Indiana Tribüne, Volume 29, Number 131, Indianapolis, Marion County, 26 January 1906 — Page 7
Jndiana Tribüne, 26- Januar 190G
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o K o -t o -K o -c o o o X o Der DillKcttde o O O o H0 HO 5 fi r i m i n a l r o m a N von Ericii Vvenstei:, o 00oo00oooooo (Fortsetzung.) Er stand auf und schlenderte unauffällig in die kleine Küche hinaus, wo Herr Streichsbier eben Zuckerportionen abtheilte. Wer ist denn der junge Bursche am Fenster drinnen. Herr -treichsbier? Ten Rothhaarigen mein' ich?" Leopold Streichsbier zuckte die Achsein und lächelte geheimnißvoll. Ja, werm ich das wußt'! Er kommt manchmal und sitzt eine ganze Woche lang dort am Fenster. Dann sehe ich ihn wieder lange Zeit nicht. Tas ist ein gar Schlauer! Nichts herauszubringen aus ihm!" Er beugte sich plötzlich dickt zu Hempel. Ich glaube, er . ist ein Geheimdetektiv und will was herausbringen." Hempel fühlte einen Slich durch seinen Körper gehen. Sollte Wasmut doch ! Aber nein. Wasmut glaubte ia so felsenfest an die Schuld Robert Fröhlichs. Wenn er ein Tetrktiv wäre," sagte er langsam, dann müßte er Ihnen doch seine Legitimation zeigt haben. That er das?" Niin. Aber ich meine auch nicht, daß er von der Polizei ist. Tas könnt: ich brauchen, daß mir so einer da herumsäße! Rein nein. Aber es gibt doch auch Privatinstitute. Na, und da drüben gäb's schon mancherlei zu beobachten." Wirklich?" Hempel machte ein recht neugieriges Gesicht. Streichsbier kam sogleich in's Feuer. Ra, versteht sich!" tuschelte er wichtig, da ist gleich die Generalin im Parterre mit ihren zwei Töchtern, für die sie reiche Männer sucht. Mein lieber Herr, das ist Ihnen eine! Scklau. aerieben, wie keine Zweite. Sie selber möcht' auch noch beirathen. Es ist schon möglich, daß einer der Bewerber sie heimlich beobachten läßt, ob's wirklich so vornehm und ehrbar bei ihr zugeht. Tann im dritten Stock. Da lebt ein alter Geizkragen, der hat ein Heidengeld und will seiner Tochter die bei ihrer Verheirathung ausgemachte Zulage nicht bezahlen, weil er angeblich zu arm dazu ist. Zweimal hat ihn der Schwiegersohn schon pfänden lassen. Jetzt fürchtet er. daß der Alte ihm ganz durchörennt. Dem kann'ö also auch gelten." Oder der schönen Ungarin im ersten Stockwerk was?" fragte Hempel lauernd. Streichsbier schüttelte den Kovf. Der Frau v. Montferrat? Rein. Der gewiß nicht. Daläßt sich gar nichts sagen. Das ist eine vornehme, durch und durch anständige Dame., Was sollte da einer ausspioniren wollen und zu welchem Zweck? Es verkehren nur Damen der höchsten Aristokratie bei ihr und " Ich habe gehört, sie soll -einen ungarischen Grafen heirathen." Streichsbier riß die leinen Aeuglein weit auf. Was? Heirathen? Davon habe ich noch kein Wort gehört. Wen denn?" Hempel zuckte die Achseln. Den Namen hab' ich vergessen. Vielleicht ist's auch nur Geklatsch." o Er ging wieder in die Stube hinein. Der Rothhaarige jaß noch immer am Fenster, hatte eine Zeitung vorgenommen und schien eifrig darin zu lesen. Vor ihm stand ein Gläschen Kognak. Es wurde Mittag. Die Fenster drüben waren längst geschlossen. Vorgezogene Stores machten jeden Ein blick unmöglich. Jetzt qtna etc schwarzhaarige Zofe fort und kehrte nach einer Viertelstunde mit einem Eßkorb, wie ihn größere Restaurants an Kunden über die Straße verleiben, zuruck. Gegen drei Uhr verließ die Generax i r i M. im mu lyren .ocyiern oas :gcuj. er Rothhaarige blickte ihnen aufmerksam nach, rührte sich aber nicht von der Stelle. Tann fuhr eine Equipage vor. der eine ältere Dame entstiea. Kennen Sie die Dame?" fragte Streichsbier Hempel, neben dem er saß. Dieser verneinte. Das ist die Gräfin M., Sternkreuzordens- und Palastdam?. Ja. ja, solche Bekanntschaft hat diese Ungarin!" 'Hempel schwieg. ' Nach eine:. Stunde fuhr die Gräfin wiedcr fort. Nichts rührte sich in dem Hause drüben. Es wurde Abend. Frau v. Montferrat verließ ihre Wohnung mcht. Langst war drüben alles dun kel. und die Hausthore wurden ge schlössen. Da wandte sich Hempel an den Kaffeesieder. Kann ich nicht hier in der Nähe irgendwo übernachten?" fragte er. Ich bin fremd in Wien, man hat mir einen schönen Posten in Aussicht gestellt, aber ich muß nn paar Tage warten. Weit möcht' ich nicht -gehen, um mich nicht zu verirren. Streichsbier wußte gleich Rath. Wenn Sie's billig haben wollen. dann bleiben Sie bei mir. Ich habe oben ein Bett leer sieben, das können Sie-benützen. Anderswo werden. Sie ack nur geschnürt.
