Indiana Tribüne, Volume 29, Number 134, Indianapolis, Marion County, 30 January 1906 — Page 7

Jndiana Tribüne, 30 Januar 1906

Dstsßcsjcunniß öerSdjsurfjt.

fr,ä!Uuiig von l. Yrm. I. Der letzte Dollar? Dreimal drehte Robert Walcner das blanke Geldftücf. dasselbe wehmüthig betrachtend, i!r und inn und steckte es dann seufzcnc wieder in sein Portemonnaie und fcai Portemonnaie in die Tascke. 0er junge Mann war ein deutsche! ÄierÖraucr und zur Zeit ohne Stellung. Um eine solche zu finden un! es mochte wohl nöthig sein, da? c: bald irgendwie und irgendwo llntcr kommen sich verschaffte, da seine (5rsxarnisse bis auf den letzten Dclla? hingeschwunden durchwanderte er der Staat Wisconsin in der lieblichster Sommerzeit. Eine treue Gefährtin auf der T?anderschaft und sein liebster Trost in tni den Stunden war leine Handharmonika, die er trefflich zu spielen verstand. Line Menge der schönsten deutscher Weisen wußte er ihr fingerfertig xr.it gefühlvoll zu entlocken. Zuweilen rcci auch schon der Gedanke in ihm a:ua stiegen, als reifender Harmonikaspielcl sein tägliches Ärod zu verdienen. Ha: doch so mancher arme Teutsche, der alt Kaufmann oder sonstwie keine Beschäftigunz zu erlangen vermochte, hie: in Amerika durch musikalische Fähigkeiten sich recht anständig durchzuschlagen gewußt. Es ist in der That immc: gut und nützlich, wenn man etwae Ueberflüssigcs gelernt hat, sei cö auch nur Skat- oder Harmonikascielen. Robert saß am Wege und blickte hinunter in ein liebliches, fruchtbare Thal, auf die kleine 5Dr!fchaft (5vanörille mit ihren einfachen, aber bchäbigen, von bescheidenem Wohlstande zeugenden Häusern. Würde cö ihm dort gelingen, eine Stellung zn erlangen? Gab cö dort überhaupt eine Brauerei? Oder würde er dort seinen legten Tollar opfern müssen für des Leibes Nal rung und ein Nachtlager? Und was dann? Nachdem er sich zur Genüge auSgeruht, erhob er sich, schulterte sein Bündeschen, welches auch die Harmonika enthielt, und schritt gemächlich in's Thal hinab. Der Tag neigte sich cllmälig zum Abend. Neugierig schauten die Leute ihn an in dem Städtchen, die vor den Hauöthüren umherslanden und schwatzten. Ach, er sah ?a keine deutschen Gesichter, von denen er ein freundliches Willkommen hätte e warten dürfen. Lauter richtige Stocka'crikancr schienen dort zu wohnen. Endlich kam er zu einem stattlicher. Wirthshaus und Lagerbiersalon. Die Schildinschrift über der Thüre vcrkündete, daß der Wirth Samuel Hopkinc heiße. Dieser gutmüthig aussehende Mann stand bei den etwa zniei Tutzenc Gästen, welche der Hitze wegen in de: frischen Luft im offenen, vcrandaähnliehen Vorbau des Wirthshauses auf Bänken und Stühlen an den dort be findlich:n Tischen Platz genommen hatten. Robert Waldner grüßte höflich und setzte sich ebenfalls dorthin, doch etwa abseits von den Anderen. Na, Fremder," fragte der Wirtr gemüthlich, was führt (5uch denn nach (5oansvil!e?Ich suche Arbeit, Sir," versetzte der junge Mann. Was ist Cuer Geschäft?" Ich bin Bierbrauer. Ist ijicr am Orte eine Brauerei?Nein, bis jetzt noch nicht. Ich beziehe mein Bier von Milwaukee. Es ist ganz vertresflich." Ja, das weiß ich wohl.konntet Ihr in den dortigen grcßen Brauereien keine Beschäftigung finden?" Hab'S versucht. war aber leider kein Platz frei." Ja, eS ist jetzt eine recht flaue Zeit überall." Der Wirth zuckte die Achseln und wandte sich wieder den anderen Gästen zu. 0 muß denn nnn mein letzter Dollar mich verlassen," dachte schwermüthig Robert. .Noch einmal gut essen und trinken und für die Nackt ein Bett dazu reicht es. Was soll ich mir nun geben lassen zur Erquickung? Hm