Indiana Tribüne, Volume 29, Number 139, Indianapolis, Marion County, 5 February 1906 — Page 7
Indio Tribüne, S. Februar wog.
1 Im Hrrrcnhaus von
Z 3 3 Lucklnühlcn a m a n von Marie Dicrs Z yVTTTTTVTfTTftUVVVlVfVV (Fortsetzung.) Er hatte sie jetzt nicht mehr vor sich irn Sattel. Ein eigenes Pferdchen hatte er ihr angeschafft, englisches Halbölut, ein schlankes, schmalköpfiges, feinnerviges Thier, Nottraut benannt. Sie war mit dem Thier und seinen Eigenschaften wie verwachsen, und niemand hatte Furcht für sie, wenn die kleine Ruth ohne Hut und Handschuhe, das röthliche Haar aufgelöst im Winde flatternd, über das weite Feld dahinsaufte. Kameraden in Noth und Tod ja, das waren sie, Vater und Tochter, davon waren sie selbst überzeugt, wenn w w c rc , v rw . v auq v:-yer weoer 'jcotg nocd 00 an sie heraug:tre!en waren. Aber in der Einbildung erlebten sie Begebnisse und Gefahren auf ihren Streifzügen, die sie oft tagelang zu Fuß. zu Pferd in die Wälder und in die weiteste Umgebung führten. Ruth in einem kurzen, wetterfesten, grauen Röckchen, eine weiche knabenhafte Mütze auf dem Haar, das Tesching über der Schulter, das sie sehr gewandt handhabte. Kam die Rächt ihnen über den Weg, so wurde irgend eine entlegene Försterei, ein Chausseehaus aufgesucht. In hellen Sommernächten gab es sogar Viwak im Freien. Die beiden hatten untereinander eine Spitzbubensprache, die niemand außer ihnen verstand. Tas war Ruths Idee, der sich der Vater anfangs abwehrend und spottend entgegensetzte. Aber nach und nach gefiel ihm die Geschichte immer besser, und schließlich war er derjenige, der sie erweiterte und vervollkommnete und einen unbändigen Spaß daran fand. In Haus und Torf Luckmühlen war dies Verhältniß bald sprichwörtlich. Die alten Leute, die schon unter Herrn -von Pontows Vater und Großvater gedient hatten, wollten manchmal den Kopf darüber schütteln. 2)at is nicks. wenn ein Vadder sien em Kind so so? die annern vörfett!" Aber die Jünaeren redeten dem das Wort: Ra, la man, Großvadding, dat is doch nu mal sien Jüngst'! Te hett em sien Früh noch so t'rüchloaten." Im Grunde aber sannen sie darauf, sich dies Verhältniß nutzbar zu machen. Fortan gingen alle Bittgesuche für den gnädigen Herrn möglichst übe? Ruth. Wenn es jemand gab, der bei ihm das Unmöglichste erbetteln konnt bann war sie es. Anfangs lief dl Sache auch ziemlich glatt und sicher. Ruth sonnte sich in ihrer Rolle als dermittelnde Heilige. Dann kam ein merkbarer Ruck. Ganz unerwartet wurde sie ablehnend, und dann wieder zeigte sie sich gnädiger. Man mußte einsehen, sie hatte ihre Launen und ihren Eigenwillen so gut wie der Herr Papa selbst. Auch war es jetzt mit Bücken und Mitleiderregen nicht mchr gethan. Es lief schließlich auch darauf hinaus, bei dem Wnzeßchen einen günstigen Moment abzupassen. Immer aber konnte sie den Leuten auch nicht helfen. Einmal stand sie sogar dabei, als der Vater, erzürnt über die Begriffsstutzigkeit eines neuen Reitknechts, der sogar ihr Schützling war, den jungen Menschen an der Gurgel packte und ihn in seinem Jähzorn so hart hintenüber auf die Steinfliesen deß Stallgangs schmetterte. daß der Bursche sich einen Arm. brach. Sein Vater, ein Rambiner Schuhmacher, holte ihn wehklagend ab und übergab die Sache dem Gericht. Herr von Pontow wurde von 1 einem Jugendfreund, dem Amtsrichter, vorgeladen und mußte bezahlen. Aber auf Ruths Bitte nahm er den Geheilten wieder in Dienst und behandelte ihn seitdem et.vas sänftiglicher. Nur Ruth zuliebe fönst hätte keiner in der Welt ihn vermocht, einen