Nichts war' Hempel lieber als dieses
Angebot. Der Kaffeesieder führte ihn m das erste Stockwerk und wies ihm ein kleines Kabinett ohne Ofen an. in dem unter allerlei Kram auch ein Bett tand. Schön ist's ja nicht gerad', aber rein und billig." meinte er. Hempel nickte zufrieden. Das ist die Hauptsache für einen armen Teufel. wie ich!" lachte er. Die Fenster gingen auf die Straße. Es war eine milde Winternacht ohne Frost und Schnee. Hempel ging etwa eine Stunde in dem Kabinett auf und ab, da er keinen Schlaf finden konnte. Tann hörte er. wie der Kaffeesiede? unten das Lokal schloß und die Treppe heraufkam. Schenkburschc und Koch chllesen offenbar unten. Dann wurde es still im ause. Hempel trat an's Fenster. Heller Mondschein lag über der Straße und ieß das Haus gegenüber gespenstig weiß erscheinen. An der Ecke einer Seitengasse stand eine dunkle Gestalt m Schatten. Als Silas scharfer hmblickte, erkannte er in derselben den Rothhaarigen. Wollte der die ganze Nacht dort Wache stehen? Und zu welchem Zweck? Wieder grübelte er unruhig über diesen Menschen nach, und sein Instinkt agte ihm, daß zwischen dem rothhaarigen Menschen und der schönen Ungarin ein ihm selbst noch Unverstände icher Zusammenhang war. Gegen Mitternacht erst verschwand die Gestalt drüben an der Ecke, und da it sich auch später nirgends mehr zeigte, so legte sich Hempel endlich zur Ruhe und schlief auch bald darauf ein. 17. Kapitel. ls Silas Hempel am anderen Morgen erwachte, war es schon heller Tag und er bemerkte mit leisem Aerger. daß es bereits acht Uhr vorüber war. Rasch zog er sich an und eilte hinab m die Gaststube. Sein erster Blick galt den Fensterplätzen. Beide waren leer. Einige Arbeiter saßen in dem Lokal und tranken Kaffee. Der Nothhaarige war nicht unter ihnen. Gottlob!" dachte Hempel. Er hat sich verschlafen, wie ich oder ich habe ihm überhaupt unrecht gethan, und er lungerte ganz harmlos hier herum, um die Zeit todtzuschlagen. Vielleicht war es ihm nur um die warme Stube zu thun." Im selben Moment, als er das dachte, fuhr er. aber auch schon erschrecken zusammen. Gegenüber im Hausflur stand der Nothhaarige und neben ihm die Zofe der Montferrat. Sie waren in eifrigem und. wie es Ichten, zärtlichem Gespräch. Sollte es sich um eine Liebschaft handeln? Ten Anschein hatte es danach. Er hielt ihre Hand und sprach leise in sie hinein. Tas Madchen schien zu zogern. Plötzlich griff er ihr unter das Kinn, bog ihr Gesicht hinauf und drückte einen raschen Kuß darauf. Sie fuhr erschrocken zurück, denn eben betrat ein Fleischerbursche den Hausflur. Der Rothhaarige trat einen Schritt zurück. Jetzt erst sah Hempel. daß er einen Brief in der Hand hielt. Als der Äursch die Treppe hinaufgegangen war, näherte sich das Madchen abermals dem jungen Mann und wollte ihm den Brief aus der Hand nehmen. den er indeß lachend in die Tascre schob, worauf die Schöne ein fchr be stürztes Gesicht machte. Eine Reihe von fuhrwerken, welche eben daherkam, versperrte Hzmpel die weitere Aussicht. Wenige Minuten später betrat der Rothhaarige pfeifend das Lokal, ließ sich auf feinem Fensterplatz nieder und bestellte eme 2c,ic Kaffee. Hempel betrachtete ihn verstohlen mit kritischen Blicken. Ein eifersüchtiger Liebhaber?" fragte er sich. Gleich dar auf schüttelte er aber den Kopf. Nein. Dazu sieht er viel Zu gleichgültig aus. Die Liebe scheint jedenfalls nur Nebenbeichastigung. Sicher ist nur, daß er nichts zu thun haben muß, sonst könnte er Nicht tagelang hier herumsitzen. Indessen trank der Rothhaarige seinen Kaffee, zahlte dann und verließ das Lokal wieder. Hempel sah. wie er mit eiligen