das verdient reiflichste Ueberlegung, wenn es sich dabei um den letzten Dollar handelt. Und was soll morgen aus mir werden? Ack, ich mag lieber gar nicht daran denken!" Einem unwiderstehlichen, plötzlich in ihm erwachenden Dränge gehorchend, zca. er seine Harmonika aus dem Bündel und begann eine wehmüthige Mc lodie zu spielen, welche so recht den bctrübten Zustand seines bedrückten GemütyS widerspiegelte, nämlich die schöne Melodie des alten Liedes: Ach, du lieber Augustin, alles ist hin!" Meiner Seele, das ist eine herrliche Musik!" lief entzückt ein ältliche? Herr. Und ein zweiter schrie: Ebenso schön wie der ?)ankeedood!e!" Noch viel schöner," meinte ein dritter. Habe in meinem ganzen Lehen niemals eine lieblichere Musik gehört !" Robert beendet? sein Spiel. Wahrhaftig, das möchte ich wohl noch einmal hören," sagte der ältliche Herr. . Wir auch !" riefen viele Andere. Der Wirth wandte sich sehr freundlich an den jungen Mann. Ihr seid elfo auch Musiker, Sir?" Nur so nebenbei," rsetzte Robert. Könnt Ihr auch noch andere schöne Stücke spielen?" -Dia. ewinZ Sebr viele.-

Well, dann f cto o gut uno gcvt unö noch mehr davon zum Besten heute Abend." Was lohnt es?" fragte geschäftsmäßig der junge Bierbrauer, de? sich nunmehr unter den obwaltenden Um ständen dazu, berufen fühlte, als Harmonikaspicler von seiner Kunst einigen Nupcn zu 'ehen. Hm, einen. Dollar .baar Geld zahle ick, dazu Essen und Trinken und freies Nachtlager." ES gilt," sprach freudig der Deutsche. Und im Stillen dachte er! Ha, das geht ja ganz gut! Jet-t brauche ich meinen letzten Dollar nicht auszugeben, bekomme vielmehr noch einen dazu!" Zunä.ch!t stärkte er sich an Speise nnd Trank, was beides ihm von einem anmuthigcn jungen Mädchen gebracht wurde. ES war Mary, des Wirthes Töchtcrlein, eine zwanzigjährige blonde Schönheit. Dann spielte er abermals die vielbegehrte Melodie vom lieben Augustin. der er noch andere deutsche Weisen solgen ließ. Die Musik lockte mehr Gäste herbei, auch junge Burschen und Mäd chcn. welche auf dem freien Platze vor dem Hopkins'schen Wirthshause zu tanzen begannen, als 'Robert lustige Walzer- und Polkaklänge ertönen ließ. Hört, Sir," sagte nachher der Wirth zu ihm. Ihr gefallt mir! Bleibt einige Zeit hier, um zur Unterhaltung meiner Gäste zu musiziren und um Euch auch bei Gelegenheit im Bierkeller und in der Wirthschaft nützlich zu

machen." Für täglich einen Dollar nebst freier guter Kost und Wohnung?" Jawohl, so meine ich es." Nehm'ö an. bester Sir. Auf solche Weise gelange ich wieder zu Geld. Ich hab's nämlich seir nötkia." So blieb denn Robert Waldner in EvanSville, wo es ihm recht gut gefiel. Die schöne Mail) interessirte sich ganz außerordentlich für Harmonikamusik. Oft faß sie halbe Stunden lang bei ihm und lauschte den melodischen Tönen, die er aus dem unscheinbaren Instrument hervorzauberte. Ja. sie bezeigte segar große Lust, selber das Harmonikasxielen zu erlernen. Auf des jungen Deutschen empfäng licheö Her; machte die junge Amerika nerin den - tiefsten Eindruck. Allen Ernstes verliebte er sich in sie, ohne jedoch virläufig, seiner Armuth wegen, es zu wagen, diese Liebe ihr und ihren Eltern zu gestehen. Eines Abends erschien ein junger, stattlicher, feingekleideter Herr im HopkiN'S'fchen Wirthshause als ein freundlich bewillkommneter Bekannter und anscheinend als ein eifriger Berehrer der schönen Mary. Robert betrachtete aufmerksam, mit beginnenden EifcrsuchlSaualen im Gemüthe, den fremden, der in der That ein schöner Mensch war, aber etwas Lauerndes und Verschmitztes in dem Blick seiner sunkclndcn Äugen