Menschen, der ihn verklagt hatte, wieder bei sich aufzunehmen. . Wenn Erich in den Ferien zu Hause war. mußte ihm die Bevorzugung von Ruth, der nichts das Gleichgewicht hielt, ebenso gut auffallen wie den andern. Aber er sprach sich nicht darüber aus.' selbst nicht zu Anna-Veate. mit der er sonst alles theilte. Anna-Veate suchte das stets in das günstigste Licht zu stellen. Wk schön ist es, daß Papa zu Uschi so freundlich ist. Sie braucht das auch so sehr, wirklich, Erich!" Erich widersprach dem nicht. Aber er sah die Schwester seltsam an. Brauchst denn Du es nicht? dachte er und zürnte dem Vater. Jürgen litt auch unter diesem Verhältniß. aber-nur in einer Beziehung: in der Pferdeangelegenheit. Auch jetzt mit zwölf Jahren hatte er immer nur irgend einen ausgedienten, harttrabenden Hofllepper als einziges Reitpferd. Dafür sollte er sich dann auch, noch aroßartia bedanken. Auf seine kleine Schwester und deren Rottraut warf er einen Haß. Gewiß, wenn die Pferdeställe nicht Taa und Nacht in strenger Obhut gestanden hätten, er hätte sich eingeschlichen ' und Rottraut irgend einen Schaden anaethan. Wer ihn ge nau kannte, mußte es ihm ansehen: unter den zusammengezogenen blonden Brauen brütete em böser Bück. Da nahm Anna-Beate sich Ruth
vor. Und das noch lenksame junge
Herz ward tiefgnührt.x Unter Thränen warf Ruth sich um Jürgens Hals. Jürgen, ich will Dir Rottraut leihen. Du kannst sie reiten. Eine Stunde, zwei, drei, den ganzen Nachmittag, Jürgen!" Jürgen sah sie ans aufgerissenen Augen an, er wurde blaß. Einen kurzcn Moment regte der Satan sich in ihm. Dann schoß ihm das Blut in'3( Gesicht, und er fühlte wilde Scham über sich selbst. Schtt Dich weg, "murrte er und stieß Ruth mit dem Ellbogen von sich. Das Pferd ist ja ganz verweibscht. das kann mich ja gar nicht mehr tragen." Ruth sah dem Davonstürmenden nach, ihre Thränen versiegten. Ach. im Grunde .war es doch gut. daß er es nicht that! Was hätte der Junge vielleicht mit ihrem Liebling machen können! Aber Anna-Beatcs eindringliches Reden wirkte doch nach. Ruth ging geradesweges zum Papa und bettelt: um ein Reitpferd für Jürgen. Aber damit hatte sie kein Glück. Unsinn!" fuhr er sie an. Dafür soll ich mein gutes Geld wegwerfen? Nachher will Anna-Beate auch noch eins haben, und schließlich kommt mir Erich in den Ferien auch damit an. Uebrigens ist der Junge ja viel zu ungeschickt zum Reiten! Sieh's Dir doch mal an. Uschi. was der für eine Figur zu Pferde macht. Der reine Mehlsack! Vltr, mein Kind,. daraus wird nischt. Ostern kommt er so wie so aufs Gymnasium nach Rambin, das kannst ihm von mir bestellen." . Jürgen kam auf das Gymnasium nach Rambin, wohin ihm sein Freund Philipp Marius schon vorausgegangen war, und Ruth rückte nun endlich in einen regelrechten Unterricht bei Pastor Roth ein. Es muß ja doch wohl sein sagte der Papa aanz niedergeschlagen, als er mit Roth darüber konferirte. Aber stopfen Sie ihr nicht so viel unnützen Kram in den kleinen Kopf. Sie soll mir nicht blaß und maulscheu werden wie andere Mädchen." Pastor Rcth schüttelte den Kopf. Mit den andern Mädchen" meinte er wohl, seine älteste Tochter? Ach. Gott helfe diesem verkehrten Menschen! Aber er hütete seine Zunge dem PatronatsHerrn gegenüber. Vor dem Unterricht mit dem gründverzogenen Wildfang hatte er aber allen Respekt. Er hatte schon seine ehrliche Noth mit Jürgen gehabt, aber dies war docknoch ein anderes Stück. Das ungleichmäßige, lückenhafte Wissen beunruhigte ihn weniger, er kannte ja ihre sprunghafte Vorbereitung und war darauf gefaßt. Das