Schritten der Stadt, zugmg. In dem Hause gegenüber wiederholten sich inzwischen die gestrigen Vor gänge. Die Fenster des ersten Stock l'werks wurden geöffnet, das hübsche. schwarzhaarige Madchen räumte auf und Frau v. Montferrat fütterte die Tauben. Hempel seufzte . vor Langeweile. Worauf wartete er denn eigentlich? Es sah doch gar nicht so aus. als ob sich hier irgend etwas Jntereijantes ereignen wolle. Plötzlich fuhr Silas in die Höhe und nk seinen Hut vom Nagel. Aus dem Hause gegenüber war Frau v. Montferrat getreten. Sie trug ein elegantes Prom?nadenkostüm, taubengrau Mit schwarzem Pelzwerk, aus dem das schöne Gesicht in blendender Weiße leuchttte. Auch sie schlug die Richtung nach der Stadt ein. Langsam ging sie die Reisnerstraße hinab bis an den Heumarkt, bog dann lmks ab gegen den Karlsplatz und schlenderte über den Naschmarkt dem Gebäude der Sezession zu. Hempel in angemessener Entfernung hinterdrein. Die Sezession hatte vor einigen Wochen ihre Weihnachtsaus stellunz eröffnet, und der Besuch war noch immer ziemlich stark. Helene v. Montferrat schien offenbar mit der Ab
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sicht fortgegangen zu sein, die Ausstellung zu besichtigen, denn sie zögerte kcinen Moment, fondern schritt rasch die Treppe hinan, löste im Vestibül eine Karte und trat ein. Hempel war ihr ohne Besinnen ge-
folgt und wurde sich erst unter dem erstaunten Blick des Kassirers bewuizt. daß er in seiner einfachen Arbeiterkleiduna eine Ziemlich sonderbare Figur abgab unter all den vornehmen Herrchaften ringsum. Unschlüssig blieb er stehen. Sollte er ihr noch weiter folgen, oder sie auf der Straße erwarten? Durch die Glasthür konnte er sie sehen, wie sie vor einem Bilde stand. Aber ihre Augen waren nicht auf dasselbe gerichtet, sondern schweiften suchend im Saale herum. Dann sah sie 'auf die Uhr. Offenbar wartete sie also, auf jemand, und öempel entschloß sich daher, doch eine Eintrittskarte zu lösen. In einem der lauschig unter Lorbeerbäumen versteckten Winkel, wo Korbstuhle und kleine Tischchen standen, ließ er sich nieder, ergriff eines der dort liegenden Journale und vertiefte sich scheinbar ganz in dessen Inhalt, ohne indessen die Montferrat aus den Augen zu verlieren. .Langsam zögernd gleichsam, schritt sie von Bild zu Bild, näherte sich der Thür eines Seitenkabinetts, blickte abermals auf ihre Uhr und kehrte wieder um. So Veraingen etwa zehn Mi nuten. Da machte Frau v. Montferrat plötzlich eine Bewegung und warf einen raschen, aufleuchtenden Blick nach ocr Einqanqsthür. Hempel, der mit dem Rücken gegen dieselbe saß. wandte den Kopf und auch in seinen Augen blitzte es auf. Der dort eben mit den vollendeten Manieren eines großen Herrn eintrat. war kein anderer als Sandor Usyagy. Ohne die rechts stehende Montferrat auch nur mit einem Blick zu streifen. wandte er sich nach lmks und begann aufmerksam die Bilder zu betrachten. Frau v. Montferrat aber bewegte sich, scheinbar ebenfalls ganz in den Anblick der Gemälde vertieft, allmalig naüz links zurück. Keinen Blick, wandte Henkel von den beiden, welche nur noch wenige Schritte voneinander entfernt waren. Aber wenn er erwarte! hatte, daß es nun eine freudig erstaunte Begrußungsszene geben werde. so hatte er sich gründlich verrechnet. Fremd, ohne Gruß schritten st' aneinander vorüber, und es gehörte schon das scharf beobachtende Auge Silas Hempels dazu, um den kaum eine Sekünde wahrenden blitzartigen Blick zu bemerken, den Usy'agy im Vorübergehen der schönen Frau zuwarf. Rubia schritten beide dann weite: in ruigegengeietzler Nlcymng. Hrau v. Montferrat