hatte, was dem Be obachler höchlichst mitzsiel. Wer ist der junge Herr da?" fragte Robert einen Bekannten. Ei, das ist Ralph Lawson, ein Geschäftöreisender und Aaent. Was er sü? Geschäfte macht, weiß ich nicht, aber er muß viel Geld verdienen, denn er ist immer gut bei Kasse." Ha: er in Evansville ein Komptoir?" Nein; cr wohnt hier in einem Boardinghaus und ist meist auf Geschäftsrciscn abwesend." Es scheint, daß Mart) Hopkins ihn sehr gefällt." Glaub's irohl ! Und er gefällt ihr auch, darauf will ich wetten. Seht doch nur die verliebte Schönthuerei der Beiden !,aha !" Ob sie vielleicht schon verlobt sind?" Nein, noch nicht. Man glaubt aber allgemein, daß es bald dazu kommen r-S " tviiJ. Diese Auskunft gab dem verliebten Bierbrauer einen tich ln's Herz. Also keine Hoffnung für mich !" dachte er schwcrmülhig. Mary liebt ilm, daran ist zicht zu zweifeln; sicherlich wird 'er sie bekommen; ich aber war und' bin ein Narr!" -irubirnnig ergriff er leine Harmonika, um von Neuem lustige Weifen zu spielen, während er sehen mußte, wie dieser Ralph Lawson vor seinen Augen mit der hübschen Marn tändelte. Auf die Dauer hielt er das trotz der besten Borsätze, sich zu bezwingen, nicht ans. Drei Wochen später, als 'eine hübsche Anzahl verdienter Tollais in seiner Tasche klimperte, sagte cr zu dem biederen Samuel HopkinS, daß cr ihn verlassen und weiterwandern wolle, um anderweitig sein Fortkommcn zu suchen. Der Wirth suchte ihm das auszureden und ihn -zum Bleiben zu. veranlassen. Doch vergeblich. Eines'sckä. neu Nachmittags verließ Robert Waldne? nach ncrzlichem Abschiede mit seinem Bündel und seiner Harmvnika Evanöville, um nach südlicher Richtung zu wandern. Er wollte nach der Stadt Madisn; dort sollten sich 'zwei ansehnliche, von Teutschen gegründete Bierbrauereien befinden. Hier hoffte er Arbeit zu bekommen. Evansville war hauptsächlich des halb so klein und unbedeutend geblieden, weil noch keine Eisenbahn den Ort berührte. Das Schienengele'ise einer von Osten nach Westen führenden Linie, die etliche Jahre zuvor gebaut worden war, lies südlich von dem Städtchen in einer Entfernung .von etwa fünf englischen Meilen vorbei und wurde in dem hügeligen Gelävde,

tas meist noch unfruchtbare Wildniß war, an einer Stelle mittelst einer kunstvoll konstrnirten Eiscnbrücke über eine enge und tiefe Schlucht geleitet. Es war Robert gesagt worden, daß er sich den Weg erheblich verkürzen könne, wenn cr einen Fußsteig bcnutzte, der in die Hügelwildniß hineinführe, und dann durch die Schlucht unter dei Eisenbahnbrücke hinweg gehe. Eine halbe Stunde nachher würde er, immer nach Süden wandernd, wieder auf die Landstraße kommen und auf solche Weise sich zwei Meilen WegS ersparen. - Diesen wohlgemeinten Rath beschloß der junge Deutsche zu befolgen. Er wanderte also zuerst den Fußsteig entlang, a) rechts und links von dem selben noch einige Farmhäuser, weidende Viehheerden und angebaute Ländereicn. und drang darauf in die Hügelwildniß hinein, wo der Pfad sich bald gänzlich verlor. . Da geschah eö denn, daß er sich verirrte. Zwei Stunden wandelte cr umher, ohne die Brückenschlucht finden zn können. Jetzt verwünschte cr im Stillen den dienstfertigen Rathgeber und bereute es, nicht den anderen, wenn auch etwas längeren Weg gewählt zu haben. Sehr heiß war's; er fühlte sich müde und matt. Da endlich gewahrte cr im Süden Telegraphenpfähle, die jedenfalls am Bahnkörper entlang sich befinden mußten. Er ging darauf zu und fand nun die Schlucht, die vielfach- zerklüftet, theils felsig, theils mit niedrigem Gebüsch und Schwarzdorngestrüpp be-