hätte sich ausgleichen lassen. Aber ihr fehlte völlig jenes Moment im Kindesleben, an dem der Erzieher die feste Handhabe findet: das Pflicht-, ja geradezu das Autoritatsgefuhl. Sie wußte kaum, was das war. Vor dem Vater empfand sie Respekt, aber der Respekt hatte keine weiten Grenzen. Und die Pflicht? Warum? Es ging ja auch so. war immer so gegangen. Mit Bettln und Trotzen so hatte bisher bis Erfahrung sie 'belehrt war alles auf der Welt zu erreichen. Zufall. Laune, Augenblicksempfinden waren die Wegweiser dieser jungen Seele. Ernste, strenge Mienen machten ihr gar keinen Eindruck. Sie glaubte nicht daran, ln dem Katechismus ibr?? Lebenserfahrung stand: Strenge, waö ist das? Antwort: Strenge ist ,Vösethun sieht sehr .schrecklich aus, aber ist durch Bitten und Schmollen, im schlimmsten Fall durch Thränen zu überwinden." Wie eine kulturfremde junge Wilde kam sie dem Pastor manchmal vor. Er baute sich ein wunderschönes Programm: Vorsicht in der Erziehung dieses verschobenen Charakters. 'Kein harter Eingriff in ihr Gemüthsleben! Keine allzu fest gezogenen Zügel, die durch den steten Rückhalt am Vater gar nicht einmal anwendbar waren. Ein allmäliges Hinüöerleiten in gesittete Bahnen! Gegen das Programm ließ sich nichts einwenden. Aber an der Ausführung haperte es. Der negative Theil ging noch ganz glatt. Aber als das Hinüberleiten" anfangen sollte, gab es sofort einen Ruck, und der Widerstand war da. Pastor Roth fing wieder von vorne an derselbe Erfolg. Und wieder von vorne derselbe Erfolg. Ich passe nicht zu dem Amt," klagte er verzweifelt seiner Frau. Die rieth ihm, es aufzugeben. Nein, nein! Da wehrte er sich. Einmal wollte er seinen Patron nicht unnöthig erzürnen, und dann sagte er sich, daß er Ruth dadurch .einen sehr schlechten Dienst leisien würde. Dann ließe der Vater sie ganz verwildern, während er, der Pastor, jetzt auf dem schmalen Streischen, das ihm zur Bebauung überlassen war. doch immer noch edlen Samen ziehen könne. Als die Jahre in's Land gingen. wurde Herr von Pontow eines Abends durch seine Bekannten im Rambiner Jagdklub darauf aufmerksam gemacht: eigentlich habe er letzt erwachsene Tcch ter im Haus, nun könne bei ihm das Leben wieder ein bischen menschlicher werden. Bisher war es doch weder Fisch noch Vogel gewesen, weder Jung aesellentbum noch eine richtige HäuS
lichkeit. Herr von Pontow wurde'nach
denklich. So ganz angenehm war ihm die Sache nicht. Andern Morgens sah er sich seine Töchter an. Anna-Beate war jetzt beinahe achtzehn Jahre.. Blaß, braunhaarig, schlicht gekleidet, schlicht scheitelt, fanften Blicks, dienstbereit, beinahe unpersönlich in ihrer ausgeprägten Selbstlosigkeit. 'Im übrigen: etwas langes, hageres Gesicht, hohe Stirn, lange Nase, langes Kinn. Jhretweaen trafen etwa alle Halbjähr oderLfter entrüstete' Briefe von Frau Regierungsrath Chlodwig, geborene von Pontow, ein. Die Tante erregte sich jedes Jahr mehrere Male, daß ihre älteste Nichte ohne standesgemäße Ausbildung heranwachse. Götz von Pontow blieb feinem Grundsatz getreu, diese schwesterlichen'Briefe kaltblütia in den Vapierkorb zu werfen und nur mit guten Neujahrs- und Geburtstagswunichen seine brüderliche Existenz zu bekräftigen Es war ihm alles dreidoppelter Unsinn." was Schwester Wanda schrieb. Was Anna-Beate auch an Fremdspra-, n p w 1 1 ! . cyen, nunugeiMazie. kneraiur roiii.ni mußte, hatte alles Pastor Roth sie gelehrt. Musikstunden hatte sie dann schließlich auch noch bei Frau Pastor nehmen dürfen. Was wollte man eigentlich noch? Leute ward er doch zum ersten Male schwankend. Wandas verachtet? Briefklagen tonten ihm. plötzlich im Ohr. Anna-Veate. kannst Du tanzen?" fuhr er sie plötzlich an. Sie erschrak vor seiner heftigen Frage. Nein, Papa." Kannst Tu singen ode? malen?" Sie wurde immer verwirrter. Nein, Papa." . Zum Donnerwetter noch einmal! Was kannst Du denn? Bohnensuppe kochen, Gedichte deklamiren, das große Einmaleins rechnen, was?" Ruth sah spitzbübisch dazwischen. Was soll sie denn können, Papa? Das hast Du doch selbst eingerichtet!"