wandte sich nun in den linken Seitenflüael und entschwand den Blicken ihres geheimen Beobachters. Indessen konnte sie die übrigen Räum lichkeiten nur ganz flüchtig durchschritten haben, denn )t kam schon nach wenigen Minuten von der anderen Seite wieder in den Hauptsaal .und verließ gleich darauf die Ausstellung. Als Hempel sich erhob, um ihr zu folgen, bemerkte er noch, wie Usyagy sich umgewandt hatte und ihr mit finsterem Blick nachsah. Draußen ging .Frau v. Montferrat der Kärntnerstraße zu und bog dann in die Annagassc ein, wo sie in einem alten, düsteren. Hause verschwand. Als Hempel den Flur betrat, sah er nur noch ein Stück ihrer Schleppe auf der fast finsteren Treppe verschwinden. Das HauS war ein Durchgangshaus. Auslagckästen waren zu beiden Seiten angebracht, und Gasflammen erhellten das Dunkel. Ungefähr m der Mitte stand ein Mann mit einem grünen Papagei, der mit seinem krummen Schnabel auf Verlangen Nummern" aus einem alten Hut pickte. Mit diesem ließ sich Hempel in ein Gespräch ein. gab ihm ein paar Kreuzer und ließ sich dafür Glücksnummern" von dem Papagei geben. Er batl: nicht lange zu wagten. Schon nach einer Viertelstunde kam Sandor Usyagy eilig gegangen und stieg ebenfalls die dunkle Treppe hinauf. Dort oben also hatten die beiden eine zweite Rosa Martin" gefunden. Hempel hätte viel banrni gegeben, sie jetzt belauschen zu können. Aber daran war selbstverständlich nicht zu denken. So begnügte er sich damit, daZ weitere abzuwarten. Es dauerte kaum eine halbe Stunde, so kam Frau v. Mont ferrat herab. Ihr Gesicht war völlig verändert. Blaß bis in die Lippen hinein, trug es einen dosen, finsteren Ausdruck. Sie ging direkt nach Hause. Als ihre hübsche Jungfer eine halbe Stunde später in das nahe Restaurant ging, um oaö Mittagessen zu holen. war ihr Gesicht gerothet wie vom Wei nen, und sie hielt den Kopf tief gesenkt. Der Nothhaarige faß wieder an seinem Fensterplatz-und sah ihr mit der gleichgiltigsten Miene der Welt nach. Hempel empfand eine wahre Emvörung über diesen gefühllosen Menschen. Dann stützte er den Kopf in die Hand und dachte über das nach, was dieser Tag ihm gebracht. Für die Entdeckung des Mörders oder .vielmehr die Entdeckung seiner Motive, die bisher völlig räthselhaft schienen, waren die scheinbar geringfügigsten Umstände von größter Bedeutung. Er wußte nun, wer die Frau war. mit der Sandor Usyagy Beziehungen unterhielt, die so ängstlich vor aller Welt .geheim gehalten wurden, daß er sich Minna Behrens gegenüber für
ihren Bruder ausgegeben hatte. Warum das, da er sie doch liebte und zu heirathen beabsichtigte, wie aus den von der Behrens erlauschten Worten deutlich hervorging? Freilich damals war sie noch die Braut des Majors v. Lindemaier ge-
wesen. Aber nachher? Graf Hegyassy fiel ihm ein. Kein Zweifel auch dieser war von der schönen Frau bezaubert und wollte ihr seinen alten Namen geben. Wußte Usyagy darum? Oder spielte sie ein Doppelspiel? Ferner stand unzweifelhaft fest, daß Helene v. Montferrat allen Grund hatte, das ermordete Fräulein v. Lindemaier zu hassen und zu furchten. nachdem diese ihre Beziehungen zu Usyagy entdeckt hatte. Die Fragmente der Korreipondenz zwischen beiden, welche Hempel entdeckt hatte, gewannen unter diesen Umständen eine noch viel tiefere Bedeutung. Auch der gemeine Kassenraub wurde nur zu erklärlich, wenn man die bedrängte Lage der Montferrat rn Be? tracht zog. Hier bot sich ihr Gelegenir i i . -w r i yeii, mli einem zernage ncy einer gehaßten und gefahrlichen Feindin zu entledigen und zugleich Geld, viel Geld zu erlangen. Usyagy, durch die Hoffnunq auf ihren Besitz