wachsen war und die in einer Höhe von reichlich zwanzig Meter von der (si)en dahnbrücke überspannt wurde. Angenehm kühl, fast wie in einem Keller, war es in dieser engen Schlucht, in welcher deshalb Robert 'Waldner sich gemächlich auszuruhen gedachte. Zwischen dem dichten Gebüsch an dem einen Abhang suchte und fand er bald ein bequemcs Plätzchen, wo er sich hinlegte. Und übermannt von Müdigkeit in Folge des anstrengenden Wandernö in der heißen Sonnengluth draußen, schlief er nach kurzer Zeit sanft ein. Ziemlich lange mußte er geschlafen haben, denn als cr erwachte, war es Spätabend geworden; der Vollmond stand hoch am Himmel und schien direkt in die Schlucht hinein, dieselbe mit magischem Glänze phantastisch erhellend. Robert erhob sich ein wenig von seinem Lager und reckte sich, wie man gewohnlich thut, bevor man aussteht. Da hörte cr aus der Ferne her das Rasseln eines heranbrausenden Eisenbahnzuges. Und zur selben Zeit gewahrte cr, was ihn einigermaßen in Verwunderung setzte, einen Menschen in der Schlncht, den er kannte und für den er durchaus keine freundschaftlichen Gefühle hegte. Mitten in der Schlucht stand näm lich im lichten Vollmondschein Ralph Lawson, der gespannt nach oben schaute. Entweder mußte der Mond oder die Eiscntiahnbrücke ihn so auffallend intereisiren. Wahrscheinlich war jedoch Letzteres der Fall. Was mochte daS wohl zn bedeuten haben? Der junge Deutsche beschloß, das zu ergründen, und legte sich wieder ruhig auf dem Platze, den er eben hatte verlassen wollen, nieder. Als der Zug gan; nahe herankam, wurde die Fahrt verlangsamt, wie das beim Passiren von Brücken vorgeschrieden ist. Dann keuchte schnaubend im langsameren Tempo die Lokomotive nebst Tender und den angehängten sie ben Wagen über die Brücke. Robert vernahm plötzlich Geräusch, wie von fallenden Gegenständen. Ein großes und zwei kleinere Packete waren von der Brücke oben wohl zweifellos aus einem Wagen des dieselbe passirenden Zuges in die Schlucht hinabgewarfen worden. .. Darauf verschwand der Zug, auf der anderen Seite der Schlucht wieder die Fahrt beschleunigend. Ralph Lawson hob die Packete auf, nachdem er eine .kleine Blendlaterne angezündet hatte. Dann stieg er an der dem Beobachter gegenüber befindlichen Seite den Abhang hinan, etwa zehn Meter hoch, und wurde plötzlich unsichtbar hinter einem dichtenSchwarzdorngestrüpp. Doch nach kaum zehn Minuten kam er wieder zum Vorschein. Er hatte seine kleine Laterne ausgelöscht und sie in die Tasche gesteckt. Unter dem Arm trug er ein Packet von mäßigem Umfang. Damit entfernte er sich. Dem nördlichen Ende der Schlucht schritt er zu, um sich vermuthlich nach seinem Wohnorte Evansville zu be. geben. Robert schaute ihm gedankenvoll nach. Tann rieb cr sich die Stirne und murmelte: Jetzt weiß ich, was das bedeutet. ES hängt sicherlich mit den geheimnißvollen Eisenbahnräubereien zusammen, wovon ich kürzlich in den Zeitungen las. Dieser Ralph Lawson ist ein Spitzbube) den ich entlarven muzz. Mary wird freilich furchtbar er schrecken darüber, aber gut ist's doch und das muß sie als vernünftiges Mäd chen selbst einsehen daß sie einen sol chen Schurken nicht zum Manne bt kommt. Ich glaube sogar, dasür r.nrd sie mir dankbar sein muffen!" Wirklich hatte cr einige Zeit vorher in der Hopkins'schen Wirthschaft in dort ausliegenden Zeitungen eine Bekanntmachung der Direktion dieser M . , F r , MjenoaymiNie gete,en, weiche eine Belohnung von tausend Dollar aus setzte für den, der über die vielfach vor gekommenen geheimnißvollen, ganz .";-. sT't C -t W I . rT. - uneriiallillzei! jiienuagnoieoiat)ie Auskunft geben könne. ' Ferner auch einen Zeitungsbericht, der meldete, aus d.'n