- half sie der geängstigten Schwester. Das nimmt jetzt ein Ende, dies Herumtappen an allem!" polterte Herr von Pontow weiter, als habe AnnaBeate sich unverzeihlicher Versäumnisse schuldig gemacht. In vierzehn Tagen kommst Tu zu Tante Wanda und bleibst den Winter über da. Und dann bitte ich mir aus. daß Tu alle die Dinge nachholst, die Du noch nicht kannst!" Ja. Papa." stotterte Anna-Veate nur. - Sie wurde roth und blaß. Schreck und .Freude rissen an ihr. Ruth hing an des Vaters Arm. als er in die frische Septcmbermorgenluft hinaussckiritt. Sie war jetzt in den unvortheilhaften Backfischjahren. Die runde Kinderschönheit war gewichen, der ?lungfrauenzauber noch nickt erblüht., Ihre Bewegungen wie ihre formen hatten etwas Eckiges. Nur die strahlenden grauen Augen, der kecke, lebensfrische Mund und das röthlich schimmernde Haar war von den Schäden des Uebergangs nicht erreicht worden. Papa, und was wird dann aus mir? Komme ich auch zu Tante Wanda?" Er blieb plötzlich wie gebannt stehen. Du?" Der Gedanke schien wie ein Blitz vor ihm niederzufahren. Du mir davonlaufen, dumme Jöre! Und wa5 wird aus mir? Ich gucke in de,n Mond, was? Nee, mim Döchting, Du bliewst bi mi. Und wenn's uns mal langweilig wird, was, Uschi. dann schließen wir hier unsern Kram aus ein paar Wochen ab und reisen nach Berlin. Da wirst Du Dein kleines Maul aufreißen, mein Junge, da ist's besser als bei Tante Wanda. Und wir lachen die in der Residenz aus. Oder wir kutschiren auch mal in die Berge. Warum denn nicht? Du wirst ja jetzt schon meine erwachsene Tochter." . Daß Ruth erwachsen war freilich, das bekam Herr von Pontow eher zu spüren, als ihm lieb war. Schon etwa drei Wochen später, in den Herbstferien. Jürgen hatte einen Pensionsgenossen mitgebracht. Das war einer dieser Taugenichtse, die aus der großen Stadt kommen, von wo die Eltern sie in eine kleine stecken, um dort Vernunft zu lernen. Die viel mehr, hinter sich haben, als ein neunzehnjähriger Junge von Rechts wegen hinter sich haben sollte. Ihr Unglück ist gewöhnlich ihr Reichthum, der ihr Willensleben erschläfst und ihren Sinn auf die Aeußerlichkciten des Daseins gestellt hat. Wenn man Jürgen fragte: Wie kommst Du denn zu solchem Freunde wie diesen Viktor Hagenreuter?" so wußte er einfach keine Antwort. Ja, eigentlich wunderte er sich selbst darüber. Die Sache war einfach die: er hatte nicht Viktor zu seinem Freund gemacht, sondern Viktor hatte dies selbst gethan, und Jürgen, in passiver Gutmüthigkeit, hatte es geschehen lassen. Äiktor Hagenreuter, der reiche Kaufmannssohn aus Hamburg, fand eben einen Reiz darin, der Freund des jungen Adligen zu sein und die Ferien, statt in dem langweiligen Rambin, auf dem Familiensitz derer von Pontow zu verbringen. In den ersten Tagen der vierzehntägigen Ferien ging alles wunderschön. Der hübsche, elegante und geschmeidige Jüngling hatte eine Art, sich in jedermanns Denkweise einzufügen, die ihm allzu leicht Beliebtheit verschaffte. Ein heller Junge!" sagte Hr von Pontow anerkennend'. Konntest ihm etwas .abgucken, Jürgen!".