noch besonders angefeuert, war gewiß nicht allzu schwer für den Plan zu gewinnen gewesen. Irmas Beziehungen zu Robert Fröhlich und jene Zusammenkunft der beiden auf der Tanya unter Frau v. Montferrats Hilfe bot dann offenbar einen unerwartet guten Anlaß, den vorher schon durchdachten Plan zur Ausführung zu bringen. Mit ein wenig Nachhilfe mußten alle Umstände auf Fröhlich als den Thäter hinweisen. Daß Usyagy hinkte, konnte Fräulein v. Lindemaier in der kurzen Zeit kaum bemerken, wohl aber mußten die mit Vorbedacht gesprochenen Worte ihr jeden Zweifel an der Jdentität des Thaters benehmen. Im weiteren Verlauf kam den beiden Verbrechern noch der Zufall zu Hilfe. Fröhlich konnte oder wollte keinen Aliblbeweis erbringen. Auch er hinkte gerade in jenen Tagen. Der Brief an seme Mutter wurde ein beinahe unanfechtbarer Sckuldbeweis. Trotz alledem hegte die Montferrat eine gewisse Furcht. Sie machte sich daher offenbar mit vollster Ueberlegung an Frau Fröhlich heran, von der sie alsdann über die Schritte Hempels' das ihr Wissenswerthe erfuhr. Sie war es. welche jenes Warnungstelegramm an Usyagy aufgab, natürlich ohne Ahnung, daß sich Hempel bereits zur selben Zeit in Nagy-Szolnok aufhielt. Danach begann sie in Frau Fröhttchs Seele das Mißtrauen gegen Hem pel wachzurufen und verantafZte t, diese ihr gefahrdrohende Bervinoung schroff abzubrechen. Offenbar hoffte sie dadurch Hempels Zorn so sehr zu erregen, daß er von weiteren Nachforfchungen gänzlich abließ. Darm kannte ne uas . frelttcy schlecht. Hemvel athmete her aus. Da lagen ja nun eigentlich Ursachen und Wirkungen klar vor ihm, und es gab kaum mehr Zweifel. Ihm blieb Nichts mehr zu tyun übrig, als hinzugehen zu Wasmut und ihm das ganze Material zu übergeben. Die Schuldigen waren in Wien, man brauchte sie blos festzunehmen. Alles war in schönster Ordnung. Plötzlich schreckte Hempel aus seinen Gedanken auf. Der Rothhaarige-in der anderen Fensterecke hatte eine jähe Bewegung gemacht, erhob sich, zog hastig seinen Ueberrock an und verschwand aus dem Lokal. Jetzt erst bemerkte Silas. daß vor dem Hause drüben eine elegante Equivaae hielt, der soeben ein 'Herr entstieg. Ein Blick auf ihn und auch Hempel machte eme zähe Bewegung. Es war kein anderer als Graf Hegyassy. der jetzt eiligen Schrittes im Hausflur verschwand. Nun begab sich auch Hempel auf die Straße. Von dem Rothhaarigen war keine Spur zu sehen. Es war. als hätte ihn der Erdboden verschlungen. Drüben aus dem Hause aber trat nun die hübsche schwarzhaarige Zofe Frau v. Montferrats. Ihr Gesicht war aam versckwollen vom Weinen. und . große Thränen liefen ihr noch immer die Backen herab. In der Hand trua sie einen kleinen Handkoffer. Einer plötzlichen Eingebung folgend und ohne sich klar diechemchaft zu geden. was er eigentlich wollte, trat Hempel auf die Weinende zu, die ein paar Schritte gemacht hatte und dann wie der unscklllssia stehen geblieben war. Sie sind wohl fremd hier, Frau-lein?-sagte er freundlich. Kann ich stimm irgendwie behilflich sein?" Sie blickte ihn mißtrauisch an und schwieg. Wollen Sie vielleicht zur Bahn, weil Sie einen Kotter tragen? Ja," sagte sie unsicher, setzte ckber dann in gebrochenem Teutsch rasch hinzu: Nein dableiben Posten suchen." ' Hempel sprach ziemlich gut ungarisch. Er redete sie also nun in ihrer Muttersprache an und schlug ihr vor. zuerst mit. ihm in den Klffeeschank zu kommen und sich etwas zu erholen. Dann wolle er in Ruhe versuchen, ihr einen guten Rath zu ertheilen. . Vielleicht könne er ihr sogar Empfehlungen geben, durch die sie leichter etwas Passendes fände. (Fortsetzung folgt.)