wohlverschlossenen Koffern der Paagiere seien unterwegs Werthsachen verschwunden, ebenso auch auS Waarenlisten allerlei kostbare Gegenstände. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln und schärfster Controlle sei cö nicht gelungen. fernere Räubereien zu verhüten, ebenso wenig den Thätern auf die Spur zu kommen. Den Zugbeamten habe keinerlei Verschulden nachgewiesen werden können. Nachdem Robert Waldner dies reiflich überlegt halte, murmelte cr: Ich aber weiß jetzt, wie sie cs gemacht haben. Jedenfalls sind die Zugbeamten die Spitzbuben, entweder alle oder einige. Mittelst Nachschlüsseln öffnen sie d!e Koffer der Reisenden lvährend der Fahrt im Gepäckwagen. Die ge stoblcnen Sachen wickeln sie ein und werfen die Packete von der Brücke in die Schlucht hinab, wo ihr Milschuldiger, ihr ,Agent' Ralph Lawson, zur bestimmten Zeit sich befindet und die Beute aufhebt, um sie in Sicherheit zu bringen." Der junge Deutsche verließ seinen Lagerplatz und erklomm an der anderen Seite der Schlucht den Abhang, bis er bei dem dichten Schwarzdorngestrüpp ankam. Als er dies auseinander schob, erblickte cr dahinter ein dunkles Loch, den Eingang zu einer Höhle. Vielleicht war hier vor langen Jahren die Wohnstätte einer Bärenfamilie gewesen. Da Robert keine Laterne halte, konnte er zwar leider nicht in die Höhle hinein-

kriechen, aber ganz zufrieden mit dem, was er gesehen und ermittelt hatte, verließ cr bald darauf schnell die Schlucht. Eine halbe Stunde später langte er bei dem kleinen Gehöfte eines Farmers an.der ihn freundlich bewirthete und bis zum nächsten Morgen beherbergte. Bei diesem Manne zog er auch Erkundigungen ein über den Weg nach der nächsten Bahnstation, denn es war seine Absicht, nunmehr vorläufig nicht nach Madison zu wandern, sondern sich vielmehr nach der . großen Stadt im Osten zu begeben, in welcher sich der Tirektionssitz der Eisenbahngesellschaft befand. Indem Robert also die Bahn benutzte, gelangte er rasch an's Ziel und .fragte sich in der Stadt nach dem DireltionSbureau hin. Er traf dort einen der Herren und erzählte ihm sein ErlcbntlZ. Ralpb Lawson ist der Name dcö Menschen?" fragte sinnend der Direk tor. , Jawohl, Sir." Hm. wir haben einen Zugführer, der John Lawson heißt. Vielleicht ist 's ein Bruder von ihm." Ri,ch wurde die Behörde verständigt. Mit einem Kriminalbeamten und dem jungen Teutschen reiste der Direktor unverzüglich nach Evansville. Als sie dort angelangt waren, verfügten sie sich sogleich zum Sheriff Jarvls. Nachdem dieser den Sachverhalt er fahren, ging cr mit ihnen nach dem Boardlnahaus, in welchem Ralph vawson logirte. Die Wirthin, eine ältliche Wittwe, erklärte, daß er nicht in seiner Wohnung sei ; sie wifse nicht, wann er zurückkehren wurde. Der Sheriff ließ das Zimmer aufschließen nnd nahm eine gründliche Durchsuchung desselben vor, die jedoch nichts Verdächtiges ergab. Darauf meinte der Kriminalbeamte : Am besten wild's wohl sein, wir ve-z geben uns nach der geheimnißvollen Höhle in der Arückenschlucht, um sie zu untersuchen." Diesem Vorschlage stimmte auch der Sheriff zn. welcher einen Polizisten nach dem Boardinghaus beorderte, um Lawson festzunehmen, falls dieser sich dort einstellen würde. Dann machten die Vier sich auf den Weg. Sheriss Jarvis hatte sich mit einer Laterne versehen. Auch fein großer brauner Jagdhund lief mit. Nachdem sie in der Schlucht angekommen waren, klommen sie empor zu dem Höhenloch hinter dem Schwarzdorngestrüpp. Der Hund schnupperte dort umher und begann dann wüthend zu bellen. Etwas Verdächtiges muß gerade jetzt in der Höhle sein," sprach der Sheriff. Mein Bull hat die Witte, rnng davon. Entweder ein Thier oder ein Mensch ist darin." . Vielleicht ist's der, den wir suchen," meinte der Direktor. Der Kriminalbeamte bückte sich ein wenig nnd schaute in die Höhle. 