Nach ein paar Tagen laate er am
das nicht mehr.' Viktor Hagenreuters Verhängniß war das weibliche Geschlecht. Wo er auch seinen. Fuß hinsetzte, richtete er Unheil an, verfing sich selbst in allerlei Verwicklungen. Aber er hatte weder Lust noch Energie, diesem Verhängniß entgegenzuarbeiten. Pflücke die Rose, solang sie noch blüht!" Ein paar Verschen voller Klang und Schwung, die sich eines Abends in Ruths Thürritze schoben denn es gab Thürritzen in diesem alten Hause war der Anfang. Ruth las sie beim Stearinlicht in ihrem Stübchen und. erröthete vor Entzücken. Ein Gedicht an sie! In den Traum hinein klangen die schmeichelnden Weisen. Am andern Morgen, beim Kaffeetisch anfängliche Verschämtheit auf ihrer Seite glühende, lange Blicke unter den Wimpern hervor auf der feinen, dann, beim Aufstehen, als der Papa sich gerade abwandte, ein blitzschnelles Haschen nach ihrer Hand, ein Kuß darauf Jetzt war es mit Ruths Befangenheit vorbei. Die Verse hatten ihr einigermaßen imponirt, diese Huldigungen imponirten ihrgar nicht, belustigten sie aber um so. mehr. Es fiel ihr nicht ein, die spröde Heilige zu spielen. In ihrem sechzehnjährigen Herzen sang und klang der erste, junge Triumph. Sie fühlte sich ganz als Viktors Gottheit. Mit pikanten Launen quälte und entzückte sie ihn. Sie war im Grunde das Weib, das für ihn paßte: ein bischen herzlos, ein bischen sorglos, ein bischen grausam und ein ganz klein biscben m'itv:rliebt. Ein Blinder hätte es sehen müssen, daß mit den beiden etwas nicht in Nichtigkeit war. Und Herr von Pontow war noch lange kein Blinder. Mit Staunen erst und dann mit wachsender Unruhe sah er dieses Getändel mit an, das in seinen Augen sich in's Riesengroße verzerrte. Ein oder zwei Tage ging er herum wie ein wuthschnaubender Stier, sagte aber nichts. Nur Jürgen kriegte er einmal bei zufälliger Begegnung an der Hausecke zu fassen. Hast ja eine noble Freundschaft, mein Sohn!" Und dann mit einem Ausdruck, als wolle er ihm am liebsten den Kopf abreißen, brüllte er den Verblüfften an: Sage mir. mit wem Du umgehst, und ich will Dir sagen wer Du bist!" Tas war die vorläufige Entladung. Die eigentliche ließ aber auch nicht auf sich warten. Die beiden in ihren rosigen Wolken merkten nicht viel davon, was sich über ihren ' Häuptern zusammenzog. Dem jungen Mann wurde es zwar ungemüthlich, wenn der Hausherr in ver Stube war. Der war keiner von den bequemen Papas, so viel hatte er doch auch schon heraus. Aber diese Wahrnehmung war immerhin nicht stark genug. um ihn zu warnen. Es war die Zeit des Vollmonds. Diese: klaren, lauen Herbstnächte thaten auch noch das Ihre, um das Unglück zu beschleunigen. Viktor besaß alle Eigenschaften eines Troubadours. Er sang und schlug zur Noth auch ein bischen die Zither. Dies letztere hätte schöner sein können, aber Mond und Stimmung thaten ein übriges, um die Zitherklänge zu ergänzen. Gestern Abend hatte er eS unter Rutbs Fenster versucht. Da war ihr Kopf herausgefahren, und sie hatte ihm mit allen Zeichen der Angst abgewinkt. Freilich.' etwas seitwärts darunter lag Papas Schlafzimmer. Das hatte er nicht bedacht. Er setzte schnell ab. Nein das wollte er doch lieber nicht riskiren! ' Heute fing er es klüger an. Auf dem oberen Korridor, dicht vor Ruths Thür, da hörte ihn niemand, als sie selbst. Und den Mond hatte er hier auch. Durch ein ganz schmales Giebelfensterchen fiel der Schein. Sonst war es dunkel. Da tappte er ein paar leise Akkorde und begann: D gib vom weichen Pfühle Träumend ein halb Gehör Bei meinem Saitenspicle Schlafe was willst Tu mehr?" Drinnen blieb es still. Es fiel auch kein Lichtschein durch die bekannte Thürritze. Wie sie wohl lag. das süße Mädel, und lauschend in den Mond schaute, der auch zu ihr in's Stübchen schlüpfte! Mondschein und Liebesklänge was willst Du mehr ? 