Ncflaurnnks für Müttcr. segensreiche Einrichtungen für F-rauen mit Lsuglingkn in Paris. Unentgeltliche Restaurants für stillcnde Müttcr sind seit einiger Zeit in Paris eingerichtet. Sie sind das Werk einer kleinen Gruppe von wohlthätigen Privatpersonen, die sich eines Tages die Frage vorlegten, ob es nicht besser sei, die großen Summen, die in Paris zur Beschaffung unentgeltlicher Nahrung für Säuglinge der ärmsten Klassen ausgegebew werden, unmittelbar den stillenden Müttern zuzuwenden und so Mutter und Kind zuAeich'den Vortheil einer guten und dabei, wirklich naturgemäßen Ernährung zukommen zu lassen. ' Das erste Restaurant di.'scr Art wurde am 4. Rcrcmb'r I0.C4 ir.'it einem sebr geringen Betticoslapital und clncc ebenso bcfchcidcnen Einrichtung :cffnet: 10 Francs (1 F?nc glcich 100 Centimes gleich 39.3 lcnt Baargeld. sowie ein kleiner, gcmiclhctcr adcn mit einem Tisch und einigen Stählen in d:r Passage Julien Lacroix genügten, um daö erste Restaurant im vertrauen
auf weitere Hilfe in's Leben treten Zu lassen. Ter Mütter, die sich darin einstellten, waren zuerst sehr wenige, und vier'rancs genügten, um ihnen mehrere Tage hindurch ihre Mahlzeit abgeben zu können; dieselbe bestand aus einer Brotsuppe, einer Fleischspeise, einer Gemüsebeilage und einem Stück Brot und wurde vom Lieferanten der Gesellschaft mit 35 Centimes berechnet. Die Sache wurde bald bekannt, und nach nicht langer Zeit war die Gesellschaft im Besitz der Mittel, um der allmälig auf 20 bis 25 Besucherinnen gen ....... . 1 liiegenen lagucoen Frequenz zu genugen. Innerhalb kurzer Zeit konnte ein zweites gleichartiges Restaurant im Quartier Moussetard, einen Monat spater ein drittes auf dem Montmartre, dann ein viertes zu Plaisance und endlich ein fünftes im Quartier Grandes Carrieres errichtet werden. Da ich die Einrichtung der Säle besser geworden und durch den stärkeren Andrang die Kosten für das Personal etwas höher geworden waren, so hatten sich inzwischen die Selbstkosten der Gesellschaft für jede Mahlzeit auf 45 Centimes erhöht, die aber ohne Schwierigkeit erlegt werden konnten. ' Die fünf Restaurants gaben im Juni 1905 zusammen 180 Mahlzeiten im Tage ab; bis vor Kurzem betrug die Zahl der an stillende Mütter darin abgegebenen Mahlzeiten bereits über 45.000. Die Besucherinnen, die in der Regel ihr Kind mitbringen, sind zu nichts anderem als zu dem Nachweis, daß sie thatsächlich zur Zeit ihres Besuches stillen, gezwungen. Bei dem großen Interesse, das sich alsbald für die Sache kundgab, war es nicht schwer, den Stadtrath voii Paris, sowie den Minister des Innern zur Bewilligung von Unterstützungen für die Gesellschaft zu bewegen, fo daß diese Mittel haite. um die bisherigen kleinen Gastzimmerchen m wirkliche Restaurants umzuwandeln, was anderseits bei dem steigenden Besuch eine Verminderung der Kosten der 'einzelnen Mahlzeit zur Folge hatte, so daß dieselbe jetzt auf nur mehr 26 bis 28 Centimes, je nach der Lage und den Miethskosten des betreffenden Restau rants, veranschlagt werden können. Daß die Einrichtung nicht ohne gute Folgen geblieben ist, gebt aus der That sache hervor, daß von den etwa 400 Kindern, deren Mütter während des Jahres regelmäßige Besucherinnen die ser Restaurants waren, nur drei gestorbcn