, offenbar als ihr erwählter Wortführer. Indeß forderte er nicht Rothschilds Börse, sondern fragte ihn kurz angebunden: Was suchen Sie hier?" Ich befinde 'mich auf einer Geschäftsreife ich hoffe, Sie auch," antwortete Rothschild in ziemlicher Befangenheit. Dachten wir uns doch," lautete die Erwiderung des Fremden. Wieviel wollen Sie haben, wenn Sie uns das Feld allein überlassen? Sind Sie mit hundert Louisdor zufrieden?" Rothschild begriff zwar die Bedeuhing dieser Frage nicht, aber ohne recht zu wissen, was er sagte, stieß er ein entschiedencs Nein!" hervor. Hm. Mehr kann ich Ihnen auf eigene Faust nicht bieten," versetzte sein Gegenüber, wendete sein Roß und näherte sich seinen Gefährten, mit denen er eine kurze Berathung abhielt. Dann kam er zu Rothschild zurück, dessen Muth sich bedeutend gehoben hatte, als er weder Waffen blitzen noch räuberische Vorkehrungen treffen sah. Wir haben uns dahin geeinigt, Ihnen zweihundert Louisdor Abstandsgeld zu bieten. Mehr können wir beim besten Willen nicht geben," sagte der räthselhafte Fremde und hielt' Rothschild ein ledernes Seldbeutelchen hin. Nehmen Sie und reiten Sie Ihres Weges." Der große Geldmann zögerte, er hatte ja keine Ahnung, wofür ihm dies Geld angeboten wurde; der andere aber steckte eS ihm ohne Umstände in die Hand und wendete sein Pferd, um ihm den Weg freizugeben. Drohend waren alle Blicke auf ihn gerichtet, er hielt es also für das gerathenste, das Geld einzustecken und das Weite zu suchen. Indem er seinem Pferde die Sporen gab, ritt er eiligst davon. Als er daheim sein Abenteuer erzählte, war fast jedermann der Ansicht, die Männer seien trotz ihres biederen Aussehens eine Räuberbande gewesen und hätten die Plünderung irgend eines reichen Reisenden beabsichtigt. Die Abfindüngssumme hätten sie ihm nur aufgedrängt, weil sie ihn für einen Konkurrenten gehalten hätten, der in gleicher Absicht den Weg durch den Wald verfolgte. - . Rothschild aber konnte sich mit dieser Annahme' nicht befreunden. Er ließ unter der Hand an Ort und Stelle Nachforschungen anstellen, und deren Ergebniß war das folgende. In dem betreffenden Walde waren große Abhol Zungen vorgenommen worden, und an dem Tage, -da Rothschild sein Abenteuer hatte, fand die Auktion des gewonnenm Holzes statt. Die Männer, jenen er begegnet, waren Holzhändler er Gegend und harten sich zusammengethan, um das Holz zu möglichst geringem Preise zu erhalten. In Rothschild hatten sie einen Konkurrenten vermuthet, der ihnen durchMeberbieien das gute Geschäft verderben könnte, und so hatten sie sich feiner entledigt, indem sie ihn mit den zweihundert Louisdor. abfanden. ' - '