5ci meinem Saitenspicle , Segnet der Sterne Herr Die ewigen Gefühle Schlafe Ja! Ich will Euch schlafen lehren! Euch verrückte Bagage!" Jäh brachen die süßen Töne ab. Ein halber Aufruf Auf Filzbambuschen war er herangeschlichen, und jetzt sprühte es eitel Blitz und Donner. Alberner V:ngel! Läßt Du mir das Mädel in Ruhe! Wart, mein Kleiner! Wart, mein Kleiner!" Er brachte die Worte vor Wuth nur in Stößen heraus. Jetzt nahm er den Geängstigten am Kragen und schleppte ihn bis an die Treppe, von wo herauf das Lampenlicht drang. Laß Dich doch einmal beschau'n, mein Lieber! Hä? Kinder seid Ihr alle
zwei, gottserbärmlich dumme Kmder, und nun Pfeifst Du mir hier solche Töne? Ist wohl Dein Dank für das Gastrecht, ja? Den Weg -will ich Dir zeigen! Den Weg! Den Weg!" Sinnlos machte ihn der Zorn. Der Anblick des bleichen, schlotternden Missethäters nahm ihm die letzte Fassung. Er schüttelte ihn ein paarmal hin und her, und mit einem einzigen Ruck stieß er ihn dann die Treppe hinunter Ein Krachen ein Aufschrei ein wildes Eepolter Da oben stand er und war plötzlich ernüchtert. Donner! Was hatte er da angerichtet! Wenn der Mensch sich nun den Hals brach Um die Biegung der Treppe herum poltert: es weiter. Dann still. Ein paar schreckliche Augenblicke. Er stand oben und wagte nicht, nachzugehen Doch nur eine Minute. Dann krabbelte es unten wieder. Gott sei Dank! dachte Götz. Es stöhnte leise, aber er hörte doch deutlich Schritte. Also nichts gebrochen. Nun stieg er hinterher. Unten in dem hellerleuchteten Vestibül stand der Liebhaber als Jammergestalt, ein bischen schief in den Hüften, und paßte mechanisch die zerbrochenen Theile seiner Zither aneinander. Da kam Götz von Pontow das Lachen. Aber e nahm sich zusammen. Entschuldigen Sie," sagte er mit sehr sanftem Lächeln. Und das Musikdings da wieviel hat es gekostet?" -Der Jüngling wandte sich in unerfraglicher Verlegenheit ab und schüttelte nur abwehrend den Kopf. Vielleicht suchen Sie gleich in Rambin den Arzt auf." fuhr Herr von Pontow in derselben heuchlerischen Sanftmuth fort. Dürfte ich Sie an unfern Hausarzt weisen, Doktor Rüdiger? Er möchte mir d'ie Liquidation zuschicken." Dem Verhöhnten kam der Trotz der Verzweiflung. ..Danke." sagte er. Damit ist cö nicht gethan. Ich weiß nicht, ob nicht innere Schäden jedenfalls wird die Sache ihr gerichtlickes -Nachspiel finden." Jedenfalls!" fagte Herr von Pontow freundlich. V Was wollt Ihr denn da?" donnerte er ein paar Dienstboten an. die auf den Lärm erschreckt in die Kleider gefahren waren und sich jetzt vorsichtig in der Thürspalte zeigten. Oder ja! Halt!" rief er sie zurück. Anspannen beste!len! Der junge Herr hier hat eilig heute Abend noch in Rambin zu thun." Damit drehte -rr sich, so elegant sicb das auf Filzbambuschen thun läßt, auf dem Absatz um und ließ den jungen Viktor stehen. . (Fortsetzung folgt.) Eine äußer st seltene Feier wurde in Köln in der Kapelle des Alcxianerklosters an der Bachemer Straße vollzogen: Der 69jährige Schulrektor Vinzenz Krähe, der kurz, vorher vom Weihbischof Müller zum Priester geweiht worden war, las in Anwesenheit seiner