sind, davon eines an GehirnHautentzündung und zwei an Lungen entzündung. Bei der hohen Kindersierblichkeit von Paris ist das gewiß ein vielbesagendes Ergebniß, das umsomehr Beachtung verdient, als nur die bedürftigsten Frauen von der Einnchtung Gebrauch machen. Neue Briefmarke. Eine Freude aller BriefmarkenSammler wird die neue Briefmarken Serie bilden, die Louis Dumoulin, Maler des französischen Marineministeriums - das ist sein offizielle? Titel für das tunesische Schutzgebiet entwarfen hat. Der Künstler hat. einer Anregung des Generalresidenten Pichon in Tunis folgend.' auf den vier kleinen Markenbildern die ganze Geschichte von Tunis resümirt. Das erste Bild ruft dem Beschauer die untergegangene Stadt Karthago in's Gedächtniß: es ist eine Art Triptychon. auf dem man eine punlsche Galeere, die Astarte-Bild-saule und einen Altar in einem Fichten Hain sieht. Das zweite Bild erinnert an die römische Herrschaft: es zeigt in der Wufte die Ruinen der Hadrian Wasserleitung. Das dritte bezieht sich auf die muselmarnsche Zeit: arabische Studenten, ernst und gesetzt, pilgern gen Kairuan. die heilige Stadt der Schulen und der Moscheen. Das vierte Bild endlich weist auf die französische Schutzherrschaft hin: ein Europäer und ein Araber führen zusammen -denselben Pflug, ein Bild der Vereinigung in der Arbeit. Außer den vier erwähnten gibt es noch eine fünfte Marke, die nur für Packete bestimmt ist. Diese Marke, die nicht zur Serie gehört, versinnbildlicht die Post, aber in einer Art. die nichts von der klassischen Allegorie hat. Dumoulin. stellt die Aufregung dar, die in einem tunesischen Dorfe bei der Ankunft des Postreiters (Briefboten) herrscht.
In Deulsch-oflasrika.'
Tie dlrschkdrnartiZcn Bcvottcrnnzzö: ressrn der Kolonie. Sklavenhandel der Ar,ber PatriarchalisSz 'Vcrhältmh Tie Inder alS tciifUe. KuhanbNer Römisch-katholische von, ,skn-5haraktersehlcr der Neger. '. lüßer eigentlichen Negern wohncn in Teutsch-Ostafrila Araber. Jndrr und Goanescn. , Die. Araber sind ein echtes Herrenkolk. Das Bcfchleertheilen ist ihncn vollkommen natürlich. Sie sind stolz, streng.' würdevoll und ceremoniell bis in die Fingcrspitzen. Sie sind gottls. fürchtig-und dank der klugen Borschiist Mohammeds, nüchtern. Die Aranr sehen in dcm Alter eine AuszeiHnui.g von Gott uno ehren es oesyatv wie nn Verdienst. Sie sind auch gut. ur-.o freundlich zu den Kindern. Alle die: Tugenden hindern sie aber nicht darc.??. r c v- cv grausam, nnn;ri;o uno ucer o:c ms--ßen habgierig zu sein. Die Arabcr haben d?r schwarzcn Küstenfr vollerm Dcutsch-Ostafrilas den Mam cusc.czwungcn und ihr auch sonst einige Ku:tur gebracht. Tcr Wohllnd der Araber ttiubk in Afrika ron Ansang an auf Skla öenhandel und Sklavenbcsitz. Die unmenschlichen Sklovenjagden. die sie-'zn veranstalten pflegten, haben ganze Landstricbe Afrikas entvölkert und vcrödet. Die Araber sahen in den Schworzen niemals ebenbürtige Menschen, sondern halb thierische Wesen, die keinerlei Anwartschaft auf ein Fortleben im Paradies hatten und die darum weiter nicht berücksichtigt zu werden brauchten. Sie machten sie zum Eigenthum und trieben einen schwunghasten Handel mit ihnen. .Aber wenn auch du Sklavenjagden und die SklaventransPorte menschenunwürdig und grausam