6s schimmert da hinten Licht." sagte er. Und dann schrie er: Heda, Ralph Lawson, kommt gefälligst heraus ! Man wünscht mit Euch ein ernstes Wörtchcn zusprechen!" Keine Antwort. Der Beamte sah nach seinem Revol ver und sprach: So will ich denn hineinkriechen und den Burschen herausholen." Jetzt ist's drinnen ganz dunkel geworden," bemerkte der Sheriff, der ebenfalls hineingespäht hatte. Es ist sicher, der Bursche hat ein - böses Gewissen und ans Angst vor uns sein Licht ausgelöscht. Well, ich zünde meine Laterne an und komme mit Euch." Darnach krochen die Beiden m die Höhle. Nach wenigen Minuten kamen sie wieder zum Vorschein und brachten den blassen und bebenden Ralph Lawson mit. Dann holte der Kriminalbeante aus der Höhle mehrere Packete, welche gestohlene Werthsachen enthielt ten. Der Verbrecher hielt es für unnütz, zu leugnen, er .bequemte sich zu einem offenen Bekenntniß. Er war wirklich ein jüngerer Bruder des Zugführers

yjohn Lawlsn. tm Ulnverttändnißmil

diesem und noch einigen anderen Eisenbahnbedieniteten waren seit zwei Iahren diese Diebstähle auf solche schlau ausgedockte Art "' s Werk gesetzt. Der Missethäter wurde abgesührt, Robert Waldner aber erhielt die auSgesetzte Belohnung von tausend Dollars. Mit diesem Kapital beschloß cr, sich in Evansville ansässig und selbstständig zu machen. Einige angesehene Bürger, darunter auch Samuel Hopkins, lichen ihm zu mäßigem Zins noch etwas Geld dazu, und so errichtete er im Orte eine kleine Bierbrauerei, die sich bald guter Kundschaft erfreute. Die schöne Ma?y war Anfangs sehr erschrocken nnd wie betäubt, als sie er fahren mußte, daß der, dem, sie ihr Herz geschenkt, ein solcher Spitzbube sei. Im stillen dankte sie aber doch dem Himmel, daß es so gekommen war, und auch dem braven Deutschen, der eö verhütet hatte, daß sie die Frau eines Verbrechers wurde. Jede Neigung für Ralph Lawson war in ihrem Herzen erloschen, dafür aber schenkte sie nunmehr nach einiger Zeit ihre Liebe dem iungen Brauer. dessen aufblühendes Geschäft ihm bald erlaubte, eine Frau heimzuführen. In der ganzen Umgebung ist cr nicht minder bekannt durch sein Bier, wie durch sein Harmonikospicl. Aus drn Steppen Äcr lkrainc. Skizze von T. Lcopol. Das Rauschen des Dnieper drang in das Arbeitszimmer eines jungen Manncs, der, vor zwei Monaten ans Galizien angelangt, nunmehr alle Hände voll zu thun hatte mit der Einrichtung des gepachteten Gutes. Da klopfte es an die Thür, und cs trat ein alhletisch gebauter Mann in's Zimmer ein. Der Landwirth schaute auf und erblickte einen riesigen russischen Mann vor sich, der eine tiefe Verbeugung machte, auf ihn zuging und leise flüsterte: Ja wor!" (Ich bin ein Dieb!) Der junge Mann, überrascht, langte unwillkürlich nach dem auf dem Tische liegenden Scchsläufcr. .Ubczpakojtjs !" (Unbesorgt !") sagte der Dieb, ich werde Ihnen nichts anthun, aber wenn Sie wollen, daß auf Ihrem Gut nichts gcstoklen wird, daß kein Feuer ausbricht und kein sonstiges Unglück geschieht, so zahlen Sie mir pro Stück Vieh, das Sie besitzen, halbjährlich einen polnischen Gulden (fünfzehn Kopeken)!" Diese unerhörte Frechheit entrüstete den jungen Galizicr derart, daß er den Eindringling durch einen hcrbeigerufcncn Dicncr zur Thür ausweifen ließ. In derselben' Nacht wurde aus dem durch