erwachsenen Kinder ein Sohn ist Assessor, eine Tochter steht vor dem Oberlehrerinnenexamen die erste hl. Messe. Herr Krähe hatte schon im Jahre 1856 das Theologie-Studium begonnen, konnte aber damals wegen zu großer Augenschwäche nicht zu den Weihen zugelassen werden. Er machte das Rektorexamen und .wirkte als Schulrektor in Godesberg. Eochem und Wittlich. In dieser Zeit ging er eine Ehe ein, der mehrere Kinder entstammen. Als seine Frau vor einigen Jahren" starb, ging er mit Eifer daran, seinen Lieblingswunsch, Priester zu werden, zu verwirklichen. Kardinal Fischer erwirkte ihm beim Papste den nothwendigen Dispens. Es war ergreifend, als der alte Herr in der Kapelle, mit dem Primizkranz geschmückt, unter Assistenz zweier Studienfreunde, des Domkapitulars Dr. Düsterwald und des Pfarrers Ditges von St.Kunibert, das erste Meßopfer feierte.
Im neuesten Heft der Zeitschrift für Sozialwissenschaft" beendet Dr. F. Prmzing eine statistische Untersuchung über die alten Junggesellen und die alten Jun-gfern in den europäischen Staaten jetzt und früher. Prinzinz gelangt zu dem Ergebniß, daß der Prozentsatz der alten Ledigen in den europäischen Staaten, mit Ausnahme von Schweden, Frankreich und Irland, abgenommen hat. Die vorliegenden Zahlen bewiesen sicher, daß von einer geringeren Neigung des männlichen Geschlechts, eine Ehe einzugehen (wie dies oft in Schriften über die Frauenfrage behauptet werde), keine Rede sei. Insbesondere waren in Deutschland überall die Prozentsätze der alten Junagesellenzurückgegangen. Nicht ganz dasselbe gelte für das weibliche Geschlecht. In einem großen Theile Preußens und in Oldenburg wäre eine kleine Zunahme die Altjungfernquotc nachzuweisen; dies beruhe' nicht auf einer Abnahme der Heirathen lediger Männer, sonoern theils auf einer Abwanderung derselden, theils ' darauf, daß infolge der verminderten Frauensterblichkeit weniger Ehemänner .Gelegenhit zur Wiederverbeirathung haben.. Dr.e Veruntreuungen des Stadtrechners Altvater in Babenhaufen zum Schaden der dortigen Kreditkasse betragen nach endgültiger Feststeliung 50.000 Mark.
Tie Studienreise eustlischer Arbei ter durch Teulschlaad. Eine Abordnung englischer Jndustriearbeiter hat soeben ihre Studienreise durch Deutschland beendet. Es galt den Leuten, die Lebensführung ihrer deutschen Kameraden aus eigener Anschauung kennen 'zu lernen. Dank dem Entgegenkommen der Reichsbehörden fanden sie überall, wohin sie kamen, offene Thüren und freundliche Aufnahme. Man wollte augenscheinlich der Abordnung die weiteste Gelegenheit bieten, die Unwahrheit der in England verbreiteten Märchen von dem außerordentlichen Tiefstande der Lebensführung deutscher Arbeiter' durch selbstständige Beobachtung zu erkennen. Leute, die ein Interesse daran haben. zwischen Deutschen und Briten stetig Mißtrauen und Haß zu säen, erzählten der englischen Arbeiterschaft, immer wieder und wieder, daß die deutsche Industrie nur so erfolgreich als Konkurrent Englands auf dem Weltmarkte auftreten könne, weil sie ihren Arbeitern die erbärmlichsten Hungerlöhne zahle. Der deutsche Arbeiter sei so schlecht gestellt, daß er in menschenunwürdigen Behausungen wohne, zerlumpt auf der Straße umhergehe, Hundefleisch als Delikatesse genieße u. s. w. u. s. w. Die Freigebigkeit einiger deutschfreundlicher Unternehmer in Gainsborough ermöglichte der Abordnung die Studienreise. Die Auswahl der Mitglieder aber blieb völlig frei dem Ermessen der Arbeiter überlassen. Sie