waren, so hat die Sklaverei selbst bei den Arabern eine sehr milde Form angenommen. Zwischen dem arabischen Herrn und seinen Sklaven herrscht noch ein echt patriarchalisches und familicnHaftes Verhältniß. Der Schwarze sieht in seinem Herrn zugleich, seinen Vater. Der Herr- ist ihm nicht ein ihm persönlich glcichgiltiger Arbeitgeber und Gebieter, sondern sein natürlicher Berather, Versorge? und Beschützer. Das feste, uralte. Ehrwürdige Gefüge des arabischen Hauswesens gibt der Haltlosigkeit des Schwarzen die moralische Stütze, deren er so sehr bedürftig ist. Während der Araber sehnig und hager ist. neigt der afrikanische Inder zum Fettwerden. Der Araber ist schlank und geschmeidig, der Inder schwammig. Der Araber hat scharf geschnittene Züge und ein Raubvogelauge. Die Züge des Inders sind weich, se'ne Augen groß, dunkel, feuchiglänzend. Die Inder sind von Religion theils Mohammedaner, theils Banianen, d. h. Kuhanbcter. Die Weiber der Banianen malen sich einen kreisrunden, etwa pfenniggroßen, rothbraunen Fleck auf die Stirn zwischen die Augenbrauen. Die Inder haben den Handel Ux Küste in Deutsch-Ostafrika fast ausschließlich in Händen. In ihren kleinen. offenen Läden hocken sie den ganzen Tag mit untergeschlagenen Beinen und hatten den Krimskrams feil, den die eingeborene Küsienbevölkerung gern kauft: Messer. Scheeren. Nägel. Glasperlen, blumiges sächsisches Porzellan, daneben die schönberandeten arabischen Hüfttücher. Kikoys genannt. Kautabak, füßes Gebäck und einheimische Thonkrulen. Die Inder haben wenig Bedürfnisse und sind nicht vergnügungssuchtig. Dagegen sind sie listig, berechnend, zähe, ausdauernd und skrupellos imUebervortheUen. Durch solche Eigenschaften verdienen sie eine Menge Geld. Die Goancsen bilden eine Mischrasse von Ponugicsen und Goa-Jndern und sind sämmtlich römisch-katholisch. Sie tragen europäische Kleidung, radcbrechen meist ein wenig' Englisch, sprechen geläufig aber nur das Kisuaheli. Sie haben romanischen Ecsichtsscitt. oft regelmäßig . schön, aber dunkle, olivcnbraune oder dunkclgelbe Hautfarbe. Die Goanescn sind im großen ganzen arm bescheiden, fleißig, geschickt, aber nicht reinlich. Aus ihnen rekrutircn sich die Köche, Wäschcr.Plätter, Schneider und Schiffsstcwards. Einige ausnahmsweise reiche Goanescn sind InHaber großer europäischer Waarenhäuser in Sansibar, von-denen sie auch Filialen an den größeren deutschen Küstenplätzen haben. Sie fertigen auch die Schuhe und die Tropenanzüge für die Deutschen an. Die schwarze Küstenbevölkerung Deütsch-Ostafrikas, vorwiegend aus Wasuaheli bestehend, ist ein leichtlebiges, heiteres, gutmüthiges Volk mit der so einschmeichelnden, aber oft auch recht störenden Naivität kindhafter Naturmenschen. Ihre Eharakterfehler sind Unzuverlässigkeit, Leichtsinn. Arbeitsscheu und geringes Verantwortlichkeitsbewußtsein. Die Neger sind unwissend, meist ungenügend bekleidet und ungenügend bewaffnet. Bei Verwundüngen benehmen sie sich äußerst stoisch. ,. Bo! Rrgri! in die Traufr. . A.: Ich sage Dir. mit meiner Frau ist's nicht auszuhalten, alle -Nächte, wenn ich heimkomme, hält sie mir eine Gardinenpredigt!" B.: Jst noch gai nichts, meine Frau ist Dichterin und liest mir alle ?!achte, wenn ich heim komme, ihre Gedichte vor!"