Schloß und Riegel abgesperrten Stall des Pächters dessen bestes und beliebtestes Reitpferd gestohlen; der Nachtwächter betheuerte, cr hätte nicht einen Moment geschlafen, und meinte, daß die Kontrolluhr, die er halbstnndlich regelmäßig aufgezogen, als Beweis seiner Wachsamkeit gelten könne. Sowohl die sofort eingeleiteten Nach' sorschungcn als auch die erstattete Anzeige an die Behörden blieben erfolglos; die entsandten Kosaken kehlten mit ermatteten Pferden zurück, ohne ngendwo aus die pur der Diebe gekommen zu sein, die in den Steppen verschollen waren. Dies war der erste Schicksalsschlag aus der neuen Laufbahn des jungen Mannes: cr war untröstlich, weil gerade dieses Pferd ein Geschenk seines Vaters war. der ihm dasselbe bei ftiner Abreise aus die neue Wirthschast mit gegeben hatte. Unser Landwirth wußte eö bereits, dan .die in der Ukraine ge stohlenen Pferde in unterirdischen Staklungen eine Zeit lang veioorgen gehal ten werden, hierauf erst auf entlegene Jahrmärkte gebracht und veräußert werden. Auf diesen Jahrmärkten konnte man ein junges, vollkommen gesundes Pferd um ein Drittel seines Werthes kaufen, wobei es manchmal vorkam. daß der ehrliche Verkäufer, bevor cr sich schleunigst aus dem Staube machte, die vertrauliche Mittheilung machte, man scl!e sich mit dem Pferde nicht allzu aufiälliq im Dorfe X. oder der Stadt zeigen. Nun bleibt dem geprellten Käufer die Alternative, cntweder das Pferd seinem Besitzer zuzuführen, was mit bedeutenden chwic rigkeiten verbunden ist, da der meistens circa achtzig bis hundert Werst (Kilometer) entfernt wohnende Eigcnthüm?? erst ausslnoig gemalt weicen ninp, oder, was einfacher und meist praltis ist, das Pferd wird nach Hause mitge nommen i!nd mit ihm in die vom Verkäufer angegebene Gegend nicht uefahren. Der Gutspächter beschloß nun, eine Reise zu unternehmen, um feinen ge stohlenen Liebling dies- und jenseits deS TnieperS zu suchen; cö kam ihm dies auch ziemlich gelegen, nachdem cr ohnedies schon die Absicht liatte. in der Nachbarschaft gesellschaftliche und l'.cschäflliche Beziehungen anzuknüpfen, überdies auf Jahrmärkten sein leben des nnd todtes Inventar zu ergänzen. Auf der Reife fand er jedoch nirgends sein Pferd, erfuhr aber zu seinem größten Erstaunen, daß sämmtliche Nachbarn, selbst auch viele wohlhabende Bauern, die von den Pserdedleben aus erlegte Steuer bezahlen; er erfuhr auch, daß Diejenigen, welche sich dagegen sträubten oder gar den Inkas senken verhaften ließen, hierfür zur Erntezett unbarmherzig abgebrannt wurden, denselben Pferde gestohlen wurden oder, wenn dies nicht ging, diesen Pferden die Rotzkrankheit einge

impft wurde und dergleichen. .Nee Hcreuleö contra plureS, dachte 'sich unser Pächter und war beinahe erfreut, als ihm nach einer kurzen Zeit der erneute Besuch des Pferdediebes gemcldct wurde. Sofort schickte cr sich an, in den Büchern das lebende Inventar zusammenzuzählen, um darnach den entfallenden Tribut zu bezahlen, als ihn der Ankömmling darin unterbrach, indem cr, cin Notizbuch zeigend, sagte: Bemühen Sie sich' nicht .Waözc Wysokobiügorodje" (EuerHochwoyl- . geboren"), hier steht Alles ganz genau. Sie haben einschließlich des. Ihnen gestohlenen Pferdes 142 Stück Vjch; hierin sind die Fohlen, das Borstenvieh und die Kälber eingerechnet: es gebühren mir daher 2! Rubel so'Kp pclcn, hier ist die Quittung, bitte um's Geld." Das sichere Auftreten des Mannes überraschte den Pächter dermaßen, daß er ihn schweigend auszahlte und ihn sofort nach dem gestohlenen Pferde fragte. Nu da ! (No ja) da steht er ja. anaebunden am Pflock vor der Thür.