erfolgte in einer politisch durchaus farblosen Volksversammlung, und so kam es denn, daß in der Abordnung die Konservativen, die Liberalen, die Gewerkschuftler und die sozialistische Arbeiterpartei vertreten waren. Es wurden Männer mit- klaren Köpfen nach Deutschland gesandt, die fleißig Umschau hielten, und dabei geWissentlich den gewerbsmäßigen Hetzern aus dem Wege gingen, um daö eigene Urtheil nicht trüben zu lassen. Das ist ihnen, wie der Telegraph hervorhebt, von der sozialdemokratischen Presse sehr übel vermerkt worden, ihre Auftraggeber werden ihnen aber dafür um so mehr Dank wissen. Die englische Abordnung hat sich davon überzeugt, daß der deutsche Arbeiter einen Lohn erhälb. der es ihm gestattet, in annehmbaren Wohnungen zu leben, sich gut zu beköstigen und anständig zu kleiden. Sie hat erfahren. daß der deutsche Arbeiter in der Lebensführung in keiner Weise hinter dem englischen zurücksteht, ja daß er sogar Manches vor diesem voraus hat. Das gilt namentlich von der weitgehenden sozialen Fürsorge, die ihm von Seiten des Staates zulheil wird, die ihm bei Krankheiten und Unfällen zugute kommt und im bei Invalidität und im Alter eine Rente sichert. Das alles sind Dinge, die dem englischen Arbeiter unbekannt sind, und die den rückhaltlosestemBeifall der Abordnung fanden. Mit großer Anerkennung sprachen' die englischen Gäste sich auch über die strenge Durchführung der sanitätspolizeilichen Vorschriften in den Fabriken aus. Ihre Wahrnehmungen Legten di: Reisenden in Protokollen nieder, die allabendlich gemeinschaftlich abgefaßt wurden. Der Inhalt wird selbstverständlich vorerst noch geheim gehalten; es steht aber heute bereits fest, daß die Veröffentlichung des Berichtes mit. den Märchen von den deutschen Hungerlöhnen und Allem, was da d'rum und d'ran hängt, gründlich aufräumen und wohl auch zu einem besseren Verständniß zwischen der deutschen und britischen Arbeiterschaft führen wird. Ärei- bis vierhundert Jahre alte Walfische sindet man zuweilen noch. Das Alter kennt man an der Zahl der Schichten, im Fischbein, die jedes Jahr um eine zunimmt. Infolge des Staubes, welchen vorbeifahrende Automobile aufwirbeln, ist in England das Vermiethen von Häusern an den von Motorfahrzeugen benutzten Straßen äußerst schwierig geworden. Als im Dom von Sant' Agata di Puglia in Rom zahlreichst Volk die Messe anhört?, crvlodirt? unter furchtbarem Kracken cinc in ci ner Nische deponirte Tynamitbombc, die sämmtliche Fensterzckibcii zerstör tc und die Mauern beschädigte. In der Menge entstand eine ' entsetzlick.' Panik, wobei zahlreiche Personen verletzt wurden. Ner.n der That ver dächtigc Leute sind verhaftet worden. Die Verhätnisse in Rußland haben dem Genfer Russenviertel eine Verdoppelung seiner Einwohner aus dem äußersten Osten von Europa gebracht, und die Zahl neuer russischer Flüchtlinge, die sich nach den letzten schweren Ereignissen in Genf einfinden, scheint sehr groß zu sein. Was' die in der Rue Blanche entdeckte Vombenfabrik anlangt, so haben die Untersuchüngen, die mit sehr großem Eiftr in's Werk gesetzt wurden, nicht viel zu Tage gefördert, und als einzig: Thatsache, die mit dem.in der Schweiz sonst schnell vergessenen Ereigniß zusammenhängt. kann man nur melden, daß dem Russen Billit in Folge seiner Verletzungen sämmtliche Finger abgenommen werden mußten. Ueber die Person deS russischen Weibes, das sich in der Bombenwerkstätte vorfand, schwebt noch immer ein geheimnißvolles Dunkel.