auf ihm bin ich hergekommen." Thaisächlich erkannte der Besitzer seinen ?Mirtrt nri Jm?i (Jrrtiiti nrt h.i r O-t-m-VllVtl4ll), Ul Vl-ll VIVilVIlIVtl VIV ren des weiten Weges und der mitge-' machten Strapazen zu merken waren. Nach circa zwei Monaten wurden die Insassen des Mdahofes durch ein Feuer alarmirt. Auf der Wiese unserem Pächters bräunte ein Heuschober. Dat' Feuer entstand dadurch, daß Bauernjungen, welche Nachts Bauernvieh wci deten. unter dem Heuschober Eiczarretten rauchten und dnrch Unvorsichtigkeit denselben anzündeten, .rotz der josor: cinaelcitctcn Rettungsaktion brannte der Heuschober beinahe vollkommen av ; das tncllwcisc gerettete Peu war ganz durchräuchert, daher unbrauchbar. Der Schaden war nicht versichert, weil das Heu, aus.cncr nasjcn Wiese stehend, scuenicher zu sein schien ; der Verlust dclrua circa 320 Rubel. Dieser Fall traf den Eigenthümer schmerzhaft. ä-aa a r: . i. . iail inn einci (jinnaijuic, uigunii ti mit Verlust zu arbeiten; es war cl-cr nichts zu machen, cr mußte sich fügen. Als der vermin kam, an weitem cc? halbjährliche Tribut fällig war, wcldcte sich auch pünktlich der Pferdedieb, dem der Pächter den ihm zukommenden Bctrag auszahlen wollte. Wer beschreib! jcdoch dessen Uebeiraschung, als ihm der Ankömmling, sein Notizbuch herausziehend, Folgendes mittheilte: .Am '20. am brannte sUinen auf der nassen Wiese unterhalb des Torfes ein Heuschober ab; derselbe war zehn Klafter lang und fechs Klafter hoch. Laut Angabe 'der .Handelszeitung' in Moskau stand das Heu dazumal im Werthe von 18 Kopeken pro Pud (1 Pud gleich circa IS Kilogramm). Sie haben einen Schaden von 121) Rubel 00 Kopeken erlitten. Zu zankn haben Sie mir jetzt für 151 Stück Vieh 22 Rubel 05 Kopeken, daher bekommen Sie noch 10.0 Rubel 95 Kopeken ; hier ist das Geld und die Zeitung rom 20. Juli laufenden Jahres; ich bitte sehr, mir nicht zu zürnen, daß ihnen der Schober abgebrannt ist, ich war adcr gerade zu dieser Zeit in der .tjurma' (Gefängniß), und da haben meine Agenten nicht so gut ausgepaßt; jcyt wird es schon anders sein. Noch eine Bitte, mein Herr! Sagen Sie dem Herrn er möchte mich nicht jcdcs mal, wenn ich zu ihm komme, arrctircn lassen, das hilf! ihm nichts, weil ich ia aus der ,tjurma' doch herauskommen werde; cr muß zahlen, sonst wird cr heuer wieder abgebrannt; einstweilen wurden ibnl gestern 28 Arbeitspferde wegen Rvtz niedergeschossen. Bitte! reden Sie ihm Vernunft ein." Seit dieser Zeit zahlte der Gntspächtcr keine Versicherung, .schaffte auch die NachtWächter ab. Gute (5mvsrhlung. Ein Bohncr bietet cincr Dame seine Dienste zun Bohnen der- Fußböden an. Haben Sie gute Zeugnisse aufzuwcifcn?" fragt dic Dame des Hauses. Zu Bcfehl,. gnädige Frau, belieben Sie sich nur an meine frühere Stelle zu wenden. Ich habe da das ganze Haus gcbohnt dic Fußböden und Treten spiegelten nur so. Binnen Jahrcsslisl haben dort nicht weniger als sieben Personen den Arm oder das Bein gebrochenSehr einfach ! In der westfälischen, Stadt Hamm stand im vorigen Jahrlmndcrt auf dem Marktplatz an eine: Wand dcs Rathhauscs der fogcnannjc Scliandesel." das heißt eine Holzfigur von der Gestalt des Esels mit scharfkantigem, risenbeschlagenem Rücken, dazu bestimmt. Personen wegen begangener Missethaten zum öffcntlichen Schimpf auffiycn nnd reiten" zu lassen. Eines Tagcs hatte sich cin Soldat aus Friedrichs des Zweiten Heere bequemen müssen, unier großem: Zulauf der Menge auf dem Schandcjcl Plav zu nehmen. Der verhöhnte Rcitcr ärgerte sich am incisten über einen Bauern, der mit gespreizten Beinen, auf seinen Knotcnjlock gestützt, vor dem Esel Posto gesaßt hätte und den Soldaten unausgesetzt mit dummpfiffigem Grinsen anlachte. Endliä. schrie der Beschimpfte wüthend von seinem Sitze herpb: Was glotzt mich an, Tu Einfaltspinsel?" Sehr gelassen entgegnete das Bäuerlein: Wcnn' dem Herrn da oben nicht lieb ist, daß ich hier stehet dann reite er dro; gefälligst in 'ne andere Straße!" Der Stadtsciretär Siri! in Lauingen, Mitglied dcs L.uidlrathes, wurde' ivcgcn Uttregclmäs;is.' feiten in der Kossenjührung vcrtv.i. tct.